Kapitel 4 Leave my mind

If I had a choice
I'd leave all behind
If I had a choice
I'd make you leave my mind

"3:56", verkündete die magische Uhr auf Dracos Nachtschränkchen, als er zum gefühlt zwanzigsten Mal in fünfzehn Minuten nach der Zeit schaute. Ein leises Seufzen entkam seinen Lippen und er schloss die Augen, wenn auch nicht wirklich an Schlaf glaubend.

Der vergangene Tag hatte ihn aufgewühlt und das sogar so sehr, dass er jetzt nicht mehr schlafen konnte. Wann immer er es versuchte, tauchten traurige, verletzte smaragdfarbene Augen vor ihm auf, die ihm einfach keine Ruhe ließen. In Dracos Welt hatte Liebe bisher keinen Platz gehabt. Nach dem Krieg hatte er all seine Energie zunächst darein investiert, nicht in Azkaban zu landen, dann hatte er seine NEWTs nachgeholt und anschließend den guten Namen seiner Familie aus der Asche wieder neu erbaut. Dazu waren Jahre des Lernens notwendig gewesen, denn magisches Recht war kompliziert und vielschichtig.

Potters Leben hingegen war so ganz anders gewesen. Natürlich hatte auch er seine NEWTs bekommen, hatte dann aber gleich mit dem Training zum Auror begonnen und nebenbei war Ginny Weasley seine ständige Begleiterin gewesen. Niemanden hatte es überrascht, als die beiden ihre Verlobung bekannt gegeben hatten, ganz im Gegenteil, man hatte eigentlich schon viel früher damit gerechnet. Ein Bild der beiden hatte damals die Titelseite des Daily Prophet geschmückt und verkündet, dass die Hochzeit des Jahrhunderts nun endlich bevor stand.

Und natürlich hatte Harry Potters Hochzeit wochenlang das ganze Land beschäftigt. Welches Kleid würde die Braut tragen? Wie würde die Torte aussehen? Wer würden die Trauzeugen sein? Wie würden die Ringe aussehen? Wer wäre eingeladen? Die Fragen und Antworten waren endlos. Man hatte förmlich das Gefühl in einer Welle aus Hochzeitsspekulationen ertränkt zu werden. Und doch hatte Draco schon damals jede einzelne Ausgabe des Prophet aufgehoben und archiviert. Heute standen Ordner mit den alten Zeitungsausgaben in seinem Büro und wo genau wusste vermutlich nur Mafalda.

Doch obwohl die Presse Potters Hochzeit vorher wochenlang ausgeschlachtet hatte, waren die Medien von Il grande matrimonio ausgeschlossen worden. Potter und seine Frau hatten nur ein einziges offizielles Foto an den Prophet weiter gegeben, mehr aber auch nicht. Nicht mal Interviews waren erlaubt gewesen. Seit dem hatte sich ‚der Retter', wie ihn die Zeitungen mittlerweile nannten, noch weiter aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Harry Potter war ein sehr privater Mensch.

Solche Dinge waren Draco völlig fremd, wenn er darüber nachdachte. Auch wenn er nicht wirklich viel von den Berichterstattungen der Presse hielt, so war er doch nicht unerfreut, wenn er Artikel über sich selbst in der Zeitung fand. Auf diese Weise hatte er sich Anerkennung und Wertschätzung zurück erkämpft.

Aber genau weil Liebe und Familie für Draco so fremd waren, traf es ihn umso härter, Potter in einem so… verwundbaren… Zustand zu sehen. Seit sie einander gekannt hatten, war dieser doch immer stark und mutig gewesen. Er hatte den größten dunklen Magier aller Zeiten besiegt. Er war gestorben, um jene zu retten, die er liebte. Wie konnte es da sein, dass es einer Frau wie Ginny Weasley gelang, ihn zu brechen? Und konnte seine Seele heilen?

Seufzend schwang Draco die Beine über die Bettkante und erhob sich. An Schlaf war eh nicht mehr zu denken, also konnte er auch genauso gut aufstehen. Seufzend betrat er, nur mit seinem Pyjama bekleidet sein Büro, das an seine privaten Räume in Malfoy Manor angrenzte. Arbeit würde ihn sicher ablenken von den grünen Augen, die ihn förmlich zu verfolgen schienen.

