Hermine war draußen im Garten und übte mit ihrem Zauberstab, während Rabastan und Rodolphus am Fenster des Salons standen und sie beobachteten.

„Denkst du wirklich, dass das eine gute Idee war?", fragte Rodolphus ernst. „Glaubst du nicht, dass sie…"

„Das wird sie nicht", widersprach Rabastan. „Ich vertraue ihr. Das ist ein Beweis für mein Vertrauen."

„Vertraut sie dir denn genauso?"

Das war eine gute Frage, wenn Rabastan eingehender darüber nachdachte. Er vertraute Hermine und hatte keinen Augenblick daran gezweifelt, dass ihr Vertrauen auf Gegenseitigkeit basierte. Allerdings wusste er tatsächlich nicht, ob Hermine ihm wirklich vertraute oder nicht. Nachdem sie gesagt hatte, dass sie glücklich bei ihm und seinem Bruder war und das Lestrange-Haus ihr Zuhause nannte, war er zurecht davon ausgegangen.

Er hatte Hermine mit gutem Gewissen mit in die Winkelgasse genommen und er hatte seine Entscheidung, ihr einen Zauberstab zu kaufen, wohlüberlegt getroffen. Es gab keine Zweifel.

„Sie sieht überglücklich aus", stellte Rodolphus fest, als er Hermine betrachtete, auf deren Gesicht eindeutig abzulesen war, wie froh sie über ihr Geschenk war. „Sie bedeutet dir sehr viel, nicht wahr? Du hast Gefühle für sie."

Es brachte nichts, zu widersprechen und es abzustreiten. „Ja, das habe ich."

„Wo soll das mich euch hinführen?"

„Das weiß ich nicht", sagte Rabastan wahrheitsgemäß und wenn er ehrlich war, dann wollte er auch gar nicht über solche Dinge nachdenken. Er wollte die gemeinsame Zeit mit Hermine genießen und sich keine Sorgen um irgendeine Zukunft machen, die in den Sternen stand.

„Ich habe ihr noch nicht gesagt, dass der Dunkel Lord wollte, dass sie hierher kommt", sagte Rabastan. „Sie weiß nur, warum ich wollte, dass sie zu uns kommt."

„Weißt du mittlerweile, was der Dunkle Lord von ihr will?", fragte Rodolphus ernst. „Das ist doch irgendwie komisch. Er braucht sie angeblich für irgendetwas, aber jetzt, da sie hier ist, scheint sie ihm egal zu sein."

„Ich habe länger nicht mit ihm Rücksprache gehalten", erklärte Rabastan. „Der Dunkle Lord scheint sehr beschäftigt zu sein. Die anderen haben mir erzählt, dass er sie kaum noch ruft. Das letzte Mal, als ich bei ihm war, ist auch schon wieder Wochen her."

Sie sahen Hermine einige Zeit schweigend zu, wie sie Steine schweben ließ, dann wandte sich Rabastan wieder an seinen Bruder.

„Ich habe gehört, du willst dich um den Garten kümmern?"

„Hermine hat mich darum gebeten. Sie möchte, dass ich für sie Blumen anpflanze."

„Das finde ich toll. Das gibt dir eine Aufgabe, Rodolphus."

„Ich habe schon ein paar Skizzen gemacht, wie ich die Beete anlegen möchte", sagte Rodolphus. „Hermine hat gesagt, dass sie mir bei der Wahl der Blumen freie Hand lässt."

Rabastan grinste. „Damit du dich bei der Arbeit nicht ganz so plagst…" Er zog einen Zauberstab aus der Tasche und übergab ihn seinem Bruder.

„Mein Zauberstab! Das heißt, ich bekomme ihn…"

„Du bekommst ihn zurück, ja", sagte Rabastan. „Ich denke, es ist der richtige Zeitpunkt."

„Ich hatte alle Hoffnung schon aufgegeben", sagte Rodolphus und nahm seinen Zauberstab entgegen. „Das fühlt sich ganz ungewohnt an. Wie komme ich ausgerechnet jetzt zu dieser Ehre?"

„Wie du vor kurzem ja selber angemerkt hast, hast du große Fortschritte seit dem Winter gemacht. Ich vertraue dir wieder so weit, dass ich kein Problem mehr darin sehe, wenn du wieder einen Zauberstab hast."

Rodolphus sah nachdenklich auf seinen Zauberstab. „Ich… Wir haben nie wirklich darüber gesprochen…"

„Du brauchst dich nicht zu erklären, Bruderherz. Wir vergessen die Sache einfach", meinte Rabastan. „Es ist vorbei und dir geht es jetzt besser, das ist alles, was zählt."

„Ich möchte dir aber trotzdem danken, Rabastan", sagte Rodolphus. „Ich war damals sehr wütend auf dich, dass du mich gefunden und gerettet hast, aber heute bin ich froh darüber. Ich bin froh, so einen Bruder und so eine Familie zu haben."

Rabastan konnte gar nicht sagen, wie glücklich und erleichtert er über Rodolphus' Worte war.

„Hermine hat viel bei dir bewirkt, wie ich sehe. Das freut mich."

„Ich hätte das nie für möglich gehalten, aber sie hat mir sehr geholfen. Ich habe das Gefühle, dass ich durch sie wieder einen Weg gefunden habe."

Die beiden Männer setzten sich auf das Sofa und ließen sich von Tipsi Getränke bringen.

„Du und Hermine", begann Rodolphus vorsichtig, „ist das etwas ernstes? Seid ihr richtig zusammen?"

„Ja, das sind wir", antwortete Rabastan.

„Ich will dir nicht zu nahe treten, Rabastan, aber… Es gibt da gewisse Dinge zwischen euch, die man leider nicht wegdiskutieren kann."

„Wenn du den Altersunterschied meinst…"

„Von dem spreche ich gar nicht", sagte Rodolphus sehr ernst. „Ich rede von der Tatsache, dass sie eine von denen ist. Und nicht nur irgendeine."

„Von denen?"

„Du weißt genau, was ich meine. All ihre Freunde kämpfen im Widerstand. Ich habe im Radio gehört, dass sie erst vor wenigen Tagen schon wieder Ärger gemacht haben. Sie leisten immer noch unerbittlich Widerstand gegen das Ministerium und den Dunklen Lord. Sie war doch die beste Freundin von Harry Potter und in seinen Namen kämpfen seine Anhänger heute noch für ihn. Wenn es hart auf hart kommt, glaubst du, sie wird sich für dich entscheiden? Ihre Loyalität wird ihren Freunden gelten."

Rabastan wollte etwas entgegnen, aber ihm wollte nichts einfallen. Rodolphus hatte nicht Unrecht mit dem, was er sagte. Die Worte trafen ihn dennoch hart.

„Versteh mich nicht falsch, Bruder, ich… Ich mag Hermine gern. Sie ist irgendwie sowas wie eine Tochter für mich gefunden. Ich hab einfach nur Angst, dass das mit euch…"

„Was?"

„Schiefgeht."

Rabastan schnaubte und schüttelte den Kopf.

„Es könnte natürlich auch sein, dass ihre Freunde sie nicht mehr haben wollen, wenn ihre beide…"

„Rodolphus, wir…"

Rabastan konnte nicht weitersprechen, denn in diesem Moment kam Hermine außer Atem und verschwitzt in den Salon. Insgeheim war er froh, dass er das Gespräch mit Rodolphus nicht weiterführen musste.

„Na, hast du fleißig geübt?", fragte Rabastan.

„Ja! Der Zauberstab ist wunderbar! Er passt total gut!" Sie viel ihm freudestrahlend um den Hals und küsste ihn. „Es ist perfekt! Ich bin so glücklich, wieder zaubern zu können!"

„Schön zu hören, dass ich die richtige Wahl mit dem Zauberstab getroffen habe."

Rodolphus beobachtete sie lächelnd, dann nahm er ein Buch zur Hand, das auf dem Tisch gelegen hatte, schlug es an der Stelle auf, an der sein Lesezeichen steckte, und setzte sich seine Lesebrille auf. Er lehnte sich entspannt zurück und begann zu lesen.

„Es ist total schön warm draußen", sagte Hermine. „Kommst du mit raus? Wollen wir etwas zusammen üben?"

„Klar, wieso nicht", meinte Rabastan, der eine Ablenkung gebrauchen konnte.

„Zeig ihr, wie man sich richtig duelliert, Rabastan. Was wir Todesser so drauf haben", schlug Rodolphus vor.

„Oh ja, gute Idee. Es kann nicht schaden, dir ein paar anständige Zauber beizubringen."

„Du kannst Spanisch, Rodolphus?", fragte Hermine, der der Titel auf dem Buch aufgefallen war, das Rodolphus las. „Das wusste ich gar nicht."

Rodolphus' Wangen färbten sich rosa.

„Er ist immer so bescheiden und hält mit dem, was er kann, hinterm Berg", meinte Rabastan grinsend.

Rodolphus fuhr sich verlegen mit einer Hand durch die Haare.

„Er spricht sogar fließend Spanisch."

„Ehrlich?", fragte Hermine interessiert. „Beeindruckend. Wie kommt das?"

„In meiner Jugend habe ich angefangen zu lernen", sagte Rodolphus. „Mir hat die Sprache sehr gut gefallen. Es hat mich etliche Jahre gekostet, aber irgendwann konnte ich es dann fließend."

„Er hat vor allem in den Ferien immer sehr viel geübt. Die Bücher müssten immer noch da sein, oder?"

„Ja. Ich lese ab und an mal einen Roman oder ein Sachbuch, damit ich nicht alles vergesse." Er hielt das Buch hoch, sodass Hermine den Titel lesen konnte: Historia & Economía.

„Das ist schön. Ich beneide dich darum. Ich kann leider keine andere Sprache", sagte Hermine.

„Rodolphus und ich sind zweisprachig aufgewachsen", erklärte Rabastan. „Französisch ist unsere zweite Muttersprache. Unsere Familie stammt ursprünglich aus Frankreich. Obwohl wir schon seit Jahrhunderten in Großbritannien leben, wollte unsere Familie das französische Erbe bewahren. Wir haben deshalb die Sprache gelernt."

