Hermine verspürte keinen sonderlich großen Appetit. Sie stocherte ein wenig in dem Essen herum, das man ihr gebracht hatte, aber legte recht schnell ihre Gabel beiseite und schob das Tablett von sich. Am Abend überkam sie Müdigkeit, doch an Schlaf war nicht zu denken. Draußen tobte immer noch das Unwetter. Donnergrollen und prasselnder Regen machten es unmöglich, ein wenig Ruhe zu finden. Nervös schritt sie deshalb in ihrem Gefängnis auf und ab, horchte immer wieder an der Tür, ob Voldemort oder Greyback zurückkommen würden und zerbrach sich den Kopf darüber, wie sie einen Ausweg aus ihren misslichen Lage finden sollte. Ihre Wange war von der Ohrfeige, die Greyback ihr gegeben hatte, geschwollen.
Rabastan und Rodolphus mussten ihr Verschwinden in der Zwischenzeit mit Sicherheit bemerkt haben und Hermine hoffte inständig, dass die beiden Männer die richtigen Schlüsse ziehen würden.
Wegen ihrer eigenen Dummheit hätte sie sich selbst ohrfeigen können. Warum hatte sie noch zu ihrem Lieblingsplatz gehen wollen? Wenn sie gleich mit Rabastan und Rodolphus ins Haus gegangen wäre, dann hätte Greyback sie niemals abpassen und entführen können. Jetzt im Nachhinein musste sie sich eingestehen, dass sie ziemlich naiv gewesen war. Sie hatte die ganze Zeit gewusst, was ihr irgendwann bevorstehen würde. Dass der Tag kommen würde, an dem Voldemort schließlich was auch immer mit ihr tun würde, war eigentlich klar gewesen. Im Laufe der letzten Monate, als sie sich mit Rabastan ein neues Leben aufgebaut hatte, hatte sie die unbequeme Tatsache immer weiter verdrängt, bis sie schließlich kaum noch in ihrem Bewusstsein präsent war.
Sie fragte sich, ob es Rabastan ähnlich ergangen war. Immerhin lebte sie schon fast neun Monate bei ihm und Voldemort hatte in all der Zeit nie etwas unternommen. Warum also ausgerechnet jetzt? Bei dem Gedanken, was er mit ihr vorhaben könnte, überkam sie schreckliche Angst. Welche Rolle würde sie wohl in seinem Plan spielen? Welchen Nutzen könnte sie für ihn haben? Sie war zwar eine fähige Hexe, aber muggelgeboren. Gut würde die ganze Sache nicht für sie ausgehen.
Und dann war da noch ihr Kind. Wenn ihrem Kind etwas zustoßen sollte, Hermine hätte es sich niemals verziehen.
Schritte und Stimmen draußen auf dem Gang erregten ihre Aufmerksamkeit und rissen sie aus ihren Gedanken.
„Der Dunkle Lord hat mir aufgetragen, nach Ms. Granger zu sehen", sagte Madame Pomfrey.
„Was macht sie hier?", fragte ein Mann, von dem sich Hermine ziemlich sicher war, dass es der Todesser Selwyn war. Wahrscheinlich stand er vor der Kerkertür Wache.
„Ich wünsche Ms. Granger ebenfalls zu sehen", sagte Professor McGonagall.
Sofort war Hermine an der Tür.
„Professor McGonagall!"
„Ms. Granger, geht es Ihnen gut?", fragte Minerva McGonagall hörbar besorgt.
„Es ist alles in Ordnung, mir geht es gut", antwortete Hermine, die noch zuvor so froh gewesen war, ihre ehemaligen Hauslehrerin zu treffen. „Selwyn lassen Sie die beiden rein, bitte."
Es dauerte einen Moment, dann öffnete sich die Kerkertür und Madame Pomfrey und Professor McGonagall traten herein. Hermine war überglücklich, zwei vertraute Gesichter zu sehen, die ihr wohlgesonnen waren.
„Ms. Granger, ich... Es freut mich ungemein, zu sehen, dass Sie wohlauf sind."
Madame Pomfrey drängte sie sofort ohne ein weiteres Wort zu sagen zurück auf ihr Bett und begann, sie zu untersuchen.
„Wie geht es Ihnen, Ms. Granger?" Augenblicklich machte sie sich daran, die Schwellung in Hermines Gesicht zu heilen.
„Danke. Mir geht es soweit gut."
„Wissen Sie, warum Sie hier sind? Als wir hörten, dass Sie hier unten in den Kerkern sind, sind wir sofort gekommen", erklärte Professor McGonagall.
„Voldemort will irgendetwas von mir und meinem Kind", sagte Hermine. „Aber ich habe keine Ahnung,was."
„Ist es wahr, dass Sie und Rabastan Lestrange..."
„Es ist wahr, ja. Wir wollen heiraten und wir bekommen ein Kind zusammen."
Professor McGonagall griff sich an die Brust und taumelte ein paar Schritte zurück. Die Nachricht, dass Hermine und der Todesser zusammen waren, schockierte sie zutiefst. „Ms. Granger, wie... Das ist... ich verstehe nicht..."
„Das ist eine lange Geschichte, Professor McGonagall."
„Der Dunkle Lord hat mir aufgetragen, Sie zu untersuchen und sicherzustellen, dass es Ihnen gut geht", sagte Madame Pomfrey, der die Besorgnis ins Gesicht geschrieben stand. Hermine fiel auf, dass sie Voldemort nicht bei seinem Namen nannte. Vermutlich hatte sie zu viel Angst. Hogwarts stand seit über zwei Jahren unter Voldemorts Herrschaft. Die Lehrer hatten keine andere Wahl als sich den neuen Umständen zu fügen. „Ich werde Ihr Blut untersuchen, Ms. Granger. Ist das in Ordnung?"
„Natürlich."
„Hat ein Heiler Sie schon untersucht, Ms. Granger?", fragte Madame Pomfrey, die sogleich Hermines rechten Ärmel nach oben schob und ihren Zauberstab an ihre Armbeuge setzte.
„Ja, ich hatte eine gute Betreuung. Die Heilerin hat gesagt, mein Kind ist gesund. Ich bin im vierten Monat."
„Wir alle haben uns sehr große Sorgen gemacht", erklärte Professor McGonagall. „Es hat uns tief getroffen, dass Sie damals nach der Schlacht verschwunden sind. Wir haben uns alles mögliche ausgemalt, was Ihnen passiert sein könnte. Als wir dann in der Zeitung gelesen haben, dass sie in der Gewalt von Rabastan Lestrange sind, da..."
„Machen Sie sich bitte keine Sorgen", sagte Hermine, die es allmählich satt hatte, sich wegen ihrer Beziehung zu Rabastan immer rechtfertigen zu müssen, musste ihre wachsende Ungeduld und Wut unterdrücken. Sie wusste zwar, dass niemand es böse meinte, wenn er besorgt nachfragte, ob es ihr auch wirklich gut ging, wenn sie mit den Todessern Umgang hatte, aber es störte sie ungemein, dass jeder für sie für ein zartes Schneeflöckchen hielt, das scheinbar nicht in der Lage war, selbstständig Entscheiden zu treffen. Sie ärgerte sich, dass jeder Rabastan verurteilte. Niemand kannte ihn so gut wie sie. Warum begriff denn niemand, dass er nicht böse war und dass sie ihn liebte?
„Was macht Voldemort?", fragte sie.
„Das Schulleiterbüro darf von niemandem betreten werde", sagte Professor McGonagall. „Selbst Melinda darf nicht mehr hinein. Wir glauben, er macht da drin irgendetwas."
Irgendwelche Vorbereitungen, schoss es Hermine durch den Kopf. Es wurde ernst.
„Glauben Sie, es gibt irgendeinen Weg hier raus?"
Professor McGonagall und Madame Pomfrey sahen sich an. Sie brauchten Hermine nichts erklären, sie sah an dem Gesichtsausdruck, den beide Frauen ihr zuwarfen, dass es keine Chance gab. Ihre letzte Hoffnung war Rabastan.
Auf Rabastans Feststellung hin fielen alle in der Runde in betretenes Schweigen. Rodolphus und Dolohow wechselten einen besorgten Blick miteinander. Rabastan starrte nur auf den Boden. Verzweiflung und Hilflosigkeit standen ihm ins Gesicht geschrieben.
Melinda war die Erste, die das Wort ergriff. „Ich fasse mal zusammen. Hermine wurde innerhalb eines kurzen Zeitfensters von eurem Grundstück entführt. Der Täter wusste, wie er vorgehen musste und er hatte das dunkle Mal. Du glaubst, dass jemand sie zum Dunklen Lord gebracht hat."
„Welche andere Erklärung sollte es geben?", fragte Dolohow. „Es ist das einzig naheliegende. Wir wussten, dass dieser Tag irgendwann kommen würde."
„Aber warum jetzt?", fragte Rodolphus. „Der Dunkle Lord hatte monatelang die Gelegenheit."
„Warum ausgerechnet jetzt, weiß ich nicht", sagte Melinda. „Aber ihr vergesst eines: Amycus und Lucius."
Rabastan hob den Kopf und blickte Melinda fragend an. „Die beiden? Was ist mit denen? Du glaubst doch nicht im Ernst, dass die etwas mit Hermines Verschwinden zu tun haben?"
„Sie wussten, wo Hermine war, sie hatten Gelegenheit dazu und beide tragen das Dunkle Mal."
„Warum sollten denn ausgerechnet die beiden Hermine entführen?", fragte Rodolphus voller Unverständnis für Melindas Vermutung. „Amycus hat doch Hermine überzeugt, zu uns zurückzukommen."
„Um sie zurück zum Widerstand zu bringen", antwortete Melinda.
„Hermine hat sich entschieden", sagte Rabastan. „Sie hat mich gewählt."
„Aber der Widerstand unter Umständen nicht", sagte Melinda ernst. „Vielleicht... Rabastan, wir müssen sichergehen."
„Was sollen wir tun?"
„Wir müssen mit dem Widerstand Kontakt aufnehmen."
Dolohow und Rodolphus schüttelten beide energisch den Kopf.
„Und wenn Hermine nicht dort ist?", fragte Rabastan.
„Dann überlegen wir uns, was wir tun werden. Aber bevor wir irgendetwas gegen den Dunklen Lord unternehmen, müssen wir erst alle anderen Möglichkeiten ausschließen."
Melindas Einwand war nicht ungerechtfertigt und schlagartig wurde Rabastan bewusst, in welcher Zwickmühle er sich befand. Der Dunkle Lord würde Hermine für irgendeinen Plan brauchen, deshalb hatte er sie in Rabastans Obhut gegeben, in die Obhut des letzten treuergebenen Dieners, der ihm noch geblieben war. Rabastan hatte immer jeden Auftrag seines Herren ohne zu hinterfragen ausgeführt, so auch dieses Mal. Womit er nicht gerechnet hatte, war, in eine Situation zu kommen, wo er sich plötzlich zwischen dem Dunklen Lord und einer anderen Sache entscheiden musste. Er liebte Hermine und er wollte sie um jeden Preis vor Schaden bewahren. Doch was, wenn der Dunkle Lord ihr schaden wollte? Er saß zwischen den Stühlen. Entweder Hermine oder der Dunkle Lord.
