Sorry, dass es mal wieder so lange gedauert hat mit dem neuen Kapitel, aber ich habe immer ganz schön viel zu tun und komme nur noch selten zum Schreiben momentan. Das nächste Kapitel ist schon in der Mache, damit ihr nicht ganz so lange warten müsst.

Vielen Dank an alle neuen Follower, die meine Geschichte geliked haben und so fleißig mitlesen. :)


Der Tag ihrer ersten Begegnung war Vanessa bis heute im Gedächtnis geblieben. Damals war Amycus Carrow noch abstoßend für sie gewesen. Sie hatte ihn verabscheute, weil er ein Todesser war und die Schüler quälte. Beim Nachsitzen, das er ihr für ihre Frechheiten aufgebrummt hatte, hatte sie sogar angefangen, ihn regelrecht zu hassen. Und genau da hatte sie sich in ihn verliebt. Es hatte nur Monate gedauert, bis sie sich das endlich eingestanden hatte.

Von Mal zu Mal war die Spannung zwischen ihnen größer geworden. Ihre vermeintliche Abscheu für Amycus hatte sie immer mehr zu ihm hingezogen. Weil sie ihn gebraucht hatte.

Seine unverschämte Art sie herauszufordern und immer genau die Punkte bei ihr zu kennen, die er aktivieren musste, um die gewünschte Reaktion von ihr zu bekommen, sein unwiderstehliches Lächeln, seine blöde Eigenschaft immer genau zu wissen, wie er sie am besten auf die Palme bringen konnte, das alles hatte seinen Beitrag dazu geleistet, dass sie sich auf ihn eingelassen und ihr Herz an ihn verschenkt hatte. Heute wusste sie, dass sie genau danach gesucht hatte.

Er war perfekt für sie.

Sie konnte sich genau an das verhängnisvolle Nachsitzen erinnern, mit dem alles begonnen hatte. Amycus hatte sie an die Tür begleitet, doch anstatt sie gehen zu lassen, hatte er sie geküsst. Vanessa hatte aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen seinen Kuss erwidert und schließlich hatten sie miteinander geschlafen.

Es war wie eine Befreiung gewesen. Die Spannung, die sich über Wochen zwischen ihnen aufgebaut hatte, hatte in jener Nacht endlich ein Ventil gefunden. Danach war es Vanessa so gut wie noch nie zuvor gegangen.

Sie hatte Zeit gebraucht, um zu begreifen, dass sie sich zu Amycus mehr als nur hingezogen fühlte. Über die Wochen, die ihre Affäre andauerte, festigte sich die Bindung zu ihm weiter. Ihr Sex war das Schönste, das sie jemals erlebt hatte. Ihre Tochter war das schönste Geschenk, das sie jemals bekommen hatte.

Als Amycus sie verließ, brach er Vanessa das Herz.


Amycus konnte sich sehr gut an den ersten Unterrichtstag mit dem siebten Jahrgang der Ravenclaws erinnern, als er Vanessa Lenormand zum ersten Mal gesehen hatte. Sie war nicht nur das schönste Mädchen, das ihm jemals begegnet war, sie hatte auch das loseste Mundwerk, das ihm jemals untergekommen war.

Das Nachsitzen sollte eine Demütigung für sie werden und anfangs hatte Amycus es sehr genossen dabei zuzusehen, wie sie sich jeden Samstagabend quälte.

Mit der Zeit jedoch hatte er sich immer schon auf den Samstagabend gefreut, wenn er sie endlich wiedersehen konnte. Er war damals einsam gewesen und die Folgen seiner Lebensgeschichte hatten ihn verfolgt. Das junge Mädchen hatte ein kleines Licht in seine Dunkelheit getragen, das mit der Zeit immer heller erstrahlt war.

Wann der Punkt kam, konnte er heute nicht mehr sagen, aber irgendwann war es nicht mehr möglich sie nach dem Nachsitzen einfach so gehen zu lassen und so zu tun, als wäre sie nur eine Schülerin.

Amycus, der gegenüber Frauen nie ein großes Selbstbewusstsein gehabt hatte und bereits schmerzhafte Enttäuschungen erlebt hatte, wagte sich ein letztes Mal nach vorne. Wenn er diesmal scheiterte, so nahm er sich vor, dann wollte er sein Schicksal akzeptieren und es nicht mehr versuchen, aber er musste diese Gelegenheit einfach wahrnehmen. Sonst hätte er nicht mehr gewusst, was er noch hätte machen sollen.

Er hatte hoch gepokert, denn was er getan hatte, war nicht in Ordnung gewesen. Und die Reaktion des Mädchens war nicht abzusehen gewesen. Der gesunde Menschenverstand hatte ihm gesagt, dass er wahnsinnig war und dass das Mädchen sich niemals auf ihn einlassen würde.

Doch dann war das passiert, was er selbst niemals für möglich gehalten hätte. Sie hatte ihn nicht zurückgewiesen. Sie hatte sich tatsächlich auf ihn eingelassen. Das, was er sich nur in seinen Träumen ausgemalt hatte, passierte wirklich.

Amycus, der niemals damit gerechnet hätte, das junge Mädchen seiner Träume, das er jeden Tag im Unterricht anschmachtete, tatsächlich in seinem Bett unter sich zu haben, war im ersten Moment zu viel für ihn gewesen. Er hatte sie weggestoßen. Sein schlechtes Gewissen hatte sich gemeldet.

Mit was er noch viel weniger gerechnet hatte, waren Vanessa und ihre Dickköpfigkeit. Schließlich war sie es gewesen, die ihn weiterhin gewollt hatte und so war ihre verbotene Beziehung entstanden.

Amycus hatte nicht einen Moment lang an die Konsequenzen ihres Handelns gedacht. Sie waren zwei erwachsene Menschen, die sich gegenseitig Vergnügen bereiteten. Amycus hatte gedacht, dass ihr Vergnügen niemals enden würde. Doch irgendwann hätte Vanessa ihren Schulabschluss gemacht und früher oder später hätte seine Schwester von ihrer Affäre erfahren. Geheimhaltung konnte nicht ewig funktionieren.

Amycus musste heute zugeben, dass er nicht an die Zukunft gedacht hatte. Konnten sie nach Vanessas Abgang von Hogwarts weiterhin zusammenbleiben? Hätte ihre Beziehung weiterbestehen können, wenn die Öffentlichkeit davon erfahren hätte? Amycus war naiv gewesen, dabei war er der Erwachsene gewesen, der die Verantwortung getragen hatte.

Er hatte sich über gar nichts Gedanken gemacht.

Er war überfordert gewesen. Die Nachricht von Vanessas Schwangerschaft war für ihn vollkommen unerwartet gekommen. Heute erfüllte es ihn mit Stolz, Vater geworden zu sein und eine Tochter zu haben. Aber er hatte Vanessa allein mit allem gelassen, weil seine Schwester sich eingemischt hatte. Er hatte seine Beziehung mit der Frau, die er liebte, weggeworfen, weil er Konflikte gescheute hatte.

Dass Amycus Vanessa und ihr gemeinsames Kind verlassen hatte, erfüllte ihn mit unendlich großer Scham und Schuldgefühlen.


Amycus und Vanessa sahen noch den Rest des Feuerwerks durch das Fenster, als sie nebeneinanderlagen. Vanessa betrachtete Amycus von der Seite, aber er wich ihrem Blick aus. Sie unterdrückte das Bedürfnis, nah an ihn heranzurücken und sich an ihn zu lehnen. Er war seltsam abweisend. Nachdem sie fertig geworden waren, hatte er sich schnell von ihr gelöst. Normalerweise hatten sie immer noch die Nähe des anderen genossen.

Der Sex war schön gewesen, genauso wie damals, als sie in Hogwarts zusammen gewesen waren, und Vanessa hatte jeden Augenblick genossen. Wieder mit ihm zusammen sein zu dürfen, machte sie glücklich. Sie hatte nichts so sehr gewünscht wie wieder mit Amycus zusammen sein zu können, wieder mit ihm schlafen zu können. In ihrer Naivität hatte sie eigentlich gedacht, dass er auch so empfand, deshalb traf sie seine ruppige Zurückweisung sehr.

Für einen Moment hatte sie gedacht, alles könnte wieder in Ordnung mit ihnen sein, doch offenbar hatte sie sich geirrt.

Amycus stand auf und zog sie an. Vanessa wollte ihn zurückhalten und streckte eine Hand nach ihm aus, doch alsbald verließ sie der Mut.

„Amycus… bitte… Ich… Es war sehr schön." Es gab so viel, was sie in diesem Moment gerne gesagt hätte, doch sie brachte es nicht fertig, ihre Gedanken in Worte zu fassen.

„Ja." Er nickte schwach.

„Ich vermisse dich. Du fehlst mir. Können wir…" Sie brach ab und wandte ihr Gesicht ab, damit er die Tränen nicht sehen konnte, die sich in ihren Augen formten.

„Gib mir… Gib mir bitte… etwas Zeit", sagte Amycus, dann schritt er zügig zur Tür.

Als Amycus an der Tür war, hielt er kurz inne, als wolle er noch etwas sagen. Er sagte nichts, aber warf ihr zumindest einen letzten Blick zu, bevor er wortlos hinausging. Als die Tür ins Schloss fiel, konnte Vanessa die Tränen nicht länger zurückhalten.


