Ihr erster Schritt durch die Tür nach draußen war das schönste Erlebnis seit sehr langer Zeit für Hermine. Die Sonne strahlte hell und warm vom wolkenlosen Himmel und Vögel zwitscherten in den Bäumen, als sie und Rabastan Hand in Hand zusammen durch den Garten spazierten.
Der Garten war nicht gepflegt und Sträucher und Unkräuter wucherten ungebremst. Ein paar Frühlingsblumen stellten ihre bunten Blütenblätter zur Schau und die ersten Insekten suchten nach Pollen. Hermine stört sich nicht daran, dass Gras zwischen den Steinen der gepflasterten Wege wuchs und sie ein paar Mal einen Zweig zur Seite biegen mussten, als sie in den Wald hinter dem Haus zu einer Bank gingen. Ihr gefiel der verwilderte Garten. Es war ein unberührter, natürlicher Ort. Das frische Grün der neuen Blätter hatte eine beruhigende Wirkung auf Hermine. Sie atmete tief durch und schöpfte aus der frischen Frühlingsluft neue Kraft.
„Es ist schön hier", sagte sie zu Rabastan, als sie sich auf einer steinernen Bank niederließen.
„Warte nur, bist du den Garten im Sommer siehst", meinte Rabastan. „Dann tragen die ganzen Sträucher Beeren. Ich werde Tipsi dann bitten, die Beeren einzukochen."
„Hört sich toll an", sagte Hermine.
„Leider ist alles so wild und durcheinander. Früher war der Garten sehr gepflegt."
„Mir gefällt euer Garten", sagte Hermine und schloss für einen Moment genüsslich die Augen, als die Sonnenstrahlen auf ihr Gesicht fielen. Nach dem langen, kalten Winter und den Monaten, die sie in Dunkelheit verbracht hatte, erhellten die Sonnenstrahlen Hermines Welt.
„Schön, wenn er dir gefällt. Der Garten war immer der ganze Stolz unserer Eltern."
Zwei Vögel sangen über ihnen.
„Mein Bruder hat sich in den Ferien immer um den Garten gekümmert, als wir noch Jugendliche waren", erklärte Rabastan.
„Rodolphus interessiert sich fürs Gärtnern?", fragte Hermine erstaunt und wandte ihren Blick von den Vögeln ab, die sich auf einem Ast niedergelassen hatten und sich turtelnd aneinanderschmiegten.
„Oh ja. Er hat auch wirklich einen grünen Daumen", sagte Rabastan. „Ich habe das immer bewundert. Später hatte er einen riesigen Garten bei seinem Haus, wo er mit Bellatrix gewohnt hat. Er hat dort alle möglichen Blumen angepflanzt. Vor allem die Rosen waren sein ganzer Stolz. Rosen waren Bellas Lieblingsblumen. Er hat ihr sogar mal eine Sorte gezüchtet. Mit blau-schwarzen Blütenblättern."
„Er kann doch hier auch Blumen pflanzen", meinte Hermine. „Vielleicht würde ihm die Beschäftigung guttun."
Hermine genoss ihren ersten Tag im Freuen in vollen Zügen. Sie saßen eine halbe Stunde im Garten, unterhielten sich und sahen die Vögeln in den Bäumen zu. Hermine saß dicht neben Rabastan, sodass ihr Knie leicht seinen Oberschenkel berührte. Nach wie vor hielt sie seine Hand. Es fühlte sich gut an, ihn zu berühren. Jedes Mal, wenn sie ihm nah war, flatterten Schmetterlinge in ihrem Bauch.
Hermine biss sich verlegen auf die Lippe. Sie wollte Rabastan gerne näher sein. Zaghaft schloss sie den Abstand zwischen sich und lehnte ihren Kopf an seine Schulter. Rabastan legte vorsichtig einen Arm um sie und zog sie näher an sich.
Hermine schmiegte sich enger an Rabastan, sodass sie ihren Kopf an seinen Hals legen konnte. Sie amtete den Duft seines Rasierwassers ein. Sie verspürte den Drang, ihn auf den Hals zu küssen, aber zögerte, ihrem Verlangen nachzugeben. Rabastan streichelte zärtlich über ihren Oberschenkel und ein wohliger Schauer durchfuhr sie. Ihr Herz begann, schneller zu schlagen, und Hitze stieg in ihr auf.
„Rabastan…", raunte Hermine heiser.
Sie sahen sich in die Augen. Rabastans Gesicht kam dem ihren näher und sie konnte seinen Atem auf ihrer Haut spüren. Es fehlte nicht mehr viel, bis sich ihre Lippen berührten. Rabastan beugte sich näher zu ihr, Hermine schloss die Augen, doch…
Plötzlich stöhnte Rabastan vor Schmerz auf und griff sich an seinen linken Unterarm, weil sein Dunkles Mal gebrannt hatte. Sie lösten sich voneinander.
„Wirst du gerufen?", fragte Hermine, enttäuscht darüber, dass sie gestört worden waren.
„Ja. Ich muss weg, tut mir leid." Rabastan erhob sich. Er war im Gehen begriffen, als er sich noch einmal umdrehte. „Bald ist Vollmond, Hermine. Ich würde dir dann gerne in der Bibliothek etwas zeigen. An deinem Lieblingsplatz."
„OK", antwortete Hermine schnell.
„Wir sehen uns dann, ich hoffe, es dauert nicht lange", sagte Rabastan und eilte davon.
Es war weit nach Mitternacht, als Rabastan von der Versammlung der Todesser nach Hause zurückkehrte. Das Haus war dunkel, also vermutete er, dass Hermine und Rodolphus bereits zu Bett gegangen waren.
Erschöpft und froh, endlich zu Hause zu sein, ging Rabastan nach oben zu seinem Zimmer. Als er Hermines Zimmer passierte, bemerkte er, dass die Tür offenstand und ein schwacher Lichtkegel auf den Flur fiel. Hermines Stimme drang gedämpft zu ihm. Sie sang die Melodie eines Liedes.
Rabastan wollte ihr eine gute Nacht wünschen und betrat nichtsahnend das Zimmer. Im Bad brannte Licht und die Tür war weit offen.
„Hermine? Bist du noch wa-…"
Augenblicklich erstarrte Rabastan auf der Stelle.
Hermine war eben aus der Dusche ausgestiegen und stand nun mit dem Rücken zu ihm. Ein großes, weißes Handtuch war um ihren Körper gewickelt. Mit einem kleinen Handtuch trocknete sie sich die Haare. Währenddessen sang sie leise vor sich hin.
Rabastan war von dem Anblick, der sich ihm bot, so gefesselt, dass er sich nicht rühren konnte. Er sollte gehen, er musste gehen, aber seine Beine wollten sich nicht bewegen.
Mit einer Mischung aus Entsetzen und Faszination gleichermaßen sah er, wie Hermine das Handtuch ablegte. Sie stand nackt vor ihm.
Dank der drei anständigen Mahlzeiten am Tag, die sie seit ihrer Ankunft genossen hatte, hatte sie wieder Normalgewicht erreicht. Jedes Pfund, das sie seitdem zugenommen hatte, war an der richtigen Stelle, sodass sie eine schlanke Taille und wohlgeformte, weibliche Kurven hatte. Rabastan hatte noch nie eine hübschere Frau gesehen.
Rabastans Blick wanderte von ihren Fesseln über ihre schlanken Beine nach oben zu ihren langen Haaren. Ihre Haut war makellos und er verspürte den Drang, sie zu berühren. In seinem Inneren regte sich etwas, was lange Zeit verborgen gewesen war.
Beim Anblick der nackten, jungen Frau, die nur ein paar Schritte von ihm entfernt war, entflammte Begierde in ihm. Er war ein Mann und er hatte Bedürfnisse. Bedürfnisse, die durch die lange Zeit in Askaban nicht gestillt worden waren. Auf einmal hatte er Herzklopfen und ein wohl warmes Gefühl bereitete sich in seinem Bauch aus. Es kostete ihn alle Selbstbeherrschung, die er aufbringen konnte, nicht ins Bad zu gehen und Hermine an Ort und Stelle zu nehmen. Die Vorstellung, in sie einzudrängen und ihre lustvollen Seufzer in seinen Ohren zu hören, war zu viel für ihn. Er spürte in einer bestimmten Region seines Körpers eine Regung. Als sich Hermine nach ihrem Handtuch bücken wollte, wandte sich Rabastan ab und verließ das Zimmer.
Er kam erst zur Ruhe, als er in seinem eigenen Zimmer war und die Tür fest hinter sich geschlossen hatte. Schweratmend lehnte er sich gegen die Wand. Die unfreiwillige Begegnung mit Hermine hatte ihm einmal mehr vor Augen geführt, wie sehr er sie wirklich begehrte. Er brauchte sich nichts vorzumachen. Er wollte sie, und zwar in jeder Hinsicht wie ein Mann eine Frau nur wollen konnte.
Vielleicht sollte er vor dem Schlafengehen auch eine Dusche nehmen. Aber eine eiskalte.
Hermine konnte den Vollmond kaum erwarten. Sie war neugierig, was Rabastan ihr in der Bibliothek zeigen wollte. Es entging ihr nicht, dass Rabastan seltsam schweigsam war, seit sie zusammen im Garten gesessen hatten, und es manchmal nicht wagte, sie direkt anzusehen. Stattdessen warf er ihr flüchtige Blicke von der Seite zu. Als Hermine ihn fragte, ob etwas passiert war, lächelte er nur, aber antwortete nicht.
Am Abend des Vollmonds saßen Hermine, Rabastan und Rodolphus nach dem Essen noch einige Zeit im Salon zusammen und unterhielten sich. Rodolphus erzählte von seiner letzten Therapiestunde bei seiner Heilerin.
„Sie sagt, ich habe große Fortschritte gemacht", verkündete er voller Eifer.
„Das ist schön", sagte Hermine.
Rodolphus warf seinem Bruder einen vielsagenden Blick zu. Rabastan lachte. „Ich weiß, was du willst."
„Rabastan, ich werde verrückt ohne Zauberstab", sagte Rodolphus. „Wie lang soll das noch gehen? Das ist doch lächerlich!"
Rabastan machte eine ernste Miene, als spreche er mit einem kleinen Kind. „Du bekommst ihn ja bald zurück, aber ich möchte noch etwas warten. Ich möchte absolut sichergehen, dass du schon wieder bereit bist."
