Rabastan erwachte etwas unsanft, weil ein Strahl Sonnenlicht direkt auf sein Gesicht schien. Er blinzelte und hielt sich schützend eine Hand vor die Augen. Er brauchte einen Moment, bis er seine Umgebung richtig wahrnahm und sich daran erinnerte, dass er nicht zu Hause, sondern im Krankenflügel von Hogwarts war.
Die anderen Krankenbetten waren leer. Madame Pomfrey öffnete gerade die Fenster zum Lüften.
Rabastan fühlte sich zwar besser, aber er war schwindelig von der Wirkung der Zaubertränke. Als er sich aufsetzte, drehte sich der Krankenflügel.
„Das wird im Laufe des Tages nachlassen", erklärte Madame Pomfrey, als sie an sein Bett trat.
„Hoffentlich", sagte Rabastan und erhob sich langsam. Er fühlte sich, als hätte ihn der Fahrende Ritter angefahren. Seine Muskeln und Gliedmaßen waren steif und ungelenk und seine Knie schienen sein Gewicht nicht tragen zu wollen.
„Wollen Sie etwas essen, Mr. Lestrange?"
„Nein, vielen Dank." Nach Essen war ihm gerade gar nicht zumute.
Madame Pomfrey reichte ihm ein paar Stärkungstränke. „Nehmen Sie die über den Tag verteilt ein."
„Danke", meinte Rabastan und zog seinen Umhang wieder an, der über der Lehne des Stuhls neben seinem Bett hing.
„Ich erinnere mich, dass ich Sie ein paar Mal hier hatte, Mr. Lestrange", sagte Madame Pomfrey. „Und immer wegen Quidditch-Unfällen."
Rabastan grinste. „Ja, darin war ich gut. Meine Güte, das ist eine Ewigkeit her."
Während seiner Schulzeit hatte er es ein paar Mal geschafft, mit gebrochenen Knochen im Krankenflügel zu landen. Die Position als Jäger in einem Quidditch-Team brachte das zwangsläufig mit sich. Seinen spektakulärsten Unfall hatte er beim Endspiel um den Pokal gegen Gryffindor hingelegt, als er das 110 zu 50 geschossen hatte und, nur einen Sekundenbruchteil nachdem der Ball durch den Torring geflogen war, von einem Klatscher getroffen und in die Zuschauertribüne geschleudert worden war. Danach war er eine ganze Woche im Krankenflügel gelegen.
„Ich hätte nicht geglaubt, dass wir uns unter diesen Umständen noch einmal wiedersehen würden", sagte Madame Pomfrey.
„Ich auch nicht. Wo ist Melinda?", wollte Rabastan wissen, als er mit seinen Gedanken wieder in der Gegenwart angekommen war.
„Sie ist im Schulleiterbüro."
Ihrem Blick nach zu schließen, weigerte sich die Schulheilerin offenbar zu sagen, dass Melinda in ihrem Büro sei. Für sie gehörte das Büro wahrscheinlich immer noch Dumbledore.
„OK, danke", sagte Rabastan und machte sich auf den Weg zum Büro des Schulleiters.
Als er die Wendeltreppe erklomm und an die Tür des Büros klopfte, kamen unschöne Erinnerungen an das verhängnisvolle Treffen von vor einigen Wochen wieder hoch. Er fragte sich, wie es Katharina Rookwood wohl mittlerweile ging. Von den Dingen, die ihr passiert waren, würde sie sich wahrscheinlich nie wieder richtig erholen. Er hatte Augustus Rookwood seither auch nicht mehr gesehen. So wie er seinen alten Freund kannte, würde dieser sicherstellen, dass seine Familie jetzt in Sicherheit war und niemand mehr für sein Versagen geradestehen musste.
„Hallo, Rabastan. Komm rein", sagte Melinda mit ihrer rauchigen Stimme. „Wie geht's dir? Hast du gut geschlafen."
„Ja, danke."
„Hast du noch Schmerzen?"
„Nein. Deine Tränke haben gut gewirkt. Hast du mir einen Schlaftrank in das Schmerzmittel gemischt?"
„Ja, ich hielt es für besser, wenn du erst mal die Nacht durchschläfst. Du warst gestern völlig neben dir. Sei mir bitte nicht böse."
„Nein, nein", sagte Rabastan schnell. „Du hast mir gestern sehr geholfen. Danke, dass du dich um mich gekümmert hast."
„Gern geschehen."
Sie schenkte ihm ein Glas Elfenwein ein. Auch wenn es erst elf Uhr am Vormittag war, Rabastan nahm es dankend an.
„Wo ist der Dunkle Lord?"
„Er hat Hogwarts verlassen. Ich weiß allerdings nicht, wohin er gegangen ist", sagte Melinda. „Ehrlich gesagt, bin ich nicht traurig darüber."
Das konnte Rabastan ihr nachfühlen.
„Die Schüler haben Angst, wenn der Dunkle Lord hier ist. Und es verunsichert sie, wenn dauernd Todesser ein und aus gehen."
„Verstehe. Wie geht's eigentlich Alecto?"
„Sie unterrichtet ganz normal und lässt sich nach außen nichts anmerken", erklärte Melinda. „Aber es macht ihr schon zu schaffen, dass ihr Bruder weg ist. Amycus wird überall mit Haftbefehl gesucht. Sollte man ihn erwischen, dann…"
Rabastan nickte. Er wusste sehr genau, was Amycus bevorstand, sollte er gefasst werden.
„Was hast du eigentlich gestern gemeint, als du sagtest, dass Hermine in Sicherheit ist?"
„Ich wollte dich nur beruhigen", erklärte Melinda. „Ich wollte Zuversicht damit ausdrücken, dass du dir keine Sorgen machst."
„Das fällt mir angesichts der Lage doch etwas schwer. Wie geht es Rodolphus?"
„Ich habe ihm gestern Abend noch eine Eule geschickt und war dann später noch bei ihm", sagte Melinda. „Er macht sich große Sorgen, aber ich habe ihm gesagt, dass du auf dem Weg der Besserung bist."
„Danke."
„Er macht sich auch Sorgen um Hermine", fuhr Melinda fort. „Ich habe ihm einen Beruhigungstrank gegeben und ihm geraten, mit der Heilerin in der Therapie darüber zu sprechen. Er müsste heute schon dort sein."
Das beruhigte Rabastan ungemein.
„Er hat Hermine sehr gern, das merkt man."
„Ja. Sie hat ihm geholfen, wieder auf die Beine zu kommen. Ohne sie hätte er es nach Bellatrix' Tod nicht geschafft."
Plötzlich erklang der Ruf eines Vogels. Es war der angenehmste und beruhigendste Klang, den Rabastan je gehört hatte. Er erfasste den gesamten Körper und schien von innen heraus Heilung und Linderung zu verschaffen. Rabastan, der nach dem harten gestrigen Tag immer noch geschwächt war, verspürte auf einmal neue Lebenskraft in sich.
„Was ist das für ein schöner Vogelgesang?", fragte er Melinda, die zum Fenster geschritten war und es geöffnet hatte.
„Das wirst du gleich sehen."
Es dauerte nicht lange und der schönste Vogel, den Rabastan jemals gesehen hatte, landete auf dem Fenstersims. Sein Gefieder war strahlend orange und rot und blendete den Betrachter regelrecht. Mit seinen ausgebreiteten Flügeln sah er aus wie tanzende Flammen in der Luft.
