Rabastan hatte in seiner Zeit als Todesser bereits viele grausame Dinge getan und er hatte andere viele grausame Dinge tun sehen. Er wusste auch, dass der Dunkle Lord sehr grausam sein konnte. Nicht nur einmal hatte er zur Bestrafung den Folterfluch seines Meisters zu spüren bekommen. Was er jedoch an diesem Sonntagabend, als ihn der Dunkle Lord überraschend nach Hogwarts rief, mitansehen musste, überstieg seine kühnste Vorstellungskraft und zum ersten Mal in seinem Leben bereute er, sich dem Dunklen Lord angeschlossen zu haben.

Er und Hermine hatten sich gerade auf ihr Zimmer begeben und waren dabei, sich auf einen sinnlichen Abend zu zweit vorzubereiten, als Rabastans Dunkles Mal brannte. Hermine zog ihm gerade seinen Umhang aus und bedeckte seinen Oberkörper mit Küssen, während sie ihn langsam zu ihrem Bett drängte, als er zusammenzuckte und sich von ihr löste. Mit schmerzverzerrtem Gesicht griff sich Rabastan an seinen linken Unterarm.

„Musst du gehen?", fragte Hermine, enttäuscht über ihre Unterbrechung.

„Ja, der Dunkle Lord ruft mich", sagte Rabastan, der ebenfalls wenig begeistert über die Störung war. Er konnte sich wahrlich etwas Besseres für einen Sonntagabend vorstellen als die Gegenwart seines Meisters. „Ich hoffe, ich brauche nicht so lang."

„Ich schätze mal, ich brauche nicht auf dich zu warten", meinte Hermine seufzend.

„Tut mir wirklich leid", sagte Rabastan und gab ihr zum Abschied einen leidenschaftlichen Kuss. „Wir holen das nach. Versprochen. Geh schlafen, ich werde nachher leise sein, damit ich dich nicht wecke."

Zumindest hatte ihn sein Herr nicht eine halbe Stunde später während eines sehr unpassenden Zeitpunkts gerufen, dachte Rabastan säuerlich, während er durch die Einfahrt des Lestrange-Anwesens zur Appariergrenze eilte. Dennoch war er höchst ungehalten über die späte Störung. Als er schließlich den Weg hoch zum Schloss erklomm, erinnerte sie daran, dass er besser seine Gefühle mit Okklumentik verbarg, bevor er seinem Herrn gegenübertrat.

Zu seiner Überraschung traf er auf dem Weg zum Schulleiterbüro auf Macnair, Avery und Rowle.

„Hat er dich auch gerufen, Lestrange?", fragte Rowle.

„Ja. Euch auch?"

„Vorhin gerade. Das ist seltsam, es gab schon lange kein Treffen mehr."

Das stimmte freilich. Früher hatte der Dunkle Lord seine Todesser regelmäßig zu Versammlungen einberufen, meist wussten sie schon ein paar Tage vorher Bescheid. Seit dem Ende des Krieges allerdings kam dies äußerst selten vor. Rabastan beschlich ein ungutes Gefühl. Ein spontanes Treffen nach so langer Zeit konnte nicht Gutes verheißen.

Sein Verdacht, dass ihr Treffen keinen erfreulichen Anlass hatte, erhärtete sich, als die vier Männer das Büro des Schulleiters betraten. Sie waren offenbar nicht die Einzigen, die der Dunkle Lord gerufen hatte, denn praktisch alle Todesser des inneren Zirkels waren anwesend. Rabastan sah Travers, Selwyn, Crabbe, Nott, die beiden Carrows und etliche andere. Sie alle waren in ihre schwarzen Todesserumhänge gekleidet und standen in einem weiten Halbkreis um den Schreibtisch des Schulleiters, an dem der Dunkle Lord saß. Melinda Vermont stand direkt neben ihm. Hier und da war leises Getuschel zu vernehmen, doch als Rabastan und die anderen eintraten, verstummte die Runde.

„Ah, wie ich sehe, sind auch unsere letzten Gäste eingetroffen."

Ihre Kameraden schritten zur Seite, um Rabastan, Macnair, Avery und Rowle in den Kreis aufzunehmen. Als sie den Kreis öffneten, gaben sie den Blick auf eine Person frei, die auf dem Boden in ihrer Mitte kniete. Es war Augustus Rookwood. Seine Hände waren gefesselt.

Der Dunkle Lord grinste. „Ich bin untröstlich, dass ich euch so spät am Abend noch behelligen muss, doch glaubt mir, wenn ich euch sage, dass ihr für die Zeit bestens entschädigt werdet." Sein Blick wanderte zu dem am Boden knienden Rookwood.

Rabastan gefiel es so gar nicht, was der Dunkle Lord sagte. Seine Nackenhaare stellten sich auf.

„Unser Freund Rookwood hier bekam von mir den Auftrag, den Widerstand zu beobachten und Kämpfer auszuheben. Das sollte doch eigentlich keine so schwierige Aufgabe sein, oder?" Der Dunkle Lord wandte sich nun direkt an Augustus.

„Nein… nein, Herr", stammelte Rookwood.

„Das sehe ich auch so. Aber so wie es aussieht, habe ich dabei wohl doch zu viel von dir verlangt."

„Bitte, Herr… My Lord, lasst mich erklären…"

„Schweig, Rookwood!" Die Stimme des Lords hallte von den Wänden des Büros wider. In der darauffolgenden Stille hätte man eine Stecknadel fallen hören können. Die umstehenden Todesser trauten sich kaum zu atmen. Rabastans Herz pochte unangenehm schnell gegen seinen Brustkorb. Er spürte genau, dass gleich etwas passieren würde.

„Ich habe zu viele Erklärungen gehört", sagte der Dunkle Lord. „Ich habe in der Vergangenheit zu oft vergeben, ich war zu nachsichtig. Soll ich euch verraten, was Rookwood stattdessen gemacht hat?" Er sah reihum in jedes einzelne Gesicht. „Statt die Kämpfer des Widerstandes unschädlich zu machen, hat er sie entkommen lassen! Und hat es dabei fertiggebracht fünf Neuanwärter zu verlieren."

Rabastan konnte sich gut erinnern, dass der Dunkle Lord sie in der Vergangenheit bei Versagen öfter vor allen anderen bloßgestellt hatte. Normalerweise hatte der Betroffene Spott, Hohn und Gelächter sicher, denn jeder wollte die Demütigung eines anderen in vollen Zügen genießen, brachte sie einen doch in der Gunst des Dunklen Lords weiter nach oben. Heute jedoch lachte niemand, heute bedachte niemand Rookwood mit einem hämischen Kommentar.

„Lord Voldemort verzeiht nicht so einfach, diese Lektion wirst du heute Abend lernen, Rookwood."

Rabastan erwartete, dass der Dunkle Lord Rookwood foltern würde. Und auch Rookwood schien das zu erwarten. Doch der Lord hob nicht seinen Zauberstab, sondern schnippte stattdessen mit den Fingern, als ob er jemandem ein Zeichen geben wollte. Kurz darauf sprang die Tür zum Büro auf und sechs Personen traten ein.

Rabastan traute seinen Augen nicht. Die fünf grobschlächtigen Männer, die alle ungepflegt waren und zerschlissene Kleidung trugen, konnten nur Greifer sein. Sie trieben ein weinendes Mädchen vor sich her, das nicht viel jünger als Hermine sein konnte und Rabastan erschreckend bekannt vorkam.

„Das ist doch nicht…", murmelte Travers neben ihm, der es auch bemerkt hatte.

Die Todesser im Kreis wichen auseinander, um den Neuankömmlingen Platz zu machen.

„Onkel!", rief das Mädchen weinend. „Onkel!"

In diesem Moment dämmerte es nicht nur Rabastan, was der Dunkle Lord vorhatte.

„Katharina", sagte Rookwood bestürzt. „Was…?"

„Onkel, was passiert hier?!", fragte das Mädchen verzweifelt, als sie neben Rookwood auf dem Boden knien musste.

„My Lord, nein, bitte nicht!", bat Rookwood inständig. „Bitte nicht meine Nichte! Bestraft mich, aber lasst sie aus dem Spiel! Sie hat damit nichts zu tun! Bitte, ich flehe euch an!"

Der Dunkle Lord blieb hart. Er befahl Rookwood, sich neben Rowle und Yaxley in den Kreis zu stellen. Als sich Augustus widersetzte, brachte er ihn mit einem Zauber zum Schweigen und zwang ihn, zu den anderen zu gehen.

Die Todesser formten nun einen großen Halbkreis um Rookwoods Nichte Katharina und die fünf Greifer.

„Lasst euch alle das eine Warnung sein, dass es keine gute Idee ist, mich zu enttäuschen", sagte der Dunkle Lord kalt, dann gab er den Greifern ein Handzeichen.


Die nächsten Stunden waren die grässlichsten, die Rabastan jemals erlebt hatte. Der Anblick war nur schwer zu ertragen. Die fünf Greifer vergingen sich abwechselnd und auf jede erdenkliche Art und Weise an Rookwoods Nichte und gingen dabei mit unbeschreiblicher Brutalität vor. Sie verprügelten Katharina, bis sie fast bewusstlos war und sich nicht mehr wehrte, rissen ihr die Kleider vom Leib und vergnügten sich nacheinander mit ihr. Die Schreie des jungen Mädchens hallten von den Wänden des Büros wider. Rabastan schmerzten schon nach kurzer Zeit die Ohren davon. Die Schreie gingen ihm durch Mark und Bein.

Alle umstehenden Todesser waren gezwungen, dem Spektakel beizuwohnen und zuzusehen. Der Dunkle Lord ließ niemanden den Raum verlassen und Rabastan wusste auch den Grund dafür. Der Dunkle Lord wollte an Rookwood ein Exempel statuieren und jeder von ihnen sollte genau wissen, was ihm oder besser denjenigen, die ihm etwas bedeuteten, bei Versagen blühte.

Es ging nicht mehr nur um Bestrafung mit dem Folterfluch oder die Demütigung durch die anderen Todesser. Es ging um Zerstörung. Entweder bedingungsloser Gehorsam und Selbstaufgabe, oder man bezahlte den Preis.

Irgendwann verstummten Katharinas Schreie und verwandelten sich in ein flehendes Wimmern. Auch Rookwood flehte, jedoch genauso vergeblich.

