In den Tagen nach ihrem Gespräch blieb Rabastan weiterhin niedergeschlagen und Hermine vermochte seine Stimmung auch nicht mit aufmunternden Worten zu heben. Er war äußerst schweigsam und tief in Gedanken versunken. Er machte sich große Sorgen um seinen Bruder. Es ging Hermine nah, wenn sie ihn so sah. Sie hätte gerne etwas für ihn getan, aber wusste nicht was.

Die Hauselfen hatten Rodolphus ein Zimmer den Flur hinunter auf Hermines Stockwerk eingerichtet. Noch war der ältere Lestrange-Bruder nicht aus dem Krankenhaus entlassen worden, doch die Heiler versicherten Rabastan, dass Rodolphus bald vollständig genesen sein würde. Die Heilerin, die therapeutische Hilfe anbot, hatte bereits Termine für die Behandlung angesetzt.

Die düstere Atmosphäre im Lestrange-Anwesen drückte Hermine aufs Gemüt. Nicht mal ihre Bücher in der Bibliothek konnten sie aufmuntern. Dass Rabastan eines Morgens beim Frühstück mit schmerzverzerrtem Gesicht vom Tisch aufsprang, weil sein Dunkles Mal brannte und er zu seinem Herrn gerufen wurde, machte die Sache nicht besser.

Rabastan kehrte den ganzen Tag und auch am Abend nicht zurück, sodass gespenstische Stille im Haus herrschte. Draußen tobte ein Schneesturm. Hermine fand keine Ruhe, da sie ständig an Rabastan dachte. Was machte er für Voldemort? Kämpfte er womöglich gegen den Widerstand? Würde er überhaupt nach Hause kommen? Der Gedanke, ihn nie wieder zu sehen, verängstigte sie zu tiefst. Sie hatte sich so an ihn und das Leben in seinem Haus gewöhnt – vor allem auch an den Schutz und die Geborgenheit, die er ihr gab – dass sie die Vorstellung, er könne irgendwo in einem Kampf mit den Rebellen aus dem Widerstand getötet werden, in Angst und Panik versetzte. Immer wieder ertappte sie sich dabei, wie sie zum Fenster hinaussah und nach ihm Ausschau hielt, immer in der Hoffnung, er möge wohlbehalten die Zufahrt zum Haus entlangschreiten. Gegen elf gab sie es schließlich auf und ging ins Bett. Nachdem sie Stunden wachgelegen war, glitt sie schließlich in einen unruhigen Schlaf.

In den frühen Morgenstunden schrak Hermine auf einmal hoch, weil sie von unten ein lautes Geräusch hörte. Die Haustür war auf und zugegangen. In der Hoffnung, Rabastan möge endlich nach Hause gekommen sein, schlüpfte sie schnell aus dem Bett, zog sich einen Morgenmantel über und lief nach unten in die Eingangshalle.

Eine Gestalt in einem langen schwarzen Umhang, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, schritt leise durch das Foyer in Richtung Esszimmer. Hermine hielt auf der Treppe inne. Als sich die Gestalt die Kapuze vom Kopf zog, sah sie, dass es tatsächlich Rabastan Lestrange war. Unendliche Erleichterung durchströmte sie und sie eilte sofort nach unten.

„Rabastan!"

„Hermine? Sie sind noch wach?", fragte Rabastan mit heiserer Stimme. „Ich hab Sie doch hoffentlich nicht geweckt?"

Hermine sagte nichts, sondern schlang ihre Arme um ihn. Rabastan, der ihre stürmische Begrüßung nicht erwartet hatte, taumelte ein paar Schritte zurück. Hermine ließ ihn nicht los, sondern drückte ihn fest.

„Ich bin so froh, dass Sie wieder da sind! Ich dachte schon, Sie kommen gar nicht zurück!", murmelte sie gegen seine Brust. „Ich hab mir solche Sorgen gemacht!"

Plötzlich merkte sie, dass sein Umhang nass war, und löste sich von ihm. Ihre Hände waren voller Blut. Alarmiert starrte sie ihn an. „Rabastan, Sie bluten! Sie sind verletzt!"

„Was…? Oh, nein", widersprach Rabastan sofort und zog seinen Todesserumhang aus. „Ich bin in Ordnung, das ist nicht mein Blut."

„Was ist passiert?", fragte Hermine voller Angst. „Wo sind Sie gewesen?"

Rabastan zögerte einen Moment. „Wir… hatten einen kleinen Auftrag zu erledigen."

Er dreht sich um und ging ins Esszimmer. Er war abweisend, weil er offenbar nichts erzählen wollte. Hermine jedoch blieb hartnäckig und folgte ihm. „Was ist passiert?", verlangte sie zu wissen.