Hermine lehnte sich an Rabastans Schulter, als sie mit den anderen Gästen auf der Terrasse standen und gemeinsam in den Nachthimmel hinaufsahen. Das Feuerwerk ließ den Himmel in allen Farben des Regenbogens erstrahlen. Drachen und andere Figuren aus kleinen Lichtern tanzten über den wolkenlosen Nachthimmel und die Sternenkulisse. Als das Feuerwerk zu Ende war, klatschten alle.

„Das war wirklich schön, Rabastan", sagte Hermine. „Das Feuerwerk war toll." Sie konnte nicht verbergen, dass sie der Anblick des Feuerwerks ein wenig wehmütig machte. Sie dachte an die Weasley-Zwillinge, die mit ihren Scherzartikeln ihr erfolgreiches Geschäft aufgebaut hatten. Ihr Feuerwerk hatte in ihrem fünften Jahr in Hogwarts für viel Erheiterung gesorgt und Umbridge in den Wahnsinn getrieben. Heute war ihr Laden geschlossen. Keine Scherzartikel mehr, die den Menschen die düsteren Zeiten verschönern könnten und einer der Brüder war bereits dem Krieg zum Opfer gefallen.

„Schön, dass es dir gefallen hat", raunte ihr Rabastan zu. „Du kannst ja schon mal nach oben gehen. Ich hab dir ja versprochen, dass du nur bis zum Feuerwerk bleiben musst."

Hermine überlegte einen Moment. Sie hatte den Abend bislang sehr genossen und sie musste nicht mehr unbedingt von der Veranstaltung fliehen. „Ich werde noch ein bisschen bleiben. Der Abend ist nicht so schlimm, wie ich gedacht hatte."

Rabastan grinste. „Das will ich hören."

„Ich wollte auch noch gerne mit Travers reden", erklärte Hermine. „Ich bin ihm noch eine Entschuldigung schuldig. Für damals bei deinem Geburtstag."

„Ich hab doch damals schon mit ihm geredet…"

„Das macht nichts. Ich würde es ihm gerne persönlich sagen", sagte Hermine.

„Na gut. Gehen wir wieder rein?"

Hermine nickte. Es war fast halb eins und ein bisschen kühl geworden.

Pius Thicknesse kam auf sie zu.

„Entschuldige mich bitte, Hermine, aber ich fürchte, meine Gastgeberpflichten rufen", erklärte Rabastan und deutete auf den Zaubereiminister. „Kann ich dich allein lassen?"

„Ja, ich glaube schon. Ich bin dann bei Travers."

„Alles klar, bis später."

Rabastan sprach mit den Ministeriumsleuten und Hermine suchte nach Travers. Der Animagus stand im Salon und unterhielt sich mit Thorfinn Rowle und dessen Freundin Amanda. Als Rowle sah, dass Hermine auf die Gruppe zukam, grinste er amüsiert.

„Hey, Püppchen. Ich hab mich schon gefragt, wann wir uns mal treffen. Na, hast dir ja einen ganz dicken Fisch geangelt. Wie lebt es sich so als Rabastans Prinzesschen?"

Amanda gab ihm mit ihrem Ellbogen einen Rempler.

„Wie geht es Ihnen, Mr. Rowle?", fragte Hermine. „Wie ich schon gehört habe, haben Sie ja demnächst alle Hände voll zu tun." Sie deutete auf die schwangere Amanda. „Vater sein ist eine verantwortungsvolle Aufgabe. Nehmen Sie das nicht zu leicht."

Das Grinsen verschwand von Rowles Gesicht, dafür grinste Amanda umso breiter. „Ich erinnere ihn bei Gelegenheit daran", sagte sie lachend und küsste ihn auf die Wange.

„Dürfte ich Sie mal sprechen, Mr. Travers?", fragte Hermine höflich. „Unter vier Augen?"

„Natürlich", sagte Travers.

„Dann gehen wir mal", sagte Amanda und zog ihren Freund mit sich.

„Was haben Sie auf dem Herzen, Ms. Granger?"

„Ich wollte Sie wegen des Abendessens bei Rabastans Geburtstag sprechen", sagte Hermine.

Travers lachte leise auf. „Dieser sehr lustige Abend, als Sie ein bisschen zu tief ins Glas geschaut hatten?"

Hermines Wangen wurden heiß. „Ja, genau dieser Abend. Es tut mir leid, dass ich Ihnen so… offen vor allen anderen Alkohol angeboten habe. Rabastan hat mir später den Grund dafür erzählt, warum Sie nichts trinken. Ich wollte mich deshalb entschuldigen. Ich habe das nicht gewusst und mein Verhalten war mehr als unangebracht."

„Die Entschuldigung nehme ich gerne an", sagte Travers. „Ich bin Ihnen allerdings auch nicht böse. Woher hätten Sie das wissen sollen? Und über die Zeit, in der mir sowas was ausgemacht hat, bin ich lange hinweg."

„Darf ich Sie was fragen?"

„Sicher."

„Rabastan hat mir zwar erzählt, dass Sie mal getrunken haben, aber nicht warum Sie getrunken haben. Er meinte, ich solle Sie selbst fragen. Darf ich danach fragen, oder ist das zu privat?"

Travers musterte Hermine einen Augenblick. Sie überlegte schon, ob sie ihre Frage zurücknehmen sollte, doch da antwortete er:

„Sie dürfen fragen." Nachdenklich sah er durch das Fenster in den Garten. „Die Geschichte liegt schon sehr viele Jahre zurück. Mehr als 25 Jahre, um genau zu sein. Es ist nicht so sehr der Alkohol, der mir was ausmachen würde."

„Sondern?"

„Es bewegt mich mehr, wenn ich Amanda sehe oder die junge Frau, die mit Jugson zusammen ist."

„Warum? Weil beide schwanger sind?", wollte Hermine erstaunt wissen.

„Ja, in der Tat, das ist der Grund. Das hat mit meiner Lebensgeschichte zu tun. Ich war verheiratet, Anfang der 70er Jahre. Meine Frau war Französin. Offiziell sind meine Frau und ich immer noch verheiratet, weil es nie eine Scheidung gab, aber wir haben uns schon vor über 20 Jahren getrennt."

„Das tut mir sehr leid", sagte Hermine mitfühlend.

„Wir hatten eine Tochter", erklärte Travers. „Sie wurde 1970 geboren. Wir waren eine glückliche Familie, bis dann dieser eine Tag kam. Es war 1974, unsere Tochter hatte gerade ihren vierten Geburtstag gefeiert. In der Winkelgasse hat damals ein neues Geschäft eröffnet. Es gab eine große Eröffnungsfeier mit ziemlich viel Trubel. Sie wollte das unbedingt sehen, deshalb bin ich mit ihr hingegangen. Es waren sehr viele Leute da, man konnte sich in der Straße kaum bewegen. Ich hatte meine Tochter an der Hand, als wir durch die Straße gegangen sind. Damit wir uns nicht verlieren, wollte ich sie eigentlich hochnehmen…"

„Was ist passiert?"

„Ich habe schnell ein paar Worte mit einem Bekannten auf der Straße gewechselt und sie für einen kurzen Moment aus den Augen verloren", sagte Travers. „Als ich mich umgedreht habe, um sie auf meinen Arm zu nehmen, war sie weg."

„Oh, nein…"

„Ich habe überall nach ihr gesucht, aber sie war wie vom Erdboden verschluckt. Obwohl so viele Menschen an jenem Tag da waren, hatte niemand ein kleines Mädchen gesehen. Meine Frau und ich haben sofort das Ministerium eingeschaltet und eine Vermisstenmeldung aufgegeben. Es gab eine großangelegte Suchaktion, aber ohne Erfolg."

„Man hat sie nicht gefunden?"

„Nein, es war, als hätte unsere Tochter nie existiert."

Hermine war sehr bewegt von der Geschichte. „Ist sie… entführt worden?"

„Es muss so gewesen sein, eine andere Erklärung gibt es eigentlich gar nicht", sagte Travers. „Wenn sie einfach weggelaufen wäre, dann hätten wir sie finden müssen. Aber es gab keinerlei Spur von ihr. Die Travers-Familie ist eine weithin bekannte reinblütige Familie. Es ist auch kein Geheimnis, dass wir über ein beträchtliches Vermögen verfügen. Wir haben natürlich gedacht, dass es eine Lösegeldforderung geben wird. Aber nichts dergleichen geschah."

„Gab es jemals irgendwelche Hinweise?", fragte Hermine nach. Sie konnte sich gar nicht vorstellen, dass ein kleines Mädchen einfach so ohne Hinweise verschwinden konnte.

„Nein, nie wieder. Das Ministerium hat die Suche nach 6 Monaten wegen Erfolglosigkeit eingestellt. Ich war sehr wütend, vor allem auf den damaligen Leiter des Aurorenbüros, der die Ermittlungen geleitet hat."

„Wer war das?"

„Gregor McKinnon. Als er und seine Familie dem Dunklen Lord später Ärger gemacht haben, weil sie Mitglieder des Phönixordens waren, und der Dunkle Lord sie beseitigen lassen wollte, habe ich diese Aufgabe nur zu gerne wahrgenommen."

„Sie waren wütend auf McKinnon, weil er die Ermittlungen eingestellt hat?" Hermine dämmerte es allmählich.

