Hermine lebte nun schon zwei Wochen im Anwesen der Familie Lestrange. Mittlerweile hatte sie den größten Teil des Herrenhauses erkundet und kannte die meisten Räume. Nachdem sie den ersten Schritt aus ihrem Zimmer geschafft hatte, verbrachte sie fast ihre gesamte Zeit in der Bibliothek, vorzugsweise auf dem kleinen Dachboden, wo sie sich in Ruhe zurückziehen und lesen konnte. Zu den Mahlzeiten saß sie nun immer öfter mit Rabastan Lestrange zusammen im Esszimmer. Er zeigte sich ihr gegenüber sehr gastfreundlich und langsam aber sicher verlor Hermine auch ihre Angst und Scheu ihm gegenüber. Es war merkwürdig, aber insgeheim war Hermine froh, dass sie nach anderthalb Jahren Einsamkeit endlich wieder jemanden um sich hatte, mit dem sie reden konnte. Auch wenn es Rabastan Lestrange war. Ganz zu schweigen von dem ordentlichen Dach über ihrem Kopf, den wohlig warmen Kaminfeuern, entspannenden Schaumbädern und den drei anständigen Mahlzeiten am Tag. Nach der langen Zeit in einem kalten, zugigen Zelt, die sie hungrig und in steter Gefahr, erwischt zu werden, verbracht hatte, war das ein willkommener Luxus, den sie nicht mehr missen wollte. Rabastan zeigte Interesse an ihr, er ging auf sie ein und er ließ ihr viel Freiraum, dass sie sich tagsüber ungestört zu ihren Büchern verkriechen konnte. Hermine konnte sich über ihre neue Situation nicht beschweren. Und glücklicherweise war sie auch wieder ganz gesund geworden.
Natürlich war der Umgang mit ihrem Gastgeber nicht ganz einfach. Sie sprachen zwar miteinander, aber meist war es Rabastan, der ihre Unterhaltungen begann und so wirklich wussten sie nicht, über was sie reden sollten, sodass die Gespräche meist sehr kurz und von vielen peinlichen Schweigemomenten dazwischen gekennzeichnet waren. Hermine empfand es schon mal als Fortschritt, wenn sie überhaupt ein paar Sätze miteinander wechselten. Sie wurde aus dem Todesser und seinen Motiven nicht richtig schlau. Auf die Frage, warum er sie zu sich genommen hatte, war er ausgewichen und seine Erklärung war nicht sonderlich glaubhaft, zumindest in Hermines Augen nicht. Sie wusste, dass er ihr nicht alles sagte. Sie konnte sich aber schwer irgendwelche Gründe vorstellen, warum Rabastan Lestrange Interesse an ihr haben sollte, war sie doch das genau Gegenteil von dem, für das er stand. Ihr Instinkt sagte ihr, dass mehr dahinter steckte und sie wollte unbedingt herausfinden, was.
An einem Morgen Ende Januar erwachte Hermine sehr spät. Die Sonne war längst aufgegangen und sie hatte das Frühstück verpasst. Widerwillig quälte sie sich aus dem Bett, machte sich im Bad fertig und ging nach unten. Schon auf der Treppe drangen Stimmen an ihre Ohren. Rabastan Lestrange war offenbar nicht allein. Kurz darauf kamen Rabastan und ein anderer Mann aus dem Salon. Ein Mann, von dem sich Hermine gewünscht hätte, ihn nie wieder sehen zu müssen.
„Also, wir sehen uns dann", sagte Antonin Dolohow. Er und Rabastan schüttelten sich die Hände. Dolohow war im Begriff, sich zu verabschieden, als sein Blick auf Hermine fiel, die auf der Treppe stand und zur Salzsäule erstarrt war.
„Hermine Granger, so sieht man sich wieder", sagte Dolohow. „Wie ich sehe, geht es Ihnen besser. Wie es der Zufall will, haben wir gerade über Sie gesprochen, aber das wird Ihnen Rabastan erklären. Auf Wiedersehen."
Rabastan schloss die Haustür hinter ihm, dann wandte er sich vorsichtig an Hermine. Sie konnte sich immer noch nicht rühren.
„Alles in Ordnung mit Ihnen?", fragte er besorgt. Mit Sicherheit sprach ihr Gesichtsausdruck, mit dem sie Dolohow bedacht hatte, Bände.
Sie schluckte und nickte knapp. Wie naiv war sie eigentlich gewesen zu glauben, dass Rabastan keinen Kontakt zu anderen Todessern hatte? Die letzten Tage hatte sie sich in seinem Haus mit seiner Gesellschaft so eingelebt, dass sie ein Stück weit vergessen hatte, dass es ja noch die Welt da draußen gab. Und in der war nicht alles so bequem und sorgenfrei wie im Lestrange-Anwesen.
