03 – Hina
Der Aschenbecher quoll bereits über. Vielleicht war es doch eine dumme Idee gewesen die Formation aufzulösen und rüber zu Smoker zu kommen. Immer, wenn sie zusammensaßen, war der Aschenbecher recht bald voll, der Kaffee leer und sie schwiegen sich letztendlich doch nur an, wenn es um so ein Thema ging.
„Hina wollte nur wissen, was Smoker jetzt von ihr hält. Ist Hina eine schlechte Marine?", fragte die Frau endlich in die Stille hinein, versuchte ihre Zigarette auszudrücken, ohne dabei Asche auf dem Schreibtisch des Mannes zu verteilen, was sich jedoch als äußerst schwierig erwies. Der Angesprochene regte sich nicht, bis auf ein tiefes Ein- und Ausatmen, wobei er den Qualm seiner Zigarren in Richtung der Frau ausstieß, die mit einem Bein auf seinem Schreibtisch lehnte.
„Was soll ich denn dazu groß sagen?", fragte Smoker leise knurrend und kaute auf seinen Zigarren herum, die er in seinem Mundwinkel platziert hatte. Hina steckte sich derweil schon wieder eine neue Zigarette an. Sie war eigentlich keine Kettenraucherin, aber, seitdem sie hier war, verging kaum eine Minute, in der sie nicht rauchte. „Du bist deswegen keine schlechte Marine, zumindest nicht in meinen Augen. Aber, wenn du doch wusstest, wer er war, warum hast du dich darauf eingelassen? Oder noch wichtiger: Warum hast du ihn nicht festgekommen?"
Die Kapitänin seufzte. Hätte es ihr nicht klar sein müssen, dass ihr langjähriger Kamerad genau diese Frage stellte? Er hatte nie über ihre Moral geurteilt, auch jetzt nicht, seit sie doch laut Befehl mehrere Monate in einer Formation aufeinander hingen und auf jeder Insel, die auf ihrem Weg lag, großflächige Razzien durchführen mussten. Das hatte er wirklich nie getan. Jetzt gab sie ihm einen Anlass dazu und sie bekam trotzdem keine Strafpredigt. Smoker wäre der Einzige, von dem sie sich das gefallen lassen würde, auch wenn sie eigentlich nicht darauf brannte. Ernst nehmen würde sie es zwar nicht, aber seine Kritik schätzte sie wesentlich mehr, als die von jemand, der sie nur aus ihrer Akte heraus kannte.
Irgendwie hatte sie aber mehr erwartet, ja, sich sogar erhofft, weil sie es selbst nicht als schlimm empfand, zwei Nächte mit Marco dem Phoenix verbracht zu haben. Und das als Kapitänin des Marinehauptquartiers. Sie zog unnötig lang an ihrer Zigarette, als Smoker endlich den Aschenbecher nahm und in seinen Mülleimer ausleerte, der sicher nicht dafür vorher gesehen war. Dass der Mann aber nicht einmal vor die Tür gehen wollte, um die Asche ins Meer zu kippen, zeigte Hina wieder, dass er sich um sie kümmerte. Auf seine eigene Art und Weise.
„Warum hast du mir überhaupt davon erzählt? Niemand hat etwas mitbekommen, du hättest es einfach geheim halten können", wand der ältere ein und sie blickte nachdenklich in den nun wieder leeren Aschenbecher. Was sie gerade dachte, war gefährlich, und deswegen war sie hier. Ob sie nun deswegen versuchte bei Smoker ‚Zuflucht' oder ‚Hilfe' zu finden wusste sie nicht, aber sie musste irgendetwas tun. Sie war eine Frau und hatte schon immer ein gespürt für kleinere Katastrophen.
„Nun, Hina bekommt diesen Piraten kaum noch aus ihrem Kopf. Der Phoenix war keines Wegs so kaltblütig, wie er gern dargestellt wird. Das ist eines von Hinas Bedenken. Das andere ist ihr ungutes Gefühl, das sie trotz allem hat. Hina hat die Befürchtung, dass es nicht bei diesem Treffen bleiben wird."
Sie sah dem Mann an, dass er ihr scheinbar nicht recht glauben wollte. Er hatte ihre weibliche Intuition zwar schon mehrfach in Aktion erlebt, aber dass es mehr als reines Glück gewesen war, hatte er nie geglaubt und ihr das auch mehrfach gesagt. Umso erstaunter schaute er, als sie ihre ‚Bedenken' aussprach. Smoker drückte seine Zigarrenstummel im Aschenbecher aus, stand dann auf und begab sich zu seinem persönlichen Kaffeevorrat um Neuen zu kochen.
