„Ich... hab noch was vor", nuschelte Oliver, und wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn.
„Was auch immer du vorhast, du solltest dich duschen", erwiderte George spöttisch. Der kleine Malfoy Knabe würde den Quidditchkapitän vermutlich auf direktem Wege unter die Dusche schicken. Während er Oliver musterte, der seine Bücher zusammenklaubte, wurde ihm die Bitterkeit seines Gedankens bewusst. Bah, wo hatte Fred ihn nur reingequatscht? Nicht nur, dass er so tun sollte als ob, jetzt bildete er sich auch selbst noch eine ungewöhnliche Zuneigung zu Oliver ein.
Dennoch, er sah ihm weiter zu, wie er sein Zeug einsammelte.
„Wie kommst du jetzt darauf?", fragte er und deutete auf Olivers Schulzeug.
„Hab's liegenlassen", brummte der. „Quidditch..."
George grinste. Natürlich, Quidditch. Oliver ließ alles stehen und liegen für Quidditch.
George versuchte sich in eine bequemere Postion zu bugsieren, denn seine Schulter schmerzte mittlerweile, nachdem die Schmerzmittel aufgehört hatten zu wirken.
„Ich werd' dann mal los...", nuschelte Oliver, mehr zu sich selber und ließ George allein im Gemeinschaftsraum zurück. Nun, es war natürlich klar, wohin es Oliver so eilig lockte...
..::~::..
George glaubte, es sei spät in der Nacht, als er wieder hochschreckte. Der Gemeinschaftsraum war dunkel und das Feuer war hinab gebrannt. Hatte man ihn wirklich hier sitzen lassen? Was für ein Mist! Sein Nacken fühlte sich taub an und sein Arm war eingeschlafen. Und wo war eigentlich sein feiner Zwilling? Die Frage beantwortete er sich im Geiste selber, irgendwie wurde er den Verdacht nicht los, dass Fred irgendwie den Alarm für die Mädchenschlafsäle hatte überlisten können. Verärgert stemmte er sich nach oben und sah sich prüfend um. Wie viel Uhr war es überhaupt? Knapp zwei... Wie war das möglich, dass er nicht geweckt worden war? Vielleicht waren die Schmerzmittel doch ein wenig heftiger gewesen, als er angenommen hatte, denn er hatte noch einen Schluck aus der Flasche mit dem dickflüssigen Sirup genommen.
Und wenn schon, dachte er bei sich und zuckte die Schultern, nur um sich selber zu Beweisen, wie egal das war. Hatte er sich wohl ein wenig mit der Dosis vertan. Verschlafen sah er nach allen Seiten und streckte sich. Der Schmerz fuhr ihm hinauf, bis in die Haarspitzen und er stieß einen ziemlich unfeinen Fluch aus. Scheiß Quidditch!
„Wow, den kannte ich noch gar nicht."
George stieß sich vor Schreck den Kopf an dem hässlichen Messingkronleuchter, der normalerweise den Gemeinschaftsraum beleuchtete.
„Himmel, Oliver... Mach das nie wieder!", empfahl er dem anderen Gryffindor. Wo kam der denn her? Hatte er die ganze Zeit dort im Dunkeln gesessen? Wenn ja, dann musste sich der Quidditchkapitän ein paar mehr Gedanken um seine Gesundheit machen, als er selber es gerade tun musste.
„Entschuldige", war die Antwort. Olivers Stimme klang matt.
„Was machst du hier, um die Zeit?"
George stützte sich auf die Sofalehne und sah zu ihm hinüber, der in einem der Sessel, nahe der Türe kauerte. Schweigen dröhnte aus dieser Ecke, so angestrengt, dass man es beinahe greifen konnte.
„Alles in Ordnung?", hakte er mit einem mulmigen Gefühl nach. Mittlerweile war es wirklich befremdlich, mit Oliver alleine zu sein.
„Nein..."
„Bist du wach, um mir das zu sagen?"
„Nein..."
„Was willst du denn von mir?"
„Hab ich gesagt, dass ich was von dir will?", fauchte Oliver.
Irgendwie wirkte der Quidditchkapitän gerade wie ein Mädchen und zwar eins im ersten Schuljahr. George musste lauthals loslachen, als er seinen Gedanken weitersponn.
„Was zum...", schnappte Oliver.
„Entschuldige..., das Gespräch ist einfach zu abstrus."
George wandte sich zum gehen um, fühlte jedoch Olivers stechenden Blick im Rücken und sah ihn, über die Schulter hinweg, noch einmal an.
„Was ist denn nur? Immer noch Liebeskummer? Oder stalkst du mich...?"
„Nein", war die karge Antwort.
George hatte selbst keine Ahnung, warum er so unfreundlich war, oder sich zumindest bemühte, so unfreundlich wie möglich zu sein, es überkam ihn einfach.
„Ich kann nicht schlafen..."
