Die Heilerin war eine junge Frau namens Alexandra und besuchte Hermine drei Tage nach ihrem ersten Zusammentreffen mit Rabastan Lestrange. Sie untersuchte Hermines Lunge, erkundigte sich nach ihrem allgemeinen Zustand und gab ihr weitere Heiltränke, die sie täglich einnehmen musste. Hermine fühlte sich stetig besser und bald hatte sie genug Kraft, um vom Bett aufstehen zu können. Den Todesser sah sie mehrere Tage nicht und war insgeheim froh darum. Sie wusste nicht, wie sie mit ihrer neuen Lage umgehen sollte. Da sie jeden Morgen im gleichen Zimmer, im gleichen Haus aufwachte, musste sie wohl davon ausgehen, dass das Ganze kein böser Albtraum oder übler Scherz war, sondern dass sie tatsächlich im Anwesen der Familie Lestrange und unter der Obhut von Rabastan Lestrange war.

Tag für Tag zerbrach sie sich den Kopf darüber, was das alles sollte. Warum war sie hier? Was wollte der Todesser von ihr? Sie zu töten war offenbar nicht seine Absicht, denn dann hätte er längst die Gelegenheit dazu genutzt. Hermine konnte nicht sagen, warum sie so fühlte, aber sie war sich sicher, dass er sie nicht angelogen hatte, als er gesagt hatte, sie stünde fortan unter dem Schutz seiner Familie. Was immer das auch bedeuten mochte. Er hatte sie aus Askaban gerettet, er sorgte dafür, dass sie wieder gesund wurde und etwas zu essen bekam. Und er war freundlich und nett zu ihr. Es hatte nicht den Anschein, als wolle er ihr irgendetwas Böses. Aber genau dieses Verhalten gab Hermine Rätsel auf.

Sie hatte gedanklich schon alles zusammengetragen, was sie über Rabastan Lestrange wusste, und war zu dem Schluss gekommen, dass er als Reinblüter und Todesser eigentlich keine sonderlich hohe Meinung von Hermine als muggelgeborener Hexe haben konnte.

Hermines Welt stand buchstäblich Kopf. Seit sie, Harry und Ron gemeinsam auf die Suche nach den Horkruxen gegangen waren, war die Welt für Hermine klar in Gut und Böse, Freund und Feind aufgeteilt. Dass ausgerechnet jemand von der dunklen Seite ihr Lebensretter sein sollte, damit hatte sie so ihre Probleme. Damit konnte sie sich nicht wirklich anfreunden. Allgemeines Misstrauen begleitete sie fortan. Sie verstand die Welt nicht mehr.

Da es ihr besser ging, wollte sie nicht länger im Bett bleiben und erkundete das Zimmer. Durch das Fenster hatte sie eine wundervolle Aussicht auf den verschneiten Garten. An ihr Zimmer grenzte das luxuriöseste Bad, das sie jemals gesehen hatte. Die Badewanne war aus echtem Marmor und der Wasserhahn am Waschbecken sogar vergoldet. Hermine war sofort angetan davon, bis sie merkte, dass das alles ja der Familie Lestrange gehörte. Bei dem Gedanken nach einem heißen Bad, hatte sie schon ganz vergessen, in wessen Haus sie sich eigentlich befand. Zuerst unterdrückte sie deshalb das Bedürfnis nach einem Bad, irgendwann jedoch fühlte sie sich in ihrer Haut zu unwohl. Ihre Haare waren nach so langer Zeit im Bett strähnig und unansehnlich. Außerdem hatte sie wegen des Fiebers sehr viel geschwitzt und fühlte sich schmuddelig. Ihr Gastgeber hatte die Hauselfen angewiesen, ihr alles zu bringen, was sie brauchte. So kam es, dass Hermine die kleine Tipsi nur herbeizurufen brauchte.

„Wünschen Ms. Granger vielleicht etwas zu Essen oder ein Bad zu nehmen?"

„Ich würde gerne ein Bad nehmen", sagte Hermine vorsichtig.

Wenige Augenblicke später lag sie bereits im warmen Wasser. Neben der Wanne lagen flauschige Handtücher und ein Bademantel. Ihren Schlafanzug, den sie die letzten Tage getragen hatte, gab sie in die Wäsche. Als sie sich in der Wanne entspannte, fiel ihr ein, dass sie ja gar keine Kleidung mehr hatte. All ihre Habseligkeiten waren vom Ministerium konfisziert worden und das schloss auch ihre Kleidung mit ein. Tipsi versicherte ihr, dass sie sich keine Sorgen machen musste. Der Herr hatte bereits entsprechende Vorkehrungen getroffen.