„Sind Sie sicher?", fragte Rabastan erneut. Er grinste. Augenscheinlich amüsierte ihr Verhalten ihn. Hermine fand es gar nicht witzig. Antonin Dolohow hatte mehrfach versucht, sie zu töten. Einmal wäre es ihm sogar beinahe gelungen, hätte sie nicht geistesgegenwärtig den erstbesten Zauberspruch benutzt, der ihr eingefallen war: den Schweigezauber. Der Wahnsinn, den sie in Dolohows Augen gesehen hatte, als er seinen Zauberstab geschwungen und der Lichtschweif durch ihren Körper gefahren war, ließ noch heute einen eiskalten Schauer über ihren Rücken jagen. Fast konnte sie wieder die Schmerzen in ihrer Brust spüren.
Als ihre Freunde einmal nicht bei ihr im Krankenflügel gewesen waren, hatte ihr Madame Pomfrey auf Hermines Drängen hin gesagt, wie knapp sie eigentlich dem Tod entkommen war. Trotz des Silencio-Zaubers, mit dem sie Dolohow davon abgehalten hatte, seinen Fluch erfolgreich anzuwenden, hatte er mehr als genug Schaden an ihren inneren Organen angerichtet, um Hermine zu töten. Hätte sie noch länger keine Hilfe bekommen, wäre sie vermutlich innerlich verblutet. Tagelang hatte sie zwölf verschiedene Heiltränke einnehmen müssen und bis heute erinnerte eine feine Narbe auf ihrer Brust an das, was ihr widerfahren war.
In dem Café in der Tottenham Court Road war es glimpflicher für Hermine und ihre Freunde ausgegangen, doch mit dem Gedächtniszauber, den sie auf Dolohow und Rowle angewendet hatte und mit der anschließenden Bestrafung, die sie deswegen von ihrem Herren bekommen hatten, stand Hermine mit Sicherheit nicht gerade hoch in der Gunst des Todessers. Sie musste zugeben, dass sie Angst vor Antonin Dolohow hatte. Neben Fenrir Greyback und Bellatrix Lestrange, die glücklicherweise nicht mehr unter den Lebenden verweilte, war er der einzige Todesser, vor dem Hermine wirklich Angst hatte. Ihm genau an dem Ort zu begegnen, der ihr eigentlich Schutz und Sicherheit bieten sollte, ließ Panik in ihr aufsteigen. Was, wenn Dolohow Rabastan öfter einen Besuch abstattete?
„Ich habe Sie ausschlafen lassen", sagte Rabastan, der merkte, dass er besser das Thema wechseln sollte. „Ich wollte Sie nicht stören. Wenn Sie etwas essen wollen, dann können Sie ins Esszimmer kommen. Ich sage den Hauselfen Bescheid."
Hermines Kehle war so zugeschnürt, dass sie sich nicht sicher war, ob sie jemals wieder einen Bissen herunterbringen würde. Sie nickte trotzdem und folgte Rabastan ins Esszimmer. Es dauerte nur ein paar Augenblicke, bis sie Toast, Butter und Marmelade vor sich stehen hatte. Während sie langsam an ihrem Toast knabberte, der ihr heute Morgen nicht richtig schmecken wollte, holte sich Rabastan Pergament und Federkiel. Hermine stieg der angenehme Duft von frischem, ungebrauchtem Pergament in die Nase, den sie so liebte. Immer wenn sie selbst frisches Pergament für die Schule gekauft hatte, hatte sie immer zuallererst, bevor sie überhaupt zu schreiben begonnen hatte, an dem Pergament gerochen. Es war eine Angewohnheit, die sie immer vor ihren Freunden geheim gehalten hatte, weil sie ihr peinlich gewesen war. Sie versuchte, sich vor dem Todesser nichts anmerken zu lassen.
„Sie erlauben doch…" Er nahm neben ihr Platz, tauchte seinen Adlerfederkiel in das Tintenfass und begann, zu schreiben.
Seit ihrem Einzug hatte sie Rabastan noch kein einziges Mal schreiben sehen und Hermine war neugierig, an wen der Brief gehen sollte. Sie schwiegen und nur das Kratzen der Feder war zu hören. Während sie aß, warf Hermine dem Pergament immer wieder vorsichtige Blicke von der Seite zu und hoffte, etwas von dem Text lesen zu können. Ihr fiel die Handschrift des Todessers auf. Lestrange schrieb sauber und leserlich. Hermine gefielen seine kunstvoll geschwungenen „f". Er zeichnete die Bögen und Schleifen an den Buchstaben locker aus dem Handgelenk, fast wie ein Künstler, der mit dem Pinsel über seine Leinwand fuhr. Einen Augenblick später fragte sich Hermine, was zur Hölle sie da gerade gedacht hatte.
„An… an wen schreiben Sie denn?", fragte sie vorsichtig. „Wenn ich fragen darf…"
„Natürlich dürfen Sie fragen. Ich schreibe einen Brief an meinen Bruder."
Wie hatte Hermine das vergessen können. Rabastan Lestrange hatte ja einen Bruder. Sein Name war Rodolphus, wenn Hermine sich recht erinnerte. Er war mit Bellatrix verheiratet gewesen. Sie wusste, abgesehen von dieser Tatsache, nicht viel über ihn. Bei der Jagd auf die sieben Potters hatte Tonks erwähnt, dass sie Rodolphus verletzt hatte, sonst hatte Hermine aber nichts von ihm gehört. Wie es den Anschein hatte, musste auch er die Schlacht von Hogwarts überlebt haben.