„Ich weiß zwar nicht so recht, was du mir damit sagen willst, aber falls wir ihn wirklich irgendwie irgendwo treffen sollten … Was willst du dann tun?", fragte der Marine und drehte sich wieder zu Hina um, während das Wasser für den Kaffee langsam zu kochen begann. Sie trank den letzten Schluck aus ihrer Tasse und sah ihren langjährigen Freund an.
„Das weiß Hina noch nicht. Ihre Pflicht ist es, den Piraten festzunehmen, allerdings weiß sie nicht, ob sie das kann. Immerhin konnte Hina das schon auf der letzten Insel nicht", erwiderte sie und Smoker entglitt tatsächlich ein leises Seufzen.
„Wenn du es nicht kannst, dann werde ich es tun", sagte er und setzte endlich den Kaffee auf, da das Wasser kochte. Das ging mit den neuen Brennern erstaunlich schnell. Die Rosahaarige sagte dazu nichts. Sie wusste, dass es Smokers und ihre Pflicht war, Piraten festzunehmen, aber sie wollte nicht, dass Marco hinter Gitter kam, vielleicht sogar wegen ihr. Auch wenn sie ihn kaum persönlich kannte, mochte sie ihn.
„Hina glaubt, dass Newgate das kaum auf sich sitzen lassen wird." Sie sah den Blick des anderen und verstummte. Das schaffte der andere Marinekapitän selten, aber wie er sie gerade ansah, war ihr fast unangenehm. Die stahlgrauen Augen bohrten sich fast in ihren Kopf.
„Das ist mir klar, Hina, aber wir haben Befehle. Außerdem gehört jeder verdammte Pirat und auch jeder noch so kleine Fisch unter ihnen ins Gefängnis! Es sind alles Verbrecher, egal was sie getan oder nicht getan haben. Sobald die schwarze Flagge oben ist, sind sie Kriminelle!" Smoker klang so ernst wie immer, seine Stimme war mehr zu einem Knurren geworden. Hina nickte nur, er hatte ja recht.
„Aber Hina will das nicht. Hina wünscht, dass Smoker sich da nicht einmischt. Hina hat ihm nur davon erzählt, weil Smoker ein Freund ist, dem sie vertraut. Und Smoker täte gut daran, dieses Vertrauen nicht zu missbrauchen und sie zu hintergehen!", sagte sie, hatte sich irgendwie wieder gefangen, klang selbst ernst und war sich auch bewusst, dass sie dem älteren Mann drohte. Sie konnte sich das ihm gegenüber erlauben, aber ob er es ernst nehmen und nichts tun würde? Das ging doch sicher sehr gegen seine Prinzipien. Aber die Kapitänin wusste, was sie wollte. Und zwar, dass Marco nichts passierte, nur weil er nicht wusste, wer sie war.
„Hina mag diesen Mann und Smoker wird es nicht als seine Pflicht sehen sich in Hinas Weg stellen und den Phoenix zu verhaften!" Sie sah den mit einem Mal verwunderten Blick ihres Gegenübers, stutzte über sich selbst. Hatte sie etwa Smoker gegenüber gerade einen Befehl ausgesprochen? Hatte sie ihm wirklich etwas befohlen?
Seufzend drückte die Frau ihre Zigarette aus, nahm ihre Tasse und hielt sie Smoker entgegen. Der Kaffee war schon längst durchgelaufen und sie brauchte dringend etwas davon. Und am besten auch gleich noch eine Zigarette. Der Marineoffizier nahm schweigend die Tasse an sich und füllte sie nach.
„Mach, was du willst!", brummte er, steckte sich zwei neue Zigarren an und schob sie sich zu einer Seite seines Mundes. Hina nahm ihre Tasse wieder und betrachtete kurz die dampfende Flüssigkeit.
„Das hat Hina doch schon immer getan", gab sie zurück und lächelte Smoker sogar noch an, dieser schnaufte aber nur leise und setzte sich wieder in seinen Schreibtischstuhl. Währenddessen erhob sich Hina vom Schreibtisch, ihre Tasse mit beiden Händen haltend.
„Der Kaffee ist wirklich besser, als der, den man Hina hingestellt hat. Will Smoker ihr erzählen, wo er ihn her hat?", fragte sie. Für sie war das vorhergehende Thema gegessen. Das bekommen, was sie sich erhofft hatte, hatte sie nicht. Gut, über so etwas konnte man auch schlecht mit Smoker reden, er war da wirklich der falsche Ansprechpartner. Aber er war nun mal der Einzige, der momentan in der Nähe war und dem sie blind vertraute.
Dennoch, eine Antwort bekam sie nicht auf ihre Frage. Hatte sie den älteren nun etwa doch vergrault? Hina seufzte.
