Kapitel 3 Truth or Dare

Numbing the pain for a while will make it worse then you finally feel it – J.K- Rowling

Draco schluckte hart. Das war nicht wirklich die Frage gewesen, die er erwartet hatte. Doch was hatte er denn erwartet? Fragen nach dem Wetter? Oder wie es seiner Mutter ging? Natürlich erwartete Potter einen Blick in Dracos Innerstes, wenn auch nur um einen Ansatz für sein Helfersyndrom zu finden. Doch diesen Gefallen würde der Blonde seinem Gegenüber nicht tun. Er würde nicht dessen ‚Projekt' werden. Diesmal waren die Rollen vertauscht.

Du hast deine Seele doch schon einmal an den Teufel verkauft' höhnte erneut die Stimme, welche Bellatrix so schmerzhaft ähnlich war.

„Weil das für mich ein One-Way-Ticket nach Azkaban bedeutet hätte und auf diese Erfahrung wollte ich schon damals gerne verzichten, vielen Dank auch", antwortete Draco schnippisch. Er wusste, dass seine Antwort nicht ganz der Wahrheit entsprach, aber er konnte Potter nicht einfach seine tiefsten Geheimnisse preisgeben. Er konnte ihm nicht sagen, dass der Gedanke, ein Menschenleben zu nehmen, ihm einfach unerträglich gewesen war.

Der ehemalige Gryffindor jedoch schien zu ahnen, dass Draco nicht ganz die Wahrheit gesagt hatte, denn er hob skeptisch eine Augenbraue und beugte sich in seinem Sessel vor, sodass seine Unterarme auf den Knien ruhten. „Ach? Und das ist alles? Ich dachte bei unserer Verabredung ging es um die Wahrheit, aber wenn du das so siehst, können wir diese Unterhaltung ja auch einfach beenden".

Draco seufzte. „Nein, warte. Du hast Recht, ich war nicht ganz ehrlich", sagte er und hob beschwichtigend eine Hand. „Ich konnte es nicht, okay? Ich konnte einfach keinen Menschen töten. Ich war zu feige und zu verängstigt. Bist du jetzt zufrieden?".

„Ja bin ich, auch wenn ich es vorgezogen hätte, gleich die ehrliche Antwort zu bekommen", erwiderte Potter.

„Was hast du denn erwartet? Ich bin nicht so wie du. Ich bin nicht nobel, oder heldenhaft", gab Draco zurück. Er wusste, dass er diesmal klang, wie ein dreizehn Jahre alter Teenager, aber Potters Worte hatten etwas in ihm getroffen. Er schämte sich für seine Taten während des Krieges und er wollte sie nicht erneut durchleben.

„Nobel? Heldenhaft? Ist es das, was du von mir denkst? Es ist sehr heldenhaft von mir gewesen, zu dir zu laufen, als meine Frau beschlossen hat, auszuziehen", Potter lachte kurz auf und der Geruch von Whisky wehte zu Draco hinüber, sodass dieser die Nase kräuselte. Er hasste den Gestank von Alkohol. Gleichzeitig rollte er die Augen über den Satz seines Gegenübers.

„Nein Potter, das war nicht nobel, das war menschlich, aber vermutlich bist du über solche Dinge normalerweise erhaben, nicht wahr?", entgegnete der ehemalige Slytherin und hätte sich am liebsten gleich darauf selbst geohrfeigt. War er nicht her gekommen, um Potters Vertrauen zu gewinnen? Stattdessen gab er ihm eine fiese Antwort nach der anderen. Wenn er so weiter machte, würde er das Mandat gleich vergessen können. ‚Reiß dich zusammen und mach deinen verdammten Job!', ermahnte ihn eine Stimme, die in seinem Kopf wie Lucius klang.

Potter wirkte plötzlich beinahe traurig, als er den Blick von Draco abwandte und auf die Stellen an den Wänden starrte, die noch von den Fotos kündeten, die einst dort gehangen hatten. Plötzlich tat es dem Blonden noch mehr leid, so schroff gewesen zu sein und er spürte, wie sich in seinem Hals langsam sein Kloß zu bilden begann.