Hermine musste grinsen. Sie sah Rodolphus mitleidig an. Rabastan legte einen Arm um sie und zog sie an sich. Rodolphus seufzte und verdrehte die Augen. Er erhob sich schließlich.
„Ich werde ins Bett gehen. Gute Nacht ihr zwei. Amüsiert euch noch schön."
„Bis morgen", sagte Rabastan. Als Rodolphus hinausgegangen war, wandte er sich an Hermine.
„Ich hab dir ja versprochen, dass ich dir etwas zeigen werde. Gehen wir rauf."
Hermine folgte Rabastan in die Bibliothek. Sie stieg hinter ihm die Wendeltreppe nach oben.
„Was wolltest du mir denn zeigen?", fragte sie neugierig.
„Warte, gleich siehst du es."
Als sie den Dachboden erreicht hatten, sah Hermine sofort, was Rabastan meinte. Der Raum wurde in schwaches silbernes Licht getaucht. Sie schritten zum Fenster und sahen hinauf in den Himmel.
„Wunderschön", raunte Hermine beim Anblick des großen, hellleuchtenden Vollmondes, der über dem Wald stand.
„Hab ich dir zu viel versprochen?"
„Nein, überhaupt nicht."
Sie setzten sich auf die gemütlichen Kissen und betrachteten durch das Fenster gemeinsam den Mond. Während sie gedankenverloren nebeneinandersaßen, schien die Zeit stillzustehen. Hermine schmiegte sich an Rabastans Schulter und genoss seine Nähe und Wärme. Lange sahen sie einfach nur wortlos nach oben in den Himmel und beobachteten den Vollmond und den sternenklaren Himmel. Für Hermine hätte es keinen romantischeren Augenblick geben können. Sie war glücklich.
„Hermine?" Rabastans Stimme war heiser, als er sprach.
„Ja?"
„Ich würde dir gerne etwas sagen. Du hast mich doch schon öfter gefragt, warum ich dich hierher gebracht habe."
Hermine richtete sich auf und sah ihn an. Auf eine Antwort auf diese Frage wartete sie seit Monaten.
„Ich werde es dir sagen", sagte Rabastan.
Sie sahen sich tief in die Augen. „Seit ich dich das erste Mal gesehen habe", seine Stimme war heiser, als er sprach, „muss ich ständig an dich denken. Als ich in Askaban war, waren meine Gedanken jeden Tag nur bei dir. Nach der Schlacht habe ich jeden Tag darauf gehofft, dich wiedersehen zu können. Du willst die Wahrheit wissen, Hermine?"
Sie nickte langsam, ohne den Blick von ihm zu nehmen.
„Ich will dich, Hermine. Schon lange und auf jede erdenkliche Weise, auf die ein Mann eine Frau wollen könnte."
Sie war sprachlos. Damit hatte sie nicht gerechnet. Schmetterlinge tanzten in ihrem Bauch und ihr Herz schlug schnell gegen ihren Brustkorb. Sie konnte sich nicht länger zurückhalten. Sie musste dem Drang in ihrem Inneren nachgeben. Vergessen war die Vergangenheit, vergessen war der Krieg und wer sie eigentlich waren. In diesem Moment waren sie nur Frau und Mann, die sich zueinander hingezogen fühlten.
Langsam und vorsichtig berührte sie Rabastan am Arm und strich über seinen Oberarm. Rabastan nahm keine Sekunde seinen Blick von ihr.
„Hermine…"
Sie schüttelte den Kopf. „Nicht…"
Worte waren jetzt fehl am Platz. Sie schloss den Abstand zwischen ihnen und beugte sich zu ihm, sodass sich ihre Gesichter fast berührten. Rabastan umfasste sie mit seinen Armen und legte seine Hände auf ihren Rücken. Ein wohliger Schauer durchfuhr Hermine. Zärtlich rieb sie ihre Wange an seiner leicht rauen. Der Duft seines Rasierwassers betörte ihre Sinne. Ihre Blicke trafen sich ein letztes Mal, dann verschlossen sich ihre Lippen in einem leidenschaftlichen Kuss.
Es war ein atemberaubendes Gefühl. Hermine hatte bereits Erfahrungen gesammelt, aber nichts davon war irgendwie vergleichbar mit dem Kuss mit Rabastan. Weder bei Krum noch bei Ron hatte sie je so eine Leidenschaft gefühlt wie jetzt bei Rabastan.
Er küsste phantastisch. Rabastan war ein erwachsener Mann, er hatte Erfahrung und er behandelte Hermine nicht wie ein junges Schulmädchen. Er gab ihr das Gefühl, dass sie eine begehrenswerte Frau war.
Rabastan zog sie enger an sich. Hermine konnte nicht an sich halten und drückte ihn sanft nach hinten, sodass er auf dem Rücken lag und sie sich auf ihn setzen konnte. Keine Sekunde lösten sie ihre Lippen voneinander. Erst als beide Luft holen mussten, unterbrachen sie ihren Kuss. Schweratmend sahen sie sich in die Augen. Hermine sah die Begierde, die in Rabastans Augen lag. Wie lang hatte er diesem Augenblick wohl schon entgegengesehen?
Keiner konnte etwas sagen. Hermine fand keine Worte, um zu beschreiben, was in ihr vorging. Stattdessen beugte sie sich nach unten und legte alles, was sie gerne sagen wollte, in den nächsten Kuss. Rabastan erwiderte den Kuss nur zu gerne.
Hermine wollte nicht aufhören, niemals. Am liebsten wäre sie für immer und ewig mit Rabastan hier an ihrem Lieblingsplatz geblieben. Während sie sich küssten, vergaßen sie alles um sich herum. Was draußen passierte, war nicht mehr von Bedeutung. Für Hermine zählte nur noch, dass sie und Rabastan zusammen waren. Er war ein essentieller Teil ihres Lebens geworden, den sie nicht mehr missen wollte.
Als sie sich voller Leidenschaft küssten, wusste sie, dass sie nie wieder anderswo als in Rabastans Armen sein wollte.
Rodolphus saß am nächsten Tag allein im Esszimmer beim Frühstück, weil Hermine und Rabastan nicht aufgetaucht waren. Er suchte im ganzen Haus und fand sie schließlich im obersten Stock der Bibliothek, an Hermines Lieblingsplatz.
Als er die Treppe hochstieg und die beiden sah, musste er unweigerlich grinsen. Rabastan und Hermine lagen auf dem Boden auf den Kissen und schliefen tief und fest. Rabastan hielt Hermine im Arm, die sich eng an seine Brust geschmiegt hatte.
Beim Anblick der beiden seufzte Rodolphus. Er hatte gehofft, dass es nicht so kommen würde, musste sich aber eingestehen, dass er naiv gewesen war. Es war nur eine Frage der Zeit gewesen, bis sich zwischen Hermine Granger und seinem Bruder mehr entwickeln würde. Rabastans Sorge um Hermine, die verlegenen Blicke, Hermines Strahlen, immer wenn sie Rabastan ansah… Die Anzeichen waren schon früh erkennbar gewesen. Rodolphus wusste nicht, was er davon halten sollte. Einerseits empfand er die Beziehung als falsch, andererseits freute sich für beide, auch wenn er wusste, dass auf beide Herausforderungen warteten.
Als Rodolphus in den Salon zurückkehrte und sich vor dem Kamin niederließ, überkam ihn Wehmut und, so ungern er es auch zugab, ein bisschen Neid. Er beneidete Rabastan und Hermine um ihr Glück. Er wurde sich einer Tatsache schmerzlich bewusst: Er war einsam und wünschte sich eine richtige Beziehung. Eine richtige Beziehung mit einer Frau, die seine Gefühle respektierte und erwiderte, anders als die Ehe mit Bellatrix, die über fast drei Jahrzehnte aus unerfüllter Sehnsucht bestanden hatte. Gleichzeitig wusste er aber auch, wie unrealistisch sein Wunsch war. Er wünschte zumindest Hermine und Rabastan alles Gute.
Ab dem Tag ihres ersten Kusses in der Bibliothek waren Hermine und Rabastan unzertrennlich. Sie verbrachten jede Minute zusammen im Garten, in der Bibliothek oder im Salon. Nur am Abend trennten sie sich und gingen in ihre eigenen Zimmer. Hermine fiel es schwer, Rabastan eine gute Nacht zu wünschen und ihn loszulassen, auch wenn es nur ein paar Stunden bis zum nächsten Tag waren. Sie war allein in ihrem Bett und wünschte sich, dass Rabastan bei ihr blieb. Wenn er bei ihr war, dann fühlte sie sich sicher und beschützt. In den beiden Nächten, in denen sie dicht beieinandergelegen hatten, hatte Hermine zum ersten Mal seit ihrer Flucht guten Schlaf gefunden. Rabastan hatte etwas an sich, das ihr geholfen hatte, zu sich selbst zurückzufinden. Seit sie ihn kannte, hatte sie in ein neues Leben gefunden.
Seine Offenbarung hatte sie überrascht. Nie und nimmer hätte sie gedacht, dass Rabastan Lestrange so fasziniert von ihr war und dass ein Reinblüter sich für sie interessieren konnte. Der Krieg hatte die Welt verändert und er hatte die Kämpfer, die sich einst auf dem Schlachtfeld gegenübergestanden hatten, verändert.
Es war ein Samstagabend, Rodolphus war schon zu Bett gegangen, als Hermine endlich ihren Mut zusammenfasste und Rabastan die entscheidende Frage stellte. Sie standen vor ihrer Zimmertür und Rabastan wollte sich gerade versabschieden, als Hermine ihn zurückhielt.
„Ähm, Rabastan."
„Ja, Hermine?"
Sie suchte nach den richtigen Worten.
„Bleibst du bitte heute Nacht bei mir?"
Sie sahen sich an. Es dauerte, bis Rabastan die Bedeutung ihrer Worte begriffen hatte.
„Ich soll…?"
„Ja. Bitte." Sie fasste ihn an den Händen und führte ihn in ihr Zimmer. Sie küsste ihn, während sie ihm seinen Umhang auszog.
„Ich möchte, dass du bei mir bleibst."
