Rabastan konnte es nicht glauben. „Hermine…"

Er merkte gar nicht, wie er sich nach vorne bewegte. Hermine fing an zu laufen und nur Sekundenbruchteile später lagen sich beide in den Armen.

„Rabastan, ich habe dich so vermisst. Ich bin so froh, dich wiederzusehen!", sagte Hermine und drückte ihn fest.

„Ich bin auch froh", sagte Rabastan erschöpft und hielt Hermine fest umschlossen in seinen Armen. Wie sehr er sich danach gesehnt hatte, sie wieder zu umarmen, den Geruch ihrer Haare einzuatmen oder auch nur ihre Stimme zu hören, und wie leer die letzten zwei Wochen ohne sie gewesen waren, wurde ihm erst jetzt in diesem Moment wirklich bewusst. Nie wieder wollte er einfach so ohne sie sein. Nie wieder wollte er ihre Beziehung so leichtfertig aufs Spiel setzen, wie er es getan hatte.

„Hermine, ich bin wirklich erleichtert, dass du wieder da bist", sagte Rabastan. Er musterte sie von oben bis unten. „Geht's dir auch wirklich gut? Ist dir nichts passiert?"

„Nein, mir geht's gut. Es ist alles in Ordnung."

Rodolphus und die anderen Todesser näherten sich vorsichtig. „Bist du es wirklich, Hermine?", fragte Rodolphus, der es offenbar noch nicht glauben konnte, dass Hermine wirklich zurückgekehrt war.

„Rabastan, du musst sicherstellen, dass sie keine Doppelgängerin ist", ermahnte ihn Dolohow.

„Ich bin es, Rabastan. Weißt du noch, wie du mich damals bei Vollmond zu meinem Lieblingsplatz in der Bücherei geführt hast? Du wolltest mir zeigen, wie der große, leuchtende Mond über dem Waldrand steht. Es war da, als du mir gesagt hast, warum ich hier bin, und als wir uns das erste Mal geküsst haben."

Es gab keinen Zweifel. „Sie ist es", sagte Rabastan mit einem Lächeln. Hermine küsste ihn. Auch ihr war die entbehrungsreiche Zeit ohne ihn anzumerken. Rodolphus schloss Hermine sichtlich erleichtert in die Arme.

„Ich habe mir solche Sorgen gemacht", raunte er Hermine zu. „Es war komisch und so leer ohne dich."

„Jetzt bin ich ja wieder da", sagte Hermine und hauchte Rodolphus einen flüchtigen Kuss auf die Wange.

„Gehen wir rein. Du musst uns erzählen, was passiert ist."

Rabastan wies Tipsi sofort an, Hermine etwas zu trinken zu bringen.

„Bevor ich vorhin unterbrochen wurde, wollte ich eigentlich noch sagen, dass es doch sein könnte, dass Hermine deswegen verschwunden ist, weil der Dunkle Lord sie irgendwann brauchen würde", meinte Alecto. „Wusste sie davon?"

„Ich wusste davon", sagte Hermine, nachdem sie einen großen Schluck eiskaltes Wasser genommen hatte, und kam damit Rabastan zuvor. „Das war nicht der Grund. Ich bin auch nicht freiwillig weggegangen."

„Hermine, was ist dann passiert?", fragte Rabastan, nachdem sie sich auf dem Sofa im Salon niedergelassen hatten. „Ich habe mir solche Sorgen gemacht! Wo warst du?"

„Eine lange Geschichte", meinte Hermine.

„Erzähl, von Anfang an. Ich habe mir alles Mögliche ausgemalt, was dir passiert sein könnte. Du bist nicht verletzt, oder?"

Hermine verneinte mit einem Kopfschütteln. „Mir geht's bestens."

„Wo warst du?", fragte Rodolphus.

Melinda und die anderen Todesser hielten sich höflich im Hintergrund, aber hörten aufmerksam zu.

„Beim Widerstand", sagte Hermine.

„Also doch, Rabastan. Du hattest richtig vermutet."

„Habt ihr das schon gewusst?", fragte Hermine erstaunt.

„Gewusst nicht, aber gehofft und geahnt", sagte Rabastan, dem ein Stein vom Herzen fiel.

„Wie?", wollte Rodolphus wissen. „Wie bist du…"

„Rabastan und ich waren doch in der Winkelgasse einkaufen. Wir haben uns getrennt, weil ich zu Flourish & Blotts wollte, aber Rabastan nicht. Ich habe es nicht mal bis zum Buchladen geschafft. Sie haben jemanden in einer kleinen Nebenstraße postiert, um mich abzufangen. Ich konnte nichts tun. Sie haben mich verhext und ich wurde ohnmächtig."

„Wo haben sie dich hingebracht?", fragte Rabastan sofort.

„Zum Haus eines Freundes, aber ich kann euch nicht sagen, wo es ist. Es ist gut mit Magie geschützt und ich bin nicht der Geheimniswahrer. Ich weiß nur, dass es das Hauptquartier des Widerstandes ist."

„Schon gut, Hermine, das ist jetzt nicht wichtig", sagte Rabastan, dem es in diesem Moment herzlich egal war, wo sich der Widerstand versteckte.

„Hast du dort gelebt bei denen?"

„Ja. Ich war die letzten zwei Wochen dort. Schön war es nicht gerade, auch wenn ich mich schon irgendwie gefreut habe, meine Freunde wiederzusehen."

„Was ist passiert?", fragte nun Melinda und traf nach vorne.

„Meine Freunde haben mich entführt, weil sie dachten, ich werde bei Todessern gefangen gehalten", erklärte Hermine. „Sie konnten natürlich nicht wissen, dass ich ja freiwillig hier bei euch bin. Sie dachten, sie würden mich retten und mir etwas Gutes damit tun."

Rabastan und Rodolphus sahen sich an.

„Und dann?"

„Ich will es mal so sagen: Ich habe ihnen ganz schön den Wind aus den Segeln genommen, als ich sagte, dass ich mit Rabastan zusammen bin. Sie hatten uns auf dem Titelblatt des Tagespropheten gesehen und gedacht, dass ich deine Gefangene bin. Sie wollten mich unbedingt hier rausholen. Und ich wollte gar nicht gerettet werden."

Plötzlich sah Hermine traurig aus. Rabastan umarmte sie. „Meine Freunde haben mich angesehen, als wäre ich eine Fremde. Sie wollten mich nicht mehr, weil ich mit dir zusammen bin."

„Ach, Hermine…"

„Wahrscheinlich sieht dich der Widerstand als Verräterin an", meinte Melinda. „Das wird ihnen einen ganz schönen Dämpfer verpasst haben. Dass ihre Gallionsfigur einfach so die Seiten gewechselt hat."

Hermine nickte.

„Ich habe auch Vanessa und Amycus gesehen", verkündete sie dann und deutete auf Alecto.

„Du hast meinen Bruder gesehen?" Plötzlich war Alecto an ihrer Seite und sah sie erwartungsvoll an. „Was…"

„Es geht ihm gut, aber er arbeitet jetzt für den Widerstand. Er und Vanessa haben vor kurzem geheiratet."

Ein geschockter Ausdruck trat auf Alectos Gesicht. Sie öffnete den Mund, um noch etwas zu sagen, aber offenbar fehlten ihr die Worte. Macnair nahm sie in die Arme, um sie zu trösten.

„Amycus, wer hätte das gedacht", meinte Rabastan schmunzelnd.

„Er hat es wegen Vanessa und seiner Tochter getan. Hat er mir erzählt."

„Das haben wir uns schon gedacht", sagte Macnair.

„Er war es auch, der mich überzeugt hat, zurückzukommen", sagte Hermine.

„Was? Wie das denn?"

„Er meinte, dass du ein Recht darauf hast, es zu erfahren."

Rabastan sah sie völlig verdutzt an. „Was soll ich erfahren?"

„Rabastan, ich muss dir etwas Wichtiges sagen." Hermine atmete tief durch und schluckte. „Rabastan, ich bin schwanger."

In der Stille, die auf diesen Satz folgte, hätte man eine Stecknadel fallen hören können.

„Rabastan?"

Rabastan wusste nicht, was er sagen sollte. Ungläubig und entgeistert starrte er Hermine an. Die anderen um ihn herum sahen sich an und begriffen deutlich schneller als er.

„Ich würde sagen, dann kann man wohl gratulieren", meinte Antonin Dolohow und klopfte Rabastan andächtig auf die Schulter.

„Herzlichen Glückwunsch, Bruder", sagte Rodolphus, nachdem er sich wieder gefangen hatte und aus seiner Schockstarre über diese Nachricht erwacht war.

Rabastan brauchte etliche Minuten, bis er die Bedeutung von Hermines Worten begriffen hatte.

„Ich… Ich werde Vater?"

Hermine nickte. „Ich weiß es selbst erst seit ein paar Tagen. Vanessa hat mit mir einen Test gemacht. Sie war es auch, die als Erste den Verdacht hatte, dass ich schwanger sein könnte."