„Es… das hätte ich nicht sagen sollen… es tut mir leid…", flüsterte Draco kaum hörbar, während sein Geist sich fragte, seit wann er sich eigentlich für Dinge entschuldigte. Sollte er Potter nicht eher für dessen Schwäche auslachen? Doch er konnte es nicht. Hier saß er und bereicherte sich am Leid seines früheren Rivalen, hatte sogar einen Plan Potters Herzschmerz für seine eigenen Zwecke zu nutzen, aber diesen Blick, die Traurigkeit in den smaragdfarbenen Augen konnte er dennoch nicht ertragen.

„Schon gut, du hast Recht, Malfoy. Ich… wollte einfach nur nicht allein sein an diesem Abend… ich wollte einfach nicht sehen, wie sie ihre Sachen packt und geht. Wie sie mich für immer zurücklässt, um ein neues Leben anzufangen. Ich konnte nicht zusehen, wie die Zukunft, von der ich als Kind immer geträumt hatte, unter meinen eigenen Händen zerbrach", gestand der ehemalige Gryffindor und erhob sich von seinem Sessel.

Potters Bewegungen wirkten fahrig und unkoordiniert, so ganz anders als Draco ihn früher im Quidditch erlebt hatte. Er ging zum ausladenden Wohnzimmerschrank und öffnete eine der Vitrinen aus schwarzem Glas. Dahinter kamen eine Reihe Flaschen und ordentlich neben einander aufgereihte Gläser zum Vorschein. Eine jede der Falschen war noch ungefähr zu zwei Dritteln gefüllt mit Flüssigkeiten in unterschiedlichsten Farben.

„Willst du auch?", fragte Potter und strich sich mit einer Hand durch das ohnehin schon unordentliche Haar.

Einen Moment fragte Draco sich, ob es seine Frau gewesen war, die den Schrank so perfekt eingeräumt hatte, ehe er den Gedanken wieder verwarf und den Kopf schüttelte. „Nein danke und wenn ich so recht überlege, solltest du das vielleicht auch bleiben lassen", antwortete er und betrachtete Potter mit einem abschätzenden Blick.

Dieser schnaubte nur abfällig und griff nach einem der aufwendig verzierten Kristallgläser und einer Flasche mit goldbrauner Flüssigkeit. Firewhisky wie Draco vermutete. Mit Flasche und Glas bewaffnet setzte Potter sich wieder zurück an den Wohnzimmertisch und goss sich selbst etwas ein. Der volle Geruch nach Alkohol und Gewürzen wehte zu Draco hinüber und auch wenn er sicher war, dass es sich um einen sehr guten Whisky handelte, wollte er ihn nicht probieren, schon gar nicht um diese Uhrzeit.

Potter hingegen leerte das Glas mit einem Zug und drehte anschließend den nun leeren Behälter zwischen seinen Fingern. Ein grimmiges, freudloses Lachen entkam seinen Lippen, das Draco so noch nie von ihm gehört hatte. „Die haben Molly und Arthur uns zur Hochzeit geschenkt", sagte er und klang dabei gerade so, als wären die Gläser Schuld an seiner zerbrochenen Ehe.

Einem Impuls folgend griff Draco nach dem Glas in Potters Hand und versuchte angestrengt die Gänse zu ignorieren, die sich auf seinen Armen ausbreitete, als seine Finger dabei die Haut des anderen Mannes streifte.

Was ist bloß los mit mir?, schoss es ihm durch den Kopf, doch auch diesen Gedanken versuchte er angestrengt zurück zu drängen.

Als er das Glas erfolgreich Potters Händen entzogen hatte blickte er zu diesem auf. Die traurigen grünen Augen betrachteten ihn fragend und Draco spürte, wie sein Hals trocken wurde. „Hör zu Potter, es bringt nichts, diesen Dingen nach zu hängen, du musst versuchen los zu lassen", erklärte Draco und schloss beide Hände um das dünne Kristallglas, als wäre es ein Rettungsanker.

