Eigentlich hatte George Oliver von diesem Tag an aus dem Weg geben wollen. Zu wissend war dieses Lächeln gewesen, er hatte sich absolut ertappt gefühlt und das war ihm mehr als unangenehm. Beinahe wünschte er sich, dass der Quidditchkapitän nicht auf die Idee kam zu trainieren. Wusste Merlin selbst, wieso er genau das tat. Vielleicht war das so was wie eine Strafe. Er hatte mal irgendwann etwas von Karma gelesen.

Es regnete schon wieder. Verfluchtes Herbstwetter.

Oliver war pünktlich zum Quidditchtraining erschienen und er wirkte gut gelaunt, er machte sogar ein paar Scherze mit den Jägerinnen, bevor sie von Boden abhoben.

„Was ist denn mit dem los", fragte Fred ihn verwundert, als sie ihre hölzernen Schläger aus den Umkleidekabinen holten.

„Keine Ahnung. Offenbar hab ich ihn überredet. Oder aber sein Freund hat sich mal ein wenig umgänglicher gezeigt", sagte George achselzuckend. Alles, was Oliver von ihm ablenkte, war ihm nur recht.

„Macht mal schneller", rief Angelina von draußen.

Jetzt stresst er wieder herum, dachte George bei sich, war aber über seinen eigenen Gedanken erschrocken. Das klang amüsiert, wie er das so dachte. Beinahe liebevoll. Er schüttelte sich und bestieg seinen Besen.

Der Herbstwind und vor allem der Regel pfiffen ihm kalt durchs Gesicht und seine Hände verwandelten sich nach kurzer Zeit in Eiszapfen. Das Holz des Schlägers schnitt ihm in die Finger. Warum hatte er gerade heute seine Handschuhe vergessen? Und wieso musste er die ganze Zeit diesen düsteren Gedanken nachhängen? Das passte überhaupt nicht zu ihm. Normalerweise war er sorglos und unbefangen. Etwas wie ein schlechtes Gewissen kannte er normalerweise nicht, das hatte sich in den letzten paar Tagen schon viel zu oft gemeldet.

Ein Klatscher schoss haarscharf an seiner Wange vorbei.

„Mein Gott, George, was wird das?", rief sein Bruder zu ihm hinüber.

„Tschuldigung", nuschelte George, als er neben seinem Bruder schwebte. „Mir geht's heute echt nicht gut."

Oliver hatte davon nichts mitbekommen, er hütete stumm sein Tor.

Der zweite Klatscher traf seine Schulter. Ein stechender Schmerz breitete sich in seinem Arm aus und fluchend ließ er das Schlagholz fallen. Sein Besen ging in den Sinkflug.

Angelina war an seiner Seite, ohne dass er wusste, wo sie so schnell hergekommen war. Seine verdammte Schulter tat höllisch weh.

„Wir haben einen Verletzten!", klang Alicias Stimme zu ihm hinüber.

Der Boden unter seinen Füßen war weich. George kniff die Augen zusammen. Der Schmerz war mittlerweile unerträglich. Zwischen seinen halb geschlossenen Augen konnte er einige vage Gestalten erkennen.

Sein Zwillingsbruder sagte irgendetwas, aber er verstand kein Wort.

„Wir müssen ihn zu Madame Pomfrey bringen", hörte er Oliver sagen.

Eine andere Stimme, die er als Harrys identifizierte, gab eine Antwort darauf, dann fluchte sein Bruder ziemlich unwirsch. Er wollte ihm eigentlich antworten, dass er auch schon einmal besser geflucht habe, doch seine Zunge gehorchte ihm nicht mehr.

..::~::..

Viel Zeit konnte nicht vergangen sein, denn George lag immer noch auf der Trage im Umkleideraum der Gryffindors. Jetzt waren allerdings viel mehr Leute da, seine gesamte Quidditchmannschaft, Professor Mc Gonall und Madame Pomfrey, die ernst auf ihn hinunter schaute.

„Er braucht definitiv heute Ruhe. Zum Quidditchmatch nächste Woche kann ich noch nichts sagen. Ich habe die Schulter bereits gerichtet, aber so etwas braucht eben seine Zeit."

Er konnte Professor Mc Gonagalls Antwort nicht verstehen, doch sie klang eindeutig verärgert.

„Man, hast du mir einen Schrecken eingejagt", flüsterte Fred neben ihm.

„War meine volle Absicht", erwiderte er mit kratziger Stimme.

Fred lachte, aber sein Gesicht sah regelrecht gequält aus. Auf der anderen Seite der Trage stand mit unbewegter Miene Oliver Wood und sah zu ihm hinunter. Als ihre Blicke sich trafen, breitete sich auf dem Gesicht des Quidditchkapitäns ein stummes Lächeln aus. Er schien etwas sagen zu wollen, doch dann überlege er es sich scheinbar anders.

Gut so, das letzte, was George jetzt gebrauchen konnte, war irgend ein Spruch von Oliver Wood, der ihm das hier überhaupt eingebrockt hatte. Nein, korrigierte er sich. Wegen dem er sich das hier selbst eingebrockt hatte. Oliver trug daran eigentlich keine wirkliche Schuld.