„Wow, das ist… Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll."

Die anderen Todesser warfen sich vielsagende Blicke zu, dann gratulierten sie ihnen ebenfalls. Melinda zwinkerte Hermine zu, als sie ihr die Hand schüttelte. Die Einzige, die sich zierte, war Alecto, die sich auf Drängen der anderen erst einen Ruck geben musste.

Als Hermine Dolohow gegenüberstand und er ihr seinen Glückwunsch aussprach, musterte er sie irgendwie seltsam. Er schenkte ihr ein eigenartiges Lächeln, so als wüsste er mehr, als er vor den anderen zugeben wollte.

„Das müssen wir feiern!", sagte Rodolphus und rief Tipsi herbei. „Organisier für heute Abend ein großes Essen. Es gibt einen freudigen Anlass!" Tipsi verbeugte sich tief und machte sich sofort an die Arbeit.

„Das ist… Wahnsinn", meinte Rabastan. „Ich freue mich."

„Wirklich? Ich hatte nämlich Angst, dass du… Ich hatte Angst vor deiner Reaktion."

„Hermine, ich liebe dich und es könnte, abgesehen davon, dass du wieder hier und wohlauf bist, keine schönere Nachricht geben."

Sie wirkte sichtlich erleichtert. „Das heißt, wir machen das zusammen?"

„Ja, wir gehen diesen Weg gemeinsam."

Hermine lächelte und sie küssten sich voller Leidenschaft.


Alecto war schweigsam, als sie und Macnair den langen Zufahrtsweg des Lestrange-Anwesens entlangschritten, um durch das Tor zu gehen, von wo aus sie dann apparieren konnten. Er legte einen Arm um sie und zog sie an sich.

„Willst du heute Nacht zu mir?", bot Macnair ihr an.

„Nein", sagte Alecto und verneinte mit einem Kopfschütteln. Mit sanftem Druck schob sie ihn beiseite. „Ich muss zurück in die Schule."

„OK. Soll ich nicht mitkommen?", fragte Macnair. „Du siehst irgendwie so aus, als könntest du heute Nacht Gesellschaft gebrauchen."

Sie überlegte kurz, dann stimmte sie widerwillig zu. „Also gut, meinetwegen."

Sie apparierten gemeinsam nach Hogwarts, wo Macnair Alecto in ihr Schlafzimmer begleitete. Teilnahmslos ließ sie sich von ihm ausziehen. Als er ihr Haarband löste, das ihren Zopf zusammengehalten hatte, fiel ihm auf, wie trübselig sie aussah.

„Was ist los? Ist es wegen Amycus?"

„Ich kann das alles einfach nicht glauben", sagte Alecto. „Warum tut er das?"

„Redest du davon, dass er den Dunklen Lord verraten hat und jetzt für den Widerstand kämpft oder dass er mit einer Frau zusammen ist, die du nicht magst?"

„Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß nicht, über was ich mich mehr aufregen soll", gab Alecto offen zu. „Dieses Mädchen ist…"

„Sie scheint die Richtige für ihn zu sein. Sie haben ein Kind zusammen und jetzt haben sie geheiratet."

„Es ist, als ob ein Teil von meinem Leben weggebrochen ist", sagte Alecto. „Amycus und ich, das war immer…"

„Ihr seid keine Kinder mehr. Ihr seid erwachsene Menschen, Alecto. Man muss irgendwann seinen eigenen Weg gehen", meinte Macnair. „Als sich das mit uns vor ein paar Monaten entwickelt hat, da hat er auch nichts gesagt, obwohl Amycus mich wegen der alten Geschichte zwischen uns nicht leiden kann. Immerhin hat seine Verlobte ihn damals mit mir betrogen, vergiss das nicht. Er hat es dir aber trotzdem gegönnt. Wieso kannst du das nicht bei ihm?"

Sie wusste darauf nichts zu sagen.

„Er hat lange auf sein Kind verzichtet. Nur deinetwegen, weil er Rücksicht auf dich genommen hat."

„Du willst mir sagen, dass ich ein schlechter Mensch war und unfair zu ihm war?", sagte Alecto.

„Wenn du es so ausdrücken willst: Ja."

Sie lehnte sich erschöpft an ihn.

„Er hat den Dunklen Lord verraten!", entgegnete Alecto. „Er ist jetzt einer von denen."

„Er hat sich so entschieden, du kannst es nicht ändern. Im Übrigen, wer könnte es ihm denn verdenken?"

Es bedurfte keiner weiteren Worte. Alecto verstand sofort, auf was er anspielte. Die schrecklichen Vorkommnisse im Schulleiterbüro, die sie alle mitansehen mussten, verfolgten sie bis heute in ihren Albträumen.

„Was wenn wir uns eines Tages auf dem Schlachtfeld begegnen? Soll ich gegen meinen eigenen Bruder kämpfen?"

Darauf wusste auch Macnair keine Antwort.


Später, nachdem Hermine, Rabastan und Rodolphus Hermines Rückkehr und die freudige Nachricht von ihrer Schwangerschaft ausgiebig gefeiert hatten, lagen Hermine und Rabastan nebeneinander in ihrem Bett. Rabastan hatte seine Hand auf ihren Bauch gelegt.

„Ich hätte niemals erwartet, einmal Vater zu werden. Ich hatte es mir gewünscht, aber… In Anbetracht meiner Lebensgeschichte hatte ich den Wunsch vor langer Zeit aufgegeben. Es macht mich stolz, dass ich es doch noch einmal erleben darf."

Es waren die schönsten Worte, die Hermine seit langem gehört hatte. Sie legte ihre Hand auf die von Rabastan.

„Das heute ist vermutlich der schönste Tag meines Lebens", sagte Rabastan.

„Ich bin glücklich und ich bin froh, dass du das sagst", raunte Hermine.

„Gleich morgen werde ich unserer Heilerin Bescheid sagen. Sie muss dich untersuchen und sehen, ob alles in Ordnung ist."

„Fachmännischen Rat kann ich gut gebrauchen", meinte Hermine. „Ich habe mich noch nie mit magischen Schwangerschaften auseinandergesetzt. Vanessa hat mir ein bisschen was erzählt, aber das ist wirklich selbst für mich eine total neue Erfahrung. Ich habe schon alle möglichen Bücher gelesen, aber darüber noch nie. Hätte nicht gedacht, dass ich das sobald mal brauchen würde."

Sie lachten beide.

„Bei Flourish & Blotts gibt's Bücher über das Thema", sagte Rabastan. „Wenn du willst, kann ich eine Bestellung aufgeben. Nochmal so einfach lass ich dich nicht in die Winkelgasse gehen."

„Mach dir keine Sorgen. So schnell entführt mich mit Sicherheit niemand mehr. Und ja, Lektüre könnte ich jetzt wirklich gut gebrauchen."

„Hast du deinen Freunden eigentlich gesagt, dass du wieder zurückgehst?", wollte Rabastan wissen.

„Nein", sagte Hermine und beim Gedanken daran, was die anderen von ihr denken könnten, überkam sie ein schlechtes Gewissen. „Es war eine Nacht-und-Nebel-Aktion. Ich habe ihnen nur einen Zettel hinterlassen, sonst nichts. Ich habe spätabends im Bett gelegen und konnte nicht schlafen. Da habe ich an Amycus' Worte zurückgedacht. Kurz darauf habe ich entschieden, dass ich zurückgehen muss. Ich wollte, dass du sofort von unserem Kind erfährst."

„Verstehe. Was haben deine Freunde gesagt? Wie haben sie auf uns reagiert? Das muss ein ziemlicher Schock für sie gewesen sein, oder?"

Hermine nickte. „Und ob es das war. Sie haben es nicht gut aufgenommen, überhaupt nicht. Sie alle waren total komisch. Sie haben mich angesehen, als ob ich nicht dazugehören würde. Oder als ob ich nicht mehr ganz bei Trost bin. Bei Versammlungen durfte ich bis auf einmal gar nicht dabei sein, wahrscheinlich weil sie Angst hatten, dass sie mir nicht vertrauen konnten. Sie haben mir immer wieder Fragen gestellt. Keiner war begeistert, dass ich mit dir zusammen bin, weil alle dachten, dass du mich verhext hättest oder dass ich mich nur von dir habe verführen lassen, weil ich einsam war." Tränen formten sich in Hermines Augen. „Das hat wehgetan. Es hat sehr wehgetan, diese Dinge von Menschen zu hören, die mir einmal sehr viel bedeutet haben. Es wurde erst besser, als Vanessa dazukam. Sie hat mir etwas Kraft geben."

„Wie hast du eigentlich gemerkt, dass du… Du hast doch gesagt, ihr habt einen Test gemacht."