„Warum bist du hier, Malfoy?", fragte Potter völlig zusammenhangslos und doch absolut zu Recht, wie Draco eingestehen musste.

Er seufzte und lehnte sich im Sessel zurück. „Ich bin hier, weil ich dir helfen möchte", antwortete er, teilweise die Wahrheit sagend. Er wollte Potter ja wirklich mit dieser Scheidung helfen, wenn auch nicht aus ganz uneigennützigen Gründen.

„Warum?"

„Wann haben wir eigentlich ausgemacht, dass du alle Fragen stellst, Potter?", Draco rollte leicht genervt mit den Augen. Während er hier auf diesem Sessel saß, seinem Schulrivalen gegenüber, wurde ihm wieder deutlich bewusst, warum dieser ihn früher so leicht auf den Palme gebracht hatte.

Von wegen, Obsession, Blaise!, dachte er verächtlich, hielt den Blick aber durchgehend auf Potter, der nun seufzte und sich ebenfalls wieder zurück lehnte. Der Firewhisky stand noch immer offen auf dem Tisch, wie eine nie enden wollende Einladung.

„Haben wir nicht. Aber die Frage bleibt bestehen. Du kannst ja gerne eine dazwischen werfen, Malfoy", gab Potter zurück, wobei er kurz die Augen schloss und sich mit der Hand über die Lider rieb, als wäre er müde.

„Ich will dir helfen, weil ich weiß, dass du das Selbe für mich tun würdest", antwortete Draco zu seinem eigenen Erstaunen. Glaubte er das wirklich? Wenn er ehrlich war, ja.

Potter ließ die Hand sinken und öffnete irritiert die Augen. Kurz schien er zu blinzeln, dann fokussierte sich sein Blick auf Draco. Scheinbar dachte er einen Moment über die Worte nach, denn es breitete sich eine nicht unangenehme Stille im Raum aus.

„Du hast Recht, wenn du zu mir gekommen wärst, würde ich dir auch helfen wollen, trotzdem irritiert es mich, dass du hier bist", gestand Potter und seine Augen flackerten einen Moment zu der offenen Falsche hinüber.

„Haben deine Freunde sich schon um dich gekümmert?", wollte Draco wissen, das Glas immer noch in den Händen haltend.

„Hermione war vorgestern kurz da, aber mehr nicht. Ginny ist bei ihr und Ron eingezogen, zumindest solange, bis sie eine eigene Wohnung hat. Es ist schwer für die beiden. Sie stehen zwischen den Stühlen… ich möchte nicht, dass sie sich zwischen mir und Gin entscheiden müssen und sie ist immerhin Rons kleine Schwester", gestand Potter mit einem etwas deprimierten Halblächeln auf den Lippen.

Draco nickte zunächst nur. Er wusste nicht, was er sonst tun sollte, angesichts solcher Ehrlichkeit. Sein Job brachte es für gewöhnlich eher mit, dass Menschen ihn belogen oder die Tatsachen zumindest schönten, um sich selbst in ein besseres Licht zu rücken. Potter hingegen schien gar nicht in der Lage zu sein, nicht absolut ehrlich zu sein. Wie konnte ein Mensch nur so verdammt nobel sein?

Als das Schweigen zwischen ihnen langsam unangenehm zu werden begann, stellte Draco das Glas zurück auf den Tisch und schluckte kurz. „Ich habe einen Vorschlag, Potter. Wenn ich es recht bedenke, stehe ich in deiner Schuld. Immerhin hast du mir und meiner Familie nach dem Krieg sehr geholfen-", setzte Draco an, wurde aber von seinem Gegenüber unterbrochen.

„Nein habe ich nicht. Dein Vater sitzt in Azkaban, schon vergessen?"