Rabastan entzündete das Licht mit einem Schlenker seines Zauberstabes und nahm am Esstisch Platz. Er rief Tipsi herbei und befahl ihr, ihm etwas zu essen und einen Tee zu bringen. Er sah mitgenommen und erschöpft aus. Auf seiner rechten Wange hatte er einen tiefen, blutigen Kratzer.

Hermine ließ nicht locker. Rabastan war ihre einzige Verbindung zur Außenwelt und die einzige Quelle, über die sie etwas von ihren Freunden im Widerstand erfahren konnte. Wenn er wirklich in einen Kampf verwickelt worden war, dann hatte er vielleicht die Weasleys, Neville oder irgendjemand anderen gesehen. Demonstrativ setzte sie sich neben ihn und sah ihn erwartungsvoll an. „Ich will wissen, wo Sie gewesen sind und was passiert ist!"

Rabastan rieb sich mit den Händen übers Gesicht. „Es ist mitten in der Nacht, Ms. Granger. Kann das nicht bis morgen warten?"

„Nein!", protestierte sie. „Ich habe den ganzen Tag und die halbe Nacht auf Sie gewartet! Sie sind gestern Früh einfach aus dem Haus gestürmt, ohne mir zu sagen, was los ist! Wissen Sie, welche Sorgen ich mir gemacht habe?! Ich dachte schon, Sie kommen nicht mehr zurück! Wessen Blut ist das? Haben Sie… gekämpft?!"

Er musterte sie völlig entgeistert und ungläubig auf diesen Ausbruch hin. Schließlich lächelte er. „Sie haben sich Sorgen um mich gemacht?"

Hermines Wangen wurden heiß. Sie räusperte sich. „Chrm, ähm, ich… Ja, habe ich", gab sie schließlich widerwillig zu. „Ich… will nicht, dass Ihnen was passiert", sagte sie leise.

Sie sahen sich für einen Moment in die Augen. Jetzt, da Rabastan wieder bei ihr war, fühlte sich Hermine sicherer. Sie war einfach nur heilfroh, dass ihr Retter unversehrt zurückgekommen war.

„Also gut", meinte Rabastan. „Der Dunkle Lord rief mich gestern Morgen zu einem Treffen. Es ging um den Widerstand. Sie wollten Askaban überfallen, um ein paar Gefangene zu befreien, und ins Ministerium einbrechen. Wir haben ihre Pläne vereitelt. Es kam zu einem Kampf."

Sie sah ihn an. Rabastan musste ihren Blick richtig gedeutet haben, denn er fügte hinzu: „Keine Sorge, es gab keine Todesopfer. Weder auf unserer noch auf der anderen Seite. Niemand ist gestorben."

Die Nachricht beruhigte Hermine ungemein. „Merlin sei Dank", sagte sie leise.

„Rowle ist verletzt worden. Er hat einen Fluch abgekommen. Macnair und ich haben ihn zu unserer Heilerin gebracht. Das Blut an meinem Umhang, das war seins."

„Und… geht's ihm gut?", fragte Hermine, allerdings der Höflichkeit halber. Um Thorfinn Rowles Wohlergehen kümmerte sie sich herzlich wenig.

„Der hat schon Schlimmeres überstanden", meinte Rabastan. „Der wird im Nu wieder aufm Damm sein."

„Und mit Ihnen, Rabastan? Was ist mit Ihnen?"

„Mir geht's gut. Paar blaue Flecke vielleicht, aber sonst… Ist noch alles dran."

Er betrachtete sie von der Seite. „Sie wollen wissen, ob… ich ein paar Ihrer Freunde gesehen habe, oder?"

Sie antwortete nicht, sondern sah nach unten auf ihre Hände, die in ihrem Schoß ruhten.

„Ich glaube, ich habe Arthur Weasley gesehen", sagte Rabastan. „Rookwood hat sich kurz mit ihm duelliert, aber dann habe ich ihn aus den Augen verloren. Da war noch dieser Auror… Shacklebolt, glaube ich, heißt er. Sonst habe ich niemanden gesehen."

Hermine nickte. Sie hatte sich mehr erhofft.

„Sind Sie jetzt enttäuscht? Es tut mir leid, ich… Das ist alles, was ich weiß."

Tipsi erschien und brachte Rabastan etwas Brot und Käse. Er aß schweigend.

„Rabastan, darf ich mal etwas fragen?"

„Natürlich. Was denn?"

„Sie haben mich aus Askaban geholt, sich um mich gekümmert und ich darf hier bei Ihnen leben. Ich habe doch den Schutz Ihrer Familie, oder?"

„Das habe ich Ihnen versprochen, ja."