„Ja. Vanessa ist ein paar Tage bei mir geblieben und da hat es angefangen. Mir war schlecht, die typischen Symptome halt. Und meine Magie hat sich verändert. Vanessa meinte, dass das bei ihr genauso war, als sie mit Alexia schwanger war."

Rabastan richtete sich auf und stützte sich auf seinen Ellbogen. Er musterte Hermine erstaunt. „Deine Magie hat sich verändert? Wie meinst du das?"

„Naja, ich kann plötzlich Dinge ohne Zauberstab bewegen und meine Träume wurden total komisch, als ob es keine Träume, sondern Visionen waren. Und ich glaube, dass ich jetzt Legilimentik kann. Ist das normal oder muss ich mir Sorgen machen?"

„Also, ich weiß, dass manche Frauen in der Schwangerschaft Probleme mit ihrer Magie haben können, aber von solchen Kräften habe ich noch etwas gehört", musste Rabastan zugeben. „Ich kann mich erinnern, dass Narcissa ab und zu Schwierigkeiten hatte, ihre Magie unter Kontrolle zu bringen. Es ist dann aus ihr rausgebrochen, wenn sie wegen der Hormone emotional irgendwie aufgewühlt war. Was meinst du damit, dass du Dinge ohne Zauberstab tun kannst?"

„Schau her." Hermine richtete sich auf und konzentrierte sich auf ihren Zauberstab, der auf ihrem Nachttisch lag. Nur einen Augenblick später flog er in ihre ausgestreckte Hand.

Rabastan staunte nicht schlecht. „Wow, das habe ich ja noch nie gesehen!"

„Spürst du das, die Magie?"

„Ja und ob", sagte Rabastan und legte erneut seine Hand auf Hermines Bauch.

„Fühlst du es? Ich bin das nicht, es ist unser Kind. Diese magische Kraft kommt von ihm oder von ihr."

Rabastan nickte. „Ja, das ist eine ganz andere Magie als deine. Erstaunlich."

„Hast du von sowas schon mal gehört?", fragte Hermine, in der Hoffnung, Rabastan wüsste mehr als sie.

„Ehrlich gesagt, nein. So etwas habe ich noch nie erlebt. Wir sollten unsere Heilerin morgen fragen, vielleicht weiß sie etwas."

„Vanessa meinte, dass es bei ihr ähnlich war."

„Wie geht es Vanessa und Amycus eigentlich?", wollte Rabastan wissen. „Du sagst, sie haben geheiratet?"

„Ja. Vanessa war überglücklich, sie hat mir auch den Ring gezeigt. Die beiden gehören wirklich zusammen. Sie ist froh, dass ihre Familie jetzt komplett ist."

„Hm", meinte Rabastan nachdenklich. „Auch wenn unser Versuch, die beiden wieder zusammenzubringen, anfangs nach hinten losgegangen ist, hat es am Ende dann doch geklappt. Wenn sie sich nicht auf der Jubiläumsfeier getroffen hätten, dann hätten sie wohl nicht zueinander gefunden."

„Es sieht so aus", sagte Hermine. „Amycus hat auf mich den Eindruck gemacht, dass er es leid war zu kämpfen und dass er es leid war, sein persönliches Glück irgendeiner Sache unterzuordnen, in der er ohnehin keinen Sinn mehr gesehen hat. Das kann ich ihm nicht verdenken."

Er und Hermine hatten etwas gemeinsam. Sie hatten beide genug von Kriegen und Kämpfen und von Leid und Tod. Rabastan schwieg ein paar Minuten lang und sah nachdenklich aus dem Fenster.

„Ich glaube, es gab noch einen anderen Grund", sagte er schließlich. „Vor etlichen Wochen ist etwas passiert, dass uns alle ziemlich schwer erschüttert hat, vor allem Amycus."

„Und was?"

„Rookwood hat einen Befehl des Dunklen Lord nicht richtig ausgeführt und wurde dafür bestraft. Das heißt, genau genommen wurde nicht er bestraft, sondern seine Nichte."

„Was? Ich verstehe nicht."

„Die Nichte ist die Tochter seines Bruders, der mit seiner Familie in Irland lebt. Der Dunkle Lord muss sie eigens dafür hierher nach England gebracht haben."

„Was hat er getan?" Hermine schwante Böses. „Warst du deshalb so komisch? War das das Treffen an jenem Sonntag, wo du spät abends weg musstest?"

„Ja. Der Dunkle Lord hatte uns nach Hogwarts gerufen. Rookwoods Nichte ist 16. Um Rookwood für seine Fehler zu bestrafen, hat der Dunkle Lord sie einer Horde Greifer zum Fraß vorgeworfen, wenn du verstehst, was ich damit sagen will."

„Nein!" Hermine schlug sich vor Schreck die Hand vor den Mund. „Nein, das hat er nicht!"

„Doch, leider. Er hat uns andere dabei zusehen lassen."

Jetzt wurde Hermine einiges klar. Deshalb hatte sich Rabastan so seltsam verhalten. Kein Wunder, bei den Dingen, die er hatte mitansehen müssen.

„Wie geht's dem Mädchen denn jetzt?"

„Ich weiß es nicht, ich habe Rookwood seither weder gesehen, noch gesprochen", sagte Rabastan.

„Und du meinst, dass Amycus deswegen weggegangen ist?"

„Ja, erinnerst du dich nicht an das, was Melinda uns gesagt hat? Amycus hat sich doch die Woche nach diesem Vorfall bei ihr krankgemeldet und dann ist er verschwunden. Ich bin mir sicher, dass die Geschichte mit Rookwoods Nichte der Auslöser war. Er wird Angst gehabt haben, was ich ihm nicht verübeln kann. Es haben ja noch andere von uns auch Töchter in dem Alter. Jugson und Rowle sind vor kurzem Vater geworden. Avery und Selwyn erkennt man seitdem auch nicht wider. Die Stimmung unter den Todessern hat sich seither merklich verändert. Es ist ein Klima der Angst eingezogen. Viele haben jetzt die Befürchtung, dass es ihnen bei Versagen ähnlich ergehen könnte wie Rookwood."

„Der Dunkle Lord hat sich ganz schön verändert, nicht wahr?", bemerkte Hermine, die sich nur allzu lebhaft an ihr Zusammentreffen mit dem dunklen Zauberer erinnern konnte. Voldemort war durch die Zerstörung seiner Horkruxe nur noch ein Schatten seiner selbst und sah so aus, als würde sein Körper immer mehr zerfallen. Er schien dem Tode nahe.

„Ja, das ist wohl wahr."

„Wie könnt ihr so jemanden noch weiter dienen?" Der Satz war einfach aus Hermine herausgeplatzt. Einen Augenblick später bereute sie es schon.

„Tut mir leid…"

Ihre Blicke kreuzten sich.

„Wie kannst du mit jemandem zusammen sein, der so jemandem dient und der das alles möglich gemacht hat?", fragte Rabastan ernst.

„Ich bin mit dir zusammen, Rabastan, weil ich gesehen habe, dass da noch etwas anderes ist", sagte Hermine leise. „Du bist nicht wie der Dunkle Lord. Du bist sehr viel und du weißt es nicht einmal."

„Überschätzt du mich nicht ein bisschen?"

Hermine rollte ihn herum, setzte sich auf ihn und drückte ihn auf das Bett. „Überhaupt nicht", sagte sie dann und küsste ihn.

„Ich wollte das nicht vor den anderen machen, aber es gibt da noch etwas, was ich dir sagen muss, Rabastan."

„Noch etwas? Ich hoffe, es ist eine gute Nachricht."

„Das kommt wohl auf den Winkel des Betrachters an", meinte Hermine. „Lucius und Draco sind auch beim Widerstand. Ich habe kurz mit ihnen geredet. Andromeda Tonks hat sie zum Widerstand gebracht."

Rabastan schien überhaupt nicht überrascht von der Mitteilung.

„Du siehst so aus, als erzähle ich dir nichts Neues", bemerkte Hermine, als sie sein Gesicht musterte.

„Sagen wir so, ich… Den Verdacht hatte ich schon länger", erklärte Rabastan. „Als wir in London waren, als ich deinen Zauberstab gekauft habe, da habe ich Lucius und Andromeda zusammen in der Stadt gesehen. Es war mir ziemlich schnell klar, dass Lucius die Seiten gewechselt hat und dass sein Sohn ihm natürlich folgen würde. Dass, was mit Narcissa geschehen ist…"

„Das war schrecklich", sagte Hermine.

„Sei froh, dass du es nicht mitansehen musstest. Diese Bilder werde ich auch nie wieder vergessen."

„Du und Andromeda… Sie hat mir erzählt, dass ihr beide mal zusammen wart", sagte Hermine. „Und dass du sie heiraten wolltest."

„Ach, diese alte Geschichte", meinte Rabastan nur. „Das ist schon lange her."

„Es tut ihr leid, dass sie dich verletzt hat."

Rabastan musterte sie verwundert. „Tatsächlich?"