„Sei still, Potter. Wenn du nicht für mich und meine Mutter ausgesagt hättest, wäre mein Vater nicht der einzige, der heute in einer Zelle verrotten würde. Also stehe ich in deiner Schuld. Ich werde dir helfen, sowohl dein Leben wieder auf die Reihe zu bekommen, als auch bei deiner Scheidung, als dein Anwalt, was denkst du?".

Potter jedoch schüttelte nur den Kopf. „Ich nehme deine Hilfe gerne an, Malfoy, aber ich kann dir versichern, ich brauche keinen Anwalt".

Draco hob eine schlanke Augenbraue und betrachtete Potter mit einigem Unglauben. Hatte er gerade wirklich den rechtlichen Beistand abgelehnt? Mitten in einer Scheidung, bei der er die Hälfte seines Besitzes verlieren könnte? „Ach, und warum das?", frage er beinahe herausfordernd.

„Ginny und ich haben nicht vor, uns zu streiten. Wir wollen diese Sache friedlich und freundschaftlich regeln", erklärte Potter mit einem traurigen Lächeln.

„Du liebst sie noch, nicht wahr?"

Grüne Augen flackerten einen Moment schmerzerfüllt, dann folgte ein kaum merkliches Nicken. „Ich habe nie aufgehört, sie zu lieben. Die Trennung… ging nicht von mir aus… aber… ich würde lieber nicht darüber sprechen… im Moment", kurz verschwanden die trüben Augen hinter bleichen Lidern, ehe sie sich wieder öffneten und der Blick darin Draco mit einer Wucht traf, die er nicht für möglich gehalten hätte.

Potter war bis aufs Mark verletzt. Er litt unter der Situation. Ja, er würde sogar so weit gehen zu sagen, dass seine Frau ihm das Herz gebrochen hatte. Solche Gefühle gab es doch sonst nur in Büchern, oder nicht? Doch hier schien sich genau solch eine Tragödie direkt vor seinen Augen zu entfalten und Draco konnte nicht anders, als Mitleid zu empfinden, für den Mann im anderen Sessel.

„Du musst nicht darüber reden… wenn du nicht willst", hörte Draco sich selbst sagen und schluckte hart. Diese Unterhaltung verlief ganz und gar nicht wie er es geplant hatte.

„Danke, Malfoy", gab Potter zurück, ehe sich wieder Schweigen über die beiden senkte.

Nach einiger Zeit lehnte dieser sich vor, um erneut nach Glas und Whisky zu greifen, doch Draco kam ihm zuvor und schnellte nach vorne, dabei packte Potters Handgelenk mit eisernem Griff und versuchte ihn so durchdringend wie möglich anzusehen. „Lass es. Das macht es nicht besser. Ich schlage vor, du verschwindest stattdessen mal unter die Dusche. Du kannst jeder Bar Konkurrenz machen", sagte er in belehrendem Ton.

Für einen Moment glaubte er zum ersten Mal so etwas wie Ärger in den grünen Augen zu sehen, doch der Eindruck verschwand so schnell, wie er gekommen war. „Vermutlich hast du Recht", gab Potter zu und erhob sich aus seinem Sessel.

Draco tat es ihm gleich und folgte Potter aus dem Wohnzimmer. „Wo ist dein Schlafzimmer? Ich besorge frische Klamotten, du gehst auf direktem Wege ins Bad".

Etwas irritiert wandte dieser sich zu ihm um und blieb mitten im Flut stehen. „Was? Du willst…"

„Ja, ich will dir helfen. Immer noch. Also wo?"

„Erster Stock, zweite Tür rechts".

Draco nickte zufrieden und ging an Potter vorbei die Treppen hinauf, während dieser eine Tür unten öffnete und in dem Raum dahinter verschwand. Erst als er allein war, gestatte er sich kurz durch zu atmen. Dieser Fall würde zwar vielleicht der vielversprechendste seiner Karriere werden, aber definitiv auch der anstrengendste.

Die Treppe knarrte leicht unter seinen Füßen und Draco stellte fest, dass er solche Geräusche eigentlich gar nicht gewöhnt war. Die Marmorstufen in Malfoy Manor waren noch genauso unnachgiebig wie vor hunderten von Jahren, als das Herrenhaus erbaut worden war.

