9. Die Erde bebt
Die junge asiatische Agentin lag mit offenen Augen und weit aufgerissenem Mund auf einer Parkbank und wurde auch durch die brennende Mittagssonne nicht mehr warm. Mit gerümpfter Nase beugte sich Neville über die Leiche.
„Hino Miyaki. Erster Todesfall eines verdeckten Muggel-Ermittlers", diktierte Neville seiner Flotte-Schreibe-Feder, die eifrig alles auf einem Endlos-Pergament notierte. „Opfer ist weiblich, asiatischer Herkunft und vermutlich um die dreißig Jahre alt. Gewesen."
Prüfend ließ er seinen Blick über den Tatort schweifen und schloss einen kurzen Moment die Augen.
„Die Mimik zum Todeszeitpunkt lässt auf ein Gewaltverbrechen schließen, jedoch sind keinerlei Einflüsse äußerer Gewalt an der Leiche zu erkennen. Weiteres wird die Autopsie ergeben müssen. Wir befinden uns in einem abgelegen Teil unter den Bäumen des Koraku Parks, mitten in Tokyo, Japan. Der japanische Tee ist eine Klasse für sich, aber hat mit diesem Fall nichts zu tun."
Die Feder strich schnell den letzten Satz auf dem Pergament durch und wartete auf den nächsten Einsatz.
„Es sind in etwa 30 Grad Celsius um elf Uhr Ortszeit. Die Leiche hat keinerlei Verwesungsspuren oder Gerüche abgesondert. Auch hier muss eine gründliche Untersuchung in der Autopsie erfolgen."
„Wer wird diese Autopsie durchführen?", fragte Ginny und hielt sich die Hand vor den Mund. Sie stand außerhalb von Nevilles Bannkreis, um den möglichen Tatort nicht mit ihrer Anwesenheit zu verunreinigen.
„Wir", übernahm Hermine die Antwort und Ginny schüttelte sich.
„Was, wenn das nicht die einzige Leiche bleibt? Wo wollen wir die denn lagern? Hat unser Büro eine Leichenhalle?"
„Noch nicht", murmelte Neville leicht abwesend. „Ich hatte gehofft, dass wir keine brauchen. Sollte allerdings noch jemand von unseren Agentenlisten tot aufgefunden werden ... nun, ihr wisst ja die Liste ist länger als mein ... nun, sie ist sehr lang."
„Oh mein Gott, Neville, du hast ja richtig guten Humor!", Ginny schlug sich kichernd die Hände vors Gesicht. „Ich fühle mich, als hätte ich herausgefunden, dass mein Lieblingslied von einem Sandwich handelt."
„Was es womöglich auch tut", erwiderte Neville trocken und verstaute die Leiche in einem Appariersack, in dem sie nicht zersplintern konnte. „Hermine, bitte appariere mit der Leiche über Moskau in unser Office, ich muss den Tatort noch einmal abscannen."
„Ist gut", Hermine nickte und zauberte sich den schwarzen Sack heran.
„Warum ist er so gemein zu mir?", flüsterte Ginny Hermine zu.
„Jeder hat ab und zu das Recht auf ein wenig Leichtsinn", zwinkerte Hermine und disapparierte.
„Ginny!", brüllte Neville und die Angesprochene zuckte unwillkürlich zusammen. „Schwing dich mal in die Luft und mach mit der TLC ein paar Aufnahmen von oben. Ich will wissen, wie der Tatort gelegen ist und ob sich was aufzeichnen lässt."
„Wenn der Mörder ein Zauberer war ist das doch scheißegal", murrte Ginny und flog nach oben. „Der kommt und geht wann und wie er will!"
„Ach!", patzte Neville. „Damit kennst du dich ja gut aus!"
„Mit Mord?!"
„Vergiss es, Ginny. Es ist fraglich, ob der Mörder ein Zauberer war. Alles spricht dafür, aber ich finde keine Spuren von Magie an diesem Tatort."
Ginny landete mit den Aufnahmen der Time Lapse Camera hinter der Absperrung. Hermine hatte am gestrigen Abend diese neue Erfindung vorgestellt, doch niemand hätte auch nur ansatzweise geahnt, dass sie am nächsten Morgen bereits zum Einsatz kommen würde. Die Time Lapse Camera, kurz TLC, konnte den fotografierten Ort anhand der in der Luft befindlichen Partikel zurück in die Vergangenheit versetzen. Allerdings beschränkte sich das Ereignis nur auf die Orte und nicht auf die Personen, welche nur als Schatten angezeigt wurden.
„Zeig mal her", Neville und Ginny steckten die Köpfe zusammen und schauten auf das Display der TLC. Der Koraku Park lag im nächtlichen Mondschein vor ihnen und auf der Parkbank lag der graue Schatten, der toten Agentin.
„Sie lag bereits heute Nacht hier auf der Parkbank?", Ginny schaute Neville verwundert an. „Das hier ist Tokyo, da hätte man sie doch sicher entdeckt!"
„Hmm", machte er und vergrößerte den Bildausschnitt mit der Parkbank, in dem er mit Daumen und Zeigefinger hinein zoomte, wie Hermine es ihnen gezeigt hatte. „Schau mal die Umrisse des Schattens."
„Der ist ja viel breiter und länger, als es die Agentin war!"
„Genau", Neville rieb sich grübelnd das Kinn. „Entweder hier lag heute Nacht ein Obdachloser. Oder unsere Leiche war in eine andere Gestalt verzaubert."
„Was dann wieder auf einen magischen Täter hinweisen würde, da das Opfer ein Muggel ist", kombinierte Ginny.
„Sehr gut", nickte Neville. „Das ist von höchster Wichtigkeit und muss irgendwie überprüft werden."
„Ich werde heute Nacht hier her apparieren und schauen, ob diese Bank dort Schlafstätte eines Obdachlosen ist", überlegte Ginny. „Ist ja schon ganz nett hier, im Vergleich zu Tokyos Straßen."
„Das denke ich auch", nickte Neville und steckte die TLC weg. „Lass uns schnell zurück nach London und uns mit den anderen beiden beratschlagen. Du apparierst über Dubai und ich appariere über Wien."
Ginny nickte und schaute sich ein letztes Mal den Tatort an, bevor sie verschwand. Neville belegte seinen Bannkreis mit einem Countdown, der den Tatort für Zivilisten wieder frei gab, so bald er disappariert war.
Tokyo war nicht London.