„Ja. Ich war der Überzeugung, dass man nicht genug getan hatte und wollte, dass man weitersucht. Ich habe damals sogar einen Privatdetektiv engagiert, aber der hat es auch nicht geschafft, neue Informationen zu beschaffen. Meine Frau hat versucht, die ganze Sache zu vergessen und damit abzuschließen. Ich konnte das nicht. Ich habe angefangen zu trinken, weil ich die ständige Anspannung nicht mehr ausgehalten habe und weil ich mir Vorwürfe gemacht habe. Immer wieder habe ich mir dieselbe Frage gestellt: Wenn ich besser aufgepasst hätte, wäre meine Tochter dann heute noch da?"

Hermine verstand gut, was in Travers vorgegangen war. Sie mochte sich nicht ausmalen, wie schrecklich es für Eltern sein musste, ihr Kind zu verlieren und nie Gewissheit zu bekommen, was wirklich passiert war.

„Das ging natürlich nicht lange gut", fuhr Travers fort. „Meine Ehe zerbrach daran und weil ich betrunken bei der Arbeit erschien, verlor ich meine Anstellung im Ministerium. Es war ein langer und harter Kampf weg vom Alkohol."

Plötzlich kam Hermine ein Gedanke. „Sind Sie deshalb ein Animagus geworden?"

Travers sah sie verwundert an. „Ich bin beeindruckt, Ms. Granger. Sie haben Recht. Als ich mit dem Trinken aufgehört habe, musste ich irgendwie anders zurechtkommen. Mein Leben war damals an einem absoluten Tiefpunkt. Ich bin nicht stolz darauf. Ich musste etwas finden, was meine Gedanken und meine Konzentration vollkommen in Anspruch nimmt. Ich fand es schon immer reizvoll, ein Animagus zu werden, da habe ich das in Angriff genommen."

„Was glauben Sie denn, was mit Ihrer Tochter passiert ist?", fragte Hermine.

„Ich kann nur mutmaßen, aber wahrscheinlich hat irgendjemand sie mitgenommen und es einfach so klug angestellt, dass man ihm nicht auf die Schliche gekommen ist", sagte Travers. „Es gibt keine andere Erklärung dafür. Sie muss in die Hände irgendeines… Kinderschänders gefallen sein. Ich will mir gar nicht vorstellen, was sie durchgemacht hat."

„Denken Sie, dass sie…"

„Ob ich glaube, dass sie tot ist? Ich habe eigentlich die Hoffnung, dass sie irgendwo da draußen ist und noch lebt, nie aufgegeben, aber… Das ist eine unrealistische Wunschvorstellung."

„Tut mir sehr leid, was Ihnen passiert ist", sagte Hermine. „Ich verstehe, was in Ihnen vorgeht, wenn Sie Amanda und Annie sehen."

„Ich wünsche ihnen, dass sie mehr Glück mit ihren Familien haben und dass Jugson und Rowle besser auf ihre Kinder aufpassen, als ich es konnte."


Rabastan beendete gerade seine Unterhaltung mit dem Zaubereiminister und wollte jetzt schnellstmöglich zu Hermine zurück. Zu seinem Leidwesen hatte sich auch Dolores Umbridge in das Gespräch eingemischt und ihn länger festgehalten, als er geplant hatte. Die kleine Frau in ihrer rosa Strickjacke und dem krötenhaften Grinsen hatte sich ihm ungebeten aufgedrängt und versucht, ihn mit einer aufgesetzten zuckersüßen Stimme dazu zu bringen, über seine Beziehung mit Hermine zu sprechen. Es hatte ihn alle Selbstbeherrschung gekostet, ihr freundlich mitzuteilen, dass er kein Interesse an einem Gespräch hatte. An Rita Kimmkorn, die ihn bereits den ganzen Abend anschmachtete, rauschte er ohne Kommentar vorbei. Er nahm sich vor, im nächsten Jahr jemand anderen die Feier ausrichten zu lassen.

In der Eingangshalle traf er unvorhergesehen auf Amycus Carrow, der eilig die Treppe herunterkam. Rabastan sah sofort, dass etwas nicht in Ordnung war. Amycus war durcheinander, aufgewühlt und seine Kleidung wirkte unordentlich, so als hätte er sich in aller Eile angezogen.

„Amycus, alles OK? Geht's dir gut?", fragte Rabastan.

„Oh ja, es geht mir prächtig! Vor allem, wenn andere meinen, sie seien superschlau und sich in mein Leben einmischen", giftete er Rabastan an, dann er rauschte er an Rabastan vorbei und verließ das Haus mit lautem Türknallen.

„Was…?" Rabastan begriff überhaupt nichts und sah dem Carrow-Bruder verdutzt nach.

Amycus hatte sich den ganzen Abend schon seltsam benommen, aber wenn Rabastan ehrlich war, wollte er sich jetzt nicht auch noch mit Amycus' Befindlichkeiten beschäftigen. Er wollte zurück zu Hermine.

Er fand sie im Salon, wo sie auf einem Sofa neben Rodolphus und Travers saß. Als sie ihn sah, lächelte sie.

„Hast du jetzt deine Gastgeberpflicht erfüllt?", fragte sie und umarmte ihn kurz.

„Hör mir auf!", seufzte Rabastan und ließ sich erleichtert seufzend neben ihr auf der Couch nieder. Dankend nahm er ein Getränk von Rodolphus entgegen. „Thicknesse war ja nicht das Problem, aber dann kam diese Umbridge. Diese Frau ist… Sie wollte etwas über dich wissen, Hermine."

Hermine verdrehte die Augen. „Das kann ich mir schon vorstellen. Dass ich hier an deiner Seite bin und nicht im Gefängnis, wo ich wohl in ihren Augen hingehöre, muss sie ja zu Tode ärgern. Und mit Sicherheit ist sie einfach rasend eifersüchtig, dass wir beide zusammen sind", sagte Hermine mit so viel Gemeinheit, wie sie aufbringen konnte.

Die Männer um sie herum grinsten und prosteten ihr zu.

„Ich sehe Umbridge praktisch jeden Tag im Ministerium", erklärte Travers. „Jeder versucht ihr aus dem Weg zu gehen. Ihr solltet mal hören, wie Selwyn über sie redet."

„Hat sie nicht behauptet, sie sei mit der Selwyn-Familie verwandt?", fragte Rodolphus.

„Ja. Sie wollte das mit so einem Medaillon beweisen", sagte Travers. „Ich hab Selwyn gefragt und er weiß nichts von einer Dolores Umbridge in seiner Familie. Sie ist eine Schwindlerin, die sich einfach nur mit den richtigen Leuten gutstellen will. Erbärmlich."

Rabastan fiel auf, dass Hermine bei der Erwähnung des Medaillons verlegen ihren Blick nach unten senkte.

„Warum ist sie eigentlich nicht so gut auf dich zu sprechen, Hermine? Warum Rita dich nicht mag, hast du ja erzählt, aber was ist das mit Umbridge?", fragte Rodolphus.

„Ihr erinnert euch doch noch an den Kampf im Ministerium?"

„Lebhaft", meinte Rodolphus.

„Umbridge war damals in unserem fünften Schuljahr unsere Lehrerin in Verteidigung gegen die Dunklen Künste."

„Was ernsthaft? Die als Lehrkraft?"

„Ja, leider. Harry dachte ja, der Dunkle Lord hätte seinen Paten Sirius im Ministerium als Geisel genommen. Wir haben Umbridge mit einem Trick abgelenkt, um ihren Kamin in ihrem Büro zu benutzen. Sie hat uns allerdings erwischt. Um aus der Situation wieder rauszukommen, haben wir sie in den Verbotenen Wald gelockt. Dort ist zuerst ein Riese und dann eine Herde Zentauren über sie hergefallen."

„Was?!" Die drei Männer sahen sie geschockt an.

„Ich hab ja gesagt, dass ich… eine ziemlich dunkle Seite habe", sagte Hermine. „Auch ich habe beizeiten mal kriminelle Energie. Ich wusste nicht, wie wir sie loswerden sollten. Die Zentauren kamen halt gelegen und haben sie eben einfach mitgenommen. Danach sind wir mit den Thestralen nach London geflogen."

„Ihr seid mit den Schul-Thestralen nach London geflogen?"

„Ja."

„Und ich dachte, wir hätten eine bewegte Schulzeit gehabt", meinte Rabastan schmunzelnd. „Was ist mit Umbridge danach passiert?"

Hermine zuckte mit den Schultern. „Wir wissen es nicht. Dumbledore ist dann später in den Verbotenen Wald und hat die Zentauren überredet, Umbridge wieder freizugeben. Was auch immer ihr passiert ist, tut mir allerdings nicht leid. Sie hat es verdient. Sie hat die Zentauren als „Wesen mit annähernd menschlicher Intelligenz" beleidigt. Ich kann mich an ihre genauen Worte leider nicht erinnern, aber die Zentauren waren jedenfalls wenig begeistert davon."

„Das kann ich mir vorstellen."

„Kein Wunder, dass sie nicht gut auf Sie zu sprechen ist, Ms. Granger."

„Ich auf sie auch nicht", sagte Hermine entschieden.

„Nach der Unterhaltung könnte ich dringend etwas Süßes vertragen", meinte Rabastan. „Ich habe leider noch kein Dessert vom Buffet probiert."