Als Hermine nach ihrem Bad den großen Kleiderschrank in ihrem Zimmer öffnete, staunte sie nicht schlecht. Rabastan Lestrange hatte tatsächlich an alles gedacht. Sie fand eine komplette Garderobe für sich vor. Wie auch immer er es geschafft hatte, alles auszusuchen, war Hermine ein Rätsel, aber beschweren wollte sie sich nicht. Sie hatte alles, was sie brauchte. Natürlich nur Zauberer- aber keine Muggelkleidung. Jedes der unzähligen Kleider war teurer und eleganter als das andere und die Umhänge waren aus edlem Stoff. Sie wusste gar nicht, was sie tragen sollte. Normalerweise war Hermine etwas schlichter, wenn es um ihre Kleidung ging, und begnügte sich mit Jeans und Pullover. Nachdem sie eine Viertelstunde ratlos vor dem großen Schrank gestanden hatte, entschied sie sich schließlich für ein knöchellanges, dunkelgrünes Kleid mit langen Ärmeln. Sie fühlte sich komisch darin, aber vorübergehend war es besser als nichts. Schon jetzt sehnte sie sich nach ihrer alten Kleidung.

Nach dem Bad fühlte sich Hermine deutlich besser und frischer. Während sie sich vor dem Spiegel in ihrem Zimmer begutachtete, fiel ihr auf, dass sie immer noch blass und abgemagert war. Das Kleid stand ihr zwar gut, doch war es stellenweise etwas zu weit. Die dunklen Ringe unter ihren Augen waren zwar schwächer geworden, waren aber immer noch deutlich sichtbar. Als ihre Hände das Kleid an ihrer Taille glattstrichen, spürte sie ihre Knochen. Ihre Rippen und Hüften waren deutlich zu ertasten. Während ihrer anderthalbjährigen Flucht hatte sie viel abgenommen, aber es war ihr nie richtig bewusst geworden, wie dünn sie geworden war. Es war kein Wunder, dass die Heilerin so um ihre Gesundheit besorgt gewesen war. Hermine konnte von Glück reden, dass sie überhaupt wieder gesund geworden war. Wenn sie länger in Askaban geblieben wäre, hätte sie die Lungenentzündung wahrscheinlich nicht überlebt.

Sie war Rabastan Lestrange wohl zu Dank verpflichtet.

Tipsi erschien wieder im Raum. „Hat die junge Miss schon ihren Trank eingenommen?"

Den hatte Hermine beinahe vergessen. Sie ging zu ihrem Nachttisch, öffnete die Schatulle, die die Heilerin ihr dagelassen hatte und entnahm eine kleine Glasphiole. Der Trank schmeckte fürchterlich und Hermine verzog vor Ekel das Gesicht. Die Wirkung trat jedoch sofort ein. Sie konnte besser durchatmen und der Trank schien sich wie ein wohltuender Balsam auf ihre gereizten Lungen zu legen.

„Wie spät ist es?", wollte sie von der Hauselfe wissen.

„Es ist beinahe sechs Uhr", erklärte Tipsi. „Ich werde der jungen Miss ihr Essen bringen."

„Danke, ja", sagte Hermine.

„Der Herr wünscht außerdem, die junge Miss zu sehen."

Hermine erstarrte. Sie war so froh, dass der Todesser sie nicht mehr besucht hatte und sie allein gewesen war. Was sollte sie tun oder sagen? Bevor sie Tipsi zurückhalten konnte, war die Elfe bereits verschwunden.

Erschöpft setzte sich Hermine auf ihr Bett. Tipsi hatte die Bettwäsche gewechselt und eine Tagesdecke auf das Bett gelegt, während Hermine im Bad gewesen war. Die Decke war in den Farben des Hauses Slytherin, Grün und Silber, gehalten. Angst beschlich sie ob der bevorstehenden Begegnung mit dem Todesser. Auch wenn er nett und freundlich zu ihr war, flößte Rabastan Lestrange ihr große Angst ein. Er war ein Todesser, der zu allem fähig war. Er hatte Menschen in den Wahnsinn gefoltert und wer weiß wie viele getötet. Sie wollte ihn nicht bei sich im selben Raum wissen. Wenn er ihr nur ein paar Meter zu nah kam, meldete sich ihr Fluchtinstinkt. Dummerweise saß sie in einer Mausefalle. Und ohne Zauberstab war sie ohnehin wehrlos.