„Ist das ein…"
„Das ist ein Phönix, ja."
Melinda ließ das Tier herein. Es flatterte zu einer hölzernen Sitzstange und trank Wasser aus einem Napf.
„Ist das dein Phönix?", wollte Rabastan wissen.
„Nein, der war schon hier. Er saß auch schon immer bei Snape im Büro, haben mir die anderen Lehrer erzählt. McGonagall meinte, dass er Dumbledore gehörte."
„Dumbledore hatte einen Phönix?" Rabastan staunte nicht schlecht.
„Er hat wohl das Schloss nie verlassen seit Dumbledores Tod", vermutete Melinda. Sie gab dem Phönix Fressen in seinen Futternapf. „Es ist fast, als ob er Wache halten oder auf irgendetwas warten würde. Ich kümmere mich um ihn, seit ich in Hogwarts bin. Ich freue mich jedenfalls über die Gesellschaft."
„Über die Gesellschaft würde ich mich auch freuen", meinte Rabastan und streichelte dem Phönix über den Kopf.
„Rabastan, erzähl mir bitte, was genau gestern passiert ist", bat Melinda. „Ich habe nicht alles mitbekommen. Ich weiß nur, dass Hermine verschwunden ist und der Dunkle Lord darüber sehr wütend war."
„Wo soll ich da anfangen? Hermine und ich waren in der Winkelgasse einkaufen. Sie wollte Bücher kaufen, ich einen Besen."
„Ihr habt euch getrennt?", fragte Melinda.
„Ja. Und das war ein großer Fehler."
„Wieso? Glaubst du, sie ist weggelaufen?"
„Das glaube ich nicht. Ich glaube, sie wurde entführt."
„Entführt. Von wem?"
„Keine Ahnung. Aber was ist denn das Naheliegende? Vom Widerstand natürlich. Sie wollen ihre Hermine zurück."
„Das ergibt natürlich Sinn, ja", meinte Melinda.
„Ich würde fast hoffen, dass es der Widerstand war und niemand anderes", sagte Rabastan. „Es gibt doch noch ein paar Leute, die mit Hermine eine Rechnung zu begleichen haben."
Hermine war schon vier Tage in Shell Cottage, aber sie konnte sich immer noch nicht richtig freuen, ihre Freunde und die alten Ordensmitglieder wiederzusehen. Rabastan, Rodolphus, das Anwesen, der Garten, die Bibliothek, ja sogar Tipsi fehlten ihr einfach. Sie sehnte sich nach ihrer vertrauten Umgebung. Die Menschen aus ihrer Vergangenheit waren ihr fremd geworden.
Shell Cottage schien das Hauptquartier des Widerstandes geworden zu sein, denn fast täglich kamen alle möglichen Kämpfer der Rebellion vorbei. Hermine traf etliche ihrer alten Mitschüler wie Dean Thomas oder Seamus Finnigan, die die Schlacht überlebt hatten und weiterkämpfen wollten, aber auch Ordensmitglieder wie Kingsley Shacklebolt und Arthur Weasley, die treu zu Harry und Dumbledore standen.
Arthur schüttelte ihr bei ihrer ersten Begegnung nur kurz die Hand, aber äußerte ihr gegenüber nur die üblichen Standardfloskeln, die sie schon zu oft in den letzten Tagen gehört hatte. Er, genau wie alle anderen, bekundete, wie sehr er sich freute, dass Hermine wieder bei ihnen war, so richtig glauben konnte Hermine es freilich nicht.
Wenn sie in die Küche kam, verstummten sofort alle Gespräche. Wenn eine Versammlung stattfand, durfte Hermine nicht dabei sein, vermutlich, weil man ihr nicht mehr genug vertraute. Sie hatte zu lange und zu nah bei Todessern gelebt und war deshalb nicht vertrauenswürdig.
Dass sie mit Rabastan zusammen war, hatte sich selbstredend schnell herumgesprochen. Die anderen verurteilten sie dafür, das sah Hermine an ihren wertenden Blicken, auch wenn es natürlich keiner zugab und versuchte, so normal mit ihr umzugehen, als wäre sie die alte Hermine. Insgeheim wurden ihr mit Sicherheit auch Vorwürfe gemacht. Die anderen fragten sich sicher, wie Hermine nach Harrys, Rons, Hagrids und Molly Weasleys Tod durch die Hand Voldemorts und seiner Anhänger mit einem Todesser zusammen sein konnte. Die alte Hermine, die sie kannten, wäre allein bei diesem Gedanken angewidert gewesen.
Doch die alte Hermine gab es nicht mehr, so sehr sich Ginny, George und die anderen das wünschten. Immerhin bemühte sich Luna, aber auch sie schaffte es nicht, die Mauer zu überwinden, die zwischen Hermine und den anderen entstanden war. Eine Mauer, die von Tag zu Tag höher zu werden schien.
Das vermochte tatsächlich nur die Person, die Shell Cottage am fünften Tag einen Besuch abstattete.
Hermine saß auf dem Treppenabsatz des obersten Stockwerks und horchte wie immer auf die Stimmen, die von unten zu ihr heraufdrangen.
„Ich habe gehört, dass Hermine hier ist", sagte eine vertraute Stimme, die zu einer Person gehörte, von der Hermine gar nicht gewusst hatte, wie sehr sie sich nach ihr gesehnt hatte.
„Vanessa! Ich bin so froh, dich zu sehen!"
Hermine fiel ihrer alten Schulfreundin stürmisch um den Hals. Sie gingen in Hermines Zimmer, wo sie ungestört reden konnten.
„Also hat Amycus tatsächlich die Seiten gewechselt. Euretwegen", sagte Hermine, nachdem Vanessa ihr berichtet hatte, was in den letzten Wochen bei ihr passiert war.
„Er ist so toll, Hermine. Er kümmert sich total gut und liebevoll um Alexia. Und Alexia ist richtig glücklich seit ihr Vater bei ihr ist", schwärmte Vanessa.
Hermine lächelte. „Das ist schön."
„Wir haben im Übrigen geheiratet", sagte Vanessa voller Stolz und zeigte Hermine ihren Ring.
„Hey, das ist ja Wahnsinn! Herzlichen Glückwunsch!"
„Danke. Ich bin richtig glücklich. Es könnte alles gar nicht besser laufen. Aber wie ist es bei dir? Als ich gehört habe, dass du hier bist, bin ich sofort hergekommen."
„Es geht mir nicht so gut", erklärte Hermine niedergeschlagen. „Die anderen haben mich entführt und hierher gebracht. Sie dachten, sie befreien mich aus den Klauen gemeingefährlicher Todesser und tun mir damit einen Gefallen."
„Sei ihnen nicht böse, Hermine. Sie sind deine Freunde und haben es gut gemeint. Sie konnten ja nicht wissen, dass du gern bei diesen „gemeingefährlichen" Todessern bist."
Hermine schüttelte den Kopf. „Ich bin ihnen nicht böse. Es ist nur…" Sie begann zu weinen. „Ich vermisse Rabastan so sehr und kann ihm aber nicht mal eine Nachricht zukommen lassen, damit er weiß, dass alles in Ordnung ist. Sie haben gesagt, eine Kontaktaufnahme ist zu riskant. Sie können nicht riskieren aufzufliegen."