„Keine Sorge, Hermine. Sogar Bella hat es geschafft ein bisschen Französisch und Spanisch zu lernen. Dir bringen wir auch noch was bei."

„Rodolphus und Bella haben mal einige Zeit in Spanien gelebt", erklärte Rabastan. „Rodolphus hatte dort eine Stelle im Ministerium. Ihr seid allerdings nicht lange geblieben. Du hast mir nie erzählt, warum ihr so schnell wieder da wart."

„Das war eine blöde Geschichte", sagte Rodolphus etwas niedergeschlagen. „Unser Vater hatte damals Kontakt zum Leiter der Abteilung für Internationale Magische Zusammenarbeit im spanischen Zaubereiministerium. Bei einem Ball, den unsere Eltern gegeben haben, habe ich ihn kennengelernt. Er wusste, dass ich fließend Spanisch spreche, und hat mir eine Stelle in seiner Abteilung angeboten. Ich sah das als eine ziemlich gute berufliche Chance, aber Bella hat anfangs nicht mitgezogen. Sie wollte nicht nach Spanien, weil sie…"

„Weil sie was?", fragte Hermine.

„Weil sie nicht vom Dunklen Lord getrennt sein wollte, habe ich Recht?", schlussfolgerte Rabastan.

„Ganz genau. Ich habe mit dem Dunklen Lord gesprochen und ihm die Situation geschildert. Er fand, dass es eine gute Idee wäre, zu gehen. Er gab mir den Auftrag, in Spanien neue Anhänger für unsere Sache zu gewinnen. Als ich Bella gesagt habe, dass der Dunkle Lord es gut fände, wenn wir gingen, hat sie nach einiger Zeit doch zugestimmt. Also zogen wir nach Spanien."

„Wie lange wart ihr dort?", wollte Hermine wissen.

„Ungefähr vier Monate", fuhr Rodolphus fort. „Wir hatten ein tolles Haus am Strand. Ich habe im Ministerium gearbeitet und Bella hat sich die Tage mit Einkaufen oder am Meer vertrieben. Sie konnte natürlich am Anfang kein Spanisch. Ich habe mit ihr geübt, aber mit der Zeit hat sie es gut alleine geschafft."

„Ich habe mir damals immer gedacht, dass irgendetwas vorgefallen sein muss, Rodolphus", sagte Rabastan ernst. „Du warst anders, als ihr zurückkamt."

„Es gab einen kleinen Vorfall", erklärte Rodolphus. „Ich habe direkt unter dem Leiter der Abteilung für Internationale Magische Zusammenarbeit gearbeitet und kannte ihn persönlich. Eines Tages trat er mit einer Bitte an mich heran. Er hatte eine Tochter, die damals 18 Jahre alt war und gerade die spanische Zaubererschule abgeschlossen hatte. Sie sollte Englisch lernen, hat sich damit aber schwer getan."

„Du solltest ihr Nachhilfe geben?", fragte Rabastan.

„Ja. Ich war verrückt, dass ich mich darauf eingelassen habe", sagte Rodolphus. „Ich war zweimal in der Woche bei ihr zu Hause. Wir haben Englisch geübt, aber…"

„Wie war ihr Name? War sie hübsch?", fragte Hermine.

„Ihr Name war Isabel", antwortete Rodolphus. „Und ja, sie war hübsch. Ein wirklich hübsches, junges Mädchen."

„Was ist passiert?"

„Sie hat sich in mich verliebt. Anders gesagt, wollte sie mehr als nur Nachhilfe in Englisch."

„Wie hast du reagiert?"

„Zuerst hat sie Avancen an mich gemacht. Ich habe versucht, es zu ignorieren. Eines Abends bei unserem Unterricht hat sie mich gebeten, mit ihr zu tanzen. Ich habe mich aus Höflichkeit darauf eingelassen. Sie hat mir ihre Gefühle gestanden und gesagt, dass sie gerne mit mir zusammen sein würde."

„Was hast du zu ihr gesagt?", fragte Rabastan.

„Ich habe ihr gesagt, dass ich verheiratet bin und sie wusste das ja auch. Sie wusste von Bella. Sie hatte Bella bei einem Abendessen mit ihren Eltern kennengelernt. Sie konnte das aber nicht akzeptieren, dass ich sie zurückgewiesen habe."

„Das war bestimmt schwer für sie", meinte Hermine. „Sie war erst 18, wahrscheinlich warst du ihre erste große Liebe."

„Mit Sicherheit sogar", sagte Rodolphus. „Es tat mir leid, sie zurückweisen zu müssen."

„War da irgendwas von deiner Seite?", fragte Rabastan.

„Sie war hübsch und attraktiv, das stimmt. Aber ich hatte Bella und das hätte ich nie und nimmer aufgeben wollen. Ich habe Isabel abgewiesen. Sie war sehr verletzt und ist wütend geworden. Sie hat mir ein paar… überaus charmante Dinge an den Kopf geworfen."

„Was für Dinge?"

„Dinge, die ich damals nicht hören wollte", sagte Rodolphus ernst. „Ich habe das damals als ziemlich unverschämt empfunden. Ich dachte mir, was sich dieses junge Ding, das nichts über mich und Bella weiß, erdreistet, mir solche Dinge ins Gesicht zu sagen."

„Was hat sie gesagt?"

„Die Wahrheit, die ich mir damals weder eingestehen, noch so unverblümt hören wollte", sagte Rodolphus. „Sie sagte, dass meine Frau mich nicht wirklich liebt, sondern den Dunklen Lord. Sie meinte, ich verdiene eine andere, bessere Frau. Sie sagte, mit Bella könnte ich keine Familie haben, mit ihr aber schon. Sie könnte mir eine bessere Frau sein, weil sie mich wirklich liebt."

„Wow, ich hatte keine Ahnung. Wieso hast du nichts gesagt? Kein Wunder, dass du so… durcheinander und aufgebracht warst, als ihr zurückkamt", warf Rabastan ein.

„Ich war so wütend und ich wollte das einfach nur vergessen", sagte Rodolphus. Sein Blick war nachdenklich durch das Fenster nach draußen auf den Garten gerichtet. „Heute weiß ich, dass Isabel Recht hatte, ich wollte damals nur einfach die unbequeme Wahrheit nicht hören. Ich bin vor der Wahrheit davongelaufen. Noch am nächsten Tag haben wir unsere Koffer gepackt und sind nach England zurückgekehrt."

„Hast du jemals wieder von ihr gehört?", fragte Hermine.

Rodolphus schüttelte den Kopf. „Nein. Und es war besser so." Er lächelte schwach. „Manchmal denke ich mir, was wohl passiert wäre, wenn ich nachgegeben und mich auf Isabel eingelassen hätte. Ich wäre bei ihr in Spanien geblieben und wir hätten heute eine Familie. Bella wäre nach England an die Seite ihres geliebten Meisters zurückgekehrt und hätte mich vergessen."

Rabastan und Hermine wechselten einen kurzen Blick miteinander, aber keiner der beiden erwiderte etwas auf die Bemerkung hin.

„Aber genug von der Vergangenheit", meinte Rodolphus schließlich. „Wie geht es eigentlich mit den Vorbereitungen für die Feier voran?"

„Alles läuft gut", sagte Rabastan. Hermine räusperte sich dezent und verließ den Salon. „Ich geh dann schon mal vor. Wir sehen uns dann draußen."

„Sie ist immer noch nicht begeistert", meinte Rabastan missmutig. „Verständlich. Ich habe ihr versprochen, dass sie nur bis Mitternacht, bis zum Feuerwerk bei uns bleiben muss. Das wird schon schwer genug sein. Vielleicht mache ich irgendwas Besonderes mit ihr. Ich überleg mir was."

„Lad sie auf ein Abendessen ein", meinte Rodolphus, bevor er sich erneut seiner Lektüre zuwandte. „Pyrites wird es eine Ehre sein."

Der Vorschlag gefiel Rabastan. Er würde Pyrites noch am selben Abend einen Brief schicken.


Am nächsten Tag beim Frühstück kam eine Waldohreule mit einem Brief, der an Rabastan adressiert war. Rodolphus war bereits bei seiner Therapiestunde, sodass nur Hermine am Tisch saß.

„Von wem ist der Brief?", wollte sie wissen und schenkte sich Tee ein.

„Vanessa hat mir geantwortet", erklärte Rabastan, als er das Pergament entrollt und den Brief überflogen hatte. „Sie hat zugesagt. Sie wird bei der Feier dabei sein."

„Wird Amycus auch da sein?"

„Er wollte zuerst nicht, deshalb musste ich ein bisschen Überzeugungsarbeit leisten, aber er kommt auch."

„Spielen wir jetzt Kuppler?", fragte Hermine lachend.

„Nein, wir tun ihnen einen Gefallen", sagte Rabastan ernst. „Du hast ja gesehen, wie schlecht es den beiden geht und dass sie dringend miteinander reden müssen. Das war ja nicht mitanzusehen. Auf der Feier ist ja praktisch jeder, also können sie sich auch zufällig getroffen haben."

Während Rabastan schnell eine kurze Rückantwort für Vanessa schrieb und die Eule auf den Heimweg schickte, butterte sich Hermine eine Scheibe Toast.

„Das Training gestern hat Spaß gemacht", sagte Hermine. „Üben wir heute noch mal?"

„Klar, wenn du willst. Ich habe ohnehin nichts vor."

Als sich Hermine gestern mit Rabastan duelliert hatte, war sie schnell an ihre Grenzen gekommen. Er hatte ihr nicht nur einiges voraus, weil er deutlich älter als sie war, sondern auch, weil er als Todesser ein exzellenter und geübter Duellant war. Er kannte viele Zauber, von denen Hermine nie gehört hatte und gegen die sie sich nicht verteidigen konnte. Sie war begierig darauf, mehr von ihm zu lernen. Er war ein guter Lehrer. Sie vertraute ihm und wenn er ihr etwas erklärte oder ihre Zauberstabbewegungen korrigierte, dann hatte sie überhaupt keine Probleme, seine Anweisungen umzusetzen.