„Hat sie gesagt. Es tut ihr leid, dass sie dich einfach so verlassen hat."

„Das hätte ich nicht erwartet", musste Rabastan zugeben. „Ich war immer wütend auf sie, weil ich dachte, dass sie…"

„Dass sie was?"

„Dass ich und ihre Familie ihr ganz egal waren." Bitterkeit lag in Rabastans Stimme und Hermine merkte sofort, dass er die Geschehnisse der Vergangenheit offenbar nicht überwunden hatte. Da war er nicht der Einzige. Andromeda bereute es bis heute, sich nicht mit ihren Schwestern ausgesöhnt zu haben.

„Ihr wart ihr nicht egal", widersprach sie. „Sie hatte eine sehr schwere Entscheidung zu treffen. Sie musste sich zwischen ihrer Liebe und ihrer Familie entscheiden. Es fiel ihr wirklich schwer, euch alle ohne Erklärung zu verlassen."

„Hat sie dir auch gesagt, dass ich lange geglaubt habe, Nymphadora sei meine Tochter?", fragte Rabastan.

Hermine verstummte für einen Moment. Ungläubig starrte sie Rabastan an.

„Wir waren in der Schule zusammen", erklärte Rabastan. „Ich war schon zwei Jahre aus Hogwarts raus, bevor Andromeda ihren Abschluss gemacht hat. Während sie noch in der Schule war, muss sie diesen Ted Tonks kennengelernt haben, denn unser Kontakt schlief irgendwann ein. Ich muss zugeben, dass es mich verletzt hat, weil ich erwartet hatte, dass wir heiraten. Rodolphus hat ja schon Bella geheiratet, da habe ich mir ausgerechnet, die zweitälteste Black-Schwester zu ehelichen."

„Was ist passiert?"

„Als Andromeda den Kontakt mit mir abbrach, habe ich ihr unzählige Briefe geschrieben. Ich wollte wissen, was los war. Ich habe auch immer wieder versucht, sie zu treffen, vor allem nachdem sie mit Tonks weggegangen war. Irgendwann war ich erfolgreich, sie ließ sich auf ein Treffen ein. Ich versuchte sie zu überzeugen, zu uns zurückzukehren."

„Das wollte sie nicht, oder?"

„Sie hat versucht, mir alles zu erklären. Da ist es passiert. Wir haben an jenem Abend nochmal etwas miteinander gehabt", sagte Rabastan. „Ich habe mir Hoffnung gemacht, dass alles wieder so werden könnte wie davor, aber ich hatte mich geirrt. Es sollte nie wieder etwas zwischen uns sein."

„Wie kamst du darauf, dass Nymphadora deine Tochter sein könnte?", fragte Hermine erstaunt.

„Ein paar Monate nach unserer Nacht habe ich Andromeda in der Winkelgasse wiedergesehen. Schwanger."

„Und da dachtest du…"

„Ja. Ich habe zurückgerechnet und dachte, es passt. Hat es nicht. Sie war nicht meine Tochter. Als ich mit Andromeda etwas hatte, da war sie schon von Ted schwanger."

„Warst du traurig?", fragte Hermine.

„Gute Frage. Ich weiß es nicht", sagte Rabastan. „Ich weiß nur eins: Jetzt zählen wir beide und nicht mehr die Vergangenheit."

Hermine lächelte und küsste ihn. Den Rest der Nacht verbrachten sie damit, ihr neues Glück zu feiern.


Die Heilerin, die sich nach Askaban um Hermine gekümmert hatte, kam gleich am darauffolgenden Vormittag ins Lestrange-Anwesen. Sie gratulierte den werdenden Eltern und untersuchte Hermine.

„So wie ich das sehe, sind Sie in der achten Woche, Ms. Granger. Es scheint alles soweit in Ordnung zu sein."

Hermine schilderte ihr, was sich an ihr verändert hatte, die Heilerin war aber genauso ratlos wie Rabastan.

„Davon habe ich noch nie gehört, ich kann aber versuchen, etwas darüber herauszufinden."

„Irgendwie ist sie anders", bemerkte Rabastan, nachdem die Heilerin gegangen war. „Hast du gemerkt, wie nervös sie war?"

„Ja", sagte Hermine. „Ihre Hände haben gezittert, als sie mich untersucht hat."

„Irgendwie sah sie auch nicht sonderlich überrascht aus, dass du schwanger bist", meinte Rabastan argwöhnisch. „Als ob sie es schon geahnt hätte."

„Woher hätte sie das denn wissen sollen?", fragte Rodolphus.

„Keine Ahnung."

„Dolohow hat mich gestern auch schon so komisch angesehen", meinte Hermine. „Als ob er irgendwas wüsste und ich nicht."


Ein paar Tage später – Hermine war bereits in die Lektüre für werdende Mütter vertieft, die Rabastan bei Flourish & Blotts bestellt hatte – kam eine Eule mit einem Brief für Rabastan.

„Das hatte ich in der ganzen Aufregung völlig vergessen", sagte er.

„Um was geht es? Es ist doch nichts passiert, oder?", fragte Hermine.

„Nein, nein! Eigentlich sollte es ja eine Überraschung für dich werden. Weißt du noch, als ich dich bei dem Essen in der Winkelgasse gefragt habe, ob wir zusammenziehen wollen?"

„Natürlich und du meintest auch, dass du ein Haus gefunden hast, was mir gefallen könnte", sagte Hermine.

„Das habe ich auch. Der Besichtigungstermin war allerdings, als du nicht hier warst", erklärte Rabastan. „Ich hätte das Haus natürlich gern mit dir zusammen angesehen."

„Können wir es nochmal anschauen?", fragte Hermine voller Begeisterung. Sie war sofort Feuer und Flamme. „Ich würde es nur zu gerne sehen!"

Der Makler ließ sich zum Glück zu einem spontanen Besichtigungstermin noch am selben Tag überreden.

Hermine und Rabastan apparierten Seite an Seite. Wie sie schon in ihrem Schwangerschaftsratgeber gelesen hatte, verursachte das Apparieren bei ihr heftige Übelkeit.

„Uff!", stöhnte Hermine und sank erschöpft auf den Boden. Rabastan fing sie sofort auf. Dankbar ließ sie sich in seine starken Arme fallen.

„Geht's wieder?"

Sie nickte. „Ich fürchte das Reisen per Apparieren muss ich wohl erstmal hinten anstellen."

Sie standen an einem Sandstrand am Meer. Kleine Wellen schlugen ans Ufer und Möwen kreisten über den Himmel. Die Luft roch angenehm salzig und nach Algen und eine sanfte Brise wehte ihnen durch die Haare.

„Wo sind wir hier?", fragte Hermine, die ehrfürchtig auf das Meer hinausblickte.

„Dreh dich mal um", sagte Rabastan.

Hinter ihnen stand ein kleines Haus, das Hermine vage an Shell Cottage erinnerte. Es war vollständig aus Steinen und Holz gebaut. In die Wände waren Muscheln eingelassen. Ein Zaun umrahmte den dazugehörigen Garten, in dem ein paar wildgewachsene Sträucher standen.

„Das ist das Haus?", fragte Hermine, die sofort von dem Haus in seinen Bann gezogen wurde.

„Ja. Warten wir auf den Makler, dann können wir reingehen."

Hermine ließ sich Zeit, jedes einzelne Zimmer des Hauses genau anzusehen. Insgesamt gab es zwei Stockwerke, einen kleinen Keller und einen Dachboden. Im Erdgeschoss befanden sich Küche, Esszimmer und das Wohnzimmer mit dem Kamin in einem großen, offenen Raum. Im ersten und zweiten Stock gab es mehrere Schlafzimmer und Badezimmer.

Das Haus war in einem schlechten Zustand. Das Dach hatte mehrere Löcher, die Wände brauchten einen neuen Anstrich, in der Küche mussten die Schränke ausgetaucht und ein neuer Herd eingebaut werden. Manche Holzverkleidungen und Boden waren durch das Salz und die Feuchtigkeit morsch und modrig geworden.

„Das Haus stand sehr lange leer", erklärte ihnen der Makler. „Es hat sich lange Zeit niemand mehr um das Haus gekümmert. Sie sehen ja, dass es sehr viele Mängel gibt."

„Man müsste sehr viel in Eigenarbeit machen", sagte Rabastan, während sie durch den Dachboden schritten. „Das wird sehr viel Aufwand werden und seine Zeit in Anspruch nehmen."

„Es ist noch ein halbes Jahr, bis unser Kind geboren wird. Wir haben viel Zeit bis dahin", meinte Hermine, die von dem Haus ungemein angetan war.

Als sie draußen im Garten ihre Besichtigung beendeten, wandte sich der Makler an Rabastan.

„Was sagen Sie nun zu dem Haus, Mr. Lestrange? Ich will den schlechten Zustand nicht beschönigen. Natürlich würden sich die zahlreichen Mängel auch positiv auf den Kaufpreis auswirken."