Oben angekommen empfingen Draco noch mehr Stellen an den Wänden, an denen wohl noch vor wenigen Tagen Bildern gehangen hatten. Er konnte die Konturen der Rahmen auf der Tapete erkennen und schüttelte kurz den Kopf. Hatte Potter sie abgehangen? Oder hatte seine Frau die Bilder mitgenommen?

Den Gedanken nach hinten schiebend öffnete Draco die beschriebene Tür und betrat Potters Schlafzimmer. Ein Angenehmer Geruch nach Minze stieg ihm in die Nase und während er sich im Raum umsah, musste er feststellen, dass dieser durchaus geschmackvoll eingerichtet war. Ein großes Bett, dessen Rahmen aus dunklem, gemasertem Holz gefertigt war und ein großer Schrank, aus demselben Holz bildeten einen angenehmen Kontrast zur hellen, beigefarbenen Tapete und der tief rote, flauschige Teppich gab den Raum eine willkommene Gemütlichkeit.

Mit diesem ersten Eindruck ging er zum Schrank und öffnete beide Türen. Dieser war nicht mal zur Hälfte gefüllt. Vermutlich hatte Potter ihn sich mit seiner Frau geteilt, die nun ihre eigenen Sachen daraus entfernt hatte. Das ganze sah ziemlich traurig aus, aber Draco versuchte den Gedanken zu vertreiben und Potters Sachen durch zu gehen. Er wollte etwas finden, das bequem, aber nicht zu häuslich war. Also gut genug um damit vor die Tür zu gehen, aber auch angenehm, wenn man nur auf dem Sofa liegen wollte. Leider musste er feststellen, dass Potters Schrank insgesamt wenig Kleidung preisgab, die Draco auch nur für irgendwas als angemessen angesehen hätte und so entschied er sich schließlich für Jeans und ein grünes Shirt, das vermutlich gut zu Potters Augen passte.

Seufzend schloss er den Schrank und ging mit Potters Kleidung, zu der sich auch noch Socken und Shorts hinzugesellt hatten, wieder nach unten. Einen Moment überlegte er vor der Tür zum Badezimmer, ob er einfach hinein gehen sollte, entschied sich dann aber doch zu Klopfen.

Von drinnen konnte er das Brausen des Wassers auch bereits hören, erhielt aber keine Antwort. Nach einiger Zeit legte Draco dann doch eine Hand auf die Türklinge und drückte sie vorsichtig nach unten. Lautlos schwang die Tür auf und gab den Blick auf ein großzügiges Bad mit weißen Fließen, preis. Hinter einer Scheibe aus Milchglas verborgen lag die Dusche und Potter war nicht zu sehen.

Draco räusperte sich. „Potter?", fragte er in den Raum und ging zur Ablage neben dem Waschbecken, um die frische Kleidung darauf zu legen. Wieder erhielt er keine Antwort und etwas in seinem Magen begann sich unangenehm zusammen zu ziehen.

Er drehte sich zur Dusche um, und ging einige Schritte darauf zu. „Potter? Ist alles in Ordnung?", versuchte er es erneut, wieder ohne eine Reaktion zu erhalten. Nun wurde er wirklich nervös. Reiß dich zusammen, Draco, er wird schon nicht tot umgefallen sein, schalt er sich selbst und legte eine Hand auf den Griff der Tür, die zur Dusche führte.

Diese quietschte unheilverkündend als Draco sie langsam aufzog. Von innen kam ihm nebliger Wasserdampf und der Geruch nach Minze entgegen, doch an der Stelle, an der Potter eigentlich stehen sollte war niemand zu sehen. Langsam wanderte sein (Dracos) Blick nach unten und er fand wonach er gesucht hatte.