„Das darfst du ihnen nicht verübeln", sagte Vanessa ernst. „Der Widerstand muss zu jeder Zeit streng auf Geheimhaltung und Sicherheit achten. Amycus und ich leben an einem geheimen Ort. Er ist der Geheimniswahrer und zur Sicherheit verlässt er nicht mal das Haus. Wenn wir von einem Versteck zum anderen wollen, dann benutzen wie spezielle Portschlüssel. So bin ich hergekommen. Wenn jemand sich dem Widerstand anschließen möchte, braucht er dafür ein Mitglied, das sich für ihn verbürgt. Bei mir war es meine Tante, bei Amycus ich. Hat einiges an Überzeugungsarbeit gebraucht, bis sie mir und Amycus vertraut haben."
„Das glaube ich. Was ist mit Amycus' Dunklem Mal? Kann Voldemort ihn darüber nicht aufspüren?", fragte Hermine.
„Wir haben es mit einem Zauber „deaktiviert" könnte man sagen. Es ist jetzt eigentlich nur noch ein einfaches Tattoo."
Vanessa legte Hermine trostspendend eine Hand auf die Schulter. „Hey, soll ich nicht für ein paar Tage hierbleiben? Ich glaube, du könntest ein bisschen moralische Unterstützung gebrauchen."
„Das würdest du tun?"
„Na klar."
Vanessa hätte Hermine keinen größeren Gefallen tun können. Sie holte ein paar Sachen aus ihrem neuen Zuhause und zog zu Hermine in das Zimmer im Dachgeschoss.
„Das ist eine Bewährungsprobe für Amycus und für mich", meinte sie. „Er hat seine Tochter gerade erst kennengelernt und dann muss er sich gleich ein paar Tage allein um sie kümmern. Und ich bin das erste Mal von ihr getrennt."
Hermines Stimmung hellte sich merklich auf, als sie endlich jemanden um sich hatte, der ihr vertraut war. Obwohl sie Vanessa Lenormand bei Weitem nicht so gut kannte wie die Weasleys, fühlte sie sich der Ravenclaw deutlich näher. Vielleicht lag es an der Tatsache, dass sie beide ihr Herz an Männer verschenkt hatten, mit denen sich Beziehungen etwas schwieriger als normal gestalteten, weil es einen Interessenkonflikt gab.
Dass es noch jemanden von der „guten" Seite gab, der mit einem Todesser zusammen war und diesen sogar davon überzeugt hatte, die Seiten zu wechseln, veranlasste die anderen, zumindest einen kleinen Schritt auf Hermine zuzugehen.
Eine Woche nach Hermines ungewollter „Rettung" war sie fast so weit, ihre alten Freunde endlich um ein umfassendes, klärendes Gespräch zu bitten, um die Karten auf den Tisch zu legen und endlich zu entscheiden, wie es weitergehen sollte.
Allerdings sollte sie nicht dazu kommen, weil etwas anderes Hermine einen Strich durch die Rechnung machte.
Sie war auf einmal ungewöhnlich müde und kraftlos und tat sich mit dem Essen schwer. So sehr sie Fleurs Kochkünste auch schätzte, sie konnte kaum noch etwas herunterwürgen. Dazu musste sie sich ein paar Mal übergeben.
„Mir ist nicht so gut", gestand sie Vanessa. „Ich habe andauernd diese Übelkeit."
Vanessa musterte sie eingehend. Hermine fühlte sich unter dem kritischen Blick wie ein kleines Kind.
„Vielleicht habe ich mir etwas eingefangen", meinte Hermine. „Oder ich stehe unter Stress, keine Ahnung."
„Beobachte das mal die nächsten Tage."
Das tat Hermine auch und alles wurde nur schlimmer. Nachts träumte sie plötzlich von allen möglichen seltsamen Dingen. Sie sah Fawkes, Dumbledores Phönix, dazu Voldemort, der über sie gebeugt war und Rabastan, der von Dunkelheit umgeben war. Wenn sie mit den anderen am Esstisch zusammen saß, dann wusste sie manchmal, was eine bestimmte Person sagen wollte – bevor sie es sagte. So als beherrsche sie plötzlich Legilimentik und könne Gedanken lesen. Wenn sie nach etwas greifen wollte, dann flog ihr der Gegenstand einfach in die Hand. Sie brauchte nicht mal mehr ihren Zauberstab dafür.
Natürlich entging niemandem Hermines merkwürdige Verwandlung. Besonders Vanessa beobachtete Hermine mit Argusaugen, so als hätte sie irgendeinen Verdacht.
Eines Morgens, nachdem sich Hermine erneut übergeben hatte, kam Vanessa ins Badezimmer, schloss die Tür hinter sich und konfrontierte sie. Sie ging nicht sonderlich sensibel dabei vor, wie Hermine fand.
„Hermine, du bist schwanger, oder?", fragte sie geradeheraus.
Hermine, die sich gerade aus ihrer knienden Position vor der Toilettenschüssel hochkämpfte, fühlte sich, als hätte sie zusätzlich zu ihrer Übelkeit jetzt auch noch einen Schlag in den Magen bekommen.
„Was? Vanessa, was redest du denn da?", fragte sie völlig entgeistert.
„Ich meine es ernst, Hermine. Kann es sein, dass du schwanger bist?"
Hermine füllte sich eiskaltes Wasser in ihren Zahnputzbecher und spülte sich den Mund aus. Dann trank sie einen großen Schluck. „Wie in Merlins Namen kommst du denn auf so etwas?", entgegnete sie leicht ungeduldig. Ihr ging es schlecht und Vanessa kam mit solchen absurden Ideen.
„Ganz einfach. Deine Symptome sind ja wohl eindeutig. Du bist müde, dir ist schlecht, du übergibst dich, das ist alles sehr typisch. Und nun ja… Diese andere Sache, deine Kräfte…"
„Was für Kräfte denn?"
„Hermine, es ist nun wahrlich nicht so, als wüsste ich nicht, von was ich rede", meinte Vanessa ernst. „Bei mir hat es genauso angefangen, als ich mit Alexia schwanger war."
„Was willst du damit sagen?", fragte Hermine und plötzlich war sie verunsichert.
„Ist es möglich, Hermine?", bohrte Vanessa. „Hast du deine Tage in letzter Zeit bekommen?"
Hermine überlegte. „Ich… Ich weiß es nicht." Wenn sie genauer darüber nachdachte, dann konnte sie sich gar nicht erinnern, wann sie das letzte Mal ihre Tage bekommen hatte. Sie waren schon länger nicht gekommen. Plötzlich klopfte ihr Herz ganz schnell in ihrer Brust und Unruhe ergriff sie. Sie erschrak vor ihrem eigenen Spiegelbild.
Unbewusst trat sie einen Schritt zurück. Auf einmal glitt ihr Handtuch vom Halter und ein paar Tuben, die auf der Ablage über dem Waschbecken standen, fielen um - obwohl Hermine sie nicht berührt hatte. Magie lag in der Luft, das spürte Hermine. Ihre Emotionen, die durcheinander gewirbelt worden waren, hatten Magie aus ihrem Inneren nach draußen treten lassen.
„Siehst du, das meinte ich", sagte Vanessa. „Genau so war es bei mir auch."
„Was soll ich tun?", fragte Hermine, die sich völlig hilflos und verloren fühlte. Sie war Vanessa dankbar für ihre Führung, denn sie selbst war wie festgewurzelt, unfähig irgendetwas zu tun.