„Was meinst du, Hermine?", fragte Rabastan. „Gefällt es dir?"

Und ob es ihr gefiel. Gedanklich hatte Hermine schon begonnen, die Räume und den Garten zu gestalten.

„Es ist perfekt!", sagte Hermine voller Freude. „Das Kinderzimmer können wir im Dachgeschoss einrichten. Vor dem Haus könnte man einen wunderschönen Garten anlegen. Und jeden Tag können wir zum Meer gehen. Rabastan, ich könnte mir keinen schöneren Ort für unser Zuhause vorstellen!"

„Dann werde ich wohl sofort den Kaufvertrag anfordern", meinte Rabastan. „Wir nehmen es."

„Das freut mich", sagte der Makler. „Ich werde Ihnen umgehend die entsprechenden Dokumente zukommen lassen. Herzlichen Glückwunsch zu Ihrem neuen Haus!"


Später schritten Hermine und Rabastan nochmal durch das Haus und machten erste Pläne über die zukünftige Einrichtung und die Reparaturarbeiten.

„Wollen wir das selbst machen oder jemanden engagieren?", fragte Hermine, während sie die durchgebrochenen Dielen in einer Treppe begutachteten.

„Wir machen das selbst", meinte Rabastan. „Wir binden Rodolphus in die Arbeit mit ein. Das wird ihm guttun. Und Antonin wird uns mit Sicherheit auch helfen. Der hat ein Händchen für solche Dinge."

„Weiß Rodolphus schon, dass wir zusammenziehen wollen?", wollte Hermine wissen. Obwohl es dem Bruder ihres Geliebten heute weitaus besserging als noch vor etlichen Monaten, hatte Hermine trotzdem Bedenken, ob er schon bereit war, wieder auf eigenen Beinen zu stehen. Schon die zwei Wochen, die sie von ihm getrennt gewesen war, hatte ihn aus der Bahn geworfen und bei seinen mühevoll erarbeiteten Fortschritten zurückgeworfen.

„Ich habe mit ihm schon darüber gesprochen. Begeistert ist er nicht wirklich, aber er meinte, dass er sich für uns freut", erklärte Rabastan. „Ich glaube, er möchte dich nicht verlieren, Hermine. Er mag dich sehr und du hast ihm geholfen, wieder auf die Beine zu kommen. Dafür sind wir dir beide dankbar."

„Es wird mir auch schwerfallen, von ihm getrennt zu sein", gab Hermine ehrlich zu. „Ich habe mich an ihn gewöhnt und ich mag ihn auch sehr. Er übt mit mir Klavier und mir gefällt die Gartenarbeit."

„Wir müssen ihn an unserem Projekt hier beteiligen, damit er nicht das Gefühl hat, ausgeschlossen zu werden."

„Er soll uns mit dem Garten helfen", sagte Hermine.


Am späten Nachmittag spazierten sie Hand in Hand über den Strand.

„Es ist so schön hier", sagte Hermine, als sie in Richtung Horizont blickte. „Ich könnte mir für unsere Familie keinen schöneren Ort vorstellen." Wehmut ergriff sie. Sie hätte so gern ihre Eltern und ihre Freunde an ihrem Glück teilhaben lassen.

„Ich auch nicht", sagte Rabastan. „Wenn wir den Kaufvertrag unterschrieben haben und ich das Geld überwiesen habe, dann fangen wir sofort mit dem Umbau an. Damit wir auch rechtzeitig bis zur Geburt fertig werden."

Sie küssten sich.

„Hermine?"

„Ja?"

Rabastan grinste verlegen. „Ich muss zugeben, dass mich Amycus auf die Idee gebracht hat."

„Auf welche Idee?"

„Wollen wir unser Glück perfekt machen?"

Hermine sah ihn erwartungsvoll an. „Noch perfekter?"

Rabastan nickte. „Hermine Jean Granger, möchtest du meine Frau werden?"

Hermine starrte Rabastan ein paar Augenblicke mit offenem Mund an, bis sie endlich imstande war, wieder einen klaren Gedanken zu fassen und zu sprechen.

„Rabastan, das… Ich weiß gar nicht, was ich jetzt sagen soll."

„Wie wäre es mit einem ja?" Rabastan grinste.

Er machte ihr einen Heiratsantrag. Ein schöneres Geschenk hätte er ihr nicht machen können.

„Ja. Ja, das möchte ich. Nichts lieber als das."


Ein paar Tage später unterschrieben Hermine und Rabastan den Kaufvertrag für ihr neues Zuhause. Rodolphus freute sich über ihre Verlobung und begleitete sie sogar in die Winkelgasse, wo sie einen Verlobungsring für Hermine aussuchten. Die Aussicht, bald allein wohnen zu müssen, behagte ihm allerdings gar nicht.

„Ihr lasst mich allein", murrte er.

„Wir versprechen dir, dass wir dich oft besuchen werden und du darfst so oft du möchtest zu uns kommen", sagte Hermine und umarmte ihn.

„Vergiss nicht, du musst uns mit dem Umbau helfen", meinte Rabastan. „Und irgendwer muss unseren Garten anlegen."

„Deine zukünftige Nichte oder dein zukünftiger Neffe freut sich bestimmt, wenn ihr Onkel sie besucht."


Hermine und Rabastan planten bereits, wann sie mit den Renovierungsarbeiten an ihrem neues Haus beginnen wollten, als sich unerwartet Antonin Dolohow für das Mittagessen am Sonntag ankündigte.

Rabastan konnte nicht an sich halten und verkündete ihm sogleich die Neuigkeit.

„Hermine und ich haben ein Haus gekauft und wir werden demnächst heiraten."

„Tatsächlich? Nun, dann ist es wohl angebracht, wenn ich euch meinen Glückwunsch ausspreche."

„Antonin, es wäre mir eine Ehre, wenn du mein Trauzeuge werden würdest", sagte Rabastan. „Rodolphus hat schon zugesagt."

„Ich werde euch diese Bitte wohl kaum abschlagen können. Gibt es schon einen Termin?"

„Darüber haben wir noch nicht gesprochen", erklärte Hermine. „Wir wollen erstmal die Geburt abwarten und uns um unser Haus kümmern."

„Weil Sie es gerade ansprechen, Ms. Granger", sagte Dolohow. „Deshalb bin ich hier." Er musterte sie auf dieselbe Art wie bei ihrer Rückkehr. Hermine war neugierig, was er wohl wusste.

Sie setzen sich im Esszimmer und die Hauselfen servierten den Fisch.

„Sind Ihnen Ihre Kräfte schon aufgefallen, Ms. Granger?", fragte Dolohow ohne Umschweife.

Hermine, Rabastan und Rodolphus sahen sich entgeistert an.

„Du weißt davon, Antonin?"

„Es ist mir sofort aufgefallen, als ich Sie vor ein paar Tagen wiedersah, Ms. Granger", erklärte Dolohow. „Sie waren plötzlich anders und ich wusste sofort, dass es mit Ihrer Schwangerschaft zu tun hat. Sie sind ein Magieschild."

„Ein was…?"

„Ein Magieschild. Ich habe unsere Bibliothek durchforstet und über dieses Phänomen nachgelesen. Es gibt gar keinen Zweifel."

„Und was genau ist das?", wollte Rabastan wissen, doch nicht Dolohow, sondern sein Bruder beantwortete die Frage für ihn.

„Hast du noch nie davon gehört, Rabastan? Ein Magieschild ist eine Person, deren Geist nicht mit Magie manipuliert werden kann."

„Ganz recht", fügte Dolohow hinzu. „Bei diesem jemand wirkt keine Legilimentik und auch nicht der Imperius-Fluch."

Rabastan wandte sich langsam Hermine zu und musterte sie nachdenklich. „Hermine, hast du nicht gesagt, dass du plötzlich Legilimentik beherrschst?"

„Ist das wahr, Ms. Granger?", fragte Dolohow.

„Als ich bei meinen Freunden war, hat es angefangen. Ich habe manchmal Satzfetzen aufgefangen, die niemand laut ausgesprochen hatte, und manchmal wusste ich im Voraus, was jemand sagen wollte. Ich kann es nicht kontrollieren, es passiert einfach unabsichtlich. Bei euch hier allerdings höre ich nichts."

„Erlauben Sie mir, etwas auszuprobieren, Ms. Granger?", fragte Dolohow und zog seinen Zauberstab.

„OK, meinetwegen."

„Was hast du vor?"

„Keine Sorge, nichts Schlimmes", sagte Dolohow und richtete seinen Zauberstab auf Hermine. „Legilimens!"

Hermine erwartete sofort, dass Dolohow alte Erinnerungen aus ihrem Gedächtnis zurück an die Oberfläche bringen würde, doch zu ihrer aller Verwunderung geschah nichts. Hermine spürte keine Veränderung durch den Zauber. Die Magie hatte keine Wirkung auf sie.