„Wenn Ihnen etwas passiert, dann bin ich ganz allein. Was wird dann aus mir? Muss ich dann nach Askaban zurück oder will mich dann ein anderer Todesser für sich haben?" Sie dachte dabei an Macnair oder Fenrir Greyback und ein eiskalter Schauer lief ihren Rücken hinab.

Sie zuckte kurz zusammen, als Rabastan ihre Hand ergriff. Seine Haut war weich und warm und ein wohliges Gefühl bereitete sich in Hermine aus. Sie mochte seine Berührung. Er sah ihr fest in die Augen und für einen Moment verlor sie sich in seinem Blick. „Ich habe Ihnen mein Wort gegeben, dass Ihnen nichts passieren wird, Ms. Granger. Ich halte mein Wort."

„Was, wenn Sie… bei einem Kampf getötet werden?"

„Ich kann auf mich aufpassen, Hermine", sagte Rabastan. „Ich bin ein zäher Bursche." Er zwinkerte ihr zu und schenkte ihr ein Lächeln. Zuerst war Hermine von seinen Worten wenig überzeugt, doch seine Berührung und sein Blick gaben ihr das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit. Sie merkte, dass sie Vertrauen zu ihm hatte und sie wusste, dass er alles dafür tun würde, dass ihr nichts geschah. Sie war bei ihm sicher.

Langsam nickte sie.

„Ich fühle mich geschmeichelt, dass Sie sich Sorgen um mich gemacht haben", bemerkte Rabastan amüsiert.

Hermines Wangen glühten schon wieder. Warum nur war sie immer verlegen in seiner Nähe?

„Gehen Sie ins Bett, Ms. Granger. Sie sehen sehr müde aus", meinte Rabastan, während er weiter aß. „Wir reden morgen wieder."

Hermine nahm den Vorschlag dankend an. Es wurde schon hell, als sie endlich in einen traumlosen Schlaf glitt.


Hermine saß drauffolgenden Tag wie immer in der Bibliothek, als sie von unten Stimmen hörte. Neugierig zu erfahren, wer gekommen war, ging sie zur großen Treppe, die in die Eingangshalle führte.

Rabastan hatte eine Tasche in der Hand und hielt die Haustür für jemanden auf. Ein Mann trat herein und zum ersten Mal sah Hermine den Bruder ihres Gastgebers.

Rodolphus Lestrange war dunkelhaarig und hatte dieselben braunen Augen wie auch sein Bruder. Er war ein Stück kleiner und etwas stämmiger und breitschultriger als Rabastan. Einst mochte er ein stolzer Mann gewesen sein, doch augenscheinlich hatte seine Erscheinung unter seinem schlechten Zustand gelitten. Er war blass und ein wenig abgemagert, sodass sein Umhang schlaff an ihm hing. Im Gegensatz zu Rabastan hatte er einen Bart. Er sah so aus, als hätte er sich seit langem nicht um sich und sein Äußeres gekümmert. Insgesamt machte er auf Hermine den Eindruck eines gebrochenen Mannes, den großer Kummer plagte. Als er ins Haus trat, war an seinem Gesicht zu erkennen, dass es ihm nicht behagte, hier zu sein. Wenn er ging, fiel Hermine auf, dann bewegte er sich seltsam steif, so als wäre etwas mit seiner Wirbelsäule nicht in Ordnung und er benutzte seinen rechten Arm nicht.

Vorsichtig ging Hermine nach unten. Als Rabastan sie sah, winkte er sie zu sich heran, um sie vorzustellen.

„Rodolphus, das ist Hermine Granger. Ich hab dir ja erzählt, dass sie bei mir wohnt. Hermine, das ist Rodolphus, mein Bruder", sagte Rabastan.

„Hallo", sagte Hermine etwas verunsichert und streckte Rodolphus ihre Hand zur Begrüßung hin.

Rodolphus musterte sie von oben bis unten. Etwas Abschätziges lag in seinem Blick und er erwiderte ihre höfliche Geste nicht. Etwas enttäuscht ließ sie ihre Hand sinken.

„Vielleicht gehst du erst mal nach oben", meinte Rabastan, um die Situation zu retten. „Ich hab dir ein Gästezimmer eingerichtet. Du kannst ja ein Bad nehmen, wenn du willst."

Rodolphus nahm seine Tasche und marschierte ohne ein weiteres Wort zu sagen die Treppe hinauf. Kurz darauf konnten sie eine Tür zuschlagen hören.

Rabastan sah Hermine entschuldigend an. „Sie dürfen meinem Bruder sein Verhalten nicht übelnehmen, er… Er ist eigentlich nicht so. Das ist nur wegen… Weil es ihm halt schlecht geht."

„Ist schon in Ordnung", sagte Hermine.