„Wir brauchen Gewissheit", sagte Vanessa mit Bestimmtheit. „Ich habe damals so einen Test aus der magischen Apotheke gemacht."
„Wie sollen wir sowas besorgen?"
„Überlass das mir", sagte Vanessa.
Hermine blieb nichts anderes übrig, als Vanessa zu vertrauen und zu warten. Es dauerte bis zum übernächsten Tag, bis Vanessa endlich den Test besorgt hatte. Hermine versuchte, sich vor den anderen möglichst wenig anmerken zu lassen, was aber in der Enge von Shell Cottage ein Ding der Unmöglichkeit war. Auch Ginny und Luna entging nicht, was mit Hermine los war.
„Wir werden es nicht weitersagen, aber… Irgendetwas stimmt doch mit dir nicht, Hermine. Wir machen uns Sorgen."
„Ich möchte auf Vanessa warten, OK?"
Während sie warteten, kamen sie endlich in das langersehnte Gespräch.
„Mein Vater ist in Askaban", erklärte Luna. „Ich konnte fliehen. Seitdem lebe ich hier."
„Dean und Seamus habe ich ja schon gesehen", sagte Hermine. „Wer aus der Schule ist noch im Widerstand?"
„Also da sind eigentlich fast alle, die auch in Dumbledores Armee waren", erklärte Ginny. „Katie, Angelina, Cho, Parvati, ziemlich viele. Sie verstecken sich die meiste Zeit an geheimen Orten. Die Erwachsenen wollen nicht, dass wir jüngeren kämpfen. Die denken wohl, dass wir noch Schulkinder sind."
Hermine lächelte das erste Mal seit Tagen.
„Du bist wirklich mit Rabastan Lestrange zusammen?", fragte Luna.
„Ja."
„Wie ist er so?"
„Er ist… toll. Liebevoll, zuvorkommend, er tut alles, um mich glücklich zu machen."
„Hör mal, Hermine, ich habe mal mit Dad geredet", sagte Ginny. Es war ihr sichtlich anzumerken, wie unangenehm ihr das war, was sie sagen wollte. „Mum und Dad waren mit Rabastan Lestrange in Hogwarts. Sie kennen ihn von damals. Er war schon in seiner Schulzeit ein ziemlicher Frauenheld. Danach auch. Er hat halt alle, mit denen er mal etwas hatte, nur ausgenutzt."
„Was willst du damit sagen, Ginny?", fragte Hermine leicht pikiert.
„Glaubst du wirklich, dass das mit Rabastan und dir eine ernste Sache ist? Er ist doch sehr viel älter als du und vielleicht…"
„Was?!"
„Du warst allein, einsam. Er war für dich da, hat dich gerettet. Meinst du nicht, dass es sein kann, dass du dich nur deswegen in ihn verliebt hast, weil er eben in einer Zeit, als es dir sehr schlecht ging, da war?"
Ginny meinte es nicht böse. Hermine wusste genau, dass sie nur die unbegreiflichen Dinge begreiflich machen wollte.
„Er hat gesagt, dass er mich liebt", sagte Hermine. „Und ich liebe ihn. Das ist etwas Ernstes. Und Rabastans Vergangenheit, egal wie sie auch war, interessiert mich nicht." Ginny sah hilfesuchend zu Luna, doch diese schien mehr auf Hermines Seite zu sein.
„Ihr saht nett aus auf dem Foto im Tagespropheten", sagte Luna. „Wie ein verliebtes Paar."
„Danke." Eine Welle der Zuneigung für Luna überkam Hermine.
„Wie ist es so bei denen?", wollte Ginny wissen. „Du hast ja sehr lange bei ihnen gelebt."
„Es ist nicht so, wie ich erwartet hatte", sagte Hermine nachdenklich. „Am Anfang hatte ich sehr viel Angst, aber Rabastan und Rodolphus sind sehr nett zu mir. Die anderen Todesser behandeln mich zumindest mit Respekt."
„Du hast hoffentlich nicht vergessen, dass du eigentlich nicht in ihre Welt gehörst, oder?"
„Was soll das heißen?"
„Das wollte ich gerade eben schon sagen, Hermine", meinte Ginny. „Ich verstehe halt nicht so ganz, was Rabastan von dir wollen könnte. Er ist reinblütig und…"
„Und ich bin das Schlammblut, ich weiß."
„Hermine…"
„Ist schon gut, Ginny, ich habe verstanden. Ich weiß, dass ihr nicht damit einverstanden seid, aber es ist nun mal so!"
„Hey, das bringt doch nichts", sagte Luna. „Wir sollten Hermine nicht verurteilen. Vanessa ist doch auch mit einem Todesser zusammen und es funktioniert."
„Ich trau deswegen Amycus Carrow trotzdem kein Stück über den Weg!", entgegnete Ginny leicht erbost. Sie kannte Amycus nur aus ihrem sechsten Schuljahr, als er den Schülern das Leben schwer gemacht hatte. Der Zorn darüber brodelte offenbar immer noch in ihr.
Hermine sah Vanessas Rückkehr mit gemischten Gefühlen entgegen. Einerseits wollte sie endlich Gewissheit, andererseits fürchtete sie sich vor dem möglichen Ergebnis. Nachdem Vanessa sie auf eine mögliche Schwangerschaft angesprochen hatte, war Hermine ins Grübeln gekommen. Sie musste sich eingestehen, dass es eindeutig war. Nicht nur ihre Symptome sprachen klar dafür, sie spürte auch, dass sich etwas mit ihr verändert hatte. Dennoch hatte sie Zweifel.
„Warum glaubst du, dass es nicht sein kann?", wollte Vanessa wissen, als sie zurückgekehrt war. Sie stellte eine mit einem Zaubertrank gefüllte Glasphiole vor Hermine. Sie und Hermine hatten sich im Badezimmer im obersten Stock eingeschlossen.
„Ist das der Schwangerschaftstest?", fragte Hermine, die im Moment nur einen Muggeltest vor Augen hatte.
„Ja. So einen habe ich damals auch gemacht. Man muss nur einen Tropfen Blut reingeben und warten, wie sich der Trank verfärbt. Wird er blau, ist man nicht schwanger, wird er rot, ist man schwanger. Also, warum denkst du, dass es nicht sein kann?"
„Als Rabastan und ich angefangen haben miteinander zu schlafen, da habe ich zeitgleich angefangen, Verhütungstränke einzunehmen. Vielleicht kennst du die ja. Die kleinen Fläschchen, die man täglich in der Früh einnehmen muss."
„Ja, die kenne ich. Hast du die selbst gebraut oder gekauft?"
„Weder noch", sagte Hermine, während Vanessa die Phiole aufschraubte und Hermine um ihren Zeigefinger bat. „Ich habe sie von der Heilerin, die mich damals versorgt hat. Als ich sie bei der Feier getroffen habe, da habe ich sie angesprochen. Sie hat mir die Tränke gemacht. Au!"
Hermine zuckte kurz zusammen, als Vanessa mit ihrem Zauberstab einen kleinen Schnitt auf Hermines Finger machte. Blut quoll aus der Wunde.
„Das tropfen wir jetzt in den Trank", erklärte Vanessa. Hermine nickte und hielt ihren Finger über den Zaubertrank. „Du hättest mich wenigstens vorwarnen können!"