Mit einem Wisch seines Zauberstabes beschwor Draco die Akten über den Fall Goyle zu sich, von denen er eine Kopie schon vor einiger Zeit mit aus dem Büro nach Hause genommen hatte. Er öffnete die Mappe und warf zunächst einen Blick auf ein altes Foto aus besseren Tagen. Darauf zu sehen war Gregory Goyle in einem schwarzweißen Anzug am Tag seiner Hochzeit. Er war groß, breitschultrig, plump und doch lächelte er in die Kamera. Neben ihm stand eine kleine, zierliche Frau in einem weißen Kleid. Große, braue Rehaugen huschten immer wieder zwischen Goyle und dem Fotografen hin und her. Die Röte auf ihren Wagen passt zu dem Leuchten in ihren Augen. Draco selbst hatte dieses Foto gemacht an dem Tag an dem Gregory Goyle und Asling McAllen geheiratet hatten.

Zwei Jahre später vertrat er nun Goyle bei der Scheidung und versuchte in dessen Auftrag Asling so wenig Vermögen wie nur möglich zu lassen. Widerst du dich nicht manchmal selbst an?, fragte die Stimme in seinem Kopf. Natürlich war man als Scheidungsanwalt nicht immer auf der Seite der Gerechtigkeit, sondern immer auf der des Mandanten, aber rückblickend konnte Draco wohl ohnehin nicht behaupten, schon immer ein Verfechter der Unterdrückten gewesen zu sein, nicht wahr?

Seufzend ging er noch einmal seine Aufzeichnungen durch. Gregory hatte ihm sogar erlaubt einen Blick in sein Pensieve zu werfen und so dessen Erinnerungen an die Ehe aus erster Hand wahrzunehmen. Auf diese Weise war es Draco gelungen, sich eine Strategie zu Recht zu legen, die er bei der Gerichtsverhandlung in ein paar Wochen einsetzen würde. Obwohl solche Gesetze bei den Muggeln als veralte galten, hielten die Zauberer an dem Prinzip der Schuld noch immer fest. Es ging also immer darum, zu beweisen, wessen Schuld das Scheitern der Ehe war und der Schuldige war dann derjenige, der den seinen Ex-Partner entschädigen musste. Solche Entschädigungen erfolgt natürlich in Form von Geld oder materiellem Besitz, wie Häusern und dergleichen.

Draco wusste, dass Gregory seit einigen Monaten eine Affäre hatte, aber wie es schien, war seiner Frau dieser Trumpf noch nicht bewusst. Sollte die Sache rauskommen, könnte dies bedeuten, dass Gregory die Schuld zugesprochen wurde, blieb die Affäre allerdings geheim, so hätte Draco gute Chancen den Fall zu gewinnen, da sich Asling zuvor von ihrem Mann zurück gezogen hatte, um nicht zu sagen, es hatte keinen Sex mehr in der Ehe gegeben. Sollten sich dafür genug Zeugen finden lassen, könnte dies bereits ausreichen, da man dann behaupten könnte, Asling hätte ihre ehelichen Pflichten nicht erfüllt.

Mit der Feder in der Hand machte Draco sich eine Notiz, damit er Montagmorgen gleich eine Eule losschickte, um einige Zeugen zum Vorgespräch in die Kanzlei einzuladen. Besonders Augenmerk wollte er dabei auf Gregorys Arbeitskollegen legen, mit denen dieser wohl ein ganz gutes Verhältnis pflegte.

Findest du das nicht geschmacklos?, fragte sein Hirn erneut und klang diesmal zu Dracos Schande auch noch die Harry fucking Potter.

Seufzend schob er die Akte von sich und stemmte die Ellenbogen auf den Tisch, den Kopf in den Handflächen abgelegt. Er hatte Kopfschmerzen. Und wem hatte er diese zu verdanken? Es war Sonntagmorgen kurz vor 5 und er saß schlaflos und unruhig in seinem Büro, wie ein nervöser Teenager vor seinem ersten Date.

Den Gedanken an Arbeit beiseite schiebend, erhob Draco sich von seinem Schreibtisch und beschloss, stattdessen lieber unter die Dusche zu gehen und zu hoffen, dass wenigstens heißes Wasser und Duschlotion in der Lage wären seinem müden Körper etwas Energie zurück zu geben.

Mit schluffenden Schritten ging er ins Badezimmer und schälte sich aus seinem Lieblingspyjama, den seine Mutter schon vor Jahren hatten entsorgen wollen und den er seit jeher vor der Vernichtung retten musste. Warum er so an diesem Kleidungsstück hing? Er wusste nicht, aber es war der Pyjama gewesen, in dem er zum ersten Mal nach dem Krieg wieder eine Nacht durchgeschlafen hatte, ohne Alpträume. Und seitdem war ihm der Gedanke, das Kleidungsstück abzugeben, unangenehm.

Seine Füße machten leise Geräusche auf dem kalten, edlen Fließen des Badezimmers, als er auf die Dusche zuging und die Glastür aufzog. Die weiße Keramik fühlte sich kalt unter seinen Sohlen an und er griff nach der Duschbrause. Die Armatur bestand aus sechs unterschiedlichen Griffen, von denen ein Jeder Wasser in einer anderen Temperatur und mit anderen Düften zu Verfügung stellte. Draco entschied sich für heiß – richtig heiß – und Limettenduft.