Als es klopfte, machte Hermine vor Schreck einen Luftsprung. Stocksteif und mit pochendem Herzen saß sie da und wartete. Rabastan Lestrange war heute in einen dunkelblauen Umhang gekleidet, der ihm etwas Erhabenes verlieh. Schon bei ihrer ersten Begegnung vor ein paar Tagen hatte Hermine die Aura von Macht gespürt, die ihm umgab. Sie fühlte sich neben ihm klein und eingeschüchtert. Dennoch musste sie zugeben, dass er ein gutaussehender und attraktiver Mann war. Das Blau, das er heute trug, stand ihm gut. Es hatte nicht die Härte von Schwarz.

Am liebsten wäre Hermine im Boden versunken oder hätte sich unsichtbar gemacht. In einem offenen Raum war das jedoch problematisch. Irgendwie hatte sie die kindlich-naive Hoffnung, wenn sie sich nur ganz still und unauffällig verhielt und einfach nur dasaß, dass er sie dann nicht sehen und sie nicht ansprechen würde. Natürlich war das idiotisch.

Als Lestrange zur Tür hereinkam, fiel sein Blick sofort auf Hermine, die auf ihrem Bett saß. Er lächelte freundlich und nickte ihr zu. Hermines Wangen wurden heiß und sie spürte wie ihr die Schamesröte ins Gesicht stieg. Schnell wandte sie ihren Blick nach unten.

„Ihnen scheint es viel besser zu gehen, das freut mich", sagte der Todesser. „Und wie ich sehe, haben Sie bereits das Bad benutzt und den Kleiderschrank gefunden. Das Kleid steht Ihnen sehr gut, Ms. Granger."

Hermine wich peinlich berührt seinem Blick aus. „Haben Sie die ganzen Sachen für mich gekauft?", fragte sie leise und schüchtern.

„Ich hatte zugegeben Hilfe dabei, aber ja. Ich habe Ihnen eine anständige Garderobe besorgt."

„Wo sind meine Sachen?", wollte Hermine wissen.

„Das Ministerium hat Ihre Habseligkeiten durchsucht. Als Sie ins Gefängnis kamen, wurden die Sachen… vernichtet. Es tut mir Leid. Deshalb habe ich mir die Mühe gemacht, Ihnen etwas Neues zu besorgen."

Es traf Hermine, dass man ihr ihre privaten Sachen weggenommen hatte. Sie hatte Bücher und Erinnerungsstücke an Harry und Ron bei sich gehabt. Nun, da sie nichts mehr aus ihrem alten Leben besaß, fühlte sie sich einsam und verlassen. Sie war verloren in einer fremden, feindlichen Welt.

„Ich kann verstehen, dass das alles im Moment sehr schwer für Sie ist und auch ein bisschen viel", sagte Rabastan. „Sie haben alle Zeit der Welt, sich einzugewöhnen. Ich bin jetzt erstmal froh, dass es Ihnen besser geht. Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen das Haus zeigen. Wie ich hörte, lesen Sie gern. Wir haben eine sehr umfangreiche Bibliothek. Interessiert?"

Hermine wusste nicht, was sie sagen solle. Jede andere Bibliothek hätte sofort ihr Interesse geweckt, doch eine Bibliothek in Anwesen eines Todessers gehörte nicht zu den Orten, die sie erforschen wollte. Kaum merklich schüttelte sie den Kopf.

„Wie Sie möchten. Sie dürfen Ihr Zimmer jederzeit verlassen. Vielleicht steht Ihnen ja später der Sinn danach, sich im Haus umzusehen", sagte Rabastan. „Ich bin unten im Salon. Wenn Sie etwas brauchen, wenden Sie sich an die Hauselfen."

Er verließ das Zimmer und ließ Hermine wieder allein.


Es dauerte ein paar Tage, bis sich Hermine endlich traute, ihr Zimmer zu verlassen. Sie brauchte schon fast eine Stunde, bis sie sich überwinden konnte, den Türknauf anzufassen und herumzudrehen. Beinahe fürchtete sie schon, die Tür könnte womöglich verhext sein und sie davon abhalten, aus dem Raum zu treten. Zu ihrer Überraschung geschah nichts dergleichen. Rabastan hatte nicht gelogen. Sie durfte den Raum tatsächlich verlassen.

