„Ich frage dich noch einmal! Wo habt ihr dieses Schwert her? Woher?"

„Wir haben es gefunden – wir haben es gefunden – BITTE!" Hermine schrie, als der Folterfluch sie traf. Ihr gesamter Körper schien in Flammen zu stehen und von tausend kleinen Nadeln traktiert zu werden.

„Was habt ihr außerdem gestohlen? Was habt ihr sonst noch? Sag mir die Wahrheit, oder, ich schwöre, du wirst dieses Messer zu spüren bekommen!"

„Nichts, wir haben nichts gestohlen!", schluchzte Hermine verzweifelt. Sie lag auf dem Boden des Salons und Bellatrix kauerte über ihr. Ihr Gesicht war ihrem bedrohlich nahe und die schwarzen Haare der älteren Hexe fielen in Hermines Augen.

„Du lügst, dreckiges Schlammblut!", fauchte Bellatrix in Hermines Ohr.

Die wahnsinnige Todesserin packte Hermines rechten Arm und schob den Ärmel ihres Pullovers nah oben. Ihre Fingernägel kratzten über Hermines Haut. Sie versuchte sich zu winden und aus dem eisernen Griff zu befreien, doch sie kam gegen Bellatrix, die Hermine mit ihrem vollen Gewicht auf den Boden drückte, nicht an.

Plötzlich spürte Hermine einen brennenden Schmerz an ihrem Unterarm. Sie schrie aus vollem Hals und ihr Körper zuckte.

„Halt still!", giftete Bellatrix.

Ihre Qual dauerte mehrere Minuten. Als sich Bellatrix von Hermine löste und sie gebrochen auf dem Salonboden liegen ließ, leuchtete blutrot auf ihrem Unterarm das Wort „Schlammblut".

Rabastan lag noch wach und hing seinen Gedanken nach, als er plötzlich von einem gellenden Schrei aus Hermines Zimmer hochgerissen wurde. Sofort sprang er aus dem Bett, zog sich etwas über und eilte die Treppe nach unten.

Die Decke lag auf dem Boden. Hermine wand sich wie wild im Bett hin und her, so als ringe sie mit irgendetwas um ihr Leben. Sie wimmerte und schrie immer wieder voller Angst auf. Tränen rannen über ihr Gesicht.

„Hermine!"

Rabastan war sofort an ihrer Seite und rüttelte an ihren Schultern, um sie aufzuwecken. „Hermine, wachen Sie auf!"

Sie erschrak fürchterlich zusammen, als sie die Augen aufschlug und Rabastan erkannte.

„Hermine, es ist alles gut. Ihnen kann nichts passieren", sagte Rabastan und nahm sie in den Arm.

Sie atmete schwer und klammerte sich hilfesuchend an ihn. Sie weinte bitterlich.

„Sie haben nur schlecht geträumt", sagte Rabastan, um sie zu beruhigen.

„Was ist passiert? Ich habe einen Schrei gehört", sagte Rodolphus, der in der Tür erschienen war.

„Hermine hatte einen Albtraum", erklärte Rabastan. „Geht's wieder?", fragte er die völlig aufgelöste junge Frau.

Sie nickte schwach und ließ ihn los.

„Was haben Sie denn gesehen, das Ihnen solche Angst gemacht hat?"

„Ach, ich… Schon gut, ich…" Voller Scham druckste sie herum, weil sie nichts sagen wollte.

„Sagen Sie schon."

Schließlich zog sie vorsichtig den rechten Ärmel ihres Schlafanzuges nach oben und zeigte Rabastan eine schwach sichtbare Narbe auf ihrem Unterarm. Im schwachen Licht musste er zweimal hinsehen, bis er es erkannte. Die feinen rosa Linien formten das Wort „Schlammblut".

„Das war Bellatrix, nicht wahr?"

Hermine nickte. „Sie hat mich gefoltert, weil sie wissen wollte, woher wir das Schwert von Gryffindor hatten. Sie dachte, wir hätten es aus Ihrem Verlies gestohlen."

Bei der Erwähnung seiner Frau trat Rodolphus in den Raum. Hermine wollte Bellatrix' Mann nicht ansehen. „Sie… Sie hat das mit dem Messer… in meinen Arm geritzt."

Mit ausdruckslosem Gesicht blickte Rodolphus auf die verblasste Narbe, dann ging er wortlos hinaus.

„Tut mir leid, dass ich Sie aufgeweckt habe", sagte Hermine beschämt. „Ich wollte nicht…"

„Ist schon gut", versicherte Rabastan. „Haben Sie… Haben Sie von Bellatrix geträumt?"

„Ja", sagte Hermine leise. „Ich hab geträumt, wie sie mich foltert. Ich hatte solche Angst."

Rabastan strich ihr vorsichtig über die Haare. „Ihnen kann nichts passieren. Sie sind hier in Sicherheit. Bellatrix ist… Sie ist nicht mehr hier, OK? Sie müssen keine Angst mehr haben. Legen Sie sich wieder hin."

Mit sanftem Druck bewegte er Hermine dazu, sich wieder hinzulegen und den Kopf auf ihr Kissen zu betten, dann las er die Decke vom Boden auf. Er legte sie über Hermine.

„Ich glaube, wir haben einen Zaubertrank für traumlosen Schlaf da. Wollen Sie einen nehmen?", bot Rabastan an.

„Nein, schon gut", sagte Hermine. „ich werde versuchen zu schlafen. Es wird schon gehen."


Tatsächlich sollte es nicht gehen. In den folgenden Wochen fand sich Rabastan fast jede Nacht in Hermines Zimmer, um sie nach den schrecklichen Erlebnissen, die sie in ihren Träumen immer und immer wieder durchlebte, zu trösten. Er nahm sie in den Arm, strich ihr über den Rücken und flüsterte ihr beruhigende Worte zu, damit sie wieder einschlafen konnte. Es ging ihr nur besser, wenn Rabastan bei ihr war.