„My Lord, bitte…"

Der Dunkle Lord blieb unbeugsam. Mit regungsloser Miene beobachtete er das Geschehen. Ob ihm gefiel, was er sah, war nicht auszumachen. Die Todesser freilich hatten keine Freude an dem Dargebotenen. Alecto, der einzigen Frau in ihrer Runde abgesehen von Melinda, liefen stumme Tränen übers Gesicht. Rabastan hatte sie noch nie so verletzlich gesehen. Melinda selbst, die hinter dem Dunklen Lord stand, musste ein paar Mal ihren Blick abwenden. Diejenigen, die Kinder hatten, so wie Selwyn und Avery, waren zutiefst schockiert und erschüttert. Auf ihren Gesichtern stand Furcht. Sie hatten Angst um ihre Familien. Sie verstanden sofort, dass Katharina auch eine ihrer Töchter sein konnte. Einem anderen schien es ähnlich zu gehen. Rabastan stand gegenüber von Amycus, der sein Entsetzen über die Gewalt der Greifer nicht verbergen konnte. Ihm war anzusehen, wie sehr ihn die Ereignisse mitnahmen. Je länger die Folter ging, desto blasser wurde er. Er sah aus, als wäre ihm schlecht und er müsste sich gleich übergeben. Die ganze Zeit über stand er stocksteif da und starrte das leidende Mädchen an.

Rabastan war sich über seine eigenen Gefühle nicht ganz klar. Er empfand Mitleid für Rookwoods Nichte und musste gleichzeitig den Drang unterdrücken, ihr zu helfen. Er hätte die Greifer am liebsten eigenhändig einen nach dem anderen qualvoll getötet, um sie für ihre Taten zu bestrafen. Er konnte nachvollziehen, wie sich Avery fühlte. Seine Tochter war im Alter von Rookwoods Nichte. Er selbst sah für einen kurzen Moment Hermine an Katharinas Stelle. Zorn, Wut und Hilflosigkeit überkamen ihn. In diesem Moment empfand er zum ersten Mal in seinem Todesserdasein Abscheu und Hass gegenüber demjenigen, dem er ewige Treue geschworen hatte.


Es war weit nach Mitternacht, als die Tortur schließlich ein Ende hatte. Katharina lag am Boden, gebrochen, in zerrissenen Kleidern und kaum mehr am Leben. Sie blutete stark. Auf dem Steinboden um sie herum hatte sich eine Blutlache gebildet. Der Dunkle Lord schickte die Greifer weg.

Amycus konnte sich nicht erinnern, sich jemals so schlecht gefühlt zu haben. Das junge Mädchen versuchte, sich über den Boden zu schleppen, war aber zu schwach. Sie streckte ihre Hand aus und für einen kurzen Moment kreuzten sich ihre und Amycus' Blicke.

Als er ihr geschundenes Gesicht mit dem großen Bluterguss auf ihrer Wange und dem zugeschwollenen Auge sah und ihr Mund stumm das Worte „Hilfe" formte, konnte er nicht mehr an sich halten. Er sah seine ehemalige Geliebte, Vanessa Lenormand, vor sich, genau an der Stelle, an der Katharina Rookwood jetzt lag und er sah sie genauso verletzt und geschändet. Eine Welle von Übelkeit übermannte ihn regelrecht und er musste sich arg zusammenreißen, nicht den Inhalt seines Magens auf dem Boden des Büros zu verteilen.

Amycus war der Erste, der das Büro des Schulleiters fluchtartig verließ, nachdem der Dunkle Lord sie entlassen hatte. Als er sein Zimmer erreicht hatte, schlug er die Tür hinter sich zu und kam für eine ganze Woche nicht heraus.

Dolohow erwachte als Erster aus der Schockstarre. Er trat nach vorne, legte seinen Umhang um Rookwoods Nichte und half ihr auf. Rookwood selbst konnte nichts tun. Er war erschöpft auf die Knie gesunken und ließ den Kopf hängen. Er war außerstande aufzustehen.

„Ich hoffe, du nimmst deine Aufgaben beim nächsten Mal etwas ernster, Rookwood, und widmest ihnen deine volle Aufmerksamkeit. Habe ich mich klar ausgedrückt?"

„Ja, My Lord", sagte Rookwood schwach und unter größter Mühe.

Ihre Versammlung löste sich auf. Einerseits schien jeder das Büro möglichst schnell verlassen zu wollen, andererseits schien das blanke Entsetzen über den Horror, den sie eben für Stunden mitangesehen hatten, sie am Ort des Schreckens festzuhalten. Es dauerte lange, bis sich jemand bewegte. Niemand sagte etwas. Alle sahen nach unten. Niemand konnte oder wollte Worte für den heutigen Abend finden.

Nachdem er endlich Kontrolle über seinen Körper wiedererlangt hatte, bemerkte Rabastan, dass sich seine Glieder wie Blei anfühlten. Ihm war schwindelig und er hatte Kopfschmerzen, als er es endlich schaffte, nach Hause zu apparieren.

Er fand seinen Bruder auf dem Sofa schlafend im Wohnzimmer. Hermine lag im Bett und war ebenfalls bereits eingeschlafen. Rabastan betrachtete sie eine Weile, wie sie entspannt da lag und ruhig atmete. Sie war unschuldig und wusste nichts von den Grauen, die außerhalb ihres sicheren Zuhauses geschahen. Nach dem heutigen Abend entschied sich Rabastan, dafür zu sorgen, dass das auch so blieb.

Er verließ sein Zuhause wieder und apparierte nach London. Ihm war jetzt nach einem starken alkoholischen Getränk zumute, dass ihn seine Sorgen und vor allem die Bilder, die sich in sein Gedächtnis eingebrannt hatten, vergessen ließ. In den frühen Morgenstunden kehrte er betrunken zu Hermine zurück, legte einen Arm um sie und drückte sie fest an sich.

Als Hermine am nächsten Morgen in Rabastans Armen erwachte, spürte sie sofort, dass sich etwas verändert hatte.


Rodolphus war lange vor ihnen aufgestanden und weil das Wetter passend war, war er schon vor Stunden nach draußen in den Garten gegangen.

Hermine und Rabastan standen spät auf und saßen zu zweit am Frühstückstisch. Rabastan, der in der Nacht zuvor offenbar eine Menge getrunken hatte, musste erst einmal einen Trank gegen seine Kopfschmerzen einnehmen.

Hermine fand, dass er schlecht aussah. Schatten lagen unter seinen Augen und er machte den Eindruck, als mache ihm etwas schwer zu schaffen. Tipsi hatte ihnen Pfannkuchen zum Frühstück gemacht (die besten, die Hermine je gegessen hatte), doch Rabastan rührte kaum etwas an. Er trank nicht mal Kaffee oder Tee, was ungewöhnlich für ihn war.

Heute Morgen, als Hermine in seinen Armen aufgewacht war, hatte sie sofort gemerkt, dass in der Nacht davor etwas passiert sein musste. Rabastans Umarmung, die sie sehr schätzte und in der sie sich wohlfühlte, war nicht wie sonst sanft und zärtlich und erfüllte sie auch nicht mit der wohligen Wärme, die sie kannte. Rabastan hatte sie umklammert, als ob er sie festhalten wollte, als ob er Angst hätte, dass ihm Hermine entglitt.

Sie hatte ihn bislang nicht auf den gestrigen Abend angesprochen, denn normalerweise interessierte es sie nicht, was bei den Todessertreffen passierte, doch diesmal musste sie es tun. Sie machte sich Sorgen um Rabastan.

Als Einstieg in das Gespräch schob sie ihm die Marmelade hin und fragte ihn, ob er etwas davon wollte.

„Die ist wirklich gut", sagte Hermine und versuchte, ihm ein aufmunterndes Lächeln zu schenken.

Rabastan reagierte kaum. Er schüttelte nur kaum merklich mit dem Kopf.

„Rabastan", sagte Hermine und schob ihren Teller weg. In seiner Gegenwart war ihr längst der Appetit vergangen. „Du bist den ganzen Morgen schon so komisch. Gestern Abend, bevor du weg musstest, war noch alles in Ordnung. Du warst die ganze Nacht weg und hast getrunken. Bitte, rede mit mir. Sag mir, was passiert ist. Dich beschäftigt doch etwas, das sehe ich."

Als er keine Antwort gab, versuchte sie es weiter.

„Du weißt, dass du mit mir reden kannst. Ich mache mir Sorgen um dich und will doch einfach nur wissen…"

„Vielleicht will ich aber nicht darüber reden!", polterte Rabastan plötzlich los, schlug mit der Faust auf die Tischplatte, sodass sein Glas umfiel, und rauschte hinaus.

Hermine blieb starr vor Schreck zurück. Sie war zur Salzsäule erstarrt und konnte sich nicht mehr bewegen. Völlig durcheinander sah sie zu, wie sich die Tischdecke mit Orangensaft vollsog.

Er hatte sie noch nie angeschrien. Überhaupt war Rabastan noch nie laut geworden. Er war immer sehr ruhig und gelassen und selten gab es etwas, das ihn wütend machte. Es erschreckte Hermine zutiefst, dass er so aus der Haut gefahren war, und augenblicklich fühlte sie sich schuldig. Sie hatte ihn bedrängt. Es traf sie sehr, dass er sie angeschrien hatte.

Sie ließ Rabastan in Ruhe und gesellte sich stattdessen zu Rodolphus in den Garten.


Hermine sah Rabastan sogar für ein paar Tage überhaupt nicht. Er schlief nicht mal mehr mit ihr in ihrem gemeinsamen Bett. Dann schließlich, nachdem sie vier volle Tage nicht miteinander gesprochen hatten, kam er kleinlaut zu ihr zurück. Mittlerweile sah er wieder besser aus.

„Es tut mir so leid. Ich hätte dich nicht anschreien dürfen. Ich weiß, du hast es nur gut gemeint."

„Ist schon gut", sagte Hermine sofort. „Ich bin dir nicht böse. Dir ging es nicht gut, das habe ich gemerkt."

„Das rechtfertigt nicht, dass ich…"

Sie legte ihm einen Finger auf die Lippen und brachte ihn damit zum Schweigen. „Lass uns bitte nicht mehr darüber reden. Vergeben und vergessen."

„Danke."

„Möchtest du heute darüber reden, was dich so sehr beschäftigt hat?", fragte Hermine.

Rabastan zögerte. Das Thema war ihm sichtlich unangenehm. „Bei dem Treffen mit dem Dunklen Lord ist etwas… Unschönes passiert, was uns alle… ziemlich fertig gemacht hat."

„Was war das? Hat der Dunkle Lord dich bestraft?"

„Nein, das heißt, ach, ich weiß nicht. Es tut mir leid, ich kann nicht darüber sprechen. Ich möchte das eigentlich gerne vergessen."

Er nahm sie fest in seine starken Arme. „Ich liebe dich, Hermine, und ich werde niemals zulassen, dass dir etwas passiert."

„Ich liebe dich auch, Rabastan", sagte Hermine und schmiegte sich an ihn.

Das Paar verharrte lange in der Umarmung, um sich gegenseitig Halt zu geben und die vergangenen Tage der Entbehrung nachzuholen. Hermine wusste, was sie für den Rest des Tages wollte: Rabastan.

Sie begann ihn zu küssen und auszuziehen und übernahm für die kommende Nacht die Führung. Als sie auf ihm ritt und die beiden zusammen den Gipfel ihrer Leidenschaft erklommen, waren alle Schrecken zumindest für kurze Zeit vergessen.