Rodolphus und Antonin sahen sich an, dann wandten sie sich erwartungsvoll an Rabastan.
„Wir wissen nicht, wo der Widerstand ist", warf Rodolphus ein. „Wie sollen wir denn mit denen Kontakt aufnehmen?"
Melinda begegnete Rabastans Blick und nickte. Als hätten sie gegenseitig ihre Gedanken gelesen, sagte Rabastan: „Hermine war mit einem Sohn der Weasley-Familie befreundet. Ich weiß, wo die Weasleys wohnen."
Seit dem Tod seiner Frau hatte sich ein schwarzer Schatten in Arthur Weasleys Herz ausgebreitet, der sich nach und nach auch über den Fuchsbau gelegt hatte. Bis auf Ginny hatten alle Weasley-Kinder das Haus bereits verlassen, sodass sich Totenstille auf den einst lauten und mit Leben erfüllten Ort gelegt hatte und es nichts mehr zu tun gab. Nach Harry Potters Tod hatte sich Ginny sehr zurückgezogen und verbrachte die meiste Zeit in ihrem Zimmer. Arthur hatte schon vor langer Zeit seine Arbeit im Ministerium verloren und war zur Untätigkeit verbannt. Er hatte deshalb auch die sehr ungesunde Angewohnheit entwickelt, zu oft eine Flasche Feuerwhiskey allein zu leeren. Es gab zwar den Widerstand und ihre Konfrontationen mit Voldemorts Anhängern, die ihn manchmal aus seinem drögen Alltag herauszwangen, doch von Mal zu Mal kostete es Arthur mehr Überwindung, seinen Zauberstab zu nehmen und in den Kampf zu ziehen. Er war das Kämpfen leid. Er hatte seine Frau und einen seiner Söhne in den Kämpfen verloren. Er hatte keine Kraft mehr und wünschte sich nichts sehnlicher, als dass der Albtraum endlich enden möge.
Am heutigen Abend leistete ihm sein ältester Sohn Bill Gesellschaft. Wie in den vergangenen Wochen schon häufiger, beherrschte auch diesmal ein Thema ihr Gespräch. Selbst die schöne Nachricht, dass Bill und seine Frau Fleur ihr erstes Kind erwarteten, konnte die Stimmung nicht heben.
„Ich hoffe so sehr, dass es ihr gutgeht", sagte Bill Weasley bedrückt.
„Das hoffen wir alle", meinte Arthur und leerte sein Glas in einem Zug. „Ich hoffe, dass sie weiß, was sie tut."
Bill schritt zur Spüle, um einen Apfel zu waschen. Als er zufällig seinen Kopf hob und durch das Fenster nach draußen in den Garten sah, bemerkte er vier in schwarz gekleidete Gestalten.
„Dad, wir bekommen Besuch."
Es musste die seltsamste Runde sein, die sich jemals am Küchentisch im Haus der Weasleys zusammengefunden hatte, schoss es Rabastan durch den Kopf. Auf der einen Seite Arthur Weasley und seine beiden Kinder Bill und Ginny Weasley, auf der anderen Seite Rabastan und Rodolphus, Antonin und Melinda.
Die Todesser hatten ihre Zauberstäbe auf den Tisch gelegt, um zu signalisieren, dass sie keine bösen Absichten verfolgten und keinen Konflikt suchten. Dafür hielten Bill und Ginny Weasley ihre Zauberstäbe die ganze Zeit fest in der Hand und ließen die Todesser keine Sekunde aus den Augen. Das Mädchen funkelte Rabastan böse an.
Arthur ließ sich erschöpft auf dem Stuhl gegenüber von Rabastan nieder. Er schenkte sich ein Glas Feuerwhiskey ein und schob die Flasche Rabastan zu, der allerdings abwinkte. Nach Alkohol stand ihm im Moment überhaupt nicht der Sinn.
Niemand sprach ein Wort, bis schließlich der Auror Kingsley Shacklebolt, gefolgt von Amycus Carrow und Lucius Malfoy, aus dem Kamin trat. Die drei Männer klopften sich die Asche von ihren Umhängen. Ein ernster Ausdruck stand auf ihren Gesichtern. Als Rabastan und seine Gefährten die Schwelle des Fuchsbaus überschritten hatten, hatten die Weasleys sofort eine Nachricht an den Widerstand geschickt.
Zum ersten Mal seit mehreren Monaten sah Rabastan Amycus wieder. Er sah wesentlich besser aus als kurz vor seiner Flucht. Er war nicht mehr blass und hatte abgenommen. Offenbar tat es ihm sehr gut, endlich mit der Frau, die er liebte, zusammen zu sein und für seine Familie sorgen zu können. Seinen Schwager sah Rabastan heute zum ersten Mal seit der Schlacht von Hogwarts wieder. Der Verlust seiner Frau schien noch immer schwer auf ihm zu lasten. In dieser Hinsicht ging es ihm wohl nicht anders als Arthur Weasley, der seine Frau durch die Hand von Bellatrix verloren hatte. Die beiden unterschiedlichen Männer waren durch ihre Not Verbündete geworden. Als er Lucius sah, fragte sich Rabastan, wie eng die Beziehung zwischen ihm und Andromeda sein mochte.
„Rabastan, Rodolphus." Er nickte ihnen zu.
„Lucius."
„Jetzt sind wir ja alle versammelt", sagte Arthur Weasley. „Ich gehe davon aus, dass Todesser aus dem innersten Zirkel Voldemorts und die Schulleiterin von Hogwarts einen triftigen Grund haben werden, den Widerstand aufzusuchen. Was führt euch hierher?"
Rabastan entschied sich, sein Anliegen sofort und ohne Umschweife vorzubringen.
„Hermine ist verschwunden", erklärte er. „Ist sie hier bei euch?"
Die Widerstandskämpfer wechselten einen Blick untereinander.
„Hermine ist verschwunden?", fragte Amycus. „Was ist passiert?"
„Jemand hat sie aus unserem Garten entführt. Es muss jemand mit dem Dunklen Mal gewesen sein", sagte Rabastan und sah dabei Amycus und Lucius an.
„Ihr denkt, dass wir sie entführt und zum Widerstand zurückgebracht haben?", fragte Arthur. „Da muss ich euch leider enttäuschen. Hermine ist nicht bei uns. Sie hat sich vor Monaten entschieden. Wir haben ihre Entscheidung akzeptiert, auch wenn sie uns natürlich sehr getroffen hat. Sie hat dich gewählt, Rabastan, nicht uns."
Rabastan wartete, bis Amycus nickte. „Es stimmt. Sie ist nicht bei uns. Sie ist zu euch zurückgegangen. Ich glaube, das war ein Stück weit mein Verdienst."
„Oh ja, sie ist einfach gegangen", mischte sich jetzt Arthurs Tochter in das Gespräch ein. Sie warf Amycus einen finsteren Blick zu. „Sie hat uns nur einen Zettel hinterlassen."
Wütend knallte sie ein zerknülltes Stück Pergament vor Rabastan auf den Tisch. Rabastan ergriff es und las. Er erkannte sofort Hermines Handschrift:
„Es tut mir leid, aber ich habe mich entschieden. Hermine."
„Damit hat sie uns abgespeist!", sagte Ginny aufgebracht. „Sie hat sich nicht mal verabschiedet."
„Sie ist nicht hier. Wir dachten, sie wäre bei euch", sagte nun Kingsley Shacklebolt. „Sie ist doch zu euch zurückgekehrt?"
„Natürlich. Zwei Wochen nach ihrem Verschwinden kam sie zu uns zurück", sagte Rodolphus. „Die letzten Wochen hat sie wieder bei uns gelebt. Nichts deutete daraufhin, dass sie daran etwas ändern wollte."
„Sie wurde also entführt?", fragte Lucius.
„Ja, wir..."
„Rabastan, können wir mal kurz draußen sprechen?", fragte Antonin.
„Antonin...
„Wenn ihr uns kurz entschuldigen würdet." Dolohow zog Rabastan und Rodolphus mit sich nach draußen vor die Tür. Melinda blieb in der Küche zurück.
„Antonin, was..."
„Sie ist nicht hier, Rabastan. Sie ist beim Dunklen Lord."
„Ja, das ist offensichtlich."
„Das war eine dämliche und idiotische Schnapsidee hierher zu kommen", sagte Rodolphus kopfschüttelnd. „Warum verschwenden wir hier unsere Zeit? Derweil könnte Hermine sonstwas passieren!"
„Melinda hat uns überzeugt, den Widerstand aufzusuchen", meinte Rabastan.
Sie sahen durch das Küchenfenster nach drinnen. Melinda saß immer noch am Tisch, während Arthur Weasley und Kingsley Shacklebolt auf sie einredeten. Beide schienen sehr wütend zu sein und gestikulierten wild mit den Händen.
„Wegen Melinda wollte ich ohnehin noch mal mit euch reden", sagte Antonin.
„Weswegen war sie eigentlich bei dir?", wollte Rabastan wissen.
„Das werde ich euch später erklären", sagte Antonin. „Das ist nochmal eine ganz eigene Geschichte für sich. Jetzt ist Hermine wichtiger."
„Was sollen wir denn jetzt machen?", fragte Rodolphus. „Sollen wir einfach wieder gehen? Wir stehen wie Idioten da!"
„Gehen wir wieder rein. Vielleicht..." Rabastan betrachtete die Weasleys und den Auror, die in der Küche warteten. Melinda drehte sich zum Fenster um und begegnete seinem Blick. Sie nickte ihm zu. Auf einmal kam Rabastan ein verrückter Gedanke. „Vielleicht sollten wir ehrlich sein."
„Was meinst du damit?" Rodolphus und Antonin sahen ihn fragend an.
„Wartet es ab."
Sie betraten erneut das Haus. Die Stimmen verstummten augenblicklich.
„Wie können wir euch jetzt weiterhelfen? Hermine ist augenscheinlich nicht bei uns", sagte Arthur Weasley.
„Ich muss zugeben", sagte Rabastan, als er neben Melinda Platz nahm, „dass ich wirklich gehofft hatte, dass sie hier ist. Es war ein Strohhalm, an den ich mich geklammert habe."
„Wo könnte sie sonst sein?", fragte Ginny. „Sie ist doch nicht in Gefahr?"