„Ich hoffe, dass ich ihn später dazu bringen kann, mit uns zu essen", sagte Rabastan mit einem Schmunzeln, „aber große Hoffnung habe ich nicht."

Tatsächlich sah man Rodolphus Lestrange die ersten Tage nach seiner Ankunft überhaupt nicht, weder beim Essen noch anderswo. Hätte Hermine nicht gewusst, dass noch jemand im Haus lebte, sie hätte gedacht, dass sie und Rabastan nach wie vor alleine waren. Rodolphus zog die Einsamkeit seines Zimmers vor. Rabastan wünschte sich natürlich, sein Bruder wäre etwas offener, aber Hermine beruhigte ihn und bat ihn, Rodolphus mehr Zeit zu geben. Nach den Dingen, die vorgefallen waren, war es nur verständlich, wenn es dauerte, bis Veränderungen eintraten. Hermine war von Rodolphus' Geschichte tief betroffen und sie machte sich Sorgen um Rabastan, der Angst um seinen Bruder hatte. Die Hauselfen hatten klare Anweisungen bekommen, jeden Tropfen Alkohol aus dem Haus zu entfernen und Rabastan hatte persönlich dafür gesorgt, dass alle Tränke weggesperrt waren. Es war in Hermines Augen nur allzu verständlich, denn er fürchtete, dass Rodolphus erneut etwas Dummes tun könnte.


Mittlerweile war es Mitte Februar geworden. Rabastan war schon vor Stunden in die Winkelgasse appariert, um irgendwie zu versuchen, sich auf andere Gedanken zu bringen. Hermine hatte den Vormittag mit Lesen an ihrem Lieblingsplatz in der Bibliothek verbracht und wollte sich mittags ein belegtes Brot aus der Küche holen.

Gedankenverloren durchquerte sie die Eingangshalle. Als sie am Salon vorbeikam, sah sie eine Gestalt nahe des Kamins. Zuerst dachte sie, dass Rabastan bereits zurückgekehrt war, doch bei genauerem Hinsehen sah sie, dass es Rodolphus war, der offenbar endlich die Abgeschiedenheit seines Zimmers verlassen hatte.

Der ältere Lestrange-Bruder saß auf dem Sofa vor dem Kamin und las den Tagespropheten, den Rabastan am Morgen im Esszimmer liegen gelassen hatte. Unsicher, was sie tun sollte, klopfte Hermine vorsichtig an die Tür.

„Ähm, hi", sagte sie. Rodolphus sah kurz auf, doch wandte sich gleich darauf wieder seiner Zeitung zu.

Langsam betrat Hermine den Salon. „Schon, dass Sie mal aus Ihrem Zimmer rausgekommen sind."

„Was willst du, Mädchen?", fragte Rodolphus und legte die Zeitung beiseite.

„Ähm, nichts, ich…" Etwas vor den Kopf gestoßen von seiner abweisenden Reaktion, wusste Hermine nicht recht, was sie sagen sollte. „Ähm, ich… wollte mir gerade etwas zu essen holen. Wollen Sie auch was?"

Sie bekam keine Antwort. Hermine rief Tipsi und bat sie um zwei belegte Brote.

„Darf ich?", fragte Hermine und deutete auf den leeren Platz auf dem Sofa neben Rodolphus.

„Tun Sie sich keinen Zwang an", sagte Rodolphus, nahm sein Glas vom Tisch und leerte es in einem Zug. Als Tipsi mit den zwei Tellern zurückkam, schaffte er ihr in rüdem Ton an, ihm nochmal dasselbe zu bringen. Hermine warf dem Glas einen alarmierten Blick zu.

„Keine Sorge", sagte Rodolphus und zeigte ihr den Inhalt des Glases. „Das ist Orangensaft. Es gibt im ganzen Haus keinen Tropfen Alkohol, dafür hat mein Bruder schon gesorgt. Also können Sie ganz beruhigt sein. Er hat mir sogar meinen Zauberstab abgenommen, damit ich keine „Dummheiten" mache. Hat Rabastan Ihnen aufgetragen, den Babysitter für mich zu spielen?"

„Nein, nein", sagte Hermine schnell zu ihrer Verteidigung.

Sie aß schweigend. Rodolphus rührte sein Sandwich nicht an. Sie betrachtete ihn unauffällig von der Seite. Seit seiner Ankunft hatte sich nicht viel getan. Er wirkte genauso verlottert und betrübt wie am Anfang, aber immerhin saß er hier bei ihr. Er hatte es aus seinem Zimmer herausgeschafft. Hermine musste unweigerlich schmunzeln, denn ihr fielen gewisse Parallelen zwischen Rodolphus Lestrange und ihr auf. Auch sie hatte ihre Zeit gebraucht, bis sie endlich den Mut gefasst hatte, den Schutz ihres Zimmers zu verlassen.