„Und an deiner Deckung müssen wir noch arbeiten", meinte Rabastan und küsste sie auf die Wange.

Ein leises Klopfen, gefolgt von Kratzen an der Glasscheibe kam plötzlich vom Fenster, wo Rabastan nur Augenblicke zuvor Vanessas Eule nach draußen entlassen hatte. Ein zweiter Vogel saß am Fenster und verlangte Einlass. Rabastans Miene hellte sich auf.

„Wir bekommen Besuch. Er hätte sich aber zumindest vorher ankündigen können."

„Wer ist das?", fragte Hermine.

Rabastan öffnete das Fenster und hielt dem Vogel seinen rechten Arm hin. Der Vogel klammerte sich mit seinen krallenbesetzten Füßen an Rabastans Unterarm, sodass Rabastan ihn zum Tisch tragen konnte. Der Vogel, ein Habicht, wie Hermine jetzt erkannte, sprang auf die Tischplatte.

„Wow", sagte Hermine beeindruckt. „Ich habe noch nie so einen Vogel aus der Nähe gesehen."

Der Vogel betrachtete Hermine interessiert mit seinen wachen, strengen Augen und legte den Kopf schief. Dann bediente er sich an ihrem Rührei.

„Du darfst ihn ruhig anfassen", sagte Rabastan. „Der ist sehr zahm."

Unsicher berührte Hermine den Habicht am Kopf und strich über sein weiches Gefieder. Dem Vogel schienen die Streicheleinheiten zu gefallen, denn er schloss genüsslich die Augen und gurrte zufrieden.

„Rabastan, das ist doch nie und nimmer ein Vogel, oder?", schloss Hermine.

„Gut erkannt", sagte Rabastan grinsend und tippte den Vogel vorsichtig auf die Schulter. „Du bist unhöflich. Sie kennt dich in dieser Form noch nicht. Zeig dich."

Der Vogel musterte Rabastan kurz, dann sprang er auf einen leeren Stuhl. Einen Augenblick später saß ein erwachsener, Hermine wohlbekannter Mann vor ihr.

„Guten Morgen", sagte Travers höflich. Seine Haare und sein Bart waren von demselben Grau wie die Rückenfedern des Habichts, in den er sich verwandelte.

„Sie sind ein Animagus? Beeindruckend", sagte Hermine und staunte nicht schlecht. „Sie sehen als Vogel richtig gut aus."

„Für dieses Kompliment danke ich Ihnen, Ms. Granger", antwortete Travers und schenkte ihr ein Lächeln. „Sie können froh sein, dass ich Ihnen freundlich gesinnt war. Obwohl Sie mich nicht kannten, waren Sie sofort sehr offenherzig."

„Ja, Hermine, pass bloß auf. Wenn er eine Maus ins Visier genommen hat, dann ist Schluss mit lustig", warf Rabastan ein und verschluckte sich vor Lachen beinahe an seinem Tee.

„Beizeiten jedoch kann es nicht so angenehm sein, jemandem in falscher Gestalt zu begegnen, nicht wahr?", sagte Travers vielsagend, Rabastans Scherz ignorierend.

Hermines Wangen färbten sich rosa. Sie wusste, worauf Travers anspielte. Es war knapp drei Jahre her, dass sie ihn als falsche Bellatrix an der Nase herumgeführt hatte. Berücksichtigte man die Beziehung zwischen Travers und Bellatrix, dann war es verständlich, wenn er ungehalten war. „Ich werde es mir merken", versicherte sie Travers.

„Dürfen wir dir etwas anbieten?", fragte Rabastan und deutete auf den Brotkorb, in dem noch ein paar Toastscheiben lagen.

„Nein, vielen Dank. Ich werde mich nicht lange aufhalten", sagte Travers.

„Was führt dich denn so früh hierher?", wollte Rabastan wissen.

„Der Dunkle Lord hat mich geschickt, Rabastan."

Rabastans Miene wurde sofort ernst. „Der Dunkle Lord hat dich geschickt? Warum?"

„Er hat mich gebeten, eine Nachricht zu überbringen. Er wünscht, Hermine Granger zu sehen."

Hermines Herzschlag setzte für einen Moment aus. Rabastan sah Hermine besorgt an. „Aus welchem Grund? Hat er das gesagt?"

„Nein. Er gab mir nur den Auftrag, euch diese Botschaft zu bringen. Der Dunkle Lord erwartet euch um elf Uhr in Hogwarts."


Travers verabschiedete sich. Sein Besuch hinterließ bei Hermine und Rabastan ein ungutes Gefühl und Besorgnis. Angst überkam Hermine. Davor hatte sie sich mehr als vor irgendetwas anderem gefürchtet, seit sie bei Rabastan lebte. Dass sie sich früher oder später Lord Voldemort stellen musste. Und sie wusste genau, was das bedeutete.

„Ich beherrsche keine Okklumentik, Rabastan", sagte Hermine. „Der Dunkle Lord wird…"

„Ich weiß, Hermine", beruhigte sie Rabastan. „Es wäre aber auch nicht gut, sich gegen ihn zu stellen. Du musst ihn gewähren lassen, Hermine. Früher oder später hätte er ohnehin von uns erfahren."

„Was könnte er denn von mir wollen?", fragte Hermine.

„Ich weiß es nicht, aber er wird mit Sicherheit wissen wollen, wie es dir hier bei mir geht."

Bei dem Gedanken, was Voldemort alles sehen würde, drehte sich Hermine halb der Magen um.


Es war ein komisches Gefühl, Hogwarts nach so langer Zeit wieder zu betreten. Auch wenn Hermine ihre magische Ausbildung nicht beendet hatte, sah sie nicht den geringsten Anlass jemals wieder an die Schule zurückzukehren. Hogwarts, der Ort, an dem ihre Freunde gestorben waren, war ein abgeschlossenes Kapitel für sie und sie hatte sich eigentlich vorgenommen, nie wieder an den einstigen Kriegsschauplatz zurückzukehren. Jeder Schritt über das Gelände und durch das Schloss brachte die schmerzhaften Erinnerungen von Kämpfen, Verletzten und Leichen, die sie verdrängt hatte, wieder an die Oberfläche. Sie unterdrückte Tränen, während sie neben Rabastan herging. Sie steuerten das Büro des Schulleiters an. Es war Unterricht und alle Lehrer und Schüler waren in den Klassenzimmer, sodass sie niemanden auf den Gängen trafen. Hermine war froh darum. Sie wollte niemandem begegnen.

Vor Dumbledores Büro wartete Amycus auf sie. Er grüßte Rabastan und nickte Hermine zu.

„Er wartet oben", sagte er nur und schwang seinen Zauberstab, sodass der steinerne Wasserspeier die Wendeltreppe preisgab, die sie nach oben führen würde.

Mit pochendem Herzen betrat Hermine Dumbledores Büro. Sie konnte kaum gehen, so steif war ihr Körper vor Angst.

„Du wartest draußen", sagte Voldemort zu Rabastan. Dieser machte eine kurze Verbeugung und schloss die Tür beim Hinausgehen.

Voldemort saß auf Dumbledores Platz hinter dem Schreibtisch. Seit der Schlacht hatte er sich stark verändert, wie Hermine auffiel. Er machte einen schwachen und müden Eindruck. Seine Bewegungen waren schwerfällig und sein Körper sah aus, als würde er langsam aber sicher vermodern. Der Elderstab lag vor ihm auf dem Tisch. Hermine behagte es überhaupt nicht, dass sie mit Voldemort allein in einem Raum war. Es wäre ihr lieber gewesen, Rabastan wäre hinter ihr gestanden.

Es war das erste Mal, dass sie Voldemort persönlich und aus nächster Nähe sah und ihm vollkommen allein gegenübertreten musste. Sie versuchte, ihre Angst zu unterdrücken, aber war nicht sonderlich erfolgreich. Ihr war eiskalt und ihre Knie zitterten, als sie nach vorne an den Schreibtisch trat.

„Keine Angst, mein Kind", sagte Voldemort mit rauer, rasselnder Stimme. „Komm nur näher."

Die roten Augen mit den schlitzförmigen Pupillen betrachteten sie eingehend und Hermine hatte das Gefühl, durchleuchtet zu werden. Sie senkte ihren Blick, weil sie wusste, dass für Legilimentik Blickkontakt nötig war, dann fiel ihr ein, dass sie es mit Lord Voldemort, dem mächtigsten schwarzen Magier aller Zeiten, zu tun hatte. Er war mit Sicherheit schon längst in ihrem Kopf, ob sie ihm nun direkt in die Augen sah oder nicht, spielte keine Rolle.

„Willst du gar nicht wissen, warum du hier bist?", fragte Voldemort amüsiert. Hermine bemerkte einen seltsamen Geruch von verwitterndem Holz, der von dem Zauberer ausging.

„Werden Sie es mir denn sagen?", fragte sie zurück, überrascht über ihren Mut.

„Ich sehe keinen Grund darin, es dir zu verschweigen", meinte Voldemort. „Ich wollte mich nach deinem Befinden erkundigen. Wie es dir so ergangen ist, seit du bei Rabastan lebst."

Hermine richtete sich auf. „Danke der Nachfrage, mir geht es sehr gut", sagte sie selbstbewusst.

„Das ist schön zu hören. Und dass kann ich auch sehen."

Er las ihre Gedanken, Hermine wusste es. So sehr sie sich auch bemühte, die Bilder der vergangenen Wochen tauchten unweigerlich vor ihrem geistigen Auge auf. Sie konnte weder die wunderschönen Momente mit Rabastan noch ihren neuen Zauberstab vor ihm geheim halten. Zuletzt sah er Travers als Vogel und Hermines Angst vor dem bevorstehenden Fest. Er betrachtete sie mit seinem intensiven Blick und schließlich verzog sich sein lippenloser Mund zu einem Grinsen.