„Das weiß ich leider nicht. Ich muss wohl erst etwas ausholen", sagte Rabastan und holte tief Luft. „Nach der Schlacht von Hogwarts hat mir der Dunkle Lord eine Belohnung für meine Dienste in Aussicht gestellt. Ich wollte Hermine."
Die Widerstandskämpfer und Lucius sahen Rabastan voller Unglauben an.
„Aus welchem Grund sollten Sie Interesse an Hermine haben?", fragte Shacklebolt.
„Das geht nur Hermine und mich etwas an", entgegnete Rabastan. „Der Dunkle Lord gab mir damals auch einen Auftrag. Wenn Hermine gefasst wird, dann sollte ich sie in meine Obhut nehmen. Ich sollte sie für ihn aufbewahren, bis er sie brauchen würde. Das hat sich dann im vergangenen Winter ergeben, als Hermine aufgegriffen und zu mir gebracht wurde. Im Laufe der letzten Monate hat sich zwischen mir und Hermine eine Beziehung entwickelt. Ich hatte mir das gewünscht, aber auch ich habe nicht vorhersehen können, wie sich das alles entwickeln würde. Hermine und ich haben ein Haus zusammen gekauft, wir wollen heiraten und Hermine..."
„Hermine ist schwanger."
Alle Blicke richteten sich auf Vanessa Lenormand, die plötzlich in ihrer Mitte erschienen war.
„Vanessa, was machst du denn hier?", fragte sofort Amycus.
„Ich habe gehört, dass Hermine verschwunden ist. Ich musste herkommen", erklärte sie, während sie Asche von ihrem Kleid abschüttelte. „Hermine ist schwanger."
„Ist das wahr?" Alle wandten sich Rabastan zu.
„Ja."
„Ich wusste es", sagte Arthurs Tochter. „Luna und ich hatten schon so einen Verdacht. Hermine hat sich so komisch verhalten."
„Du wusstest es?", fragte Arthur.
„Ja", antwortete Vanessa. „Hermine fand es heraus, kurz nachdem ihr sie entführt und in das andere Versteck gebracht habt. Sie wollte, dass ich es nicht verrate. Abgesehen von mir wusste es nur noch Amycus. Er hat sie überzeugt zurückzugehen."
„Ist das wahr?", fragte Shacklebolt an Amycus gewandt.
Dieser sah verlegen nach unten. „Ja, es stimmt. Hermine und ich hatten bei der Versammlung ein kurzes Gespräch. Ich habe sie überzeugt, zu Rabastan zurückzugehen. Tut mir Leid, Hermine wollte nicht, dass ihr es erfahrt."
„Ich beginne langsam zu begreifen", meinte Arthur. „Hermine verschwindet, nachdem sie uns einfach wortlos verlassen hat. Ihr dachtet, dass wir sie zurückgeholt haben?"
„Ja, das war unser Gedanke. Es war eine Hoffnung, an die ich mich geklammert habe", sagte Rabastan offen. „Hermine ist schwanger. Ich mache mir Sorgen, dass ihr und dem Kind etwas passieren könnte."
„Das ist nur verständlich", sagte Lucius, trat nach vorne und setzte sich an den Tisch. „Du sagst, der Dunkle Lord hat dir den Auftrag gegeben, Hermine in deine Obhut zu nehmen, bis er sie brauchen würde? Was könnte er damit gemeint haben?"
„Rodolphus und ich haben uns darüber die letzten Monate immer wieder den Kopf zerbrochen, aber wir wissen es nicht", musste Rabastan zugeben.
„Jemand, der das Dunkle Mal hat, muss sie von eurem Grundstück entführt haben, sagst du? Was macht dich da so sicher?", wollte Lucius wissen.
„Die Schutzzauber, die über dem Grundstück liegen. Man kann unser Grundstück nur betreten, wenn man das Dunkle Mal besitzt", erklärte Rodolphus. „Bevor wir vom Schlimmsten ausgehen, wollten wir erst die andere Möglichkeit ausschließen."
„Ihr dachtet, der Widerstand hätte uns beide", Lucius deutete auf sich und Amycus, „geschickt, um Hermine zurückzuholen?"
„Ja. Melinda hat uns auf diesen Gedanken gebracht."
Lucius, Arthur und der Auror Shacklebolt wechselten einen Blick mit der Schulleiterin von Hogwarts und Rabastan beschlich langsam, aber sicher das Gefühl, dass hier irgendetwas nicht stimmte. Er ließ seinen Blick durch die Runde schweifen und auf einmal kam ihm der Verdacht, dass er wohl nicht ganz zufällig hier war, genauso wenig wie Amycus und Lucius. Er hätte sich ohrfeigen können. Natürlich war Hermine nicht beim Widerstand. Er glaubte ihnen sofort und dachte keine Sekunde daran, dass sie ihm vielleicht nicht die Wahrheit sagten. Trotz der Enttäuschung liebten sie Hermine und wollten nur eines: dass es ihr gutging. Melinda hatte ihn irgendwie von dieser aberwitzigen Idee, den Widerstand aufzusuchen, überzeugen können. Während sie hier ihre Zeit verschwendeten, konnte Hermine Merlin weiß wo sein.
Antonin legte ihm eine Hand auf die Schulter und nickte ihm zu.
„Was war euer erster Gedanke, als ihr Hermines Verschwinden bemerkt habt?", fragte Lucius.
„Wir dachten, dass der Dunkle Lord sie hat."
Stille trat im Raum ein.
„Voldemort soll sie haben? Wegen des Auftrags, den er dir vor zwei Jahren gab?"
„Ja. Es hieß nur, der Dunkle Lord würde Hermine irgendwann brauchen. Es schien mir naheliegend, dass Hermines Verschwinden damit in Zusammenhang steht."
Amycus sah plötzlich nachdenklich aus. Er schritt langsam durch den Raum. „Rabastan, mir kommt da gerade ein Gedanke, ein blöder Gedanke, aber... Darf ich diesen Gedanken mal laut aussprechen?"
„Meinetwegen. Ich bin um jeden Gedanken froh, der uns weiterbringt."
„Ob er uns weiterbringt, weiß ich nicht", sagte Amycus. „Ich mache einfach mal ein Gedankenspiel. Der Dunkle Lord gibt ausgerechnet dir den Auftrag, Hermine in deine Obhut zu nehmen. Er wusste ganz genau, dass du Interesse an Hermine hast. Das ist schon irgendwie ein merkwürdiger Zufall. Der Dunkle Lord braucht Hermine für irgendetwas. Wie lange war sie bei dir?"
„Fast ein Dreivierteljahr", sagte Rabastan.
„Sie war also fast neun Monate bei dir. Sie war die ganze Zeit da, aber der Dunkle Lord unternimmt nichts, obwohl er unzählige Male die Gelegenheit hätte ergreifen können. Das ist doch irgendwie merkwürdig."
„Auf was willst du hinaus, Amycus?", fragte Vanessa.
„Hermine ist die ganze Zeit bei dir, aber scheint für den Dunklen Lord nicht von Interesse zu sein. Dann auf einmal wird Hermine schwanger und ganz plötzlich verschwindet sie. Das ist doch mehr als nur merkwürdig. Vor allem sind das in meinen Augen ein paar Zufälle zu viel."
„Moment mal, Amycus", sagte Rabastan. „Was willst du damit sagen? Ich verstehe nicht..."
„Ich kann dir auch nicht ganz folgen", meinte Rodolphus.
„Ich schon", sagte plötzlich Dolohow und nickte. „Amycus bringt da einen interessanten Aspekt ins Spiel. Er hält es für möglich, dass man Hermine erst jetzt und nicht schon in den vergangen Monaten entführt hat, weil sie jetzt schwanger ist."
Rabastan blickte seinen langjährigen Freund völlig entgeistert an. Auch die Kämpfer des Widerstandes wirkten skeptisch.
„Wollt ihr damit sagen, man hat Hermine entführt, weil sie schwanger ist? Aber... Das würde ja bedeuten, dass..." Rabastan wagte gar nicht, seinen Gedanken in Worte zu fassen.
„Genau das will ich damit sagen, Rabastan", fuhr Amycus fort. „Für mich sieht das Ganze nämlich so aus, als hätte man nur darauf gewartet, bis Hermine schwanger wird, um sie dann zu entführen."
„OK, gehen wir mal davon aus, dass Voldemort Hermine hat", sagte Ginny, die versuchte, aus dem Gesagten schlau zu werden, „dann würde das doch heißen, dass er abgewartet hat, bis Hermine schwanger wird, um sie dann zu entführen und für welchen Zweck auch immer zu missbrauchen."
„Wenn das stimmt, dann..." Besorgnis trat auf Rodolphus' Gesicht. „Dann hatte er es die ganze Zeit gar nicht auf Hermine abgesehen, sondern auf euer Kind, Rabastan."
Alle sahen Rabastan an. Dieser war plötzlich verärgert, stand auf und schritt zum Fenster, wobei er den Anwesenden den Rücken zudrehte. Er musste für einen Augenblick seine Gedanken neu sortieren. Auf welche abstrusen Ideen kamen seine Freunde?
„Nun, ich will dir nicht zu nahe treten, Rabastan, aber es ist ja doch schon fragwürdig, welches Interesse Voldemort an Hermine haben sollte, aber gut, ich muss deine Aussage über Voldemorts' Pläne so hinnehmen,", meinte Arthur, der Amycus' Erklärung offenbar ebenfalls nicht wirklich glaubhaft fand, „aber was sollte er von eurem Kind wollen, Rabastan? Das ist doch vollkommen irrational. Wenn ich das richtig sehe, dann ist euer Kind halbblütig. Ich kann mich nicht erinnern, dass das in euren Kreisen ein angesehener Blutstatus wäre."
„Nehmen wir mal für einen Moment an, dass Carrow Recht hat", meinte Kingsley Shacklebolt, „und Voldemort es wirklich auf Hermines Kind abgesehen hat. Gibt es irgendwelche stichhaltigen Argumente, die diese These untermauern würden? Warum euer Kind? Ist es irgendwie besonders?"
Rabastans Herz setzte für einen Moment aus. Langsam wandte er sich um. Er begegnete Rodolphus' Blick. Wenn er den Gesichtsausdruck seines Bruders richtig deutete, dann ging beiden in diesem Moment dasselbe durch den Kopf.
„Unser Kind ist tatsächlich etwas Besonderes", sagte Rabastan.
„Inwiefern?", fragte Bill Weasley.
„Hermine hat starke magische Kräfte durch die Schwangerschaft entwickelt", erklärte Vanessa. „Deswegen kam bei mir überhaupt erst der Verdacht auf, dass sie schwanger sein könnte."
„Magische Kräfte?", fragte Arthur Rabastan.
Rabastan nickte. „Das ist unglaublich. Sie kann plötzlich Legilimentik und Okklumentik, obwohl sie es nie gelernt hat, und sie kann Gegenstände ohne Zauberstab bewegen."