„Entschuldigung. Jetzt heißt es warten. Bist du dir denn sicher, dass du den Trank nicht mal vergessen hast?"
„Eigentlich bin ich mir recht sicher", meinte Hermine und durchforstete gedanklich ihr Gedächtnis, ob sie sich an einen Tag erinnern konnte, an dem sie den Verhütungstrank vergessen haben könnte. „Ich glaube, dass ich ihn immer genommen habe."
„Wenn ja, ist das schon etwas eigenartig, denn die wirken sehr zuverlässig", sagte Vanessa. „Ich glaube, eine Fehlermarge gibt es da nicht."
Die Wartezeit, bis sie endlich das Ergebnis hatten, wurde zur Qual. Hermine lief nervös auf und ab. Die Minuten zogen sich dahin wie Bubbles Bester Blaskaugummi.
„Ähm, wie… Wie ist das, wenn man schwanger ist?", fragte Hermine vorsichtig.
„Es ist eine ganz schöne Gefühlsachterbahn", sagte Vanessa. „Im ersten Moment kann es ein ziemlicher Schock sein, aber dann freut man sich, egal wie die Umstände sind."
„OK. Das ist alles ein bisschen viel gerade."
„Frag mich mal", sagte Vanessa. „Ich war 17 und hatte keinen Plan, wie es weitergehen soll. Wenigstens bist du mit dem Kindsvater zusammen. Bei mir hat es lange gebraucht. Amycus und ich mussten uns erst zusammenraufen."
Erschöpft setzte sich Hermine auf den Rand der Badewanne. „Was, wenn ich es bin?"
„Dann bist du es, Hermine."
„Ja, aber…"
„Hermine, nichts aber", sagte Vanessa, stellte sich vor Hermine und legte ihr beide Hände auf die Schultern, sodass sich die beiden jungen Frauen in die Augen sehen konnten. „Wenn du es bist, dann bist du es. Dann können wir es nicht ändern. Wir…"
In dem Moment zog der Trank ihre Aufmerksamkeit auf sich. Er wechselte die Farbe.
Als Rabastan nach Hause kam, war sein Bruder draußen im Garten. Es war Rodolphus' Eigenart. Immer, wenn ihn etwas beschäftigte, dann war er in seinem Garten und tat irgendetwas. Leider nicht immer etwas Produktives.
Diesmal hatte ihn offenbar die Wut gepackt, denn er hatte sich eine Axt genommen und hackte damit wild auf Holzscheiten herum. Durch die Verletzung an seinem Arm hatte er jedoch Probleme, die Axt richtig zu halten und zu schwingen, sodass die Holzstücke ungleich groß waren und schiefe Kanten hatten. Der Frust darüber schien ihn nur noch wütender zu machen. Als Rabastan hinter das Haus kam und seinen Bruder erblickte, hatte dieser gerade die Axt für einen weiteren Schlag erhoben. Sein rechter Arm zitterte jedoch so stark, dass ihm beim Schwung nach vorne die Axt aus den Händen glitt. Voller Zorn trat er gegen ein Stück Holz.
„Ist schon gut, Rodolphus", sagte Rabastan, hob die Axt auf und lehnte sie an die Hauswand neben den Stapel Holzblöcke.
„Wenn ihr etwas passiert ist, dann…"
„Ich weiß. Komm, gehen wir rein."
Tipsi brachte Rodolphus ein Glas Wasser. Schweratmend ließ er sich auf dem Sofa nieder. Seine Kleidung war völlig durchgeschwitzt.
„Wieso hast du das nicht mit dem Zauberstab erledigt?", fragte Rabastan, obwohl er die Antwort schon wusste.
„Das ist nicht so effektiv", sagte Rodolphus. „Und gibt nicht so viel Befriedigung."
„Das stimmt."
„Melinda hat mir gesagt, dass du verletzt bist. Wie geht's dir?"
„Es ist wieder alles in Ordnung. Sie hat meine Wunden gut versorgt."
„Der Dunkle Lord?"
Rabastan nickte. „Er ist wütend darüber, dass Hermine weg ist. Das war klar. Ich hatte den Auftrag, sie hierzubehalten, bis er sie brauchen würde. Ich habe versagt."
„Was glaubst du, wo sie ist? Hast du Greyback oder sonst jemanden im Verdacht?"
„Nein. Ich glaube, dass der Widerstand sie entführt hat oder zumindest hoffe ich das", erklärte Rabastan missmutig. „Es ist die einzige Erklärung. Sie werden mit Sicherheit in der Zeitung gesehen haben, dass Hermine bei mir wohnt. Es wäre ein leichtes gewesen, jemanden in der Winkelgasse zu positionieren, der ihnen Bescheid gibt, wenn wir dort auftauchen. Ist ja nicht so, dass man uns beide nicht kennt."
„Das macht die Suche ja nicht gerade einfacher."
„Der Widerstand wird sie gut verstecken. Eine Suche wird nichts bringen." Rabastan fuhr sich mit den Händen durch die Haare und atmete geräuschvoll aus. „Ich hoffe so sehr, dass es ihr gut geht. Ich könnte es mir niemals verzeihen, wenn Hermine irgendetwas passiert."
„Willst du den anderen nicht Bescheid sagen?", fragte Vanessa vorsichtig.
Sie saßen in ihrem Schlafzimmer. Hermine saß am Kopfende des Bettes und hatte sich mit dem Rücken an die Wand gelehnt. Seit dem Testergebnis hatte sie kein Wort mehr gesagt. Gedanklich war sie an einem völlig anderen Ort. Sie konnte sich nur zu einem schwachen Kopfschütteln als Antwort auf Vanessas Frage überwinden.
„OK. Wieso nicht?"
„Ich will einfach nicht, dass sie es erfahren. Bitte versteh das."
„Soll ich nicht noch ein paar Tage länger bleiben? Ich kann dir helfen, ich hab ja immerhin schon Erfahrung mit diesen Dingen."
„Das ist lieb gemeint, aber… Ich möchte einfach jetzt gern allein sein", sagte Hermine.
Vanessa protestierte nicht. Kurze Zeit später verließ sie Shell Cottage wieder, um zu ihrem Mann und ihrer Tochter zurückzukehren. Hermine verbrachte die nächsten Tage fast nur allein in ihrem Zimmer. Nur manchmal ging sie spätabends, wenn alle bereits schliefen, hinunter an den Strand und sah auf das Meer hinaus. Sie brauchte die Zeit für sich allein. Tausend Gedanken schossen ihr wild durcheinander durch den Kopf und ihre Gefühlswelt befand sich gerade im Ausnahmezustand.
Das Testergebnis war positiv ausgefallen, Hermine war tatsächlich schwanger.
Die Erkenntnis traf sie wie eine mächtige Welle, die sie unter sich begrub und von den Füßen riss, und Hermine wusste noch nicht, wie sie damit umgehen sollte. Im Moment hatte sie das Gefühl, nicht atmen zu können und nach unten in einen Abgrund gerissen zu werden. Normalerweise sollte sich eine Frau eigentlich freuen, wenn sie ein Kind erwartete, Hermine aber konnte es im Moment nicht. Zu viele Sorgen beschäftigten sie.