Bald schon füllte der angenehme Geruch seine Nase und er lehnte sich mit dem Hinterkopf gegen die kalten Fließen , während das heiße Wasser über seinen Körper rann und die verspannten Muskeln lockerte.

Zum ersten Mal wirklich entspannt, schloss Draco die Augen und bereute es augenblicklich wieder. Potters Augen verfolgten ihn – grün, intensiv, unausweichlich, als würden sie gerade durch seine Maske hindurch auf den Grund seiner Seele sehen. Und zu gleich so unendlich schön.

Ein leises Stöhnen, kaum hörbar, aber für Draco überdeutlich wahrzunehmen, entkam seinen Lippen, als er spürte, wie warme Erregung sich in seinem Bauch ausbreitete und er eine Hand, glitschig vom Wasser, über die Länge seines Glieds gleiten ließ. Ohne sein Zutun kehrten die Bilder zurück, die er schon während seines Aufeinandertreffens mit Blaise nicht hatte unterdrücken können. Jene Gedanken an schwarzes Haar, das über seine weiche, helle Haut strich, an blasse Lippen, die er so gern spüren würde und während seine Handbewegungen sich in seiner Lust verloren, spielte ihm sein Hirn vor, es wären eben jene Lippen, die ihn genau jetzt heiß umschlossen und verwöhnten.

Er spürte seine eigene Härte gegen seine Handfläche und wusste, dass er dem süßen Abgrund mit jeder Bewegung näher kam. Die Vorderzähne in die Lippen versenkt, um nicht laut zu stöhnen, lehnte er an der Wand und sein Kopf spielte ihm weiter Streiche; gaukelte ihm vor von diesen Händen berührt zu werden und selbst zu berühren… zu schmecken… zu fühlen… und Oh Gott… er verlor sich in seinen Vorstellungen, während sich warme, leicht klebrige Flüssigkeit über seine Hände ergoss, welche sogleich vom Wasser hinfort getragen wurde.

Die Augen noch immer geschlossen stieß Draco sich von der Wand ab und griff zum Shampoo. Irgendetwas war verdammt falsch mit ihm. 10 Jahre lang hatte er sein eigenes Leben gelebt und Harry Potter war nicht mehr gewesen, als das Gesicht in der Zeitung und nun das! Es hatte nur eine wirkliche Begegnung mit ihm gebraucht und er hatte Dracos ganzen Leben aus den Angeln gehoben. Hatte Blaise Recht? War es immer irgendwie Potter gewesen, der sein Leben bestimmt hatte? War diese Obsession nur lange verschüttet gewesen und drängte nun mit aller Macht an die Oberfläche zurück?

Nein! Das würde Draco nicht zulassen. Er würde dieser Situation Herr werden, ganz professionell. Potter war nur ein Mandant, mehr nicht. Er würde Draco Geld, Ruhm und Anerkennung geben und wenn der ganze Fall abgeschlossen wäre, würden sie beide wieder in ihr altes Leben zurückkehren und an einander vorbei existieren. So wie es die letzten 10 Jahre gewesen war. Er wollte Potter nicht helfen! Er wollte seine Vorteile aus dessen Leid ziehen, nicht mehr. Punkt. Aus. Ende.

Das zumindest war sein Entschluss, während er dem weißen Schaum des Shampoos dabei zusah, wie es im Abfluss verschwand.

Mit einer Hand strich er sich durch das nasse, blonde Haar, ehe er die Tür öffnete und ins vergleichsweise kalte Bad trat. Die Gänseschaut war vorprogrammiert und er griff zitternd nach dem größten, magisch erwärmten Handtuch, das er finden konnte, um sich hineinzuwickeln. Wenn Draco Malfoy etwas hasste, dann war es Kälte. Er konnte einfach nicht verstehen, wie Menschen freiwillig im Winter in Norwegen Urlaub machen konnten, während er schon im heimischen England kaum einen Fuß vor die Türe setzen wollte, sobald die Temperaturen unter 10 Grad Celsius fielen.

Als er mit nichts weiter als dem weichen Handtuch bekleidet zurück ins Schlafzimmer kam, huschte ein Blick automatisch zur Uhr - 5:27. So früh stand er für gewöhnlich noch nicht mal auf, wenn er arbeiten gehen musste. Denn wenn es außer Kälte noch etwas gab, das Draco Malfoy wirklich hasste, dann war es frühes Aufstehen.