„Wie ich sehe geht es dir bei Rabastan mehr als gut. Offenbar vertraut er dir so sehr, dass er dir sogar einen Zauberstab anvertraut hat."

„Bestrafen Sie ihn nicht!" Der Satz war einfach aus Hermine herausgeplatzt, ohne dass sie es gewollt hätte. Ihre Angst um Rabastan hatte aus ihr gesprochen.

Lord Voldemort lachte leise. „Sei unbesorgt, ich werde ihn nicht bestrafen. Zeig mir deinen Zauberstab."

Sie griff mit zittrigen Fingern in ihre Tasche und holte ihren Zauberstab heraus. Der Dunkle Lord nahm ihn und musterte ihn. „Rabastan hat eine gute Wahl getroffen." Er gab ihn Hermine zurück.

„Ich muss sagen, dass es mich ungemein freut, dass du dich so schnell in deinem neuen Leben zurechtgefunden hast. Offenbar hast du deine Freunde längst vergessen und dich… anderen Dingen zugewandt. Deine Beziehung mit Rabastan… höchst interessant."

Sie erwartete, dass er sie verspotten würde. Sie als Schlammblut mit einem reinblütigen Zauberer musste seinen Zorn und seine Verachtung auf sich ziehen, doch nichts dergleichen geschah. Der Dunkle Lord wirkte sogar höchst erfreut. Es schien zu merken, wie irritiert sie war.

„Ich sehe Potential, wo es vorhanden ist, und ich erkenne herausragende magische Fähigkeiten an", sagte Voldemort dann. „Es freut mich zu sehen, dass wir jemanden wie dich jetzt unter uns wissen."

„Ich werde niemals zu Ihnen gehören, niemals", sagte Hermine mit so viel Verachtung wie sie nur aufbringen konnte.

Voldemort störte sich nicht an ihrem Tonfall, sondern lächelte weiter vergnügt. „Das tust du doch schon. Und ich bin mir sicher, dass du mir früher oder später von Nutzen sein wirst. Harry Potters beste Freundin hat sich an den Feind verkauft. Freiwillig."

Tränen stiegen Hermine in die Augen. Sie konnte sich nicht dagegen wehren, dass sie weinte.

„Aber, aber, wer wird denn weinen? Geh zu Rabastan und lass dich von ihm trösten."

Sie drehte sich um und ging zur Tür, als Voldemort sagte: „Hat er dir eigentlich erzählt, warum du bei ihm bist?"

Hermine hielt inne, aber drehte sich nicht um.

„Ja, das hat er", sagte sie trotzig.

„Gewiss. Sein Interesse galt dir schon sehr lange. Ich befürchte nur, dass er dir nur die halbe Wahrheit erzählt hat."

„Wie meinen Sie das?" Sie wirbelte herum und sah ihn böse an.

„Nun, er hat dir wohl verschwiegen, dass ich ihm aufgetragen habe, dich so lange aufzubewahren, bis ich dich brauchen würde. Er hat sich äußerst willig dazu bereiterklärt."


Hermine hatte geglaubt, dass sie nach dem furchtbaren Treffen mit Voldemort Rabastan bei sich haben und von seinen starken Armen umfasst werden wollte. Die Freude, sich an ihn lehnen und bei ihm Trost finden zu können, wich ganz schnell einem Gefühl von unermesslicher Wut. Jetzt war ihr klar geworden, warum er so lange gebraucht hatte, ihr den Grund dafür zu erklären, weshalb ausgerechnet er sie bei sich aufgenommen hatte. Es mochte richtig sein, dass er Interesse an ihr gehabt hatte, aber er hatte darüber hinaus auf Befehl seines geliebten Herrn gehandelt. Voldemort hatte ihm befohlen, sich um Hermine zu kümmern. Es gab also tatsächlichen einen Grund, warum sie immer noch am Leben war. Voldemort würde sie brauchen, für welch kranke Pläne auch immer. Zumindest wurde ihr ja die Zeit bis dahin versüßt, dachte sie sarkastisch, als sie aus dem Büro stürmte und an Rabastan vorbeirauschte. Sie lief so schnell sie konnte, nur um möglichst großen Abstand zwischen sich und das widerliche Monster zu bringen, das es nicht verdiente, auf Dumbledores Platz zu sitzen.

„Was zum… Hermine?"

Irritiert über ihr Verhalten folgte ihr Rabastan. Sie ignorierte ihn. Sie wollte einfach nur weg. Auf der Treppe holte er sie ein.

„Hermine, bleib doch mal stehen!", forderte Rabastan. Er klang besorgt. „Was zur Hölle ist denn passiert?!"

Er fasste sie an den Schultern und drehte sie herum, sodass sie gezwungen war, ihn anzusehen. Sie schüttelte den Kopf und wandte sich ab, damit er ihre Tränen nicht sehen konnte.

„Hey, was ist passiert?", fragte er sanft und wischte ihre Tränen ab. „Er hat dir doch nichts getan, oder?"

Hermine verneinte.

„Dann sag mir, was los ist."

„Das solltest du doch eigentlich wissen, Rabastan", sagte Hermine. „Wie war das doch gleich? Du sollst mich aufbewahren, bis der Dunkle Lord mich braucht. Das hast du wohl verschwiegen?"

Erschrocken starrte er sie an.

„Ja, er hat es mir gesagt. Jetzt ist mir klar, warum ich hier bin. Warum ich nicht schon längst tot bin. Ich werde noch für irgendwas gebraucht. Und die Zeit bis dahin sollst du mich wohl schön beschäftigen."

Sie entwand sich seinem Griff und eilte durch die Eingangshalle nach draußen. Rabastan blieb betreten auf der Treppe stehen. Er folgte ihr nicht.


Eine wirkliche Aussprache gab es in den ersten Tagen nach ihrem Besuch in Hogwarts nicht zwischen den beiden. Hermine zeigte Rabastan die kalte Schulter und rutschte im Bett so weit wie möglich von ihm weg und redete nur das Nötigste mit ihm.

Rodolphus hatte sofort verstanden. „Sie weiß es, oder?"

„Der Dunkle Lord hat es ihr gesagt", sagte Rabastan missmutig und stocherte appetitlos in seinem Abendessen herum.

„Du hättest es ihr vorher sagen sollen", meinte Rodolphus. „Ihre Reaktion war doch abzusehen."

„Das weiß ich doch auch!" Das letzte, was Rabastan jetzt gebrauchen konnte, waren altkluge Belehrungen von seinem Bruder. Er wusste selbst, dass er einen Fehler begangen hatte. Er hoffte nur, dass er ihn wieder gutmachen konnte.


Die Feier, vor der sich Hermine so sehr fürchtete, rückte gnadenlos näher. Die Zeit hatte es zwangsläufig so an sich, rücksichtlos voranzuschreiten, da gab es für Hermine keine Ausnahme. Schließlich war es nur noch ein Tag bis zum Fest und die Vorbereitungen liefen auf Hochtouren. Pyrites, der in der Winkelgasse ein Restaurant hatte, hatte das Catering übernommen. Seine Leute bauten im Esszimmer ein Büffet auf. Der große Esstisch war weggeräumt und durch kleine runde Tische ersetzt worden. Daneben baute man eine Bar auf. Das Haus wurde in den Farben des Hauses Slytherin geschmückt. Rabastan nahm am Vormittag eine Lieferung entgegen, die das Feuerwerk enthielt, das um Mitternacht gezeigt werden sollte.

Hermine ging Rabastan tagsüber aus dem Weg und gesellte sich zu Rodolphus, der im Garten beschäftigt war. Die Blumenbeete nahmen allmählich Form an. Rodolphus hatte das Unkraut entfernt und den Wildwuchs der Büsche eingedämmt. Die Samen für die Blumen waren ausgesät und der Dünger ausgebracht. Bis zum Sommer sollte der Garten in allen möglichen Farben erstrahlen.

Es freute Hermine zu sehen, das Rodolphus eine erfüllende Beschäftigung gefunden hatte, die ihn ablenkte, und Spaß an der Gartenarbeit hatte. Auch er genoss es sichtlich, wieder seinen Zauberstab benutzen zu dürfen. Hermine konnte das Gefühl gut verstehen. Ohne Zauberstab hatte ein Teil von ihr gefehlt. Über den Nachmittag half sie ihm draußen, goss die Beete und beschnitt mit ihm zusammen die Sträucher.

Als sie am frühen Abend verschwitzt und mit Erde an den Händen nach drinnen kam, sehnte sie sich nach einer warmen Dusche. Rabastan war mit den Vorbereitungen fertig und war ebenfalls auf dem Weg nach oben in ihr Zimmer, sodass sie sich auf dem Flur begegneten. Wortlos gingen sie nebeneinander her in ihr Zimmer. Hermine wich Rabastans Blick aus, als er die Tür öffnete und ihr den Vortritt überließ. Es war eine unangenehme, unbehagliche Stille zwischen ihnen.

Hermine war so in ihre Gedanken versunken, dass sie nicht merkte, dass sie und Rabastan gleichzeitig das Badezimmer ansteuerten. In der Tür lief sie in ihn hinein.

„Sorry", sagten beide gleichzeitig.

„Geh nur", fügte Rabastan dann hinzu und machte eine einladende Handbewegung, um Hermine anzudeuten, dass sie zuerst ins Bad gehen durfte. „Ich warte derweil hier."

Sie nahm seinen Vorschlag an. Rabastan lächelte sie schwach an und wandte sich dann ab. Hermine sah ihm an, das es ihm leidtat und es ihm nicht gutging, dass Hermine so abweisend war. Sein Blick verriet ihn. Er hätte ihr gerne im Bad Gesellschaft geleistet. Plötzlich fühlte sich Hermine schlecht, dass sie so reagiert hatte. Fast hätte sie ihn gebeten, mit ihr ins Bad zu kommen, doch sie besann sich. Sie schloss die Tür und sperrte ihn aus.

Sie ließ sich ungewöhnlich viel Zeit im Bad. Als sie in ihr Schlafzimmer zurückkehrte, zog sich Rabastan gerade um. Als Hermine seinen nackten Rücken sah, überkam sie Sehnsucht und sie wollte ihn berühren, sich an ihn schmiegen.