„Gute Idee", pflichtete ihm Hermine bei.

Als Rabastan und Hermine wenig später ins Esszimmer gingen, um sich Kuchen vom Buffet zu holen, kam eine traurige Vanessa mit verweintem Gesicht die Treppe zum ersten Stock hinunter.

„Vanessa, was ist los?! Ist was passiert?!", wollte Hermine sofort wissen, doch ihre alte Schulfreundin gab ihr zu verstehen, dass sie nicht reden wollte.

„Ich muss nach Hause." Auch sie verschwand wortlos.

Rabastan dämmerte es allmählich.

„Au weia, ich glaub, ich hab da was angestellt", sagte Rabastan kleinlaut.

„Wieso?", fragte Hermine.

„Vorhin ist Amycus schon von oben runtergekommen und stocksauer an mir vorbei."

„Glaubst du, sie sind…"

„Ja. Ich hab Vanessa und Amycus ja eigentlich eingeladen, weil ich wollte, dass sie sich hier treffen. Du hast doch auch gesehen, dass beide nicht glücklich mit ihrer Situation sind."

„Ja, klar. Sie hätten dringend miteinander reden müssen", meinte Hermine.

„Ich glaube, das habe ich auch erreicht, aber offenbar ist das Gespräch nicht so gut verlaufen."

„Vielleicht sprechen wir sie bei Gelegenheit nochmal drauf an."

„So bald jedenfalls nicht. Amycus ist wütend auf mich", sagte Rabastan. „Ich glaube, ich bin der Letzte, mit dem sie jetzt reden wollen."

Irgendwie war Rabastan der Appetit auf Kuchen vergangen.

„Warten wir ein bisschen, dann schreiben wir ihnen, OK?", sagte Hermine. „Ich hab im Übrigen mit Travers gesprochen."

„Und? Was hat er gesagt?"

„Er nimmt die Entschuldigung an", erklärte Hermine. „Er hat mir seine Geschichte erzählt. Dass seine Tochter entführt wurde."

„Wirklich?"

„Ja. Das ist eine schlimme Geschichte. Es tut mir wirklich leid für ihn."

Antonin Dolohow, in seinen Reiseumhang gekleidet, kam in die Eingangshalle.

„Ich werde mich allmählich verabschieden", sagte Dolohow.

„Gehst du schon?", fragte Rabastan.

„Ja. Du weißt, dass ich kein Fan von solchen Veranstaltungen bin."

„Stimmt. Aber trotzdem schön, dass du da warst und auch so lange geblieben bist", sagte Rabastan. Sie gaben sich die Hände zum Abschied.

„Es war eine beeindruckende Feier. Deine Rede am Anfang… Ich muss dir ein Kompliment machen. Du wirst langsam richtig gut."

Rabastan grinste. „Nächstes Jahr darf dann jemand anderes ran. Wir sehen uns, Antonin."

„Doswidanja, Ms. Granger", sagte Dolohow auf Russisch und zwinkerte ihr zu, dann ging er durch die Tür.

Hermine lächelte verlegen. „Auf Wiedersehen, Mr. Dolohow."


Der Minister, die Ministeriumsleute und die Presse verließen die Feier gegen eins. Bald darauf verabschiedeten sich auch die meisten anderen Gäste, sodass nur eine kleine Runde zurückblieb. Rabastan, Hermine und die Gäste, die noch bis zum Schluss blieben, fanden sich daraufhin im Esszimmer ein, wo sie die kleinen Tische zu einem großen zusammenschoben und sich die letzten Snacks vom Buffet teilten.

„Hat jemand von euch meinen Bruder gesehen?", fragte Alecto, als sie und Macnair das Esszimmer betraten. Den ganzen Abend hatte niemand die beiden gesehen, die sich schon bald draußen im Garten an einen stillen Platz zurückgezogen hatten.

„Der ist schon vor einiger Zeit gegangen", sagte Rabastan schnell und wechselte mit Hermine einen schnellen Blick.

„Der hätte mir ja wenigstens mal Bescheid sagen können", murrte Alecto genervt und ließ sich auf Macnairs Schoß nieder. „Aber ich sag da schon gar nichts mehr. Der ist total komisch geworden."

„Das ist mir auch aufgefallen", sagte Rookwood. „Was ist mit ihm los?"

„Ach", Alecto verdrehte die Augen, „das ist wegen dieser kleinen Ravenclaw, mit der er ein Kind hat."

Das Gespräch blieb zum Glück nicht lange bei Amycus. Rodolphus, Macnair, Rookwood und Selwyn spielten Karten, während sich die anderen weiter unterhielten. Travers erzählte Rabastan und Hermine von seiner Arbeit.

„Ich übersetze und dolmetsche Englisch-Italienisch."

„Wo haben Sie Italienisch gelernt, Mr. Travers?", wollte Hermine wissen.

„Ich habe ähnlich wie Rodolphus mit seinem Spanisch auch schon in meiner Jugend angefangen, die Sprache zu lernen", erklärte Travers. „Während meiner Ausbildung auf der Wirtschaftsschule habe ich dann lange einen Italienisch-Kurs belegt. Ich habe auch ein paar Jahre in Florenz gelebt."

„Sie waren auf der Wirtschaftsschule?"

„Hier in London, ja. Yaxley und ich haben nach unserem Abschluss zusammen angefangen."

„Travers ist eigentlich gelernter Kaufmann. Er war auf der Wirtschaftsschule, Yaxley ist auf die Rechtsschule gegangen", fügte Rabastan hinzu. „Er ist ja Rechtsbeistand."

„Ein Winkeladvokat und so ein Zahlenverdreher", scherzte Macnair. „Passt wunderbar zusammen."

Melinda Vermont zog sich einen Stuhl heran. Travers rutschte zur Seite, um ihr Platz zu machen.

„Ich versuche ihn schon lange zu überreden, dass er in Hogwarts Italienisch gibt", sagte Melinda. „Aber er ziert sich noch."

„Ich weiß nicht, ob ich fürs Unterrichten geeignet bin", sagte Travers und nahm einen Schluck seines Wassers.

„William, nicht so bescheiden", meinte Melinda.

„Wollen Sie in Hogwarts Sprachkurse anbieten?", fragte Hermine interessiert.

„Wir denken darüber nach, ein paar neue Fächer anzubieten", mischte sich Alecto ein. „Wir haben Wahrsagen vom Stundenplan gestrichen und überlegen gerade, was für Kurse sinnvoll sein könnten."

„Fremdsprachen sind sinnvoll", sagte Hermine schnell, um sich nicht anmerken zu lassen, dass sie sich mehr Gedanken darüber machte, was mit Trelawney nach Abschaffung ihres Fachs geschehen war. Auch wenn sie die Wahrsagelehrerin nie sonderlich gemocht hatte, machte es sie trotzdem traurig, sollte ein weiterer Unterstützer von Dumbledore aus Hogwarts verschwunden sein.

Melinda Vermont wandte sich nun Hermine zu.

„Jetzt haben wir ja endlich mal Gelegenheit, uns ein bisschen zu unterhalten, Ms. Granger", sagte die Hogwarts-Schulleiterin mit ihrer rauchigen Stimme.

„Was haben Sie beruflich gemacht, Ms. Vermont, bevor sie Schulleiterin wurden?", fragte Hermine, um das Thema zu wechseln.

„Oh bitte, nicht so förmlich. Nenn mich Melinda."

„OK. Also was hast du gemacht, Melinda?"

„Ich bin eigentlich Heilerin", erklärte Melinda. „Ich habe einige Zeit im St. Mungo-Hospital gearbeitet. Nachdem ich mich dem Dunklen Lord angeschlossen hatte, hat er mir Snapes Stelle als Leiterin von Hogwarts übertragen. Das ist eine große Ehre, wenn man bedenkt, dass ich noch nicht lange Todesserin bin."

„Wie lange genau bist du dabei?"

„Ich bin ein paar Monate vor der Schlacht dazugestoßen."

Hermine fragte sich, was eine junge, hübsche und gebildete Frau wie Melinda, die noch dazu den Beruf der Heilerin erlernt hatte, dazu bewogen haben konnte, sich Voldemort anzuschließen. Sie konnte eine solche Entscheidung nicht nachvollziehen.

„Und macht seitdem die Männer verrückt", fügte Rookwood hinzu, während er die Spielkarten austeilte.

Ein paar andere am Tisch lachten. „Stimmt. Die ganzen Jungspunde, die neu dazugekommen sind, sabbern jedes Mal, wenn sie Melinda sehen. Das ist so erbärmlich", sagte Alecto und verdrehte die Augen.

„Bist ja nur eifersüchtig, Augustus, weil du bei mir nicht landen konntest", entgegnete Melinda selbstsicher und prostete ihrem Todesserkollegen mit ihrem Weinglas zu.

„Aha, jetzt kommt's raus. Augustus, du hast uns ja gar nicht erzählt, dass du mit Melinda anbandeln wolltest."

Rookwood errötete. Hermine konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

„Gut, dass ich solche Sorgen nicht habe", sagte Selwyn gelassen. „Meine Frau und ich sind seit zehn Jahren glücklich miteinander."

„Und drei Kinder habt ihr auch", sagte Rodolphus.

„Ja. Der Älteste ist vergangenen September eingeschult worden."