Er schüttelte noch einmal den Kopf und setzte sich vorsichtig auf. Seine Schulter machte zwar keine Anstalten wieder zu schmerzen, doch sie war eigentümlich taub.

„Wie willst du so nur mit nach Hogsmeade gehen?", scherzte Fred mit ihm. „Wir werden dich stützen müssen."

„Hogsmeade?" Oh, verdammt, natürlich, das war heute.

„Sie brauchen Ruhe", ereiferte sich Madame Pomfrey, doch George schüttelte den Kopf.

„Es geht mir ausgezeichnet", fiel er ihr ins Wort.

„Das halte ich für ein Gerücht, Mr. Weasley", mischte sich nun auch noch Mc Gonagall ein.

„Professor, wenn er heute Abend wieder etwas besser aussieht, können wir ihn doch mitnehmen, wir geben schon auf ihn acht", versuchte Fred es, doch Mc Gonagalls Stimme blieb hart.

„Ich denke nicht, dass Sie die Qualitäten haben, das zu entscheiden, Mr. Weasley. Auch wenn sie sonst derartige Regeln für überflüssig halten, werde ich darauf achten, dass wenigstens diese eingehalten wird."

Verärgert ließ George sich auf die Trage zurück sinken. Jetzt hatte er einen Abend in Hogsmeade gegen den leeren Gemeinschaftsraum der Gryffindors eingetauscht. Grandios. Alles nur wegen Oliver Wood! Nein... wegen Freds blöder Idee. Man, tat es gut einen Schuldigen zu haben.

„Das ist doch nicht ihr ernst, Professor", versuchte Fred es noch einmal, doch er hatte offenbar erkannt, dass er auf verlorenem Posten saß und brachte seinen Satz nicht zu Ende, als ihn Mc Gonagalls strenger Blick traf.

„Schön", knurrte er schließlich. „Ich bleibe hier."

„Natürlich bleiben Sie das. Ich werde sie persönlich in den Gemeinschaftsraum bringen und ein Auge darauf haben, dass Sie ins Bett kommen. Sonst müssen wir Sie über Nacht im Krankenflügel behalten."

Grandios. Wirklich grandios. Fünf Minuten schlechtes Gewissen und schwupps, lag man mit einer zertrümmerten Schulter auf einer harten Pritsche und musste sich anhören, dass man nicht nach Hogsmeade durfte. Schlechtes Gewissen war die dämlichste Institution auf Erden.

Schließlich half Fred ihm auf und begleitete ihn, gefolgt vom Quidditchteam der Gryffindors, ins Schloss. Professor Mc Gonagall und Madame Pomfrey folgten mit einigem Abstand und tatsächlich verschwand Professor Mc Gonagall erst, nachdem er sich in einem der Sessel niedergelassen hatte, was für einigen Aufruhr im Gemeinschaftsraum sorgte. Professor Mc Gonagall ließ sich sonst auch nie dort blicken.

„Ihm ist nichts schlimmes passiert", verkündete Oliver, nachdem ihm dieser Massenauflauf zu bunt wurde. Offenbar war damit die Sensationsgier gestillt. Wenn es nichts schlimmes war... na dann!

Nach und nach verschwanden das Quidditchteam, bis schließlich nur noch Fred übrig war. Auch die anderen Schüler bereiteten sich auf einen Abend in Hogsmeade vor. Unter normalen Umständen wäre das eine Garantie für ein paar gelungene Streiche gewesen, aber darauf war ihm die Lust definitiv vergangen, als er sah, wie nach und nach alle Schüler den Gemeinschaftsraum verließen.

Als letzter kam Fred an ihm vorbei, während er einfach nur dasaß und in das prasselnde Feuer starrte.

„Ich hoffe du nimmst mir nicht übel, dass ich dennoch gehe. Ich habe das Gefühl, dass ich Oliver im Auge behalten sollte."

George wölbte eine Augenbraue. „Du warst immer schon ein mieser Lügner."

„Schön. Ich gehe wegen Angelina..."

George lachte. „Viel Spaß."

„Du bist mir nicht böse?"

„Nein. Ich würde auch gehen, wenn ich könnte. Aber ich glaube Professor Mc Gonagall häutet mich, wenn ich es wage zu gehen."

„Willst du es drauf ankommen lassen?"

„Nein, dieses Mal nicht. Ich glaube das ist ihr wirklich ernst."

„Wie ungewohnt solche Bedenken aus deinem Mund zu hören."

George lächelte schief. „Hau endlich ab, sonst überlege ich es mir anders."

Fred winkte zum Gruß und verschwand durch das Portraitloch.

Es war ganz schön still, nachdem nun keiner mehr da war. George ließ sich im Sofa zurück sinken und versuchte eine bequemere Position zu finden.

Die Schritte von der Treppe ließen ihn hochschrecken.

„Was machst du denn hier?", fragte er ungläubig. Vor ihm stand Oliver Wood, immer noch in seinem bespritzten Quidditchumhang. Offenbar hatte er nicht vorgehabt, überhaupt mit nach Hogsmeade zu gehen.