Hermine erwachte mit der Hoffnung, in Rabastans Armen liegen zu können, doch leider wurde sie enttäuscht. Rabastan war nirgends zu sehen und sie war allein in ihrem Bett. Sie erkannte den Raum, in dem sie geschlafen hatte, sofort. Es war eines der Schlafzimmer im Fuchsbau, wo sie und Harry in der Vergangenheit oft übernachtet hatten, wenn sie bei den Weasleys zu Besuch waren. Die Tür war nur angelehnt und gedämpfte Stimmen drangen von unten zu ihr hinauf. Einmal dachte sie auch, ihren Namen gehört zu haben. Sie dachte eigentlich, in ihrem Zuhause aufzuwachen und fragte sich, was sie wohl im Fuchsbau machte und warum Rabastan sie hierher gebracht hatte. Die Weasleys waren nicht nur im Orden des Phönix', sie waren auch bekannte Mitglieder des Widerstandes. Was hatte Rabastan mit dem Widerstand zu tun?
Langsam richtete sie sich auf und schlug die Decke zurück. Sie trug noch die Kleidung vom gestrigen Tag, doch Rabastan hatte ihr zumindest ihren Pullover ausgezogen und ihre Haare mit einem Haarband zusammengebunden. Gerade als sie ihre Füße auf den Boden stellte, um aufzustehen, ging die Tür ein Stück weiter auf und eine schwarze Katze drängte sich durch den Spalt.
„Hallo Miezi, wer bist du denn?", sagte Hermine verwundert, die sich nicht erinnern konnte, dass die Weasleys eine schwarze Katze hatten.
Die Katze sprang aufs Bett und schmiegte sich an Hermine, die ihr daraufhin lachend über den Rücken streichelte. Die Katze schnurrte leise, bis sie Hermine ihre Pfote mit sanftem Druck auf den Oberschenkel legte. Irgendetwas im Blick und in den Augen der Katze rührte an etwas in Hermines Gedächtnis. Dann fiel es ihr wie Schuppen von den Augen.
„Melinda! Bist du das?"
Die Katze nickte mit dem Kopf.
„Melinda, was geht hier vor?", fragte Hermine. „Wo ist Rabastan?"
Melinda sprang vom Bett und lief durch das Zimmer. Sie wandte sich nur kurz um und miaute, dann schlüpfte sie durch die offene Tür. Hermine folgte ihr so schnell es ging. Sie war immer noch sehr erschöpft von den Anstrengungen des gestrigen Tages, obwohl sie sehr lange geschlafen hatte. Dazu fühlte sie sich, als hätte sie ein schwarzes Loch in ihrem Bauch. Ein lautes Grollen in ihrem Magen erinnerte sie daran, wie lange sie nichts gegessen hatte.
Auf wackligen Beinen ging sie die Treppe nach unten und folgte den Stimmen in die Küche. Als sie den Raum betrat, verstummte das Gespräch und alle Köpfe wandten sich in ihre Richtung. Es war ein seltsamer Anblick, der sich Hermine bot und sie musste sich das Lachen verkneifen. Zu schade, dass niemand die außergewöhnliche Zusammenkunft auf einem Foto verewigte. Die Weasleys mit Fleur Delacour, Kingsley Shacklebolt und etlichen anderen Widerstandskämpfer saßen zusammen mit Rabastan und Rodolphus an einem Tisch. Dazwischen waren Lucius Malfoy, sein Sohn Draco, Amycus Carrow mit Vanessa und Andromeda Tonks. Nur Antonin Dolohow, die sie sich aus dem Schloss geführt hatte, fehlte.
„Hermine."
Kaum hatte sie den unteren Treppenabsatz erreicht, waren Rabastan und Rodolphus schon an ihrer Seite. Die beiden Männer umarmten sie.
„Ich bin so froh, dass wir dich wiederhaben", sagte Rabastan.
Hermine erwiderte die Geste. Sie ließ sich erleichtert in Rabastans Arme fallen. „Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie froh ich bin, wieder bei euch zu sein", sagte sie und lächelte.
Rabastan führte sie zum Tisch und bot ihr einen Platz an. Rodolphus hob Melinda hoch und nahm sie auf seinen Schoß, als er sich setzte.