Kurz darauf lagen sie nebeneinander und Rabastan legte einen Arm um Hermine. Hermine ließ ihre Hände über Rabastans muskulösen Oberkörper gleiten. Sie mochte seine trainierten Arme. In seinem Blick sah sie, dass er mehr von ihr wollte. Er hielt sich für sie zurück, weil er es respektierte, dass sie noch nicht so weit war.
Rabastan blieb über Nacht bei ihr und ab da jede Nacht. Ein paar Tage später zogen sie in sein Zimmer um. Nie wieder sollte Hermine allein einschlafen und das wollte sie auch nicht.
Ein paar Tage schon hatte Rabastan seinen Plan vorbereitet. Am Anfang war er sich nicht sicher gewesen, ob seine Idee wirklich gut war, doch je länger er mit Hermine zusammen war, desto zuversichtlicher wurde er, dass der Schritt richtig war. Hermine und ihre Beziehung waren so weit.
Beim Frühstück verkündete er sein Vorhaben.
„Ich habe eine Überraschung für dich, Hermine", sagte Rabastan. „Ich muss heute in die Winkelgasse und möchte gerne, dass du mich begleitest."
Hermine sah ihn verständnislos an. Dann drang die Bedeutung seiner Worte zu ihr durch. „Wirklich? Wir gehen nach London?"
„Ja. Du hast doch Lust, oder?"
„Natürlich, was denkst du denn!" Sie fiel ihm freudig um den Hals. „Ich mach mich gleich fertig!", verkündete sie und stürmte hinaus, um sich anzuziehen.
Rodolphus verkniff sich ein Lachen. „Damit hast du ihr eine Freude gemacht. Vertraust du ihr so viel?"
„Ja", sagte Rabastan. Er war absolut überzeugt davon, dass er Hermine vertrauen konnte.
„Hast du ihr eigentlich schon erzählt, was im Mai sein wird?", fragte Rodolphus.
„Nein", musste Rabastan zugeben. Er hatte diesen unangenehmen Moment bislang hinausgeschoben. Da der April inzwischen gekommen war und in großen Schritten voranschritt, musste er zwangsläufig bald in den sauren Apfel beißen. „Ich werde es demnächst in Angriff nehmen."
„Lass dir nicht zu viel Zeit", mahnte Rodolphus ernst. „Sie soll sich darauf einstellen können."
Als Rabastan und Hermine wenig später durch den Tropfenden Kessel gingen, klangen Rodolphus' Worte noch in Rabastans Ohren. Er musste Hermine erzählen, was bald kommen würde, aber er wusste nicht wie. Sie war glücklich bei ihm und mit ihm und er wollte ihr Glück nicht kaputtmachen.
Tom, der Wirt, nickte Rabastan höflich zu. Als er Hermine an Rabastans Seite erkannte, starrte er sie erschrocken an.
„Es ist alles in Ordnung", sagte Hermine im Vorbeigehen. Rabastan war froh, als sie in den Hinterhof traten. Er tippte sogleich mit seinem Zauberstab die Steine an der Wand an und das Tor zur Winkelgasse öffnete sich.
Es war noch früh am Morgen und kaum ein Kunde war unterwegs. Die Veränderungen in der Zaubererwelt waren auch an der Winkelgasse nicht spurlos vorübergegangen. Viele alte Geschäfte hatten geschlossen und neue hatten eröffnet. Jetzt gab es auch in der Winkelgasse Geschäfte, die Zubehör, Zutaten oder Gegenstände für Schwarze Magie verkauften.
Rabastan fiel auf, dass sich Hermine verwundert umsah, so als wäre sie das erste Mal in der Winkelgasse. Mit Sicherheit fielen auch ihr die Veränderungen auf.
Als sie an Florean Fortescues Eiscafé vorbeikamen, das nach dem Winter wieder eröffnet hatte, fragte Rabastan: „Was meinst du, wollen wir nachher ein Eis essen? Ich hätte richtig Lust auf Himbeere oder Vanille."
„Sehr gern", sagte Hermine. „Was willst du jetzt hier machen?"
„Zuerst mal zu Gringotts", sagte Rabastan. „Wenn man Einkaufen geht, braucht man auch Geld in der Tasche. Du darfst natürlich mitgehen. Du musst diesmal nicht einbrechen, du musst dich nicht in Bellatrix verwandeln und du musst auch nicht mit einem Drachen wieder rausfliegen."
Hermine blieb schlagartig stehen und starrte Rabastan mit großen Augen an. Ihr Gesicht lief vor Scham rot an.
Bei ihrem Anblick musste Rabastan laut lachen. „Du solltest dein Gesicht sehen!"
Hermine räusperte sich. „Ich ähm… wir…" Sie wäre am liebsten im Boden versunken. Daran hatte sie gar nicht mehr gedacht. Sie, Harry und Ron waren ja in das Verlies der Lestranges eingebrochen. Und Rabastan war ein Lestrange.
„Wir… Wir haben nichts gestohlen", verteidigte sie sich schnell.
„Nun, das stimmt ja nicht ganz", meinte Rabastan. „Ihr habt etwas mitgehen lassen. Den Kelch, nicht wahr?"
„Tut mir leid", sagte Hermine kleinlaut. „Wir… hatten etwas zu erledigen. Dafür haben wir den Kelch gebraucht. Wir haben eure Sachen nicht angerührt. Wir haben nichts gestohlen. Wir sind dann gleich wieder raus und…"
„Habt nebenbei einen Drachen mitgenommen. Als wir das gehört haben, dachten wir zuerst, das ist Potterwatch-Propaganda", sagte Rabastan.
Hermine hakte sich bei ihm unter und gemeinsam betraten sie schließlich die Bank. Natürlich kannten die Kobolde Hermine, anders waren die seltsamen Blicke, die sie auch hier erntete, nicht zu erklären. Immerhin war ihr Gesicht zwei Jahre lang in jeder Zeitung gewesen. Dass sie ausgerechnet am Arm von Rabastan Lestrange hing, musste nach außen hin ein merkwürdiges Bild abgeben. Sie war froh, dass er bei ihr war und sie sich an ihm festhalten konnte.
Sie traten an den Schalter, wo ein Kobold sie begrüßte.
„Guten Morgen, Mr. Lestrange. Wie kann ich Ihnen heute helfen?"
„Ich wünsche, unser Familienverlies aufzusuchen", sagte Rabastan.
Der Kobold warf Hermine mit seinen schwarzen Knopfaugen einen taxierenden Blick zu.
„Ms. Granger wird mich begleiten", fügte Rabastan mit Nachdruck hinzu.
„Wie Sie wünschen."
Ein neuer Drache, soweit Hermine sehen konnte, ein Walisischer Grünling, bewachte heute die Verliese. Hermine missfiel es, dass man ein Tier als Wächter missbrauchte und es in den dunklen Tiefen gefangen hielt. Zumindest hatte man aus der Vergangenheit gelernt. Der Drache reagierte nun auf ein Zeichen aus Rabastans Zauberstab und nicht mehr auf die klirrenden Glocken. Sobald er das Signal sah, zog er sich zurück und gab den Eingang zu den höhlenartigen Verliesen frei.
„Das ist humaner", bemerkte Hermine.
Der Kobold, der sie nach unten begleitet hatte, wartete vor dem Verlies. Hermine blieb unsicher am Eingang stehen, während Rabastan zu einem Haufen Goldmünzen schritt und begann, Geld für ihren Einkaufsbummel in einen Beutel zu füllen.
Heute, da sie nicht unerlaubt hier war, hatte Hermine richtig Zeit, die zahlreichen Schätze der Lestranges zu bewundern, die sich über die Jahrhunderte angesammelt hatten. Die Familie besaß großen Reichtum, dessen Wert nur zu erahnen war. Die Berge an Galleonen waren nichts zu den Goldbarren, die sich in einem Regal stapelten, oder einer vollständig aus Silber und Gold gearbeiteten Ritterrüstung. Auf einem Tisch ruhte ein Schädel, der eine goldene und mit Edelsteinen besetzte Krone trug.
„Zu unseren Vorfahren gehörten auch Könige", erklärte Rabastan, als er Hermines Blick sah. „Die Krone war allerdings verflucht. Sie lässt sich nicht abnehmen."
Goldene und silberne Kelche, Edelsteine, kostbarer Schmuck waren feinsäuberlich in den Regalen aufgereiht. Daneben stapelten sich Wertpapiere und Besitzurkunden über Immobilien.
„Du darfst näherkommen, Hermine. Trau dich rein", sagte Rabastan. „Keine Angst, wir haben den Zauber von damals längst aufgehoben. Du darfst dir alles ansehen."
Vorsichtig schritt Hermine durch das Verlies. Sie fühlte sich, als hätte sie eine Schatzkammer entdeckt. Passend zur Krone, fand sie auch noch die anderen Herrscherinsignien, ein Zepter und einen Reichsapfel, beide aus purem Gold. In einem gläsernen Schaukasten lag ein Schwert auf Samt. Zuerst dachte sie schon, es wäre das Schwert von Gryffindor, doch als sie nähertrat, bemerkte sie, dass seine Klinge schwarz war und der Griff mit grünen Steinen verziert war.
„Das gehörte irgendeinem Vorfahren von uns", erklärte Rabastan.
„All die Sachen sind wunderschön", sagte Hermine ehrfürchtig. „Woher habt ihr all die Sachen?"
„Hat sich über die Jahrhunderte so angesammelt. Unsere Vorfahren sind klug mit ihrem Geld umgegangen. Sie haben vieles in Sachwerten angelegt, vor allem in Gold. Der Wert der Goldbarren", er deutete auf das Regal, wo die goldenen Klötze gelagert waren, „beläuft sich auf ungefähr 3 Millionen Galleonen nach dem heutigen Preis für Gold. Bei dem ganzen Rest bin ich mir nicht sicher. Wir haben den Gesamtwert unseres Vermögens nie schätzen lassen."
„Wow, das ist eine Menge." Hermine staunte nicht schlecht.
Als sie an der Stelle vorbeikam, wo der Kelch von Hufflepuff gestanden hatte, bekam Hermine einen Knoten im Magen und sah verlegen nach unten. Auch wenn sie den Kelch dringend gebraucht hatten und es keine andere Möglichkeit als den Einbruch gegeben hatte, schämte sie sich gegenüber Rabastan für ihre Tat.
