11. Akten wälzen

„Agentin Hino Miyaki war also von ihrem Fall abgezogen worden?", Neville starrte Löcher in die Luft und versuchte sich einen Reim aus der Akte der toten Asiatin zu machen. „Was hat sie dann noch dort zu schaffen gehabt?"

„Sie hat doch in Japan gelebt?", fragte Ginny mehr, als dass sie antwortete.

„Natürlich, aber nicht in Tokyo."

„Vielleicht wollte sie untertauchen, nachdem bekannt wurde, dass die Daten aller Geheimagenten geklaut wurden?"

„Woher sollte sie das gewusst gehaben?", Hermine starrte in ihre Teetasse, als ob dort die Antwort auf alle Fragen herum trieb. „Ich glaube nicht, dass die Geheimdienste ihren Agenten da sofort eine Warnung gegeben haben. Die überprüfen selber erst ein Mal alle die Lage und spionieren sich weiter fleißig aus."

„Aber jetzt ist der erste Mord passiert", rief Ginny.

„Genau, und ich schätze dass gerade mal ein Prozent aller Geheimdienste überhaupt in Erwägung ziehen würden, dass Hino Miyaki eine verdeckte Ermittlerin war. Gemordet wird ja nun immer auf dieser schönen Welt!"

„Die komplette Liste haben angeblich nur wir von Charlie erhalten", murmelte Neville und trank einen Schluck Tee. „Wobei wer weiß schon, was da noch für Lücken klaffen. Vertrauen können wir niemandem, auch Charlie nicht."

„Hat er sich eigentlich mal wieder gemeldet?", fragte Hermine und Neville nickte leicht abwesend.

„Er hatte mir die Leiche gemeldet und sich später nach Ergebnissen erkundigt. Ich habe ihm keine Details erzählt und wenn ich ehrlich bin, dann weiß ich auch nicht wirklich etwas mit der Akte anzufangen."

„Was steht denn drin?", Ginny beugte sich neugierig über das flache Sammelsurium an Blättern der fein säuberlich geführten Muggel-Akte. „Igitt, das ist ja alles japanisch!"

„Benutze die AR-Brille, Ginny", seufzte Neville und Ginny kramte ihre Brille hervor. „Mit Genie hat dein Name wirklich nichts zu tun, auch wenn er so ähnlich klingt!"

„Warum hackst du ständig auf mir rum?", fauchte Ginny und überflog dank des integrierten Übersetzers der AR-Brille die Akte.

„Du lädtst förmlich dazu ein", Neville zuckte mit den Schultern und Hermine versteckte sich hinter ihrer Tasse Tee.

„Geht es immer noch darum, dass ich keinen Tee trinken mag?"

Neville schwieg und Ginny knallte die Akte auf den Tisch.

„Ich liebe diese Momente", ätzte sie. „Ich winke ihnen gerne zu, wenn sie vorbei ziehen!"

„Was sie bei dir sehr, sehr langsam tun", murmelte Neville in seine Tasse und konnte sich ein Grinsen nicht ganz verkneifen.

„Das macht du doch mit Absicht?"

„Ja, es macht mir Spaß!"

„Jetzt weiß ich auch, warum ich in diesem Team von Superhirnen sitze", brauste Ginny auf und kleine Tränen glitzerten in ihren Augenwinkeln. „Als Spottdrossel und Hau-Drauf-Troll!"

Sichtlich verletzt sprang Ginny auf und pfefferte ihre AR-Brille auf den Tisch, nur um sogleich zur Tür zu stürmen.

„Ginny warte!", rief Hermine und hastete hinter ihr her.

„Wenigstens auf dem Besen rumhampeln kann ich besser als ihr alle!", brüllte Ginny und knallte die Tür hinter sich zu. Als Hermine sie wieder aufriss war Ginny bereits verschwunden.

„Super, Neville!", lobte Hermine sarkastisch und blickte ihn vorwurfsvoll an.

„Früher hatte sie ein dickeres Fell", meinte Neville entschuldigend.

„Früher wurde sie auch nicht so von dir gepiesackt", grummelte Hermine und starrte hinter Neville ein Loch in die Luft. „Also, warum hast du sie in dieses Team geholt, wenn du sie doch so wieso wieder rausekeln willst?"

„Ich will sie nicht rausekeln!", Neville schaute auf seine Hände und kontrollierte die Länge seiner Fingernägel. Ja, sie könnten mal wieder...

„Ginny ist sehr wichtig für unser Team, nur leider hat sie das noch nicht begriffen", erklärte er. „Sie ist eine ausgezeichnete Fliegerin, und im Duellieren oder Anwenden von Flüchen konnte ihr schon damals keiner was vormachen. Sie ist perfekt für Fronteinsätze, die Geschick und Mut verlangen. Sie ist schnell, wendig und gewitzt. Ich traue ihr zu, auch in größter Gefahr einen klaren Kopf zu bewahren. Sie wird öfter brenzlige Situationen für uns ausspionieren müssen und Informationen sammeln."

„Es wäre Balsam für ihre Seele, Neville. Und das kannst du ihr nicht einfach persönlich sagen?"

„Klar kann ich das", grinste Neville, „aber ich ärgere sie einfach viel zu gerne!"

„Du bist ein Arsch", lachte Ginny plötzlich hinter Neville auf und er zuckte ertappt zusammen. „Also hatte ich Recht mit dem Hau-Drauf-Troll."

„Nein", knirschte Neville, „du sollst dich am besten gar nicht erst verprügeln oder verfluchen lassen. Am besten machst du das mit den anderen zu erst."

„Gerne, Herr Kommandant", Ginny tätschelte ihm die Schulter. „Wenn ich denn mal so einen Einsatz zugeteilt bekommen würde!"

„Die kommen noch früh genug."

„Kommt", lenkte Hermine zufrieden ein, „lasst uns nochmal diese Akte auf irgendetwas Auffälliges untersuchen. Vielleicht finden wir ja doch noch etwas."

„Einen Glückskeks?"