„Sie meint, dass sie auch prophetische Träume hat", fügte Rodolphus hinzu. „Es ist nicht sie selbst, es ist ihr Kind, von dem diese magische Kraft ausgeht. Wir haben so was noch nie gesehen, auch die Heilerin, die sie untersucht hat, hatte keine Erklärung dafür."
„Dann gibt es keinen Zweifel, das ist die einzige Erklärung", schlussfolgerte Vanessa. „Der Dunkle Lord hat Hermine, weil er es auf ihr Kind abgesehen hat!"
Rabastan schüttelte den Kopf. Ihm kamen Zweifel. Es gab zu viele Ungereimtheiten. „Irgendwie... Ich verstehe das alles einfach nicht. Wenn das wirklich stimmt, dann... Dann muss der Dunkle Lord ja darauf gewartet haben, dass Hermine schwanger wird. Wie soll das funktionieren? Er hätte doch niemals wissen können, dass wir ein Kind zusammen bekommen. Er wollte aber Hermine schon vor über zwei Jahren für seine Pläne. Außerdem hätte Hermine eigentlich gar nicht schwanger sein können."
„Wieso nicht?"
„Hermine hat Verhütungstränke eingenommen."
„Das hat sie mir erzählt", sagte Vanessa. „Sie hat sich auch gewundert. Wir haben gerätselt, ob sie mal einen Trank vergessen haben könnte."
„Ich glaube nicht. Hermine ist immer mit allem sehr zuverlässig", sagte Rabastan.
„Hat ihr noch ein paar von den Tränken?", fragte Lucius.
„Ich glaube schon."
„Vielleicht sollten wir uns die mal genauer ansehen. Hat Hermine die selbst gebraut oder habt ihr die gekauft?"
„Weder noch. Hermine erhielt sie von unserer Heilerin."
„Interessant. Wir sollten diese Tränke auf jeden Fall mal genauer unter die Lupe nehmen."
Rabastan fühlte sich plötzlich erschöpft. Er hätte gern ein paar aufmunternde Worte von seinem Bruder vernommen, doch dieser war auf einmal merkwürdig still geworden und hatte sich tief in Gedanken versunken von der Gruppe abgewandt.
„Der Dunkle Lord wollte also, dass Hermine und ich ein Kind miteinander zeugen? Das ist doch wahnwitzig! Soll das heißen, er hat das alles vorhergesehen? Ich sehe einen möglichen Plan, aber es gibt zu viele Dinge, die nicht zusammenpassen. Was will der Dunkle Lord mit unserem Kind? Es ist noch nicht einmal geboren!"
„Der Dunkle Lord hat Hermine explizit in deine Obhut gegeben, Rabastan. Er vertraute sie nicht mir, Macnair, Travers oder irgendeinem anderen an, sondern dir", sagte Dolohow ernst. „Vielleicht tat er das aus einem bestimmten Grund."
„Weil er wusste, was passieren würde, weil er das alles vorher genau geplant hatte."
Rabastan sah alle in der Runde an und hoffte inständig, dass irgendjemand lautstark protestieren und ihre Überlegungen als Hirngespinste verwerfen würde. Doch niemand tat ihm den Gefallen. Alle wirkten entweder hilflos oder wussten nicht, was sie aus den Überlegungen machen sollten.
„Ich habe einen Vorschlag zu machen", sagte Lucius und war damit der Erste, der nach etlichen Minuten des Schweigens wieder das Wort ergriff. Rabastan war ihm dankbar. Stille war noch unerträglicher als ihre verrückten Ideen. „Wir untersuchen erst mal Hermines Tränke."
„Und dann? Was soll das bringen?", fragte Rabastan. „Das hilft uns nicht, sie zurückzubringen."
„Aber es hilft uns vielleicht, die Zusammenhänge besser zu verstehen, Rabastan", schaltete sich Rodolphus plötzlich wieder in das Gespräch ein. „Mir ist gerade etwas eingefallen, was ich auch gerne überprüfen möchte."
„Und was?"
„Dazu später mehr. Mir ist nämlich gerade ein Licht aufgegangen. Ich muss allerdings erst ein paar Nachforschungen anstellen. Ich hoffe, dass sich mein Verdacht nicht bewahrheitet, aber das kann ich erst sagen, wenn ich etwas recherchiert habe."
„Ich werde dasselbe tun", verkündete Dolohow. „Ich sehe ebenfalls die Notwendigkeit, ein paar Hintergrundinformationen einzuholen. Ich kann nicht sagen, wie lange ich brauchen werde. Ich hoffe, ich schaffe es noch heute Abend. Ich beeile mich, aber gebt mir etwas Zeit. Danach, Rabastan, müssen wir noch ein ernstes Gespräch führen." Dolohow deutete kurz auf Melinda. Rabastan nickte.
„Das heißt, wir werden noch ein mal zusammenkommen?", fragte Shacklebolt.
„Ja. Geht mir zwei oder drei Stunden", sagte Dolohow. „Rodolphus? Lucius?"
„Das sollte ausreichen", meinte Rodolphus.
„Wo wollen wir uns treffen?"
„Kommt zu uns", sagte Rabastan. „Dann ist es einfacher."
„Ich werde gleich mitgehen", sagte Lucius.
Die Widerstandskämpfer berieten sich einen Moment. Vanessa erinnerte sie eindringlich daran, dass es um Hermine ging und drängte sie, mit den Todessern zusammenzuarbeiten. Schließlich ließen sich Arthur Weasley und Shacklebolt, wenn auch widerwillig und mit Vorbehalt, auf die Abmachung ein.
„Zwei Stunden. Wir werden da sein."
Dolohow war mit einer wichtigen Sache beschäftigt, Rodolphus war mit einer wichtigen Sache beschäftigt und Lucius kümmerte sich um die Tränke, die Rabastan ihm gegeben hatte. Rabastan fühlte sich nutzlos, weil er nicht auch etwas zu erledigen hatte. Hermine war mittlerweile seit guten fünf Stunden verschwunden und sie waren bei ihrer Rettung immer noch keinen Schritt weitergekommen. Mit jeder Minute, die verstrich, wurden Rabastans Sorgen größer. Er hatte Angst, dass Hermine und ihrem Kind etwas passieren könnte.
Nervös schritt er im Salon auf und ab und wartete, bis Antonin, Rodolphus und Lucius fertig waren. Melinda leistete ihm Gesellschaft, allerdings wusste Rabastan nicht mehr, wie er ihr noch gegenübertreten sollte. Er war sich mittlerweile ziemlich sicher, dass sie ihn absichtlich auf den Trichter gebracht hatte, den Widerstand aufzusuchen. Es war ihm jedoch vollkommen schleierhaft, was sie damit bezweckt haben konnte. Dolohow und das Verhalten des Widerstandes gegenüber der Schulleiterin von Hogwarts hatten ihn verunsichert. Er war sich sicher, dass Melinda Vermont etwas zu verbergen hatte.
„Wir werden sie finden, Rabastan", sagte Melinda.
„Und dann? Wenn der Dunkle Lord sie wirklich hat und sie wirklich für seine Pläne braucht, dann... Ich stelle mich gegen den Dunklen Lord, Melinda. Ich habe seine Ziele nie in Frage gestellt, nicht während all der Jahre. Ich hatte nie auch nur den kleinsten Zweifel. Ich habe selbst dann treu zu ihm gestanden, als ich 15 Jahre meines Lebens für ihn in Askaban verbracht habe. Aber jetzt..."
„Du liebst sie."
„Ja. Auf einmal ist da etwas, ist da jemand, der..."
„Der dir wichtiger ist als der Dunkle Lord?"
Ihre Blicke trafen sich. „Ich weiß nicht mehr, was mir noch wichtig ist. Ich weiß nur, dass Hermine mein Leben verändert hat. Sie hat meinem Leben einen neuen Sinn gegeben." Er dachte an ihr gemeinsames Haus, an ihre Hochzeit und an ihre Familie, die sie bald haben würden. In Gedanken sah er ein Kind lachend über den Strand laufen, während er und Hermine Hand in Hand einem Sonnenuntergang entgegengingen. „All das, was wir zusammen haben, das möchte ich um nichts auf der Welt verlieren. Genau das bedeutet aber, dass ich mich gegen den Dunklen Lord stellen muss."
„Manchmal muss man schwierige Entscheidungen im Leben treffen, Rabastan", sagte Melinda. „Du bist nicht der Einzige, der das tun muss."
Er musterte sie und versuchte, aus ihrem Blick schlau zu werden. Plötzlich fiel ihm etwas ein.
„Was hast du eigentlich bei Dolohow gemacht? Seht ihr euch öfter?"
Melinda lächelte. „Antonin und ich verstehen uns sehr gut. Ja, wir sehen uns öfter. Wir sind uns wohl etwas näher gekommen, als wir beabsichtigt hatten. Dabei kann es schon mal passieren, dass der andere Dinge von einem erfährt, die besser geheim geblieben wären."
Rabastan hatte keine Gelegenheit mehr, sie zu fragen, was sie mit dieser kryptischen Aussage gemeint hatte, denn in diesem Moment kam Tipsi in den Salon.
„Master Rabastan, Gäste sind hier", sagte sie mit einer tiefen Verbeugung.
„Bitte sie herein." Die alte Standuhr im Salon, die einst Rabastans Großvater gehört hatte, schlug 11 Uhr.
Tipsi geleitete die Ordensmitglieder und Widerstandskämpfer in die Eingangshalle. Wie zu erwarten waren Arthur Weasley und Kingsley Shacklebolt gekommen. Sie wurden von den Weasley-Kindern, Vanessa Lenormand und Amycus begleitet. Rabastan hatte mit niemandem sonst gerechnet und wollte seine Gäste schon ins Esszimmer begleiten, als er eine Überraschung überlebte. Noch jemand war gekommen.
„Hallo Rabastan", sagte Andromeda und trat hinter den anderen hervor.
„Andy? Was machst du denn hier?"
„Ich wollte mitkommen. Arthur und Kingsley waren zuerst misstrauisch, da habe ich gesagt, ich begleite sie. Zur Sicherheit, damit alles friedlich verläuft."
„Schön, dich zu sehen." Sie umarmten sich kurz.
„Ebenso. Du siehst gut aus, Rabastan."
Antonin, Rodolphus und Lucius stießen zu ihnen.
„Gehen wir rüber ins Esszimmer, wir haben viel zu besprechen."