„Tut mir leid, aber ich könnte etwas zu Essen vertragen", meinte Hermine. „Wie lange habe ich denn geschlafen?"
„Ungefähr zwölf Stunden", erklärte Rabastan. „Du hast geschlafen, seit wir dich hierher gebracht haben. Es ist schon Mittag."
Fleur und Ginny reichten Hermine einen Teller mit Eintopf und eine Schreibe Brot. Gierig machte sich Hermine über das Essen her.
„Ich habe mir solche Sorgen gemacht", sagte Rabastan. „Du bist einfach aus unserem Garten verschwunden und wir wussten nicht, was passiert ist. Tut mir leid, wenn ich dich dränge, iss erst in Ruhe fertig. Es sind gestern nur so viele Dinge passiert und wir..." Er deutete auf die Widerstandskämpfer.
„Schon in Ordnung", sagte Hermine. „Es gibt eine Menge zu erzählen, das stimmt."
„Vielleicht fangen wir mit der naheliegenden Frage an, wer dich aus unserem Garten entführt hat. Wir haben uns den Kopf darüber zerbrochen und schließlich sind wir sogar auf Melindas Drängen hin zum Widerstand gegangen, weil wir schon dachten, Amycus oder Lucius hätten dich zurückgeholt. Nur jemand mit einem Dunklen Mal kann unser Grundstück betreten."
„Die Frage kann ich euch sofort beantworten", sagte Hermine. „Fenrir Greyback hat mich entführt."
Alle sahen sich entsetzt an. „Greyback?!" Rabastan war sofort alarmiert. „Seit wann trägt der denn das Dunkle Mal?!"
„Wohl seit Kurzem", erklärte Hermine, nachdem sie ihren Bissen Brot hinuntergeschluckt hatte. „Er hat es mir ganz stolz gezeigt. Deshalb konnte er auf das Gelände und ich denke, dass der Dunkle Lord deshalb ihn geschickt hat, weil niemand ihn verdächtigt hätte. Er scheint in der Gunst des Dunklen Lords ein ganzes Stück nach oben gerutscht zu sein. Aber das ist gerade vollkommen nebensächlich. Was zum Teufel ist gestern eigentlich passiert? Wie habt ihr mich gefunden und wie kommt es, dass wir hier alle versammelt sind?" Sie spielte auf die Tatsache an, dass der Widerstand und die Todesser offenbar gemeinsame Sache machten.
„Das ist eine sehr lange Geschichte, Hermine", sagte Arthur Weasley.
„Ich würde sie gerne hören!", forderte Hermine. Angesichts dieser völlig neuen Umstände hatte sie wohl ein Recht darauf zu erfahren, was seit ihrem Verschwinden passiert war.
„Wir erklären dir alles, aber sag Hermine, was ist in Hogwarts passiert?", fragte Rabastan.
„Sie haben mich in die Kerker gesperrt. Madame Pomfrey und Professor McGonagall haben mich mal kurz besucht und Voldemort auch. Rabastan, er hat es auf unser Kind abgesehen! Du ahnst ja gar nicht, was er mit mir vorhatte."
„Wir glauben, dass wir es wissen", erklärte Rabastan. „Deshalb haben wir bei deiner Rettung zusammengearbeitet. Aber sag, was wollte er im Büro des Schulleiters mit dir machen? Du warst mit Ketten an diesen komischen Tisch gefesselt."
„Als der Tumult losging, hat er mich gefesselt, damit ich nicht fliehen kann. Ich saß, wie gesagt, erst in den Kerkern fest, dann hat Greyback mich nach oben gebracht. Er und Selwyn sollten vor der Tür Wache halten. Im Büro stand dieser Steintisch, eine Art Altar. Ich glaube, da waren irgendwelche Symbole, vielleicht ägyptische Hieroglyphen drauf. Ich musste mich drauflegen und dann war ich mit Voldemort allein. Er hat mir gesagt, was er mit mir vorhat. Er will in den Körper meines Kindes, weil es besondere Kräfte hat, die er haben möchte."