Sie war zerrissen zwischen zwei Welten und ihr und Rabastans gemeinsames Kind würde ihre Situation nicht einfacher machen. Wenn der Widerstand erfuhr, dass sie schwanger war, dann wäre sie endgültig eine Aussätzige, denn das Kind würde sie auf ewig an einen Todesser binden. Hermine wollte sich nicht entscheiden. Sie wollte mit Rabastan glücklich sein, aber sie wollte auch Frieden und weiterhin ein gutes Verhältnis mit ihren alten Freunden.
Wie sie sich um ein Kind kümmern sollte, war ihr ebenfalls schleierhaft. Sie fühlte sich viel zu jung, um schon Mutter zu werden. Irgendwann, so hatte sie immer gesagt, wollte sie einmal eine Familie und Kinder haben, irgendwann, wenn die Welt wieder ein friedlicher Ort ohne Krieg und Kämpfe war. Niemals hätte sie sich gewünscht, dass ihr Kind in die Welt, wie sie jetzt war, hineingeboren werden sollte.
Sie konnte jetzt auch genau nachvollziehen, wie Vanessa sich gefühlt haben musste, als sie in dergleichen Situation gewesen war. Sie war sogar noch jünger gewesen und ihr Verhältnis zum Vater ihres Kindes war komplizierter gewesen als Hermines Beziehung mit Rabastan.
Rabastan.
Wie würde er reagieren? Sie hatten nie wirklich über das Thema Kinder gesprochen oder gemeinsam irgendwelche Pläne gemacht. Was, wenn er ablehnend reagierte? Wenn er das Kind nicht annahm? Er war immerhin reinblütig und seine Familie legte viel Wert auf den Erhalt des reinen Blutes. Ihr Kind war genau genommen nichts anderes als ein Bastard. Vielleicht wollte Rabastan sie dann nicht mehr.
Allein die Vorstellung, Rabastan könnte sie zurückweisen, ließ Hermine in laute Schluchzer ausbrechen. Zum Glück übertönte das Rauschen der Wellen ihr Wehklagen.
Eine Woche war vergangen, nachdem Hermine erfahren hatte, dass sie schwanger war. Ihre morgendliche Übelkeit hatte leider kein bisschen nachgelassen, sodass sie meist den Morgen nach dem Aufstehen über dem Waschbecken oder der Toilettenschüssel verbrachte. An Essen war meist nicht zu denken oder sie holte sie etwas aus der Küche, wenn niemand sonst da war. Wie viel die anderen im Haus mitbekamen oder vielleicht erahnten, war Hermine gleichgültig. Sie ignorierte beständig die argwöhnischen Blicke.
Die Sehnsucht nach Rabastan wuchs von Tag zu Tag und manchmal glaubte sie, in dem kleinen Strandhaus verrückt zu werden. Sie vermisste Rabastan. Sie vermisste, jeden Morgen neben ihm aufzuwachen, von ihm in den Arm genommen zu werden und mit ihm gemeinsam etwas zu unternehmen. Shell Cottage kam ihr immer mehr wie ein Gefängnis vor. Dazu plagte sie jetzt ein schlechtes Gewissen, weil Rabastan noch nichts von seinem Glück wusste. Hermine überlegte bereits hin und her, ob und wie sie ihm von ihrem Kind erzählen sollte.
Eines Abends sollte wieder eine Versammlung der Widerstandskämpfer stattfinden. Die Küche und das Esszimmer waren brechend voll mit Leuten. Hermine hörte nur gedämpft die Stimmen von unten, die zu ihr ins Dachgeschoss hinaufdrangen. Wer da war oder was sie planten, interessierte sie nicht. Nicht mehr, wie sie erschreckend feststellte.
Lustlos und mehr aus Gewohnheit, weil sie es bisher bei jedem Treffen so gemacht hatte, setzte sich Hermine an den oberen Treppenabsatz und hörte zu, was unten gesprochen wurde.
Nach vielleicht einer halben Stunde verlor sie das Interesse und wollte schlafen gehen, als sie Schritte auf der Treppe hörte. Sie hätte vielleicht mit Ginny oder Fleur gerechnet, aber niemals mit Amycus Carrow.
„Guten Abend, Ms. Granger."
„Amycus, was machen Sie denn hier?", fragte Hermine verdutzt. Der Todesser sah viel besser aus, seit er Lord Voldemort den Rücken gekehrt und sich für seine Familie entschieden hatte.
„Ich habe die Seiten gewechselt, schon vergessen?"
„Stimmt."
„Wie geht es Ihnen, Ms. Granger?"
Hermine zuckte nur mit den Schultern. „Und Ihnen? Ich habe gehört, Sie haben geheiratet."
„Ja."
„Herzlichen Glückwunsch."
„Vielen Dank. Wie ich von Vanessa gehört habe, gibt es auch bei Ihnen einen Anlass, zu dem man gratulieren kann."
Hermine starrte den Todesser an. „Was-?!"
„Tut mir leid, Vanessa hat es mir erzählt. Dass Sie schwanger sind."
Wut packte Hermine. Sie hatte gedacht, dass sie Vanessa vertrauen konnte.
„Sind Sie dann meinetwegen heute hier, um mir zu gratulieren?", bemerkte Hermine sarkastisch.
„Nein. Der Widerstand will mich heute bei der Versammlung dabei haben, um mich zu befragen. Deshalb bin ich hier", erklärte Amycus. „Da ich aber wusste, dass Sie hier sind, wollte ich mal mit Ihnen sprechen, Ms. Granger."
„Worüber? Was haben wir beide uns zu sagen?"
„Vanessa hat mir auch erzählt, dass Sie es hier keinem gesagt haben. Nicht mal Ihren Schulfreundinnen. Warum nicht?"
„Das geht Sie nichts an, Amycus", sagte Hermine entschieden. „Das ist meine Entscheidung."
„Das respektiere ich. Ich werde Ihnen auch nicht in Ihre Entscheidung reinreden, Hermine. Ich kann mir nämlich denken, warum Sie es nicht sagen wollen."
„Ach ja?" So weit kam es noch, dass Amycus Carrow wusste, was sie wollte.
„Aus Angst. Genauso wie Vanessa damals. Sie hatte Angst, was die Leute von ihr denken würden, wenn sie wüssten, dass sie mit mir eine Affäre hatte und schwanger ist. Sie haben Angst, Ihre Freunde endgültig zu verlieren, deshalb sagen Sie nichts."
Hermine musterte den Todesser überrascht. Sie hätte niemals erwartet, dass er mit seiner Vermutung genau ins Schwarze treffen würde. Offenbar hatte sie ihn unterschätzt. Oder er hatte durch Vanessa eine erstaunliche Wandlung vollzogen.
„Ich hoffe aber, dass das nur für Ihre Freunde hier gilt. Und nicht auch für den Kindsvater", sagte Amycus ernst.
„Was meinen Sie?"
„Auch wenn wir erst spät eine Familie geworden sind und es am Anfang ziemlich schwierig war, bin ich Vanessa sehr dankbar dafür, dass sie mir gleich von Alexia erzählt hat. Es war damals noch in Hogwarts. Sie hatte es gerade erfahren und hat es mir sofort gesagt. Ich war sehr froh darüber. Rabastan ist doch der Vater, oder?"
Hermine nickte. Tränen formten sich in ihren Augen.
„Dann sollte er es erfahren. Er hat ein Recht darauf, es zu wissen", sagte Amycus.
Hermine sah zu Boden, damit der Todesser nicht sah, wie traurig sie war. Es tat weh, von einem Außenstehenden die Wahrheit ins Gesicht gesagt zu bekommen.