„Wo ist Ihr Bruder?"
„Er lebt in seinem alten Haus", erklärte Rabastan. „Allein, seine Frau ist in der Schlacht verstorben."
Hermine nickte. Sie wollte auf das Thema lieber nicht näher eingehen.
Als Rabastan das Ende des Pergaments erreicht hatte, legte er seine Feder beiseite und seufzte. „Dann schauen wir mal…", murmelte er mehr zu sich selbst und rollte den Brief zusammen. Er versiegelte ihn mit seinem Zauberstab, dann rief er einen Hauselfen und befahl ihm, den Brief an seinen Bruder zu schicken.
„Ich würde Sie jetzt gerne mal etwas fragen, Ms. Granger", sagte er schließlich. „Vorhin, als Antonin hier war…" Er suchte nach den richtigen Worten. „Sie haben so ausgesehen, als hätten Sie ein… furchtbares Ungeheuer gesehen."
Hermines Wangen wurden heiß. „Hatten Sie Angst vor Dolohow?", fragte Rabastan und musterte sie eingehend.
Hermine sah starr nach unten auf ihren Teller, um seinem Blick auszuweichen. Sie biss sich verlegen auf die Lippe.
„Das werte ich als ein Ja", schloss Rabastan. „Wissen Sie, Antonin Dolohow gehört zu den wenigen Menschen, denen ich vertraue und die als Freund bezeichnen würde. Es ist nicht gerade schmeichelhaft, wenn Sie ihm begegnen, als wäre er ein Monster."
Hermine hätte ihn am liebsten angeschrien. Hätte ihm ins Gesicht geschrien, was ihr passiert war, hätte ihn zu gern die Narbe gezeigt, mit der sie für den Rest ihres Lebens gekennzeichnet war. Aber sie konnte nicht. Sie konnte gar nichts sagen. Es war besser, die Gedanken, die ihr durch den Kopf gingen, nicht auszusprechen.
„Was müssen Sie mir denn erklären?", fragte Hermine stattdessen. „Mr. Dolohow meinte ja vorhin, dass Sie mir etwas erklären sollen."
Jetzt war es an Rabastan, peinlich berührt und um Worte verlegen zu sein.
„Ich habe bald Geburtstag", sagte er schließlich.
Hermine sah ihn an. „Oh, ähm, verstehe… Wann?"
„Am 5. Februar und das ist zufällig auch ein Samstag, deswegen ist niemand anderweitig verhindert. Ich wollte keine große Feier machen, denn die ist ja ohnehin im Mai, deshalb wird es nur ein Abendessen geben. Es werden… ein paar Leute anwesend sein."
Wer diese „paar Leute" sein würden, konnte sich Hermine schon gut vorstellen. „Das heißt, Todesser kommen hierher, oder?"
„Ja. Antonin wird hier sein, aber auch die Carrows und Macnair. Als mein Gast hier, Ms. Granger, wünsche ich mir selbstverständlich, dass Sie auch anwesend sind."
Sie starrte ihn erschrocken an. „Ich? Aber ich…"
„Sie finden für den Anlass mit Sicherheit ein passendes Kleid in ihrem Schrank", sagte Rabastan streng.
Hermine wollte das nicht. Sie wollte nicht mit einem Haufen Todesser an einem Tisch sitzen, beglotzt werden und Witze auf ihre Kosten über sich ergehen lassen müssen. Nur beim Gedanken daran stiegen ihr Tränen in die Augen und Wut überkam sie.
„Ich… Ich möchte das nicht", sagte sie.
Rabastan, der sich gerade erhoben hatte, hielt inne. „Wie bitte?"
„Ich möchte nicht mit diesen Leuten an einem Tisch sitzen!", sagte sie entschieden.
„Ms. Granger, ich habe mich Ihnen gegenüber sehr wohlwollend verhalten", entgegnete Rabastan. „Sie sind zwar mein Gast, aber ich habe auch gewisse Erwartungen an Sie. Ich wünsche mir, dass Sie an dem Abendessen teilnehmen."
„Bestimmt nicht!", widersprach Hermine mit Vehemenz. „Ich lass mich nicht wie eine Trophäe vorzeigen!"
Sie stürmte wutentbrannt und weinend hinaus.
Rabastan sah ihr völlig verdutzt hinterher.
Tagelang vergrub sich Hermine in ihrem Zimmer und weinte, während der gefürchtete Tag immer näher rückte. Sie sah Rabastan Lestrange kein einziges Mal und war froh darum. Sie schämte sich für ihren Gefühlsausbruch und hatte Angst, der Todesser könnte wütend auf sie sein. Warum hatte sie nicht den Mund halten können? Vielleicht war seine Freundlichkeit jetzt zu Ende und er würde sie nicht mehr so gut behandeln. Sie fürchtete sich davor, dass er anders werden könnte.