Mürrisch knurrend ging er zum Kleiderschrank und entschied ich für dunkelblaues Kaschmir und eine schwarze Hose dazu. Ein Blick in den Spiegel sagte ihm, dass er trotz der frühen Stunde absolut gut aussah. Das nützte ihm allerdings nicht viel, da er schlecht morgens um halb sechs bei Potter vor der Tür stehen konnte ohne dabei den Anschein zu erwecken, er habe ein echtes Problem – nervlich versteht sich.

„Warum so schick, so früh am Morgen, Liebes?", fragte der Spiegel leicht spöttisch.

„Noch nie schlecht geschlafen?", gab Draco zurück.

„Ich bin ein Spiegel; was glaubst du?"

Knurrend ließ Draco sein sprechendes Inventar im Zimmer zurück und ging nach unten, wo er dem ersten Hauselfen, der das Pech hatte ihm vor die Füße zu laufen, auftrug für Frühstück zu sorgen: Rührei, Baked Beans, Bacon – so, wie anständiges englisches Frühstück am Sonntag eben sein musste! Und vielleicht auch eines, das ihm genug Energie geben würde, um nicht in Potters Sessel einzuschlafen.

Als er eine halbe Stunde später am Frühstückstisch saß und auf seinen gefüllten Teller starrte, war ihm allerdings gar nicht mehr nach essen zu mute. Es war sechs Uhr in der Früh und sein Magen war eigentlich noch gar nicht bereit für irgendeine Form der Nahrungsaufnahme, geschweige denn etwas so deftigem wie Rührei, Baked Beans und Bacon.

Draco schluckte hart und versuchte wenigstens ein paar Bissen herunter zu würgen, als ein Hauself, den er als Sibby identifizierte, ihm die Sonntagsausgabe des Daily Prophet brachte. Eine Augenbraue nach oben gezogen, breitete er die Zeitung neben sich auf dem großen Tisch aus. Auf den ersten Blick schien Potter es nicht auf die Titelseite geschafft zu haben, diese wurde nämlich von einem großen Artikel über das aktuelle Anti-Drogen Konzept des Ministeriums eingenommen, in dem es darum ging, magisch verstärkte Drogen und abhängig machende Potions besser einzudämmen und mehr Geld in die Entzugs- und Rehabilitierungsmöglichkeiten zu stecken.

Doch wenn Draco geglaubt hatte, man würde Potter heute mit Artikeln verschonen, so hatte er sich augenscheinlich getäuscht, denn der Prophet hatte die Berichterstattung über Harry Potter auf eine ganz neue Ebene gehoben – der Sonntagsausgabe lag ein Sonderheft bei! Über Harry Potters Scheidung!

Schnell überflog Draco die einzelnen Artikel und machte sich mentale Notizen von dem, was er da las. Potter hatte sich für eine weitere Woche krank gemeldet (Schlussfolgerung des Propheten war, dass man ihm wohl wirklich das Herz gebrochen haben musste – was du nicht sagst!), während seine bald Ex-Frau trotz allem am Spiel der Holyhead Harpies teilgenommen hatte (hatte er dazu nicht gestern erst ein Interview gelesen?) und natürlich war ihr Team auch siegreich gewesen, worüber man sich im Artikel sehr wohlwollend ausließ und Ginny Potter-Weasley noch viele Jahre einer wundervollen Karriere vorhersagte, die den berühmten Namen Potter gar nicht brauchte.

Seufzend blätterte Draco weiter und sein Blick blieb auf der folgenden Seite an einem Bild hängen, auf dem Potters Ex-Frau zusehen war, doch sie war nicht allein. Das magische Foto zeigte sie, wie sie am späten Abend ein Restaurant in Muggle-London verließ, gefolgt von einer anderen männlichen Gestalt, die keiner ihrer Brüder war, die Draco aber wage bekannt vorkam. Irritierten schnellten seine Augen zum dazugehörigen Artikel.

Ginny Potter-Weasleys neues Glück oder doch nur Freundschaft?

London

Am gestrigen Abend verließ Harry Potters Noch-Ehefrau ein Restaurant in Muggle-London, wo sie zuvor mit einem engen Vertrauten gespeist hat. Aus Quellen, die der jungen Frau nahe stehen, geht hervor, dass es sich bei ihrem Begleiter und Harry Potters früheren Klassenkameraden Ernie Macmillan handelt, der genau wie Potter ein Jahr älter ist als Potter-Weasley.

Quellen zufolge, haben die beiden sich schon vor einem Jahr bei einem Quidditchspiel kennengelernt, das Macmillan live im Radio kommentierte und anschließend ein Interview mit der Teamführerin führte. Seitdem, so heißt es, seien die beiden gute Freunde und träfen sich regelmäßig.