Auch wenn Rabastan in den kommenden Tagen und Wochen merklich verändert war, kehrte das verliebte Paar allmählich zur Normalität zurück. Hermine wusste genau, dass Rabastan etwas beschäftigte, über das er nicht sprechen wollte. Als sie Avery und Macnair besuchten bestätigte sich Hermines Verdacht. Rabastans Freunde verhielten sich nicht wie sonst, sondern waren eher wortkarg. Etwas musste bei ihrem Treffen passiert sein, etwas, über das sie alle nicht sprechen wollten. Wenn selbst die Todesser bedrückt über etwas waren, was bei einem Treffen mit ihrem Lord vorgefallen war, dann konnte der Grund dafür nur ein schlimmer sein und Hermine wollte sich gar nicht ausmalen, was dieser Grund sein könnte.

Sie besuchten Avery in seinem Atelier, wo Hermine beeindruckt seine Bilder bestaunte.

„Wow, das ist wirklich… Ich bin sprachlos", sagte Hermine, während sie die Gemälde bewunderte. Avery entpuppte sich als detailversessener Maler, der im Stil des Realismus arbeitete und der bei der Darstellung seiner Motive höchste Präzision und Akribie walten ließ.

„Mein Angebot steht noch, Ms. Granger", meinte Avery. „Lassen Sie sich von mir porträtieren."

Macnair hingegen hätte gegensätzlicher nicht sein können. Rabastan und Hermine besuchten in auf seinem Anwesen in der Grafschaft Cornwall. Das Haus war umgeben von einer riesigen Fläche Wald und Ländereien, die die Familie Macnair seit Generationen bewirtschaftete. Der ganze Stolz der Familie lag aber verborgen hinter dem Haus auf einer freien Fläche.

Macnair führte Rabastan und Hermine über das Gelände zu einer großen Voliere. In fast einem Dutzend Käfige saßen alle möglichen Arten von Greifvögeln: Eulen, Adler und Falken.

„In meiner Familie ist die Falknerei Tradition. Früher wurde mit den Tieren auch noch gejagt, aber heute sind sie nur noch Haustiere."

„Die sind wunderschön", sagte Hermine.

Macnair zog sich einen ledernen Falknerhandschuh über seinen rechten Arm, öffnete den Käfig und ließ einen Steinadler auf seinen Unterarm steigen.

„Ich dachte, die gibt's bei uns gar nicht", meinte Rabastan.

„Stimmt. Den habe ich aus einem Ei aufgezogen, das mir jemand aus den Alpen mitgebracht hat. Wollen Sie ihn anfassen, Ms. Granger?"

Hermine näherte sich vorsichtig und berührte das weiche Gefieder des Vogels, der sie mit wachsamen Augen argwöhnisch beäugte.

„Haben Sie die auch trainiert?", fragte sie, während sie den Adler streichelte.

„Ja." Macnair ließ das Tier losfliegen. Der Steinadler erhob sich in die Lüfte und verschwand schließlich über den Baumwipfeln. Macnair wartete ein paar Minuten, dann zog er eine Pfeife unter seinem Umhang hervor und blies hinein, um dem Vogel zu signalisieren, dass er zurückkommen sollte.

„Ziehen Sie den Handschuh an, Ms. Granger, dann landet er auf Ihrem Arm."

Hermine ließ sich widerwillig überreden. Mit ausgestrecktem Arm stand sie da und wartete auf den Steinadler. Macnair holte inzwischen Fleischstückchen, die er dem Tier als Belohnung geben wollte.

„Achtung, er kommt", flüsterte Rabastan, der hinter Hermine stand und seine Hände auf ihre Schultern gelegt hatte. „Mach dich bereit."

Hermine machte einen Ausfallschritt, damit sie einen besseren Stand hatte, dann ließ sie den Vogel auf ihrem Arm landen. Vielleicht merkte das Tier, wie unsicher sie war, denn es landete ungewöhnlich sanft. Hermine zuckte trotzdem ein bisschen zusammen, als sie das Gewicht des Vogels auf ihrem Arm spürte. Macnair gab seinem Adler ein Stück Fleisch zu fressen.

Später als Hermine und Rabastan nach Hause appariert waren, machten sie noch einen Spaziergang durch den Garten des Lestrange-Anwesens.

„Die Vögel waren echt toll. Ich hab noch nie einen Adler oder einen Falken aus der Nähe gesehen."

„Beim ersten Mal war ich auch schwer beeindruckt", meinte Rabastan.

„Was meinst du, soll ich mich von Avery porträtieren lassen? Das würde hier in eure Sammlung passen."

In den Gängen und Zimmern des Lestrange-Anwesens hingen unzählige Gemälde von Rabastans Vorfahren.

„Mir haben diese historischen Kleider sehr gut gefallen", sagte Hermine, die immer noch begeistert war. „Das wäre…"

„Ähm, ich weiß nicht so recht, Hermine", meinte Rabastan. „Die anderen Portraits sind ziemlich unfreundlich. Ich weiß nicht, ob sie dich in ihrer Mitte akzeptieren werden."


Ein paar Tage später war Rabastan praktisch wieder der Alte. Er schaffte es sogar sich aufzuraffen und endlich den Dachboden gründlich auszumisten und aufzuräumen. Wenn Hermine ihm Gesellschaft leistete, dann lachten sie gemeinsam über das alte Kinderspielzeug der beiden Brüder, das sie fanden, oder sahen sich zusammen alte Fotoalben an.

„Da war ich drei und Rodolphus fünf", erklärte Rabastan bei einem Bild, auf dem er und sein Bruder als kleine Kinder zu sehen waren. „Wir haben oft im Garten draußen gespielt. Ich hab manchmal Rodolphus' Spielzeug einfach genommen, ohne ihn zu fragen. Da war er richtig sauer. Aus Rache wollte er mich dann dazu bringen, einen Regenwurm zu essen."

Hermine prustete laut los.

„Unsere Eltern haben es rechtzeitig gesehen und haben ihn davon abgehalten. Ich nehme es ihm nicht übel."

Wenn sie allein waren, machten sie die Nacht zum Tage und gaben sich bis in die frühen Morgenstunden ihrer Leidenschaft hin. Hermine wollte nie wieder von einer anderen Person geküsst, berührt oder geliebt werden als von Rabastan. Sie harmonierten perfekt miteinander. Wenn sie mit ihm zusammen war, dann fühlte sie sich vollständig. Sie bekam nicht nur die körperliche Befriedigung, nach der sie sich sehnte, auch die schwarze Leere in ihrem Inneren nach dem Tod ihrer Freunde war endlich ausgefüllt worden.


Es war ein Sonntagmorgen. Rabastan und Hermine hatten nach einer romantischen Nacht bis in den späten Vormittag geschlafen und quälten sich nun mehr als widerwillig aus dem Bett. Hermine knuddelte sich fest in ihre Decke und zog eine Schnute, als Rabastan verkündete, er wolle eine Dusche nehmen.

„Das hat doch Zeit", meinte Hermine entrüstet. „Komm wieder zurück ins Bett. Es ist so schön."

„Du kannst ja mitkommen", schlug Rabastan vor, wobei er vielsagend grinste.

Das ließ sich Hermine nicht zweimal sagen. Kurz darauf gingen sie nach unten ins Esszimmer.

Rodolphus saß bereits am Frühstückstisch und las die Wochenendausgabe des Tagespropheten. Auf dem Tisch stand ein großer Teller mit Pfannkuchen. Als Rodolphus Hermine und Rabastan bemerkte, faltete er die Zeitung zusammen und legte sie beiseite. Er zog eine Augenbraue nach oben und bedachte das verliebte Paar mit einem genervten Blick, während er ungeduldig mit den Fingern auf die Tischplatte trommelte.

„Was ist denn mit dir los?", fragte Rabastan gut gelaunt, setzte sich und nahm sich sofort einen Pfannkuchen. Hermine, die an diesem Morgen energiegeladen war, schnappte sich sofort die Zeitung.

„Wir müssen mal ein ernstes Wörtchen miteinander reden. Ich freu mich ja wirklich für euch zwei, dass ihr euch nachts so gut amüsiert", sagte Rodolphus verstimmt. „Aber tut mir bitte einen Gefallen. Legt das nächste Mal, wenn ihr „beschäftigt" seid, einen Schweigezauber über euer Zimmer, ja?"

Hermines Wangen wurden augenblicklich knallrot und sie versteckte sich hinter der Zeitung. Rabastan brach in schallendes Gelächter aus.

„Klar, kein Problem!", sagte er, als er sich schließlich wieder gefangen hatte.

„Vielen Dank, ich wäre euch wirklich sehr verbunden."

Hermine traute sich kaum, sich mit dem Bruder ihres Geliebten an einen Tisch zu setzen, so peinlich war ihr das Ganze. Rabastan grinste und bestrich seinen Pfannkuchen mit Marmelade.

„Hermine, willst du die Zeitung lesen?", fragte Rodolphus.

„Oh, ähm, ja, wieso eigentlich nicht", meinte Hermine. Es war lange her, dass sie sich über die neuesten Vorkommnisse in der Zaubererwelt informiert hatte. Normalerweise ignorierte sie Nachrichten konsequent.

„Würdest du mir aber bitte den Wirtschaftsteil geben? Den habe ich noch nicht gelesen", bat Rodolphus.

„Klar", sagte Hermine, suchte den Teil heraus und reichte ihm Rodolphus.

„Danke."

Während sich Rodolphus dem Wirtschaftsteil widmete, überflog Hermine die aktuellen Schlagzeilen. Der Minister hatte ein neues Gesetz erlassen und Yaxley, der Leiter der Magischen Strafverfolgung, hatte ein Interview dazu gegeben.

Als Hermine Seite 2 aufschlug, stockte ihr den Atem und ihr Herz setzte einen Moment aus. Die beiden Brüder, die gerade angefangen hatten, sich über den Immobilienmarkt in London zu unterhalten, hatten zum Glück nichts bemerkt.

Sofort begann Hermine zu lesen. Ein paar ehemalige Mitglieder des Phönixordens und Kämpfer des Widerstandes hatten sich kürzlich einen Kampf mit Auroren aus dem Zaubereiministerium geliefert. Alle waren flüchtig, was Hermine aufatmen ließ. Allerdings wurden jetzt alle mit Haftbefehl gesucht. Ihre Fotos waren nebeneinander in der Zeitung abgebildet, darunter jeweils die Summe des Kopfgeldes, das auf sie ausgesetzt war. Hermines Magen zog sich unangenehm zusammen und augenblicklich verging ihr der Appetit.

Zu allem Überfluss war auch noch Neville Longbottom vor zwei Tagen in der Winkelgasse gesehen worden. Es war nicht gelungen ihn zu festzunehmen und das Ministerium nahm Hinweise zu seiner Ergreifung aus der Bevölkerung entgegen.

Vor zwei Tagen. Hermine und Rabastan waren vor zwei Tagen ebenfalls in der Winkelgasse gewesen. Wahrscheinlich hatten sie Nevilles Auftauchen dort nur knapp verpasst.

