Beide pressten sich enger an die Wand des Beckens, brannten jedoch innerlich vor Neugierde, was draußen passierte. Jedenfalls sprach keiner der beiden nun ein Wort. Beinahe konnte man denken, dass sie die Luft angehalten hatten, als Draco schließlich sprach: „Trau dich doch, Oliver. Trau dich! Ich warte."

„Vielleicht wäre es besser, wenn wir es lassen." Oliver hörte sich an, als wenn er alle Kraft verloren hätte.

„Jetzt ist es sowieso schon zu spät", die Stimme des Slytherins klang nun eindeutig spöttisch. „Ihr habt ja bereits schon eines der wichtigsten Spiele verloren. Ihr seid so weit zurück, euch kann nur noch ein Wunder helfen."

„Was also sollte mich davon abhalten, dich hier und jetzt in diesem Becken zu ersaufen?"

George schluckte. Er hatte Oliver schon öfters wütend erlebt, aber niemals so, dabei regte sich der Quidditchkapitän am Tag mindestens hundert Mal über irgendetwas auf, aber den Tonfall kannte er nicht.

Offenbar schrillten auch bei Draco Malfoy nun die Alarmglocken, denn vorsorglich antwortete er gar nichts und George hörte, wie sich nun Schritte zum Becken näherten. Fred, neben ihm, tauchte tiefer in das Wasser und er tat es ihm gleich. Die beiden durften bloß nicht ins Becken gehen, dann war alles zu spät.

Draco jedenfalls schien mit seinem Latein am Ende zu sein, denn George hörte ihn seufzen und irgendetwas raschelte. War das sein Umhang? Hoffentlich kam der tollkühne Slytherin jetzt nicht auf die Idee, die Hüllen fallen zu lassen, das würde unweigerlich im Becken enden.

„Lass den Blödsinn. Es reicht mir", hörte er Olivers Stimme.

„Wenn es dir reicht, wieso sehe ich dann, dass das Gegenteil der Fall ist?"

George überlegte, dass er gar nicht so genau wissen wollte, was die beiden da trieben. Er hörte, dass Wood tief einatmete, dann geschah irgendwas, was er sich gar nicht so genau ausmalen wollte. Aber ganz offensichtlich hatte der Quidditchkapitän mit seinem zornigen Vorsatz gebrochen.

Ganz vorsichtig, ohne, dass das Wasser Wellen schlug, stemmte sich George ein Stück hoch und spähte über den Beckenrand. Das durfte doch alles nicht wahr sein, da stand sein Quidditchkapitän Oliver Wood, versunken in einen innigen Kuss mit Draco Malfoy.

Er ließ sich in das Becken zurück sinken, doch dabei traf eine der Wellen, die er verursachte auf den Abfluss und zischend und gurgelnd wurde das Wasser aufgesogen. Ein böser Blick von Fred und er tauchte hastig bis zur Nase unter.

„Was war das?", fragte Malfoy vom Beckenrand.

Wieder Schritte. Schweigen. Dann entfernten sich die Schritte wieder und George hätte am liebsten erleichtert ausgeatmet, riss sich aber dennoch zusammen.

Die Türe wurde geöffnet und als sie wieder in die Angeln fiel, schnappte Fred nach Luft. Offenbar hatte er sie in den letzten Sekunden angehalten. Hastig sprang er aus dem Becken und George folgte ihm, denn mittlerweile war das Wasser kalt geworden.

„Ist Oliver wirklich so dumm? Oder so gierig?", schnaufte Fred verärgert und suchte nach seiner Hose, die er vorhin achtlos hinter sich geworfen hatte.

„Beides... Oder verrückt. Ich habe keine Ahnung."

„Malfoy hat ihm doch mehr als klar gesagt, dass ihm alles egal ist, solange Slytherin im Quidditch gewinnt."

„So klar war das gar nicht", murmelte George und trocknete sich die Haare.

Fred verdrehte die Augen. „Du bist ja noch begriffsstutziger als Wood. Natürlich war das offensichtlich. Malfoy ist Wood scheißegal. Würd mich nicht wundern, wenn die anderen Slytherins ihn angestachelt haben. Und Oliver ist einfach nur blind. Das muss auf der Stelle aufhören."

„Vielleicht sollten wir doch einmal mit Oliver sprechen", schlug George ein wenig halbherzig vor.

„Meinetwegen", seufzte Fred und angelte nach seinem Hemd, das immer noch auf einem der Stühle lag.

„Wir sollten ein Psychologie Studium anfangen. Weasleys zauberhafte psychiatrische Anstalt."

„Niemand ist so doof und verleiht dir den Doktortitel, Bruderherz."

..::~::..

Zwei Wochen später waren Fred und George mit ihrem Latein am Ende. Oliver ging seinem Quidditchteam so hartnäckig aus dem Weg, das man meinen könnte, er fürchte sich vor einem Treffen. Zu dem einzigen Quidditchtraining, das sie während der zwei Wochen hatten, erschien er nicht einmal und schickte Percy vor, der verlauten ließ, dass er sich nicht Wohl fühle. Angeblich war der Quidditchkapitän krank. Krank ja, Liebeskrank, war Freds heftige Reaktion dazu, denn er fluchte beinahe den ganzen Abend vor sich hin. Langsam wuchs der Zorn der Zwillinge auf ihren Quidditchkapitän. Wie hatte sich Oliver, der fanatische Quidditchspieler, zum liebeskranken Romeo wandeln können, der sogar seine Mannschaft für einen dahergelaufenen Slytherin verriet? Das war doch nicht auszuhalten.