„Was soll ich Ihrer Meinung nach tun?", fragte sie.
„Der allwissende Bücherwurm Hermine Granger bittet jemanden wie mich um Rat", meinte Amycus und grinste. „Diesen Tag muss ich mir im Kalender anstreichen."
Hermine konnte über seinen Scherz nicht lachen.
„Ich muss Ihnen nicht sagen, was Sie zu tun haben, Ms. Granger. Hören Sie auf Ihr Herz. Es wird Ihnen den rechten Weg weisen. Jetzt aber", er ergriff vorsichtig ihre Hand, „sagte ich Ihnen tatsächlich, was sie tun sollen. Kommen Sie."
Widerwillig ließ sich Hermine von Amycus die Treppe nach unten führen. Bevor sie in die Küche kam, wischte sie sich schnell ihre Tränen mit dem Ärmel ihres Pullovers weg. Als sie in den Raum traten, verstummten die Anwesenden und wandten sich den Neuankömmlingen zu.
„Ich habe hier jemanden, der auch gerne dabei sein möchte", sagte Amycus und ging zu seinem Platz zurück.
Hermine lächelte schwach. Sie wäre an jedem anderen Ort lieber gewesen, als hier in der Küche von Shell Cottage, wo alle Blicke auf sie gerichtet waren.
So viele Leute wie am heutigen Abend waren noch nie bei einer Versammlung gewesen.
Hermine staunte nicht schlecht, als sie Lucius und Draco Malfoy erblickte. Und neben Mr. Malfoy saß niemand geringeres als Andromeda Tonks. Der kleine Teddy Lupin spielte zu ihren Füßen mit einem Stofftier.
Als die Widerstandskämpfer allmählich ihre Gespräche über die Befreiung der Gefangenen aus Askaban wieder aufnahmen, drängte sich Hermine vorsichtig durch die Menge zu Mrs. Tonks.
„Hallo, Hermine", sagte Andromeda freundlich. Es war erstaunlich, wie ähnlich sie ihrer älteren Schwester Bellatrix war.
„Tut mir so leid um ihre Familie, Mrs. Tonks", sagte Hermine zu Andromeda.
„Danke, Hermine. Es wird leichter mit der Zeit, der Schmerz wird irgendwann erträglicher. Zum Glück habe ich eine Aufgabe."
Sie deutete auf ihren Enkel. „Ich kümmere mich um ihn."
Hermine nickte. „Wie geht es Ihnen heute?"
„Es geht mir schon besser, aber… Es ist trotzdem immer noch schwer." Ihr Blick wanderte zu Lucius Malfoy, der neben ihr saß. Sie ergriff seine Hand. „Da ist es gut, wenn man jemanden hat, mit dem man seine Sorgen teilen kann und der einem hilft."
„Ist da etwas zwischen Ihnen beiden?", fragte Hermine etwas verlegen.
„Oh nein, nein!", sagte Andromeda schnell. „Lucius und ich sind nur Freunde."
Lucius Malfoy wich ihrem Blick aus. Als Hermine ihn ansprach, kostete es ihn Überwindung sie anzusehen.
„Tut mir sehr leid mit Ihrer Frau. Rabastan hat mir erzählt, was passiert ist. Sind Sie deswegen hier?"
„Ja", sagte Lucius Malfoy etwas steif.
„Ich habe die beiden hierher gebracht", erklärte Andromeda. „Ein paar Monate nach der Schlacht haben wir uns ganz zufällig in der Winkelgasse getroffen. So sind Lucius und ich in Kontakt gekommen. Wir haben uns oft getroffen und haben viel Zeit miteinander verbracht. Es hat allerdings eine Weile gedauert, bis ich ihn überzeugen konnte, sich dem Widerstand anzuschließen. Draco kam dann kurz danach. Narcissas Tod war ausschlaggebend dafür, dass die beiden diesen Schritt gewagt haben."
„Verstehe."
Viel hatte sich seit der Schlacht von Hogwarts verändert, wie Hermine erneut feststellen musste. Die Seiten waren nicht mehr klar voneinander zu trennen. Die klare Linie, die sie in der Vergangenheit zwischen Gut und Böse, Schwarz und Weiß gezogen hatte, galt in diesem Krieg schon lange nicht mehr. Menschen hatten sich im Laufe der Zeit verändert. Das Böse war auf die Seite des Guten gewechselt und sie selbst war auf die Seite des Bösen gegangen. Hermine wurde bewusst, dass ihr Bild zu eindimensional gewesen war. Ihre eigene Geschichte und Rabastan hatten sie gelehrt, dass es nur Individuen gab, die ihre eigenen Entscheidungen trafen, für sich und für die, die sie liebten, und dass sie diese Entscheidungen in ihrem Handeln ausdrückten.
„Stimmt das mit dir und meinem Onkel, Granger?", fragte Draco. Er sah sie verunsichert an. In seinen Augen sah Hermine, dass sein Bild, das er über Jahre hinweg von ihr gehabt hatte, in Frage gestellt worden war. Sein Tonfall war nicht herablassend oder gehässig wie früher, vielmehr klang er verwirrt, so als wisse er nicht mehr wie er mit ihr umgehen sollte und wie er sie einschätzen sollte.
„Ja, Rabastan und ich sind seit ein paar Monaten zusammen."
„Der gute Rabastan", sagte Andromeda mit einem Lächeln. „Das ist lange her mit uns."
„Sie waren mal mit ihm zusammen?" Jetzt war Hermine wirklich überrascht, denn damit hätte sie am wenigsten gerechnet.
„Ja. Ich war in der fünften, Rabastan in der siebten Klasse, als wir ein Paar waren", erklärte Andromeda. „Es waren ein paar schöne Monate, allerdings hat Rabastan immer viel mehr in unserer Beziehung gesehen als ich. Rabastan hat sich ausgerechnet, dass er und ich uns verloben würden. Als er nach seinem Abschluss die Schule verlassen hat, gab es sogar schon Gespräch zwischen unseren Eltern."
„Aber so weit kam es gar nicht, oder?"
Andromeda schüttelte den Kopf. „Kurz nachdem Rabastan gegangen war, lernte ich Ted Tonks kennen, einen muggelgeborenen Hufflepuff, mit dem ich noch nie ein Wort gewechselt hatte. Ich wusste vom ersten Tag an, dass er derjenige war, mit dem ich mein Leben verbringen wollte. Aber das bedeutete, dass ich meine Familie zurücklassen musste."
„Dann sind Sie gegangen, oder?"
„Es war gleich nach meinem Abschluss", sagte Andromeda. „Wir heirateten in einem kleinen Kreis und kurz darauf wurde ich mit Nymphadora schwanger." Trauer und Schmerz lagen auf ihrem Gesicht. „Ich hätte mir nichts sehnlicher gewünscht, als all das mit meiner Familie teilen zu können. Es hat mich viel gekostet, meine Schwestern und meine Eltern einfach so zu verlassen. Ich weiß, unter anderem auch von Lucius, dass ich meinen Schwestern, besonders Bellatrix, sehr wehgetan habe. Ich habe das Ehedebakel zwischen ihr und Rodolphus zu verantworten. Nach meinem Verrat wollten unsere Eltern nichts mehr dem Zufall überlassen. Sie haben sie in diese Ehe gedrängt, die sie nicht wollte."