In einer Nacht war es so schlimm, dass Hermine eine ganze Stunde brauchte, bis sie sich von ihren Weinkrämpfen beruhigt hatte. Rabastan hatte sie die ganze Zeit über fest im Arm gehalten, um ihr die Angst zu nehmen und ihr zu zeigen, dass ihr nichts passieren konnte. Als sie sich schließlich von ihm löste und sich die Tränen wegwischte, fragte er sie vorsichtig, was sie diesmal gesehen hatte.

„Von was haben Sie denn geträumt? Sie haben laut geschrien und sind ja völlig aufgelöst."

„Das… ist nicht so einfach", sagte Hermine beschämt und rückte von ihm weg.

„Sie könne mir alles erzählen, OK?", versicherte Rabastan ihr.

„Harry, Ron und ich sind mit unserem Zelt durch England gezogen. Der Name von Vold-, ich meine, der Name ihres Herrn, war damals ja mit einem Tabu belegt, wenn Sie sich erinnern."

„Ja."

„Harry hat den Namen aus Versehen ausgesprochen und daraufhin haben uns Greifer überfallen. Da war Fenrir Greyback." Bei Erwähnung des Namens des berüchtigten Werwolfs erschauderte sie. „Er hat immer wieder gesagt, wie weich meine Haut ist, wie toll er meinen… meinen Duft findet und dass er mich beißen möchte… Später, als wir im Malfoy-Haus waren, hat Bellatrix gesagt, wenn sie mit mir fertig ist, kann Greyback mich als Belohnung haben."

Rabastan begriff augenblicklich, wovor Hermine solche Todesangst gehabt hatte.

„Er wollte gewisse Dinge mit mir anstellen. Ich habe davon geträumt. Dinge, die manchmal böse Männer mit jungen Mädchen machen." Ihre Stimme zitterte und auch wenn er ihr Gesicht nicht sehen konnte, wusste Rabastan, dass sie weinte und Tränen über ihre Wangen liefen.

Er unterdrückte den Drang, ihr trostspendend eine Hand auf die Schulter zu legen.

„Ich weiß, ich bin vielleicht der Falsche, um so etwas zu sagen. Ich habe während meines Lebens schon… sehr vielen Menschen Leid angetan", sagte Rabastan leise. „Ich habe gefoltert und getötet. Aber ich empfinde für Männer, die… Frauen so etwas antun, seit jeher tiefe Verachtung. Es war nur ein Traum, Hermine, aber ich versichere Ihnen, dass, solange ich lebe, ihnen Fenrir Greyback diese Dinge niemals antun wird."

Sie drehte sich langsam um und sah ihn an. Dann umarmte sie ihn fest. Rabastan wusste im ersten Moment nicht, wie ihm geschah. Langsam erwiderte er ihre Geste und drückte sie an sich.

„Danke", hauchte Hermine. „Ich bin so froh, dass Sie da sind."

Waren es nur die Angst und der Trost, den Rabastan ihr gab, die sie zu diesem Satz veranlasst hatten? Oder war sie wirklich froh, dass Rabastan bei ihr war? War sie froh, hier bei ihm zu sein? Insgeheim hoffte Rabastan auf das letztere. Er wollte, dass Hermine gern bei ihm war.

„Würden… würden Sie mir einen Gefallen tun?", fragte Hermine schüchtern.

„Was denn?"

„Ich fühle mich sicherer, wenn Sie da sind. Könnten Sie heute Nacht hierbleiben?"

Er sah ihre traurigen Augen, mit denen sie ihn hilfesuchend anblickte, und er konnte nicht anders, als ja zu sagen.

„Ja, natürlich. Ich bleibe hier bei Ihnen."

„Nur, wenn es Ihnen nichts ausmacht. Danke."

Mit einem Schlenker seines Zauberstabes zog Rabastan einen Stuhl neben Hermines Bett und verwandelte ihn in einen gemütlichen Sessel. Dann nahm er eine Wolldecke aus dem Schrank und setzte sich. Während er sich zudeckte, legte sich Hermine wieder hin und drehte sich auf die andere Seite, sodass sie Rabastan ansehen konnte.

„Vielen, vielen Dank."

„Gute Nacht, Ms. Granger."

Hermine schloss die Augen und war kurz darauf eingeschlafen. Rabastan beobachtete sie einige Zeit im Schlaf. Sie war viel ruhiger geworden, ihr Gesicht war entspannt und sie atmete gleichmäßig. Er glaubte, den Anflug eines Lächelns auf ihren Lippen zu erkennen. Er war froh und erleichtert darüber, dass sie endlich erholsamen Schlaf fand. Völlig erschöpft von den letzten Wochen, in denen er so wenig geschlafen hatte, legte Rabastan den Kopf zurück und schloss die Augen. Es dauerte nicht lange und er war in tiefen Schlaf gesunken.

Als Hermine am nächsten Morgen erwachte, stellte sie enttäuscht fest, dass Rabastan schon gegangen war.


Schweigen herrschte zwischen den beiden Brüdern, als sie am Frühstückstisch zusammensaßen. Rabastan hatte die Zeitung vor sich liegen, aber sein Kopf war nicht bereit, die Worte aufzunehmen und zu begreifen. Desinteressiert überflog er nur lose die Überschriften und betrachtete die Schwarz-Weiß-Fotos. Sein Kaffee war inzwischen kalt geworden. Hermine war noch nicht aufgestanden.

„Du warst eine Nacht bei ihr", sagte Rodolphus schließlich in die Stille hinein.

„Ich wollte, dass sie endlich wieder durchschläft", sagte Rabastan monoton. Er war erschöpft und hatte wenig Energie für ein Gespräch.

„Ist es besser geworden mit ihren Albträumen?", wollte Rodolphus wissen.

„Ja. Aber nur, wenn ich in ihrem Zimmer bin."