„Das wissen wir. Wir haben es durch unsere Recherchen herausbekommen, aber dazu später mehr. Hat er noch etwas gesagt?"
„Er hat mir von einer Prophezeiung erzählt, die über uns beide gemacht wurde, Rabastan", sagte Hermine. „Er sagte, dass, wenn sich Licht und Dunkel vereinen, der reinste und den Reinen und das Mädchen mit unreinem Blut, dass dann die Frucht dieser Verbindung, unser Kind, die Rückkehr der Zauberstablosen ankündigen würde und dass unser Kind selbst zauberstablose Kräfte haben würde. Dass wir zusammengekommen sind, Rabastan, war kein Zufall. Die Prophezeiung hat es vorhergesagt. Deshalb kam ich zu dir. Voldemort wollte von Anfang an, dass wir uns in einander verlieben. Er hat das alles arrangiert und genauestens geplant. Die Heilerin hat meine Verhütungstränke manipuliert, damit du... nun ja, mich möglichst bald schwängerst."
„Also hatten wir mit allem Recht", sagte Rodolphus und schüttelte den Kopf. „Wir haben uns deine Verhütungstränke angesehen. Sie waren so gemacht, dass sie keine Wirkung hatten. Der Dunkle Lord ist wahnsinnig geworden!"
„Antonin holt gerade die Heilerin her, damit sie uns erklärt, warum sie das getan hat."
„Voldemort hat auch gesagt, dass dieses Jahr ein besonderes Mondphänomen auftritt, ein blauer Mond. Das muss wohl in der Prophezeiung auch genannt worden sein. Dieses Jahr muss es diesen blauen Mond sogar mehrmals geben."
„Das stand sogar im Tagespropheten!", meinte Vanessa. „Das ist ein sehr seltenes Phänomen!"
„Was hat ihn so sicher gemacht, dass ihr beide gemeint seit?", fragte Lucius Malfoy und deutete auf Rabastan und Hermine.
„Ich bin ein Schlammblut, also das Mädchen mit unreinem Blut. Und Rabastan ist..."
„Der reinste unter den Reinen", sagte Rodolphus langsam. „Die Lestranges haben königliche Vorfahren, das unterscheidet sie von allen anderen Reinblutfamilien. Deshalb sind wir unter den Reinen die Reinsten."
„Die Prophezeiung hat auch klar gesagt, dass der Vater des Kindes ein Ritter der Nacht ist. Voldemort sagte, dass die ersten Todesser sich die Ritter..."
„...der Walpurgis nannten", beendete Arthur ihren Satz.
„Außerdem spricht die Prophezeiung von einer Verbindung zwischen Licht und Dunkel, von zwei Menschen, die sich im Krieg auf den gegnerischen Seiten gegenüberstanden. Das trifft alles auf mich und Rabastan zu. Das Einzige, das ich nicht verstehe, ist, was es mit der Rückkehr der Zauberstablosen auf sich hat. Ich weiß, was die Zauberstablosen sind, ich habe über sie in unserer Bibliothek gelesen, aber ich verstehe nicht, wie das mit der Zeugung und der Geburt unseres Kindes zusammenhängen soll."
„Die Antwort darauf verdanken wir Rodolphus", sagte Vanessa. „Er hat die Zusammenhänge als Erster gesehen."
„Ich habe an den Wandteppich auf dem Dachboden zurückgedacht. Erinnerst du dich, wie wir gerätselt haben, warum es zwei Teppiche gibt und auf dem einen die junge Frau namens Alexandrina Lestrange nicht drauf war?", fragte Rodolphus Hermine.
„Ja, ich erinnere mich."
„Ich bin der Sache mal nachgegangen. Ich habe über Alexandrina Lestrange nachgeforscht. Ich bin nach oben in Vaters altes Arbeitszimmer und habe den ganzen Raum auf den Kopf gestellt, bis ich fand, was ich gesucht hatte. Alle Dokumente waren da, weil Vater sie vor seinem Tod aus dem Ministerium angefordert hatte."
„Und was hast du dann herausgefunden?"
