6. Abwarten und Tee trinken

„Ich. Werde. Ihn. Kastrieren", zähneknirschend beugte sich Neville über die Berichte, die Charlie ihm hatte zukommen lassen.

„Gibt es hier eigentlich auch was anderes außer Tee?", gelangweilt rührte Ginny in ihrer Tasse herum, starrte aus dem Fenster und beobachtete die Schiffe auf der Themse. „Nen guten Kaffee oder so?"

Ruckartig fuhr Nevilles Kopf nach oben: „Was bitte ist an meinem Tee auszusetzen, Ginevra?"

Ginevra?", gluckste Ginny und hielt sich den Bauch. „Habe ich dich etwa beleidigt?"

„Das ist keine Antwort auf meine Frage!"

„Aber auf meine!", grinste Ginny frech und warf ein Kissen nach Neville. „Bist du so ein Tee-Fetischist, dass es dich kränkt, wenn ich nach einem Kaffee oder anderem Getränk frage? Ich mag einfach keinen Tee, egal wer ihn kocht!"

„Aufbrühen!", korrigierte Neville hastig. „Tee wird aufgebrüht!"

„Was genau sagen denn die Berichte?", warf Hermine eilig ein und schob Ginny ein Glas Leitungswasser zu.

„Die Berichte sagen so ziemlich gar nichts, Hermine!", aufgebracht wedelte Neville mit den Armen umher. „Es gibt keinen einzigen Anhaltspunkt, wie dieser Unbekannte ALLE Geheimdienste infiltrieren konnte. Nicht einen einzigen Fliegenschiss!"

„Warum soll es nur einer sein?", Hermine beugte sich stirnrunzelnd über die dichtbeschriebenen Pergamente. „Es gibt über hundert unterschiedliche Einrichtungen in verschiedenen Ländern mit unterschiedlichen Sicherheitsstandards. Ich glaube kaum, dass nur eine Person, ob Muggel oder Magier sei dahin gestellt, es schafft, all diese Organisationen innerhalb kürzester Zeit zu hacken."

„Es muss ja zumindest jemand sein, der sich mit Muggeltechnik auskennt, als auch die Zauber und Bannsprüche der magischen Institutionen umgehen kann."

„Eine Allianz?", Hermine hob fragen die Augenbrauen.

„Wie meinst du das?"

„Na, aus Muggeln und Magiern?"

„Hm. Ich notier das mal", Neville kratzte schnell Hermines Ideen auf ein Pergament und zauberte es an die Pinnwand. „Gibt es sonst noch spontane geistige Ergüsse?"

Luna und Ginny erwachten aus einer offensichtlich meditativen Phase und beäugten die mageren Punkte auf Nevilles Schautafel.

„Aber was genau beabsichtigt denn derjenige oder diejenigen mit dieser Aktion?"

„Ginny, wenn wir das wüssten!", Hermine schüttelte hilflos den Kopf und korrigierte den Sitz ihrer Brille. „Mit diesem Wissen um geheime Identitäten kann das ganze politische Konstrukt, welches ein halbwegs friedliches Miteinander auf der Erde sichert, in die Brüche gehen. Stell dir doch nur mal vor, Nordkorea bekommt die Agentenliste von Südkorea zugespielt. Die bomben sich doch schneller weg, als wir apparieren können!"

„Hm."

„Wenn die Regierungen untereinander erfahren, dass sie von diesen bestimmten Personen ausspioniert wurden, welches Wissen weitergetragen wurde und so weiter ... ach, ich mag da gar nicht weiter drüber nachdenken!", gestresst rieb sich Hermine die Schläfen und trank ihren Tee aus. Mit einem gehässigen Seitenblick auf Ginny schenkte Neville Hermine nach und richtete einen kleinen Keksteller für sie an.

„Wenn es doch aber gar keine Hinweise auf dieses Verbrechen gibt, wie kann man dann so sicher sein, dass es überhaupt stattgefunden hat?"

„Die verschwunden Personen", meldete sich Lunas leise Stimme. „Es sind weltweit verschiedene Agenten verschwunden und das hat die Organisationen aufmerksam werden lassen. Bei den Nachforschungen wurde festgestellte, dass die Daten kopiert oder abgerufen wurden, aber das WIE ist nach wie vor nicht geklärt."

„Korrekt", nickte Neville und schrieb weitere Notizen: „WIE konnten Daten entwendet werden? → keine Hinweise"

„Gibt es bei den Muggelgeräten eine virtuelle Tracking-ID? Oder eine Spur im WWW, die sich verfolgen lässt?", Hermine schaute in Nevilles große Augen und seufzte auf. „Ok, ich werde mich mal um die Muggeldienste kümmern."

„Äh, danke", Neville zupfte verlegen an seiner Krawatte und „Tracking-ID?" und „WWW?" erschienen auf der Pinnwand.

„Ok", sagte Neville mit einem Blick auf seine Planetenarmbanduhr. „Ich schlage vor, wir treffen uns morgen Abend wieder hier, um unsere Ergebnisse zusammen zu tragen. Vielleicht kommt ja über Nacht noch der ein oder andere Geistesblitz. Luna, ich möchte bitte, dass du dich mal in der Verlagsszene umhörst, ob dort jemand diverse Informationen eingespielt hat."

„Kein Problem, Neville."

„Hermine, du bleibst bitte bei den Muggeln am Ball. Ich bin da ehrlich gesagt noch nicht ganz so beflissen, wie du."

„Ich höre mich morgen mal bei den Oxford-Studenten um, ob es was auf Facebook, Twitter, Google oder YouTube gibt", mit flinken Fingern zog Hermine ein glänzendes flaches Gerät aus der Hosentasche, und tippte mit spitzen Fingern darauf herum. Stumm betrachteten die anderen ihr Tun und richteten sich neugierig auf. „So, Erinnerung gespeichert."

„Muggeltechnik?"

„Vom Feinsten!", grinste Hermine und schob ihr Smartphone zurück in die Gesäßtasche.

„Ich werde mich über Charlie mit den magischen Geheimdiensten in Verbindung setzen", überlegte Neville, „und dann sehen wir weiter."

„Und was kann ich tun?", fragte Ginny enthusiastisch und erntete einen abschätzenden Blick von Neville.

„Abwarten und Tee trinken!"