„Du magst sie." Es war eine Feststellung. „Deshalb ist sie hier, nicht wahr?"

Es war die unbequeme Wahrheit, der sich Rabastan nicht stellen wollte. Rodolphus hatte die Eigenart, immer ziemlich genau ins Schwarze zu treffen. Die Worte so direkt und ohne Beschönigung zu hören, brachte Rabastan in eine unangenehme Situation und er hatte das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen.

„Du hast ja schon in Askaban immer von ihr gesprochen. Dass du sie kennenlernen willst. Weiß sie das?"

Wenn Rabastan ehrlich zu sich war, dann war er seit dem Kampf in der Mysteriumsabteilung fasziniert und angetan von der kleinen muggelstämmigen Hexe. Sie war damals zwar erst ein junges Mädchen mit 15 gewesen, doch irgendetwas an ihr hatte Rabastan in seinen Bann gezogen. Mittlerweile war sie zu einer jungen Frau herangereift und sein Interesse war in all den Jahren nur größer geworden. Was er genau von Hermine wollte, hätte er nicht sagen können, selbst wenn man ihm den Zauberstab auf die Brust gesetzt hätte. Manchmal erkannte er sich selbst kaum wieder.

Als er nichts erwiderte, fügte Rodolphus hinzu: „Offenbar nicht. Wirst du es ihr sagen?"

„Ich… weiß es nicht."

„Warum tust du das? Warum das alles? Sie hier und du kümmerst dich so liebevoll um sie. Ich erkenne meinen Bruder irgendwie nicht mehr."

„Na, da bist du ja nicht der einzige." Rabastan warf Rodolphus einen warnenden Blick zu. „Ich wollte sie nicht im Gefängnis lassen. Und erst recht nicht wollte ich, dass irgendein anderer sie bekommt."

Er dachte daran, was Hermine ihm über Fenrir Greyback erzählt hatte, und seine Hände ballten sich unweigerlich zu Fäusten.

„Es gibt eine Menge von uns, die nur allzu gern gewisse Dinge mit ihr anstellen würden. Rowle ist immer noch nicht gut auf sie zu sprechen und Macnair… Davor…"

„… willst du sie beschützen."

„Ja", sagte Rabastan und nickte.

„Weiß der Dunkle Lord davon?"

Rabastan lachte kurz auf. „Das ist ja das genau das… faszinierende an der Sache. Der Dunkle Lord will nämlich, dass ich genau das tue."

„Er hat dir befohlen, sie zu beschützen?"

„Nicht direkt. Er sagte, ich solle sie für ihn aufbewahren, bis er sie brauchen würde", erklärte Rabastan. „Er sagte, ich solle ihr den Schutz unserer Familie zuteilwerden lassen."

„Was könnte die Absicht des Lords sein?"

„Ich weiß es nicht, er hat nicht mit mir gesprochen. Ich weiß allerdings nicht, ob ich wirklich erpicht darauf bin, es zu erfahren."


„Deine Haut, so weich", schnurrte Fenrir Greyback an ihr Ohr, während seine Hand über ihre Wange streichelte. „Dein Duft…"

Hermine versuchte, sich zu wehren, aber der Werwolf drückte sie mit seinem gesamten Gewicht auf ein Bett. Mit seinem Knie zwang er sie, ihre Beine zu spreizen…

Hermine keuchte schwer und der Schweiß lief unter ihrem Schlafanzug ihren Rücken hinab, als sie aus ihrem bösen Traum erwachte. Rabastan, der wie so oft in den letzten Wochen neben ihrem Bett gewacht hatte, war sofort an ihrer Seite.

„Greyback?", vermutete Rabastan.

„Ja. Wieder derselbe Traum", sagte Hermine leise.

„Hermine, das kann nicht so weitergehen", sagte Rabastan streng. „Ich werde Ihnen jetzt doch einen Trank geben. Wir haben etwas gegen Albträume da." Er stand vom Bett auf und wollte schon hinauseilen, um den Heiltrank zu holen, da sagte Hermine: „Diesen Trank für traumlosen Schlaf… Diesen Trank darf nur ein Heiler verabreichen oder ein Heiler muss ihn verschreiben. Man kann ihn nicht so einfach kaufen. Warum haben Sie so etwas im Haus?"

Rabastan hielt auf der Stelle inne. „Wissen Sie, Ms. Granger, Sie sind nicht die einzige, die schlechte Träume hat. Mit Albträumen kenne ich mich sehr gut aus."

„Sie haben auch Albträume?"

„Ja, manchmal auch heute noch. Nach all den Jahren. Das bringt es so mit sich, wenn man so lange Zeit in Askaban verbracht hat", sagte Rabastan und verließ den Raum.


Das Tageslicht, das durch das Fenster hereinfiel, weckte Hermine am nächsten Morgen. Sie fühlte sich seltsam erfrischt und ausgeruht und zum ersten Mal seit Wochen war sie nicht aus einem schrecklichen Albtraum erwacht. Der Trank, den Rabastan ihr gegeben hatte, hatte seine Wirkung nicht verfehlt.

Nichtsahnend drehte sie sich auf die andere Seite, um zu sehen, ob Rabastan noch bei ihr war, und erschrak. Er war tatsächlich noch bei ihr. Rabastan schlief nicht mehr im Sessel neben ihrem Bett. Vielmehr lag er direkt neben ihr in ihrem Bett. Ihre Gesichter waren nur wenige Zentimeter auseinander. Er hatte die Augen geschlossen und sein ruhiger, gleichmäßiger Atem verriet ihr, dass er noch tief und fest schlief. Sie waren sich so nah, dass sich ihre Körper beinahe berührten, und Hermine konnte den schwachen Duft seines Rasierwassers, das er immer trug, riechen. Sie mochte den Duft…

Hermine erwartete, dass ihr der enge Kontakt und die Nähe Unbehagen bereiten würden, doch insgeheim hatte sie es gern, wenn Rabastan ihr so nah war. Sie fühlte sich immer wohl und beschützt in seiner Gegenwart und wusste, dass ihr nichts passieren konnte, solange er nur bei ihr war. Am liebsten hatte sie es, wenn er sie in die Arme nahm, so wie in den letzten Wochen, als sie die Albträume gehabt hatte…

Als sich Hermine bewusste wurde, was sie gerade dachte, wandte sie sich von Rabastan ab, schlüpfte leise, um ihn nicht zu wecken, aus dem Bett und flüchtete ins Badezimmer, wo sie erst einmal die Tür abschloss, um möglichst viel Abstand zwischen sich und den Todesser zu bringen. Scham überkam sie für ihre Gedanken und Gefühle.