Die Todesser nahmen auf einer Seite des Tisches Platz, die Kämpfer des Widerstandes auf der anderen. Es war befremdlich für Rabastan, Lucius und Amycus gegenüber sitzen zu müssen, wo sie doch über so viele Jahre hinweg auf derselben Seite gekämpft hatten. Melinda saß am Kopfendes des Tisches und damit zwischen den beiden Fronten, was in Rabastans Augen nicht einer gewissen Ironie entbehrte. Ganz der höfliche Gastgeber bot er seinen Gästen Getränke an, doch nur Lucius, Andromeda, Amycus und Vanessa nahmen dankend an. Die Weasleys und der Auror Shacklebolt allerdings lehnten ab. An ihren Gesichtern war abzulesen, dass sie sich nicht mit solchen Belanglosigkeiten und Höflichkeiten aufhalten wollten. Sie wollten unmittelbar zur Sache kommen.
„Also? Wie ist nun der Stand?", fragte Arthur Weasley. „Ich hoffe, dass wir nicht umsonst hierhergekommen sind."
„Das seid ihr nicht", sagte Rodolphus und erhob sich. Er hatte einen ganzen Stapel Pergament und Bücher mitgebracht, die er auf dem Tisch verteilte. „Ich habe ein paar interessante Dinge herausgefunden."
„Ich ebenfalls", sagte Antonin. „Aber dazu später. Rodolphus, ich überlasse dir den Vortritt."
„Hermines Kind ist etwas Besonderes, wie wir schon festgestellt haben. Und es liegt nahe, dass der Dunkle Lord genau deshalb an dem Kind Interesse hat. Ich habe ein bisschen geforscht und habe vielleicht eine Erklärung gefunden. Es ist nur eine Theorie, aber hört es euch erst mal an."
Er schlug ein Buch auf und zeigte ihnen den Stammbaum der Lestrange-Familie. Als Arthur auf den Umschlag sah, um den Titel zu lesen, erkannte Rabastan, dass es die Genealogie der Zauberei war.
„Vor etlichen Monaten haben Rabastan, Hermine und ich den Dachboden oben ausgeräumt. Dabei haben wir einen alten Wandteppich mit unserem Stammbaum gefunden. Das hat uns ein wenig erstaunt, denn eigentlich hängt oben im Arbeitszimmer unseres Vaters der Teppich mit dem Stammbaum der Lestranges."
„Wird das jetzt eine Lehrstunde über eure Abstammung?", fragte Arthur, wobei er sich einen sarkastischen Unterton nicht verkneifen konnte. „Ich vermute, dass keiner der hier Anwesenden mit der Reinheit der Lestranges mithalten kann, das müsst ihr nicht extra betonen."
„Es geht nicht um unsere Familiengeschichte", erklärte Rodolphus. „Es geht nur um eine kleines Detail in unserer Familiengeschichte. Zwischen dem Wandteppich, der oben hängt und dem, den unsere Eltern auf den Dachboden verbannt haben, gibt es nur einen einzigen, entscheidenden Unterschied."
Er öffnete eine Pergamentrolle, die mit einem Band zusammengehalten wurde. Es waren zwei Pergamente darin, eine Geburts- und eine Sterbeurkunde. „Der Unterschied ist Alexandrina Lestrange."
Rabastan erinnerte sich dunkel an den Tag, an dem er und Rodolphus Hermine oben auf dem Dachboden den Wandteppich gezeigt und ihre Familiengeschichte erklärt hatten. Sie hatten sich darüber gewundert, dass die junge Frau aus dem 18. Jahrhundert nicht verheiratet gewesen war und ohne Nachkommen sehr jung gestorben war.
„Sie wurde von unserem Stammbaum entfernt. In dieser Ausgabe der Genealogie der Zauberei ist sie noch aufgeführt, ein paar Ausgaben später aber nicht mehr." Er legte ein zweites Exemplar des dicken Lexikons vor sie und tatsächlich: Alexandrina Lestrange war in der neueren Auflage entfernt worden.
„Wer ist das?", fragte Amycus und las die Informationen auf den amtlichen Dokumenten. „Sie ist sehr jung gestorben. Warum sollte sie jemand aus euer Familiengeschichte tilgen?"
Rabastan konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, auf was Rodolphus hinauswollte.
„Genau das ist die entscheidende Frage, die ich mir auch gestellt habe. Alexandrina Lestrange wurde 1754 geboren und starb 1789."
„Was hat das mit Hermine zu tun?", fragte Rabastan, sehr darauf bedacht, sich seine Ungeduld nicht anmerken zu lassen.
„Wenn ich Recht habe, dann hat es sehr viel mit Hermine zu tun. Ich glaube, der Grund, warum Alexandrina Lestrange aus unserer Familiengeschichte getilgt wurde und warum sie auch so früh starb, ist, weil sie eine zauberstablose Hexe war."
Auf Rodolphus' Worte hin trat Stille ein. Rabastan, Lucius, Andromeda und Arthur tauschten einen vielsagenden Blick miteinander, alle anderen sahen sich fragend an.
„Zauberstablose Hexe? Dad, was bedeutet das?", fragte Ginny Weasley ihren Vater.
„Sagt dir das was, Amycus?", fragte Vanessa ihren Mann, doch dieser zuckte nur mit den Schulter und schüttelte den Kopf.
„Dad? Was meint Lestrange mit zauberstabloser Hexe?"
Arthur ergriff schließlich das Wort. „Eine zauberstablose Hexe oder ein zauberstabloser Zauberer ist jemand, der Magie ohne Zauberstab einsetzen kann."
„Rodolphus, was hat das mit Hermine zu tun?", wollte Amycus wissen.
„Ich verstehe auch nichts mehr", meinte Kingsley Shacklebolt. „Ich habe davon noch nie gehört."
„Ich weiß, was Rodolphus meint", sagte Andromeda ernst. „Soll ich die Geschichte erzählen?"
Rodolphus nickte. „Bitte."
„Dazu muss ich erst etwas ausholen, aber seid gewarnt, es ist ein dunkles, ein sehr dunkles Kapitel in der Geschichte der Zauberei."
„Hat es etwas mit reinblütigen Familien zu tun?", fragte Ginny.
„Nein, Ginny", sagte Arthur. „Ausnahmsweise hat es nicht nur mit diesen Familien zu tun."
Andromeda atmete tief durch. „Wenn ein Kind magisch ist, dann zeigt sich das bereits in der Kindheit. An irgendeinem Punkt, normalerweise bis zum siebten Lebensjahr spätestens, zeigt das Kind irgendeine Form von Magie."
„Das weiß doch jeder."
„Die Kinder können diese Magie aber nicht kontrollieren, sie platzt meist einfach so aus ihnen heraus. Später, wenn sie lernen mit einem Zauberstaub umzugehen, können sie diese Art von unkontrollierter, willkürlicher Magie nicht mehr erzeugen. Bei den Zauberstablosen ist das etwas anders. Sie zeigen von der frühesten Kindheit an ganz bestimmte magische Kräfte, die sie sehr wohl kontrollieren können und die sie bis ins Erwachsenenalter hinein nicht verlernen. Sie brauchen keinen Zauberstab, um ihre Kräfte einzusetzen."
„Sie besitzen eine ganz bestimmte Kraft, die oft einem Zauber ähnelt, für den wir einen Zauberstab benötigen", fügte Rodolphus hinzu.
„Ich habe noch nie von alldem gehört", sagte Bill Weasley. „Dad, wieso hast du uns nie erzählt, dass es so was gibt?"
„Kaum jemand weiß heute noch, dass es solche besonderen Hexen und Zauberer gibt", fuhr Andromeda fort. „Lange Zeit lebten die Zauberstaublosen Seite an Seite in Frieden mit den Zauberstabträgern, also uns. Dann allerdings gab es immer mehr Spannungen. Ihr müsst wissen, dass manche Zauberstablose gewaltige Kräfte besaßen, die eine Gefahr für andere darstellen konnten. Und manche fühlten sich den Zauberstabträgern überlegen. Man verweigerte ihnen schließlich den Zutritt zu den Magierschulen. Irgendwann sah man es als Schande an, einen Zauberstablosen in der Familie zu haben. Sie wurden von ihren Familien verstoßen, enterbt und oft gnadenlos gejagt. Viele wurden getötet. Das Ministerium erließ sogar Gesetze gegen sie. Irgendwann verschwanden sie einfach."
„Das ist ja schrecklich!", meinte Vanessa.
„Du glaubst also, dass Alexandrina Lestrange eine zauberstablose Hexe war?", sagte Rabastan und versuchte, das Gesagte zu einem größeren Bild zusammenzufügen.
„Ja", antwortete Rodolphus und verteilte noch mehr Dokumente auf dem Tisch. „Ich habe diese ganzen Akten und Dokumente aus Vaters Sachen. Ich schätze, dass er sie aus dem Ministerium angefordert hat. Er muss vor seinem Tod irgendwie erfahren haben, dass wir eine zauberstablose Hexe in der Familie hatten. Deshalb hat er den Stammbaum erneuern und austauschen lassen."
„Ich verstehe immer noch nicht, wie das mit Hermine und unserem Kind zusammenhängt", sagte Rabastan.
„Lies dir mal das hier durch. Das ist eine Art Eintrag in einem Melderegister, das das Ministerium im 18. Jahrhundert über Zauberstablose geführt hat."
Rodolphus reichte ihm ein altes, vergilbtes Pergament. Rabastan las den Text und hatte das Gefühl, jemand reiße ihm plötzlich den Boden unter den Füßen weg. Er kam sich auf einmal vor wie in einem Albtraum.
„Das gibt's doch nicht!"
„Was steht da?"
Er war innerlich wie betäubt, als er das Dokument Andromeda reichte. Die Mitglieder des Widerstandes lasen die Worte. Entsetzen trat auf ihre Gesichter.
„Verstehst du jetzt, Rabastan?"
Er verstand aufs Wort. „Alexandrina Lestrange hatte dieselben Kräfte, die unser Kind heute auch hat", sagte Rabastan.
„Das ist unglaublich."
„Das heißt..." Es fiel Rabastan schwer, die Zusammenhänge zu sehen und alle nötigen Puzzleteile zusammenzusetzen, aber es gab keinen Zweifel. Es lag klar auf der Hand. „Das heißt, dass ich Alexandrina Lestranges Kräfte an unser Kind weitergegeben habe?"
„Genau das heißt es", sagte Rodolphus. „Sie selbst hatte zwar keine Kinder, ihre Geschwister aber schon. Ihre Kräfte, die wahrscheinlich über Generationen verborgen in der Lestrange-Familie weitergegeben wurden, haben sich jetzt in eurem Kind manifestiert."
„Wenn das wirklich stimmt, und ich habe keinen Zweifel, dass du Recht hast", sagte Andromeda, „dann will der Dunkle Lord euer Kind. Er hatte kein Interesse an Hermine, er brauchte sie nur als Mittel zum Zweck."
„Das kann aber dann nur bedeuten, dass er euch gezielt zusammenbringen wollte", sagte Vanessa. „Es war kein Zufall, dass er Hermine in deine Obhut gegeben hat, Rabastan."