Hermine hoffte inständig, dass es ihm gutging und dass ihn das Ministerium nicht erwischte.

„Irgendwas Interessantes?", fragte Rabastan.

„Nein, nein!", sagte Hermine schnell, schlug die Zeitung zu und legte sie beiseite. „Rita hat wieder irgendeinen Blödsinn geschrieben."

„Ach, typisch. Ich frage mich, wann der Prophet sie endlich auf die Straße setzt."


Weder Rodolphus noch Rabastan sprachen in der kommenden Woche mit Hermine über das, was in der Zeitung gestanden hatte. Ob sie es bloß aus Rücksicht auf Hermine nicht ansprachen oder tatsächlich nicht gelesen hatten, wusste Hermine nicht, sie war aber froh, sich nicht damit auseinandersetzen zu müssen.

Natürlich beschäftigte es sie irgendwie, was „draußen", außerhalb ihrer Welt im Lestrange-Haus, vor sich ging. Sie machte sich Sorgen um ihre Freunde und sie hatte das Gefühl, dass sich etwas zusammenbraute. Meist verdrängte sie ihre Ängste, weil sie sich vor den beiden Brüdern nichts anmerken lassen wollte.

Wenn sie abends im Bett lag und ihre Aufmerksamkeit nicht Rabastan galt, dann konnte sie oft lange nicht einschlafen, weil ihre Gedanken bei Neville und den anderen waren. Hermine hatte große Angst, dass die Geschehnisse draußen ihren Weg irgendwann in ihr neues Zuhause finden und ihren neugewonnen Frieden und ihr Glück zerstören könnten.

Ihre Sorgen waren immer nur nebensächlich, wenn Rabastan sie in seine Arme schloss und die Nacht ihnen gehörte. Wenn sie mit ihm zusammen war, dann vergaß sie alles um sich herum. Er gab ihr die Kraft und den Halt, den sie brauchte, um weiterleben zu können. Wenn er sie küsste, wenn sie miteinander schliefen und wenn sie gemeinsam den Gipfel der Leidenschaft erklommen, dann war Hermine glücklich und lebendig. Erst als sie Rabastan Lestrange getroffen hatte, hatte ihr Leben wirklich begonnen.


Anderswo herrschte nicht das Glück, das Rabastan und Hermine teilten, sondern die Dunkelheit. Nach den schrecklichen Vorkommnissen im Schulleiterbüro hatte sich Amycus zurückgezogen und war auch noch nach einer ganzen Woche nicht in der Lage, seine Zufluchtsstätte zu verlassen.

Er entschuldigtes ich wegen Krankheit bei Melinda und ließ sich vorübergehend von ihr vertreten. Er konnte nichts essen und musste sich ständig übergeben. Nachts plagten ihn Albträume. In seinen Träumen sah er immer wieder abwechselnd das junge Mädchen und Vanessa zusammen, wie sie von der wild gewordenen Horde Greifer geschändet wurden.

Amycus schlief in jener Woche kaum. Er hatte Angst die Augen zu schließen, er hatte selbst Angst vor die Tür zu treten. Allein der Gedanke daran, die Schüler wiederzusehen, vor einer Klasse zu stehen und zu unterrichten, versetzte ihn in Panik. Wenn er nur die Hand auf die Türklinke legte, brach ihm bereits kalter Schweiß aus.

Er fühlte sich elendig, absolut miserabel. Wenn er es als Mann nicht als ein Zeichen von Schwäche gewertet hätte, Amycus wäre wahrscheinlich in Tränen ausgebrochen.

Seine Schwester besuchte ihn kein einziges Mal, vermutlich weil sie auf ihre ganz eigene Weise mit dem Erlebten zurechtzukommen versuchte.

Am siebten Tag hielt Amycus es nicht mehr länger aus. Es war Sonntag und das Schloss war ruhig. Die meisten Schüler waren in Hogsmeade oder draußen am See, um das schöne Wetter zu genießen. Er wusste, dass er sich nicht ewig in seinem Büro verstecken und vor dem Unvermeidlichen davonlaufen konnte. In der einwöchigen Einsamkeit hatte er endlich eingesehen, dass er sich entscheiden musste. Amycus musste endlich eine Wahl treffen: die Wahl über sein zukünftiges Leben.

Während er das Foto betrachtete, das ihm Vanessa bei der Jubiläumsfeier gegeben hatte, dachte er nach. Lange hatte er diesen wichtigen Moment hinausgeschoben. Zu lange, wie er jetzt wusste. Es gab deshalb nur eine Lösung für seine Miesere: Er musste schnell handeln.

Es war nicht schwer herauszufinden, wo genau in London Valentina Lenormand lebte. Mit pochendem Herzen und zittrigen Händen stand Amycus eine Stunde später vor der Tür der Wohnung. Er brauchte gute zehn Minuten, bis er sich endlich überwinden konnte, die Klingel zu betätigen.

Es dauerte nicht lange, bis er Schritte von drinnen hörte und die Tür einen Spalt breit geöffnet wurde.

„Ja?"

Da war sie, die Stimme, nach deren Klang er sich gesehnt hatte. „Vanessa, ich bin's, Amycus."

Die Tür ging sofort auf. „Amycus?! Was machst du denn hier?!" Vanessa Lenormand starrte ihn völlig entgeistert an.

„Können wir reden? Bitte."

„Natürlich. Was gibt's?"

„Bist du allein?", fragte Amycus, als er nach innen trat und Vanessa die Tür hinter ihm schloss.

„Ja. Tante ist mit Alexia in die Stadt gegangen. Du siehst nicht so gut aus, wenn ich das bemerken darf."

Das glaubte Amycus ihr gern. Eine Woche praktisch ohne Essen und Schlaf hinterließen ihre Spuren.

„Hatte eine harte Woche", sagte Amycus. „Ich wollte gerne mit dir reden, wenn du mir überhaupt noch zuhörst."

„Amycus, natürlich", sagte Vanessa, auf deren Gesicht er ablesen konnte, wie sehr sie sich freute, dass er gekommen war. „Ich habe so lange darauf gehofft, dass wir uns wiedersehen."

„Ich muss dir ein paar Dinge sagen", begann Amycus, nachdem er tief Luft geholt hatte. „Es tut mir alles so leid, Vanessa. Was ich in Hogwarts getan habe und wie ich dich behandelt habe. Ich…"

Sie hörte ihm aufmerksam zu. „Alectos und meine Kindheit war nicht die beste", erklärte Amycus. „Unser Vater hat oft getrunken und dann unsere Mutter oder uns geschlagen. Ich… Ich wollte dich nicht im Stich lassen, aber ich hatte Angst."

„Wovor, Amycus?"

„Dass ich womöglich genauso werde wie unser Vater. Ich hatte Angst, ein schlechter Vater zu werden."

„Hey, ich war 17, als ich Mutter geworden bin", sagte Vanessa. Sie trat nah an ihn heran und sah ihm direkt in die Augen. „Was glaubst du, was ich für Sorgen hatte? Ich hatte auch Angst, dass ich mich nicht anständig um mein Kind kümmern kann, aber ich hatte eine sehr gute Hilfe und es funktioniert alles wunderbar." Sie ergriff seine Hände. „Man muss nur Hilfe zulassen, Amycus. Man muss nicht alles alleine machen. Und ich bin mir sicher, dass du ein wunderbarer Vater wärst."

„Es war trotzdem nicht richtig, dich allein zu lassen."

„Das spielt doch keine Rolle mehr", sagte Vanessa.

„Doch, das tut es. Ich habe dich gehen lassen und das war ein Fehler. Du weißt vermutlich nicht, was mir unsere Beziehung bedeutet hat. Wenn ich dich verlieren würde, dann könnte ich mir das niemals verzeihen. Und ich habe unsere Tochter allein gelassen. Das ist unverzeihlich."

Er sah, wie sich Tränen in ihren Augen formten.

„Es tut mir alles so leid", sagte Amycus niedergeschlagen. „Ich weiß, was ich falsch gemacht habe und ich weiß, dass ich ein ziemlicher Idiot sein kann. Aber ich weiß, dass ich dich liebe, Vanessa, und es ist mein größter Wunsch, dass du mir verzeihst und mich zurücknimmst."

Sie lächelte.

„Was sagst du?"

„Weißt du, wie lange ich mir schon wünsche, dass du zu mir zurückkommst?", sagte Vanessa weinend. „Natürlich verzeihe ich dir und natürlich nehme ich dich zurück."

Sie fiel ihm um den Hals und drückte ihn fest. „Das ist der glücklichste Moment seit langem. Ich liebe dich, Amycus."

Sie verharrten einige Zeit in ihrer Position, dann löste sich Amycus von Vanessa.

„Vanessa, ich werde ab jetzt Verantwortung übernehmen und für dich und Alexia da sein. Ich möchte dir gerne eine Frage stellen."

Sie nickte. „Was denn?"

„Willst du meine Frau werden?"

Vanessa antwortete nicht gleich, sondern starrte ihn nur fassungslos an, als hätte sie sich verhört. „Amycus, ich… Ich weiß nicht, was ich sagen soll." Ihre Wangen färbten sich rosa und sie blickte peinlich berührt nach unten.

„Vanessa, du bist die Frau, mit der ich zusammen sein möchte, mit der ich noch mehr Kinder möchte, mit der ich den Rest meines Lebens verbringen möchte. Würdest du mir diese Ehre erweisen? Nimmst du an?"

Sie brauchte einen Moment, um ihre Fassung wiederzuerlangen. „Es wäre mir eine Ehre. Meine Antwort ist ja, ich möchte deine Frau werden."

Sie küssten sich.

„Tante wird Augen machen", meinte Vanessa, als sie den Kuss unterbrach. „Das wird leider noch ein unangenehmes Gespräch werden."

„Mach dir keine Sorgen, Vanessa", beruhigte Amycus sie. „Ich habe mir vorgenommen, nicht mehr davonzulaufen, sondern meine Verantwortung wahrzunehmen. Ich werde mich stellen."

„Das meine ich nicht, Amycus", sagte Vanessa. „Tante wird dich mit offenen Armen empfangen. Sie schimpft seit zwei Jahren über den nicht anwesenden Vater ihrer Nichte. Sie würde es unterstützen, dass wir zusammen sind."

„Also? Wo ist das Problem?"

„Amycus, da gibt es etwas, was ich dir sagen muss. Ich freue mich so sehr, dass wir wieder zusammen sind, aber…", sagte Vanessa ernst. Sie klang bedrückt. „Meine Tante ist im Widerstand. Und ich… bin es im Prinzip auch, weil ich nicht auf eurer Seite stehe. Du bist ein Todesser, Amycus. Ich meine, ich kann grundsätzlich mit dir auf deiner Seite sein, aber umgekehrt geht das nicht."

„Ich verstehe und du hast natürlich nicht ganz Unrecht, aber da gibt es etwas, was auch ich dir sagen muss. Ich war ein Todesser", sagte Amycus langsam.