Es gefiel ihr nicht, dass sich Rabastan so sehr in ihre Gefühlswelt hineinschlich. Sie musste sich immer wieder daran erinnern, wer er war. Auch wenn er sich so gut um sie kümmerte und freundlich zu ihr war, war er immer noch ein Todesser. Seit sie bei ihm war, vergaß sie diesen Umstand nur allzu gerne. Er war ihr Retter und ihr Beschützer. Er war ein Mann, ein gutaussehender Mann, wie Hermine sich eingestehen musste, und sie wollte seine Gegenwart, seine Nähe, nicht mehr missen. Sie wünschte sich insgeheim mehr Nähe zu ihm, als gut für sie war.

Für ihre Morgentoilette ließ sie sich viel mehr Zeit als sonst, in der Hoffnung, Rabastan möge nicht mehr da sein, wenn sie das Bad verließ. Allerdings war er trotz ihrer Trödelei immer noch in ihrem Bett. Als Hermine vorsichtig aus dem Bad lugte, stand er gerade auf und zog sich seinen Umhang über.

Ihre Blicke trafen sich und für einen kurzen Moment waren beide um Worte verlegen. Rabastan schien es genau so unangenehm zu sein wie Hermine, dass sie die letzte Nacht so nah beieinander verbracht hatten.

„Hat der Trank gewirkt?", wollte Rabastan wissen. „Hatten Sie letzte Nacht noch mal einen Albtraum?"

Hermine schüttelte den Kopf.

„Das ist gut. Wenn Sie nochmal einen Trank möchten, dann… sagen Sie einfach Bescheid."

„Ja, danke."

Hermine war mehr als nur erleichtert, als er hinausging.


Die nächsten Tage konnten nicht mal die Bücher Hermine von Rabastan ablenken. Sie sah ihn kaum und hatte das Gefühl, dass er ihr aus dem Weg ging. Vermutlich war ihm das, was passiert war, genauso peinlich wie ihr. Nachts war er jetzt nicht mehr bei ihr. Hermine hatte keine Albträume mehr, aber das lag eher daran, dass sie lange wach lag und ohnehin nicht einschlafen konnte. Immer wenn sie sich auf die Seite drehte und die leere Hälfte des Bettes sah, dann wünschte sie sich, Rabastan möge neben ihr liegen.

Mit Rodolphus Lestrange verstand sie sich langsam, aber sicher recht gut. Mittlerweile schien es ihm auch etwas besser zu gehen und er wurde offener, sodass sie sich manchmal unterhielten, wenn sie zu zweit im Salon saßen. Hermine konnte ihn so endlich näher kennenlernen. Sie merkte schnell, dass er ein eher ruhiger und in sich gekehrter, aber im Grunde liebenswerter Mann war. Umso erstaunlicher fand sie es, wie er all die Jahre mit Bellatrix verheiratet sein konnte.

Als Hermine ihm von Rabastans Geburtstag und ihrem Rausch erzählte, sah sie ihn zum ersten Mal seit seinem Einzug im Haus lachen.

„Sie haben Antonin wirklich mit auf Ihr Zimmer gebeten?", fragte er, um sicher zu gehen, dass er sich nicht verhört hatte. Als Hermine bejahte, brach er erneut in schallendes Gelächter aus. Es war beruhigend, ihn lachen zu hören. Nach allem, was er durchgestanden hatte, und nach all den Monaten des Trübsinns und der Einsamkeit, war es gut, wenn ihn etwas zum Lachen bringen konnte.

„Ja. Er hat höflich, aber sehr bestimmt abgelehnt", sagte Hermine.

„Sie sind mir eine", meinte Rodolphus, als er sich wieder gefangen hatte.

„Ich habe mich wirklich wie der letzte Idiot aufgeführt", sagte Hermine schuldbewusst. „Ich hab Rabastan eigentlich das Geburtstagsessen total verdorben."

„Was ist mit mir?", fragte Rabastan, der in diesem Moment in den Salon kam.

Hermines Wangen färbten sich augenblicklich purpurrot.

„Hermine hat mir gerade diese lustige Geschichte von deinem Geburtstag erzählt", erklärte Rodolphus grinsend.

„Verstehe. Schön zu sehen, dass dich etwas zum Lachen bringen kann. Das… finde ich wirklich toll."

Rodolphus nickte und warf Hermine einen Blick von der Seite zu.

„Ich bin aber wegen etwas anderem hier. Ich habe Hermine gesucht."

„Mich?" Hermines Wangen wurden schon wieder heiß.

„Haben Sie Lust, mir auf dem Dachboden Gesellschaft zu leisten?", fragte Rabastan.

„Auf dem Dachboden?"

„Was machst du denn da?", wollte Rodolphus wissen.

„Ich habe mir schon länger vorgenommen, da oben mal aufzuräumen und das Chaos zu beseitigen. Die Hauselfen haben gesagt, dass sich da oben wahrscheinlich ein paar Mäuse und Doxys eingenistet haben, also wäre ein gründlicher Frühjahrsputz gar nicht schlecht. Und Hermine, Sie könnten unsere Familie näher kennenlernen. Da oben lagern nämlich praktisch Jahrzehnte unserer Familiengeschichte. Du kannst ja auch mitkommen, Rodolphus. Also, was ist? Kommt ihr mit rauf?"