Anfang Februar untersuchte die Heilerin sie ein letztes Mal. Sie war sehr zufrieden mit Hermines vollständiger Genesung, doch natürlich entging ihr nicht, dass Hermine etwas bedrückte. Die Heilerin deutete an, dass Lestrange um sie besorgt war, weil sie nicht mehr aus ihrem Zimmer herauskam. Hermine wollte lieber nichts dazu sagen. Gleichzeitig graute ihr davor, Rabastan wieder unter die Augen treten zu müssen. Wenn er schon besorgt um sie war, dann würde es nicht mehr lange dauern, bis er vor ihrer Tür stand.
Es war der Abend des 4. Februar, als es schließlich an ihrer Zimmertür klopfte. Die Zeit war einfach unerbittlich.
„Darf ich reinkommen, Ms. Granger?", fragte der Todesser von der anderen Seite der verschlossenen Tür. Hermine öffnete und erlaubte ihm widerwillig einzutreten. Sie sah ihn nicht an und drehte ihm sofort den Rücken zu.
„Ich habe Sie… etliche Tage nicht gesehen", sagte Lestrange vorsichtig, um ein Gespräch zu beginnen. „Die Heilerin hat mir gesagt, dass es Ihnen nicht so gut geht. Wir sollten reden."
„Über was denn?", fragte Hermine, die zum Fenster hinaussah.
„Unser Gespräch neulich", erklärte Lestrange.
„Sind Sie böse auf mich?", fragte Hermine.
„Nein, das bin ich tatsächlich nicht", sagte der Todesser.
„Wollen Sie eine Entschuldigung? Und meinetwegen, Sie haben gewonnen, ich komme zu Ihrer Feier. Ich werde mich einfach brav hinsetzen und…"
„Von mir aus müssen Sie nicht kommen", antwortete er zu Hermines Überraschung.
Hermine wandte sich und sah ihn fragend an. „Aber ich dachte, ich…"
„Nein, ist schon gut. Wenn Sie nicht möchten, müssen Sie nicht kommen."
„Ich verstehe nicht… Sie haben doch gesagt, dass ich…"
„Tja, man sagt vieles so dahin, ohne nachzudenken. Es tut mir leid, Ms. Granger", meinte Rabastan und setzte sich auf ihr Bett. „Ich habe wirklich nicht nachgedacht. Ich hätte mir denken können, dass Sie so reagieren würden. Das war… dämlich von mir."
Hermine schritt vorsichtig um das Bett herum und musterte Rabastan. Sie war verwirrt. Eigentlich hätte sie erwartet, dass er ihr nochmal zu verstehen geben würde, dass sie sich seinem Wunsch zu fügen hatte. Dass er ihr entgegenkommen würde, sich sogar entschuldigen würde, war das letzte, mit dem sie gerechnet hätte.
„Sie sind erst kurze Zeit hier und… Ich habe wohl für einen kurzen Moment vergessen, wie wir eigentlich zueinander stehen. Ich weiß, dass Sie viel durchgemacht haben. Ich wollte Sie nicht überfordern. Sie müssen nicht… bei meinem Geburtstag dabei sein, wenn Sie nicht möchten."
Hermine ließ seine Worte auf sich wirken. Darauf bedacht, einen möglichst großen Abstand zu ihm zu halten, ließ sie sich langsam auf der Bettkante nieder. Sie betrachtete den Todesser von der Seite.
„Es ist mir wieder eingefallen", sagte Lestrange. „Der Kampf in der Mysteriumsabteilung, nicht wahr? Antonin hat… versucht, Sie zu…"
„Ja."
„Sie haben ihn vorher mit einem Schweigezauber zum Schweigen gebracht, nicht wahr? Erinnere ich mich da richtig?"
„Ja."
„Das war sehr beeindruckend, wenn ich das sagen darf. Das hätten nicht viele geschafft. Ich fürchte, dass hat Ihnen das Leben gerettet, denn der Zauber wäre normalerweise tödlich gewesen."
„Ich weiß", sagte Hermine.
„Ich verstehe, warum Sie meinen… Freunden nicht über den Weg laufen wollen. Warum Sie so reagiert haben, als Antonin hier war. Es tut mir leid, dass… Ich darauf keine Rücksicht genommen habe. Reden Sie jetzt wieder mit mir? Kommen Sie jetzt wieder aus Ihrem Zimmer raus?"
Ein schlechtes Gewissen überkam Hermine.
„Sehen Sie sich wirklich als das? Als meine Kriegstrophäe, die ich herumzeigen kann? Ich darf Ihnen versichern, ich sehe Sie nicht als das an." Er suchte ihren Blick. An seinen Augen konnte sie ablesen, dass er auch wirklich meinte, was er sagte. Hermine schossen tausend Dinge, durch den Kopf, die sie gern erwidert hätte, aber sie konnte nichts sagen.