Ob Ernie Macmillan wirklich der neue Partner an Ginny Potter-Weasleys Seite ist, bleibt zurzeit noch Spekulation, aber allem Anschein nach, kommt Ginny wesentlich besser mit der Trennung zurecht, als ihr Noch-Ehemann, der seit der Bekanntgabe der Trennung noch nicht wieder in der Öffentlichkeit zu sehen war.

Den Kopf schüttelnd schob Draco die Zeitung von sich, als handele es sich dabei um etwas besonders ekliges und stand vom Tisch auf. Der Appetit war ihm nun endgültig vergangen und er beschloss für die nächsten paar Stunden in die Bibliothek zu gehen, um zu lesen, so konnte vielleicht den Gedanken an Potter für einige Zeit vertreiben.


Vier Stunden und einige Rechtsartikel über besonders schwierige Fälle später, stand Draco erneut auf Harry Potters Türschwelle, bereit seinen Job zu machen – nur seinen Job! Ohne sein Zutun schwang die Tür auf und Potter erschien im Eingang. Sein Haar war zerzaust, die Brille leicht schief, aber ansonsten sah er wieder aus, wie ein Mensch.

„Malfoy", ein leises Seufzen schwang in der Stimme mit, und als Potter ihn ansprach bemerkte Draco, dass der Geruch von Firewhisky diesmal fehlte.

„Potter", erwiderte er und drängte sich an eben diesem vorbei in den Flur, da es draußen zu regnen begann.

Potter schloss die Tür und drehte sich zu ihm um, die Hände in den Hosentaschen seiner Jeans vergraben und blickte ihn aus diesen Augen an, die Draco einfach nicht mehr aus dem Kopf gingen. Er spürte, wie ihm der Mund trocken wurde und leckte sich mit der Spitze der Zunge über die Unterlippe.

„Ein kleiner Teil von mir hat gehofft, du hättest es dir anders überlegt", sagte Potter mit einem Beinahe-Lächeln auf den Lippen.

„Das hättest du gerne. Ich stehe zu meinen Versprechen – immer", erwiderte Draco und entledigte sich seines Mantels, den er dreist und ohne vorher zu fragen, an Potters Garderobe auf hing, gerade so, als ginge er schon seit Jahren in diesem Haus ein und aus.

Der Hausherr beobachtete ihn skeptisch, sagte aber nichts, sondern ging nur an ihm vorbei ins Wohnzimmer. Kurz überlegte Draco, ob er ihm sogleich folgen sollte, entschied sich dann aber doch, eine Bestandsaufnahme zu machen und einen Blick in die Küche zu werfen. Diese hatte allerdings keine Generalüberholung bekommen, sondern sah noch immer genauso katastrophal aus wie am Tag zu vor. Mehr als Duschen war anscheinend noch nicht drin gewesen.

Seufzend betrat Draco das Wohnzimmer und musste feststellen, dass auch Potters Flaschenarsenal noch immer da war, allerdings stand die offene Flasche noch genauso auf dem Tisch wie er sie am Tag zuvor zurück gelassen hatte, was er einfach mal als gutes Zeichen deutete.

„Also, hast du wieder Lust auf Frage-Antwort-Spiele bei denen wir uns eh nicht an die Regeln halten?", fragte Potter, der bereits im selben Sessel platzgenommen hatte wie am Tag zuvor. Draco beschloss erst einmal nicht zu antworten, sondern sich ebenfalls zu setzen. Langsam faltete er die Hände, sodass seine Finger mit einander verstränkt waren, seine Unterarme lagen auf seinen Oberschenkeln auf und er hatte sich nach vorn gelehnt.

Potter betrachtete ihn mit einem wartenden, aber nicht ungeduldigen Blick. Noch immer waren seine Augen dunkler, als Draco sie in Erinnerung hatte, als hätten sich Schatten darauf gesenkt.

„Nein Potter, darüber denke ich sind wir hinaus. Aber ich habe gesagt, ich werde dir helfen und wenn ich mich hier so umsehe, hast du eine ganze Menge Hilfe nötig", antwortete er schlussendlich, den Blick auf das Gesicht seines Gegenübers gerichtet, um dessen Reaktion zu beobachten. Und tatsächlich wanderte eine schlanke Augenbraue langsam nach oben, sodass Draco ein Schmunzeln unterdrücken musste.

„Was soll das heißen, ich habe Hilfe nötig?

„Hast du dich mal umgesehen, Potter? Dein Wohnzimmer wird zum Flaschenlager, in deinem Schlafzimmer liegen Klamotten verteilt und dein Kücheninventar spaziert dir bald entgegen, wenn du es noch länger liegen lässt", antwortete Draco, diesmal süffisant lächelnd.