Hermine warf Rodolphus einen unsicheren Blick zu. Der Vorschlag war nicht uninteressant, denn genau genommen wusste Hermine herzlich wenig über ihre Gastgeberfamilie. Sie hatte zwar die Genealogie der Zauberei gelesen und wusste etwas über die Lestranges, aber es war etwas anderes ein Buch zu lesen, als in die Erinnerungen der Familie selbst einzutauchen. Schließlich nickte sie. Auch Rodolphus schloss sich ihnen an.


Hermine hatte bisher gar nicht gewusst, dass es überhaupt einen Dachboden im Haus gab. Sie erklommen die Treppen bis ins oberste Stockwerk des Anwesens, wo Hermine bislang noch nicht gewesen war. Am Ende eines Ganges schwang Rabastan seinen Zauberstab Richtung Decke. Eine breite Dachbodenluke, die in den Boden eingelassen war, öffnete sich nach unten und eine Treppe wurde ausgefahren.

Der alte Dachboden lag im Dunkeln, sodass Rabastan erst ein Licht mit seinem Zauberstab entzünden musste. Chaos war untertrieben, fand Hermine. Überall standen Kisten oder lose Gegenstände herum. Die Luft war dick und muffig, weil sich der Staub von Jahrzehnten auf den ausrangierten Sachen abgelagert hatte. Feuchtigkeit war ins das Holz des Dachstuhls gekrochen, sodass ihnen ein modriger Geruch in die Nase stieg. Dichte Spinnweben zierten die Wände. Das runde Fenster auf der anderen Seite war so dreckig, dass kein Tageslicht mehr in den Raum fiel. Über ihren Köpfen raschelte es im Holz. Als Rabastan seinen Zauberstab nach oben richtete, fiel ein totes Doxy vor ihre Füße.

„Tipsi hat nicht übertrieben", sagte Rabastan.

Rodolphus hustete, als er mit der Hand über einen Stapel Bücher wischte und eine Staubwolke aufstieg. „Du meine Güte!", meinte er. „Hier war ja schon eine Ewigkeit keiner mehr."

„Wie denn auch? Unsere Eltern sind gestorben und wir waren in Askaban. Seit wenigstens zwanzig Jahren ja sich keiner mehr um das Haus gekümmert", sagte Rabastan.

Hermine sah sich interessiert um. Sie entdeckte einen bestimmt drei Meter langen Teppich, der zusammengerollt am Boden lag. Rabastan entrollte ihn vorsichtig.

„Das ist ein Wandteppich mit unserem Stammbaum drauf", sagte er verwundert. „Komisch, ich dachte, der hängt unten in Vaters altem Arbeitszimmer."

„Da hängt er ja auch", sagte Rodolphus.

„Aber warum liegt dann ein zweiter hier?"

„Das ist Ihre ganze Familie?", fragte Hermine und ging neben Rabastan in die Hocke, um den Teppich näher begutachten zu können. Ganz unten waren Rabastan und Rodolphus. Eine feine, vertikale, gestickte Linie führte von ihren Namen zu ihren Eltern, Cadmus Lestrange und Belvina Lestrange. Von Rodolphus' Namen ging eine horizontale, blaue Linie zu Bellatrix Lestrange, einer geborenen Black.

„Ja."

„Wie weit reicht das zurück?"

Rabastan entrollte den Teppich vollständig. „Der älteste Nachweis über die Familie Lestrange stammt aus dem elften Jahrhundert. Unsere Familie kam ursprünglich aus Frankreich. Alle blauen Linien sind Eheschließungen. Wir sind praktisch mit allen Reinblutfamilien verwandt, die es jemals in Großbritannien gegeben hat."

Hermine staunte nicht schlecht, als sie die vielen Generationen bis ins Hochmittelalter zurückverfolgte. Manchmal waren die Verbindungen der einzelnen Familienmitglieder so eng, dass man Schwierigkeiten hatte, alle Linien auseinanderzuhalten. Am äußeren rechten Rand des Teppichs stach ihr eine Person besonders ins Auge.

„Alexandrina Lestrange", las sie laut vor, „geboren 1754, gestorben 1783. Die ist aber nicht sehr alt geworden."

Jetzt ging auch Rodolphus in die Hocke, um sich den Stammbaum näher anzusehen. „Von der habe ich noch nie gehört. Ich glaube, die ist auf dem anderen Stammbaum gar nicht drauf."

„Stimmt, die kenne ich auch nicht", meinte Rabastan genauso ratlos. „Sie war nie verheiratet." Ihre fünf Geschwister hatten alle geheiratet und mehrere Kinder, nur Alexandrina war sowohl ehe- als auch kinderlos geblieben. „Seltsam. Das war zur damaligen Zeit ungewöhnlich."

„Wenn Sie den Teppich genauer ansehen wollen, Ms. Granger, dann gehen Sie am besten unten in das Zimmer im dritten Stock. Da hängt der Stammbaum an der Wand", sagte Rodolphus.

„Ja, danke."

Sie durchforsteten den Raum weiter, bis sie schließlich Kisten mit Sachen aus der Kindheit der beiden Brüder fanden.

„Unsere alten Schuluniformen, die alten Bücher, sogar unsere Zeugnisse!"

Hermine erkannte das Lehrbuch der Zaubersprüche und noch etliche andere Schulbücher und eine gewisse Wehmut überkam sie. Sie hatte ihre magische Ausbildung nie zu Ende bringen können. Die Bücher für das siebte Schuljahr hatte sie nie gekauft. Und ein Abschlusszeugnis hatte sie auch nicht.

„Du warst besser als ich", sagte Rabastan säuerlich. „Hattest ein paar Ohnegleichen mehr als ich."