„Da du ja schon geraume Zeit hier lebst, Hermine, kennst du dich doch bestimmt im Haus gut aus", sagte Melinda. „Würdest du mir wohl die Bibliothek zeigen? Wenn der Herr des Hauses nichts dagegen hat?"

Sie deutete in Rabastans Richtung.

„Der Hausherr übernimmt das sogar persönlich", sagte Rabastan. Hermine und er erhoben sich.

„Wie schön."

„Entschuldigt uns bitte. Ich hoffe, ihr kommt eine Weile ohne uns aus", informierte Rabastan die Runde. „Wenn ihr noch etwas braucht, dann sagt es den Hauselfen."

„Ich mach das schon", bot Rodolphus an.


Hermine, Melinda und Rabastan verließen das Esszimmer und gingen in die Bibliothek.

„Ich habe gehört, Hermine, dass du einen kurzen Aufenthalt in Askaban hattest", fuhr Melinda fort. „Bis dich Rabastan dann hierher gebracht hat."

„Ja." An diese schreckliche Zeit wollte Hermine eigentlich nicht erinnert werden.

„Wie ich sehe, ist es dir hier sehr gut ergangen."

„Ja. Wir", Hermine warf Rabastan einen kurzen Blick zu, während sie seine Hand ergriff, „sind sehr glücklich miteinander."

Bei den anderen Todessern hätte Hermine zumindest verächtliche Blicke erwartet, doch Melinda reagierte sehr gelassen. Sie schenkte ihnen ein Lächeln.

„Das freut mich für euch beide." Auf Hermines verwunderten Blick hin, fügte sie hinzu: „Keine Sorge, ich habe keine Vorurteile. Ich bin der Meinung, dass, wenn Menschen füreinander bestimmt sind, sie sich finden, auch wenn sie unterschiedlich sind. Vielleicht war es so bestimmt."

Ja, vielleicht war es wirklich bestimmt, dass Rabastan Hermine aus Askaban befreien sollte. Und vielleicht war es auch bestimmt, dass sie früher oder später ihren Weg zueinander finden sollten. Die Nähe zueinander, die sie im Haus geteilt hatten, hatte sicher dazu beigetragen, dass mehr aus ihnen geworden war. Hermine konnte sich glücklich schätzen, dass sie zu Rabastan gekommen war.

„Melinda ist im Übrigen ebenfalls ein Animagus", erklärte Rabastan. „Genau wie Travers."

„Wirklich?"

„Rabastan, du verrätst meine Geheimnisse. So ist doch die Überraschung kaputt", sagte Melinda. „Es ist wahr. Ich bin ein Animagus."

„In was verwandelst du dich?", wollte Hermine interessiert wissen. Sie war richtig neidisch.

„In eine Katze, genau wie McGonagall."

„Pechschwarz", fügte Rabastan hinzu. „Wie die Haare."

„Ich hörte, du liest sehr gerne, Hermine", sagte Melinda, während sie langsam an den Bücherregalen entlangschritt und mit den Fingern über die Rücken der Bücher strich. „Du bist wahrscheinlich sehr viel hier."

„Am Anfang habe ich sehr viel gelesen."

„Sie hat ein wenig gebraucht, um aufzutauen", erzählte Rabastan, während er einen Arm um Hermine legte. „Ich hab ihr die Bibliothek sozusagen als Willkommensgeschenk angeboten. Sie hat es angenommen."

„Die Bücher haben mir Sicherheit gegeben", sagte Hermine, die sich genau erinnern konnte, wie hilflos und verloren sie sich am Anfang gefühlt hatte. „Ich war sehr froh, dass es etwas gab, was mir gefallen hat und es leichter gemacht hat, in mein neues Leben hineinzufinden."

Als sie in die Grundschule gekommen war und später mit elf in Hogwarts aufgenommen worden war, war es Hermine ähnlich ergangen. Sie hatte Schwierigkeiten gehabt, sich in ihrer neuen Umgebung zurechtzufinden. Die Bücher und das Wissen, das sie aus ihnen gewonnen hatte, waren ihre einzigen Freunde gewesen, die sie niemals im Stich gelassen hatten.

„Das kann ich gut verstehen", meinte Melinda. „Als ich nach Hogwarts kam, hatte ich keine Freunde. Die Bibliothek war immer mein Zufluchtsort." Ihr Blick wanderte nach oben. „Eure Sammlung ist wirklich groß. Stehen da oben auch noch Bücherregale?"

„Ja. Da ist eine Treppe, die auf den Dachboden führt. Ich war da am Anfang sehr oft", erklärte Hermine. „Das ist sozusagen mein Lieblingsplatz."

„Würdest du mir deinen Lieblingsplatz mal zeigen?", fragte Melinda. „Tut mir leid, wenn ich neugierig bin, aber ich bin sehr angetan von eurer Bibliothek. Wenn ich nicht in Hogwarts bin, habe ich bloß ein kleines Apartment. Ich darf nur eine winzig kleine Büchersammlung mein eigen nennen."

„Klar, kein Problem", sagte Hermine, die langsam das Gefühl beschlich, dass Melinda sie unbedingt allein sprechen wollte. Rabastan schien dasselbe zu denken, denn er löste sich von Hermine und meinte: „Zeig Melinda ruhig die Bibliothek. Ich geh schon mal zurück zu den anderen. Der Gastgeber sollte seine Gäste nicht zu lange allein lassen."

„Bis gleich."


Hermine ging voraus, als sie und Melinda die schmale Wendeltreppe nach oben zu Hermines Lieblingsplatz erklommen.

„Hier sitze ich immer und lese", erklärte Hermine und deutete auf die Sitzkissen, die am Boden lagen.

„Es ist wirklich schön hier oben", meinte Melinda, schritt ans Fenster und blickte in den Nachthimmel hinauf.

„Hier oben haben Rabastan und ich uns zum ersten Mal geküsst", sagte Hermine ohne Nachzudenken. Als sie begriff, was sie eben gesagt hatte, wurden ihre Wangen. „Oh, ähm, ich…"

„Schon gut", sagte Melinda lächelnd. „Ich sehe, dass es dir hier bei Rabastan sehr gut geht, Hermine. Das ist schön."

„Wer hätte das gedacht", meinte Hermine und setzte sich auf eines der Kissen.

„Fühlst du dich wohl hier?"

Erstaunt über die Frage blickte Hermine Melinda fragend an. „Ich denke schon, ja. Ich fühle mich bei Rabastan sehr wohl. Wieso fragst du?"

„Nur so", sagte Melinda. „Ich kann mir vorstellen, dass du dich sehr einsam fühlen musst, nachdem du alle deine Freunde und dein altes Leben verloren hast."

Jetzt verstand Hermine, warum Melinda allein mit ihr hatte reden wollen. „Manchmal fühle ich mich einsam und natürlich vermisse ich meine Freunde."

„Aber?"

„Aber ich habe jetzt Rabastan und Rodolphus. Die beiden sind meine Familie geworden. Ich habe hier ein neues Zuhause. Und Rabastan…"

„Ihr beide gehört zusammen, das sieht man."

Nachdenklich spielte Hermine mit der Ecke eines Kissenbezuges. „Meine Freunde würden mich hassen, wenn sie mich sehen könnten", sagte sie langsam.

„Wieso?", fragte Melinda erstaunt.

„Sieh mich doch mal an, Melinda. Ich bin von Todessern umgeben, ich gebe mich mit ihnen ab, ich lebe sogar mit ihnen zusammen. Und einer davon ist… Ich habe alles verraten und deswegen fühle ich mich schlecht. Ich vermisse meine Freunde schon, aber… Ich glaube, ich wollte gar nicht mehr zurück. Ich habe mit diesen Dingen abgeschlossen. Es ist vorbei. Ich gehöre jetzt zu Rabastan. Und ich glaube nicht, dass, wenn sie mich jetzt sehen könnten, sie mich überhaupt noch zurückhaben wollten."

Hermine war über sich selbst und die Worte, die aus ihrem Mund kamen, erschrocken. „Wenn sie morgen mein Foto mit Rabastan in der Zeitung sehen, dann werden sie mich hassen. Aber es ist mir egal."

Melinda schritt zu Hermine und legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Du darfst nicht so reden, Hermine. Auch wenn ich dich vermutlich nicht vom Gegenteil überzeugen kann, kann ich dir eins aber versichern."

„Und was?", fragte Hermine, die die Tränen zurückhalten musste.

„Du hast noch Freunde da draußen, richtige Freunde, die wahrscheinlich Himmel und Hölle in Bewegung setzen würden, um dich zu retten."

Mit diesen rätselhaften Worten ließ Melinda Hermine auf dem Dachboden zurück.


Es sollte nicht mehr lange, bis sich die meisten Gäste verabschiedeten. Hermine, Rabastan und Rodolphus begleiteten sie in die Eingangshalle.

„War eine gelungene Feier, Rabastan", sagte Travers und schüttelte Rabastan zum Abschied die Hand.

„Dank, William. Vielen Dank, dass ihr alle da wart. Ich fürchte aber, nächstes Jahr muss jemand anderes die Feier ausrichten, denn ich tue mir das nicht mehr an."

„Dann können wir uns ja schon mal darum streiten", meinte Macnair, der gerade Alecto in ihren Umhang half.

Selwyn verabschiedete sich.

„Richte deiner Frau schöne Grüße aus."

„Mach ich, danke."