„Das ist der Beweis. Ich sehe gar nichts. Es ist, als sei der Zauber fehlgeschlagen."

„Du hast doch gesagt, dass du nie Okklumentik gelernt hast?", fragte Rodolphus verdutzt.

„Das habe ich auch nicht", antwortete Hermine, die sich nur zu gut an ihr viertes Schuljahr erinnern konnte, als Madeye Moody den Imperius-Fluch an ihnen verwendet hatte. Damals hatte sie keine mentale Abwehr besessen. Ihre neugewonnene Kräfte stammten von ihrem ungeborenen Kind.

„Es ist das Baby, Hermine", sagte Rabastan beinahe ehrfürchtig. „Es ist stark."

Dolohow nickte.

„Hermine hat auch noch andere Kräfte", erklärte Rabastan. „Sie kann kontrollierte, gelenkte Magie ohne Zauberstab hervorbringen."

„Euer Kind muss sehr mächtig sein", meinte Dolohow. „So etwas kommt nur äußerst selten vor."

Sie wusste nicht, was sie aus der Erkenntnis machen sollte.


Auch die glücklichen Ereignisse in ihrem Leben konnten die Albträume nicht fernhalten, die Hermine plagten. Es waren dieselben Bilder, dieselben Szenen, die sich auch schon in Shell Cottage in ihre Träume geschlichen hatten: Sie sah Fawkes. Sie sah Voldemort, der sich über sie beugte und sie mit einem siegessicheren Grinsen ansah. Sie hörte sein eiskaltes Lachen. Und sie sah Rabastan, der von Dunkelheit verschlungen wurde. Manchmal sah sie ihn verletzt oder sogar tot. Ihre Träume zeigten eines ganz deutlich: Der Krieg würde früher oder später seinen Weg in ihr Leben finden und alles, was sie sich aufgebaut hatte, zerstören.

Ihre Träume verängstigten sie, aber sie wagte es nicht, sich Rabastan anzuvertrauen.

Manchmal plagten sie auch Sorgen über die Zukunft. Sehr viel war auf einmal binnen kurzer Zeit passiert. Sie und Rabastan bekamen ein Kind, ihre Hochzeit stand bevor und bald würden sie in ihr eigenes Haus ziehen. Ihre größte Sorge war, dass die Dinge nicht so sorgenfrei weiterlaufen würden, wie sie es im Moment taten.

„Hast du Zweifel?"

Es war Rodolphus, der sie eines Tages auf ihre quälenden Gedanken ansprach. Sie saßen nach der Gartenarbeit zusammen auf einer Bank. Der Herbst war eingezogen und das Laub der Blätter verfärbte sich allmählich. Rodolphus hatte die letzten Früchte abgeerntet und beschnitt nun die Sträucher, um sie für den Winter fertigzumachen. Wenn Hermine die Hand auf ihren Bauch legte, spürte sie bereits eine kleine Rundung. Wahrscheinlich dauerte es nur noch einen knappen Monat, bis sie für alle Welt sichtbar schwanger war.

„Nein", sagte sie auf Rodolphus' Frage hin. „Ich habe keine Zweifel. Ich bin glücklich."

„Aber warum machst du dann so ein trauriges Gesicht? Jemand, der glücklich ist, der lächelt doch, oder? Und sieht nicht so aus, als würde er gleich zu weinen anfangen."

„Ich mache mir einfach nur Sorgen, wie es weitergehen soll", sagte Hermine niedergeschlagen. „Auch wenn es hier nicht so aussieht, aber es herrscht immer noch der Krieg. Ich habe Angst, in welcher Welt unser Kind aufwachsen wird. Ich habe Albträume, Rodolphus, schon seit längerem."

Er legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Was für Albträume sind das?"

„Ich sehe Rabastan. Ich glaube, er stirbt."

„Hermine, das ist doch nur ein Traum. Wir projizieren unsere Ängste in unsere Träume."

„Schon, aber das ist was anderes. Ich sehe immer dieselben Bilder in meinen Träumen. Es ist wie… eine Vorahnung."

„Du hast also Angst, Rabastan zu verlieren, ist es das, was dich beschäftigt?"

„Es ist nicht nur eine Angst, Rodolphus", sagte Hermine. „Ich sehe es beinahe jede Nacht. Ich bin mir praktisch sicher, dass es passieren wird. Bevor unser Kind geboren wird."

Ihre Blicke trafen sich.

„Hör mal, Hermine. Ich verstehe deine Angst. Du fürchtest dich vor dem, was passieren könnte, sollte Rabastan nicht mehr da sein, oder? Weil du unter seinem Schutz stehst."

„Wäre er nicht gewesen, Rodolphus, ich wäre in Askaban gestorben oder die anderen Todesser oder Voldemort hätten…"

„Hermine, ich verstehe dich. Du hast dir ein neues Leben mit Rabastan aufgebaut und hast natürlich zurecht Angst, dass das alles womöglich nicht so stabil ist, wie es im Moment aussieht. Aber ich versichere dir, Rabastan wird immer bei dir sein, er wird dich nicht allein lassen, hast du verstanden?"

Tränen stiegen in Hermines Augen.

„Darf ich mal?", fragte Rodolphus.

Hermine nickte und er legte vorsichtig seine Hand auf ihren Bauch.

„Seltsam, wie sich die Dinge entwickeln", meinte Rodolphus. „Ich hatte mir immer gewünscht, dass bei Bellatrix tun zu können oder bei unserer Tochter, wenn sie erwachsen ist. Aber es kommt meist anders, als man glaubt oder erwartet hat."

Hermine empfand Mitleid mit ihm. Rabastan und sie hatten sich binnen weniger Monate all das aufgebaut, nach dem sich Rodolphus über Jahrzehnte hinweg so sehr gesehnt hatte. Es war offensichtlich, dass er sich eine Frau und eine Familie gewünscht hatte und dies immer noch tat und dass er neidisch auf seinen Bruder war. Dass ein glückliches Ehe- und Familienleben mit der Frau, die er geliebt hatte, nicht möglich gewesen war, traf ihn bis heute.

Hermine wollte ihn etwas aufmuntern. „Rodolphus, du bist nicht alt. Du könntest noch jemanden finden und eine Familie haben."

„Nein, das könnte ich nicht", sagte Rodolphus entschieden. „Das ist lange vorbei, Hermine."

„Sag doch sowas nicht."

„Es ist, wie es ist, Hermine. Es war mir nicht vergönnt, diese Dinge zu haben, und ich habe mich heute damit abgefunden. Ich freue mich für dich und Rabastan."

Sie umarmte ihn fest.

„Ich verspreche dir hoch und heilig, dass Rabastan und ich immer für dich da sein werden", sagte Rodolphus. „Und bitte, verlier dich nicht zu sehr in diesen Träumen, das ist nicht gut für dich."

Damit hatte Rodolphus zweifelsohne Recht, aber das sagte sich ja auch so einfach, wenn man nicht jede Nacht schreckliche Visionen hatte, dachte Hermine.

„Bereust du es, dass du gegangen bist?", wollte Rodolphus wissen. „Dass du deine Freunde zurückgelassen hast?"

„Natürlich", hauchte Hermine. „Natürlich würde ich sie sogar daran teilhaben lassen. Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dass wir alle friedlich leben können. Aber das ist nicht möglich und wird auch nie möglich sein. Ich habe mich entschieden. Für Rabastan."


So wie es ihre Zeit zuließ, verbrachten Hermine und Rabastan jede freie Minute in ihrem neuen Haus bei den Renovierungsarbeiten. Rodolphus half ihnen, so gut er konnte, und manchmal stieß auch Antonin Dolohow dazu. Er kannte sich überraschend gut mit Holz aus und sein Rat erwies sich als überaus nützlich.

Die Heilerin kam regelmäßig vorbei und überwachte Hermines Schwangerschaft.

„Alles in Ordnung", sagte sie dann jedes Mal, was die werdenden Eltern ungemein beruhigte, „das Kind scheint sich sehr gut zu entwickeln."

Ihr Verhalten freilich hätte einen Beobachter zu ganz anderen Schlüssen kommen lassen müssen. Von Mal zu Mal schien die Heilerin blasser, nervöser und ängstlicher, so als belaste sie etwas. Auf Hermines und Rabastans Nachfragen verweigerte sie jedoch jede Auskunft und schob es auf einen Vorfall in ihrer Familie.

„Können wir was für dich tun?", bot Rabastan an, doch die Heilerin winkte ab.

„Nein, nein, nur keine Mühe!"


Es war einer der letzten schönen Sommertage, den Hermine, Rabastan und Rodolphus zusammen draußen im Garten des Lestrange-Anwesens verbrachten. Sie saßen auf der Terrasse, aßen Kuchen und besprachen die Hochzeitspläne, dann machten sie einen Spaziergang durch den Wald.