„Du bist herkommen, um meinen Hauselfen zu spielen?", fragte Potter und Draco wusste, dass er eigentlich auf diese Beleidigung würde anspringen müssen, aber er wollte sich professionell verhalten.

„Wenn du es so nennen möchtest. Ich würde eher sagen, dass hier bin um dir zu einem Haus zu verhelfen, das keine Beleidigung der Menschenwürde ist"

„Hey! So schlimm ist es nun auch nicht!"

Draco schnaubte und schüttelte den Kopf. Darauf brauchte er nicht zu antworten. „Folgendes Potter, ich räume die Flaschen hier zusammen und werde dafür sorgen, dass dein gesammelter Wäscheberg da oben mal wieder eine Wäsche sieht, während dessen fängst du in der Küche an Essensreste weg zu werfen und zu spülen. Sobald ich fertig bin helfe ich dir".

„Tausch die Rollen und wir haben einen Deal. Ich hab keine Ahnung von Küchenzaubern, das war Ginnys Aufgabe", gestand Potter und wieder konnte Draco dieses Beinahe-Lächeln erkennen, das ihn seltsamerweise zuversichtlich stimmte.

„Na gut, ich gehe in die Küche. Aber ich werde dir die entsprechenden Zauber beibringen und wenn wir fertig sind, kochen wir. Kannst du das?"

„Du… du willst kochen?", der irritierte Ton in Potters Stimme brachte Draco beinahe zum Lachen.

„Natürlich, oder hast du keinen Hunger?", entgegnete er amüsiert.

„Do… doch… aber… du kannst kochen, Malfoy?"

Diesmal musste Draco wirklich lachen und betrachtete sein Gegenüber mit einem wohlwollenden Blick, von dem er gar nicht wusste, dass er dazu in der Lage war. Potter so irritiert zu sehen ließ irgendetwas in seinem Inneren Purzelbäume schlagen. „Natürlich kann ich Kochen, du Idiot. Nur weil ich Hauselfen habe, heißt das nicht, dass ich völlig unbrauchbar bin. Also was ist nun, haben wir einen Deal? Mal wieder".

Potter nickte zunächst nur stumm, er schien noch immer zu verblüfft zu sein von der Tatsache, dass Draco Malfoy kochen konnte, räusperte sich aber dann und erhob sich von seinem Sessel. „Alles klar… dann lass uns… anfangen", murmelte er mehr zu sich selbst als zu Draco wie es schien.

Dieser erhob sich ebenfalls und warf einen letzten Blick auf einen scheinbar etwas peinlich berührten Potter, der damit begann die Whiskyflaschen aufzusammeln, bevor Draco den Raum verließ und in die Küche ging.

Dort hatte sich seit seinem letzten Besuch erst wenige Minuten zuvor nichts geändert und Draco ließ den Blick über gebrauchte Teller und Töpfe schweifen, die sich in der Spüle stapelten. Mit einem Wink seines Zauberstabes dividierte er Geschirr, Besteck und Töpfe auseinander und stapelte sie mit einem weiteren Schwung ordentlich auf der Arbeitsfläche auf. Anschließend drehte er kaltes und warmes Wasser auf, um im Spülbecken eine erträgliche Temperatur zu erzeugen. Eigentlich hasste er diese Armaturen, bei denen kalt und warm aus unterschiedlichen Hähnen kam, aber immerhin hatte Potters Ex sie so verzaubert, dass die Seife und der wohlige Duft, bereits dem Wasser beigemischt waren als es aus dem Hahn lief.

Unweigerlich drängten die Gedanken an seine Dusche am Morgen in Dracos Gedanken zurück, als er den Duft der Seife einatmete und er spürte, wie seine Wangen zu glühen begannen und die bequemen Hosen enger wurden.

„Also wie kann ich helfen?", ertönte Potters Stimme hinter ihm und riss ihn aus seinen Tagträumen. Dracos Mund war wie ausgetrocknet und er hoffte einfach, dass dem anderen Mann die leichte Röte und vor allem die Veränderung in Dracos Lendenbereich schlichtweg entgingen. „Oh… ja… hast du schon mal einen Selbst-Spül-Zauber gewirkt?", brachte er heraus, vermied es aber, sich zu Potter umzudrehen.