„Das war es wirklich nicht, Rabastan", schaltete sich jetzt Lucius ein. „Ich habe die Verhütungstränke, die Hermine genommen hat, mal etwas genauer unter die Lupe genommen."
„Und?" Alle sahen ihn erwartungsvoll an. Rabastan schwante Böses.
„Sie hatten überhaupt keine Wirkung", erklärte Lucius. „Es ist eindeutig. Sie waren vollkommen wertlos."
Als Rabastan die tiefere Bedeutung dieser Worte bewusst wurde, hatte er plötzlich einen bitteren Geschmack nach Galle im Mund und Übelkeit stieg in ihm auf. Er war nur noch angewidert von seinem Herren und seinen kranken Plänen. Er spürte Abscheu für Lord Voldemort.
„Der Dunkle Lord hat das die ganze Zeit über geplant. Er wollte, dass Hermine und ich zusammenkommen. Er wollte, dass sie von mir schwanger wird, weil er genau wusste, was für ein Kind unsere Verbindung hervorbringen würde."
Er war innerlich leer und Dunkelheit füllte sein Herz. Er fühlte sich überwacht, ausspioniert und wie eine Marionette. Was der Dunkle Lord getan hatte, war ein inakzeptabler Eingriff in den intimsten Teil seines Leben gewesen.
„Woher wusste er das?", fragte Kingsley.
„Ich weiß es nicht und im Moment kann ich mir auch kein Möglichkeit vorstellen, wie der Dunkle Lord das alles geplant haben mag", sagte Lucius ernst, „aber Fakt ist, dass jemand Hermines Tränke manipuliert hat, weil man es darauf angelegt hat, dass sie schwanger wird."
„Sie hat sie doch von der Heilerin bekommen", sagte Vanessa. „Wir sollten mit der mal reden."
„Das heben wir uns für später auf", sagte Dolohow. „Es gibt noch ein paar Fragen zu klären. Ich habe leider keine guten Nachrichten."
„Noch mehr schlechte Nachrichten? Was kann noch kommen?", meinte Rabastan.
„Es bleibt immer noch offen, was der Dunkle Lord jetzt von Hermine möchte, da euer Kind ja noch nicht mal geboren ist. Und selbst, wenn er euer Kind für seine Pläne missbrauchen möchte, seid da immer noch ihr beide. Der Dunkle Lord weiß, dass er nichts unternehmen kann, solange ihm die Eltern des Kindes im Weg stehen."
„Wirklich? Er geht davon aus, dass ich sein ergebenster Diener bin", sagte Rabastan. „Er vertraut unserer Familie, weil wir ihn niemals hinterfragen würden. Mit Sicherheit rechnet er damit, dass ich unser Kind bereitwillig für seine Vorhaben opfern würde. Die Dinge haben sich allerdings geändert, fürchte ich. So etwas würde ich niemals tun."
„Als wir vor ein paar Stunden auf das Thema zu sprechen kamen", erklärte Dolohow, „da fiel mir etwas ein. Es ging mir ähnlich wie Rodolphus. Ich habe in eurer Bibliothek recherchiert, um meine Vermutungen zu überprüfen. Ich wünschte mir von Herzen, dass ich mich geirrt hätte. Aber leider... Ich denke, ich kann die letzten, abschließenden Fragen beantworten. Und es wird euch nicht gefallen."
„Von was redest du, Antonin?"
„Vor ein paar Monaten schickte der Dunkle Lord Walden Macnair und mich nach Ägypten, wo wir ein paar alte Artefakte für ihn sicherstellen sollten. Ich habe daran gar nicht mehr gedacht, weil ich das für unbedeutend gehalten habe. Seit wir aber angefangen haben, über Hermines Kind zu sprechen, spukt mir der Auftrag wieder andauernd im Kopf herum. Ich habe versucht, etwas über diese Artefakte herauszufinden und leider bin ich fündig geworden."
Rabastan wusste nicht, ob er noch mehr Offenbarungen ertragen konnten. In seinem Inneren brodelte es. Seine Sorge um Hermine mischte sich mit der Wut über den Dunklen Lord zu einer gefährlichen Mischung. Er konnte kaum noch ruhig am Tisch sitzen. Nervös trommelte er mit den Fingern auf der Tischplatte oder spielte mit seinem Glas.
„Die alten Ägypter haben noch nicht so wie wir heute Magie verwendet. Ihre Zauberstabkunst war noch nicht weit fortgeschritten. Deshalb haben sie magische Rituale durchgeführt. In einigen wurde sehr mächtige Magie freigesetzt."
„Schwarze Magie?", fragte Arthurs Tochter.
„Nicht nur. Weiße und schwarze Magie", erklärte Dolohow. „Sie benutzten dafür bestimmte Gegenstände, ähnlich unseren Zauberstäben oder Zaubertränken heute. Die Artefakte, die wir dem Dunklen Lord beschafft haben, wurden auch für solche Zwecke verwendet."
„In welchen Ritualen wurden sie verwendet?", fragte Andromeda.
„Ich habe sie nur im Zusammenhang mit grauenvollen schwarz-magischen Ritualen gefunden. Eines davon fiel mir sofort ins Auge. Ich glaube, das ist die Antwort auf unsere Fragen."
Jeder blickte Dolohow gespannt an.
„Die alten Ägypter kannten ein Ritual, durch das eine Person, die im Sterben begriffen war, ihren Geist, ihr Bewusstsein auf den Körper einer anderen Person übertragen konnte."
Stille trat ein. Es dauerte fast fünf Minuten, bis Amycus aufstand und durch den Raum schritt. „So weit würde er nicht gehen", sagte er. „Das ist doch Wahnsinn, was du da sagst, Dolohow. Das würde ja bedeuten, dass..."
„Eine sterbende Person?", fragte Shacklebolt. „Wie darf ich das verstehen? Voldemort stirbt? Wie ist das möglich?"
„Ihr könnt das natürlich nicht wissen", sagte Rabastan, „aber unter uns gibt es schon lange Gerede. Niemand traut sich, es offen auszusprechen, aber es fällt uns allen auf. Der Dunkle Lord stirbt."
„Sein Körper zerfällt immer mehr", sagte Dolohow. „Es ist, als ob seine physische Hülle zerfallen würde."
„Natürlich. Jetzt ergibt das alles Sinn", sagte Vanessa. „Der Dunkle Lord stirbt. Um weiterzuleben, muss er sein Bewusstsein auf eine andere Person übertragen. Und was würde sich da besser anbieten als ein ungeborenes Kind?"
„Nein, das kann nicht sein", widersprach Rabastan, dessen Ekel und Übelkeit so stark geworden waren, dass er sich beinahe übergeben musste. Taubheit hatte seinen Körper ergriffen. „Das ist doch verrückt!"
„Es ist die einzige Erklärung, Rabastan", sagte Rodolphus. „Es passt alles zusammen."
„Würde Voldemort wirklich so weit gehen?", fragte Arthur.
„Ich weiß nicht. Ich weiß gar nichts mehr", sagte Rabastan. „Ich will einfach nur Hermine zurück."
„Dad!", sagte Bill Weasley. „Wir müssen Hermine befreien! Und zwar sofort!"
Vanessa sprang auf. „Ich weiß nicht, was ihr machen wollt, aber ich werde nicht hier einfach rumsitzen und nichts tun. Ich werde Hermine zurückholen."
„Du wirst nichts tun, Vanessa!", entgegnete Amycus sofort. „Du musst bei Alexia bleiben."
„Rabastan? Was denkst du?", fragte Rodolphus. Rabastan wünschte sich inständig, diese Frage beantworten zu können.
Er erhob sich. Er war entschlossen. Noch nie zuvor war er sich einer Sache so sicher gewesen. „Ich muss Hermine beschützen. Ich habe ihr versprochen, dass ich sie beschützen werde. Ich habe ihr mein Wort gegeben, dass ihr nichts passieren wird, solange ich da bin. Ich halte meine Versprechen."
„Wir werden euch helfen", sagte Arthur Weasley. „Hermine gehört zu unserer Familie. Wir werden nicht zulassen, dass Voldemort ihr etwas antut."
Rabastan tauschte einen Blick mit Antonin und Rodolphus. Er hatte Verständnis für die Widerstandskämpfer. Sie hatten ein ebenso großes Interesse daran, Hermine heil zurückzubringen wie Rabastan. Er war nicht begeistert, sich auf seine Zusammenarbeit einzulassen, aber im Moment war Hermine wichtiger als irgendwelche Feindschaften.
„Schließen wir einen Waffenstillstand, bis Hermine gerettet ist", schlug Andromeda vor. „Wir wollen doch alle dasselbe. Legen wir bitte wenigstens für den Moment Streitigkeiten oder Antipathie beiseite und arbeiten zusammen."
Andromeda hatte Recht. „Also gut. Retten wir Hermine gemeinsam." Rabastan streckte seine Hand aus. Arthur Weasley überlegte einen Moment, dann ergriff er sie. Die beiden Männer schlugen ein, um ihren vorübergehenden Waffenstillstand zu besiegeln.
„Retten wir Hermine", sagte er dann. Rabastan nickte.
„Ich möchte mitgehen!", protestierte Vanessa, aber Amycus schüttelte den Kopf.
„Nein, wir machen das."
„Habt ihr einen Plan? Wir wissen ja nicht mal, wo Hermine ist", warf Ginny ein.
„Du wirst auch nicht dabei sein, junges Fräulein", wies Arthur seine Tochter zurecht, wofür er einen empörten Blick von ihr erntete. „Keine Widerrede."
„Wo hält sich der Dunkle Lord normalerweise auf?", fragte Andromeda.
„Er war die meiste Zeit in Hogwarts", sagte Rabastan und blickte damit zum ersten Mal zu Melinda, die die ganze Zeit über wortlos am Tisch gesessen und zugehört hatte.
„Ich werde in die Schule zurückkehren", sagte sie und stand auf. „Es ist ohnehin Zeit. Ich war zulange weg. Ich werde euch eine Nachricht schicken, wenn der Dunkle Lord in Hogwarts ist."
„Gut, aber beeil dich."
Melinda nickte und eilte hinaus. Es dauerte nicht lange, bis sie sich über den Kamin meldete. Hermine und der Dunkle Lord waren beide in Hogwarts. Sie wurde zwar unten in den Kerkern gefangen gehalten, aber zumindest ging es ihr gut. Der Dunkle Lord schien bislang nichts unternommen zu haben. Rabastan fiel ein Stein vom Herzen.
„Es dürfte nicht einfach werden, in die Kerker zu gelangen", meinte Arthur nachdenklich.
„Sind immer noch Todesser um Hogwarts postiert?", fragte Shacklebolt.
„Wahrscheinlich stehen Wachen auf dem Schulgelände und patrouillieren", mutmaßte Dolohow. „Melinda hat gesagt, dass Greyback und Selwyn abwechselnd vor Hermines Zelle unten in den Kerkern stehen."