„Oliver, bist zu zwölf oder siebzehn?", fragte er ihn spöttisch.
„Was hat das damit zu tun?", sagte Oliver lauernd.
„Nichts." George winkte ab. Was brachte es, einen unnötigen Streit mit Oliver zu provozieren, den er am nächsten Morgen vermutlich bereuen würde?
„Ich hab dich nur eben nicht gesehen, ich dachte ich wäre alleine."
„Dito."
Eine Weile starrten sie sich schweigend an. George hätte zehn Galleonen gegeben, um Olivers Gedanken lesen zu können. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass Oliver ihm etwas sagen wollte. Nur was?
Schließlich wandte sich der Quidditchkapitän einfach wortlos ab und verschwand im Treppenhaus zu den Schlafsälen.
..::~::..
Erneut war George im Gemeinschaftsraum. Alles war wie vorher, er und Oliver standen sich wieder gegenüber. Sein Herz schlug verdammt schnell, dafür, dass sie einfach nur dort standen und einander ansahen.
Olivers Lippen bewegten sich, er sprach ein paar Worte, doch irgendwie waren sie nicht hörbar, alles was so nebulös. Der Gemeinschaftsraum um ihn herum verschwamm (eine Nachwirkung der Schmerzmittel?) und George hatte das Gefühl zu fallen. Das nächste was er sah, war Olivers Brust. Hatte er sich immer noch nicht umgezogen? Er trug immer noch den dreckigen Quidditchumhang vom Training am Mittag.
Noch einmal bewegten sich Olivers Lippen, aber die Worte waren für ihn einfach nicht hörbar. Er wollte ihm Antworten, doch sein Mund schien versiegelt zu sein.
Olivers grau blaue Augen waren nun ganz nah, er glaubte sogar dass sich ihre Lippen sich leicht berührten. Sein Puls raste, oder er schien es zu tun, denn immer noch blieb er völlig unbewegt. Er schloss die Augen...
...Und erwachte. Keuchend war er hochgeschreckt und atmete gierig die kühle Nachtluft ein, als habe er in seinem Traum vergessen zu atmen. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals und der Schweiß lief ihm in Strömen herunter. Was für ein hinterhältiger kleiner Traum.
Fred, im Bett nebenan, regte sich.
„George?", murmelte er kaum hörbar. „Bist du das?"
George gab es auf, den schlafenden zu mimen, das war auch albern, wenn man kerzengerade und schwer atmend im Bett saß.
„Ja..."
„Was ist denn?"
„Ich habe schlecht geträumt. Liegt wohl an den Schmerzmitteln."
„Hast du noch was davon?"
„Klar."
Die Augen seines Zwillings blitzten in der Dunkelheit schelmisch auf. „Das müssen wir unbedingt zum experimentieren entführen. Natürlich für rein wissenschaftliche Zwecke."
George stimmte zwar in das Lachen mit ein, aber er hatte sich immer noch nicht von seinem Traum erholt. Hilfe, er hatte von Wood geträumt und das war definitiv kein normaler Traum gewesen.
„Irgendwie stehst du neben dir", sagte Fred misstrauisch.
George nickte jedoch nur und ließ sich zurück in die Kissen fallen. Dann fiel ihm etwas ein und er setzte sich erneut auf.
„Was soll das?", maulte Fred. „Kannst du nicht den Hintern still halten?"
„Nein. Sag mal, war Malfoy mit in Hogsmeade?"
„Ja."
„Ernsthaft?"
„Hör mal, ich habe ihn mehr als deutlich gesehen, ich habe ihm einen Körperklammerfluch auf den Hals gejagt."
„Warum denn das?"
„Er hat mich genervt."
George grinste. „War es nicht deine Idee und dein Job, Malfoy ein bisschen schöne Augen zu machen? Das geht aber definitiv anders."
Fred zog sich das Kissen halb übers Gesicht und nuschelte ein: „Blödmann!"
„Ist doch wahr, du hattest doch diese grandiose Idee", erwiderte George im selben Tonfall.
„Weiß ich. War ne blöde Idee. Lassen wir es gut sein. Entweder wir gewinnen im Quidditch, weil wir gut sind, oder aber wir verlieren, weil wir schlecht waren. Eine andere Möglichkeit gibt es auch überhaupt nicht. Was Oliver macht, geht uns nichts an."
„Stimmt."
„Damit wär ja alles geklärt. Keine blöden Ideen mehr, bitte! Und wenn ich noch mal von so etwas anfange, dann darfst du mich vom Dach des Ravenclaw Turms hinunterwerfen. Okay?"
„Klar. Mach ich doch gern."
„Dann ist's ja gut. Sollen die machen, was sie wollen."
George nickte in die Dunkelheit hinein. Aber warum nur, hatte er das Gefühl, das es für ihn überhaupt nicht danach aussah, als sei es vorbei?