Die Flure waren mit einem edlen Teppich ausgelegt. An den Wänden hingen Portraits von Personen, die Hermine nicht kannte. Sie vermutete, dass es Vorfahren von Rabastan Lestrange waren. Die Männer und Frauen warfen ihr abschätzige Blicke zu, so als billigten sie Hermines Anwesenheit im Haus nicht. Sie glaubte, ein paar Mal das Wort „Schlammblut" und „Schande" zu hören. Hermine entschloss sich, die Kommentare über sich zu ignorieren und stattdessen das Haus zu erkunden.

Sie folgte dem Flur und kam zu einer großen Treppe, die nach unten ins Erdgeschoss führte. Zuerst wollte Hermine schon nach unten gehen, doch dann entschied sie sich dagegen. Sie zog ihren Fuß, den sie bereits auf die obere Stufe gesetzt hatte, zurück. Sie wollte noch nicht nach unten gehen. Womöglich war Rabastan dort und ihm wollte sie nicht über den Weg laufen. Sie beschloss, die Bibliothek zu suchen, von der der Todesser gesprochen hatte, und sich dort umzusehen. Vielleicht fand sie ja dort endlich eine Beschäftigung.

Die Bibliothek war ein hoher Raum, wo sich Bücherregale mit dicken, schweren Büchern auf zwei Stockwerken nebeneinanderreihten. Am Kamin standen ein gemütliches Sofa und mehrere einladende Sessel. Links und rechts führten zwei Holztreppen nach oben auf eine Balustrade. Hermine staunte nicht schlecht, als sie an den Bücherregalen entlangschritt und die gigantische Auswahl an Lexika, Geschichtsbüchern, Romanen und vielem mehr sah. Wer auch immer die Bibliothek aufgebaut und all die verschiedenen Bücher ausgewählt hatte, musste neben Wissensdurst und Kenntnis über Kunst, vor allem auch Sammelleidenschaft besessen haben. Hermine sah viele Bücher, die offiziell längst vergriffen waren oder teils mehrere hundert Jahre alt waren. Sie mochte sich den Wert mancher Bücher gar nicht vorstellen. Wahrscheinlich waren sie unbezahlbar. Sie war nicht überrascht, als sie viele Werke über schwarze Magie entdeckte. Die Familie Lestrange hatte nicht umsonst den Ruf, in dunkle Magie verstrickt zu sein. Was sie jedoch überraschte, waren die unzähligen Bücher von Muggelautoren. Sie fand ganze Regalreihen voll mit den wichtigsten Werken der Philosophie der Muggel. Offenbar hatte es auch Zeiten gegeben, in denen sich die reinblütige Gesellschaft nicht gegenüber der Muggelwelt abgeschottet hatte.

Als sie die unteren Regale durchgesehen hatte, schritt Hermine die Treppe nach oben in die zweite Etage. Hier fand sie Bücher über Zaubertränke, magische Rituale, Drachen und vieles mehr. Sie griff ins Regal und nahm sich ein Buch über Zaubersprüche heraus, das sie lesen wollte. Gerade wollte sie nach unten zum Sofa vor dem Kamin gehen, als sie eine enggewundene Wendeltreppe entdeckte, die nach oben in einen kleinen Dachboden führte. Interessiert sah sich Hermine um.

Der kleine Dachboden war niedrig, sodass sie mit gesenktem Kopf gehen musste. Kissen und Decken lagen verteilt am Boden. Durch das große, dreieckige Fenster hatte man einen atemberaubenden Ausblick auf den schneebedeckten Garten hinter dem Anwesen. Hermine gefiel es auf Anhieb hier oben und sie beschloss, sich auf eines der Sitzkissen zu setzen und ihr Buch hier zu lesen. So abgeschieden und gut versteckt lief sie wenigstens nicht Gefahr, ihrem zweifelhaften Gastgeber über den Weg zu laufen.