„Ich habe eine Idee", sagte Amycus. „Der Widerstand plant eigentlich seit geraumer Zeit einen Angriff auf Askaban und das Ministerium."
„Was?! Ist das wahr?"
„Ja", sagte Arthur und warf Amycus für die Preisgabe dieser Information einen tadelnden Blick zu. „Wir haben bereits zweimal versucht, den Angriff zu starten, aber immer abbrechen müssen, weil etwas dazwischen gekommen ist."
„Wie soll uns das helfen?", fragte Rodolphus.
„Ganz einfach", sagte Amycus. „Der Angriff wird heute Nacht starten."
„Heute Nacht?! Wie sollen wir so schnell den Ablauf planen und die Leute zusammenrufen?"
„Es soll kein gezielter Angriff mit einem bestimmten Plan sein. Wir müssen nur dafür Sorgen, dass alle Todesser an einem Ort versammelt werden und sie dann solange hinhalten, bis ihr Hermine befreit habt. Mit all den Wachen in Hogwarts werdet ihr nie ins Schloss kommen. Der Dunkle Lord muss die Wachen abkommandieren."
„Ein Ablenkungsmanöver", meinte Dolohow. „Das könnte funktionieren."
„Gut, das können wir in die Wege leiten", sagte Shacklebolt, zog seinen Zauberstab und erschuf vor ihren Augen mehrere Patroni. Die leuchtenden, silberfarbenen Luchse verschwanden durch das Fenster.
„Dann machen wir uns sofort an die Arbeit. Wir dürfen keine Zeit verlieren", sagte Arthur. „Wir schicken euch eine Nachricht, wenn der Angriff stattfindet."
Die Weasleys und Shacklebolt waren schon hinausgegangen, als Amycus und Lucius mit einem Vorschlag an Rabastan herantraten.
„Wäre es nicht besser, wenn wir Hermine befreien würden?", fragte Amycus und deutete auf Lucius und sich. „Bei uns ist es egal, aber wenn ihr es tut, dann weiß der Dunkle Lord sofort, dass ihr Verräter seid."
„Da ist was dran, Rabastan", meinte Rodolphus. „Wenn du und Dolohow nach Hogwarts geht und Hermine befreit, dann..."
„Antonin muss mich nicht begleiten. Er hat mit der Sache nichts zu tun und ich will ihn nicht in irgendetwas hineinziehen", widersprach Rabastan sofort. „Ich gehe allein."
„Allein durch die Umstände, dass ich jetzt um die Pläne des Dunklen Lords weiß, stehe ich auf Rabastans Seite. Ich kann nicht mehr unterstützen, was der Dunkle Lord tut", sagte Antonin ernst.
„Rabastan?"
„Ihr habt Recht, unter anderen Umständen hätte ich euch auch zugestimmt", entgegnete Rabastan. „Aber ich möchte Hermine um jeden Preis zurück und ich werde nicht zulassen, dass der Dunkle Lord seinen kranken Plan in die Tat umsetzen kann. Selbst wenn ihr sie befreit und ich weiterhin so tue, als unterstütze ich den Dunklen Lord, macht es keinen Unterschied mehr. Spätestens wenn er Hermine ein zweites Mal von mir einfordert, werde ich mich gegen ihn stellen müssen. Mit der Entscheidung, sie zu befreien, habe ich mich bereits zum Verräter gemacht."
„Also gut, dann ist es beschlossene Sache. Wir gehen alle gemeinsam", sagte Lucius.
Hermine hatte schon geschlafen, als die Kerkertür erneut geöffnet wurde. Durch das Knarzen der Tür wurde sie aus einem komischen Traum über Rabastan gerissen. Verschlafen und desorientiert richtete sie sich auf, als Lord Voldemort ihre Zelle betrat.
„Sie müssen mir verzeihen, Ms. Granger, dass ich Sie zu so später Stunde störe", sagte Voldemort und schenkte ihr ein Lächeln. Es war kein warmes Lächeln, vielmehr lief Hermine ein eiskalter Schauer über den Rücken.
„Was wollen Sie?", fragte sie.
„Es ist Zeit. Greyback."
Der Werwolf folgte seinem Herren in die Kerker. „Bring Ms. Granger nach oben in das Büro des Schulleiters."
Greyback grinste, als er Hermine hochhob. Er legte einen Arm um ihren oberen Rücken und den anderen in ihre Kniekehlen, sodass sie an seine muskulöse Brust gedrückt wurde. Es zwar zwecklos sich zu wehren. Gegen die Kräfte des Werwolfs kam sie nicht an und Hermine wollte ohne Zauberstab und in der Anwesenheit von Lord Voldemort keine unnötigen Risiken eingehen. Auf dem Weg nach oben in Dumbledores altes Büro ging Voldemort voraus. Der Todesser Selwyn begleitete sie. Hermine konnte noch einen kurzen Blick auf Melinda Vermont werfen, dann betrat sie mit Greyback die Wendeltreppe, die sie nach oben trug.
Im Büro des Schulleiters war ein schwerer, schwarzer Steintisch, eine Art Altar, aufgebaut worden, der ringsum mit Symbolen verziert war. Voldemort wies Greyback an, sie auf den Tisch zu legen. Der Stein war eiskalt und Hermine fröstelte. Schreckliche Angst überkam sie und sie legte schützend eine Hand auf ihren Bauch.
„Bewacht die Tür", befahl Voldemort seinen beiden Dienern. Greyback und Selwyn nickten, dann gingen sie hinaus und schlossen die Tür hinter sich.
Voldemort sah höchst zufrieden aus.
„Endlich ist es soweit", sagte er mit seiner hohen, kalten Stimme. „Meine Geduld hat sich ausgezahlt."
„Was haben Sie mit mir vor?", fragte Hermine. „Was wollen Sie von meinem Kind?"
„Es mag Sie vielleicht überraschen, Ms. Granger, aber ich sehe eigentlich keinen Grund, warum Sie nicht die Wahrheit erfahren sollten. Immerhin werden Sie in Zukunft eine sehr wichtige Funktion für mich erfüllen. Vielleicht die wichtigste von allen."
„Was meinen Sie damit?", wollte Hermine wissen. Ihre Stimme zitterte. „Ich bin ein Schlammblut, mein Kind ist halbblütig. Welchen Nutzen könnten wir für Sie haben?"
„Vor etlichen Jahren kam mir auf meinen Reisen eine höchst interessante Geschichte zu Ohren. Es war eine Prophezeiung, die in meiner Gegenwart ausgesprochen wurde", sagte Voldemort, wobei er mit hinter dem Rücken verschränkten Armen um den Steintisch herumschritt. Hermine fühlte sich, als schleiche ein Raubtier um sie herum. „Normalerweise hätte ich einer blinden, bettelnden Muggelfrau keine Beachtung geschenkt, doch ihre Worte waren derart faszinierend, dass ich sie nicht unbeachtet lassen konnte. Wollen Sie wissen, von was die Prophezeiung handelte?"
Hermine antwortete nicht. Voldemort interpretierte ihr Schweigen als ein Ja.
„Ich tötete die alte Frau und einen Zeugen, sodass fortan nur ich von der Prophezeiung wissen würde", erklärte Voldemort. Bei Erwähnung der Morde, die er verübt hatte, war er vollkommen emotionslos. Die Tatsache, dass er zwei Menschenleben ausgelöscht hatte, ließ ihn kalt. „Ich erinnere mich bis heute an den genauen Wortlaut der Prophezeiung. 'Eine Verbindung aus Schwarz und Weiß, Licht und Dunkel. Der reinste unter den Reinen, ein schwarzer Ritter der Nacht, und das Mädchen von unreinem Blut, zusammen vereint durch das Schicksal des Krieges. Die Frucht ihrer Verbindung, die Rückkehr der Ausgestoßenen. Wenn der blaue Mond aufgeht, wird eine neue Macht geboren.' Das ist der Wortlaut der Prophezeiung. Wollen Sie wissen, was damit gemeint ist?"
„Sie werden es mir sowieso sagen, oder?", sagte Hermine, die versuchte, sich ihre Neugier nicht anmerken zu lassen. Sie verfolgte Voldemort mit den Augen und fragte sich, was wohl in diesem Moment in seinem Kopf vorgehen mochte. Ihre neugewonnen Kräfte hatten allerdings keine Wirkung.
„Wie ich sehe, Ms. Granger, versuchen sie sich im Gedankenlesen", sagte Voldemort amüsiert. „Doch leider werden Sie damit bei mir nicht erfolgreich sein."
„Dann müssen Sie mir wohl erklären, was die Prophezeiung bedeutet."
„Ja. Wissen Sie, was ein blauer Mond ist, Ms. Granger?", fragte Voldemort.
„Tut mir leid, davon habe ich noch nie gehört."
„Ein blauer Mond ist ein besonderes kalendarisches Phänomen", erklärte Voldemort. „Es ist ein zweiter Vollmond in einem Monat. Ähnlich wie andere Mondphänomene, z. B. ein Blutmond, hat auch der blaue Mond bei verschiedenen magischen Zirkeln eine besondere Bedeutung. Waldhexen beispielsweise glauben, dass sich bei einem bestimmten blauen Mond eine neue Macht erheben wird. In diesem Jahr gibt es mehrere blaue Monde. Bei einem, der im November kommen wird, wird der Mond tiefblau am Himmel stehen, ein Phänomen, das es seit mehreren hundert Jahren nicht gegeben hat."
„Was bedeutet das für mich?", fragte Hermine.
„Der reinste unter den Reinen, der schwarze Ritter der Nacht. Das ist mein treuer Diener, Rabastan Lestrange."
„Wieso? Was hat das mit Rabastan zu tun?"
„Die allerersten Todesser, die in meine Dienste traten, nannten sich die Ritter der Walpurgis. Die Lestranges sind die einzige Reinblutfamilie, die königlicher Abstammung ist. Deshalb ist ihr Blut besonders rein. Ihres hingegen..."
„Ja, ich weiß. Ich bin das Mädchen mit dem unreinen Blut", sagte Hermine und verdrehte die Augen.
„Rabastan hat schon seit langer Zeit Interesse an Ihnen, Ms. Granger. Nach dem Ende der Schlacht bat er mich um Sie als Geschenk."
„Ich weiß. Sie wollten, dass wir zusammenkommen, nicht wahr? Sie wussten, dass wir uns verlieben würden. Und Sie wollten, dass wir ein Kind miteinander zeugen. Wie haben Sie das eingefädelt?"
„Ich hatte eine willige Helferin", sagte Voldemort und grinste. „Jemand, der Zugang zu Ihnen hatte. Ich habe ihr aufgetragen, Ihre Tränke zu manipulieren."