„Das ist… eben alles ein bisschen komisch für mich", meinte sie. „Ich verstehe so viele Dinge nicht. Ich bin hier, Sie haben mich gerettet. Ich weiß nicht, ob ich eine Gefangene bin oder… Ob Sie irgendwas mit mir vorhaben…."
„Ich verspreche Ihnen, dass ich… Ihnen früher oder später… die Dinge erklären werde", sagte Lestrange. „Aber jetzt ist es noch nicht an der Zeit."
„Muss ich… muss ich denn jetzt bei Ihrem Geburtstag dabei sein?"
„Nein, müssen Sie nicht. Wenn Sie nicht möchten, dann müssen Sie nicht."
Hermine biss sich verlegen auf die Lippen. Er war so großzügig und entgegenkommend und tat so viel für sie.
„Ich möchte Ihnen nur gern etwas sagen. Ich möchte nicht, dass Sie an dem Abendessen teilnehmen, damit ich Sie als Trophäe vorzeigen kann. Ich wollte Ihretwegen, dass Sie dabei sind. Sie sind mein Gast und Sie leben nun mal in diesem Haus, Ms. Granger. Es ist mein Geburtstag und ich bestimme, wer kommt." Er lächelte sie freundlich an.
„Und da wollen Sie, dass ausgerechnet ich komme?"
Er nickte. „Natürlich. Sie können nicht ewig in diesem Zimmer hier sitzen. Das Leben außerhalb dieser vier Wände geht weiter."
„Aber… die anderen Todesser, die werden doch…"
„Niemand wird Ihnen etwas tun", versicherte Lestrange. „Jeder von denen respektiert mich und würde es niemals wagen, gegen mich das Wort zu erheben. Sie stehen in meinen vier Wänden unter meinem Schutz und das wissen auch alle. Das heißt, wenn Ihnen jemand blöd kommt, dann bekommt er es mit mir zu tun."
Jetzt war es auch an Hermine zu lächeln. Rabastan Lestrange konnte eine überaus nette und charmante Art an den Tag legen. Man vergaß dabei immer, wer er war. Ihr Ärger verflog mit einem Mal. Sie traf schweren Herzens eine Entscheidung.
„Also schön, ich werde morgen dabei sein, aber nur Ihnen zuliebe", sagte Hermine.
„Das ist schön, das freut mich."
„Aber ich werde nur bei dem Essen bleiben", stellte sie sofort klar. „Danach werde ich nach oben gehen."
Lestrange lachte. „Abgemacht."
„Wann geht es los?"
„Die Gäste kommen um sieben."
„Um sieben bin ich fertig."
„Das ist ein Wort", meinte Lestrange, erhob sich und wollte zur Tür gehen.
„Es ist Ihr Geburtstag?", fragte Hermine vorsichtig.
„Ja."
„Darf ich fragen, wie alt Sie werden?"
Rabastan druckste herum und sah verlegen drein. „Ich werde nicht so gern daran erinnerte, wie alt ich schon bin. Weil Sie es sind. Ich werde morgen 50."
„Wow, das sieht man Ihnen aber gar nicht an", sagte Hermine, Augenblicke später, als sie merkte, was sie eben gesagt hatte, schlug sie sich erschrocken die Hand vor den Mund.
„Vielen Dank, Ms. Granger, das werte ich als Kompliment", meinte der Todesser grinsend.
„Ich sehe Sie dann morgen", sagte Lestrange und ließ sie allein.
Hermines Gesicht wurde heiß und sie war sich sicher, dass ihre Wangen rot glühen mussten. Sie wäre am liebsten im Erdboden versunken. Schnell griff sie ein Kissen und versteckte sich dahinter. Warum konnte sie nicht den Mund halten?
Den ganzen nächsten Tag überlegte sich Hermine fieberhaft, wie sie den bevorstehenden Abend am besten überstehen konnte. Sie musste vollkommen verrückt sein, dass sie sich darauf eingelassen hatte. Rabastan Lestrange hatte ihr angeboten, dass sie nicht kommen musste, und was tat sie? Sie war einfach zu gutmütig. Jetzt gab es kein Zurück mehr.
Sie wählte ein dunkelblaues, enganliegendes Kleid aus, das nicht zu viel Haut zeigte, und band ihre Haare zu einem einfachen Knoten zusammen. Dazu suchte sie elegante Schuhe mit einem höheren Absatz aus. Tipsi schlug ihr vor, eine Halskette zu tragen.
Die Gäste waren schon da, als sie sich langsam auf den Weg nach unten ins Esszimmer machte. Stimmen drangen von unten zu ihr. Die Todesser saßen bereits am Tisch, als Hermine in den Raum trat. Sie hatte das Gefühl, ihr schlimmster Albtraum würde wahr werden. Neben Rabastan waren die beiden Carrow- Geschwister, Amycus und Alecto, Walden Macnair, Antonin Dolohow, Travers und ein ihr unbekannter Todesser da, den sie durch die Gesprächsfetzen als Alexander Avery identifizieren konnte. Auf in die Höhle des Löwen, dachte sie.