„Rabastan…"

„Du musst dich nicht erklären, Hermine. Es tut mir leid", sagte Rabastan aufrichtig, drehte sich um und sah sie direkt an.

Hermine ging langsam auf ihn zu und umarmte ihn. Sie wollte ihm nicht länger böse sein.

„Hermine... Es tut mir leid, ich weiß, dass du sauer bist, ich…"

„Hör mal, Rabastan, ich bin nicht sauer auf dich, weil Voldemort mich noch für irgendwas brauchen wird und du mich aufbewahren sollst." Ihre Blicke trafen sich. Es war das erste Mal, dass Hermine den Namen von Rabastans Herr laut ausgesprochen hatte. Bislang hatte sie ihn aus Rücksicht auf die Todesser, mit denen sie zusammen war, vermieden, auch wenn ihr das nicht gefiel. Wenn Rabastan sich dazu irgendetwas dachte, ließ er sie nicht an seinen Gedanken teilhaben. Er sagte nichts.

„Das habe ich mir ehrlich gesagt schon selbst gedacht", fuhr Hermine fort. „Dass ich hier bin, ist kein Zufall. Abgesehen von dir musste es noch einen anderen Grund geben, sonst hättest du nicht immer so ausweichend auf meine Frage geantwortet."

„Es tut mir wirklich leid. Monatelang habe ich überlegt, wie ich dir das am besten sagen soll", verteidigte sich Rabastan. Er war so süß, wenn er etwas falsch gemacht hatte und versuchte, sich zu entschuldigen, fand Hermine. Sie konnte ihm nicht länger übelnehmen, dass er ihr die Wahrheit verschwiegen hatte. Sie drückte ihn fest und legte ihren Kopf an seine Brust.

„Ich war einfach sauer, weil du es mir nicht gesagt hast. Ich dachte, dass wir ehrlich miteinander sein können."

Rabastan legte seine Arme um sie.

„Was könnte der Dunkle Lord von mir wollen?", fragte Hermine. „Wofür braucht er mich?"

„Das weiß ich nicht", sagte Rabastan. „Ich habe wirklich keine Ahnung."

„Er hat gesagt, dass ich jetzt zu euch gehöre", sagte Hermine bedrückt. „Ich hab ihm gesagt, dass das niemals der Fall sein wird. Er hat mich ausgelacht und meinte nur, dass ich doch schon längst zu euch gehöre. Dass ich meine Freunde verraten habe und zum Feind übergewechselt bin." Ihre Stimme zitterte und Tränen formten sich in ihren Augen. In Rabastans Gegenwart, wo sie sich wohl und sicher fühlte und ihre Gefühle zeigen konnte, weinte sie schon bald bitterlich.

„Ist ja gut", flüsterte Rabastan und drückte sie fest an sich. Hermine war so froh, dass sie ihn hatte. Ohne den Halt, den er ihr gab, wäre sie verloren.

„Bin ich jetzt eine von euch?", fragte Hermine. „Weil ich mit dir zusammen bin?"

Rabastan schien um Worte zu ringen.

„Hermine, du bist keine Todesserin…"

„Das vielleicht nicht", entgegnete Hermine. „Aber ich bin unter Todessern und ich bin mit dir zusammen." Vorsichtig strich sie über die Haut seines linken Unterarms, wo das Dunkle Mal eingebrannt war. „Du bist ein Todesser. Vielleicht habe ich tief in mir drinnen eine dunkle Seite, Rabastan."

Er nahm ihr Gesicht in beide Hände, sodass sie ihn direkt ansehen musste, und wischte ihre Tränen weg. „Hermine, hör mir mal zu. Die Welt ist nicht schwarz und weiß. Jeder von uns hat eine helle und eine dunkle Seite. Es kommt darauf an, wie wir uns entscheiden."

Harry hatte ihr einmal erzählt, dass Sirius und Dumbledore etwas Ähnliches zu ihm gesagt hatten. Sie fand es irgendwie ironisch, dass Rabastan mit Sirius und Dumbledore übereinstimmte. Aber wahrscheinlich hatte Vernunft nichts mit der Seite zu tun, auf der man stand.

„Ich habe mich für dich entschieden", sagte Hermine.

„Und ich mich für dich", sagte Rabastan. „Wir haben Entscheidungen getroffen. Man kann uns deswegen nicht in eine Gut- oder Böse-Schublade stecken. Menschen sind nämlich vielschichtig. Andromeda hat eine völlig andere Entscheidung getroffen als ihre beiden Schwestern. Du hast eine andere Entscheidung getroffen als deine Freunde. Deswegen bist du aber kein schlechter Mensch geworden."

Sie ließ seine Worte auf sich wirken. Er hatte Recht, aber wirklich überzeugen konnte er sie nicht.

„Es tut mir wirklich leid", sagte Rabastan nochmals schuldbewusst.

„Schon gut. Es tut mir leid, dass ich so gemein zu dir war", sagte Hermine betreten.

„Ach", meinte Rabastan. „Vergessen wir das einfach. Fortan sind wir ehrlich zueinander, OK?"

Hermine wollte sofort sagen ja, doch da wurde ihr schmerzlich bewusst, dass auch sie nicht ehrlich war. Sie hatte Rabastan bisher viele Dinge verschwiegen, die er eigentlich wissen sollte, wenn sie ehrlich zueinander sein wollten. Das Problem war nur, dass Hermine ihm diese Dinge nicht erzählen konnte, selbst wenn sie gewollt hätte. Zumindest war jetzt noch nicht der richtige Zeitpunkt.

„OK", sagte sie schließlich.

Es tat gut, wieder mit ihm lachen zu können. Sie gingen gemeinsam zu Bett. Wie immer legte Rabastan einen Arm um Hermine, doch diesmal glitt seine Hand über ihre Taille zu ihrer Hüfte. Er vergrub sein Gesicht in ihren Haaren und küsste sie auf den Hals. Ein wohliger Schauer durchfuhr Hermine.

„Ich habe eine kleine Überraschung für dich", murmelte Rabastan an ihrem Ohr. Sein warmer Atem auf ihrer Haut ließ eine Gänsehaut ihren Rücken hinablaufen.

„Was denn?", fragte Hermine neugierig. Ein leises Keuchen entfuhr ihr, als sie seine Hand an ihrem Unterleib spürte.

„Ein Abendessen", erklärte Rabastan. „Ich habe Pyrites geschrieben. Er hält uns einen Abend in seinem Restaurant frei. Ich dachte, es wäre eine gute Idee als Ausgleich dafür, dass du die Feier ertragen musst."

„In Pyrites' Restaurant in der Winkelgasse?", fragte Hermine.

„Ja. Da gibt es eine wunderschöne Terrasse mit Blick auf die Stadt. Er bereitet uns dort etwas vor. Es wird dir gefallen."

„Mal sehen", hauchte Hermine. „Mir könnte noch etwas anderes gefallen…"

Rabastan küsste ihren Hals, während seine Hand langsam zwischen ihre Beine wanderte.


Der Abend, vor dem sich Hermine so sehr gefürchtet hatte, war schlussendlich gekommen. Sie trug das Kleid, das sie und Rabastan in der Winkelgasse gekauft hatten. Es war langärmlig, aus weichem, rotem Samt, vorne hochgeschlossen, aber rückenfrei und betonte ihre zierliche, aber dennoch weibliche Figur, die sie nach dem Gefängnis zurückbekommen hatte. Tipsi hatte ihr mit ihrer Frisur geholfen. Hermine hatte ihr Haar noch nie geflochten getragen, aber fand, dass es sehr gut an ihr aussah. Ihr Make-Up war dezent. Zum ersten Mal seit dem Weihnachtsball im vierten Schuljahr trug sie Ohrringe.

„Miss wird unten schon erwartet. Master Rabastan wartet an der Treppe auf Miss", sagte Tipsi und verbeugte sich tief.

„Ich komm gleich, danke Tipsi", sagte Hermine.

„Vergessen Sie nicht Ihre Schuhe, Miss", fügte Tipsi hinzu, dann ging sie hinaus.

Hermine warf einen letzten Blick in den Spiegel, dann schlüpfte sie in ihre hohen Schuhe. Seit sie bei Rabastan wohnte, hatte sie öfter hohe Schuhe getragen, sodass sie mittlerweile gute Übung darin hatte, auf hohen Absätzen zu laufen.

Als sie ihr Zimmer verließ, drangen bereits Stimmen von unten zu ihr. Viele Gäste waren schon eingetroffen. Die Speisen vom Buffet rochen mehr als verlockend und Hermine lief das Wasser im Mund zusammen. Sie hatte extra das Frühstück und Mittagessen ausfallen lassen, um möglichst viel von den Gerichten probieren zu können. Nachdem Rabastan ihr so sehr von Pyrites' Küche vorgeschwärmt hatte, waren ihre Erwartungen hoch.

Das ganze Haus erstrahlte in Grün und Silber. Diesmal liefen nicht die Hauselfen mit Tabletts umher, sondern richtige Ober. Rabastan wartete am Fuß der großen Treppe in der Eingangshalle auf sie. Ein paar andere Todesser hatten sich ebenfalls dort versammelt, vermutlich weil sie einen Blick auf Hermine werfen wollten. Als Hermine die Stufen nach unten ging, sah sie Walden Macnair, der sie süffisant angrinste und pfiff, als er ihr Kleid sah, Augustus Rookwood, der ihr höflich zunickte und Yaxley, der sein Glas Champagner zur Begrüßung hob. Alexander Avery, der einen dunkelgrünen Festumhang trug, schenkte ihr ein Lächeln.

„Da ist ja unser besonderer Gast", sagte Avery.

Hermine war froh, dass Rabastan auf sie wartete und ihre Hand ergriff. So fühlte sie sich sicher und geschützt. Sie hatte sich vorgenommen, den ganzen Abend nicht von seiner Seite zu weichen. Auch wenn sie die meisten Todesser von den regelmäßigen Besuchen im Lestrange-Anwesen kannte und sogar gut mit ihnen auskam, wollte sie nicht allein in ihrer Gegenwart bleiben.