„Macht's gut, Leute. Wir sehen uns."

Melinda war die letzte, die noch blieb.

„Hat dir unsere Bibliothek gefallen?", fragte Rodolphus.

„Sehr sogar. Vielleicht leihe ich mir bei Gelegenheit etwas aus, wenn ihr nichts dagegen habt."

„Jederzeit."

Nachdem Rabastan die Haustür geschlossen hatte, seufzte er erleichtert. Hermine umarmte ihn. „Bist du froh, dass es vorbei ist?", raunte sie und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange.

„Und wie! Aber wenn ich ans Aufräumen denke… Das ist immer das Schlimmste nach einer Feier."

„Ich werde euch ein wenig helfen", bot Melinda an.

Sie gingen ins Esszimmer, bauten die Bar ab und stellten den großen, langen Esstisch an seinen angestammten Platz zurück. Die runden Tisch und die Stühle stellten sie zusammen in die Eingangshalle, wo sie am nächsten Tag abgeholt werden würden. Rodolphus brachte mit einem Schwung seines Zauberstabes alle Gläser, Teller und das übrige Geschirr in die Küche.

„Darum sollen sich Tipsi und die anderen Hauselfen morgen kümmern."


Um 4 Uhr morgens, als auch Melinda schließlich gegangen war, gingen Hermine und Rabastan müde nach oben in ihr Schlafzimmer.

Das erste, dessen sich Hermine entledigte, als sie in ihr Zimmer kamen, waren die hohen Absatzschuhe. Ihre Füße taten weh und sie massierte sich ihre verkrampften Waden. Sie ließ sich auf ihrem Bett nieder und atmete auf.

„Die Feier war schön, aber sehr anstrengend." Ihre Stimme war schon heiser, so kraftlos war sie.

„Ich finde es sehr schön, dass es dir gefallen hat", sagte Rabastan, dem man sichtlich die Erleichterung darüber anmerkte, dass der Abend so gut verlaufen war. „Ich hoffe, niemand hat etwas Blödes gesagt."

„Rowle hat's mal versucht", sagte Hermine und grinste, „aber bei mir kommt er damit nicht weit."

„Dann ist es ja gut."

Hermine musste sich hochquälen, um sich noch im Bad fertigzumachen. Rabastan trug sie in ihr Bett. Es dauerte nicht mehr lange, bis sie an Rabastans Brust geschmiegt in tiefen Schlaf sank.


Hermine überkam ein schlechtes Gewissen, als sie daran dachte, was die Hauselfen nach der Feier alles zu tun hatten. Tipsi versicherte ihr, dass sie sich keine Sorgen machen müsste.

„Unsere Hauselfen kennen sowas schon, Hermine", beschwichtigte sie auch Rabastan.

Nach der langen Nacht hatten sie bis Mittag geschlafen und waren den restlichen Tag viel zu müde, um groß etwas zu machen. Am frühen Abend spazierten sie Hand in Hand durch den Garten des Anwesens.

„Ich kann es gar nicht fassen", sagte Hermine. „Aber irgendwie war das klar, oder?" Sie sprach über den aktuellen Tagespropheten, auf dessen Titelseite prompt ein Bild von Rabastan und Hermine zusammen prangte. Und selbstverständlich hatte auch Rita Kimmkorn ihren Senf dazugegeben. Der Artikel, den sie geschrieben hatte, erwähnte ungefähr ein halbes dutzend Mal, dass Rabastan, der Frauenheld und begehrte Junggeselle, einen ganz besonderen Fang gemacht hatte.

„Das ist Rita", sagte Rabastan. „Von der darf man leider nicht allzu viel erwarten. Hast du eigentlich zufällig ihr Buch über Dumbledore gelesen?"

Hermine antwortete nicht gleich. Die Frage erinnerte sie an die Suche nach den Horkruxen, als sie und Harry Bathilda Bagshot besucht und über das Verhältnis von Dumbledore und Grindelwald diskutiert hatten. Rabastan rührte an schmerzhaften Erinnerungen.

„Habe ich etwas Falsches gesagt?", fragte Rabastan sofort, dem aufgefallen war, dass Hermine plötzlich tief in Gedanken versunken war.

„Nein, nein, ich habe nur… Das hat mich nur an etwas erinnert. Ja, ich habe es gelesen."

„Wie fandst du es? Ich muss zugeben, dass mich einige Dinge sehr überrascht haben. Wenn nur die Hälfte von dem stimmt, was Rita geschrieben hat, dann… Auch wenn ich seine Ansichten nie teilte, so hielt ich Dumbledore doch immer für einen beeindruckenden Zauberer. Dass er und Grindelwald… Das hat mich umgehauen."

„Und mich erst."

„Ich frage mich bis heute, wer Ritas Quelle war. Ich habe natürlich Vermutungen angestellt, aber…"

„Es war Bathilda Bagshot", erklärte Hermine.

„Bathilda Bagshot? Woher weißt du das, Hermine?"

„Lange Geschichte."

„Etwa Teil der Geschichte, die du nicht erzählen möchtest?"

„Leider ja. Keine Sorge, irgendwann werde ich es tun. Es behagt mir nicht, dir alles Mögliche zu verschweigen, aber ich… Ich kann dir bestimmte Dinge nicht sagen, ohne dich in Gefahr zu bringen. Das möchte ich natürlich nicht. Ich möchte dich nicht verlieren."

Sie ergriff fest seine Hände.

„Das verstehe ich, auch wenn ich mir nicht vorstellen könnte, mit welchem Wissen du mich in Gefahr bringen könntest", meinte Rabastan. „Aber wechseln wir das Thema. Hermine, ich wollte mal gerne mit dir reden." Sie hielten bei einer Bank.

„Was ist los?"

„Es ist wegen der Jubiläumsfeier", sagte Rabastan nachdenklich. „Ich werde sie nicht mehr ausrichten, das habe ich mir fest vorgenommen."

„Ach, das ist doch… Es war in Ordnung. Du hast dir sehr viel Mühe gegeben und deine… Todesserkumpels waren anständig. Umbridge und Kimmkorn haben mich mehr gestört, wenn ich ehrlich sein soll. Ich habe es ganz gut durchgestanden und es ist ja nur einmal im Jahr."

„Ich weiß und ich war sehr froh, dass der Abend keine Tortur für dich war, wie ich anfangs befürchtet hatte. Trotzdem möchte ich das nicht mehr. Und", fügte er hinzu, „ich habe mir gedacht, dass ich dir gerne etwas Gutes tun möchte, weil du so tapfer durchgehalten hast. Ich weiß, dass es schwer für dich ist und deshalb habe ich eine Überraschung für dich. Als kleine Entschädigung."

„Eine Überraschung?", fragte Hermine neugierig.

Rabastan nickte. „Ich habe Pyrites geschrieben. Er reserviert uns das Restaurant für einen Abend."

„Du lädst mich auf ein Essen ein, sehe ich das richtig?", fragte Hermine und grinste.

„Ja, das hatte ich schon so lange vor und ich denke, dass das der richtige Anlass ist. Es ist übermorgen. Wir sollen um sieben in der Winkelgasse ins Restaurant kommen."

„Das ist toll. Ich freue mich."


Die Aussicht auf ein romantisches Abendessen mit Rabastan ließ Hermine den fürchterlichen Zeitungsartikel schnell wieder vergessen. Sie konnte den Abend kaum abwarten. Sie selbst hatte für Rabastan auch eine kleine Überraschung vorbereitet, für die sie bereits alles arrangiert hatte, noch wollte sie ihm aber nichts erzählen.

Zwei Tage nach ihrem Gespräch stand Hermine um viertel vor sieben fertig angezogen in ihrem roten Kleid vor dem Spiegel und begutachtete sich ein letztes Mal. Sie trug heute eine Spange im Haar, weil sie wusste, dass das Rabastan am besten gefiel. Weil sie mit Rabastan allein war, war ihr Kleid deutlich gewagter als sonst und zeigte mehr von ihrem Körper. Hohe Schuhe, diamantbesetzte Ohrringe und eine dazu passende Kette und ein Armband rundeten ihr Outfit ab.

Rodolphus verschlug es halb den Atem, als er sie sah.

„Da wird mein Bruder aber Augen machen. Hast du etwas Besonderes vor mit ihm?", fragte er vielsagend grinsend. Hermine erwiderte nichts auf seine zweideutige Bemerkung hin, sondern lächelte nur.

Rabastan trug einen sehr feinen, eleganten schwarzen Umhang. Er hatte sich frisch rasiert und das Rasierwasser aufgelegt, dass Hermine so gern mochte.

„My Lady", begrüßte er Hermine, als sie die Treppe nach unten in die Eingangshalle schritt. „Darf ich?"

Er bot ihr seinen Arm an und gemeinsam schritten sie nach draußen, wo sie apparieren konnten.

Die Winkelgasse war größtenteils verlassen und nur im Tropfenden Kessel tummelten sich noch ein paar Leute. Als das strahlende Paar durch den Pub schritt, verstummten alle Gespräche und jedes Augenpaar wandte sich ihnen zu. Hermine waren die Blicke am heutigen Abend gleichgültig, wie ihr selten etwas gleichgültig war. Sie hatte nur Augen für Rabastan.