„Wie meinst du das?", fragte Vanessa verwirrt.

„Vor einer Woche hat der Dunkle Lord…"

„Was hat er?"

„Da war dieses Mädchen", erklärte Amycus und beim Gedanken an die Geschehnisse stieg erneut Übelkeit in ihm auf. „Der Dunkle Lord hat schreckliche Dinge getan. Ich habe an dich gedacht. Ich hatte so Angst, dass du da liegen könntest." Er brach ab.

Vanessa nahm sein Gesicht in ihre Hände und küsste ihn.

„Ich kann so nicht weitermachen", sagte Amycus mit erstickter Stimme. „Ich kann nicht mehr. Es ist mir alles egal. Ich…"

„Amycus, ich liebe dich und ich will dich", sagte Vanessa. „Bleib bei mir. Komm auf unsere Seite. Nur so können wir wirklich zusammen sein."

„Ich weiß. Und genau das werde ich tun."

Als er Hogwarts verlassen hatte und zu Vanessa gekommen war, hatte er seine Entscheidung eigentlich schon getroffen. Es gab kein Zurück mehr.

„Was ist mit meiner Schwester?" Es war die Angst, die ihn am meisten plagte. Was würde mit Alecto passieren? Er hoffte, dass sie nicht für seinen Verrat bezahlen musste.

„Sie muss ihren eigenen Weg gehen, genau wie wir beide. Ihr wird nichts passieren, da bin ich mir sicher", tröstete ihn Vanessa. „Wenn du nicht mehr da bist, dann kann der Dunkle Lord sie auch nicht benutzen, um dich zu verletzen."

„Da ist was dran."

„Komm, Amycus, meine Tante müsste bald zurück sein und dann leiten wir alles in die Wege."

Noch am selben Tag tauchten Vanessa und Amycus zusammen unter. Durch Vanessas Tante kamen sie zum Widerstand, der sie an einem geheimen Ort versteckte, wo Amycus vor den Todessern sicher sein würde.


Eine Woche war vergangen, seit Rabastan gezwungen gewesen war, die Verbrechen an Katharina Rookwood mitanzusehen. Er und Hermine hatten sich bereits ausgesprochen und versuchten nun zur Normalität zurückzufinden. Das Paar und Rodolphus saßen nach dem Abendessen zusammen und spielten Zaubererschach. Rodolphus hatte Hermine, die immer gedacht hatte, dass sie in Zaubererschach eine Niete war, die Regeln erklärt und ihr angeboten, mit ihr zu üben. Er und Rabastan spielten abwechselnd eine Partie mit Hermine, die zwar immer noch oft verlor, aber langsam besser wurde und mehr Übung hatte.

„Du machst gute Fortschritte", lobte Rabastan.

„Danke."

Rabastan wollte gerade einen neuen Zug mit seinem Turm machen, als die Türklingel ertönte.

„Halb elf, wer kann das sein?"

Die beiden Todesser sahen sich an. Sorge war in ihr Gesicht geschrieben. Ein Besuch, so spät am Abend, der nicht bis zum nächsten Morgen warten konnte, versetzte beide sofort in Alarmbereitschaft.

Der späte Besucher entpuppte sich als Melinda Vermont. Die Schulleiterin war in einen Reiseumhang gekleidet. Rabastan bot ihr an, ihr den Mantel abzunehmen, doch sie lehnte höflich ab.

„Vielen Dank, das ist nett, aber ich werde ohnehin nicht lange bleiben. Entschuldigt bitte die späte Störung."

„Kein Problem", sagte Rabastan. „Was ist los? Irgendwas ist passiert, oder? Sonst wärst du nicht hier."

„Leider ja. Ich komme mit schlechten Nachrichten", erklärte Melinda ernst. „Amycus ist weg."

„Was heißt das?"

„Wie? Amycus ist weg?"

„Er ist… offenbar gegangen. Er hat sich eine Woche wegen Krankheit bei mir entschuldigt. Diesen Montag erschien er nicht mehr zum Unterricht und wir erreichen ihn auch nicht mehr. Der Dunkle Lord kann ihn über das Dunkle Mal weder rufen noch ausfindig machen."

Rabastan und Rodolphus sahen sich geschockt an. „Heißt das…?!"

„Von Alecto habe ich erfahren, dass er gewisse Verbindungen zur Lenormand-Familie hat."

„Ja, er und Vanessa Lenormand waren zusammen und haben eine gemeinsame Tochter", sagte Hermine.

Melinda nickte. „Ich habe die Lenormands aufgesucht, aber musste erfahren, dass sie ihre Tochter schon vor über zwei Jahren verstoßen haben und sie bei der Tante, Valentina Lenormand, lebt."

„Ja. Vanessa hat erzählt, dass ihre Tante sich um sie und das Kind gekümmert hat", sagte Hermine. „Ihre Eltern haben sie sozusagen von zu Hause rausgeworfen, weil sie mit 17 eben von Amycus schwanger geworden ist. Ihre Tante hat sie daraufhin aufgenommen. Ich glaube, die Tante lebt in London."

„In der Tat. Ich war bei der Wohnung, fand aber auch dort niemanden", fuhr Melinda fort. „Die Wohnung war leer. Ich brauche euch wohl nicht zu erklären", sagte sie an die beiden Brüder gewandt, „was das bedeutet."

„Ach du lieber Himmel", meinte Rodolphus.

„Amycus ist mit Vanessa zusammen getürmt", schlussfolgerte Rabastan. „Das gibt's doch gar nicht."

„Davon müssen wir ausgehen, ja", sagte Melinda ernst. „Man munkelt seit langem, dass Valentina Lenormand den Widerstand unterstützt. Dasselbe wird für ihre Nichte gelten. Also müssen wir annehmen, dass Amycus mit Vanessa zusammen zum Widerstand geflohen ist."

„Verdammt. Was macht der Dunkle Lord jetzt?"

„Amycus ist jetzt offiziell ein Verräter", berichtete Melinda weiter. „Das Ministerium sucht ihn mit Haftbefehl und auf ihn wurde bereits ein Kopfgeld ausgesetzt. Alle Todesser haben die Anweisung bekommen, ihn lebend zum Dunklen Lord zu bringen."

„Ich hoffe für ihn, dass ihn der Widerstand gut versteckt", sagte Rodolphus. „Mit diesem Verrat hat er sein Todesurteil unterschrieben."

„Daran zweifle ich keine Sekunde", sagte Melinda. „Ich hätte nicht gedacht, dass er so etwas tun würde. Ich vermute aber mal, dass es eine Kurzschlusshandlung war. Er hat alle seine Habseligkeiten in Hogwarts zurückgelassen. Er hat nicht einmal Geld mitgenommen."

„Dann hat er seine Flucht zumindest nicht von langer Hand geplant. Immerhin."

„Ja."

„So ein Mist. Wie geht's Alecto?"

„Sie ist sehr durcheinander und wütend. Und ich habe jetzt einen Lehrer weniger. Keine Ambitionen, Rabastan?"

„Merlin, bewahre! Ich muss leider höflich nein sagen. Tut mir leid."

„Zu schade", meinte Melinda. „Nun gut, dann muss ich eben vorübergehend für ihn übernehmen. Es tut mir sehr leid, dass ich so schlechte Nachrichten habe. Ich dachte nur, ihr solltet es wissen."

„Danke, dass du da warst und es uns gesagt hast."

„Wir sehen uns. Rabastan, Rodolphus, Hermine."


Es war ein Samstagmorgen, als Hermine und Rabastan sich für die Winkelgasse fertig machten. Das Wetter war herrlich sommerlich, sodass sich Hermine für ein lockeres, buntes Kleid entschied. Wochen waren seit Amycus' überraschender Flucht vergangen. Sein Bild war fast jeden Tag in der Zeitung. Hermine konnte nachvollziehen, warum der Carrow-Bruder zum Abtrünnigen geworden war. Er hatte sich für Vanessa und seine Tochter entschieden, mit denen er nicht in Kontakt sein konnte, solange er dem Dunklen Lord diente. Seine Familie war ihm offenbar wichtiger gewesen als sein Dienst als Todesser.

Insgeheim bewunderte sie Amycus. Sie hatte Amycus für feige gehalten und für jemanden, der immer den leichtesten Weg ohne Widerstand einschlagen würde. Dass ausgerechnet er den Mut hatte, Voldemort zu verraten und sein Leben für seine Familie aufs Spiel zu setzen, hätte sie niemals erwartet.

Sie fragte sich allerdings trotz allem, was wohl der Auslöser für seinen plötzlichen Sinneswandel gewesen sein mochte. Sie hatte den Verdacht, dass es mit dem Ereignis an jenem besagten Sonntag zu tun hatte, als Rabastan spätabends von Voldemort gerufen worden war. Auch wenn Rabastan mittlerweile wieder fast der Alte war und sich nichts mehr anmerken ließ, spürte Hermine, dass etwas bei dem Treffen passiert sein musste, dass ihn tiefgreifend erschüttert haben musste. Er spielte es zwar herunter, aber Hermine ließ sich nicht beirren. Und Amycus hatte sich danach immerhin eine Woche in seinem Büro verschanzt, um dann zum Feind überzulaufen. Was mochte wohl vorgefallen sein?

Rabastan hatte eines Abends beim Essen verkündet, dass er sich nicht an der Suche nach Amycus beteiligen wollte. „Ihr müsst mir versprechen, dass das, was ich jetzt sage, unter uns bleibt. Sollte ich Amycus über den Weg laufen, dann werde ich ihn nicht zum Dunklen Lord bringen. Er ist ein Freund und ich respektiere seine Entscheidung." Danach hatten sie nicht mehr darüber gesprochen.

Rabastan wartete schon ungeduldig in der Eingangshalle, als Hermine noch schnell ihren Zauberstab in ihre Tasche packte und ihren täglichen Zaubertrank einnahm.

Rodolphus war im Garten mit den Beeten beschäftigt, als sie sich verabschiedeten und nach London apparierten.

„Wir sehen uns heute Mittag!", sagte Rodolphus und winkte ihnen zu, als sich Hermine und Rabastan an den Händen nahmen und verschwanden.

Wenn Hermine nur gewusst hätte, dass es tatsächlich etwas länger dauern sollte, bis sie Rodolphus wiedersehen würde, dann wäre sie vermutlich niemals an diesem Samstag in die Winkelgasse gegangen.

„Wo willst du als erstes hin?", fragte Rabastan, nachdem sie durch die Mauer geschritten waren und sich die Geschäftsstraße vor ihnen erstreckte.

„Ich brauche einen neuen Federkiel", sagte Hermine. „Du?"

„Ich hab gesehen, dass unsere Hausapotheke mal wieder aufgestockt werden muss. Also muss ich in die Apotheke."