Rabastan war schon lange nicht mehr in Hogsmeade geschweige denn im Eberkopf gewesen. Wie üblich war der Pub so gut wie leer. Das war schon während Rabastans Schulzeit so gewesen und er fragte sich auch heute noch, wie der Laden überhaupt überleben konnte. Der Besitzer, Aberforth Dumbledore, der in der Schlacht von Hogwarts Partei für Harry Potter ergriffen hatte, hatte nach dem Ende des Krieges wie viele andere auch, die Niederlage eingestehen und sich den neuen Gegebenheiten fügen müssen. Er verhielt sich ruhig und man konnte ihm keine Verbindungen zum Widerstand nachweisen, weshalb er in sein altes Leben zurückkehren durfte. Er missbilligte trotzdem die Anwesenheit von Todessern in seinem Pub. Er bewahrte Stillschweigen, um keinen Ärger mit dem Ministerium zu bekommen, doch an seinem Gesichtsausdruck war abzulesen, welche Verachtung er für die Todesser hegte. Als Rabastan den Pub betrat, stand der jüngere Dumbledore hinter dem Tresen und schenkte einer zwielichtigen, maskierten Gestalt ein Bier aus. Ihre Blicke kreuzten sich kurz. Rabastan brauchte sich nicht zu verstecken oder darauf zu hoffen, dass man ihn nicht erkennen würde. Sein Gesicht war in der Öffentlichkeit bekannt. Aberforth begrüßte ihn nicht und beachtete ihn auch nicht weiter, aber das hatte Rabastan auch nicht erwartet.

Rabastan steuerte sogleich einen Tisch in einer Ecke an, an dem bereits ein Mann saß und auf ihn wartete.

„Antonin."

„Rabastan, lange nicht gesehen."

Sie gaben sich die Hände und Rabastan nahm gegenüber von seinem Todesserkollegen Platz.

„Ich habe mir erlaubt, dir ein Getränk zu bestellen", sagte Dolohow und schob Rabastan ein Glas Feuerwhiskey zu.

„Danke, das kann ich gebrauchen", sagte Rabastan und nahm sofort einen kräftigen Schluck.

„Wie geht's dir? Ich habe gehört, ihr seid heil aus Ägypten zurück?"

„Danke, gut. Ja, wir sind gestern angekommen", sagte Dolohow. „Der Rückweg war dann doch ein bisschen länger, als wir gedacht hatten, weil sich so ein paar Vampire eingebildet haben, sie könnten uns Ärger machen. Wir sind aber gut durchgekommen."

„Wie war Ägypten?", fragte Rabastan interessiert. Er hatte das Land im Nahen Osten noch nie besucht. „Habt ihr die Pyramiden gesehen?"

„Ja. Nachdem wir unseren Auftrag erledigt hatten, haben wir die Gelegenheit ergriffen, uns die alten Schätze mal anzusehen. War wirklich interessant. Leider hatten wir nicht so viel Zeit, weil unser Auftrag ja wichtiger war."

Dolohow und Macnair waren vor einiger Zeit vom Dunklen Lord nach Ägypten geschickt worden, um einen Auftrag zu erledigen. Um was es dabei ging, wussten nur die wenigsten. Auch Rabastan hatte nur lose am Rande mitbekommen, dass es um ein paar bedeutende alte Artefakte gegangen war.

„Wir sind gleich hierher nach Hogwarts gekommen, um den Dunklen Lord Bericht zu erstatten. Deshalb übernachte ich einmal hier in Hogsmeade."

„Verstehe. Warum ausgerechnet hier im Eberkopf?"

„Die Drei Besen sind voll, die hatten kein Zimmer mehr", erklärte Dolohow. „Und wie sieht es eigentlich bei dir aus? Wir haben uns seit der Gerichtsverhandlung nicht mehr gesprochen. Was ist mit Hermine Granger in der Zwischenzeit passiert?"

„Sie kam für kurze Zeit nach Askaban. Wo sie beinahe gestorben wäre."

„Tatsächlich? Was ist passiert?"

„Sie war schwer krank. Lungenentzündung, der Klassiker halt in Askaban. Ich hab sie zu mir genommen und unsere Heilerin hat sie gesund gepflegt. Mittlerweile ist sie wieder wohlauf. Es geht ihr besser. Du hättest das Mädchen sehen müssen. Sie war praktisch zum Skelett abgemagert und halb erfroren. Merlin sei Dank ist sie über den Berg. Sie isst und ihre Lungen haben keinen Schaden genommen."

Dolohow nickte. „Der Dunkle Lord wäre nicht begeistert gewesen, wenn sie gestorben wäre."

„Das vermute ich auch."

„Ich verstehe nur eines nicht. Der Dunkle Lord will sie doch. Jetzt haben wir sie, aber er schert sich nicht um sie."

„Ich weiß es nicht", musste Rabastan zugeben. „Ich weiß nicht, was sie sich der Dunkle Lord denkt. Ich soll sie nur aufbewahren, bis er sie braucht. Wann immer dieser Zeitpunkt auch sein wird."