„Wo ist Rabastan hin?", wollte Rodolphus wissen und riss Hermine damit aus ihren Gedanken.

„Er wollte in die Winkelgasse", erklärte sie. „Ich… glaube, er hat mal frische Luft gebraucht."

Rodolphus nickte nur. Als er nichts erwiderte, fügte Hermine hinzu: „Er macht sich Sorgen um Sie. Das geht ihm sehr nahe, dass es Ihnen so schlecht geht."

„Was hat er Ihnen erzählt?!", fragte Rodolphus angriffslustig.

„Naja, er hat gesagt, dass Sie ein bisschen zu viel trinken… und er hat mir erzählt, was Sie gemacht haben."

Rodolphus wirkte wenig begeistert. „Dieser…"

„Er macht sich wirklich große Sorgen um Sie."

„So, tatsächlich…" Tipsi brachte ihm sein bestelltes Getränk. Er riss der Hauselfe das Glas rüde aus der Hand. „Verschwinde!" Tipsi verbeugte sich tief und ging.

Es ärgerte Hermine, dass Rodolphus so abschätzig mit der Hauselfe sprach, und sie wollte schon etwas dazu sagen. Als sie jedoch Rodolphus' niedergeschlagenen, betrübten Gesichtsausdruck sah, besann sie sich und entschied, dass es besser war, nicht mit ihm zu streiten. Was er brauchte, war etwas, dass ihn aufheiterte. Wobei aufheitern wohl untertrieben war. Wie ging man mit einem Menschen um, der jeden Lebensmut verloren hatte und sein Leben beenden wollte?

Hermine konnte nur erahnen, was in Rodolphus Lestranges Kopf vorging, aber sie konnte zumindest nachvollziehen, wie er sich fühlte. Auch sie wusste, was es hieß, geliebte Menschen im Krieg zu verlieren. Sie vermisste Harry und Ron bis heute. Der Tod ihrer Freunde belastete sie immer noch schwer. Sie hatte über zwei Jahre ohne Aussicht auf Hoffnung allein und einsam in einem Zelt verbracht. Es hatte auch bei ihr Zeiten gegeben, in denen sie beinahe aufgegeben hätte. In denen sie jeder Mut verlassen hatte und sie nur stundenlang zusammengrollt und weinend in ihrem Bett gelegen hatte, immer in dem Wunsch, sie möge endlich aus diesem Albtraum aufwachen.

Natürlich war ihr Wunsch nicht erhört worden. Es war kein Albtraum, es war die Wirklichkeit, mit der sie zurechtkommen musste. Die Wirklichkeit war, dass Voldemort den Krieg gewonnen hatte und ihre Freunde tot waren. Und Hermine ganz allein. Was hatte ihr die Kraft gegeben, weiterzumachen? Warum lebte sie heute noch? Vielleicht war es die naive Hoffnung, dass irgendwann alles besser werden würde. Dass es immer noch Leute im Widerstand gab, die kämpften. Rodolphus hatte seine Frau verloren, was ihn tief getroffen hatte, aber immerhin hatte er noch seinen Bruder. Hermine hatte im Moment niemanden mehr.

„Was machst du eigentlich hier, Mädchen?", fragte Rodolphus. „Ich hab in der Zeitung gelesen, dass du in Askaban sitzt."

„Ich war in Askaban", sagte Hermine, „aber Rabastan hat mich rausgeholt und hierher gebracht. Seitdem lebe ich hier mit ihm."

„Aha. Und was will er von dir?"

„Das weiß ich nicht so genau, er hat es mir noch nicht gesagt. Er hat mir nur hoch und heilig versichert, dass ich unter dem Schutz Ihrer Familie stehe und mir nichts passieren wird."

„Rabastan, spielt immer den Kavalier."

„Das tut er wirklich. Ich kann mich nicht beklagen. Ich wäre in Askaban beinahe gestorben. Wenn Rabastan mich nicht rausgeholt hätte, dann… wäre ich heute nicht hier. Er hat mir das Leben gerettet. Und er… macht alles für mich, damit es mir hier gutgeht."

„Sie wären beinahe gestorben? Was ist passiert?"

„Ich war vielleicht zwei Tage dort, da hat es angefangen mit Husten und Fieber. Ich hab eine sehr schwere Lungenentzündung bekommen. Ich weiß praktisch gar nichts mehr, weil ich die ganze Zeit bewusstlos war. Ich verdanke Rabastan wirklich viel. Er hat extra eine Heilerin geholt, die mich versorgt hat."

Rodolphus nickte.