„Es tut mir wirklich leid, dass wir hier…"
„Ist schon gut, Hermine. Ich denke mir, ihr werdet eure Gründe sicher gehabt haben", sagte Rabastan. „Wirst du mir eines Tages den Grund für euren Zelturlaub, die Aktion im Ministerium und den Einbruch hier erzählen?"
Sie sah ihn an und ihr schlechtes Gewissen wog noch schwerer. Liebend gern hätte sie ihm die Wahrheit erzählt, denn die Geheimniskrämerei belastete ihre Beziehung. Es passte Hermine nicht, dass sie ihm nicht sagen konnte, was wirklich passiert war, dabei hätte sie dringend jemanden gebraucht, mit dem sie ihr Wissen teilen konnte.
„Eines Tages werde ich dir alles erzählen", sagte sie schließlich, „aber jetzt ist noch nicht der richtige Zeitpunkt."
Rabastan nickte. Er akzeptierte ihre Geheimnistuerei, auch wenn ihm sichtlich anzumerken war, wie sehr er sich Offenheit gewünscht hätte.
Hermine, die es nach der peinlichen Stille, die zwischen ihnen entstanden war, zu eng in dem Verlies geworden war, war froh, wieder ans Tageslicht und die frische Luft zu kommen.
„Dann kann unser Einkaufsbummel ja beginnen."
Rabastan erwies sich als überaus spendabel. Wenn Hermine etwas gefiel, dann zögerte er nicht lange und erfüllte ihr ihren Wunsch. Er kaufte ihr mehrere Kleider und sogar teuren Schmuck. Als sie bei Flourish & Blotts durch die Regalreihen schritten, stellten sie fest, dass ihre Interessen gar nicht so unterschiedlich waren. Sie verließen den Laden mit einem ganzen Stapel Bücher. Bis Mittag waren sie mit mehreren Tüten bepackt und ließen sich auf einem Tisch vor dem Eiscafé nieder.
„So ein Einkaufsbummel macht echt hungrig", sagte Hermine. „Ich freu mich jetzt auf ein schönes Eis."
„Dito", sagte Rabastan. „Davor allerdings muss ich noch kurz etwas erledigen. Wartest du bitte so lange auf mich? Es dürfte eigentlich nicht lange dauern."
„Ich kann doch mitkommen", schlug Hermine vor, doch Rabastan verneinte.
„Tut mir leid, das geht nicht. Bis später. Ich beeile mich auch."
„Aber…"
Fragend blieb Hermine zurück und sah Rabastan nach, wie er die Straße hinuntereilte und schließlich hinter einer Häuserecke verschwand. Sie bestellte sich derweil nur ein Glas Wasser, weil sie mit dem Eis auf Rabastan warten wollte. Um sich die Wartezeit zu vertreiben, wollte sie gerade eines der neuen Bücher aus der Tasche nehmen, als sie eine bekannte Stimme hörte.
„Na, wollen wir ein Eis essen?"
Als sich Hermine umdrehte, erkannte sie eine ehemalige Mitschülerin von sich, die mit einem kleinen Kind an der Hand die Einkaufsstraße hinunterschritt.
„Vanessa…"
Die junge Frau starrte Hermine ungläubig an. „Hermine? Bist du es? Was machst du denn hier?"
Rabastan nahm eine Abkürzung durch eine kleine Gasse und setzte seinen Weg durch die Einkaufsstraße zügig fort. Er steuerte ein bestimmtes Geschäft an, wo er ein Geschenk für Hermine kaufen wollte. Gerade als er um eine Ecke biegen wollte, erblickte er in einiger Entfernung eine Person, die er zuletzt vor mehreren Jahrzehnten gesehen hatte. Er erkannte sie trotzdem sofort, auch wenn sie sich seit damals stark verändert hatte.
„Andy…"
Selbst, wenn er sie nicht gleich erkannte hätte, so war doch die Ähnlichkeit mit ihren beiden Schwestern verblüffend und er hätte sie niemals verwechseln können.
Schnell ging Rabastan im Schatten eines Gebäudes in Deckung. Andromeda Tonks ging langsam die Straße entlang. Bei ihr war ein kleiner Junge, der eigentlich nur ihr Enkel sein konnte. Rabastan hatte gehört, dass sie nach dem Tod ihrer Tochter und ihres Schwiegersohnes deren Sohn bei sich aufgenommen hatte.
Seine alte Jugendliebe, die ihn einst verletzt hatte, nach all den Jahren so plötzlich wiederzusehen, traf Rabastan völlig unvorbereitet und er fühlte sich, als hätte man ihn in eiskaltes Wasser geworfen.
Er und Andromeda Black waren in der Schule einige Zeit zusammen gewesen. Rabastan hatte nach seinem Abschluss darauf gehofft, dass ihre Beziehung weiterbestehen würde. Da sein Bruder die älteste Black-Schwester heiraten musste, hatte er eigentlich angenommen, dass ihn seine Eltern mit Andromeda verloben würden. Rabastan hätte nichts gegen die Ehe gehabt. Er hatte Andromeda geliebt.
Dummerweise waren seine Gefühle nicht so erwidert worden, wie er gehofft hatte. Andromeda beendete die Beziehung und kurze Zeit danach verschwand sie mit dem muggelstämmigen Ted Tonks und wurde von ihrer Familie verstoßen. Es hatte schwer an Rabastans Ehre gekratzt, dass sie ihn für ein Schlammblut verlassen hatte.
Aus seiner Deckung heraus beobachtete er, wie Andromeda mit ihrem Enkel die Schaufenster ansah. Auch drei Jahre nach der Schlacht war ihr der Schmerz über den Verlust ihrer Familie immer noch anzusehen. Vor ihrem Enkel zwang sie sich jedoch, stark zu sein.
Rabastan überlegte, ob er zu ihr gehen und sie ansprechen sollte, er besann sich jedoch. Was hatten er und sie sich denn zu sagen? Ihr Leben hatte vor Jahrzehnten andere Wege eingeschlagen. Heute standen sie auf unterschiedlichen Seiten eines immer noch andauernden Krieges. Noch dazu hatte Rabastans Schwägerin Andromedas Tochter auf dem Gewissen. Er konnte sich gut vorstellen, dass er die letzte Person war, die Andromeda sehen wollte.
Er wollte gerade gehen, als ihm noch etwas anderes auffiel: ein weiterer Grund, warum es besser war, wenn er sich nicht zeigte. Andromeda war nicht allein unterwegs. Ein Mann schloss zu ihr auf. Als Rabastan erkannte, wer es war, traute er seinen Augen kaum. Es war kein Geringerer als Lucius Malfoy. Andromeda war mit Lucius Malfoy zusammen unterwegs.
Es konnte kein Zufall sein, dafür waren die beiden zu vertraut miteinander. Sie unterhielten sich, während sie die Straße entlanggingen. Lucius nahm sogar Andromedas Enkel auf den Arm. Rabastan konnte nicht glauben, was er sah. Er hatte Lucius seit dem Morgen nach der Schlacht nicht mehr gesehen, nachdem der Dunkle Lord Narcissa für ihren Verrat getötet hatte, und er hatte sich seitdem zugegeben nie gefragt, was aus seinem Schwager geworden war. Lucius war nach dem Tod seiner Frau spurlos verschwunden und niemand hatte je wieder etwas von ihm gehört. Der Dunkle Lord hatte ihn aus seinen Rängen verstoßen. Offenbar hatte er jedoch in der Zwischenzeit neuen Anschluss gefunden.
Rabastan beobachtete das ungewöhnliche Paar einige Zeit lang, bis sie schließlich in einem Geschäft verschwanden, dann brachte auch er es fertig, sich loszureißen und seinen Weg fortzusetzen. Seine Beobachtung sollte ihn noch lange beschäftigen.
Vanessa Lenormand war eine große, schlanke Ravenclaw mit langen schwarzen Haaren aus Hermines Jahrgang gewesen. Die beiden hatten im Unterricht ein paar Mal zusammengearbeitet und sich gut verstanden. Vanessa war ähnlich wie Hermine ebenfalls die beste Schülerin in ihrem Haus gewesen.
„Ich, ähm, bin mit Rabastan Lestrange hier", sagte Hermine und bot Vanessa einen Platz am Tisch an. Sie setzte sich und nahm das kleine Mädchen, das sie bei sich hatte, auf den Schoß.
„Ich bin erstaunt dich zu sehen", sagte Vanessa, immer noch völlig perplex. „Du siehst sehr gut aus. Bin ich froh, dass du hier bist, ich dachte nämlich, du würdest in Askaban sitzen. Das hat der Prophet geschrieben."
„Da war ich auch, aber Rabastan hat mich rausgeholt. Ich wohne seitdem bei ihm", erklärte Hermine.
„Rabastan Lestrange?", fragte Vanessa. „Wie das?"
Hermine lächelte verlegen. „Gute Frage", sagte sie. „Hat sich so ergeben. Wir sind heute hier zum Einkaufen. Und was machst du hier?"
„Dasselbe, auch Einkaufen", sagte Vanessa.
„Machst du Babysitting für jemanden?", fragte Hermine und deutete auf das kleine Kind.
„Oh, ähm, nein. Also um ehrlich zu sein, das ist meine Tochter, Hermine, Alexia."
Jetzt war Hermine baff. „Deine Tochter?!"
Vanessa nickte.
„Wie ist denn das zustande gekommen?", fragte Hermine.
„Die Geschichte darf ich dir gar nicht erzählen. Du würdest es wahrscheinlich sowieso nicht glauben."
„Wie alt ist denn Alexia?"
„Sie ist im Dezember zwei geworden."
Hermine rechnete im Kopf zurück. „Das heißt, sie ist im Dezember '98 geboren, oder?"
„Ja."
Hermine und Vanessa waren gleich alt, das bedeutete, dass Vanessa während ihres siebten Schuljahres in Hogwarts schwanger geworden sein musste.
„Bist du in deinem Abschlussjahr schwanger geworden?", fragte Hermine vorsichtig.
„Ja", antwortete Vanessa.
„War der Vater ein Mitschüler?"
Vanessa druckste ein wenig herum. „Nein, war es nicht. Also…"
Dann fiel es Hermine wie Schuppen von den Augen.
„Warte mal, Amycus Carrow ist der Vater, oder?"
Vanessa starrte sie erschrocken an. „Woher weißt du das, Hermine?!"
„Amycus war bei Rabastan zu Besuch und er hat uns die Geschichte erzählt. Also, dass er mit einer Schülerin eine Affäre hatte. Das warst du. Und er ist der Vater von Alexia."