Am Boden der Dusche, die Beine an den Körper gezogen, saß Potter zusammengesunken und ließ das Wasser über sich hinwegwaschen, als würde er es nicht wahrnehmen. Seine Augen waren in eine Ferne gerichtet, die nur er selbst zu sehen schien. Dunkel und trüb verschleierten sie das sonst so lebendige Grün.

„Verdammt", murmelte Draco mehr zu sich selbst, als er nach Potter griff und sofort die Hand wieder zurückzog. Das Wasser war unerträglich heiß eingestellt und die helle Haut auf Dracos Hand färbte sich sofort leicht rot. Wie hielt Potter das nur aus? Knurrend griff er nach der Duscharmatur und drehte das Wasser ab, ehe er in die Knie ging, um mit Potter auf einer Höhe zu sein.

Vorsichtig legte er beide Hände auf die sonnengebräunte Haut, fasziniert davon, wie deutlich sich seine eigene alabasterfarbene davon abhob und zugleich bemerkte er, wie weich Potters Haut war. Sie fühlte sich an wie Seide unter Dracos Fingen. Schnell schob er den Gedanken beiseite und schüttelte den jungen Mann vor sich etwas unsanft.

Mit einem „Hey, Potter!", versuchte er erneut dessen Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, doch wieder geschah nichts. Es war, als wäre Harry Potter in eine Starre gefallen. Einen Moment schloss Draco die Augen, dann holte er aus und –

SMACK

Beinahe schmerzhaft traf seine Hand auf die weiche Haut auf Potters Wange. Völlig irritiert, als habe er bisher gar nicht mitbekommen, was geschehen war, blickte dieser nun zu ihm und hob zugleich eine Hand, um sie auf die nun gerötete Haut zu legen.

„Malfoy? Spinnst du? Was sollte das?"

„Ob ich spinne? Du bist doch der, der in einer Schockstarre unter kochend heißem Wasser sitzt und nicht mehr ansprechbar ist, Potter!"

Seufzend erhob sich Draco und griff zum zweiten Mal an diesem Tag nach Potters Handgelenken, um ihn aus der Dusche zu ziehen. Wenn er ehrlich wahr interessierte es ihn gerade kein bisschen, dass sein Gegenüber unbekleidet war. Mit der freien Hand griff Draco nach einem Handtuch und drückte es Potter gegen die Brust.

„Hier. Trockne dich ab und zieh dich an. Ich warte draußen und hoffe, du bist wieder zu Verstand gekommen", sagte er ärgerlich und verließ ohne einen weiteren Blick auf Potter den Raum, wobei er darauf achtete, seinem Ärger dadurch Ausdruck zu verleihen, dass er die Tür mit einem deutlichen Knall zu fallen ließ.

Heiße Wut hatte sich in ihm breit gemacht, aber worauf? Auf Potter, weil er sich so gehen ließ? Auf seine Ex-Frau, weil sie ihm das Herz gebrochen hatte? Oder doch auf sich selbst, weil ihn das Ganze mitzunehmen schien, obwohl es ihm eigentlich gleichgültig sein müsste? Er war doch nur seiner Karriere wegen herkommen!

Immer noch wütend ging er ins Wohnzimmer zurück und griff nach dem Glas und dem Firewhisky, die noch immer auf dem Tisch standen. Er benötigte nur einen Zug, um das Glas zu leeren und bereute seinen ‚Griff zur Flasche' oder in seinem Fall ‚zum Glas' sofort wieder. Der Geschmack war alles andere als willkommen, seine Kehle brannte und sein Magen schien schon beim ersten Kontakt mit der Flüssigkeit zu rebellieren. Den Kopf schüttelnd stellte Draco das Glas zurück und seufzte.

„Es tut mir leid", ertönte eine reuevolle Stimme hinter ihm. Potter stand in der Tür, bekleidet mit den Sachen, die Draco ihm rausgesucht hatte. Er hatte die Arme um die Hüfte geschlungen, als würde er Schutz suchen und hielt den Kopf gesenkt.