Die Todesser verstummten, als Hermine das Esszimmer betrat. Beim Anblick des Mädchens spürte Rabastan plötzlich ein komisches Gefühl im Magen und für ein paar Augenblicke wagte er es nicht zu atmen.
Hermine trug ein blaues, enganliegendes Kleid, das die Konturen ihres zierlichen Körpers perfekt betonte. Auch wenn sie pingelig darauf geachtet hatte, nicht zu viel Haut zu zeigen – wahrscheinlich, um anzügliche Bemerkungen von Rabastans männlichen Gästen zu vermeiden – sah sie trotzdem überaus attraktiv aus. Ihr war Haar war zu einem einfachen Knoten zusammengebunden. Rabastan gefiel, dass zwei Haarsträhnen aus dem Knoten herab auf ihre Schulter fielen. Um den Hals hatte sie eine silberne Halskette.
Es war Macnair, der Rabastan schließlich aus seinen Gedanken riss, sodass er sich vom Anblick der jungen Frau losreißen konnte. Macnair pfiff anerkennend. „Oh, là là!", kommentierte er.
„Da ist ja unser besonderer Gast", sagte Avery prostete Hermine zu. Niemand sonst sagte etwas, doch war am Gesicht jedes einzelnen abzulesen, dass er oder sie Hermines Anwesenheit missbilligte. Rabastan wusste genau, dass sie ihn für verrückt hielten, dass er Hermine Granger in seinem Haus beherbergte.
Rabastan erhob sich sogleich und geleitete Hermine zu dem freien Platz links neben ihm. Er hatte ihr versprochen, eine schützende Hand über sie zu haben, deshalb wollte er sie die ganze Zeit über in seiner Nähe wissen.
„Danke", hauchte sie, als er ihr den Stuhl mit einer einladenden Handbewegung anbot. Rabastan nickte, setzte sich auf seinen eigenen Stuhl und rief die Hauselfen herbei, damit das Essen serviert werden konnte.
„Dürfen wir Ihnen etwas zu trinken anbieten?", fragte Macnair, der Hermine gegenübersaß und ergriff eine Weinflasche.
Hermine sagte nach kurzer Überlegung: „Ja. Wieso nicht. Ich werde viel Wein brauchen, um den Abend zu überstehen."
„Hermine, bist du mit allen am Tisch bekannt?", fragte Rabastan.
„Ja, weitestgehend. Bis auf Mr. Avery hatte ich mit allen schon mal das Vergnügen."
„Jetzt, da wir ja alle versammelt sind", sagte Dolohow und hob sein Glas, „möchte ich einen Toast auf das Geburtstagskind aussprechen." Alle hoben zu Rabastans Ehren ihre Gläser.
Auch wenn es seine Geburtstagsfeier war und die Gäste eigentlich seinetwegen gekommen waren, war Rabastan nicht der Mittelpunkt des Abends und richtig genießen konnte er ihn auch nicht. Eigentlich konnte er sich nicht beklagen. Keder der Anwesenden kam mit Hermine halbwegs gut aus und es gab keine Zwischenfälle. Dennoch war für ihn das Essen von konstanter Anspannung begleitet.
Immer wieder warf er Hermine besorgte Blicke zu, da sie beim Wein kräftig zulangte und schon bald stark angeheitert war. Er machte sich Sorgen und hätte sich ohrfeigen können, dass er sie überredet hatte, zu kommen. Der einzige positive Nebeneffekt ihres überschwänglichen Alkoholgenusses war ihre lockere, ausgelassene Art. Sie hatte keine Berührungsängste mehr gegenüber den Todessern – nicht einmal gegenüber Dolohow, vor dem sie eigentlich Angst hatte – sondern plauderte munter mit allen am Tisch und kicherte selbst über die dümmlichen oder anzüglichen Bemerkungen, die Macnair ab und zu in ihre Richtung fallen ließ.
Als der zweite Gang serviert wurde, schenkte sie sich schon zum fünften Mal Rotwein nach. Ihr Blick fiel dabei auf Travers, der nur Wasser trank.
„Trinken Sie nichts, Mr. Travers?" Die Stimmung am Tisch kühlte sich darauf spürbar ab und die Gespräche erstarben sofort.
„Hab ich was Falsches gesagt?"
Travers verneinte mit einem Lächeln.
„Was ist denn los?", fragte Hermine in die Runde.
Rabastan legte seine Hand auf ihren Unterarm und gebot ihr mit einem Kopfschütteln, dass es gut war und sie nicht weiter auf dem Thema herumreiten sollte.
„Ich trinke auch nur Wasser", verkündigte Amycus, um die Stimmung wieder aufzulockern. „Und die Geschichte dazu ist eigentlich ganz lustig."
„Eine lustige Geschichte?", fragte Hermine und leerte ihr Glas mit einem kräftigen Schluck. „Erzählen Sie."