Obwohl es noch früh am Morgen war, waren schon ungewöhnlich viele Leute in der Winkelgasse unterwegs. Rabastan ergriff Hermines Hand, damit sie sich in der Menge nicht verloren. Ein paar Leute warfen ihnen Blicke im Vorbeigehen zu. Hermine fühlte sich unter diesen Blicke oft unwohl, nur Rabastans Anwesenheit gab ihr genug Selbstvertrauen, die wertenden und oft abfälligen Blicke zu ertragen und über sie hinwegzusehen. Was wussten die anderen Leute denn schon über sie und Rabastan? Sie mussten sich für ihre Beziehung nicht rechtfertigen.

Sie gingen ohne Eile durch die Straße, kauften die Dinge, die sie sich vorgenommen hatten und sahen sie dich Schaufenster der Geschäfte an. Als Rabastan das neue Modell des Feuerblitzes in der Auslage von Qualität für Quidditch bewunderte, konnte Hermine nur die Augen verdrehen.

„Bei Quidditch sind wohl alle Männer gleich!", meinte sie lachend.

Am späten Vormittag ließen sie sich mit einem Eis auf einer Bank nieder und genossen die warmen Sonnenstrahlen.

„Ich möchte nachher noch zu Flourish & Blotts", sagte Hermine. „Wenn ich ein bisschen Französisch lernen soll, dann brauche ich doch wenigstens eine kleine Lektüre dazu."

Rabastan und Rodolphus hatten kürzlich angefangen, mit Hermine etwas Französisch zu üben. Sie konnte schon einige einfach Sätze, aber brauchte dringend eine Grammatik-Hilfe.

„Brauchst du mich unbedingt?", fragte Rabastan. „Ich würde mir nämlich gerne nochmal die Besen anschauen. Vielleicht werde ich mir einen kaufen."

Hermine lachte und aß den letzten Rest ihrer Waffel. Sie gab Rabastan einen Kuss auf die Wange. „Mach das. Wir sehen uns dann später, ja?"

„Bis dann."

Hermine erhob sich, lächelte Rabastan ein letztes Mal zu und eilte schließlich davon. Es war das erste Mal, dass sich Hermine und Rabastan in der Winkelgasse trennten. Rabastan hatte Hermine ohne Nachzudenken gehen lassen, weil er vollstes Vertrauen in seine junge Geliebte hatte. Noch vor zwei Monaten wäre er mit ihr mitgegangen, doch ihre Beziehung hatte sich so gefestigt, dass er ihr heute blind vertraute. Er wusste genau, dass Hermine zu ihm zurückkommen würde und sie sich später wiedersehen würden.

Als er zu Qualität für Quidditch zurückging, merkte er nicht, dass er beobachtet wurde.


Hermine drängelte sich an einer Gruppe Hexen vorbei, die mitten auf der Straße standen und sich unterhielten. Auf ihrem Weg zu Flourish & Blotts passierte sie eine enge Gasse, die völlig im Schatten der Häuser lag. Unter normalen Umständen hätte sie der verlassenen Gasse keine Beachtung geschenkt, aus dem Augenwinkel jedoch nahm sie eine Bewegung war. In der Dunkelheit sah sie verschwommen eine schemenhafte Gestalt, doch bevor sie überhaupt begriff, was gerade passierte und ihren Zauberstab ziehen konnte, spürte sie bereits einen Schmerz in ihrer Brust und alles um sie herum wurde schwarz.


Rabastan blieb fast eine Stunde im Quidditch-Geschäft, weil er sich mit einem Verkäufer, der ein guter Bekannter von ihm war, unterhalten hatte. Erst als er auf die Uhr sah, merkte er, wie viel Zeit bereits vergangen war.

„Du meine Güte, ich muss zurück zu Hermine, sie wird schon warten", sagte er, schloss noch schnell seine Bestellung ab und verließ das Geschäft.

Sie hatten sich wieder bei der Bank verabredet. Da Rabastan sich schon etwas verspätete, rechnete er damit, dass Hermine bereits auf ihn warten würde. Er sollte sich getäuscht haben. Etwas ratlos wartete er an der leeren Bank auf sie.

Als sie nach einer Viertelstunde immer noch nicht aufgetaucht war, begann Rabastan sich Sorgen zu machen. Hermine war zuverlässig und würde ihn niemals so lange warten lassen. Er wusste natürlich, dass sie schnell die Zeit vergessen konnte, wenn sie in Bücher vertieft war, doch kam ihm ihre Verspätung höchst merkwürdig vor.

Er machte sich auf den Weg zu Flourish & Blotts, um sie dort zu suchen. Als er sie nirgendwo entdecken konnte, fragte er den Verkäufer, ob er Hermine gesehen hatte.

„Hermine Granger? Die war nicht hier", sagte der Mann hinter dem Ladentisch. „Tut mir leid, Mr. Lestrange."

„Haben Sie trotzdem vielen Dank", sagte Rabastan höflich und ging zurück nach draußen.

Die Winkelgasse hatte sich mit Leuten gefüllt und es herrschte reges Treiben, sodass Rabastan sich durch die Menge drängen musste. Er konnte Hermine nirgendwo entdecken und zwischen all den Menschen war es unmöglich, anständig nach ihr zu suchen.

„Das darf doch nicht wahr sein!", murmelte er, als er die Straße auf und ab lief und nach Hermine Ausschau hielt. Er fragte Passanten, ob sie Hermine gesehen hatten, aber alle verneinten.

„Nein! Verdammter Mist!", fluchte Rabastan und trat gegen die Steinmauer eines Hauses.

Hermine war weg. Als sie sich vor mittlerweile fast zwei Stunden getrennt hatten, musste irgendetwas passiert sein. Sie mochte vielleicht den Weg zum Buchladen eingeschlagen haben, war aber dort nie angekommen. Alle möglichen Gedanken schossen ihm durch den Kopf. War sie entführt worden? Hatte jemand sie mitgenommen? Oder war tatsächlich das eingetreten, vor dem er sich so sehr gefürchtet hatte, aber das er nie für möglich gehalten hätte? War Hermine gegangen? Hatte sie den Moment genutzt, um zu fliehen?

Er hatte noch ihr Gesicht vor Augen, als sie sich von ihm verabschiedet hatte. Nichts an ihrem Lächeln hatte darauf hingedeutet, dass sie einfach weglaufen würde. Sie hatte sich gefreut, ihn später wiederzusehen. Sie hatte sogar noch davon gesprochen, Rodolphus später im Garten zu helfen. Hatte sie nicht immer gesagt, wie gern sie bei ihm und Rodolphus war und dass sie das Lestrange-Haus als ihr Zuhause ansah? War sie nicht glücklich mit ihm gewesen? Hatte sie ihm womöglich nur etwas vorgespielt, um den erstbesten Moment zur Flucht zu nutzen? Nein, das konnte nicht sein. Die letzten Wochen, all die Monate, in denen sie zusammen gewesen waren, hatten ihr etwas bedeutet. Sie hatte ihm gesagt, dass sie ihn liebte. Niemals hätte sie ihn so täuschen können.

Wenn sie ihn nicht verlassen hatte, musste ihr etwas passiert sein. Hatte jemand, der noch eine alte Rechnung mit ihr begleichen wollte, die Chance ergriffen und sie entführt? Hatte sie nicht immer wieder gesagt, wie viel Angst sie vor Fenrir Greyback hatte, weil dieser es auf sie abgesehen hatte?

Rabastan fühlte sich völlig hilflos. Er mochte sich gar nicht ausmalen, was Hermine passieren konnte.

Ein zweites Mal lief er die Winkelgasse ab, sah in jede kleine Nebengasse, ging sogar in die Nokturngasse, aber nirgendwo gab es auch nur den Hauch einer Spur von der verschwundenen Hermine.

Schließlich kehrte er, in der Hoffnung, alles sei bloß ein großes Missverständnis und er würde gleich eine lachende Hermine mit Tüten aus dem Buchladen sehen, zur Bank zurück, wo sie sich ursprünglich wieder hatten treffen wollten. Jegliche Hoffnung schwand dahin, als er sah, dass keine Hermine auf ihn wartete. Auf der Bank saß Antonin Dolohow, der sich mit einer jungen Frau unterhielt.

„Rabastan, freut mich dich zu sehen. Was machst du…?" Als Dolohow Rabastans besorgten Gesichtsausdruck sah, wurde er sofort ernst. „Was ist passiert?"

Rabastan, den die schiere Verzweiflung gepackt hatte, ließ sich erschöpft auf der Bank nieder. „Ich war mit Hermine hier. Wir haben uns getrennt, weil sie zu Flourish & Blotts wollte. Sie ist weg, Antonin. Ihr ist irgendwas passiert! Ich finde sie nirgends."

„Tut mir leid, ich schicke dir eine Eule", sagte Dolohow an seine Gesprächspartnerin gewandt. „Das ist wichtig."

„Kein Problem. Ich hör dann von dir."

„Also, jetzt noch mal langsam, Rabastan. Was ist passiert?"

„Hermine wollte in den Buchladen. Wir wollten uns vor einer knappen Stunde hier an dieser Bank wieder treffen, aber sie ist nicht mehr da! Sie ist verschwunden! Ich suche schon seit einer Ewigkeit nach ihr, aber ich kann sie nicht finden!"

„Hast du im Buchladen nachgefragt, ob Hermine dort war?", fragte Antonin ruhig.

„Ja, habe ich. Die haben gesagt, dass sie nie dort war. Sie ist nie dort angekommen."

„Hast du alles abgesucht?"

„Ja. Ich bin die Winkelgasse x-mal rauf- und runtergelaufen, aber ich habe sie nirgends gesehen. Sie ist weg!" Rabastan war verzweifelt und er hatte Angst.

„Sollen wir nicht besser Yaxley einschalten? Das Ministerium kann eine bessere Suche organisieren", schlug Antonin vor.

„Nein!" Rabastan sprang panisch auf. „Niemand darf erfahren, dass Hermine verschwunden ist! Der Dunkle Lord hat mir doch den Auftrag gegeben, sie für ihn aufzubewahren, bis er sie brauchen würde. Was glaubst du, was passiert, wenn er erfährt, dass sie nicht mehr bei mir ist? Und was werden die anderen denken?"

„OK, ich habe verstanden. Aber bitte beruhige dich, Rabastan", sagte Antonin. „Dann schauen wir eben nochmal."

Sie gingen zusammen die Straße ab, wo Hermine vermutlich entlang gegangen sein musste. Kurz bevor sie den Buchladen erreichten, hielten sie an.

„Das ist eigentlich nicht weit", bemerkte Antonin nachdenklich. „Hier gibt es nicht viele Möglichkeiten zu verschwinden."

„Es waren sehr viele Leute da", erklärte Rabastan. „Ich habe sie aus den Augen verloren. Warum habe ich sie nicht begleitet?"

„Ich will dir nicht zu nahe treten, aber warum habt ihr euch überhaupt getrennt?"

Ihre Blicke kreuzten sich. „Ich weiß, was du sagen willst, aber… Ich… Ich vertraue ihr."