Während im Lestrange-Anwesen eine junge Frau ihre Freiheit und ihr Glück genießen konnte, hatte in Hogwarts eine andere junge Frau Angst um ihr Leben.

Das Büro des Schulleiters lag im Dunkeln. Der Dunkle Lord schritt langsam durch den Raum und beachtete kaum die junge Frau, die vor dem mächtigen Schreibtisch auf den Boden kniete und wimmerte. Dort, wo vor so vielen Monaten Katharina Rookwood gequält worden war. Die junge Frau wusste um die Geschichte von Rookwoods Nichte und hatte panische Angst, ihr könnte es ähnlich ergehen.

„Wie steht es um das Kind?", fragte der Dunkle Lord mit seiner hohen, kalten Stimme. Die junge Frau fröstelte. Ihre Stimme zitterte, als sie antwortete.

„Es ist gesund und entwickelt sich gut", erklärte sie. „Es ist mächtig. Sie hat erzählt, dass sie außergewöhnliche magische Kräfte durch das Kind bekommen hat."

„Ist sie sich der Bedeutung dessen bewusst?", wollte der Dunkle Lord wissen.

„Nein. Sie weiß es nicht."

„Schöpfen sie Verdacht?"

„Nein. Sie sind vollkommen ahnungslos."

Ein Grinsen verzerrte das lippenlose Gesicht des Dunklen Lords. „Ich habe meinen Diener losgeschickt, um sie zu mir zu bringen. Die Zeit ist gekommen. Du hast gute Arbeit geleistet, Lord Voldemort dankt dir für deine Dienste."


Um sechs Uhr teilte Tipsi ihnen mit, dass das Abendessen bald fertig sein würde.

„Gehen wir schon mal rein?", fragte Rabastan.

„Geht schon mal vor, ich möchte noch ein bisschen bleiben", sagte Hermine. „Ich geh noch zu meinem Lieblingsplatz."

„Alles klar, wir warten im Esszimmer auf dich."

Nachdem die Brüder ins Haus gegangen waren, steuerte Hermine ihren Lieblingsplatz im Garten an, eine alte und mächtige Eiche, deren Baumkrone alle übrigen Bäume weit überragte. In ihrem Schatten konnte man sich ausruhen und dabei die wunderschöne Natur genießen. Schon oft war sie mit einem Buch hier gesessen, hatte gelesen und dabei dem Wind gelauscht, der die Blätter über ihr bewegt hatte.

Rabastan hatte ihr erzählt, dass der Baum bereits 250 Jahre alt und einer der ältesten Bäume im Garten war. Wo Hermine heute saß, waren vor ihr schon Generationen von Lestranges gesessen und hatten genau wie sie heute die Sommertage genossen. Wahrscheinlich war sie die erste nicht reinblütige Person, die jemals unter Eiche gesessen war.

Hermine ließ sich langsam auf dem dicken Moosteppich nieder und lehnte sich entspannt an den dicken Baumstamm.

Sie wollte gerade die Augen schließen und die warmen Sonnenstrahlen der Abendsonne auf ihrer Haut genießen, als sie ein Rascheln und Schritte ganz in ihrer Nähe vernahm.

„Rabastan? Rodolphus?"

„Tut mir leid, Püppchen, da bin ich wohl der Falsche."

Hermines Herz setzte für einen kurzen Moment aus, als sie die Stimme erkannte. Plötzlich war ihr eiskalt, so als wäre ein Packen Eis in ihren Magen gerutscht.

„Greyback!" Sie war sofort in Alarmbereitschaft, sprang auf und zog ihren Zauberstab, der Werwolf jedoch war zu schnell und entwaffnete sie, bevor sie etwas tun konnte. Er fing ihren Zauberstab auf und steckte ihn in seinen Umhang.

Wehrlos stand sie nun vor Fenrir Greyback. Dieser grinste süffisant und kam mit langsamen Schritten auf sie zu. Hermine wich unbewusst zurück. Viel Spielraum hatte sie allerdings nicht. Nach zwei Schritten stieß sie mit dem Rücken gegen die Eiche.

„Dein Geruch…", sagte Greyback und reckte seine Nase in die Luft. „Du hast einen Bastard in deinem Bauch. Der Gestank von diesem Reinblüter ist überall an dir." Er verzog angewidert das Gesicht.

„Was wollen Sie, Greyback?", fragte Hermine, wobei sie sich zusammenreißen musste, dass ihre Stimme nicht zitterte. Ihr Herz schlug so schnell gegen ihre Rippen, dass sie kaum noch atmen konnte. Eine Gänsehaut überzog ihren Körper und ein kalter Schauer lief ihren Rücken hinab. Fenrir Greyback war das Monster, das sie lange Zeit in ihren Albträumen verfolgt hatte.

„Ich warne Sie, Rabastan und Rodolphus warten drinnen auf mich. Wenn ich zu lange wegbleibe, dann werden sie misstrauisch und werden rauskommen. Ich glaube nicht, dass Sie hier ein willkommener Gast sind, Greyback."

Greyback lachte. „Hältst dich wohl für ganz schlau, Püppchen. Bevor deine zwei Beschützer überhaupt merken, dass ich hier war, sind wir schon über alle Berge."

„Was haben Sie vor? Ich warne Sie, wenn Sie mir etwas antun, dann wird Rabastan…"

Greyback lachte höhnisch. „Ich habe kein Interesse an dir, Püppchen, ich bin nur der Laufbursche. Andere wollen dich haben. Und da möchte ich gerne mal sehen, was dein Reinblüter tun wird."

Hermine konnte sich auf diese Aussage keinen Reim machen. „Wie sind Sie auf das Gelände gekommen? Sie können die Schutzzauber nicht überwinden."

„Oh, und doch stehe ich vor dir."

Das tat er wirklich. Er stand jetzt direkt vor Hermine, nur wenige Zentimeter Abstand zwischen ihnen. Sie war gezwungen zu ihm aufzusehen. Der Werwolf hatte sich stark verändert. Sie hatte ihn immer als schmutzigen, heruntergekommenen Mann erlebt, der mehr gemeinsam hatte mit einem wilden Tier als mit einem Menschen. Heute jedoch war davon nicht mehr viel übrig geblieben. Sein Umhang war sauber und neu. Sein graues Haar und der Bart waren gepflegter und vor allem roch er nicht mehr ständig nach Schmutz, Schweiß und Blut, so als hätte er die Nacht in einem Erdloch verbracht und so als wäre ihm grundlegende menschliche Hygiene fremd. Hätte sie nicht gewusst, wer und was er war, sie hätte ihn für einen völlig normalen Mann halten können.

„Ein kleines Geschenk des Dunklen Lords", raunte er ihr ins Ohr, sodass Hermine erschauderte und sich ihre Nackenhaare aufstellten. Er zog seinen linken Ärmel nach oben und entblößte ein Dunkles Mal auf seiner Haut.

Voldemort hatte ihn endlich als einen der seinen in seinen engsten Kreis aufgenommen. Hermine wunderte sich, dass Rabastan ihr nichts davon erzählt hatte. Er wusste, wie groß ihre Angst vor Greyback war. Außerdem hätte sich eine solche Nachricht mit Sicherheit schnell in den Reihen der Todesser herumgesprochen.

„Da staunst du, nicht wahr, Püppchen?"

„Was wollen Sie von mir, Greyback?", fragte Hermine erneut.

Sie bekam keine Antwort mehr. Auf dem Himmel über ihnen hatten sich graue Wolkenberge aufgetürmt und ein Donnergrollen ertönte, als er seinen Zauberstab erhob und schon im nächsten Moment verlor Hermine das Bewusstsein und sie fiel in Dunkelheit.


Tipsi hatte den Tisch gedeckt, als es plötzlich zu donnern und heftig zu regnen begann.

„Wo bleibt denn Hermine? Sie wollte doch gleich nachkommen", sagte Rabastan beunruhigt. „Wieso kommt sie bei dem Wetter nicht rein?"

Er trat ans Fenster und sah hinaus. Rodolphus tat es ihm gleich. „Da stimmt etwas nicht. Wir sollten nach ihr sehen. Tipsi, hol die anderen Hauselfen und helft uns, Hermine zu finden."

Sie teilten sich im Garten auf und suchten nach Hermine. Es regnete so stark, dass man kaum etwas sah. Hermine war nirgends zu finden, nicht mal Magie konnte sie aufspüren. An ihrem Lieblingsplatz an der alten Eiche, wo sie hatte hingehen wollen, ließ nichts darauf schließen, dass sie überhaupt dort gesessen hatte.

Nach kurzer Zeit mussten die beiden Brüder ihre Suche abbrechen und völlig durchnässt und durchgefroren ins Haus zurückkehren.

Angst hatte Rabastan ergriffen und er zitterte, aber nicht vor Kälte. Hermine war erneut verschwunden. Er fühlte sich wie in einem Déjà-vu. Es war genau wie damals in der Winkelgasse, als der Widerstand Hermine entführt hatte.