Draco drehte sich zu dem anderen Mann um und machte einen Schritt auf ihn zu. Der Ärger von eben war völlig verraucht und es blieb nur ein nagendes Gefühl in seiner Brust, die sich schmerzhaft zusammen zu ziehen schien, als er Potter so sah.

„Schon gut", brachte er hervor, die Stimme rau vor Anspannung.

„Nein, ich muss mich wirklich entschuldigen, ich hätte mich nicht so gehen lassen sollen. Ich… danke, dass du mir helfen willst, auch wenn ich immer noch nicht weiß warum".

„Nenn es Karma, Potter. Ich muss noch ein paar Punkte gut machen"

„Natürlich, das wird der Grund sein. Wie konnte ich nur so blind sein".

Draco hob eine Augenbraue, antwortete aber erstmal nicht. Er war zu irritiert von der Tatsache, dass sein Gegenüber gerade wirklich versucht hatte lustig zu sein und das obwohl er noch vor zehn Minuten ein Häufchen Elend gewesen war.

„Du hast echt üble Stimmungsschwankungen, Potter"

„Ist vermutlich die pure Verzweiflung", antwortete dieser und auch wenn es wohl originell hatte klingen sollen, wusste Draco doch, dass es vermutlich nicht anderes als die reine Wahrheit war. Potter war verzweifelt.

„Hör zu, es ist spät und ich sollte langsam wirklich nach Hause gehen. Aber ich komme morgen wieder und wir versuchen mal Ordnung in dieses Chaos hier zu bringen, in Ordnung? Und du versuchst keine Dummheiten in der Zwischenzeit zu machen und geduscht zu sein bevor ich morgen auf deiner Türschwelle erscheine. Abgemacht?".

Potter nickte kurz, fast ein wenig schüchtern. „Ich werde versuchen, ein besserer Gastgeber zu sein, versprochen".


Seufzend ließ Draco sich eine halbe Stunde später auf das Sofa in seinen privaten Räumen in Malfoy Manor sinken. Der Tag war absolut anders verlaufen, als er sich es jemals ausgemalt hätte. Er hatte geglaubt einen Harry Potter zu treffen, der zwar verletzt, aber bereit war, zu kämpfen. Stattdessen war er einem Mann begegnet, der bis auf den Grund seiner Seele verwundet worden war und dennoch keinerlei Groll gegen die Person hegte, die ihm dies angetan hatte.

Für gewöhnlich verhielten sich Dracos Mandanten genau anders herum. Sie versuchten ihren materiellen Besitz zusammen zu halten und dem Ex-Partner dabei noch so viele Steine in den Weg zu legen für möglich. Doch Potter war anders, er was nobel – wie immer! Und das störte Draco, löste aber auch zugleich Bewunderung in ihm aus.

Verträumt strich er Jeff mit der Hand durchs graue Fell und ließ den Kopf auf die Lehne des Sofas sinken. Hinter seiner Stirn begannen sich Kopfschmerzen breit zu machen. Kopfschmerzen, die er einem gewissen schwarzhaarigen Gryffindor zu verdanken hatte. Er wollte gerade die Augen schließen, als es an der Tür klopfte.

„Herein", rief er und zuckte leicht, als er merkte, wie widerwillig seine Stimme klang. Im Türrahmen erschien, man hätte es fast erwarten müssen, Blaise Zabini.

„Was willst du, Blaise?", fragte Draco und setzte sich aufrecht hin. Er würde seinem besten Freund und gelegentlichen Liebhaber ganz sicher nicht liegend begegnen wollen und sich damit in eine untergeordnete Position bringen.

Der Angesprochene lächelte nur und schloss die Tür hinter sich, welche mit einem leisen Klick ins Schloss fiel.

„Ich dachte, ich statte dir einen abendlichen Besuch ab. Schlechte Laune, Draco?", fragte er mit einem süffisanten Grinsen auf den Lippen und kam mit selbstbewussten Bewegungen auf Draco zu.

„Nein, nur müde", antwortete dieser, eine Hand immer noch in Jeffs Fell. Der irische Wolfshund lag zu seinen Füßen und hatte entspannt die Augen geschlossen.