„Ja, es stimmt. Amycus ist der Vater. Wir hatten während meines siebten Schuljahres eine Beziehung oder naja… Eigentlich war es eine Bettgeschichte", sagte Vanessa betrübt.
„Wie ist das zustande gekommen?", fragte Hermine. „Ich… bin ehrlich gesagt ein bisschen… sprachlos. Das ist ein bisschen schwer zu glauben."
„Ich weiß, es hört sich verrückt an", meinte Vanessa. „Ich habe keine Ahnung, wie ich da reingeschlittert bin."
„Amycus hat angedeutet, dass es beim Nachsitzen passiert ist."
„Ja. Am Anfang des Schuljahres habe ich Amycus im Unterricht ziemlich übel beleidigt. Er ist ja ein Todesser und hat den Cruciatus-Fluch an Schülern angewendet. Wir sollten an Erstklässlern üben. Ich habe mich geweigert und dafür bin ich selbst bestraft worden. Ich hab dann böse Sachen zu ihm gesagt."
„Zum Beispiel?", fragte Hermine.
Vanessa grinste. „Ich hab ihm unterstellt, er müsste andere foltern, um…" Vanessa senkte ihre Stimme, „… einen Hoch zu kriegen."
Hermine verkniff sich ein Lachen.
„Und noch einiges mehr", sagte Vanessa amüsiert. „Er hat mir Nachsitzen bis zum Rest des Schuljahres gegeben. Ich musste jeden Samstagabend in seinem Büro eine neue Bücherliste für die Bibliothek schreiben. Im Laufe der Zeit ist da irgendwas zwischen uns entstanden. Nach Weihnachten haben wir angefangen, miteinander zu schlafen. Dass ich schwanger werde, war natürlich nicht geplant."
„Verstehe."
„Kurz vor der Schlacht hat seine Schwester von unserer Affäre erfahren. Amycus war ja mein Lehrer und er hätte nichts mit mir anfangen dürfen. Er hat es beendet und hat mir zu verstehen gegeben, dass er mich nicht mehr sehen will. Dann habe ich rausgefunden, dass ich schwanger bin. Ich habe es ihm gesagt."
„Wie hat er reagiert?"
„Es hat ihn ganz schön umgehauen", sagte Vanessa. „Und das ist noch zu milde ausgedrückt. Er hat gesagt, dass wir das irgendwie zusammen hinkriegen, aber…"
„Er hat… dich hängenlassen, oder?", schlussfolgerte Hermine.
Vanessa sah traurig nach unten. Hermine glaubte ein verräterisches Glitzern in ihren Augen zu sehen.
„Er hat gesagt, dass es nur eine bedeutungslose Geschichte war und dass es mit uns nicht weitergehen würde. Er zahlt mir jeden Monat Geld für Alexia, dazu ist er ja gesetzlich auch verpflichtet, aber er hat seine Tochter nie gesehen. Er war bei der Geburt nicht dabei. Er hat mich alleine gelassen."
„Was haben deine Eltern gesagt? Wissen Sie überhaupt, dass Amycus Carrow der Vater von Alexia ist? Er meinte nämlich, dass sie es nicht wissen."
„Oh doch, natürlich wissen sie es", sagte Vanessa. „Als ich ihnen gesagt habe, dass ich schwanger bin, waren sie natürlich schwer begeistert. Ich konnte meinen Schulabschluss ja nicht machen und hatte keine Ausbildung. Sie haben mich gezwungen, den Vater preiszugeben. Sie haben verständlicherweise angenommen, dass es ein Mitschüler ist. Sie wollten dann natürlich seine Eltern informieren und sie in die Verantwortung mit einbinden. Als ich ihnen von Amycus erzählt habe, sind sie sehr wütend geworden. Ich hatte ja nicht nur unverantwortlich gehandelt und mir meine komplette Zukunft verbaut, ich hatte mich noch dazu mit einem Todesser eingelassen. Das war zu viel für sie. Sie haben mich rausgeworfen."
„Deine eigene Familie will dich nicht mehr haben?" Hermine war erschüttert, dass zu hören.
„Ich war im sechsten Monat schwanger, als ich zu meiner Tante geflüchtet bin. Sie wohnt hier in London. Sie hat mich, Merlin sei Dank, bei sich aufgenommen und kümmerte sich seitdem um mich und Alexia."
„Du hast deinen Schulabschluss nicht gemacht?"
„Nein. Die Schlacht von Hogwarts hat ja das siebte Schuljahr unterbrochen und als der Unterricht im September weiterging, war ich hochschwanger und konnte nicht mehr zur Schule gehen. Ich glaube, viele von damals sind nicht mehr in die Schule zurück. Ich hab mittlerweile den Abschluss nachgemacht. Das Ministerium bietet Abendkurse an. Es hat ein halbes Jahr gedauert. Vor ein paar Monaten hab ich die Prüfung bestanden."
„Das freut mich für dich", sagte Hermine. „Hast du Pläne für die Zukunft?"
„Eigentlich wollte ich immer Tierheilerin werden", sagte Vanessa, „aber die Pläne liegen momentan auf Eis. Immerhin habe ich schon mal den Schulabschluss in der Tasche. Mal sehen, wie es weitergeht. Jetzt hat erstmal Alexia Vorrang." Sie warf ihrer Tochter einen Blick zu. Alexia lächelte Hermine an.
„Amycus…", begann Hermine, doch Vanessa unterbrach sie.
„Ach, der", meinte sie und klang dabei sehr hart. „Wir hatten eine schöne Zeit zusammen, das lässt sich nicht bestreiten und ich möchte diese Zeit auch nicht rückgängig machen. Wir haben miteinander geschlafen, aber mehr war da nicht. Und jetzt ist es halt vorbei. Alle schönen Dinge müssen irgendwann zu einem Ende kommen. Es hätte so einfach gehen können, nur ich war so dumm und hab mir ein Kind andrehen lassen."
Hermine runzelte die Stirn. Sie fühlte sich wie in einem Déjà-vu. Amycus hatte etwas ganz Ähnliches gesagt. Bei beiden jedoch hatte Hermine das Gefühl, dass sie nicht ganz ehrlich waren, vor allem nicht mit sich selbst.
Vanessa mied Hermines Blick. Sie war traurig, das sah man deutlich an ihrem Gesicht und ihren Augen. In ihrem Blick lag Sehnsucht. Sie war einsam und ihre familiäre Situation belastete sie.
„Amycus fehlt dir, nicht wahr?", fragte Hermine vorsichtig. Sie war sich sicher, dass Vanessa sie nicht grob zurückweisen würde wie Amycus, sondern etwas offener über ihre Gefühle sprechen würde.
Vanessa schniefte, dann sah sie Hermine an. Sie hatte Tränen in den Augen. „Ja", sagte sie mit erstickter Stimme. „Natürlich fehlt er mir. Die Zeit, die wir zusammen verbracht haben, war die schönste Zeit meines Lebens. Und Alexia braucht ihren Vater. Ich wünschte so sehr, ich könnte ihr einen Vater geben."
Hermine verstand nur allzu gut, was in Vanessa vor sich ging.
„Da ist dann noch diese andere Sache."
„Was meinst du?"
„Ich bin reinblütig", erklärte Vanessa. „Unsere Familie ist sehr bekannt, alle wissen um unseren Blutstatus. Es gab immer gewissen Druck, dass wir uns… bekennen sollen. Meine Eltern haben den Dunklen Lord nie unterstützt und meine Tante kämpft sogar im Widerstand. Ich habe auch Kontakt zu ihnen."
„Wirklich?", fragte Hermine sofort hoffnungsvoll.
„Ich weiß leider nichts, Hermine, tut mir leid. Obwohl meine Familie nichts mit der dunklen Seite zu tun hat, habe ich mich mit einem Todesser eingelassen. Unser Kind ist hin und her gerissen zwischen zwei Welten. Uns und denen. Jeder sagt mir, ich soll Amycus abschreiben, aber das kann ich irgendwie nicht."
„Du hast Gefühle für ihn, oder?", schloss Hermine aus ihrem Satz.
Vanessa nickte langsam. „Wahrscheinlich hab ich es fertiggebracht, mich in ihn zu verlieben. Die Situation ist sehr belastend. Egal für wen ich mich entscheide, ob für ihn oder meine Familie, ich verliere immer jemanden, der mir wichtig ist."
Hermine wusste genau, was Vanessa meinte. „Ihr seid Amycus nicht egal. Es macht ihm schon schwer zu schaffen, dass ihr euch nicht mehr seht", sagte Hermine. „Weiß er, wie du zu ihm stehst? Vielleicht solltest du… mit ihm reden?"
Vanessa machte eine abwehrende Handbewegung. „Das bringt doch nichts. Macht es irgendeinen Unterschied, ob ich Gefühle für ihn habe, oder nicht? Nein. Es ist vorbei mit uns, wir können ohnehin nicht zusammen sein. Und… daran kann ich nichts ändern."
Hermine wollte gerade etwas erwidern, als Rabastan zurückkehrte. Er hatte eine Tüte bei sich.
„Ich habe mich beeilt. Oh, ich sehe, du hast Gesellschaft."
Vanessa wischte sich schnell die Tränen weg, dann schüttelte sie Rabastan die Hand.
„Vanessa Lenormand, richtig?"
„Sie müssen Rabastan Lestrange sein. Meine Tante hat mir von Ihrer Familie erzählt. Es freut mich, Sie mal persönlich kennenzulernen. Hermine erzählte mir gerade, dass Sie zusammen hier sind."
„Ja. Und wer ist die junge Dame hier?", fragte Rabastan und beugte sich zu Alexia.
„Das ist Alexia, meine Tochter."
„Vanessa hat mir gerade von ihrer Tochter erzählt. Die Schülerin, mit der Amycus die Beziehung hatte, das ist Vanessa. Alexia ist ihre gemeinsame Tochter", erklärte Hermine.
„Bei Merlins Bart! Du bist die besagte Schülerin?"
„Ja."
„Ich wusste nicht, dass es die Lenormand-Tochter ist. Ich kenn deine Eltern. Wie haben die denn reagiert?"
„Nicht sonderlich gut."