„Wollen Sie gar nichts essen?", fragte Hermine und deutete auf den unberührten Teller.

„Nein." Er sah gedankenverloren auf das Glas, das er in der linken Hand hielt. Seinen rechten Arm hielt er angewinkelt eng an seiner Seite. Als er sich nach vorne beugte, um das Glas auf dem Tisch abzustellen, verzog sich sein Gesicht vor Schmerz.

„Ist alles in Ordnung mit Ihnen? Haben Sie Schmerzen?", fragte Hermine.

Rodolphus lehnte sich wieder zurück. Erneut fiel Hermine auf, dass sein Oberkörper sehr unbeweglich war und ihm offenbar jede Bewegung im Rücken zu schaffen machte.

„Ich muss irgendwas gegen die Schmerzen nehmen", murmelte er mehr zu sich selbst.

„Was ist denn da passiert?", wollte Hermine wissen. „Ist etwas mit Ihrem Rücken nicht in Ordnung?"

„Kriegsverletzung sozusagen", sagte Rodolphus.

„Ist das… in der Schlacht von Hogwarts passiert?"

„Nein, nicht direkt. Als wir die sieben Potter über Little Whinging verfolgt haben, hat mich unsere Nichte mit einem Fluch erwischt", erklärte Rodolphus. „Ich bin vom Besen in die Tiefe gestürzt. Beim Aufprall habe ich mir die Wirbelsäule verletzt. Es hat lange gedauert, bis ich zu einem Heiler kam und… naja, leider konnte nicht mehr alles gerichtet werden."

Hermine erinnerte sich. Als Tonks nach der Verfolgungsjagd beim Fuchsbau angekommen war, hatte sie erzählt, dass sie Rodolphus verletzt hatte.

„Meine Wirbelsäule ist ein bisschen versteift und manchmal tut es weh."

„Und Ihr Arm?", fragte Hermine.

„Ich war in der Schlacht von Hogwarts dabei, aber durch mein… Handicap konnte ich nicht mehr richtig kämpfen und es hat mich nochmal erwischt. Mein Arm wurde verletzt, weil ein Fluch mich getroffen hat. Der Heiler konnte zumindest meinen Arm retten, aber… seitdem kann ich ihn nicht mehr richtig bewegen." Er hob seinen rechten Arm und machte unter größter Mühe eine Faust. „Ich hab kaum Gefühl und manchmal ist alles taub oder ich spüre so ein Kribbeln bis in die Schulter rauf."

„Tut mir sehr leid", sagte Hermine aufrichtig. „Gibt es keine Möglichkeit, das zu heilen?"

„Nein. Ich war schon bei einigen Heilern", erklärte Rodolphus und er konnte die Verbitterung, die in seiner Stimme mitschwang, nicht verbergen. „Aber keiner konnte was machen. Außer Schmerzmittel bleibt mir nicht viel."

„Tut mir wirklich sehr leid", meinte Hermine. „Rabastan hat angedeutet, dass Sie seitdem nicht mehr kämpfen können."

„Der Dunkle Lord schickt mich nicht mehr auf Aufträge", sagte Rodolphus verärgert. „Aber was soll ich schon großartig tun? Ich bin völlig nutzlos! Einen Krüppel braucht niemand!"

Hermine verstand. Deshalb war Rodolphus die ganze Zeit allein in seinem Anwesen. Durch seine Verletzungen konnte er nicht mehr an den Aktivitäten der Todesser teilnehmen. Er kam sich deshalb nutzlos vor. Zusammen mit dem Tod seiner Frau war er in Lethargie und Depression verfallen.

„Hey, Sie sind nicht nutzlos, Sie…"

„Hier sind Sie, Hermine", sagte plötzlich Rabastan, der in den Salon trat. Als er seinen Bruder sah, stutzte er. „Rodolphus? Du… bist mal runtergekommen. Was macht ihr denn hier?"

„Wir haben ein bisschen geredet", sagte Hermine.

Rodolphus nickte nur.

„Verstehe. Schön, dass man dich mal hier unten sieht, Rodolphus. Denkst du an den Termin später? Du solltest dich langsam fertigmachen. Ich werde dich zu der Heilerin begleiten", sagte Rabastan streng.

Rodolphus seufzte und erhob sich langsam.

„Sie schaffen das schon", sagte Hermine, um ihm ein paar trostspendende Worte mit auf den Weg zu geben. Wie zu erwarten, bekam sie nur ein verächtliches Schnauben als Antwort.


„Avada Kedavra!"

„Expelliarmus!"