„Smoker wird sowieso alles daran setzten Marco und andere Piraten gefangen zu nehmen, wenn sie ihm unter die Augen kommen, das weiß Hina einfach. Hina wollte Smoker auch nicht befehlen, aber er muss auch Hinas Standpunkt verstehen."
„Ich hab dir doch gesagt: Mach, was du willst. Ich halt mich da raus. Und wenn dieser Marco mit voller Wucht in mich hineinrennen würde … Wenn du in der Nähe bist, werde ich ihn nicht festnehmen", sagte er, wirkte mit einem Mal etwas resigniert, auch wenn er noch immer die Frau ihm gegenüber ansah, als wäre sie ihm gewaltig auf den Schlips getreten.
Hina rang sich ein kleines Lächeln ab, etwas, dass nur die wenigsten sahen. Irgendwie war sie erleichtert. Nicht um ihret Willen, aber um Marcos. Die Aussage garantierte zwar nicht, dass der Phoenix nie gefangen genommen wurde, aber zumindest nicht von Smoker, nicht wenn sie es durch ihre Anwesenheit verhindern konnte. Smoker hielt immer sein Wort. Also war Marco auf jeden Fall so lang sicher, wie Hina und der andere zur gemeinsamen Arbeit gezwungen waren.
„Hina ist erleichtert. Nicht, dass Smoker glaubt, sie wolle ihm das ‚Jagen' austreiben!", sagte sie und hob mit einer Hand ihren Offiziersmantel von dem Stuhl, der ihr vor einer guten dreiviertel Stunde zugeteilt worden war. Am Anfang war es einfach nur Geplauder gewesen, aber Smoker kannte sie gut genug, um zu merken, wenn sie etwas auf dem Herzen hatte. Sie legte sich den Mantel über die Schulter, ihre Kaffeetasse noch immer in der anderen Hand.
„Hina möchte sich für die Störung entschuldigen. Sie wird sofort wieder auf ihre Position gehen. Auf der nächsten Insel wird sie Smoker dann wiedersehen." Der Angesprochene gab nur ein zustimmendes Brummen von sich, als wollte er sie nur schnell aus seinem Büro haben. Hina tat ihm den Gefallen, ließ ihn in Ruhe und ging ohne ein weiteres Wort an Deck, verließ sein Schiff und segelte mit ihrem wieder auf ihre Position.
Vier Schiffe waren unter ihrem Kommando und vier unter Smokers. Die Aufstellung variierte ständig, diente nur dem Heraussieben von Piraten, die zwischen die Schiffe gerieten. Der Abstand der einzelnen Schiffe betrug mehrere Kilometer, aber sie hatten alle noch immer Sichtkontakt zueinander.
An Deck ihres Schiffes legte sie sich ihren Mantel über die Schultern und trank ihren Kaffee. Ihr Leutnant stand neben ihr, berichtete ihr über die Wetterlage. Das interessierte sie nicht. Hina hörte nur mit halbem Ohr zu, lauschte eher dem Rauschen der Wellen, blickte über sich in den Himmel, wo zwei Möven über den Dreimaster hinwegsegelten. Was wohl ihr Vögelchen gerade tat?
Das leichte Grinsen verkniff sie sich, blieb hier draußen, vor ihrer Crew, lieber so unnahbar, wie sie sich sonst immer gab. Marco war wirklich ein sanfter Mann. Gegen ein Wiedersehen hätte sie wirklich nichts einzuwenden. Dass sie zur Marine gehörte konnte, hatte sie doch gut vor ihm geheim halten können. Aber würde das auch noch funktionieren, wenn sie sich doch noch mehr als einmal trafen, wenn sie sich überhaupt trafen?
Hina leerte ihre Tasse und begab sich schweigend unter Deck. Sie hatte noch einige Berichte von den Razzien auf der letzten Insel zu schreiben, auf der sie haltgemacht hatten. Das war noch genug Beschäftigung um sie von solchen Gedanken fernzuhalten. Es reichte ja schon, dass sie sich selbst eingestand, diesen Piraten wirklich zu mögen. Das war schlecht. Und genau das tadelte sie sich, seitdem sie wieder abgelegt hatten. Marco hatte nicht einmal eine Nachricht hinterlassen. Gut, sie wusste auch nicht, ob sie auf so etwas ein Recht gehabt hätte.
In etwa zwei Tagen würden sie die nächste Insel erreichen und ihren Befehl weiter ausführen. Bis dahin würde sie sich irgendwie Ablenken, und wenn sie mit Razzien beschäftigt war, dann würde sie auch bestimmt nicht mehr darüber nachdenken. Das hoffte sie.
Zuneigung zu einem Piraten? Das war für eine Marineoffizierin schier undenkbar. Aber es war genau das, was sie für Marco den Phoenix empfand. Und je mehr sie darüber nachdachte, desto unmöglicher erschien es ihr.