„Ich hatte auf einem Junggesellenabschied viel zu viel getrunken", erklärte Amycus, „und uns ging der Alkohol aus. Ich bin durchs Haus gegangen und habe nach Feuerwhiskey gesucht. In der Küche habe ich eine Flasche gefunden und sehr viel davon getrunken, weil ich dachte, es wäre Whiskey. Irgendwann fiel mir dann auf, dass es kein Feuerwhiskey, sondern magischer Allzweckreiniger war."
Hermine prustete in ihr Glas.
„Da ich daraufhin einen sehr langen und ungemütlichen Aufenthalt im Badezimmer über dem Waschbecken ertragen musste", sagte Amycus, „habe ich mit dem Trinken aufgehört."
Amycus' Geschichte sorgte bei der beschwipsten Hermine für ziemliche Erheiterung.
„Rabastan, wie kommt es, dass dein Bruder nicht hier ist?", wollte Alecto wissen. „Ihr habt euch doch nicht gestritten, oder so?"
Rabastan hatte eigentlich gehofft, dass ihn niemand auf seinen Bruder und dessen Abwesenheit ansprechen würde. Eine naive Hoffnung, denn natürlich fiel es auf, dass Rodolphus nicht da war. Dass sich der ältere Lestrange nur noch sehr wenig in der Öffentlichkeit zeigte, hatte sich herumgesprochen.
„Ich habe ihn eingeladen, aber offenbar zog er es vor, den Abend anderweitig zu verbringen", sagte er schlicht.
„Zu schade, ich habe ihn lange nicht gesehen", meinte Dolohow. „Wir haben uns lange nicht zum Kartenspielen verabredet. Es ist doch alles in Ordnung mit ihm, hoffe ich?"
„Davon gehe ich jetzt mal aus." Rabastan wünschte, er hätte auf die Frage eine passende Antwort.
„Was ist mit Lucius?", fragte Avery vorsichtig. „Hast du mit ihm noch Kontakt?"
„Nein." Mehr wollte Rabastan zu seinem Schwager auch nicht sagen.
„Was genau hast du denn jetzt eigentlich mit der jungen Ms. Granger vor, Rabastan?", fragte Macnair mit einem vielsagenden Grinsen, das keine Interpretationen zuließ. Schon den ganzen Abend konnte er seine Augen nicht von Rabastan Hausgast nehmen und schenkte ihr immer wieder großzügig Wein nach, wenn ihr Glas leer war.
„Was wohl?", meinte Alecto zweideutig. „Du kennst Rabastan doch. Was wird er wohl mit so einem jungen Ding machen?"
„Ah, verstehe." Macnair stieß Rabastan mit dem Ellbogen in die Seite. Dieser musste tief durchatmen, um sich zu beruhigen. „Dann bekommst du wohl noch ein besonderes Geburtstagsgeschenk, was? Aber wenn du sie mal nicht mehr brauchst, in meinem Bett ist immer ein Platz frei."
„Walden…", mahnte Dolohow.
Rabastans Blick musste Bände sprechen, denn das Gelächter über Macnairs unanständige Witze am Tisch verstummte schnell. Hermine allerdings lachte amüsiert auf.
„Davon träumt Rabastan wohl nachts!"
Rabastan wollte Hermine besser nicht wissen lassen, von was er nachts träumte.
Als die Hauselfen die leeren Schüsseln vom Dessert abräumten, hatte es Hermine tatsächlich geschafft, anderthalb Flaschen Rotwein allein zu trinken und war dementsprechend betrunken. Rabastan musste sich das Debakel seit geschlagenen drei Stunden ansehen und sehnte sich dringend nach dem Ende des Abends. Was zum Henker hatte er sich eigentlich dabei gedacht? Als Hermine sich erneut nachschenken wollte, nahm er ihr die Flasche weg.
„Hey, was soll das denn?", protestierte sie lautstark.
„Hermine", sagte Rabastan streng, „du hattest genug."
„Erzähl mir nicht, was ich zu habe, Lestrange, immerhin war ich so nett und hab hier mitgemacht. Deine Freunde kann man halt eben nur mit viel Alkohol ertragen." Mit einer ausladenden Handbewegung deutete sie auf die anwesende Runde. „Wenn man sich das Ganze hier ein wenig schöntrinkt, dass ist es gar nicht so übel. Dafür bist du mir was schuldig." Sie hickste. Auf Hermines unangebrachte, freche Bemerkung hin, entstand eisige Stille um den Tisch herum. Rabastan, der vor Scham halb im Erdboden versank, wollte gerade etwas erwidern, als Dolohow aufsprang.
„Vielleicht ist das der passende Zeitpunkt, um die Feier aufzulösen und den Abend zu beenden." Die anderen Gäste wechselten vielsagende Blicke miteinander. Alle grinsten, aber taten es Dolohow gleich und erhoben sich ebenfalls.
„Ihr wollt schon gehen, dabei ist es doch gerade so lustig! Ich will noch mehr Geschichten hören!" Der Höflichkeit halber, da alle anderen aufstanden, wollte Hermine es ihnen gleichtun. Sie war allerdings so neben der Spur, dass sie seitlich nach links wegkippte und in Averys Armen landete.