Pyrites' Restaurant lag in einem ruhigen, abgeschiedenen Hinterhof. Als sie durch die Tür traten, begrüßte sie eine junge Dame vom Empfang, die schon auf sie gewartet hatte, freundlich und führte sie die Treppe nach oben in die Räumlichkeiten, wo die Tische standen.

Tische und Stühle waren aus einem edlen dunklen Holz. Der Boden war mit Teppich ausgelegt, der ihre Schritte dämpfte. Durch die Fenster rundum hatte man einen herrlichen Blick auf die umliegende Stadt. Eine Terrassentür führte nach draußen.

„Mr. Pyrites wird gleich bei Ihnen sein", sagte die Empfangsdame, dann verabschiedete sie sich.

„Das Restaurant ist ja leer", bemerkte Hermine, der die leeren Tische aufgefallen sind.

„Pyrites hat gesagt, für haben heute alles für uns allein", erklärte Rabastan.

Langsam schritten sie durch das Restaurant. Hermine betrachtete voll Bewunderung die kunstvoll verzierte Marmordecke.

Ihre Aufmerksamkeit wurde auf eine Tür ihnen gegenüber gelenkt, die plötzlich aufschwang und hinter der Stimmen zu hören waren. Hermine konnte einen kurzen Blick auf die Küche erhaschen.

Ein junger Mann, der eine Schürze um die Hüften gebunden hatte, kam mit einer leeren Holzkiste heraus. Hermine traute ihren Augen nicht, als ihn erkannte.

„Goyle? Gregory, bist du das?"

Der junge Mann erstarrte auf der Stelle und hätte beinahe seine Kiste fallen lassen. Gerade noch rechtzeitig fing er sich und stellte seine Last ab. Er blickte Hermine entsetzt an.

„Granger, was für eine Überraschung." Gregory Goyle wirkte mehr als peinlich berührt, als er Hermine erkannte, und seine Wangen färbten sich rosa. Es war ihm sichtlich unangenehm, dass ihn seine ehemalige Mitschülerin, mit der er noch dazu verfeindet gewesen war, in seiner Küchenkleidung sah. Als er Hermine in ihrer freizügigen Abendgarderobe sah, nahm sein Gesicht einen noch tieferen Rotton an.

„Lange nicht gesehen. Wie geht's dir?"

„Ganz OK", sagte Gregory. Als er Rabastan sah, war er noch ein wenig eingeschüchterter und sah verlegen zu Boden.

„Ihr beide kennt euch?", fragte Rabastan.

„Ja, wir waren im selben Jahrgang. Das ist Gregory Goyle", erklärte Hermine.

„Goyles Junge", sagte Rabastan und schüttelte Gregory die Hand. „Schön, dass wir uns mal treffen"

Goyle grinste verlegen. Rabastans und Hermines Gegenwart verschlug ihm offenbar die Sprache.

„Hast du deinen Abschluss eigentlich damals noch gemacht?", fragte Hermine.

Goyle fuhr sich verlegen durch die Haare. „Also, um ehrlich zu sein… nein, habe ich nicht. Nach dem Kampf und wegen Crabbe, ich… Ich wollte nicht nach Hogwarts zurück."

Das verstand Hermine nur zu gut. In diesem Moment wurde ihr bewusst, dass Goyle ja seinen besten Freund in dem Feuer im Raum der Wünsche verloren hatte.

„Tut mir leid wegen Vincent", sagte sie mitfühlend.

„Ich habe gehört, dass Crabbes Sohn in der Schlacht umgekommen ist", sagte Rabastan. „Ihr wart befreundet?"

„Ja", sagte Gregory.

„Und was machst du seitdem so?", fragte Hermine. „Du bist hier in der Küche, oder?"

Goyles Wangen verfärbten sich dunkelrot. „Ähm, also, ja. Ohne Abschluss ist es nicht so leicht, eine Arbeit zu finden. Mein Dad war ziemlich sauer. Mr. Pyrites hat jemanden als Küchenhilfe gesucht." Er deutete auf seine Schürze. „Da habe ich mich gemeldet. Er hat mich zum Glück genommen."

„Wie läuft es so? Kommst du zurecht?", fragte Rabastan.

„Es geht schon. Tagein, tagaus Geschirr spülen und Gemüse putzen." Plötzlich hellte sich sein Gesicht auf. „Mr. Pyrites ist sehr nett. Er hat gesagt, ich mache mich gut. Er will mich als Koch anlernen."

„Hey, das ist doch toll!", sagte Hermine.

„Naja, Koch war zugegeben nie mein Traumberuf, aber…"

„Das ist eine anständige Arbeit und du verdienst dein eigenes Geld", meinte Rabastan. „Das ist was wert."

„Dad ist nicht so begeistert. Er hat sich natürlich immer ausgemalt, dass ich mal im Ministerium arbeite, aber… naja, so tolle Noten hatte ich halt nie", meinte Goyle schulterzuckend.

„Ach, mach dir nichts draus. Sein stolz auf das, was du erreicht hast."

Goyle ließ sich zu einem schwachen Lächeln hinreißen.

„Sag mal, weißt du, was all die anderen aus eurer Clique jetzt so machen?", wollte Hermine wissen. „Pansy, Blaise, Theodore…"

„Also Pansy ist hier in London ans Theater gegangen", erklärte Goyle. „Ich hab sie kürzlich bei einer Aufführung gesehen. Sie ist richtig gut."

„Echt? Sie ist Schauspielerin?", fragte Hermine. An Pansy Parkinson hatte sie leider nur allzu lebhafte, negative Erinnerungen. Nie im Leben hätte sie damit gerechnet, dass ihre Rivalin aus Slytherin eine Schauspielkarriere einschlagen würde.

„Ja. Die wollen sie sogar fest übernehmen. Das ist eine Riesenchance für sie. Blaise ist irgendwo im Ausland, nur bei Theo bin ich mir nicht sicher. Ich habe nur gehört, dass er Ärger mit seinem Vater hatte."

„Deshalb war Nott nicht bei der Feier", schlussfolgerte Rabastan. „Er hat mir nämlich geschrieben, dass er aus familiären Gründen absagen muss. Wenn ich ihn treffe, dann muss ich ihn mal fragen."

„Sonst…" Goyle zuckte mit den Schultern. „Ich bin wie gesagt hier und… schnipple Gemüse."

„Was ist mit Draco?", wollte Hermine wissen. „Hast du zu ihm noch Kontakt?"

Goyle schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung, was der macht. Seine Mutter ist ja…"

„Das habe ich gehört, ja."

„Gregory, ich brauche das Lammfleisch aus dem Lager!", schallte es von der Küche zu ihnen.

„Tja, dann muss ich wohl wieder ran", sagte Goyle.

„Wir halten dich gar nicht länger von der Arbeit ab", sagte Rabastan.

„Man sieht sich… vielleicht mal."

Er kehrte zurück an seine Arbeit.

„Das ist ja ein Ding. Ich habe eigentlich nie darüber nachgedacht, was die alle nach der Schule gemacht haben", meinte Hermine nachdenklich. „Was da wohl mit Theodor Nott ist?"

„Ich sehen seinen Vater ab und zu, dann frage ich ihn mal", meinte Rabastan.

Der Abend war wirklich eine tolle Überraschung, dachte sich Hermine. Sie hätte niemals gedacht, alte Mitschüler von sich wiederzusehen. Einmal mehr wurde sie daran erinnert, dass nur für sie selbst in ihrem Zelt auf der Flucht die Zeit stehengeblieben war. Alle anderen, die sich nicht aus dem Leben zurückgezogen hatten, hatten auf die eine oder andere Weise weitermachen müssen.

„Da sind ja meine Ehrengäste!", ertönte eine Stimme hinter ihnen.

„Pyrites!"

„Rabastan, lange nicht gesehen. Uih und so eine wunderschöne, bezaubernde Begleitung hast du dabei."

Pyrites musterte Hermine von oben bis unten und zwinkerte ihr zu. Hermine musste sich das Lachen verkneifen, als sie Pyrites sah. Rabastans Freund war der Inbegriff eines Dandys. Kultiviert im Auftreten, mit exquisiter Kleidung und den formvollendeten Manieren eines Gentlemans. Er zog nicht nur seinen Zylinder vor Hermine, sondern hauchte ihr sogar einen Kuss auf den Handrücken. Hermine unterdrückte ein Kichern.

Die beiden Männer schüttelten sich die Hände.

„Dein Catering für die Feier war ausgezeichnet. Du hast dich echt selbst übertroffen", sagte Rabastan voller Anerkennung.

„Vielen Dank. Das höre ich gerne."

„Ihr Restaurant ist sehr schön", sagte Hermine.

„Für dieses Kompliment danke ich Ihnen vielmals, Ms. Granger", meinte Pyrites. „Ich hoffe, Sie sagen dasselbe nach dem Essen. Wenn ihr mir nun bitte folgen wollt."

Er führte sie auf die große Terrasse, von der aus man einen atemberaubenden Blick über London hatte. Wo normalerweise unzählige Tische und Stühle standen, war heute nur ein einziger gedeckter Tisch für zwei. Mittlerweile war es dämmrig geworden. Nur ein paar Kerzen, die auf dem Geländer der Terrasse standen, spendeten Licht. Auf dem Boden lagen Rosenblätter. Die Atmosphäre hätte nicht romantischer sein können.

„Wow, das ist für uns?", hauchte Hermine.