„Die Heilerin!" Hermine erschrak. Plötzlich begriff sie. Deshalb war sie trotz ihrer Verhütungstränke schwanger geworden. Die Tränke, die die Heilerin ihr gegeben hatte, hatten von Anfang an keinerlei Wirkung gehabt.
„Euer Schicksal ist seit langer Zeit schon miteinander verflochten. Die Schlacht in der Mysteriumsabteilung, da seid ihr euch zum ersten Mal begegnet, dann bei der Schlacht von Hogwarts ein zweites mal. Schwarz und Weiß, Licht und Dunkel. Und schließlich wurdet ihr vereint."
„Und welche neue Macht soll zurückkehren? Hat das etwas mit meinem Kind zu tun?", wollte Hermine wissen. Eigentlich war das die einzige Frage, die sie im Moment interessierte. Sie würde bald Mutter sein, deshalb war das Einzige, was sie wollte, ihr Kind vor Schaden zu bewahren.
„Die Geburt eures Kindes markiert die Rückkehr der Zauberstablosen. Sie wissen doch bereits, welch große Kräfte es besitzt? Diese Kräfte werden schon bald mir gehören."
„Wie? Versteh das alles nicht."
„Bald schon werde ich diese Hülle verlassen und einen neuen Körper besetzen. Auf das ich Unsterblichkeit erlangen werde."
Voldemort legte eine Hand auf Hermines Bauch. Hermine verkrampfte. Auf einmal war alles so klar. Alle Puzzleteile fielen auf ihren Platz und sie verstand. Sie verstand, welche Rolle sie zu spielen hatte. Hermine schickte ein Stoßgebot zum Himmel, dass Rabastan sie schnell finden würde.
„Ich gebe zu, dass ich Fehler gemacht habe", sagte Voldemort. „Ich habe zu viel Zeit vergeudet, aber jetzt..."
Plötzlich wurde die Tür aufgestoßen und Selwyn kam hereingestürzt.
„My Lord!"
„Ich hatte doch angeordnet, dass ich nicht gestört werden will!", schimpfte Voldemort wütend und zog seinen Zauberstab.
„Es tut mir leid, My Lord", sagte Selwyn außer Atem. „Aber wir haben gerade erfahren, dass der Widerstand einen Angriff auf Askaban und das Ministerium gestartet hat."
„Was?!"
„Was sollen wir tun?", fragte Selwyn. „Wir sind nicht vorbereitet. Unsere Truppen warten auf Befehle."
Voldemort rang mit sich. Schließlich entschied er sich, mit Selwyn hinauszugehen. Er schwang seinen Zauberstaub und Ketten erschienen aus dem Nichts, die sich um Hermines Hand- und Fußgelenke legten, sodass sie an den Steintisch gefesselt war. Als er und der Todesser die Tür hinter sich geschlossen hatten, hörte Hermine ein Klicken im Schloss und einen schweren Riegel, der sich vor die Tür schob. Er hatte sie magisch eingeschlossen, damit sie nicht weglaufen konnte. Sie war sein kostbarster Schatz, den er nicht verlieren durfte.
Verzweifelt rüttelte Hermine an den Ketten, doch je mehr sie versuchte, sich irgendwie zu befreien, desto enger wurden die Ketten um ihre Gelenke und schnitten in ihre Haut ein. Ihr blieb nichts anderes übrig, als regungslos auf dem Tisch zu liegen und an die Decke des Büros zu starren. Ihre Augen füllten sich mit Tränen und sogleich weinte sie bitterlich. Ein schmerzhafter Kloß bildete sich in ihrem Hals und schließlich verwandelte sich ihr Schluchzen in Schreie. Sie schrie vor Zorn und vor Angst, bis sie keine Luft mehr hatte und erschöpft liegen blieb.
Blind vor lauter Tränen bemerkte sie nicht, dass Fawkes durch das Fenster hereinflog. Geräuschlos glitt er mit ausgebreiteten Flügeln durch die Luft und landete direkt neben Hermine auf dem Tisch. Erst als er sie mit dem Schnabel abstupste, hörte Hermine auf zu weinen.
„Hey Fawkes", sagte sie mit belegter Stimme. Ihr Gesicht war nass von all den Tränen. Fawkes sah sie eindringlich an. Sein Blick hatte etwas beruhigendes und Hermine hörte auf zu weinen.
„Du kannst mir auch nicht helfen", sagte Hermine traurig. „Ich wünschte, Rabastan wäre hier."
Fawkes legte den Kopf schief. Hermine konnte ihren Arm soweit heben, dass sie dem Phönix mit der Hand über den Rücken streicheln konnte. Sie schaffte es sogar zu lächeln, als der Vogel zufrieden gurrte.
Draußen auf dem Gang waren plötzlich hastige Schritte zu hören. Hermine und Fawkes wandten beide gleichzeitig ihren Kopf Richtung Tür. Kam Voldemort schon zurück? Panik ergriff Hermine. Sie schrak zusammen, als jemand mit heftigen Schlägen gegen die Tür donnerte. Ein Schrei entfuhr ihr, als die Tür krachend aus den Angeln gehoben wurde.
Zwei Männer in schwarzen Umhängen und erhobenen Zauberstäben betraten das Büro. Ihre Gesichter waren unter Kapuzen verborgen. Hermine wollte zurückweichen, doch alles, was sie tun konnte, war an den Rand des Tisches zu rutschen.
„Hermine!", sagte einer der Männer. Sie erkannte die Stimme sofort.
„Rabastan? Bist du das?!"
„Hermine!"
Rabastan war sofort an ihrer Seite und schloss sie in seine Arme. Hermine hatte kaum Zeit, ihn richtig anzusehen, da hatte er schon ihre Lippen mit einem Kuss versiegelt.
„Bin ich froh, dich zu sehen", sagte er erleichtert. „Ist dir auch nichts passiert? Geht es dir gut? Hat er dir was getan?"
„Nein, ich bin OK", sagte Hermine sofort, um ihren Verlobten zu beruhigen.
Rabastans Begleiter, den Hermine anhand seiner Stimme als Lucius Malfoy identifizierte, drängte sie zum Handeln: „Wir müssen uns beeilen. Wir haben nicht viel Zeit."
„Er hat Recht, Voldemort kann jeden Moment zurück sein!", mahnte Hermine und richtete sich auf. „Ich weiß nicht, wie man diese Ketten abbekommt."
Die beiden Männer richteten ihre Zauberstäbe auf die Ketten. Ein heller Lichtblitz tauchte den Raum für einen Moment in grünes Licht, dann brachen die Ketten splitternd entzwei.
„Kannst du laufen?", fragte Rabastan, als er Hermine half, von dem Altar aufzustehen.
„Ja. Verschwinden wir. Ich muss hier weg, Voldemort, er... Er will unser Baby haben! Er hat gesagt, dass er den Körper unseres Kindes haben will!"
„Ich weiß. Wir kennen die Wahrheit", erklärte Rabastan, während sie das Büro verließen und die Gänge entlang eilten.
„Wie?"
„Erklärungen folgen später, Ms. Granger", sagte Lucius Malfoy.
Im vierten Stock schlüpften sie hinter ein Gemälde und rannten den Geheimgang entlang, der sich dahinter befand. Sie kamen irgendwo im Untergeschoss an. Als sie das Gemälde mit der Obstschale passierten, wusste Hermine, dass sie in der Nähe der Küchen waren. Antonin Dolohow stieß zu ihnen.
„Hat alles geklappt?", fragte Rabastan ihn.
„Ja. Der Weg ist frei. Schnell!"
Dolohow drückte auf einen der Steine im Boden und ein runder, eiserner Griff erschien. Er zog daran und der Boden gab eine Treppe nach unten frei. Gerade noch rechtzeitig, bevor eine Gruppe Todesser um die Ecke in den Gang bog, waren sie alle nach unten gesprungen und hatten die steinerne Falltür hinter sich zugezogen.
Dolohow, der sich in dem Geheimgang offenbar gut auskannte, lief voraus. Hermine hatte nicht gewusst, dass es einen verstecken Gang gab, der so tief unter das Schloss führte, und sie konnte sich auch nicht erinnern, ihn jemals auf der Karte des Rumtreibers gesehen zu haben. Die Wände waren aus kaltem Stein und feucht. Wasser tropfte von der Decke. Stellenweise mussten sie ihren Kopf einziehen.
„Wir sind gleich draußen!", sagte Dolohow und tatsächlich. Sie erreichten ein Höhle voller Stalaktiten und Stalagmiten, in er sie aufrecht stehen konnten. Sie liefen durch knöcheltiefes Wasser und erreichten schließlich die Oberfläche.
Sie fanden sich am Rande des Verbotenen Waldes ganz in der Nähe des Sees wieder. Hermine war völlig außer Atem und sackte auf der Stelle zusammen. Die Aufregung des Abends war etwas zu viel für sie gewesen. Schützend legte sie ihre Hand auf ihren Bauch. Sie hoffte, ihr ungeborenes Kind hatte keinen Schaden genommen. Rabastan hob sie hoch. Müde und schwer atmend schmiegte sie sich an seine Brust.
„Ich wusste nicht, dass es so einen Geheimgang gibt", sagte Lucius Malfoy, nachdem er wieder Luft geholt hatte.
„Danke, Antonin", sagte Rabastan. „Ich weiß nicht, was wir ohne dich gemacht hätten."
„Dankt mir nicht zu früh, noch sind wir nicht in Sicherheit", sagte Dolohow ernst. „Wir müssen noch hinter die Appariergrenze."
Hermine übermannte die Müdigkeit und immer wieder fielen ihr die Augen zu. „Es ist alles gut, Hermine", raunte Rabastan ihr zu, während sie durch den Wald gingen. Sie nahm die Umgebung nur noch schemenhaft wahr. „Ich bringe dich in Sicherheit. Dir wird nie wieder jemand etwas antun."
Mit ihrer letzten verbliebenen Kraft lächelte sie ihn an. Sie war überglücklich, wieder mit ihm vereint zu sein und nie wieder wollte sie von ihm getrennt sein. Sie klammerte sich an ihn, weil sie ihn nie wieder loslassen wollte. Er war ihr Anker in ihrem Leben und der Engel, der sie beschützte.
Nur am Rande drang es noch zu ihr durch, wie sie apparierten. Irgendwo um sie herum sprachen Leute miteinander. Sie wurde auf einen weichen Untergrund gebettet. Bevor sie in einen langen und tiefen Schlaf sank, sah sie noch Rabastans Gesicht vor sich. Er versicherte ihr, dass alles gut werden würde, und sie glaubte ihm.
Hermine hatte erwartet, im Anwesen der Lestranges in ihrem Bett aufzuwachen, wo Rabastan sie in seinen Armen halten und Tipsi mit einem Frühstück auf sie warten würde. Doch stattdessen fand sie sich im Fuchsbau wieder.