Beide Brüder waren in fast allen Fächern hervorragende Schüler gewesen, wie Hermine feststellen musste. Rodolphus hatte in seinen UTZen sogar zehn Ohnegleichen geschafft.

„Sie waren auch Vertrauensschüler?", fragte Hermine, die einen Vermerk auf Rodolphus' Zeugnis gelesen hatte.

„Ja. Ich war immer der brave Bruder. Rabastan war der Draufgänger."

„Musste zu oft bei McGonagall nachsitzen", sagte Rabastan und verzog das Gesicht.

Hermine war nicht überrascht davon. Als sie die ZAG-Zeugnisse sah, musste sie laut loslachen. Beide waren in Wahrsagen durchgefallen.

„Wir hätten das Fach nie wählen sollen", meinte Rabastan.

„Ich hab es in der dritten Klasse nach ein paar Monaten hingeschmissen", sagte Hermine, „und habe es keinen Tag bereut!"

„Was ist eigentlich mit Ihnen, Ms. Granger? Ich habe gehört, dass Sie immer eine ausgezeichnete Schülerin gewesen sind. Aber trotzdem haben Sie Hogwarts gar nicht beendet. Wie kommt das?", fragte Rodolphus interessiert. „Sie und Ihre beiden Freunde sind lieber Zelten gegangen?"

„Ähm, das ist… eine sehr lange… und komplizierte Geschichte", sagte Hermine schnell. „Tut mir leid, aber… ich kann Ihnen leider nichts darüber sagen."

„Das ist schade. Es interessiert uns alle, was Sie gemacht haben. Es gab ja ziemlich viele Gerüchte, aber…"

„Rodolphus…", mahnte Rabastan.

„Schon gut."

Rabastan öffnete als nächstes Kisten mit alten Fotos. „Das sind unsere Abschlussfotos. Das ganze Haus Slytherin."

„Wann haben Sie Abschluss gemacht?", fragte Hermine und betrachtete das Foto. Rabastan deutete auf sich, aber sie hätte ihn auch so gut wiedererkannt.

„1969. Bellatrix war zusammen mit mir in einer Klasse."

Jetzt erkannte Hermine auch das Mädchen, das neben Rabastan stand. Es war die junge, 17-jährige Bellatrix Black. Schon damals war ihr langes, schwarzes Haar offen über ihren Rück gewallt und sie hatte etwas arrogantes und erhabenes in ihrem Blick gehabt. Rodolphus wagte es nicht, das Foto anzusehen.

„Wo sind Sie?", fragte Hermine ihn.

„Rodolphus hat zwei Jahre früher Abschluss gemacht", erklärte Rabastan. „Hier. In seinem Jahrgang waren auch Amycus Carrow und Walden Macnair."

Hermine brauchte nicht lange, um die drei jungen Männer auf dem Bild zu erkennen. Beide Brüder waren schon als Jugendliche sehr gutaussehend gewesen und Hermine konnte sich gut vorstellen, dass sich mit Sicherheit viele weibliche Fans während ihrer Schulzeit gehabt hatten. Rodolphus nahm unterdessen den Deckel einer anderen Kiste ab.

„Das sind unsere Eltern, Cadmus und Belvina Lestrange", sagte er und reichte ihr eine große, gerahmte Schwarz-Weiß-Fotografie.

Man sah sofort, dass Rodolphus eher nach seinem Vater, Rabastan aber eher nach seiner Mutter kam. Cadmus Lestrange war ein großer, stattlicher Mann mit dunklen Haaren und Bart. Er trug einen schwarzen Umhang und stand neben seiner Frau, Belvina, die ein edles, schulterfreies Kleid trug. Ihre dunklen Haare waren sie einem Zopf geflochten, der über ihre Schulter nach vorne fiel.

„Unsere Mutter war eine geborene McAllister", erklärte Rabastan. „Eine sehr angesehene Reinblutfamilie. Allerdings hatten die auch das Pech, dass sie hauptsächlich Töchter hatten und die wenigen Söhne, die es gab, haben es vor ihrem Tod nicht geschafft zu heiraten und selbst Söhne zu zeugen. Der Name ist längst verschwunden."

„Sind Ihre beiden Eltern verstorben?", fragte Hermine vorsichtig.

„Ja. Schon vor sehr vielen Jahren. Unser Vater… kannte den Dunklen Lord bereits in dessen Schulzeit und war einer seiner ersten Anhänger. Er hat allerdings nie als Todesser gekämpft. Er erlag in den späten 70er Jahren einer Krankheit. Unsere Mutter ist ihm bald gefolgt."

„Tut mir leid."

„Das ist das Leben, nicht wahr", meinte Rabastan und durchsuchte weiter die alten Fotos. Er zeigte Hermine weitere Aufnahmen aus seiner Kindheit. Rodolphus durchsuchte weiter die Kiste, in der er das Foto seiner Eltern gefunden hatte. Plötzlich erstarrte er. Schmerz stand in ihm ins Gesicht geschrieben. Das Foto, das er in der Hand gehabt hatte, glitt zu Boden.

„Rodolphus, was ist los?", fragte Rabastan.

Hermine begriff sofort. Das, was Rodolphus so aus der Fassung brachte, war das Hochzeitsfoto, auf dem er und Bellatrix als frischvermähltes Paar zu sehen waren.

„Was macht das hier?", fragte Rodolphus.

„Der Fotograf hat doch mehrere Abzüge angefertigt. Glaubst du nicht, dass unsere Eltern ein Foto von ihrem Sohn auf seiner eigenen Hochzeit haben wollten?"