„Bist du dir sicher, dass sie nicht weggelaufen ist?", fragte Dolohow direkt heraus.

„Ich bin mir sicher. Hermine würde nicht weglaufen. Wir sind glücklich zusammen." Wirklich überzeugt klang Rabastan nicht mehr.

Dolohow schritt langsam in eine kleine dunkle Gasse hinein. Nachdenklich legte er eine Hand auf die Steinmauer des Gebäudes, das seinen Schatten auf die winzige Seitenstraße warf.

„Vielleicht hat jemand hier auf sie gelauert", sagte er leise.

„Da vorne ist der Buchladen", sagte Rabastan und deutete auf Flourish & Blotts, die keine drei Meter entfernt waren. „Glaubst du, dass sie jemand hier abgefangen hat?"

„Mit Sicherheit sogar."

Die beiden Männer sahen sich an. Rabastan hatte ein sehr schlechtes Gefühl, was die Zukunft anbelangte. Dem Dunklen Lord blieb Hermines Verschwinden nicht lange verborgen. Und er wusste sehr genau, wie er Rabastan für sein Versagen bestrafen konnte.


Hermine wurde durch das Schlagen von Wellen gegen Felsen und das Rufen von Möwen geweckt. Als sie die Augen aufschlug, sah sie, dass sie in einem kleinen Schlafzimmer im Dachgeschoss eines Hauses war. Das Dachfenster war geöffnet und eine angenehm salzige Brise vom Meer strömte herein.

Sie hatte lange geträumt. Sie war verwirrt und desorientiert und konnte die neuen Eindrücke nicht richtig zuordnen. Waren sie und Rabastan schon in ihr neues Haus gezogen? Sie konnte sich nicht an einen Umzug erinnern. Wahrscheinlich war das nur Teil ihres Traums gewesen. Sie hatten auch nicht vorgehabt, jemanden zu besuchen, der ein Haus am Strand besaß. Wo war Rabastan überhaupt?

Das Bett, in dem Hermine lag, war nur ein einfaches Gästebett. Eine zweite Person hätte darin keinen Platz gefunden. An den Kissen und der Decke war auch nicht Rabastans Geruch. Er war gar nicht hier. Sie war allein.

Panik ergriff sie. Sie war in der Winkelgasse gewesen und hatte eigentlich zu Flourish & Blotts gehen wollen, aber jetzt war sie hier an diesem unbekannten Ort, der ohne Rabastan so fremd für sie war. Es gab nur eine Erklärung: Jemand musste sie auf dem Weg entführt haben, denn sie war nie im Buchladen angekommen.

Sofort sprang sie vom Bett auf und suchte instinktiv nach ihrer Tasche, in der ihr Zauberstab steckte. Ihre Tasche hing über der Lehne eines Stuhls, aber ihr Zauberstab fehlte. Sie war also völlig unbewaffnet. Sie fluchte laut und sah sich verzweifelt im Raum um. Konnte sie durch das Fenster fliehen? Ohne Sicherung ein unmögliches Unterfangen.

Völlig verzweifelt ließ sie sich am Fuß des Bettes nieder. Tränen stiegen in ihre Augen, als ihr Blick an einer Reihe Fotos hängen blieb, die auf einer Kleiderkommode standen. Die abgebildeten Personen kamen ihr merkwürdig bekannt vor.

„Das gibt's doch nicht", murmelte Hermine zu sich selbst, als sie sich die Bilder aus der Nähe ansah. Sie erkannte Bill und Fleur. Eines der Bilder zeigte Fleur im Hochzeitskleid, auf einem anderen war die gesamte Weasley-Familie zu sehen.

Hermine Panik legte sich binnen eines Sekundenbruchteils. Sie wusste sofort, wo sie war. Die Zimmertür war wie erwartet nicht abgeschlossen. Als Hermine in den Flur trat, hörte sie bereits leise Stimmen von unten.

Hermine flog förmlich die Treppen nach unten. Sie übersprang mehrere Stufen auf einmal und scherte sich nicht darum, wie viel Krach sie machte. Die Stimmen, die ohne Zweifel aus dem Esszimmer gekommen waren, verstummten augenblicklich und Schritte ertönten.

Außer Atem und mit pochendem Herzen riss Hermine die Tür zum Esszimmer auf – und erstarrte.


Rodolphus ließ sich langsam auf dem Sofa nieder. Die Nachricht von Hermines Verschwinden hatte ihn schwer getroffen. Auf seinem Gesicht lagen Trauer und Bestürzung.

„Was ist mit ihr?", fragte er.

„Ich weiß es nicht", sagte Rabastan niedergeschlagen. „Wir glauben, dass sie entführt wurde."

„Wer? Wie? Ich versteh das nicht. Das darf nicht sein." Rodolphus war völlig außer sich. Rabastan hatte ihn schon seit langer Zeit nicht mehr so hilflos und durcheinander gesehen. Durch die Therapie hatte er große Fortschritte gemacht, aber Hermine war schließlich ausschlaggebend für seine Genesung gewesen. Jetzt, da sie nicht mehr da war, fürchtete Rabastan schon, Rodolphus könnte einen herben Rückschlag erleiden und wieder zum Anfang zurückgeworfen werden.

Rabastan packte seinen Bruder an den Schultern und zwang ihn, ihn anzusehen. „Rodolphus, ich verspreche dir, ich werde alles Menschenmögliche tun, um sie zurückzubringen. Und wenn es das letzte ist, was ich tue."

Es war nur die Liebe für Hermine, die Rabastan die Bestrafung des Dunklen Lords durchstehen ließ.


Hermine traute ihren Augen nicht. Vor ihr standen Bill und Fleur Weasley, Neville Longbottom, George und Ginny Weasley und Luna Lovegood.

„Hermine!" Als sie reihum in die Gesichter ihrer Freunde sah, sah sie Erleichterung und Freude über ihr Wiedersehen.

Hermine wurde mit einem Schlag von allerhand widersprüchlichen Gefühlen übermannt. Einerseits war sie überglücklich, ihre Freunde nach der langen Zeit wiederzusehen, andererseits konnte sie sich nicht freuen, bei ihnen zu sein. Eine peinliche, drückende Stille entstand zwischen ihnen. Hermine fand keine Worte, ihre Freude blickten sie nur an. Sie fühlte sich wie ein exotisches Objekt, das man eingehend begutachten und untersuchen musste. War es Mitleid, das sie bei ihren Freunden erkannte? Glaubten sie, sie hätten ihr etwas Gutes getan?

„Hermine, wir sind froh, dass du aufgewacht bist", sagte Bill, der nach vorne trat. „Geht's dir gut?"

Hermines Stimme wollte im ersten Moment nicht richtig funktionieren.

„Hermine, ist alles in Ordnung mit dir?"

„Ja, mir geht es gut", antwortete Hermine. Sie musste sich überwinden zu sprechen.

Ginny löste sich von der Gruppe und umarmte Hermine fest. „Ich bin so froh, dich wiederzusehen! Wir haben dich alle so sehr vermisst!"

Nach einer Schrecksekunde löste sich Hermines Starre und sie erwiderte die Geste. Nacheinander kamen alle zu ihr und umarmten sie oder schüttelten ihr die Hand. Es war nett gemeint, aber allen war die Unsicherheit anzumerken. Keiner schien recht zu wissen, wie er mit Hermine umgehen sollte.

„Herzlich Willkommen zurück, Hermine", sagte Neville. „Wir freuen uns so sehr, dass du wieder da bist."

„Es tut uns sehr leid, dass wir dich verletzen mussten", erklärte Bill mit schuldbewusster Miene. „Wir haben dich mit einem Zauber außer Gefecht gesetzt, damit wir dich leichter hierher bringen konnten."

„Verstehe."

„Wie fühlst du dich? Ich hoffe, du hast keine Schmerzen."

Ihre Brust fühlte sich noch etwas wund an, aber sonst hatte sie keine Beschwerden. Hermine verneinte mit einem Kopfschütteln.

„Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie froh wir sind, dass wir dich von denen weggeholt haben", sagte George. „Wir dachten schon, dir ist sonst was passiert."

„Diese Mistkerle!", schimpfte Neville. „Die haben dir doch nichts getan, oder?"

„Jetzt bist du endlich wieder hier, Hermine. Du gehörst zu uns", meinte Ginny.

Alle Sätze verschwammen plötzlich und schienen wie eine gewaltige Flut auf Hermine niederzuprasseln. Unbewusst ging sie ein paar Schritte zurück, um sich zu schützen. Sie fühlte sich unter ihren Freunden nicht mehr wohl. Sie hatte Angst und sehnte sich nach Rabastan.

„Ich war sehr gerne da. Warum habt ihr mich nicht da gelassen?"

Alle Anwesenden im Raum verstummten auf Hermines Frage hin und starrten sie völlig entgeistert und fassungslos an.

„Hermine, was redest du denn da?", fragte Bill verwirrt. Alle sahen sie an, als wäre sie nicht ganz richtig im Kopf.

„Ich war gerne dort", sagte sie mit Nachdruck.

„Wir haben dich befreit!", empörte sich Neville. „Du warst bei Todessern gefangen!"

„Ich war nicht gefangen!", rechtfertigt sich Hermine. Energisch schüttelte sie den Kopf. Warum verstand sie denn niemand? „Rabastan und ich sind zusammen. Wir lieben uns! Er und Rodolphus sind meine Familie!"

Sie blickte in geschockte Gesichter.

„Hermine, die haben dich doch verhext! Du würdest niemals so reden!", entgegnete George.

„Nein, sie haben mir nichts getan. Rabastan und ich, wir…"

„Wir haben viel aufs Spiel gesetzt, um dich zu retten, Hermine. Wir hätten schon ein bisschen Dankbarkeit erwartet", meinte Neville wütend. „Stattdessen…"

„Vielleicht wollte ich aber gar nicht gerettet werden!", schimpfte Hermine laut. „Ich habe euch nicht darum gebeten, mich zu retten!"

Wutentbrannt stürmte sie hinaus und ließ ihre Freunde betreten zurück.


„Arg!" Rabastan sog pfeifend die Luft ein, als Melinda die Wunden auf seinem Rücken reinigte.

„Das ist Murtlap-Essenz. Es wird gleich besser."

Sein ganzer Körper schmerzte und er konnte sich nicht bewegen. Rabastan lag völlig unfähig sich zu bewegen auf dem Bauch in einem Bett im Krankenflügel von Hogwarts. Melinda versorgte die Verletzungen, die der Dunkle Lord ihm während der Folter zugefügt hatte. Es war die schlimmste Bestrafung gewesen, die Rabastan jemals für sein Versagen bekommen hatte. Nie zuvor hatte er seinen Herrn so außer sich vor Zorn gesehen. Das halbe Büro war in Schutt und Asche gelegen. Rabastan konnte sich wohl glücklich schätzen, dass er überhaupt noch am Leben war. Wenn der Auftrag nicht so wichtig gewesen wäre, da war er sich absolut sicher, dann hätte er die Nacht nicht überlebt.