Sie aßen gemeinsam Eis und gingen danach weiter durch die Winkelgasse. Rabastan und Hermine entschieden sich, Vanessa bei ihren Besorgungen zu begleiten. Während Vanessa in einen Geschäft beschäftigt war, passten Hermine und Rabastan draußen auf Alexia auf. Hermine ließ das kleine Mädchen auf ihrem Schoß reiten. Alexia war mit ihren zwei Jahren bereits das Ebenbild ihrer Mutter. Nur die braunen Augen hatte sie von ihrem Vater.
„Die beiden tun mir wirklich leid", meinte Hermine. „Ich würde gern was für sie tun, aber… Ich wüsste nicht, was und… Ich will mich nur ungern einmischen. Amycus hat sehr empfindlich reagiert, als ich ihn auf Vanessa angesprochen habe."
Rabastan nickte zustimmend. „Beide haben ganz rational entschieden, dass ihre Beziehung keine Bedeutung hatte und dass es vorbei ist, weil es vorbei sein muss."
„Amycus ist Lehrer in Hogwarts, er darf nichts mit Schülerinnen anfangen", sagte Hermine. „Ich verstehe ihn irgendwie, aber…"
„Man merkt beiden an, dass es ihnen damit nicht gut geht", fügte Rabastan hinzu.
Hermine nickte. „Ich würde Vanessa so gerne helfen, aber ich weiß nicht wie."
„Ich glaube, ich habe da eine Idee."
Rabastan erhob sich und betrat den Laden. Kurz darauf kam er mit Vanessa zurück.
„Ich weiß noch nicht. Das ist wirklich nett von Ihnen, Mr. Lestrange, aber… Ich muss erst mal darüber nachdenken."
„Kein Problem. Es ist ja auch noch ein bisschen Zeit", sagte Rabastan. „Schick mir einfach eine Eule, OK?"
„Das werde ich machen", sagte Vanessa. „Es war schön, Sie zu treffen. Hat mich gefreut, dass wir uns mal wiedergesehen haben, Hermine. Ich wünsche dir alles Gute."
Vanessa nahm ihre Tochter und verabschiedete sich.
„Möchtest du noch in ein Geschäft?", fragte Hermine.
„Ehrlich gesagt, bin ich ziemlich erledigt", meinte Rabastan. „Ich muss nicht unbedingt noch in irgendwelche Geschäfte."
„Ich auch nicht. Wir können nach Hause." Als sich Hermine bewusst wurde, was sie eben gesagt hatte, sah sie verlegen zu Boden und eine peinliche Stille entstand zwischen ihnen.
Betrachtete sie das Lestrange-Anwesen wirklich als ihr Zuhause? Sie musste diese Frage nach all den Monaten, die sie bereits bei Rabastan lebte, mit Ja beantworten. Sie fühlte sich bei Rabastan wohl und sie genoss jeden einzelnen Tag in dem alten Haus. Mit der Zeit hatte sie eine Bindung zu dem Ort aufgebaut. Nachdem sie alles verloren hatte, hatte ihr Rabastan ein neues Heim gegeben. Das Lestrange-Haus war ihr neues Zuhause geworden. Und sie wollte nicht, dass sich das wieder änderte.
„OK", sagte Rabastan.
Sie gingen nebeneinander die Winkelgasse entlang Richtung Tropfender Kessel.
„Weswegen soll dir Vanessa Bescheid sagen?", wollte Hermine wissen.
Rabastan räusperte sich. „Ähm…"
Er wusste ja, dass der Zeitpunkt früher oder später kommen musste, an dem er Hermine die Wahrheit sagen musste. Er hatte nur gehofft, nicht so unvorbereitet ins kalte Wasser geworfen zu werden. Er entschied, dass es keinen Sinn haben würde, eine Ausrede zu erfinden.
„Hermine, es gibt da etwas Ernstes, über das wir reden müssen", sagte Rabastan schließlich.
Hermine war sofort betroffen. „Es ist doch nichts passiert, oder? Du musst doch nicht für den Dunklen Lord weg, oder?"
„Nein, nein, das ist es nicht. Es steht etwas an, im Mai."
Sie wartete auf eine Erklärung. Sie ging mit Sicherheit davon aus, dass wieder Todesser zu einem Abendessen kommen würden.
„Hermine, Anfang Mai begehen wir das Jubiläum."
„Jubiläum…"
„Hermine…"
„Welches Jubiläum?", verlangte Hermine zu wissen. Sie war stehengeblieben und sah Rabastan wütend an. „Welches Jubiläum?"
„Das Jubiläum des Sieges. Der Sieg des Dunklen Lord jährt sich zum dritten Mal."
Sie schüttelte den Kopf. Tränen formten sich in ihren Augen.
„Es tut mir leid, Hermine…", sagte Rabastan, doch sie war bereits an ihm vorbeigestürmt.
Als sie nach Hause apparieren wollten, ließ sie sich nur widerwillig von ihm anfassen. Als sie hinter dem Tor auf dem Gelände des Lestrange-Anwesens wieder auftauchten, ließ sie sofort Rabastans Arm los und stürmte ins Haus. Rabastan entschied, dass es besser war, sie erst mal allein zu lassen, damit sie genug Zeit hatte, sich zu beruhigen. Die Ankündigung, dass bald das Siegesjubiläum groß gefeiert werden sollte, traf sie verständlicherweise hart. Immerhin hatte sie an diesem Tag ihr gesamtes Leben und ihre Freunde verloren.
„Hast du es ihr gesagt?", fragte Rodolphus, der gesehen hatte, wie Hermine weinend die Treppe nach oben gelaufen war.
„Ja. Sie hat es nicht gut aufgenommen", sagte Rabastan niedergeschlagen.
„Sie beruhigt sich schon wieder", meinte Rodolphus. „Geh nachher zu ihr rauf und rede mit ihr."
Wenn das Reden nur immer so leicht wäre, dachte Rabastan säuerlich. Er wartete bis zum späten Abend, bis er es fertigbrachte, nach oben zu gehen und nach Hermine zu sehen. Zu seiner Überraschung war sie bereits von selbst wieder aus ihrem Zimmer gekommen und kam ihm auf dem Flur entgegen. Sie hatte aufgehört zu weinen, wie Rabastan erleichtert feststellte.
„Hermine…"
„Wann findet denn die Feier statt?", fragte Hermine.
„Die Feier beginnt am Abend des 1. Mai und wir feiern in den 2. Mai hinein", erklärte Rabastan.
Hermine nickte. „Verstehe. Ich nehme an, dass ich dabei sein muss."
„Ich fürchte, ja", sagte Rabastan. „Es hat sich unter den Todessern natürlich rumgesprochen, dass du hier bei mir lebst. Sie wollen dich natürlich alle mal sehen."
„Ich hier bei dir bin halt das Sinnbild für euren Sieg, nicht wahr? Und wir unsere Niederlage. Auch wenn ich weiß, dass du nicht so bist und mich niemals so behandeln würdest, Rabastan, so bin ich an so einem Abend trotzdem eine Eroberung oder eine Trophäe für dich. Und so werden mich alle sehen. Wie viele Todesser werden kommen?"
„Praktisch alle, sofern niemand absagt", sagte Rabastan kleinlaut. „Es tut mir leid…"
„Alle werden mich beglotzen und sich wahrscheinlich köstlich über mich amüsieren. Die große Hermine Granger, Freundin von Harry Potter, hat sich an den Feind verkauft."
Rabastan wusste nicht, was er sagen sollte, außer dass er Hermine den Abend gerne erspart hätte. „Es tut mir leid…"
„Das muss es nicht", entgegnete Hermine erschreckend gleichgültig. „Eigentlich hätte ich mir das denken können. Ich war ein bisschen naiv. Es ist in Ordnung. Ich werde den Abend schon überstehen. Ich habe ja bisher die Gesellschaft deiner Kumpane auch ertragen. Manche sind ganz nett. Ich werde mich halt den ganzen Abend an dich und Rodolphus halten, dann wird es schon gehen. Nur noch eine letzte Frage."
„Welche?"
„Ich würde gerne wissen, ob euer Dunkler Lord auch da sein wird."
„Soweit ich weiß, wird er nicht da sein. Er war auch letztes Jahr nicht dabei. Du brauchst also keine Angst haben."
„Gut, denn ich fürchte, sonst hätte es unschön werden können. Ich werde mich anständig anziehen, damit deine Todesserfreunde wenigstens auf ihre Kosten kommen."
Sie schritt an ihm vorbei und steuerte die Bibliothek an. Rabastan wusste, dass er ihr nicht folgen sollte.
Rabastan war nicht da, als Hermine ein paar Tage später nach unten ging, um sich in der Küche etwas zu Essen zu holen. Leise Musik kam aus dem Salon. Jemand spielte auf einem Klavier.
Rodolphus saß am Klavier und versuchte, mit beiden Händen ein klassisches Stück zu spielen. Mit der linken Hand hatte er keine Schwierigkeiten, doch rechts geriet er immer wieder ins Stocken und hatte große Mühe, die Tasten richtig zu drücken. Als er verrutschte und einen falschen Ton spielte, gab er frustriert auf.
„Verdammt!", fluchte Rodolphus leise. Er erhob sich vom Klavierhocker und wollte gehen. Als er Hermine sah, erstarrte er.
„Ich wollte dich nicht erschrecken, Rodolphus", sagte Hermine schnell. „Du hast schön gespielt."
„Ach, es war nicht gut. Ich…" Er sah auf seinen verletzten Arm. „Ich hab leider ein paar Probleme in den Fingern."
„Du schaffst das", sagte Hermine, um ihn aufzuheitern. „Du darfst nicht aufhören zu üben. Irgendwann geht es."
Rodolphus lächelte, sah aber nicht sonderlich überzeugt aus. „Kannst du auch Klavierspielen?"
„Nur wenig", gab Hermine zu.
„Komm, spielen wir was zusammen."
Unsicher ließ sich Hermine neben Rodolphus auf dem Sitz vor dem Klavier nieder.
„Wo ist Rabastan?", wollte Hermine wissen.
„Er wollte spazieren gehen oder laufen, ich weiß es nicht genau", erklärte Rodolphus. „Er geht oft laufen. Bewegung ist ihm wichtig."
„Das habe ich auch schon gemerkt", sagte Hermine. „Er hat mir erzählt, dass ihr nach Askaban Probleme mit den Knochen hattet."