Der grüne und der rote Lichtblitz prallten mit einem gewaltigen Kanonenschlag aufeinander. Goldene Flammen loderten auf, wo sich die beiden Zauber trafen. Hermine sah, wie Harry nach hinten fiel. Sein Körper schlug auf dem Steinboden der Großen Halle auf. Hermine sah in seine leeren Augen. Ihr bester Freund war tot…

Schweratmend und schweißgebadet schrak Hermine aus dem Schlaf hoch. Ihr Puls raste und ihre Hände zitterten. Todesangst hatte sie erfasst. Vor ihrem geistigen Auge sah sie immer noch Harry vor sich, wie er leblos am Boden lag. Die Jubelschreie der Todesser und das Wehklagen der Besiegten hallten noch in ihren Ohren wider.

Sie brauchte ein paar Minuten, bis sie sich schließlich erholt hatte und ihr Herz wieder normal schlug. Sie amtete tief durch und ließ sich langsam auf ihr Kissen zurücksinken.

Es war lange her, dass sie einen Albtraum von der Schlacht gehabt hatte. Die ersten Monate nach ihrer Flucht war das häufig vorgekommen, aber nach zweieinhalb Jahren hätte sie eigentlich gedacht, diese Phase überwunden zu haben. Ein Irrtum, wie sie feststellen musste.

Die Uhr sagte ihr, dass es fast halb fünf in der Früh war. Sie war hellwach und viel zu aufgewühlt, als dass sie noch hätte schlafen können, deshalb entschloss sich Hermine, aufzustehen und sich die verbleibende Zeit bis zum Frühstück in der Bibliothek zu vertreiben.


Rodolphus Lestrange hatte fortan zwei Mal in der Woche eine Therapiestunde bei einer Heilerin in London. Man sah ihn nun öfter außerhalb seines Zimmers. Manchmal saß er im Salon, manchmal leistete er Rabastan und Hermine auch beim Essen Gesellschaft. Er aß nicht viel, er sprach nicht viel, aber immerhin verkroch er sich nicht mehr. Rabastan war darüber erleichtert. Es war schwer zu sagen, ob die ersten Stunden bei der Heilerin schon irgendeine Wirkung zeigten, da Rodolphus sehr verschwiegen war, aber Hermine fand, dass er zumindest nicht mehr so verbittert wirkte. Sie wünschte sich für Rabastan, dass es Rodolphus bald besser gehen würde. Dass sein Bruder versucht hatte, sich das Leben zu nehmen, lastete schwer auf ihm.

Rabastan versuchte alles und setzte jeden Hebel in Bewegung, um Rodolphus zu helfen. Hermine war überrascht von der engen Bindung der beiden Brüder, denn das hätte sie von den Todessern nicht erwartet. Sie musste zugeben, dass vieles, was sie über die Todesser geglaubt hatte, falsch gewesen war.

Eines Abends fand sie Rabastan allein im Salon vor dem Kaminfeuer. Rodolphus war schon vor Stunden nach oben in sein Zimmer gegangen. Der Todesser war tief in Gedanken versunken und starrte geistesabwesend in die Flammen, die sich knisternd durch die dicken Holzscheite fraßen. Er zuckte kurz zusammen, als er Hermine hinter sich vernahm.

„Tut mir leid, ich wollte Sie nicht erschrecken", sagte sie.

„Schon gut, ich… war nur in Gedanken", sagte Rabastan schnell.

Hermine nahm auf dem Sofa ihm gegenüber Platz. „Es ist wegen Ihres Bruders, nicht wahr? Das beschäftigt Sie."

Es war eine Feststellung, sodass Rabastan nicht widersprechen konnte.

„Ich bin mir sicher, dass es ihm bald besser gehen wird", meinte Hermine. „Er schafft das schon."

„Ich hätte gerne Ihre Zuversicht, Ms. Granger", sagte Rabastan und lächelte müde. Die Ereignisse der letzten Tage waren kraftraubend für ihn gewesen. Rabastan schien am Ende seiner Kräfte zu sein.

Einige Zeit sahen beide nur schweigend ins Feuer. Schließlich ergriff Rabastan das Wort: „Ich… war dumm und ich habe verantwortungslos gehandelt."

„Ich verstehe nicht", sagte Hermine, die nicht wusste, was er meinte.

„Die Anzeichen waren da, aber ich wollte sie nicht sehen. Ich habe mir eingeredet, dass alles bald wieder besser werden wird, aber… Ich habe es einfach nicht gesehen, wie schlecht es ihm wirklich ging."

„Rabastan, das ist nicht Ihre Schuld…"

„Ach ja?", entgegnete er. „Wenn die Eule nicht zurückgekommen wäre, dann…" Er atmete tief durch. „Dann wäre mein Bruder jetzt tot. Ich hätte viel früher etwas unternehmen müssen, dann wäre es nicht so weit gekommen."