„Du siehst bezaubernd aus", raunte ihr Rabastan zu, als sie an seiner Seite war. Dasselbe hätte Hermine auch von ihm behaupten können. Rabastan trug einen schwarzen, sehr edlen Festumhang, in dem er überaus attraktiv aussah. Noch ein Grund, ihn nicht aus den Augen zu lassen, schoss es Hermine durch den Kopf.

„Gehen wir ins Esszimmer", sagte Rabastan. „Ich werde eine kleine Eröffnungsrede halten."

Die Gruppe betrat das Esszimmer, wo die Bar und das Buffet aufgebaut waren. Rabastan hatte nicht untertrieben, als er sagte, dass praktisch jeder Todesser bei der Feier anwesend sein würde. Sie sah Thorfinn Rowle, Selwyn, Travers, Jugson und noch unzählige mehr, deren Namen sie nicht kannte. Die meisten waren in Begleitung ihrer Partner hier. Rodolphus stand auf Rabastans Anweisung hin möglichst weit weg von der Bar, sodass er nicht in Versuchung kam, Alkohol zu trinken. Die Carrow-Geschwister standen etwas abseits. Hermine machte der deutlich erschlankten Alecto gedanklich ein Kompliment, da ihr Kleid sehr geschmackvoll war. Amycus' Gesichtsausdruck hingegen verriet, dass er am liebsten an jedem anderen Ort gewesen wäre, und Hermine wusste auch sofort den Grund dafür. Vanessa Lenormand war ebenfalls da. Sie trug ein silbern glitzerndes Kleid und hatte sich bereits einen Platz an einem der kleinen Tische gesucht. Immer wieder warf Amycus ihr Blicke zu. Vermutlich hatte Vanessa ihn nicht gesehen, denn sie achtete nicht auf ihn. Was Hermine besonders ärgerte waren die Leute aus dem Ministerium. Ihr sank fast das Herz, als sie Dolores Umbridge erkannte, die selbstsicher zwischen den Todessern stand, so als gehöre sie zu ihnen. Der Minister für Zauberei, Pius Thicknesse war ebenfalls anwesend. Bei solchen Gästen war es nicht verwunderlich, dass sich auch Leute von der Presse auf der Veranstaltung tummelten. Da war auch Rita Kimmkorn nicht weit. Hermine fiel auf, dass die Reporterin ihr böse Blicke zuwarf und die Lippen schürzte.

Die Unterhaltungen erstarben, als Rabastan und Hermine den Raum betraten. Wie zu erwarten, waren sofort alle Blicke auf ihr. Manche tuschelten leise.

Rabastan nahm sich ein Glas, führte sie in die Mitte und wandte sich an seine Kameraden und Gäste.

„Ich darf euch alle ganz herzlich willkommen heißen. Es ist mir eine große Ehre, erneut Gastgeber für dieses besondere Ereignis zu sein. Zum dritten Mal nun schon kommen wir hier zusammen, um den Sieg zu feiern, der den Krieg beendet hat. Vor genau drei Jahren errang der Dunkle Lord den Sieg über Harry Potter und den Orden des Phönix."

Alle lauschten gebannt auf Rabastans Worte. Hier und da blitzte eine Kamera. Hermine konnte sich die Schlagzeilen der nächsten Tage schon bildlich vorstellen. Dass sie an Rabastans Seite war, war vermutlich das Großereignis des Jahres und nicht die Feier. Ihr Bild auf der Titelseite des Tagespropheten würde ein absoluter Renner werden.

„Also lasst uns anstoßen auf unseren Sieg und den Dunklen Lord", sagte Rabastan und hob sein Glas. Die Menge tat es ihm gleich.

„Auf den Dunklen Lord", sagten alle gleichzeitig und hoben ihre Champagnergläser.

„Das Buffet ist hiermit eröffnet. Möge die Feier beginnen."

Jeder ging zum Buffet, um sich etwas zu essen zu holen, und begab sich dann zu einem Tisch. Hermine klammerte sich noch fester an Rabastans Arm.

„Hermine, keiner beißt hier", versuchte Rabastan sie zu beruhigen.

„Ich weiß, aber… Ich fühl mich trotzdem nicht wohl. Umbridge und Kimmkorn sind da."

Sie gingen gemeinsam zum Buffet, um sich Häppchen zu holen. „Welche Geschichte verbindet dich denn mit den beiden?", wollte Rabastan wissen.

„Rita ist ein Animagus", erklärte Hermine. „Sie verwandelt sich in einen Käfer."

„Wie passend", meinte jemand lachend neben ihr und sie erkannte Travers, der sich an derselben Vorspeisenplatte bediente.

„Woher weißt du das Hermine und was hat das mit dir zu tun?"

„Vor ein paar Jahren fand in Hogwarts das Trimagische Turnier statt. Harry war einer der Kandidaten, die ausgewählt wurden. Rita hat das ganze Jahr über immer wieder erfundene und ziemlich… verleumderische Geschichten über Harry geschrieben. Keiner konnte sich erklären, wie sie an persönliche Details aus seinem Leben herangekommen ist. Ich hab schließlich rausgefunden, dass sie sich als Käfer getarnt auf das Schulgelände geschlichen hatte, obwohl sie Hausverbot hatte."

„Was hast du gemacht?"

Hermine musste grinsen. „Ich hab sie in einem Glas gefangen gehalten. Ich hab sie erpresst. Wenn sie uns nicht in Ruhe lässt, dann würde ich sie ans Ministerium melden, weil sie nicht registriert ist. Meine Drohung muss effektiv gewesen sein."

Rabastan grinste. „Rita und ich waren im selben Jahrgang. Sie hat mir immer wieder Avancen gemacht, aber ich wollte nie etwas mit ihr zu tun haben. Das hat sie mir übel genommen. Als sie als Reporterin bei der Hexenwoche angefangen hat, hat sie immer mal wieder Artikel über mich gebracht. Wie war das noch? Großbritanniens begehrtester Junggeselle... Einfach lächerlich. Letztes Jahr hat sie versucht, mich so ganz unauffällig allein draußen im Garten zu treffen. Erbärmlich."

„Wenn Blicke töten könnten", sagte Rodolphus, der ebenfalls dazu kam. „Hast du Rita gesehen? Sie ist ziemlich eifersüchtig auf Hermine."

„Haben wir schon gemerkt. Suchen wir uns einen Platz. Leistest du uns Gesellschaft, William?"

„Wieso nicht", sagte Travers.

Alle Tische waren bereits besetzt, sodass sie sich dort hinsetzen mussten, wo die meisten Stühle frei waren.

„Gehen wir zu den Mädels", meinte Rabastan.

An dem Tisch, den sie ansteuerten, saßen drei Frauen. Zwei davon, die blonde und die rothaarige, waren beide schwanger und unterhielten sich angeregt über die Zeit nach der Geburt.

„Ich bin wirklich aufgeregt", sagte die blonde Frau. „Vor allem, weil es ja so plötzlich kam. Ich weiß noch gar nicht, wie das werden soll, ich und ein Kind. Finn ist so fürsorglich, das kenne ich gar nicht von ihm."

„Seid ihr denn jetzt zusammen?", fragte die rothaarige Frau. Sie war hochschwanger; bis zur Geburt konnte es bei ihr nicht mehr lange dauern.

„Wir versuchen es."

Die dritte Frau am Tisch hatte lange schwarze Haare, die zu einem Zopf zusammengeflochten waren. Sie trug ein schwarzes Cocktail-Kleid, das an der Seite mit Schmetterlingen aus Diamanten verziert war. Sie hatte ungefähr Hermines Größe und einen drahtigen Körper. An ihren schlanken Oberarmen zeichneten sich Muskeln ab. Sie hatte grazil ihre Beine übereinandergeschlagen und nippte an einem Drink. Ihre Haut war makellos und ihr Gesicht erinnerte an eine Puppe. Für Hermine war sie das Ebenbild einer bildhübschen Balletttänzerin.

„Hermine, ich möchte dir gern jemanden vorstellen", sagte Rabastan. „Das sind…"

„Anni!", sagte Hermine, die die rothaarige Frau sofort erkannt hatte.

„Hermione, da bist du ja. Ich hab mich schon gefragt, wann wir uns sehen!" Sie schüttelten sich die Hände. „Tut mir leid, wenn ich nicht gleich aufspringe und dich begrüße, aber ich bin froh, wenn ich sitzen kann." Sie zeigte auf ihren großen Bauch.

„Macht nichts. Wie geht's dir?"

„Ihr beide kennt euch?", fragte Rabastan interessiert.

„Ja. Als ich in die erste Klasse kam, war Anni in der siebten und hat für uns Tutorin gemacht", erklärte Hermine.

„Verstehe."

„Das ist ja ein Zufall", sagte Hermine. „Ich hab mich schon oft gefragt, was du nach der Schule gemacht hast. Mit wem bist du hier?"

„Eric", sagte Anni.

„Jugson", fügte Rabastan hinzu und da erinnerte sich Hermine an das, was Rabastan ihr erzählt hatte.

„Ich hatte schon immer eine Schwäche für die bösen Jungs", meinte Anni mit einem Augenzwinkern.

„Das daneben ist Amanda. Sie und Rowle…"

„Hi", sagte Amanda und schüttelte Hermine ebenfalls die Hand.

„Herzlichen Glückwunsch, an euch beide!", sagte Hermine.

„Vielen Dank!"

„Wo habt ihr denn die stolzen Väter gelassen?", wollte Rodolphus wissen.

„Die sind irgendwo und unterhalten sich", erklärte Anni.

„Und das hier, Hermine, ist die Schulleiterin von Hogwarts, Melinda Vermont."

Melinda Vermont erhob sich und reichte Hermine die Hand. „Hermine Granger, endlich begegnen wir uns einmal persönlich." Ihre Stimme war rauchig und verführerisch. „Es ist mir ein Vergnügen."