Rabastan sah gedankenverloren auf sein Glas hinab. „Du kannst dir ja wahrscheinlich vorstellen, wie sie reagiert hat, als sie gemerkt hat, wo sie ist und wer sie gerettet hat."

Dolohow grinste und lachte leise auf. „Bildhaft. Was hast du ihr denn erzählt?"

„Wir kamen noch nicht sonderlich viel zum Reden. Sie vergräbt sich in ihrem Zimmer und will nicht rauskommen. Ich habe ihr gesagt, dass sie sich im Haus frei bewegen darf, aber… Ich glaube sie hat ein bisschen Angst, mir über den Weg zu laufen. Wir kommunizieren sozusagen über die Hauselfen."

„Warum wohl?", meinte Dolohow scherzhaft. „Aber pass auf, nicht dass sie dich noch um deine Hauselfen bringt. Ich habe gehört, die Kleine hat ein Herz für die Rechte unterdrückter magischer Wesen."

„Ja, das ist mir auch schon zu Ohren gekommen. Hast du eine Idee, wie ich an sie rankommen kann?"

„Schwierig, ich kenne Ms. Granger ja nicht", sagte Dolohow, „aber wie ich hörte, liest sie ja sehr gern. Du solltest es mit Dingen versuchen, die sie gern hat. Vielleicht lockt sie das ja hinter dem Ofen hervor."

„Ich habe ihr die Bibliothek schon angeboten, aber… Das hat ihr Interesse nicht geweckt", sagte Rabastan niedergeschlagen.

„Warte es nur ab. Gib ihr ein bisschen Zeit", riet Dolohow ihm. „Im Moment ist das noch alles neu für sie. Wenn sie erst mal gemerkt hat, dass keiner sie beißt, wird sie schon aus ihrem Schneckenhaus rauskommen. Eine Bibliothek wie die eure in Reichweite, das wird sie sich nicht lange entgehen lassen."

„Hoffentlich hast du Recht."

„Wird sie denn bei deiner… Feier auch dabei sein?", fragte Dolohow.

Rabastan stöhnte kurz auf. Daran hatte er gar nicht mehr gedacht. „In der ganzen Aufregung habe ich das völlig vergessen. Aber ich will ohnehin nichts Spektakuläres. Nur eine kleine Runde und ein Abendessen, mehr nicht."

„Es ist immerhin ein runder Geburtstag", meinte Dolohow.

„Aber es erinnert mich daran, wie alt ich schon bin", sagte Rabastan. „Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee wäre, wenn sie dabei ist. Ein ganzer Abend mit lauter betrunkenen Todessern…"


Hermine hatte den ganzen Nachmittag bis zum späten Abend auf dem Dachboden verbracht. Das erste Buch war schnell gelesen, sodass sie sich einen ganzen Stapel Nachschub geholt hatte. Stundenlang hatte sie umringt von Bücher auf dem Fensterbrett gegen die Scheibe gelehnt gesessen und gelesen, bis ihr schließlich die Augen zugefallen waren.

Irgendwann am späten Abend, als es schon dunkel war, erwachte Hermine ruckartig aus einem Traum über Askaban. Sie fröstelte, weil die Scheibe eiskalt war. Zuerst dachte sie, sie wäre deswegen aufgewacht, bis sie die Schritte auf der Treppe hörte. Rabastan Lestrange erschien auf dem Dachboden. Hermine zuckte kurz zusammen als sie ihn sah.

„Ich wollte Sie nicht erschrecken und ich wollte Sie nicht wecken", sagte der Todesser. „Schön, dass Sie sich doch endlich mal aus Ihrem Zimmer herausgewagt haben. Ich habe mir schon gedacht, dass ich Sie hier in der Bibliothek finden würde."

Hermines Wangen wurden heiß.

„Wollen Sie mir beim Abendessen Gesellschaft leisten?", fragte Lestrange freundlich und es klang nicht so, als frage er nur aus Höflichkeit. „Ich bin meistens allein, also würde ich mich über Gesellschaft freuen."