Der Dunkle Lord hatte Hogwarts verlassen, nachdem er mit Rabastan fertig gewesen war. Melinda hatte sich des Verletzten angenommen und ihn in den Krankenflügel gebracht. Ihre Diagnose war wenig erfreulich. Er hatte mehrere gebrochene Knochen, derentwegen er wahrscheinlich Skele-Wachs einnehmen musste, und dazu blaue Flecken und Schnittwunden am ganzen Körper. Seine rechte Schulter war ausgerenkt, weil ein Zauber ihn gegen die Wand geschleudert hatte.

Melinda stoppte erst die Blutungen auf seinem Rücken und schloss die Schnittwunden, dann beförderte sie seinen Oberarmknochen wieder dorthin, wo er hingehörte. Der Schmerz war unerträglich.

„Dreh dich bitte auf den Rücken, Rabastan", wies sie ihn an.

Er verzog vor Schmerz das Gesicht, als er sich mit ihrer Hilfe umdrehte. Wegen der gebrochenen Rippen fiel ihm das Atmen schwer und er bekam kaum Luft.

„Hier, trink das." Langsam flößte sie ihm das Skele-Wachs und ein Schmerzmittel ein.

„Es wird etwas dauern. Du bleibst am besten die Nacht über hier."

„Rodolphus…"

„Ich schicke ihm eine Eule und sehe dann später nach ihm", sagte Melinda und lächelte freundlich.

„Hermine, ich muss Hermine finden… Ich…"

„Hermine ist in Sicherheit. Mach dir keine Sorgen, Rabastan", versicherte Melinda.

Rabastan wollte noch etwas sagen, doch da glitt er bereits in tiefen Schlaf.


Hermine war in Zimmer im Dachgeschosse zurück geflüchtet und hatte sich unter ihrer Bettdecke vergraben. Seit Stunden schon weinte sie bitterlich. Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als endlich wieder mit Rabastan vereint zu sein. Wahrscheinlich machte er sich nicht nur große Sorgen um sie, sondern suchte vergeblich nach ihr. Er musste davon ausgehen, dass ihr alles Mögliche passiert war. Vielleicht dachte er sogar, dass sie weggelaufen war.

Allein die bloße Vorstellung, er könnte von ihr denken, dass sie geflohen sei, tat ihr weh. Sie musste ihm dringend eine Nachricht zukommen lassen und ihm sagen, dass alles in Ordnung war, aber ohne Zauberstab war das ein Ding der Unmöglichkeit. Sie war wütend auf ihre Freunde, weil sie sie in diese missliche Lage gebracht hatten. Was hatten sie sich nur dabei gedacht? Warum nur mussten sie ihr Leben, das gerade erst zur Ordnung zurückgefunden hatte, wieder durcheinanderbringen?

Erst gegen Abend beruhigte sich Hermine allmählich und ihre Tränen versiegten. Keiner der anderen hatte versucht mit ihr zu reden und sie war froh darum. Sie musste erst einmal wieder einen klaren Gedanken fassen und sich beruhigen.

Gegen sieben drang ein verführerischer Geruch von unten aus der Küche zu ihr nach oben. Hermine, die seit dem Frühstück nichts mehr gegessen hatte, verspürte großen Hunger.

Jemand kam die Treppe nach oben und es klopfte an ihrer Tür.

„Hermine, bist du wach? Dürfen wir reinkommen?", fragte Luna.

Hermine lehnte sich an die Tür und überlegte, ob sie schon bereit war, ihren Freunden gegenüberzutreten. Sie war laut geworden, hatte ihre Freunde angeschrien. Sie war unfreundlich zu ihnen gewesen, dabei hatten sie es nur gut mit ihr gemeint und hatten versucht zu helfen.

„Ja. Kommt rein", sagte sie schließlich.

Ginny und Luna kamen langsam herein. Zumindest bei Ginny schien die überschwängliche Freude über das Wiedersehen mit Hermine wohl verflogen zu sein. Sie hielt Distanz zu Hermine. Luna hatte wie immer ein Lächeln auf den Lippen, so als wäre nichts vorgefallen.

„Wie geht's dir?", wollte Ginny wissen.

„Ganz in Ordnung", meinte Hermine.

Keiner wusste wirklich, was er sagen sollte. Hermine behagte die peinliche Stille nicht und ergriff deshalb die Flucht nach vorne.

„Es tut mir leid, ich hätte das vorhin nicht sagen sollen. Ich weiß, dass ihr es nur gut gemeint habt."

„Ist schon gut", sagte Luna. „Ich verstehe dich, Hermine."

„Hier, das gehört dir", sagte Ginny und überreichte Hermine ihren Zauberstab.

„Danke." Hermine war heilfroh, ihren Zauberstab zurückzubekommen. Nicht nur, weil sie sich ohne Zauberstab schutzlos fühlte, sondern auch, weil sie den Zauberstab von Rabastan als Geschenk bekommen hatte und er deshalb eine besondere Bedeutung für sie hatte.

„Tut mir leid, dass das vorhin nicht so gut gelaufen ist. Wir waren alle ein bisschen vor den Kopf gestoßen", versuchte Ginny zu erklären. „Ist das wirklich wahr, dass du und Rabastan Lestrange…?"

„Ja, es ist wahr, Ginny", sagte Hermine ohne Umschweife. „Rabastan und ich sind seit dem Frühjahr zusammen. Er hat mir sogar diesen Zauberstab geschenkt."

Sie hielt ihren Zauberstab hoch.

„Erklär uns bitte, was passiert ist. Und wie das alles zusammenpassen soll", bat Ginny.

„Das ist eine lange Geschichte. Nach der Schlacht bin ich untergetaucht und habe mich versteckt. Letzten Winter aber, haben mich die Todesser aufgespürt und gefangen genommen."

„Wir haben von deinem Prozess in der Zeitung gelesen."

„Ich kam nach Askaban. Rabastan hat mich aus Askaban gerettet. Ich war ziemlich krank und wäre beinahe gestorben. Er hat sich um mich gekümmert, ich verdanke ihm mein Leben. Seitdem wohne ich bei ihm zu Hause. Im Laufe der letzten Monate sind wir uns näher gekommen. Wir sind zusammen und wir lieben uns. Er ist nicht böse. Ich habe es sehr gut bei ihm und seinem Bruder."

Ginny war skeptisch, aber Luna zeigte sich verständnisvoll.


Es kostete Luna und Ginny einiges an Überzeugungsarbeit, dass sie Hermine dazu bewegen konnten, mit nach unten zu kommen und den anderen alles zu erklären. Während Hermine aß, besprachen sich die Widerstandskämpfer im Nebenzimmer ohne sie. Sie vermutete, dass Luna und Ginny versuchten, die Wogen etwas zu glätten. Nach ihrem Teller Suppe fühlte sich Hermine gestärkt und bereit, sich Bill, Neville und den anderen zu stellen.

„Wir haben uns die ganze Zeit gefragt, was mit dir nach der Schlacht passiert ist", sagte George. „Als wir von der Gerichtsverhandlung und deiner Inhaftierung erfahren haben, haben wir schon das Schlimmste befürchtet. Wir dachten, du seist in Askaban vielleicht…"

„Wir haben dann vor ein paar Wochen dein Bild in der Zeitung gesehen", erklärte Bill und zeigte ihr den Tagespropheten. „Nach der Jubiläumsfeier."

Hermine sah das Bild von sich, wie sie auf der Feier neben Rabastan stand, der gerade seine Rede hielt.

„Und Neville hat dich mit Lestrange zusammen in der Winkelgasse gesehen", fügte George hinzu. „Nachdem wir wussten, wo du warst, haben wir beschlossen, dich zu retten."

„Woher wusstet ihr, wann wir da sein würden?", fragte Hermine, die sich schon die ganze Zeit fragte, wie ihre Freunde es geschafft hatten, den genauen Zeitpunkt so exakt abzupassen.

„Einer der Ladenbesitzer ist einer von uns. Er ist im Widerstand. Wir haben ihn gebeten, dass er uns sofort benachrichtigen soll, wenn er dich wieder in der Winkelgasse sieht. Das hat er an dem Tag gemacht, als du mit Lestrange dort warst."

„Verstehe."

„Wir haben dich vor Flourish & Blotts abgepasst."

„Ähm… Hermine, wir… Wir dachten, wir sind Freunde. Wir wollten dir helfen. Zweieinhalb Jahre kein Lebenszeichen von dir und dann sehen wir dich in der Zeitung bei den Todessern. Wir dachten eben…"

„Ich weiß. Tut mir leid, was ich gesagt habe. Ich verstehe euch natürlich. Es ist nur, ich… Ihr hättet mich nicht retten müssen. Ich lebe jetzt bei Rabastan. Ich habe nach der schrecklichen Zeit eine Familie und ein Zuhause gefunden. Ich liebe Rabastan."

Sie sah in betretene Gesichter.

„Wie kannst du mit einem Todesser zusammen sein? Und noch dazu mit Rabastan Lestrange? Weißt du nicht, wer er ist und was er getan hat?", fragte George.

„Doch, das weiß ich, George", sagte Hermine bestimmt. „Aber ich kenne Rabastan etwas anders als ihr. Ich weiß, wie er wirklich ist. Er ist nicht böse. Er hat sich so rührend um mich gekümmert. Er hat mir das Leben gerettet! Es hat sich einfach so ergeben. Ich war dort nicht in Gefahr."

Ihre Freunde wechselten vielsagende Blicke miteinander.

„Das lief irgendwie alles etwas anders, als wir uns das vorgestellt haben", meinte Bill missmutig. „Wir dachten, wenn du wieder hier bist, dann… Würden wir weiterkämpfen. Gegen Du-Weißt-Schon-Wen. Wir dachten, dass du sofort dabei wärst. Wegen Ron und Harry."

Der Kampf gegen Voldemort war für Hermine völlig in den Hintergrund getreten, seit sie und Rabastan zusammen waren. Sie hatte keine Antwort. Sie wusste nicht, was sie wollte. Sie hatte sich mit ihrem neuen Leben arrangiert und jedwede Bestrebungen, Widerstand zu leisten oder ihren alten Plan weiterzuverfolgen, waren im Laufe der Zeit verschwunden.

Fleur war nicht so gut darin, ihr Missfallen zu verbergen. Sie bedachte Hermine mit einem verächtlichen Blick, wahrscheinlich weil sie mehr Dankbarkeit dafür erwartet hatte, dass sich ihr Mann so für sie eingesetzt und in Gefahr gebracht hatte.

„Wirst du bleiben?", fragte sie betont höflich.

„Ja." Hermine nickte.

„Isch werde dir ein paar Sachen in dein Simmer legen", sagte sie, dann erhob sie sich und schritt hinaus.

„Fleur!" Bill folgte ihr. In der Tür meinte Fleur noch: „Vielleischt ättet ihr sie nischt retten sollen."