„Das kann man jetzt nicht mehr ändern", meinte Lucius. „Rodolphus und Bellatrix waren erwachsene Menschen."
„Ich weiß, aber ich hätte mir immer gewünscht, mich mit meinen Schwestern wenigstens aussöhnen zu können. Ich war all die Jahre zu feige es wenigstens zu versuchen. Und heute ist es zu spät. Wenn ich nur gehandelt hätte. Es schmerzt mich, dass sie tot sind ohne jemals erfahren zu haben, wie sehr ich sie geliebt habe. Sie sind gestorben in dem Wissen, dass ihre Schwester nichts auf sie gegeben hat, obwohl das nicht stimmt. Und Rabastan habe ich das Herz gebrochen."
Die Widerstandskämpfer beschlossen bei der Versammlung einen Angriff auf das Ministerium, um die Macht über die Verwaltung und den Tagespropheten zurückzubekommen, und auf Askaban, um die Gefangenen dort zu befreien. Die Operation war mit gewaltigen Risiken verbunden. Auf beiden Seiten würde es Verwundete und Tote geben, so viel stand fest, aber der Widerstand war gewillt, jedes erdenkliche Risiko einzugehen, um Voldemorts Schreckensherrschaft ein Ende zu bereiten. Die Tatsache, dass sie jetzt sogar Todesser auf ihrer Seite hatten, schien sie in ihrem Vorhaben nur weiter zu bestärken. Hermine sagte nichts, weil sie ohnehin den Verdacht hatte, dass man auf ihre Meinung nicht mehr viel geben würde, aber sie wünschte sich nichts sehnlicher, als dass die Kämpfe endlich aufhörten und sie alle in Frieden leben konnten. Sie konnte den Gedanken an noch mehr Tote und noch mehr Leid nicht mehr ertragen. Jetzt noch weniger, da sie schwanger war.
Hermine fand nachts keinen Schlaf mehr, weil ihre Gedanken bei Rabastan und ihrem ungeborenen Kind waren. Wenn sie abends im Bett lag und ihre Hand auf ihren Bauch legte, dann glaubte sie, die Magie spüren zu können, die von ihrem Kind ausströmte. Ihr Kind war etwas ganz Besonderes, das wusste sie instinktiv. Wie gern wäre sie bei Rabastan gewesen und wie gern hätte sie ihm von ihrem Kind erzählt.
Sie dachte an Amycus' Worte zurück. Rabastan hatte ein Recht zu erfahren, dass er Vater wurde, egal wie es in Zukunft mit ihnen weitergehen sollte, da hatte Amycus vollkommen Recht. Rabastan sein Kind vorzuenthalten, war hinterhältig und es widersprach Hermines moralischem Empfinden. Sie war in einem Dilemma gefangen. Rabastan war weit weg und sie konnte ihn nicht erreichen, solange sie hier bei ihren Freunden festsaß.
Hermine stand auf, ging zum Fenster und sah hinaus in den Nachthimmel, wo die Sterne funkelten. Noch in derselben Nacht traf sie eine Entscheidung.
„Sie ist jetzt seit fast zwei Wochen verschwunden und noch immer gibt es keine Spur von ihr", sagte Rabastan niedergeschlagen. „ich weiß nicht mehr, was ich tun soll."
Rabastan und Rodolphus saßen mit Antonin Dolohow, Alecto Carrow, Walden Macnair, Melinda Vermont und William Travers im Salon zusammen. Hermines Verschwinden hatte sich wie erwartet nicht lange geheim halten lassen und die anderen Todesser hatten natürlich mitbekommen, dass der Dunkle Lord Rabastan gefoltert hatte.
„Habe ich das also richtig verstanden", sagte Travers, „der Dunkle Lord wollte, dass Hermine Granger bei dir lebt?"
„Bis er sie brauchen würde", fügte Dolohow hinzu.
„Wofür könnte er sie brauchen?", wollte Travers wissen.
„Wissen wir nicht", sagte Rodolphus. „Wir haben uns schon gewundert, dass der Dunkle Lord nichts unternimmt. Hermine lebt seit ungefähr einem halben Jahr bei uns."
„Und du bist dir sicher, dass sie nicht beim Dunklen Lord ist?", fragte Alecto. „Vielleicht hat er sie ja jetzt gebraucht."
„Warum kommt er dann nicht zu mir? Er hat sie in meine Obhut gegeben, warum sollte er sie dann entführen?", entgegnete Rabastan. „Das ergibt gar keinen Sinn."
„Könnte sie nicht weggelaufen sein? Vielleicht hat sie die Gelegenheit genutzt, um von dir wegzukommen."
Rabastan wusste natürlich, warum jeder zu dieser Schlussfolgerung kam. Er war es leid, darüber zu diskutieren.
„Hermine wäre niemals einfach so weggegangen", sagte er entschieden, um damit weitere Diskussionen darüber im Vorfeld auszuräumen.
„Dann bleibt ja eigentlich nur noch der Widerstand", meinte Macnair. „Die würden Potters Freundin doch bestimmt zurückhaben wollen."
„Ja. Das halten Rodolphus und ich im Moment für die einzig logische Erklärung."
„Suchst du sie?", wollte Alecto wissen.
„Eigentlich sollte ich das", sagte Rabastan, „aber ich weiß nicht, wo ich noch suchen soll. Hermine ist wie vom Erdboden verschluckt. Wenn wirklich der Widerstand sie hat, dann dürfte es praktisch unmöglich sein, sie ausfindig zu machen."
„Wie geht es dir heute, Alecto? Von Amycus hast du nichts gehört, oder?", erkundigte sich Dolohow.
Macnair legte einen Arm um Alecto und zog sie an sich. „Nein und das werde ich auch nicht mehr. Er ist weg. Er hat sich für dieses Mädchen entschieden und gegen mich. Wir haben uns die letzten drei Jahre wohl irgendwie in unterschiedliche Richtungen entwickelt. Ich hätte das nie von ihm gedacht, dass ausgerechnet er zum Verräter werden könnte. Diese Ravenclaw hat ihn total verändert."
Alle Todesser wechselten einen Blick miteinander, aber niemand sagte etwas.
„All die Monate habe ich mich genau davor gefürchtet", sagte Rabastan. „Alles lief so gut und dann reichen ein paar Augenblicke der Unaufmerksamkeit und alles ist zerstört."
„Hast du schon einen Plan, wie es weitergehen soll?", fragte Melinda.
Rabastan schüttelte den Kopf. „Nein, habe ich nicht. Ich weiß überhaupt nichts mehr."
Dolohow erhob sich. „Ich muss mich leider schon verabschieden, Rabastan. Tut mir leid, dass ich nicht länger bleiben kann. Wir hören voneinander. Wenn du etwas brauchst, schick mir einfach eine Eule."
„Alles klar, danke."
Dolohow schritt hinaus und nur wenige Augenblicke später konnten sie die Haustür hören.
„Hör mal, Rabastan, wenn du…", begann Alecto, doch sie brach ab, als Dolohow überraschend in den Salon zurückkam.
„Rabastan, das solltest du dir wirklich ansehen."
Verdutzt folgten Rabastan, Rodolphus und die anderen Antonin in die Eingangshalle. Die Haustür stand offen und gab den Blick auf die lange Zufahrt zum Haus frei.
„Da draußen."
Rabastan traute seinen Augen kaum. „Hermine…"