Hermine wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie konnte Rabastans Gefühle zwar nachvollziehen, aber sie wollte nicht, dass er sich grämte und sich Vorwürfe machte. Manchmal hatte auch sie sich die Frage gestellt, warum sie sich von der Welt so stark abgekapselt hatte und nicht ihre Freunde gesucht hatte. Vielleicht hätte sie nicht über zwei Jahre in einem kalten, zugigen Zelt verbracht und vielleicht wäre man im Kampf gegen Voldemort schon viel weiter, wenn sie sich dem Widerstand angeschlossen hätte. Sie hätte bei den Überlebenden Schutz suchen und gemeinsam mit ihnen die Rebellion gegen das Regime gestalten können. Aber Hermine hatte sich dagegen entschieden. Da sie nach Harrys Tod die Unerwünschte Nummer 1 geworden war, blieb ihr nichts anderes übrig, als zu fliehen und im Verborgenen zu leben. Jeder Kontakt mit anderen hätte entweder sie selbst oder ihre Freunde in Gefahr gebracht. Allein war es deutlich einfacher, unterzutauchen und sich zu verstecken. Aber all die vielen Monate hatte auch Hermine sich Vorwürfe gemacht, warum sie ihre Freunde im Stich gelassen hatte. Jetzt im Nachhinein war es nicht mehr zu ändern. Andere hatten sich ihrer nun angenommen.

„Wenn meinem Bruder etwas passiert, dann… würde ich mir das niemals verzeihen", sagte Rabastan. „Wenn er nicht mehr da ist, bin ich allein. Dann bin ich der letzte verbliebende Lestrange."

„Sie können nicht mehr ändern, was passiert ist, Rabastan", sagte Hermine ernst. „Die Hauptsache ist, dass Sie sich jetzt um Rodolphus kümmern."

„Ich habe das Gefühl, dass er meine Hilfe nicht will, Hermine", sagte Rabastan. „Ich kann ihm Bella nicht zurückgeben und ich kann ihn auch nicht gesundmachen. Ich kann gar nichts tun."

„Das stimmt doch gar nicht. Sie haben Ihren Bruder hier aufgenommen und Sie tun so viel, dass es ihm besser geht. Geben Sie ihm einfach Zeit. Das geht nicht von heute auf morgen."

Er musterte sie. „Mit Ihnen spricht er ja wenigstens. Mit mir nicht."

„Wir haben nur kurz… Es war ein Zufall, weil Rodolphus da im Salon…"

„Was hat er Ihnen erzählt?"

„Er war nicht begeistert, dass es im ganzen Haus keinen Tropfen Alkohol gibt und dass Sie ihm seinen Zauberstab abgenommen haben. Ich glaube, er fühlt er sich ein bisschen bevormundet."

„Da diskutiere ich mit Sicherheit nicht mit ihm!", stellte Rabastan sofort klar. „Was hat er noch gesagt?"

„Um seine eigenen Worte zu benutzen… Er fühlt sich wie ein nutzloser Krüppel. Er denkt, dass er nutzlos ist, weil er nicht mehr kämpfen kann."

Rabastan sah nachdenklich drein und nickte. „Das kann ich nachvollziehen. Seit unserer Jugend haben wir für den Dunklen Lord gekämpft. Das war unser Lebensinhalt. Das hat uns geholfen, Askaban zu überstehen. Diese Säule seines Lebens ist weggebrochen. Und mit dem Tod seiner Frau ist dann alles eingestürzt."


Als Hermine später im Bett lag, dachte sie lang über Rabastans Worte nach und sie erkannte viele Gemeinsamkeiten zu ihrer eigenen Situation. Die Säulen ihres Lebens waren ihre Familie und ihre Freunde gewesen. Ihre Eltern hatte sie seit über drei Jahren nicht gesehen, da sie immer noch sicher in Australien lebten, und ihre Freunde waren tot. Mit Voldemorts Sieg über Harry war Hermines Leben zusammengebrochen. Sie selbst war nun die Gefangene eines Todessers, entmachtet und hilflos. Sie hatte keinen Zauberstab und wirklich nützlich war sie auch für niemanden, da sie dem Widerstand keine Hilfe geben konnte.

Die Unfähigkeit, etwas sinnvolles zu leisen, die Untätigkeit, weil sie nur Tag für Tag ihre Zeit in der Bibliothek totschlug, und die Ungewissheit, wie es in Zukunft weitergehen sollte, trieben sie halb in den Wahnsinn. Sie verstand nur zu gut, wie sich Rodolphus Lestrange fühlen musste.

In ihrem Kopf kreisten tausend Gedanken, als sie schließlich in einen unruhigen Schlaf glitt. Die Albträume kamen zurück.