Dieser trat nun neben ihn an die Anrichte und schüttelte nur den Kopf. Draco seufzte und richtete seinen Zauberstab auf das Besteck. „Elue ultro". Auf seinen Befehl hin erhoben sich Messer, Gabeln und Löffel und schwebten von allein ins Becken, wo ein übereifriger Schwamm sie bereits erwartete. „Wenn das Besteck fertig ist, versuchst du es mit dem Geschirr. Aber achte darauf, dass du mit dem Zauberstab eine große Schleife machst, bevor du die Worte sagst, sonst brauchst du einen Satz neuer Teller", erklärte Draco und blickte zu Potter, der ihn ansah, als würde er ihn grade zum ersten Mal sehen. „Du siehst aus, als hätte ich mich vor deinen Augen in einen Knallrümpfigen Kröter (ich hoffe die hießen im Deutschen so XD) verwandelt", fügte er hinzu und grinste.

Potter schüttelte nur irritiert den Kopf, während seine Augen aufmerksam das Besteck beobachteten, das sauber wieder aus der Spüle hüpfte und von einem wartenden Küchentuch in Empfang genommen wurde. „Sorry… ich war kurz… abgelenkt", murmelte er, noch immer etwas abwesend.

„Merkt man. Du bist dran, das Besteck ist soweit fertig. Denk an die Schleife", antwortete Draco und trat einen Schritt zurück, um Potter platzzumachen. Dieser warf ihm einen letzten unsicheren Blick zu, bevor den Zauber sprach und die Teller sich eifrig auf den Weg in die Spüle machten. Es überraschte ihn nicht, dass Potter der Zauber gelang, da dieser eigentlich nicht sonderlicher schwer und Potter auch nicht gänzlich unbegabt war, immerhin hatte er es irgendwie zum Auror geschafft. Auf der anderen Seite hätte Harry Potter diese Ausbildung vermutlich auch bestanden, wenn er gänzlich untalentiert wäre, einfach nur seines Namens wegen.

„Also, du hast dich nächste Woche noch krank gemeldet?", fragte Draco und versuchte dabei so beiläufig wie möglich zu klingen, als er sich gegen die Arbeitsplatte lehnte und beide Hände, links und rechts des Körpers, um die Holzkanten legte.

Überrascht blickte Potter auf, die Augen verengt. „Woher weißt du das?", fragte er und klang plötzlich sehr wachsam.

„Liest du keine Zeitung? Jeder weiß es, weil der Prophet drüber schreibt", antwortete Draco, noch immer um einen lässigen Ton bemühte, als wäre ihm die jähe Anspannung in Potters Körper verborgen geblieben.

„Ich habe vor Jahren aufgegeben dieses Schundblatt zu lesen, Malfoy. Aber scheinbar hat Rita Skeeter noch immer nicht begriffen, wann man aufgeben muss", erwiderte Potter mit finsterem Blick, während er eine Hand im immer unordentlichen Haar vergrub. Die Geste war fahrig, etwas unkontrolliert und Draco empfand sie zu seinem Erstaunen mehr als… anregend. Er schluckte hart und drehte sich ruckartig um.

Jetzt beruhige dich wieder! Du musst professionell sein", forderte sein innerer Lucius.

Er konnte Potters Blick im Rücken spüren und griff schnell zum Zauberstab, mit dem er die Töpfe ins Spülbecken beförderte. So hatte er vielleicht einen Vorwand für seine plötzliche Reaktion.

Tatsächlich schien Potter damit zufrieden und versenkte gerade wieder die Hände in den Hosentaschen, als Draco sich ihm zuwandte. „Du bist eben nun mal der beste Kassenschlager, zumindest bis irgendjemand zur Abwechslung mal wieder eine Prophezeiung auspackt. Vielleicht solltest du Trelawney bestechen", scherzte er.

Potters Augen wurden hart, noch bevor Draco gänzlich zu Ende gesprochen hatte und er wünschte sich augenblicklich, er könnt die Worte wieder zurück in seinen Hals schieben und unausgesprochen machen. „Damit dann noch jemand mein Leben leben muss? Denkst du ich würde wollen, dass noch jemand das durchmachen muss, was ich durchmachen musste? Wie kann man nur so egoistisch sein", spie er und funkelte Draco verärgert an, ehe Potter ein einziges Wort nachsetzte, das Draco wie eine Ohrfeige traf. „Slytherins".

Gerade als Potter sich umdrehen wollte, um wütend den Raum zu verlassen, schien Draco aus seiner momentanen Starre zu erwachen und griff nach dessen Handgelenk. „Warte…", brachte er heraus und hätte sich am liebsten selbst geohrfeigt. „So war es nicht gemeint. Ich würde nicht wollen… dass jemand das durchmachen muss… ich… habe selbst sehr deutlich gesehen… wie der Krieg ist…". Er ließ Potters Handgelenk los und schob den linken Ärmel seines Kaschmirpullovers bis zum Ellenbogen hoch.

Sie waren blasser geworden, aber noch lange nicht verschwunden – die schwarzen Linien, die das Dark Mark auf seinem linken Unterarm bildeten, jenes Mahnmal für Dracos eigene Schwäche, für seine Fehlentscheidungen und seinen Ruin.