„Ebenso", sagte Hermine, obwohl sie noch nicht wirklich einschätzen konnte, ob sie Melinda mochte oder nicht.

„Man hört sehr vieles von Ihnen", sagte Melinda. „Offenbar ist es Ihnen gut ergangen. Das ist schön zu sehen."

„Ja, vielen Dank."

„Dürfen wir den Damen Gesellschaft leisten?", fragte Travers höflich.

„Bitte, gerne."


Der Abend schritt im Schneckentempo voran und Amycus Carrow konnte kaum das Ende der Feier abwarten. Er würde mit Sicherheit nicht bis zum Ende bleiben. Er nahm sich vor, das Feuerwerk zu nutzen, um sich aus dem Staub zu machen. Er war wütend auf Rabastan, aber noch wütender war er auf sich selbst, dass er sich hatte breitschlagen lassen, überhaupt zu kommen. Er hätte es wissen müssen, dass er sie hier treffen würde. Vanessa.

Den ganzen Abend saß sie allein an einem Tisch und pausenlos war sie umringt von jungen Männern, Todesser, die sich dem Dunklen Lord erst vor kurzem angeschlossen hatten und die sie anschmachteten und mit ihr flirteten. Vanessa lächelte höflich und ließ sich Getränke und Essen bringen.

Amycus beobachtete die Szene bereits den ganzen Abend vor der Bar aus und unterdrückte den Drang, seinen Frust in Alkohol zu ertränken. Dabei fiel ihm ein, dass das Mädchen, das er anstarrte, der Grund dafür war, dass er nicht mehr trank. Ihr zuliebe hatte er damals das Trinken aufgegeben. Damals in Hogwarts, als sie sich noch jede Woche getroffen hatten.

Seit der Schlacht von Hogwarts oder besser seit ihrem folgenreichen Geständnis, dass sie schwanger sei, hatten sie sich nicht mehr gesehen. Amycus war es gewesen, der den Kontakt abgebrochen hatte. Natürlich hatte er oft an sie gedacht und an ihr Kind, doch sah er sie heute Abend zum ersten Mal seit sehr langer Zeit wieder. Und was er sah, gefiel ihm nicht. Sie war eine bildhübsche junge Frau und übte immer noch ihren Reiz auf ihn aus.

Er hatte sich damals hinreißen lassen, weil er ein einsamer, alter Mann gewesen war und ihm ein junges Mädchen, das jeden Samstag beim Nachsitzen zum Greifen nah gewesen war, den Kopf verdreht hatte. Ihre gemeinsamen Stunden waren ihm in Erinnerung geblieben, verfolgten ihn regelrecht seitdem. Er wusste natürlich, dass er einen Fehler begangen hatte, denn als ihr Lehrer hätte er sich niemals auf ein Verhältnis mit ihr einlassen dürfen, und er bereute heute diesen Fehler zutiefst. Seine Vernunft sagte ihm, dass er richtig gehandelt hatte. Er hatte ihre Beziehung beendet und damit war die Sache für ihn erledigt gewesen. So hatte er gedacht. Er konnte nicht ahnen, dass ihr kleines, verbotenes Abenteuer nicht ohne Folgen geblieben war und dass ihn Vanessa Lenormand auch heute noch beschäftigte.

Seine Hand verkrampfte sich um sein Glas, als er die jungen Männer sah, die sich um Vanessa gescharrt hatten. Wie sie alle versuchten, ihr schöne Augen zu machen, ihre plumpen Annäherungsversuche und die dämlichen Komplimente, mit denen sie versuchten, sie für sich zu gewinnen.

Amycus schnaubte wütend. Er verfluchte sich dafür, dass er sich so kindisch benahm und eifersüchtig war. Als ob die Jungspunde wussten, was Vanessa wirklich wollte. Er versuchte, seinen Blick loszureißen, aber es wollte ihm nicht recht gelingen. Sie war wunderschön in ihrem glitzernden Kleid, das ihre Kurven betonte und ihre langen, schlanken Beine so gut zur Geltung brachte. Unweigerlich wurde er daran erinnert, was sie in ihren gemeinsamen Nächten zusammen gemacht hatten. Wie sie leise geseufzt und gestöhnt hatte, als er…

Amycus leerte sein Glas mit einem Zug und ärgerte sich dann, dass der Inhalt nur fade schmeckendes Wasser war. Er knallte das Glas auf den Tresen und verließ das Esszimmer. Er brauchte frische Luft. Vielleicht würde er sich mit der Ausrede, er habe Kopfschmerzen, bei Rabastan entschuldigen und nach Hause gehen. Seine Schwester war auch nirgends zu sehen. Sie hatte sich schon vor geraumer Zeit zusammen mit Walden Macnair einen ruhigeren Platz draußen im Garten gesucht. Warum hatte er sich von Rabastan überreden lassen?

Unsicher, was er tun sollte, ging Amycus in die Eingangshalle und ließ sich auf den Stufen der großen Treppe nieder.

Er saß einige Zeit dort und beobachtete die Gäste, die vom Esszimmer in den Salon gingen, bis er sich schließlich dazu entschloss, die Feier zu verlassen. Gerade in dem Moment, als er sich erhob und den Gastgeber suchen wollte, hörte er eine vertraute Stimme und erstarrte.

„Entschuldigt mich bitte kurz", sagte Vanessa und ging durch die Halle, den Kopf allerdings in Richtung Esszimmer gewandt.

„Lass dir nicht zu viel Zeit, Süße", scherzte einer der Männer, mit denen sie den Abend verbracht hatte.

Sie grinste und schüttelte den Kopf. Als sie sich umdrehte, erblickte sie Amycus, wie er auf der Treppe stand, und hielt schlagartig inne. Ihre Blicke trafen sich. Amycus schluckte. Er hatte plötzlich ein flaues Gefühl im Magen, als wäre ihm schlecht. Hatte sie ihn heute Abend überhaupt schon gesehen? Aus ihrem entsetzten Gesichtsausdruck konnte er schließen, dass sie ihn noch nicht bemerkt hatte.

„Hi", sagte sie. „Das ist ja eine… Überraschung."

„Ja." Amycus hatte einen Kloß im Hals und mehr Worte brachte er im Moment nicht zustande.

Auf Vanessas Gesicht breitete sich Erkenntnis aus. „Rabastan. Jetzt ist mir klar, warum er mich eingeladen hat. Damit ich dich hier treffe."

Derselbe Gedanke kam auch Amycus in diesem Moment.

Eine peinliche Stille entstand zwischen ihnen. Keiner wusste, was er sagen sollte.

„Na dann… Amüsiere dich noch", meinte Vanessa und steuerte den Salon auf der anderen Seite an.

„Warte, Vanessa!" Er wollte sie nicht zurückhalten, eigentlich wollte er, dass sie ging, eigentlich wollte er gerade gehen, aber irgendetwas in ihm wollte auch, dass sie hierblieb.

Erstaunt wandte sie sich um. „Ja?"

„Ähm… Ach, schon gut. Es ist nichts. Ich gehe jetzt." Er wollte zur Haustür laufen, aber Vanessa fasste ihn am Unterarm, sodass er in der Bewegung stockte.

„Amycus, geh nicht. Bitte." Er starrte sie an, verlor sich in ihren blauen Augen und plötzlich hatte er vergessen, dass er sich den ganzen Abend geärgert hatte.

„Es ist schön, dich zu sehen", sagte sie leise. „Es ist lange her…"

„Ja." Er fühlte sich unwohl, ihr gegenüberzutreten.

„Dass wir uns hier treffen, ist wohl auf Rabastans und Hermines Mist gewachsen", sagte Vanessa grinsend.

„Scheint so, ja."

„Ähm…" Ihr fiel auf, dass sie immer noch seinen Arm umfasste hatte, und zog ihre Hand schnell zurück. Amycus wusste nicht, ob ihre Berührung schön oder unangenehm für ihn sein sollte.

„Willst du… Willst du reden? Oder findest du mich so schrecklich, dass du lieber wegläufst?"

Die Frage traf Amycus hart und augenblicklich überkam ihn ein schlechtes Gewissen. Es gab nichts zu beschönigen. Er war weggelaufen. Er hatte das Mädchen, dass er wollte und dass ihm alles bedeutete, mit ihrem gemeinsamen Kind allein gelassen. Und gerade eben hatte er wieder vor ihr weglaufen wollen. Er war ein verantwortungsloser Idiot.

„Ich… Was sollen wir reden?", fragte er.

„Über dies und das", meinte Vanessa. „Wir haben uns ja lange nicht gesehen."

„OK. Gehen wir in den Salon?", bot er an, weil er um Worte verlegen war.

Der Salon war kein guter Ort für ein Gespräch, denn alle Sofas und Sessel waren bereits belegt und es war durch die zahlreichen Gespräche zu laut und ungemütlich.

„Ich schätze, wir sollten uns einen ruhigeren Ort suchen. Ich bin nicht erpicht darauf, dass uns jeder zuhören kann", meinte Vanessa vor und sie und Amycus verließen den Salon wieder und gingen zurück in die Eingangshalle.

„Hermine und Rabastan werden bestimmt nichts dagegen haben, wenn wir zum Reden nach oben gehen", sagte Vanessa und deutete auf die Treppe.

Sie fanden im ersten Stock ein kleines, leeres Gästezimmer, wo sie ungestört reden konnten.


„Und? Ist der Abend so schlimm, Hermine?", fragte Rabastan leise. Sie saßen auf einem Sofa im Salon und Rabastan hatte einen Arm um sie gelegt. Hermine war nicht ganz wohl dabei, vor den Todessern so offen ihre Zuneigung zueinander zu zeigen, aber niemand sagte etwas. Ihr Respekt Rabastan gegenüber war wohl zu groß.

„Es ist schon OK. Solange du da bist."