„Ja. 15 Jahre keine Sonne und die schlechte Ernährung haben Spuren hinterlassen", sagte Rodolphus. „Als wir aus dem Gefängnis befreit wurden, war unsere Knochen und Zähne ziemlich angegriffen. Das war das erste, was wir uns haben richten lassen. Wir mussten Tränke nehmen, damit unsere Knochen wieder stabiler wurden."
„Ist heute wieder alles in Ordnung?", fragte Hermine.
„Ja. Kennst du dieses Lied?", fragte Rodolphus und schlug ein altes Volkslied in seinem Notenheft auf.
„Ich hab es schon mal gehört", sagte Hermine. „Ich kenne mich leider mit klassischer Musik in der Zaubererwelt nicht so gut aus."
„Macht nichts. Ich spiele links und du übernimmst die rechte Hand, OK?"
„OK."
Sie fanden schnell einen gemeinsamen Rhythmus und nach einiger Zeit machte es sogar richtig Spaß. Hermine war überrascht, wie gut sie noch spielen konnte. In ihrer Kindheit hatte sie ein paar Jahre lang Klavierunterricht gehabt, doch die Musik nicht weiterverfolgt. Trotz der fehlenden Übung beherrschte sie die Noten noch recht gut.
Bei einer schwierigen Stelle kam sie jedoch aus dem Takt und drückte ein paar falsche Tasten, sodass sich die Melodie völlig krumm und schief anhörte. Hermine und Rodolphus brachen in schallendes Gelächter aus.
„Cis, Hermine, nicht H", sagte Rodolphus und grinste.
„Tut mir leid, ich muss wohl ."
„Du spielst ganz gut", lobte Rodolphus.
„Du aber auch. Hattet ihr Unterricht?"
„Als wir Kinder waren, ja. Unsere Eltern wollten immer, dass wir neben Hogwarts noch ein wenig klassische Erziehung bekommen, deshalb mussten wir ein Musikinstrument lernen. Ich glaube aber nicht, dass Rabastan nach seinem Auszug je wieder ein Klavier angefasst hat."
Hermine lächelte. Klassische Musik klang tatsächlich so gar nicht nach Rabastan.
„Rabastan hat mir vor kurzem erzählt, dass du gerne Gartenarbeit machst."
Rodolphus wirkte peinlich berührt. „Ja, früher mal."
„Er hat gesagt, dass du Rosen gezüchtet hast. Und dass du Bellatrix eine gewidmet hast."
Ein leichter Hauch von Rosa zog sich über Rodolphus' Wangen. „Was erzählt der denn alles über mich?", fragte er etwas ungehalten.
„Ich finde das toll. Ich selber war zwar immer gut in Kräuterkunde in der Schule, aber sonst habe ich tatsächlich keinen grünen Daumen. Ich bewundere das wirklich. Er hat mir erzählt, wie schön euer Garten war."
Rodolphus sah verlegen nach unten.
„Tust du mir einen Gefallen, Rodolphus?"
Erstaunt sah er sie an. „Ich soll dir einen Gefallen tun?"
Hermine nickte. „Würdest du dieses Jahr bitte für mich einen Blumengarten anlegen?"
Ihre Bitte überraschte ihn. „Ähm, ich…"
„Es würde mir sehr viel bedeuten", sagte Hermine und ihre Blicke trafen sich.
Als er Hermines Blick sah, konnte er nicht anders als zuzustimmen. „Also gut. Hast du besondere Wünsche?"
„Nein, mach, was dir gefällt. Ich mag alle Blumen", sagte Hermine und lächelte.
Ihr Lächeln machte Rodolphus glücklich. Es freute ihn jedes Mal, wenn Hermine fröhlich war. Die Aussicht, ihr mit den Blumen eine Freude machen zu können, war Motivation für Rodolphus.
„Ich werde mich gleich morgen an die Arbeit machen."
Sie setzten sich auf das Sofa. Rodolphus schenkte Hermine ein Glas Saft ein.
„Die Heiler haben uns damals gesagt, dass wir uns bewegen sollen. Bewegung hilft den Knochen. Ich würde gerne etwas machen, aber… Ich bin leider zu eingeschränkt", sagte Rodolphus missmutig. „Rabastan nimmt das sehr ernst. Er achtet auf seine Gesundheit."
„Ja, ich finde das toll", meinte Hermine. „Es ist gut zu hören, dass ihr wieder gesund seid."
„Bei uns konnte man den Knochenschwund heilen, aber…"
„Aber?", hakte Hermine nach. Rodolphus wirkte für einen Moment, als bereue er, was er eben gesagt hatte. Er fing sich jedoch schnell.
„Meine Frau… Bellatrix hatte nicht so viel Glück. Nach Askaban waren ihre Knochen ebenfalls krank. In der Nacht, als wir die falschen Potter verfolgt haben, traf ein Zauber sie am Unterarm. Ein Heiler hat festgestellt, dass Elle und Speiche gebrochen waren und dass ihre Knochen sehr brüchig waren. Bei ihr jedoch konnte man das nicht mehr heilen. Der Heiler hatte sie gewarnt, dass sie in einem Kampf leicht verletzt werden könnte."
Seine Stimme zitterte ein wenig. Über die Erinnerung zu sprechen, fiel ihm schwer.
„Was willst du sagen, Rodolphus?", fragte Hermine.
Es kostete ihn viel Überwindung weiterzusprechen. „Das hat Bella das Leben gekostet."
„Ich verstehe nicht…"
„Molly Weasley wollte Bella nicht töten. Sie hat einen Schockzauber auf sie abgefeuert. Bella hat nicht aufgepasst und der Zauber traf sie genau in die Brust, über dem Herzen. Normalerweise passiert da nichts, erst recht nicht, wenn der Zauber aus der Entfernung abgefeuert wird."
Er schluckte. „Weil Bellas Knochen so brüchig waren, hat die Wucht des Zaubers ihren Brustkorb zertrümmert. Die Knochensplitter haben sich in Herz und Lunge gebohrt. Sie ist innerlich verblutet."
Es war kein Mitleid mit Bellatrix, die Hermine Rodolphus' Hand ergreifen ließ, sondern Mitleid mit dem zurückgebliebenen Mann, der seine geliebte Frau verloren hatte.
„Ich hab noch mit ihr gesprochen. Sie hat noch gelebt."
Hermine hatte die Geschehnisse nach Harrys Tod nicht mehr mitbekommen. Sie wusste zwar, dass Bellatrix gestorben war, aber nicht, was davor und danach passiert war.
„Sie ist in meinen Armen gestorben", sagte Rodolphus. Sein Blick war seltsam leer, als er zurückdachte und sich die traurigen Erlebnisse wieder in Erinnerung rief.
„Es tut mir so leid", sagte Hermine mitfühlend. „Hat der Dunkle Lord…"
„Der Dunkle Lord hat Molly Weasley für Bellas Tod bezahlen lassen", sagte Rodolphus und sein Tonfall ließ keinen Zweifel daran, dass er diese Vergeltungstat für richtig und gerecht hielt. Es waren diese bizarren Momente, in denen Hermine nicht wusste, was sie fühlen sollte. Sie fühlte sich verbunden mit den beiden Lestrange-Brüdern, obwohl sie Todesser waren, aber gleichzeitig auch fremd und fehl am Platz, wenn der Tod ihrer Freunde gefeiert wurde. Hermine wollte nicht mit ihm streiten.
„Sind noch mehr Menschen getötet worden?"
„Der Dunkle Lord hat Narcissa Malfoy für ihren Verrat bestraft", sagte Rodolphus langsam.
Das war neu für Hermine. Sie hatte sich nie Gedanken darüber gemacht, was mit den Malfoys passiert war. Narcissa Malfoy hatte Voldemort offen angelogen und damit den Sieg hinausgezögert. Sie hatte in der Absicht gelogen, Harry Potter zu helfen. Natürlich war sie nicht unbeschadet davongekommen.
„Ist sie…"
„Sie ist tot. Der Dunkle Lord hat sie getötet. Lucius wurde verstoßen. Er gehört seit langem nicht mehr zu uns."
„Wie geht es Draco?", fragte Hermine, selbst überrascht von sich, dass sie diese Frage stellte.
„Ich weiß es nicht", sagte Rodolphus. „Ich habe von den Malfoys seit Jahren nichts mehr gehört."
Hermine nickte. Von Harry wusste sie, dass Draco niemals von der Ideologie des Dunklen Lords überzeugt gewesen war. Er hatte seine Eltern schützen wollen und seine Mutter hatte ihren Mann und ihren Sohn schützen wollen. Sieg oder Niederlage war ihnen gleichgültig gewesen. Ihre Familie war für sie wichtiger gewesen.
„Rodolphus, darf ich dich mal was fragen?"
„Natürlich, was denn?"
„Es ist eine sehr persönliche Frage. Wie war das, mit ihr verheiratet zu sein?"
Rodolphus sah nachdenklich drein. Er ließ sich Zeit für die Antwort.
„Es war kompliziert", sagte er schließlich. „Aber ich fürchte, dass ist etwas zu milde ausgedrückt."
„Darf ich ganz offen sein?", fragte Hermine, die sich nicht sicher war, ob ihre Frage wirklich eine gute Idee war.
„Darfst du. Ich glaube, dass ich sowieso schon weiß, was du fragen willst."
„Du warst ihr Mann, du hast sie geliebt. Das muss schwer gewesen sein, all die Jahre zuzusehen, wie die eigene Frau einen anderen liebt, nicht wahr?"
Erneut entstand Stille zwischen ihnen. Rodolphus sah nach unten auf seine Hände.
„Das war es", antwortete er knapp.
„Wieso hast du nie die Konsequenz daraus gezogen?" Die Frage war Hermine einfach über die Lippen gekommen. Einen Augenblick später bereute sie schon, was sie gesagt hatte. „Tut mir leid, dass war… unangebracht…"
„Nein, Hermine, für einen Außenstehenden muss das natürlich so aussehen. Die Frage ist… schon berechtigt. Ich weiß, dass viele hinter meinem Rücken immer getuschelt haben. Sie haben mich ausgelacht, haben gespottet, was ich für ein Mann sei, dessen Frau…" Er atmete tief durch, um sich zu beruhigen. Seine Hände ballten sich zu Fäusten. „Viele haben über Bella gelästert, dass sie die Gespielin des Dunklen Lord sei. Sie hatten zu viel Respekt vor ihr, als dass sie es offen ausgesprochen hätten."