„Hermine ist weg!", schimpfte er wütend. Er konnte sich nicht beherrschen und warf in der Eingangshalle eine Vase zu Boden. Die Zerstörung von Sachen war allerdings nur kurzzeitig ein Ventil für seine Wut. Nachdem er gegen das Treppengeländer getreten hatte, sackte er erschöpft auf den Stufen der großen Treppe zusammen.

„Das darf doch nicht!", sagte Rabastan verzweifelt. „Sie kann doch nicht schon wieder weg sein!"

Rodolphus hatte keine Worte für die Situation, aber er wusste genau, was er tun musste. Er ließ Rabastan vorübergehend in der Eingangshalle sitzen und eilte nach nebenan in den Salon. Er warf Flohpulver in den Kamin und sogleich entflammte grünes Feuer. Es dauerte nicht lange, bis er Dolohow in seinem Wohnzimmer erreichte.

„Hermine ist schon wieder entführt worden", sagte er nur. Dolohow verstand ohne weitere Worte. Er nickte nur und stand wenige Augenblicke später bereits im Salon des Lestrange-Anwesens.

„Du musst uns helfen, Antonin, wir…" Rodolphus stutzte, als auch Melinda Vermont aus dem Kamin stieg.

„Ich war bei Antonin zu Besuch", erklärte sie auf Rodolphus' fragenden Blick hin. „Ich habe gehört, dass Hermine erneut verschwunden ist. Ich möchte euch ebenfalls helfen."


Eine Welle der Übelkeit übermannte Hermine, als sie wieder zu Bewusstsein kam, und sie wusste sofort, dass sie appariert sein musste. Als sie die Augen aufschlug und die Umgebung wieder klare Konturen annahm, erkannte sie, dass sie in einem Kerker eingesperrt war. Der Ort kam ihr sofort bekannt vor: Sie war in Hogwarts. Sie hatte unter einer warmen Decke auf einer Pritsche geschlafen. Jemand hatte ihr Essen gebracht.

Die Tür ging auf und Fenrir Greyback kam herein. Hermine drängte sich an die Wand.

„Na, endlich wach, Püppchen?", fragte er.

Hermine gab ihm keine Antwort, sondern funkelte den Werwolf nur böse an. Er schien äußerst amüsiert über ihr trotziges Verhalten.

„Wo ist mein Zauberstab?", fragte sie giftig.

„Den bewahre ich derweil für dich auf? Verrat mir eins: War das ein Geschenk von deinem Rabastan?" Greyback sprach Rabastans Namen mit Verachtung aus. Hermine konnte sich nur allzu gut vorstellen, warum. Es war kein Geheimnis, dass Greyback es in der Vergangenheit auf sie abgesehen hatte. Dass sie heute mit Rabastan zusammen war und sogar ein Kind von ihm erwartete, musste Greyback mit Eifersucht erfüllen. Ein anderer hatte sein „Püppchen" als sein Eigentum proklamiert. Vermutlich wünschte er Rabastan alles erdenklich Schlechte.

Hermine ließ den Werwolf keine Sekunde aus den Augen, als er auf sie zukam.

„Wieso bin ich in Hogwarts?", fragte sie.

„Das wirst du bald erfahren", sagte Greyback nur.

Er betrachtete sie eingehend von oben bis unten.

„Ich weiß eigentlich gar nicht, was ich mal an dir gefunden habe", meinte Greyback dann und schüttelte den Kopf. „Meine Frau ist keine Hure, die sich an irgendwelche Reinblüter ranschmeißt."

„Die sind mir zu sauer, sagte der Fuchs von den Trauben, an die er nicht herankam", gab Hermine kess zurück. „Eifersüchtig, Greyback?"

Er gab ihr eine saftige Ohrfeige, sodass ihr Kopf zur Seite gerissen wurde und sie Blut in ihrem Mund schmeckte.

„Das hättest du wohl gerne, oder? Ich habe längst etwas Besseres."

„Sie sind erbärmlich, Greyback", giftete Hermine so bösartig, wie sie nur konnte. „Sie dienen jemandem, der sie doch genau genommen nur verachtet für das, was sie sind."

Greyback fletschte seine Zähne. „Du kleines Miststück…" Er hatte die Hand gehoben, um sie an Hermines Kehle zu legen, als plötzlich eine eisige Stimme ertönte.

„Aber, aber Greyback, das ist doch kein angemessener Empfang für unseren Ehrengast", sagte Lord Voldemort, als er langsam den Kerker betrat.

Greyback zog sich sofort zurück.

„Ist der Hund wohl an die Kette gelegt worden", meinte Hermine und grinste. Greyback gab ein Knurren von sich.

„Genug!", befahl der Dunkle Lord. „Greyback, lass uns allein."

Widerwillig nickte Greyback, dann verließ er das Verlies.

Panik überkam Hermine. Ihr Herzschlag beschleunigte sich mit jedem Schritt, den Voldemort auf sie zumachte. Sie wusste jetzt, wie sich ein Kaninchen fühlte, das von einer Schlange in die Enge getrieben worden war. Ihr erster Gedanke galt ihrem ungeborenen Kind, das womöglich in Gefahr geraten konnte.

„Hab keine Angst mein Kind. Ich muss mich entschuldigen für das ungehobelte Verhalten meines treuen Dieners."

„Was wollen Sie von mir? Warum bin ich hier?", fragte Hermine sofort.

„Ich dachte eigentlich, das wüsstest du", sagte Voldemort höflich. „Ich sagte doch, dass ich dich eines Tages brauchen würde."

Hermine starrte Voldemort entsetzt war. „Wofür?"

„Das wirst du in Kürze erfahren. Die Vorbereitungen sind beinahe abgeschlossen. Ruh dich aus, du musst bei Kräften sein." Mit einer Handbewegung wies er auf das Tablett mit Essen. „Wenn es soweit ist, wird Greyback dich zu mir bringen."

Als die Tür ins Schloss fiel und Hermine wieder allein war, bahnten sich die Tränen ihren Weg und sie begann bitterlich zu weinen.


„Sie wurde aus eurem Garten entführt?", fragte Dolohow ungläubig. „Wie soll das denn funktionieren?"

„In welchem Zeitfenster, Rabastan?", wollte Melinda wissen.

Rodolphus antwortete anstelle seines Bruders, der immer noch nervös im Salon auf und abschritt. Immerhin hatten ihn die Hauselfen überzeugen können, sich umzuziehen.

„Wir waren draußen im Garten, bis Tipsi kam und gesagt hat, dass das Abendessen bald fertig sein würde. Rabastan und ich sind schon reingegangen, aber Hermine wollte noch zu ihrem Lieblingsplatz."

„Wann habt ihr ihr Verschwinden bemerkt?"

„Vielleicht eine Viertelstunde später", erklärte Rodolphus. „Es hat ja dann zu stürmen angefangen. Wir haben uns gewundert, warum Hermine nicht reingekommen ist. Wir haben sie draußen gesucht, aber nirgends gefunden. Es gibt keine Spur von ihr."

„Wenn es nicht so stark regnen würde, dann würde ich mir die Stelle mal verwandelt vornehmen", sagte Melinda, während sie den Himmel durch das Fenster betrachtete. „Aber nach diesem starken Regen werden alle möglichen Hinweise längst weggewaschen sein."

„Wenn sie wirklich entführt wurde", schlussfolgerte Antonin, „dann muss jemand das genau geplant haben. Er muss auf Hermine im Garten gewartet haben."

„Ja, eine andere Erklärung gibt es nicht. Er muss schon da gewesen sein und uns beobachtet haben. Im rechten Moment hat er zugeschlagen."

„Wie soll derjenige auf euer Grundstück gekommen sein?", fragte Antonin. „Ich dachte, es gäbe Schutzzauber um das Gebiet?"

„Die gibt es auch", erklärte Rodolphus. „Um unser gesamtes Grundstück, inklusive des Waldes, liegt ein Anti-Apparier-Zauber. Niemand, wirklich niemand, kann auf das Grundstück apparieren. Jeder Besucher muss durch das Tor kommen. Und wer nicht das…" Er brach schlagartig ab. Entsetzen trat auf sein Gesicht."

„Wer nicht das Dunkle Mal hat, nicht wahr?", schloss Melinda.

„Ja, Besucher lässt das Tor nicht durch. Die Todesser aber können grundsätzlich durch das Tor durch, wenn sie ihren linken Arm hochheben. Die Magie erkennt das Dunkle Mal."

Rabastan kam endlich zur Ruhe und schaffte es, sich auf dem Sofa zu sitzen. „Einer von uns muss Hermine entführt haben."

„Aber wer, Rabastan? Wer sollte ein Interesse daran haben?"

„Ich weiß es nicht. Ich weiß nur eins: Es ist so weit. Der Dunkle Lord braucht Hermine."