Er gab ihr einen Kuss auf die Wange. Antonin Dolohow ließ sich neben dem verliebten Paar auf dem Sofa nieder. Mittlerweile hatte Hermine glücklicherweise ihre Scheu vor ihm abgelegt und fühlte sich nicht mehr so unwohl in seiner Gegenwart. Wenn er bei Rabastan zu Besuch war, führten sie sogar hin und wieder eine anregende Unterhaltung und Hermine musste zugeben, dass sie ihn sogar ganz gut leiden konnte. Er verhielt sich stets höflich ihr gegenüber und begegnete ihr auf Augenhöhe, ganz im Gegensatz zu manch anderen. Wenn man davon absah, dass er einer der grausamsten Todesser war, der sie einmal beinahe getötet hätte, woran sie die Narbe auf ihrer Brust erinnerte, war ihr Verhältnis jetzt von gegenseitigem Anerkennung geprägt. Hermine respektierte, dass Rabastan und Dolohow sehr gut befreundet waren.

„Wie geht es Ihnen, Hermine?", fragte Dolohow freundlich und reichte ihr ein Glas Elfenwein, das sie mit einem Nicken entgegennahm.

„Vielen Dank, gut."

„Amüsieren Sie sich auch?"

„So lange ich nicht Dolores Umbridge oder Rita Kimmkorn begegne, könnte es sogar ein ganz annehmbarer Abend werden", antwortete Hermine.

Dolohow grinste, ebenso Rabastan und Rodolphus, der in einem Sessel in ihrer Nähe saß.

„Mr. Dolohow, ich würde Sie gerne etwas fragen."

„Nur zu, Ms. Granger."

„Sie haben vorhin mit dem jungen Mann in einer anderen Sprache geredet. War das Russisch?"

„Gut beobachtet", sagte Dolohow und prostete ihr zu.

„Ich habe mir immer gedacht, dass Antonin Dolohow kein britischer Name ist. Und einen britischen Akzent haben Sie auch nicht."

Dolohow lachte. „Sehr gut, Ms. Granger."

„Antonin ist in Russland geboren", erklärte Rodolphus. „Deshalb ist seine Muttersprache Russisch"

„Haben Sie dann auch die russische Zauberschule besucht?", wollte Hermine wissen.

„Ja. Ich habe die ersten drei Jahre meiner magischen Ausbildung auf Koldovstoretz verbracht, dann zog meine Familie nach Großbritannien um und ich machte meinen Abschluss auf Hogwarts", erklärte Dolohow.

„Wir kennen uns aus der Schule", sagte Rabastan. „Als Antonin zu uns kam, war er sehr schweigsam. Er hat einige Zeit gebraucht, bis er aufgetaut ist."

„Ich konnte noch nicht so gut Englisch", verteidigte sich Dolohow. „Allerdings habe ich mich in der Anfangszeit etwas gelangweilt. Die Lehrpläne sind ein bisschen anders. Ich kannte schon vieles."

„Du hast uns mit dem Stoff geholfen, so sind wir langsam Freunde geworden."

„Den Akzent habe ich mir abgewöhnt", fügte Dolohow hinzu. „Für den britischen konnte ich mich allerdings nie begeistern."

Alle lachten.

„Was hat ihre Familie dazu bewogen, hierher zu ziehen?", fragte Hermine interessiert.

„Mein Vater war einer der ersten Anhänger des Dunklen Lords. Als er sich ihm anschloss, siedelten meine Mutter und ich nach England um. Ich trat später in seine Fußstapfen."

„Verstehe."


Vanessa schloss mit pochendem Herzen die Tür hinter ihnen. Amycus ließ sich auf einer Holztruhe nieder, die am Fußende des Bettes stand.

Es war ein äußerst merkwürdiger Moment, sich nach so langer Zeit und allem, was zwischen ihnen passiert war, wiederzusehen. Amycus hatte sich nicht verändert, er war nur etwas blass und betrübt. Erinnerungen an ihre gemeinsamen Stunden tauchten vor Vanessas geistigem Auge auf und sie spürte ein angenehmes Kribbeln im Bauch. Sie zwang sich, bei klarem Verstand zu bleiben. Es war erschreckend, welche Anziehung er immer noch auf sie ausübte. Sie hatte sich eigentlich vorgenommen, ihn festzunageln und ihm gewisse Dinge zu sagen, doch als sie ihn sah, hatte sie plötzlich ganz andere Dinge im Kopf.

„Wie geht es dir?", fragte sie. „Du siehst gut aus."

„Danke, geht schon. Wie ist es bei dir?"

„Ach, passt schon." Vanessa verschränkte die Arme. „Wie ist es in der Schule?"

„Es ist jetzt mein drittes Jahr, das ich unterrichte. Langsam aber sicher, macht mir der Lehrerjob sogar richtig Spaß", sagte Amycus.

„Das… ist schön zu hören."

„Wie… Wie geht es…"

„Der Kleinen?", fragte Vanessa.

„Ja."

Vanessa nickte. „Es geht ihr gut. Sie spricht schon sehr viel. Willst du… mal ein Foto von ihr sehen?"

Amycus wirkte für einen Moment verunsichert. „Ähm, OK, klar."

Vorsichtig nahm Vanessa neben ihm auf der Truhe Platz und durchsuchte ihre Tasche nach dem Foto, das sie immer bei sich trug.

„Hier, das ist sie. Groß ist sie geworden."

Amycus nahm das Foto entgegen und betrachtete es. Darauf zu sehen war Vanessa, die ihre Tochter im Arm hielt. Vanessas Tante hatte die Aufnahme bei Alexias erstem Geburtstag gemacht. Es war Vanessas Lieblingsbild. Sie glaubte, Wehmut in seinen Augen sehen zu können.

„Wie alt ist…"

„Sie ist jetzt zweieinhalb. Du darfst es behalten, wenn du willst", sagte sie lächelnd, als er ihr das Foto zurückgeben wollte.

„Danke. Lebt ihr immer noch bei deiner Tante?", wollte Amycus wissen.

„Ja, leider. Meine Eltern haben leider… Ach, es ist kompliziert."

Vanessa wollte gar nicht darüber reden. Ihre Eltern hatten ihr immer noch nicht verziehen und wollten nach wie vor keinen Kontakt zu ihr oder ihrem Enkelkind.

„Tut mir leid, dass zu hören", sagte Amycus.

Vanessa erhob sich. Sie hielt es nicht so lange neben ihm aus. Sie war hin und her gerissen, was sie tun sollte. Alle möglichen Dinge gingen ihr durch den Kopf, von wüsten Beschimpfungen, die sie ihm gern ins Gesicht geschrien hätte, über Vorwürfe, bis hin zu ihren Sorgen, der Trauer und der Einsamkeit, die sie ohne ihn empfand. Sie kämpfte mit den Tränen, wollte sich aber vor ihm nicht die Blöße geben. Hermine hatte Recht gehabt. Es war nicht zu leugnen, dass sie immer noch Gefühle für Amycus Carrow hatte. Im nächsten Moment verfluchte sie sich, dass sie ihn auf ein Gespräch eingeladen hatte. Sie hätte ihn gehen lassen sollen.

„Tut mir leid, dass ich dich… Ich sollte gehen", sagte sie und ging zurück zur Tür.

„Nein, geh nicht!", bat Amycus und sprang auf.

Vanessa hatte ihre Hand auf den Türknopf gelegt, da stand plötzlich Amycus hinter ihr. Er drückte mit einer Hand gegen die Tür, sodass sie nicht hinausgehen konnte. Er war so dicht bei ihr, dass sie seinen Körper spüren konnte.

„Ich habe keinen Aufsatz mehr abzugeben, Professor Carrow", sagte Vanessa. Amycus lachte leise auf. Er verstand die Anspielung sofort.

„Vanessa, ich…"

„Amycus, ich kann nicht behaupten, dass ich nicht sauer auf dich bin." Sie konnte die Tränen nicht länger zurückhalten. „Du hast mich genau in dem Moment verlassen, in dem ich dich am meisten gebraucht hätte."

„Ich weiß", raunte Amycus. Sie spürte seinen Atem in ihrem Nacken und ein wohliger Schauer durchfuhr sie.

„Für mich war das nicht einfach nur eine Affäre, Amycus. Für mich war es viel mehr", sagte Vanessa mit zittriger Stimme.

Seine Hand, mit der er die Tür zugehalten hatte, glitt nach unten auf ihre, die immer noch auf dem Knauf ruhte.

„Es tut mir leid", sagte Amycus und klang dabei so verletzlich, wie sie ihn noch nie erlebt hatte. „Es tut mir so leid, ich wollte das nicht…"

Vanessa drehte sich langsam um und begegnete seinem Blick. „Warum? Warum, Amycus?" Sie weinte jetzt.

„Es gibt keinen Grund", sagte Amycus. „Ich war ein blöder Idiot."

„Amycus, ich brauche dich…", hauchte Vanessa. „Ich kann nicht ohne dich…" Im nächsten Moment spürte sie schon seine Lippen auf den ihren und sie küssten sich voller Leidenschaft. Amycus drückte sie gegen die Tür und ließ seine Hände über ihre Hüften und ihre Taille nach oben gleiten.

Vanessa hatte das Gefühl, ihr Körper würde in Flammen stehen. Sie konnte kaum atmen. Sie hatte ihn so sehr vermisst und sich so sehr nach ihm gesehnt, dass sie glaubte, gleich vor Begierde vergehen zu müssen. Viel zu lange hatte sie ihn entbehren müssen, viel zu lange war sie von ihm getrennt gewesen. Sie schlang ihre Arme um ihn und zog ihn an sich, einen Augenblick später drängte sie ihn an die Wand und zog ihm seinen Umhang aus. Amycus streifte die Träger ihres Kleides von ihren Schultern, sodass das Kleid zu Boden glitt. Dann drängte er sie zum Bett. Die Feier oder die Leute, die unten auf sie warteten, waren längst vergessen. Es gab in diesem Moment nur die beiden.

Ihre lustvollen Schreie, als sie zusammen ihren Höhenpunkt erreichten, wurden nur vom Feuerwerk übertönt, das um Mitternacht den Himmel in ein leuchtendes Meer aus Farben verwandelte.