Hermine hob das Foto auf und betrachtete es. Bellatrix trug ein weißes Kleid und ihre schwarze Mähne war in einer eleganten Hochsteckfrisur zusammengebunden. Um ihren Hals ruhte eine Kette mit einem Schmuckstein. Sie war eine wunderschöne Braut gewesen, das musste selbst Hermine zugeben, obwohl sie sonst nur Abscheu für Bellatrix empfand. Damals hatte Askaban ihre Schönheit noch nicht zerstört. Rodolphus neben ihr trug einen schwarzen Festumhang. Er hielt die Hand seiner Frau und sah immer wieder lächelnd zu ihr. Er sah glücklich aus. Mochte auch Bellatrix nie Gefühle für ihren Mann gehabt haben, es war ersichtlich, dass Rodolphus die Frau geheiratet hatte, die er liebte.

„Rodolphus!" Rabastan rief seinem Bruder nach, doch dieser antwortete nicht, sondern stürmte nur die Treppe hinunter.

„Ich werde mal mit ihm reden", bot Hermine spontan an und gab Rabastan das Foto.

„Hermine, nicht doch…"

„Ist schon gut. Ich versuche es einfach", sagte sie.

Sie ließ Rabastan etwas betreten auf dem Dachboden zurück, als sie Rodolphus nach unten folgte. Der ältere Lestrange war auf dem Weg in sein Zimmer, als Hermine ihn auf dem Flur abfing.

„Rodolphus, warten Sie doch mal bitte!"

Wie zu erwarten, wurde sie ignoriert, aber Hermine wollte diesmal nicht locker lassen. Sie folgte Rodolphus zu seinem Zimmer. Gerade als er die Tür zuschlagen wollte, huschte Hermine hinein.

„Was zum…?" Er sah sie entgeistert an und wusste nicht, was er sagen sollte. „Was soll denn das?"

„Ich will mit Ihnen reden", erklärte Hermine. „Bitte, hören Sie mir doch mal zu!"

„Ich will nicht reden", sagte Rodolphus schlicht. „Und jetzt verlassen Sie mein Zimmer."

Er war plötzlich wie ausgetauscht. Vor einer halben Stunde hatte er noch über ihre Geschichte gelacht und ihr von seiner Familie erzählt und jetzt hatte die Dunkelheit wieder Besitz von ihm ergriffen. Hermine verschränkte die Arme vor der Brust und blieb eisern in der Mitte des Raumes stehen.

„Ms. Granger, ich habe keine Lust Ihnen wehzutun. Verlassen Sie sofort mein Zimmer oder…"

„Oder was? Sie haben keinen Zauberstab, also können Sie nicht viel machen."

„Ich kann Sie auch ohne Zauberstab hinausbefördern!", mahnte Rodolphus leicht ungeduldig, allerdings war eine Spur Verunsicherung in seiner Stimme zu hören.

„Das will ich sehen. Rabastan wäre nicht so begeistert und in Ihrem Zustand…"

Er machte ein paar Schritte auf sie zu und musterte sie von oben herab streng. Offenbar war er um Worte verlegen und versuchte stattdessen, seine Größe und Statur dazu zu nutzen, Hermine einzuschüchtern. Wenn er wirklich glaubte, dass sie sich davon beeindrucken ließ, dann lag er falsch. Hermine erwiderte seinen Blick standhaft und trotzig. Sie blinzelte nicht einmal. Schließlich gab er auf und wandte sich ab. Er steuerte das Badezimmer an, die letzte Zuflucht, die ihm blieb. Hermine stellte sich in den Türrahmen und versperrte ihm damit den Weg.

„Was wollen Sie?", fragte Rodolphus. „Lassen Sie mich in Ruhe."

„Nein. Ich will doch nur mit Ihnen reden. Sie können nicht ewig davonlaufen, Rodolphus."

„Was haben wir uns schon zu sagen?", fragte Rodolphus und wollte sie zur Seite schieben.

„Ich weiß, dass der Tod Ihrer Frau Sie sehr mitnimmt", sagte Hermine. Er erstarrte und funkelte sie böse an.

„Sie wissen überhaupt nichts!", entgegnete Rodolphus und nun war er wütend. Er versuchte, sie zu packen und aus dem Zimmer zu bugsieren, doch sein verletzter Arm und sein Rücken bereiteten ihm Schmerzen. Er schaffte es nicht, genug Kraft aufzubringen, um Hermine beiseitezuschieben. Hilfesuchend stützte er sich mit seinem gesunden Arm an der Wand ab.

„Warten Sie, ich helfe Ihnen", bot Hermine an. Er ließ es zu, dass sie ihm zu seinem Bett half, wo er sich setzte. Wie ein Häufchen Elend sank er zusammen und ließ den Kopf hängen.

„Ich bin der komplette Vollversager", meinte Rodolphus niedergeschlagen.

Hermine nahm langsam neben ihm Platz.

„Nein, das sind Sie nicht", widersprach Hermine. „Bitte denken Sie das doch nicht die ganze Zeit."

„Und wieso nicht? Sehen Sie mich doch an. Ich bin nichts. Zu nichts zu gebrauchen."

„Nein, das stimmt nicht. Der Tod Ihrer Frau… hat Sie schwer getroffen, nicht wahr?"

„Was wissen Sie denn schon über mich und meine Frau?"

„Ich weiß eine Menge, Rodolphus", sagte Hermine schließlich. „Ich habe ebenfalls viele Menschen verloren, die mir sehr viel bedeutet haben. Ich kann verstehen, wie es Ihnen geht. Es bringt nur nichts, den Kopf in den Sand zu stecken."

Ihre Blicke trafen sich. Hermine schluckte. Sie hatte lange überlegt, ob sie wirklich aussprechen sollte, was in ihr vorging. Nicht mal gegenüber Rabastan, mit dem sie mittlerweile ein vertrauteres Verhältnis hatte, hatte sie jemals seit ihrem Einzug im Lestrange-Anwesen über diese Dinge gesprochen. Rodolphus Lestrange hatte etwas in ihr ausgelöst, was sie lange verdrängt hatte. Er und sein Leid zwangen sie, sich mit ihrer eigenen Vergangenheit und den schrecklichen Erlebnissen des Krieges auseinanderzusetzen.