„Müde? Wovon? Es ist Wochenende", schnurrte Blaise, als er sich neben Draco auf das Sofa sinken ließ und eine Hand auf dessen Oberschenkel platzierte.

Kurz flackerte Dracos Blick zu der Hand und er überlegte, ob sie beiseiteschieben sollte, doch dann entschied er sich dagegen. Was hielt ihn denn davon ab, sich in den Armen seines besten Freundes ein wenig zu entspannen. „Ach weißt du Blaise… von mir aus können wir das Reden gerne auf später verschieben…", gurrte er und lehnte sich vor, sodass seine Lippen die des anderen Mannes berührten.

Es war ein vertrautes Gefühl, aber zugleich keines, das irgendwelche Gefühle in Draco aufsteigen ließ. Sein Verhältnis zu Blaise, vor allem was das Schlafzimmer anging, war rein pragmatischer Natur. Sie kannten einander seit Kindertagen und konnten einander vertrauen. Zu gleich besaßen sie die gleichen ‚Vorlieben' wenn es um Körperlichkeit ging, warum also nicht, Freundschaft mit ein paar Bonusleistungen verbinden?

Blaise schienen einen Moment irritiert, erwiderte dann aber Dracos Kuss und ließ seine Hände über dessen Schulter gleiten. Der Vertraute Geruch nach exotischen Gewürzen stieg Draco in die Nase. Blaise liebte es zu kochen und experimentierte dabei gerne mit ungewöhnlichen Zutaten. Als dessen Zunge forsch über die Lippen des blonden Mannes glitt konnte dieser Knoblauch und Curry schmecken. Mit einem amüsierten Lächeln begrüßte er die freche Zunge mit der eigenen.

Blaise' Händen schienen überall zu gleich zu sein und schon bald fand Dracos Hemd sein Ende auf dem Boden neben dem Sofa. Er lehnte sich nach vorn und drückte Blaise in die Kissen des Sofas, sodass Draco sich über ihm befand, während seine Finger an den Knöpfen des noch verbleibenden Hemdes nestelten.

Bald darauf lehnte er über Blaise, beide völlig unbekleidet und spürte, wie sich starke Hände um seine Erektion legten und ihn zu verwöhnen begannen. Ein leises Stöhnen entkam seinen Lippen, während seine Hand nun ebenfalls nach dem Glied des anderen Mannes suchte und mit zärtlichen, aber bestimmten Bewegungen über die empfindliche Haut strich.

Genießend schloss Draco die Augen und gab sich dem Rhythmus der Berührungen hin, während vor seinem geistigen Auge für nur einen einzigen Moment, ein ganz anderes Bild auftauchte. Das Bild eines gewissen schwarzhaarigen Gryffindor, der in Position und Tätigkeit Blaise ersetze. Grüne Augen, statt dunkelbrauner, die ihn lustvoll ansahen und ehe Draco in der Lage war, das Bild aus seinen Gedanken zu vertreiben, spürte er, wie er sich mit einem Stöhnen in Blaise' Hand ergoss, während dieser selbst zum Höhepunkt gelangte.

„Wow… du bist selten so fordernd… woran hast du gedacht? Sicher nicht an mich", sagte Blaise mit einem Lachen, während er einen Reinigungszauber auf sie wirkte.

„An niemanden"

„Natürlich nicht, deshalb warst du auch so… intensiv. Mich kannst du nicht belügen"

„Ich will nicht drüber reden verdammt! Am besten verschwindest du jetzt, bevor ich dich rauswerfe"

Abwehrend hob Blaise beide Hände, grinste aber noch immer, als er vom Sofa aufstand und sich wieder anzog. Im Türrahmen blieb er noch einmal stehen und blickte über die Schulter zurück zu Draco. „Also ich weiß ja nicht, an wen du da gerade gedacht hast, aber wer immer es war, du stehst ganz schön auf ihn".

Kapitel 3 Ende