„Wie war eure Ehe?"
„Wie gesagt, kompliziert", fuhr Rodolphus fort. „Wir hatten keinen guten Start. Unsere Eltern haben die Ehe arrangiert, wie du ja mittlerweile weißt. Bella hat das nicht gefallen. Nach Andromedas Verrat lag es an ihr, die Familienehre wieder herzustellen. Als älteste Tochter lagen alle Erwartungen auf ihr. Ihre Eltern haben ihr gesagt, dass sie sich mit einem Reinblüter verloben muss, und sie hatten sogar schon Kandidaten ausgewählt."
„Wen? Kenn ich jemanden?"
„Nur einen, schätze ich. Travers."
„Travers wollte Bellatrix heiraten?" Das überraschte Hermine.
„Ja. Er hatte Interesse an ihr und ist an ihre Eltern herangetreten, um um ihre Hand anzuhalten. Meine Schwiegereltern hielten es für eine gute Idee, denn die Familie Travers sind respektable Reinblüter. Bellatrix mochte Travers aber nicht und hat das Angebot abgelehnt. Ihre Eltern haben ihr ein Ultimatum gesetzt. Entweder sollte sie selbst einen Kandidaten finden, oder sie hätte einen Kandidaten, den ihre Eltern ausgesucht hatten, heiraten müssen. Wir kannten uns aus der Schule und wir waren schon einmal kurz zusammen gewesen. Ich habe Bellatrix einen Antrag gemacht und ihre Eltern haben zugestimmt."
„Travers war davon bestimmt nicht angetan", schlussfolgerte Hermine.
„Er musste es zwangsläufig hinnehmen, aber bis heute sind wir uns nicht so ganz grün."
„Das mit diesem Ehe arrangieren ist schrecklich", sagte Hermine und dachte dabei an Averys Geschichte.
Rodolphus ging nicht auf ihre Bemerkung ein. „Es war immer schwierig mit uns beiden. Ich wusste, dass Bellatrix mir nie dieselben Gefühle entgegengebracht hat wie ich ihr. Und natürlich wusste ich, wen sie geliebt hat. Ich… wollte es nie wirklich wahrhaben. Ich bin all die Jahre bei ihr geblieben, weil ich die Frau, die ich geliebt habe, nicht verlassen wollte. Ich wusste, dass ich mich zwischen meiner Frau und dem Dunklen Lord hätte entscheiden müssen. Und das wollte ich nicht. Ich konnte es auch nicht."
„Wie lange wart ihr zusammen?"
„Wir haben 1971 geheiratet. Bis zu ihrem Tod waren es fast 27 Jahre."
„Wow, das ist eine sehr lange Zeit. Wolltet ihr eigentlich nie Kinder?"
„Ich hätte mir gerne Kinder gewünscht, aber Bellatrix…" Rodolphus lächelte. „Sie war bei dem Thema eher zurückhaltend. Sie hat immer gesagt, sie kann mit Kindern nichts anfangen. Sie war eine Kämpferin und tougher als viele Kerle. Sie als Mutter…" Er schüttelte den Kopf. „Schwer vorstellbar."
Da musste Hermine zustimmen.
„Zwischen Bella und mir war nie viel, aber… Bella war einmal schwanger."
„Was?!"
„Kaum zu glauben, oder?", meinte Rodolphus und jetzt war ihm der Schmerz über die Geschehnisse der Vergangenheit am Gesicht abzulesen. „Es war in 1978 kurz nach unserem siebten Hochzeitstag. Das verflixte siebte Jahr. Ich wusste nicht, dass Bella schwanger war, und sie wusste es selbst auch noch nicht. Der Dunkle Lord gab uns einen Auftrag und wir wurden in einen Kampf mit Auroren verwickelt. Wir hatten einen schlechten Stand und einige wurden verletzt. Soll ich weitererzählen?"
Verwundert über die Frage sagte Hermine: „Natürlich. Ich möchte die Geschichte hören."
„Zwei Auroren hatten Bella in die Enge getrieben. Ein Zauber traf sie genau in den Unterleib und sie stürzte einen Abhang hinunter. In der darauffolgenden Nacht hatte sie so starke Blutungen, dass wir ins Krankenhaus mussten. Die Heiler haben gesagt, dass sie das Baby verloren hat."
„Wer waren die beiden Auroren?", fragte Hermine, der ein schlimmer Verdacht kam.
„Frank und Alice Longbottom", sagte Rodolphus. „Um deine Frage vorwegzunehmen, nein, wir bereuen es nicht. Keinen einzigen Tag."
In diesem Moment wünschte sich Hermine, dass sie nicht so tief in der Vergangenheit gegraben hätte.
Hermine fragte nie wieder nach Rodolphus' und Bellatrix' Vergangenheit und sie erwähnte gegenüber Rabastan auch nicht, dass sie die Wahrheit kannte. Sie hielt es für besser, das Gespräch einfach zu vergessen. Auch Rodolphus schnitt das Thema nie wieder an. Vielleicht bereute er seine Worte genauso wie Hermine ihre allzu unvorsichtige Frage.
Hermine beschäftigten die Dinge, die sie erfahren hatte. Auch wenn nichts auf der Welt das schreckliche Verbrechen, dass die drei Lestranges und Barty Crouch Jr. an den Longbottoms verübt hatten, rechtfertigen oder gar entschuldigen konnte, so hatte Hermine jetzt zumindest einen anderen Blickwinkel auf die Geschichte bekommen. Die Lestranges hatten von den Longbottoms nicht den Aufenthaltsort des Dunklen Lord erfahren wollen, wie alle Welt glaubte, sondern ihre Tat war ein Racheakt gewesen. Schmerz und Zorn hatten sie getrieben.
Rabastan fiel auf, dass Hermine über etwas grübelte, er respektierte aber ihre Bitte, nicht näher nachzufragen. Abends war sie froh, sich an Rabastan schmiegen und ihre Sorgen vergessen zu können.
Sie hatte sich schon daran gewöhnt, nicht mehr allein schlafen zu müssen. Sie hatte davor noch nie ihr Bett mit jemandem geteilt. Sie hatte mit Ron und Harry lange Zeit in einem engen Zelt verbracht, aber noch nie war sie abends in den Armen eines Mannes eingeschlafen und am nächsten Morgen in seinen Armen wieder aufgewacht. Es fühlte sich gut an. Wenn sie bei Rabastan war, dann fühlte sie sich wohl und beschützt und konnte erholsam schlafen. Die Albträume waren verschwunden.
Ein paar Tage vor der Jubiläumsfeier besuchten Rabastan und Hermine ein zweites Mal die Winkelgasse, um ein Kleid für Hermine zu kaufen. Sie aßen eine Kleinigkeit an einem Imbiss und kehrten am späten Abend ins Lestrange-Anwesen zurück.
Erschöpft ließ sich Hermine auf ihrem Bett nieder und zog sich um. Rabastan stellte ihre Tüte auf einem Stuhl ab und legte seinen Umhang ab.
„Ich bin ganz schön müde", sagte er und ließ sich neben Hermine auf das Bett fallen.
„Wo warst du eigentlich beim letzten Mal in der Winkelgasse?", wollte Hermine wissen. Die Neugier machte sie halb verrückt. Rabastan hatte sich die ganze Zeit über so geheimnisvoll verhalten und sie brannte darauf, endlich zu erfahren, was er gemacht hatte. „Warum durfte ich nicht mit?"
„Es sollte eine Überraschung werden", verteidigte sich Rabastan. „Ich wollte dir nicht die Spannung nehmen."
„Was für eine Überraschung? Wieso sollte mir das die Spannung nehmen?"
„Es ist eine besondere Sache", sagte Rabastan kryptisch.
„Ich will es jetzt endlich wissen!", forderte Hermine. „Das macht mich schon die ganze Zeit verrückt!"
„Also gut", sagte Rabastan und ging zum Schrank. Aus einer Schublade zog er eine lange Schachtel heraus.
„Hermine, ich denke über diesen Schritt schon sehr lange nach", sagte er ernst. „Ich bin zu dem Entschluss gelangt, dass ich ihn wagen möchte, diesen Schritt. Ich vertraue dir, Hermine. Als du gesagt hast, dass du hier glücklich bist, da wusste ich, dass der richtige Zeitpunkt gekommen ist."
Er überreichte Hermine die lange Schachtel. „Das ist mein Geschenk für dich."
Hermine hob vorsichtig den Deckel der Schachtel an. Was darunter zum Vorschein kam, hätte sie sich nicht einmal in ihren kühnsten Träumen vorstellen können. Mit offenem Mund starrte sie ihr Geschenk an.
„Der ist für dich. Ich hoffe, er gefällt dir."
Mit zittrigen Finger nahm sie vorsichtig den Zauberstab aus der Schachtel.
„Der ist für mich, Rabastan?", fragte sie ungläubig. Das konnte doch nur ein Scherz sein!
„Der ist für dich, ja."
Es war ein unbeschreibliches Gefühl nach so langer Zeit wieder einen Zauberstab in der Hand halten zu dürfen. Hermine spürte sofort, wie Magie sie durchströmte und das Band zwischen ihr und dem Zauberstab entstand. Der neue Zauberstab kam ihr augenblicklich so vertraut vor, als hätte sie ihn schon ihr ganzes Leben lang benutzt. Es war, als hätten sich zwei alte Freunde wiedergefunden.
„Ich hab versucht, einen zu finden, der deinem alten sehr ähnlich ist."
„Er ist großartig", sagte Hermine, die ihre Augen kaum von ihrem neuen Zauberstab nehmen konnte. Sie bewegte ihn hin und her, um zu testen, wie gut er in der Hand lag.
„Aber… Wieso? Ich versteh nicht, ich… dachte, ich bin…" Ihr fehlten die Worte.
„Ich habe gesagt, ich vertraue dir, Hermine. Das ist mein Beweis."
Hermine hatte Tränen in den Augen vor Freude und Glück.
„Vielen Dank, Rabastan." Sie fiel ihm um den Hals und drückte ihn fest. „Ich danke dir."
„Gern geschehen", raunte er und strich ihr über den Rücken.
„Ich weiß gar nicht, wie sehr ich dir danken soll", sagte Hermine, dann küsste sie ihn mit so viel Leidenschaft wie nie zuvor.