„Ich habe durch den Krieg und die Schlacht von Hogwarts alles verloren, was ich hatte. Meine Eltern sind irgendwo, ohne Aussicht, dass ich sie jemals wiedersehe. Meine beiden besten Freunde sind tot. Ich bin heute ganz allein. Wenn ich nachts allein in meinem Zelt war, dann habe ich oft daran gedacht, dass alles verloren ist und dass ich besser… tot wäre. Glauben Sie wirklich, Sie sind mit Ihrem Schmerz allein? Nein."

Er war überrascht von ihrer Offenbarung.

„Ich vermisse meine Freunde jeden Tag und ich wünschte, das alles wäre nicht passiert. Ich verstehe Sie. Ihre Frau hat Ihnen sehr viel bedeutet." Es war eine Feststellung.

Er nickte langsam. „Vermissen Sie Ihre Frau?"

„Ja", raunte Rodolphus.

„Ich weiß, warum Sie das getan haben. Es gibt niemanden, der das so gut nachvollziehen kann, wie ich", fügte Hermine hinzu.

Sie sahen sich tief in die Augen. Hermine konnte den Schmerz in Rodolphus' Augen sehen. Es war wie ein Blick in einen Spiegel. Gleichzeitig jedoch war ein Band des gegenseitigen Verständnisses zwischen ihnen entstanden.

„Rabastan ist wütend auf mich, oder? Weil ich das getan habe?"

„Nein, er ist nicht wütend. Er hatte Angst, Sie zu verlieren, und es macht ihm schwer zu schaffen, dass es Ihnen so schlecht geht", sagte Hermine. „Er würde Ihnen so gerne helfen, aber er weiß nicht wie. Es tut mir so leid, dass sagen zu müssen, aber… Das, was Sie sich so sehnlich wünschen, dass Ihre Frau zurückkommt, das wird nicht passieren. Die Toten können nicht zurückkommen." Tränen formten sich in ihren Augen. „Ich werde Harry und Ron nie wiedersehen."

Schweigen entstand zwischen ihnen, dann ergriff Rodolphus vorsichtig Hermines rechten Arm und schob den Ärmel ihres Umhangs nach oben. Er betrachtete die Narbe, die das Wort „Schlammblut" bildete und strich nachdenklich mit einem Finger darüber. Hermine war seine Berührung unangenehm und sie zog ihren Arm zurück.

„Das hat meine Frau getan."

„Sie war wahnsinnig", sagte Hermine und schluckte. „Ich habe ihr so oft gesagt, dass wir das Schwert nicht aus Ihrem Verlies hatten, aber sie wollte mir einfach nicht glauben."

„Ich kann da nicht mal widersprechen."

„Wie lange waren Sie verheiratet?", fragte Hermine.

„Fast 27 Jahre", sagte Rodolphus.

„Das ist eine lange Zeit."

„Wir haben mehr Zeit miteinander als ohne einander verbracht. Wir waren immer zusammen, wir haben alles zusammen gemacht. Wir haben alles zusammen durchgestanden. Krisen, Askaban… Sie war ein Teil von meinem Leben, ein Teil von mir. Ohne sie ist alles…"

„…leer. Ich weiß", sagte Hermine, die das Gesagte nachvollziehen konnte. Sie, Harry und Ron hatten auch viele Dinge zusammen durchgestanden, egal ob es Kämpfe gegen Voldemort oder Bewährungsproben für ihre Freundschaft waren. Sie waren zusammen gewesen. Ihr Tod hatte in Hermines Leben eine Lücke hinterlassen. Genauso wie Bellatrix' Tod in Rodolphus' Leben.

Rodolphus sah sie an. „Ohne Bella hat alles für mich keinen Sinn mehr. Ich weiß nicht, was ich noch soll."

„Solche Gedanken hatte ich auch", sagte Hermine. „Als ich allein in meinem Zelt war, habe ich mir solche Fragen auch gestellt. Was ich eigentlich noch soll, jetzt, da meine Freunde tot sind und der Krieg verloren ist und Ihre Seite gewonnen hat."

„Warum sind Sie noch da?", fragte Rodolphus. „Was lässt Sie weitermachen?"

„Ich weiß es nicht. Vielleicht Hoffnung", sagte Hermine. „Wenn etwas Altes stirbt, dann entsteht etwas Neues. Eine neue Tür öffnet sich. Ich bin sehr lange vor gewissen Dingen davongelaufen und ich musste lernen, dass das falsch war. Ich bin noch da, weil mich die Todesser festgenommen und mir Rabastan schließlich das Leben gerettet und mich hierher gebracht hat. Ich denke, das ist meine neue Tür, durch die ich gehen muss."

Er betrachtete sie. Tränen rannen über Hermines Gesicht. „Meine Freunde sind tot, aber ich lebe. Ich helfe ihnen nicht, indem ich es zulasse, dass ihr Tod umsonst war. Oder dass ihr Tod mich in den Abgrund zieht. Ihre Frau würde doch bestimmt nicht wollen, dass es Ihnen so schlecht geht. Ihre Frau starb in dem Wissen, dass sich ihr sehnlichster Wunsch erfüllt hat. Würde Sie sich nicht wünschen, dass Sie das, was Sie erreicht haben, wofür Sie so lange gekämpft haben, genießen?"

Sie sahen sich tief in die Augen. Rodolphus wollte etwas sagen, aber in diesem Moment erschien Rabastan in der Tür.

„Ist alles in Ordnung?", wollte er wissen.

„Ja. Ist schon OK", sagte Rodolphus.

Hermine erhob sich und ging hinaus. Keiner der Brüder hielt sie auf.

Rodolphus hatte schließlich etwas begriffen. Hermine hatte ihm gewisse Dinge klargemacht. Noch am selben Abend fasste er einen Entschluss.