Ein paar Mal schlug Fred halbherzig vor, den Rest der Mannschaft einzuweihen, doch George gefiel der Gedanke nicht, Oliver vor allen bloßzustellen. Viele Mädchen stellten sich weitaus blöder an, um ihren Traummann für sich zu gewinnen, da war es nicht fair, wenn man bei Wood einen anderen Maßstab anlegte. Außerdem war die Situation eben nicht alltäglich. So ließen sie es bleiben.

Einen Abend war ihnen das Glück jedoch hold: Oliver saß alleine im Aufenthaltsraum, als Fred und George sich in einer außergewöhnlich düsteren Nacht bei Neumond die Treppen hinunter schlichen.

Fred, der vor George ging, wäre beinahe die Treppe herunter gefallen, als er sah, dass noch jemand im Gemeinschaftsraum saß. George versuchte an seinem Bruder vorbei zu sehen, war jedoch ebenfalls bereit, bei dem kleinsten Zeichen, wieder in ihren Schlafsaal zu sprinten.

„Was machst du denn hier im Dunkeln?", hörte er seinen Bruder fragen.

George sah an Fred vorbei und erkannte erst jetzt Oliver Wood, der dort im Dunkeln saß. Entschlossen schob er sich an seinem Bruder vorbei und trat auf den Kapitän zu.

„Du bist uns die letzten Wochen aus dem Weg gegangen", stellte er knapp fest.

Wood musterte ihn mit einem Stirnrunzeln, nickte auch, doch sagte nichts. Sein Blick wanderte wieder zurück zum Fenster.

„Oliver, was ist denn los?", fragte Fred vorsichtig und kam nun ebenfalls näher.

„Wir würden gerne mal wieder richtig trainieren", versuchte George es mit einem unverfänglicheren Thema. So würde Wood nicht direkt merken, dass sie Bescheid wussten, aber musste sich dennoch erklären.

„Ja, Morgen." Seine Stimme klang dumpf.

„Und du bist sicher, dass alles in Ordnung ist?", hakte Fred erneut nach.

„Ja."

Fred zuckte mit den Schultern und gab George ein Zeichen, zu verschwinden, offenbar hatte der gute Wille, Oliver einmal wachzurütteln, ihn doch wieder verlassen. Verärgert gab George ihm ein Zeichen zu verschwinden und offenbar mehr als dankbar, trollte sich sein Zwilling. Ein toller Bruder ist er mir, dachte George giftig. Zettelt selbst den größten Blödsinn an, aber wenn's eng wird, verkrümelt er sich.

Nachdenklich ließ er sich gegenüber von Oliver nieder und betrachtete den Älteren. Er konnte zumindest verstehen, warum sich Malfoy gerade ihn als Opfer ausgewählt hatte. Oliver war ein Typ, nach dem sich die Mädchen reihenweise umdrehten. Hätten die gewusst, was der Quidditchkapitän so in seiner Freizeit trieb, sie währen der Reihe nach in Ohnmacht gefallen. Über seinen eigenen Gedanken musste er schmunzeln.

„Was gibt's da zu grinsen?", knurrte Oliver ihn an.

„Nichts", erwiderte er, grinste aber immer noch und schob wagemutig nach: „Liebeskummer?"

„Nein, also... ähm..."

George hatte nie gesehen, dass jemand so rot werden konnte und musste nun vollends lachen. „Also ja."

Wood seufzte und fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, als könnte er seine Röte verwischen. „Ja."

„Und? Deswegen kein Quidditch? War doch sonst nie so." Klappte doch ganz gut, das mit dem „normal reden", wie er fand.

Wood schüttelte den Kopf, ziemlich übertrieben, wie er fand.

„Also ja", sagte er erneut. „Hör mal, das wird langsam lästig."

„Du hast ja keine Ahnung," zischte Oliver nun, scheinbar beleidigt.

„Nein, das habe ich auch nicht, deswegen habe ich gefragt. Mir ist nur durchaus klar und das ist eigentlich jedem klar, dass es hier wohl um so etwas geht. Dein ganzes Team spricht von nichts anderem mehr."

Oliver sah ihm nun zum ersten Mal in die Augen. Er wirkte tatsächlich beunruhigt.

„Wirklich?"

„Ja, wirklich."

Oliver schien verunsichert. „Was sollte ich jetzt deiner Meinung nach tun?"

„Weiß nicht. Vielleicht mal am Training deiner Mannschaft teilnehmen. Am besten noch heute."

„Das meinte ich nicht."

„Von deinem Liebeskummer weiß ich nichts, der geht mich auch nichts an", antwortete George, verwundert, dass der Quidditchkapitän ihn um Rat fragte.

„Ach so..." Das Lächeln, dass sich nun auf Olivers Gesicht ausbreitete war spöttisch. Wusste Oliver am Ende viel mehr, als er und Fred annahmen?