„Ihr seid selbstverständlich heute Abend meine Gäste. Wenn ihr bitte Platz nehmen würdet, das Essen wird in Kürze serviert."

Rabastan und Hermine setzten sich einander gegenüber, während Pyrites mit seinem Zauberstab die Kerze am Tisch entzündete.

Als er nach drinnen ging, um sich in der Küche nach der Vorbereitung des Essens zu erkundigen, fand Hermine endlich Worte.

„Das ist… Wahnsinn. Das ist wirklich eine tolle Überraschung."

„Hab ich dir zu viel versprochen?", fragte Rabastan.

„Nein. Für das hier habe ich gerne Umbridge ertragen. Aber ein bisschen exzentrisch ist dein Freund schon, oder?"

Rabastan lachte.


Das Essen war geradezu himmlisch. Hermine, die tagsüber extra wenig gegessen hatte, freute sich auf die fünf Gänge. Sie begannen mit einem Salat mit fruchtiger Vinaigrette, gefolgt von einer scharfen Kokosmilchsuppe. Dann kamen Fisch und Fleisch. Den Abschluss bildete eine Mousse au chocolat mit kräftiger dunkler Schokolade. Zu jedem Gang gab es einen anderen Wein.

Sie ließen sich Zeit. Sie sprachen kaum, sondern genossen nur die Gegenwart des anderen. Das Essen zog sich bis Mitternacht. Nach den fünf Gängen und dem Wein fühlte sich Hermine wohl, entspannt und etwas schläfrig. Als sie und Rabastan im Schein der Kerzen auf der Terrasse zu leiser Musik tanzten, schloss sie genüsslich die Augen und lehnte sich an seine Brust. Der Abend war perfekt. Alles stimmte. Hermine war von purem Glück erfüllt.

„Hermine?" Es war eine Ewigkeit her, dass sie gesprochen hatten. Hermine hatte jedes Zeitgefühl verloren.

„Ja?" Ihre Stimme war heiser.

„Als du mich damals zum ersten Mal gesehen hast und gemerkt hast, wo du warst, was hast du da gedacht?", fragte Rabastan.

„Ich hatte Angst und alles kam mir so surreal vor. Ich war in einer völlig fremden Welt und da warst nur du. Ich kannte dich nur als den Todesser, der… diese schlimmen Dinge getan hat. Ich hatte Angst."

„Wann hat es sich verändert?"

„Schwer zu sagen", sagte Hermine leise. „Es hat sich in dem Moment verändert, als ich begriffen habe, dass ich den Weg akzeptieren muss, der sich vor mir eröffnet hat. Auf diesem Weg musste ich viel zurücklassen, aber ich habe auch dich getroffen. Das würde ich niemals mehr rückgängig machen wollen."

Rabastan lächelte.

„Rabastan", Hermine begegnete seinem Blick. Schon den ganzen Abend suchte sie nach einer passenden Gelegenheit, ihm endlich zu sagen, was sie für ihn fühlte. „Es gibt da etwas, was ich dir schon länger mal sagen wollte."

„Was denn?"

„Ich liebe dich, Rabastan." Die Worte waren einfach über ihre Lippen gekommen. Sie musste sie endlich aussprechen.

Er schloss sie fest in die Arme. „Ich liebe dich auch, Hermine."

Hermine war froh, dass er genauso empfand wie sie. Es waren die die Worte, die sie sich am meisten von ihm gewünscht hatte.

„Wenn mein Bruder wieder gesund ist und wieder allein leben kann…"

„Ja?"

„Ich denke schon länger darüber nach, ein Haus zu kaufen", erklärte Rabastan. „Für uns beide. Damit wir zusammenziehen können in unser eigenes Zuhause."

„Wirklich?"

„Ja, würde dir das gefallen?"

Hermine war sprachlos. Damit hatte sie nicht gerechnet. Sie freute sich und war überglücklich.

„Ja, und ob."

„Schön", sagte Rabastan. „Ich habe da schon was im Auge. Ich hoffe, dass ich bald einen Besichtigungstermin bekomme."

„Was ist das für ein Haus?"

„Es ist an der Küste, aber lass dich überraschen. Nur so viel: Es wird dir mit Sicherheit gefallen."

„Da bin ich aber gespannt."


Das Haus lag im Dunkeln, als Hermine und Rabastan ins Lestrange-Anwesen zurückkehrten. Als sie nach oben gingen und sich die Zimmertür hinter ihnen schloss, war Hermine aufgeregt und verspürte ein Kribbeln in ihrem Bauch. Sie wollte jetzt endlich ihr Vorhaben umsetzen, auf das sie sich so lange vorbereitet hatte.

Rabastan verhielt sich etwas distanziert, so als wollte er sich selbst davon abhalten, etwas zu tun. Er warf ihr aber immer wieder Blicke voller Begierde zu. Seine Blicke waren schon den ganzen Abend von ihren freien Beinen nach oben gewandert oder hatten auf ihrem Ausschnitt geruht. Hermine merkte, was in ihm vorging. Und sie wusste auch, dass er sich schon länger danach sehnte, den nächsten Schritt in ihrer Beziehung zu gehen. Hermine wollte ihm heute Abend diesen Wunsch erfüllen.

„Ich… werde ein Bad nehmen", sagte Hermine leise und löste ihre Spange, sodass ihre Haare lose auf ihre Schultern fielen.

„Gut, ich… warte dann im Bett auf dich", meinte Rabastan nur, dann wollte er sich schon abwenden, doch Hermine hielt ihn zurück.

„Ich weiß, was du fragen willst", sagte Hermine und sah Rabastan in die Augen. „Frag mich."

Rabastan schluckte. „Darf ich dir Gesellschaft leisten?" Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

„Das ist meine Überraschung für dich heute Nacht. Du darfst."

Ohne ihren Blick von ihm zu nehmen, nahm sie seine Hände und führte ihn langsam ins Badezimmer. Sie küssten sich, während sie sich gegenseitig ihrer Kleidung entledigten. Hermines Kleid und Rabastans Umhang glitten zu Boden. Vorsichtig zog er ihre Unterwäsche aus. Hermine tat dasselbe bei ihm.

Es kostete sie Überwindung, sich nackt vor ihm zu zeigen, aber sie vertraute ihm blind und sie wollte ihn. Der richtige Augenblick war endlich gekommen, das spürte sie. Während das Wasser in die Wanne lief, begannen sie sich zu küssen.

Vorsichtig stiegen sie zusammen in die Wanne. Hermine entspannte sich sofort im warmen Wasser und lehnte sich an Rabastan. Ihre Hände glitten über seinen muskulösen Oberkörper. Sie keuchte auf, als sie Rabastans Hand zwischen ihren Beinen spürte.

Es kostete Rabastan all seine Kraft, Hermine nicht sofort zu verschlingen, so sehr entbrannte seine Leidenschaft für sie. Sie wuschen sich gegenseitig mit einem Schwamm. Sie blieben solange, küssten sich, tauschten Liebkosungen aus, steigerten gegenseitig ihre Erregung, bis das Wasser kalt war.

Rabastan hüllte Hermine in ein flauschiges Handtuch, nachdem sie aus der Wanne ausgestiegen waren. Sie trocknete ihn sanft ab, wobei sie gekonnt mit einem Grinsen über seine Oberschenkel nach oben streichelte. Sie ließ den Teil seines Körpers bewusst aus, der sich so sehr nach ihrer Zuwendung sehnte. Rabastan war mittlerweile mehr als ungeduldig. Er wollte, nein, er konnte nicht länger warten.

Sie küssten sich voller Hingabe, während sie langsam zum Bett schritten. Heftige Lust und ein beinahe unstillbares Verlangen nach dem anderen hatte sie erfasst. Rabastan konnte sich nicht erinnern, wann er jemals eine Frau so sehr begehrt hatte wie Hermine. Vorsichtig löste er das Handtuch, das sie um ihren Körper gewickelt hatte, und ließ es zu Boden gleiten.

Sein Blick wanderte über ihren wunderschönen Körper, dessen Makellosigkeit nur durch die feine, rosa Narbe auf ihrem Brustbein gestört wurde, wo Dolohows Fluch sie einst getroffen hatte. Rabastan legte seine Hände auf ihre Hüften und zog sie näher an sich.

Hermine küsste ihn mit feuriger Leidenschaft, dann hauchte sie gegen seine Lippen: „Ich liebe dich und ich will dich, Rabastan."

Gleich darauf lag sie auf ihrem Bett unter ihm. Viel zu lange schon hatte er auf diesen Augenblick gewartet. Hermine bremste ihn für einen Moment.

„Rabastan, ich habe das noch nie gemacht", raunte sie etwas verlegen. „Könnten wir…?"

„Das macht nichts", antwortete Rabastan und begann ihren Hals zu küssen. Hermine schloss genüsslich die Augen und seufzte leise. „Wir machen das ganz langsam und vorsichtig."

Ihre leisen, lustvollen Seufzer, ihr weicher, zarter Körper, ihre Hände, die über seinen Rücken strichen, sein Name, mit ihrer samtigen Stimme gestöhnt, als sie kam – ihre erste gemeinsame Nacht übertraf all seine Vorstellungskraft.

In dieser Nacht wurde endlich das Wirklichkeit, was Rabastan in seinen Träumen verfolgte, seit er Hermine das erste Mal gesehen hatte. Es war nur viel besser.