Hermine wollte schon den Kopf schütteln, als sich ihr leerer Magen meldete. Dadurch, dass sie den gesamten Tag in der Bibliothek verbracht hatte, war ihr Mittagessen ausgefallen, sodass sie jetzt ziemlich großen Hunger hatte. Der Gedanke allerdings, mit dem Todesser an einem Tisch zu sitzen, behagte ihr so gar nicht. Es wäre ihr lieber gewesen, auf ihrem Zimmer zu essen. Sie befand es allerdings für keine gute Idee, das dem Mann vor ihr direkt ins Gesicht zu sagen. Es wäre wohl höchst unangebracht gewesen, wenn sie dem Mann, der ihr das Leben gerettet hatte, der ihr Schutz unter seinem Dach bot und der sich so gut und freundlich um sie kümmerte, nicht zumindest ein Stück weit entgegengekommen wäre. Und Hermine wusste, dass sie sich auch nicht ewig in ihrem Zimmer verstecken konnte. Früher oder später musste sie sich mit ihrem neuen Zuhause und dem Hausherren, in dessen vier Wänden sie verweilte, auseinandersetzen.

„Kommen Sie", sagte Rabastan.

Hermine nickte zögerlich und folgte ihm nach unten. Sie verließen die Bibliothek und gingen ins Erdgeschoss in ein großes Esszimmer. Ein langer Tisch mit zwölf Stühlen stand in der Mitte. Rabastan hielt Hermine die Tür auf und gebot ihr mit einer Handbewegung, vorauszugehen.

„Ich esse meistens oben in meinem Arbeitszimmer, wenn ich allein bin", sagte Rabastan, „aber da Sie mir ja heute Gesellschaft leisten wollen, sollten wir hier essen."

Er rief die Hauselfen herbei und wies sie an, den Tisch für zwei Personen zu decken und das Essen zu bringen. Ganz der höfliche Gentleman bot Rabastan Hermine den Stuhl rechts vom Kopfende der Tafel an. Ihre Wangen röteten sich vor Verlegenheit. „Danke", hauchte sie leise und setzte sich. Rabastan nahm neben ihr am Kopfende Platz.

„Für zwei Personen ein wenig übertrieben, ich weiß…", meinte Rabastan grinsend und deutete auf den großen Tisch, der leer war. Hermine wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie saß ein wenig steif und mit gesenktem Blick auf ihrem Stuhl. Es war ihr unangenehm, Rabastan anzusehen. Dem Todesser schien ihr Unbehagen aufzufallen.

„Sie brauchen keine Angst zu haben, ich beiße Sie nicht", sagte er lachend.

Hermine war froh, dass in diesem Moment das Essen kam. Die Hauselfen servierten Lammkoteletts mit Kartoffeln. Sie wünschten einen guten Appetit und verschwanden, nachdem sie sich tief verbeugt hatten.

„Darf ich Ihnen Wein anbieten?", fragte Rabastan, der eine Flasche Rotwein geöffnet hatte und sich gerade einschenken wollte.

Hermine verneinte mit einem Kopfschütteln. „Ich bleibe bei Wasser."

„Also gut. Dann lassen Sie es sich schmecken."

Hermine nahm vorsichtig das Besteck, das sich wie schwere Gewichte in ihren Händen anfühlte. Unter Rabastans Blick zitterten ihre Finger leicht und sie stellte sich ein wenig ungeschickt an, als sie ihr Fleisch schnitt. Wenigstens musste sie während des Essens nicht reden.

Sie schwiegen einige Zeit und aßen nur stumm. Irgendwann legte Hermine das Besteck zur Seite, um einen Schluck zu trinken, da ergriff Rabastan das Wort. Hermine verschluckte sich, als er sie ansprach. Zum Glück konnte sie sich schnell wieder fangen.

„Wie gefällt Ihnen unsere Bibliothek, Ms. Granger?", wollte Rabastan wissen. „Ich habe schon gesehen, dass Sie sich einen ganzen Stapel Bücher genommen haben. Sie haben vielfältige Interessen, wie ich sehe."

„Ja", sagte Hermine. „Die Bibliothek ist… toll. Sehr umfangreich."

„Das ist wahr, ja. Vor allem mein Urgroßvater auf der väterlichen Seite hat viel Wert auf die Erweiterung der Büchersammlung gelegt. Er hat einige sehr wertvolle Werke erworben und hat die Auswahl und den Umfang stark erweitert. Heute haben wir fast 9000 Bücher."

„9000, wow. Das ist eine Menge", sagte Hermine, die nicht gedacht hätte, dass es so viele Bücher waren. „Wie viel davon haben Sie gelesen?"

„Oh weh, nur einen Bruchteil", gab Rabastan zu. „Ich fürchte, ich werde es auch nicht mehr schaffen, alle zu lesen."

„Ich habe auch Muggelbücher gesehen", deutete Hermine vorsichtig an. „Philosophische Werke."