„Hoppla!", lallte sie. „Sie haben aber starke Arme!", meinte sie anerkennungsvoll und suchte vergeblich Halt. Avery übergab sie grinsend an Rabastan, der seine Gäste entschuldigend ansah.
„Tut mir leid", sagte er. „Ich…"
„Schon gut. Es war ein sehr… illustrer Abend", meinte Travers. „Auch wenn ich auf eine… baldige Wiederholung nicht gerade… erpicht bin."
„Wartet kurz, ich…"
„Rabastan, du solltest dich um deine Hausbewohnerin kümmern", meinte Avery mit einem Grinsen. „Wir finden alleine raus."
„Vielen Dank für die Einladung und das Essen. Wir sehen uns bald", sagte die Carrow, beide auch sichtlich amüsiert über den Verlauf des Abends.
„Ich helfe dir schnell", raunte Dolohow.
Rabastan rief die Hauselfen herbei, damit zumindest sie seine Gäste zur Haustür begleiten würden, dann verabschiedete er sich halbherzig. Er und Dolohow stützten die betrunkene Hermine, die sich nicht mehr allein aufrecht halten konnte, und führten sie aus dem Esszimmer nach oben. Die junge Frau kicherte unentwegt. Die Situation, dass die beiden Männer sie die Treppe hochbugsieren mussten, brachte sie zum Lachen.
„Jetzt hab ich sogar zwei große, starke Todesser, die sich um mich kümmern. Ist das nicht witzig? Vor ein paar Tagen fand ich Sie noch zum Fürchten, Antonin", lallte sie. „Und jetzt? Jetzt sind Sie total lustig!"
Sie hatten Hermines Zimmer erreicht. „Danke, Antonin", sagte Rabastan. „Ab hier kümmere ich mich um sie."
„Kommst du klar?"
„Es geht schon, danke."
„Wir sehen uns dann", meinte Dolohow und verabschiedete sich.
„Noch nicht gehen!", sagte Hermine. „Ich bin immer allein. In meinem Zimmer ist Platz für uns alle. Ich denke nicht, dass Rabastan was dagegen hat."
„Das ist ein überaus verlockendes Angebot, Ms. Granger", sagte Dolohow höflich, „doch ich muss es leider ausschlagen. Schlafen Sie gut. Gute Nacht."
Dolohow ließ sie allein. Rabastan hob Hermine vorsichtig hoch und trug sie in ihr Bett. Er atmete erleichtert auf, als sie endlich lag. Sie bekam einen erneuten Kicheranfall, als Rabastan ihr die Halskette abnahm und ihr die Schuhe auszog.
„Sie dürfen den Rest auch noch gerne ausziehen", sagte sie mit Schlafzimmerblick und hochroten Wangen.
„Nein, nein, Ms. Granger, das lassen wir mal schön bleiben. Sie sind betrunken, Sie wissen nicht, was Sie reden."
„Ich war ein ganz böses Mädchen", meinte Hermine. „Ich hab Ihnen den Geburtstag verdorben. Werden Sie mich jetzt bestrafen? Muss ich zurück nach Askaban?"
Sie sah ihn wie ein kleines Kind an, dass etwas angestellt hatte. Als Rabastan ihren Gesichtsausdruck sah, konnte er nicht anders, als zu lächeln. Sie wartete seine Antwort nicht mehr ab, sondern umschlang ein Kissen mit ihren Armen und war im nächsten Moment schon eingeschlafen.
Er wollte schon gehen, doch irgendetwas hielt ihn zurück. Er konnte seinen Blick nicht von ihr nehmen. Seine Augen wanderten über ihren Körper. Wenn sie nur wüsste, dachte er, dass er ihr nur zu gerne helfen würde, das Kleid auszuziehen. Sie war ein junges, hübsches, attraktives Mädchen und er war ein Mann, der zu lange ohne weibliche Gesellschaft gelebt hatte.
Vorsichtig setzte er sich neben sie auf die Bettkante und betrachtete ihre schlafende Gestalt. Ihr Kleid war nach oben gerutscht und entblößte ihr rechtes Bein. Ihre Haut war glatt und makellos. Immer noch ein bisschen blass, zugegeben, und sie war auch immer noch etwas zu dünn, aber die vergangenen Wochen in Rabastan Obhut hatten ihr gutgetan. Sie sah fast wieder wie ein normales Mädchen aus. Er verspürte den Drang, sie zu berühren. Er wollte wissen, wie sich ihre Haut anfühlte.
Rabastan hatte schon seine Hand ausgestreckt, um mit seinen Fingern über ihren Oberschenkel zu streicheln, da drehte sie sich plötzlich auf die andere Seite weg von ihm und vereitelte sein Vorhaben.
Er erwachte aus seiner Trance und schüttelte den Kopf. Er sollte sich nicht so hinreißen lassen, wies er sich selbst zurecht, immerhin war er ein erwachsener, reifer Mann. Vielleicht würde auch ihm heute Abend etwas mehr Wein guttun, überlegte er und ließ Hermine ihren Rausch ausschlafen.