Potters Augen schienen wie magisch angezogen von den grotesken schwarzen Formen, die sich so überdeutlich von der blassen Haut abhoben. Fast konnte man glauben, die Schlange würde sich im nächsten Moment bewegen. Zaghafte, tastende Fingerspitzen berührten die empfindliche Haut und Draco musste ein Zusammenzucken unterdrücken. Die honigfarbene Haut schien so perfekt mit der seinen zu harmonieren und die Stellen, die Potter berührte prickelten als stünden sie unter Strom.

Ihre Blicke trafen sich und für einen Moment glaubte Draco hinter den Schatten vor den grünen Augen sehen zu können.

„Tat es weh?", fragte Potter, seine Stimme war kaum mehr, als ein Flüstern.

Draco schluckte hart, ohne den Blickkontakt zu lösen. „Es… wurde eingebrannt…", hauchte er, ebenso leise, während zärtliche Finger die Linien nachzeichneten.

Er jetzt schien Potter klar zu werden in welch… intimer… Situation sie da standen und er zog die Hand zurück, als hätte er sich verbrannt. „Ich… es tut mir leid… ich hätte nicht… es war selbstgefällig zu denken, ich wäre das einzige Opfer dieses Krieges…", sagte er mit heiserer Stimme.

„Das ist nicht selbstgefällig… was auch geschehen sein mag… keiner von uns… hat einen solch hohen Preis bezahlt… wie du…", hörte Draco sich selbst sagen und zuckte innerlich. Sagte er das alles wirklich nur dieses Jobs wegen? Oder dachte er das wirklich?

Einen Moment sah Potter ihn durchdringend und abwägend an, bis er langsam nickte. „Ich hätte nicht überreagieren sollen… es tut mir leid… ich fürchte ich bin etwas angespannt im Moment".

„Schon gut", antwortete Draco, drehte sich aber dennoch weg, um sein Gegenüber nicht weiter ansehen zu müssen. Die Stellen an denen er berührt worden war, schienen noch immer in Flammen zu stechen. Mit einem Wink seines Zauberstabes öffnete er die Küchenschränke und ließ die nun trockenen Utensilien hinein fliegen, gerade so als hätte es diesen intensiven Moment nie gegeben.

„Was möchtest du essen?", fragte er bemüht lässig und lehnte sich mit dem Rücken wieder gegen die Küchenanrichte. Potter schien von dem plötzlichen Themenwechsel überrumpelt zu sein und starrte ihn erstmal nur verständnislos an. „Wir wollten kochen, schon vergessen?", setzte Draco nach und versuchte aufmunternd zu lächeln.

„Oh, äh ja… wie wäre es mit etwas, das keine Pizza ist? Davon hab ich nämlich die letzte Woche gelebt", versuchte Potter zu scherzen und ließ sein Beinahe-Lächeln wieder sehen.

„Das ist sehr hilfreich, Potter. Wie wäre es mit Lasagne? Ist zwar auch italienisch aber wenn wir genug machen, kannst du morgen noch davon essen", erklärte Draco und rollte den rechten Ärmel seines Pullovers ebenfalls nach oben.

„Lasagne klingt gut und ich glaube es ist sogar noch Hackfleisch im Kühlschrank", antwortete Potter während er Dracos Bewegung imitierte.

„Im was?", fragte dieser und zog irritiert beide Augenbrauen hoch.

„Muggle Kühlmaschine", erklärte Potter und ging zu einem schrank-ähnlichen Gebilde aus Metall, dessen Tür er aufzog. Von innen schlugen Draco grelles Licht und eine unangenehme Kälte entgegen.

„Wozu soll das gut sein?", fragte er und beäuge die ungewöhnliche Maschine skeptisch.

„Es hält Lebensmittel kühl und damit länger haltbar", Potter klang beinahe amüsiert, als er nach dem Hackfleisch griff und die Tür wieder schloss.

„Dafür gibt es Zauber. So ein Ding braucht man nicht", beharrte Draco und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Ganz wie du meinst, Malfoy. Du musst ja nicht hier wohnen. Was ist nun, willst du kochen, oder rummosern?", wollte Potter wissen, während sich für die Dauer eines Herzschlagen so etwas wie Schalk in seinen Augen widerspiegelte. Vielleicht lag Draco mit seiner Strategie doch gar nicht so falsch, zumindest schien sein potenzieller Mandant langsam aufzutauen. Mit einem Grinsen stieß er sich von der Anrichte ab und trat dicht hinter Potter.

„Klar will ich kochen. Wo hast du deine Pfannen?"

Kapitel 4 Ende