„Ja, so was haben wir auch. Nicht alle Muggelbücher wurden von Muggeln geschrieben. Manche dieser berühmten Leute waren Hexen oder Zauberer", sagte Rabastan. „Allerdings stimmt es, dass sich meine Vorfahren auch für die Muggelwelt interessiert haben. Auch wenn wir mit den Muggeln wenig zu tun hatten, sind wir nicht gänzlich unwissend. In der Vergangenheit gab es durchaus geschäftliche oder intellektuelle Verbindungen."

„Ich verstehe."

„Welche Bücher haben Sie sich genommen? Was lesen Sie denn gerne?"

Hermine schluckte ihren Bissen hinunter. „Alles Mögliche. Ich habe keine besonderen Vorlieben. Zaubersprüche, Tränke, Geschichte."

„Auch Geschichte der reinblütigen Gesellschaft?", hakte Rabastan nach. „Ich dachte, die Genealogie der Zauberei gesehen zu haben."

„Ähm, ja", sagte Hermine verlegen. Sie hatte das Buch ausgesucht, weil sie etwas über die Familie Lestrange nachlesen wollte.

„Da werden Sie einiges über meine Familie finden", sagte Rabastan. „Ich glaube sogar ein ganzes Kapitel."

„Das habe ich gesehen, ja."

„Wenn es Sie interessiert, wir haben oben einen großen Wandteppich mit unserem Stammbaum. Schauen Sie mal drauf."

Hermine nickte. „Das werde ich machen."

Rabastan trank von seinem Wein. „Sie sehen schon sehr viel besser aus, wenn ich das bemerken darf. Haben Sie noch Husten?"

„Nein. Die Tränke haben sehr gut geholfen", antwortete Hermine.

Rabastan nickte.

„Danke", sagte Hermine schließlich. „Sie haben… mich gerettet, also… ohne Sie…"

„Gern geschehen."

Hermine biss sich verlegen auf die Lippen. „Wieso haben Sie das gemacht? Ich… bin doch nur ein Schlammblut und… auf mich war das Kopfgeld ausgesetzt. Man hat mich gesucht und ich sollte doch nach Askaban."

Sie sah auf und ihre Blicke trafen sich. Zum ersten Mal fiel ihr auf, wie warm seine dunkelbraunen Augen eigentlich waren. Irgendwie hatte Hermine die Todesser immer mit Furcht und Kälte in Verbindung gebracht und sie war überrascht, dass sie Wärme in Rabastans Gegenwart spürte.

Ihrem Gegenüber war die Frage augenscheinlich unangenehm. „Das ist… Ich… Ich war einfach neugierig", sagte Rabastan schließlich. „Ich hatte schon einiges über Hermine Granger gehört und… ich war ehrlich gesagt, neugierig darauf, sie kennenzulernen."

„Sie wollten mich kennenlernen?", fragte das Mädchen ungläubig.

„Ja, sie haben mich erwischt. Sie sind… eine Art Mysterium. Das Mädchen hinter Harry Potter. Es gab immer schon viel Gerede und viele Gerüchte über Sie. Ich wollte einfach sehen, was dran ist."

„Dafür holen Sie mich aus Askaban?", fragte Hermine misstrauisch. Sie konnte nicht glauben, was sie hörte. Sie hatte das Gefühl, dass Rabastan herumdruckste, weil er seine wahren Gründe nicht offenlegen wollte.

„Hätte ich nicht sollen?", fragte er provokant. „Hätte ich Sie dort lassen sollen?"

„Nein", sagte Hermine schnell. „Ich… bin Ihnen dankbar, dass Sie es getan haben. Sonst wäre ich vermutlich nicht mehr hier. Sie haben mir das Leben gerettet. Ich… habe mich halt einfach nur gewundert."

„Warum ausgerechnet ich Sie gerettet habe?"

Sie nickte.

„Manchmal kommt Hilfe eben von unerwarteter Seite. Und manchmal sind die Menschen eben nicht so wie sie scheinen", sagte Rabastan.

Als Hermine später in ihrem Bett lag, dachte sie noch lange über seine Worte nach. Warum sich der Todesser ausgerechnet für sie interessieren sollte, war ihr ein Rätsel, aber seine Worte hatten bei Hermine nun ebenfalls die Neugier geweckt. Sie wollte nun ihrerseits herausfinden, was es mit Rabastan Lestrange auf sich hatte und mit dem heutigen Abend hatten sie den ersten Schritt einer Annäherung geschafft.