„Alexandrina Lestrange sollte aus unserer Familiengeschichte getilgt werden, weil sie eine zauberstablose Hexe war", erklärte Rodolphus. „Sie hatte dieselben Kräfte wie euer Kind. Über fast drei Jahrhunderte wurden die Kräfte in unserer Familie weitergegeben, bis eines Tages der richtige Zeitpunkt gekommen ist."
„Das heißt, mein Kind ist nach so langer Zeit ein zauberstabloser Zauberer oder eine zauberstablose Hexe?", fragte Hermine.
„Ja. So erfüllt sich die Prophezeiung."
„Und was genau hatte Voldemort denn vor? Er will die Kräfte des Kindes haben, aber wie will er das anstellen? Ich hatte alle möglichen Vermutungen und schrecklichen Gedanken dazu, aber..."
„Er wollte ein sehr altes Ritual aus dem alten Ägypten mit dir durchführen", erklärte Rabastan. „Antonin und Macnair haben ihm dafür schon vor Monaten magische Artefakte aus Ägypten beschafft. Sein Plan war es, sein eigenes Bewusstsein auf den Körper unseres ungeborenen Kindes zu übertragen."
Hermine schlug sich erschrocken die Hand vor den Mund. „Was?! Aber das bedeutet ja, dass..."
„Wenn er Erfolg gehabt hätte, dann wäre er in einem neuen Körper wiedergeboren worden und wir hätten ihn als unser Kind großgezogen."
„Das ist doch abartig und krank!", sagte Hermine angewidert. „Aber er wäre doch dann einfach verschwunden. Er hat doch gar keinen Nachfolger. Wie hat er sich das vorgestellt?"
„Vielleicht hat er irgendeinem von uns Befugnisse übertragen", mutmaßte Rodolphus. „Ich weiß nicht. Der Dunkle Lord ist unberechenbar geworden. Seine Absichten erschließen sich keinem mehr von uns."
„Welchen Eindruck hat Voldemort auf dich gemacht, Hermine?", fragte Arthur Weasley. „Rabastan und die anderen meinten, dass er zumindest physisch stirbt. Eine andere Erklärung gibt es eigentlich auch nicht für seinen Plan."
„Er sieht nicht sonderlich gut aus", sagte Hermine, die sich die Szene im Büro in Erinnerung rief. „Er sieht so aus, als würde er jeden Moment zu Staub zerfallen. Seine Haut ist fahl-grau und er riecht wie vermoderndes Holz. Er sieht körperlich schwach und gebrechlich aus. Geistig ist er es nicht, im Gegenteil. Er wird immer geisteskranker und wahnsinniger."
„Wie kann das sein? Warum stirbt er plötzlich?", fragte Bill.
„Wir wissen es auch nicht", sagte Rabastan. „Der Dunkle Lord hat sich sehr verändert. Angesichts seiner Pläne wundert es auch nicht, warum er auch mit uns, seinen Todessern, nicht gesprochen hat."
Alle im Raum mussten sich diese Frage stellen, die Bill laut ausgesprochen hatte, schoss es Hermine durch den Kopf, als sie alle Anwesenden nacheinander ansah und versuchte, ihren Gesichtsausdruck zu deuten. Weder die Widerstandskämpfer noch die Todesser hatten eine Erklärung für die Vorkommnisse. Die Einzige, die Licht ins Dunkel bringen konnte, war Hermine. Sie spürte, dass es an der Zeit war, endlich die Wahrheit zu sagen. Sie schuldete es nicht nur Rabastan, dem sie immer etwas vorgemacht hatte und den sie nicht nur einmal vertröstet hatte, sondern auch allen anderen, denen Dumbledore nie reinen Wein eingeschenkt hatte. Unehrlichkeit und das Verschweigen von Geheimnissen und wichtigen Informationen waren kein guter und erstrebenswerter Weg.
Hermine holte tief Luft und erhob sich. „Wir müssen da mal über eine ernste Sache reden", sagte sie. Sie sah zuerst zu den Widerstandskämpfern und dann zu Rabastan und Rodolphus. „Wir alle müssen reden, denn diese Dinge betreffen uns alle. Es ist Zeit, dass ihr gewisse Dinge erfahrt."
Und so begann Hermine zu erzählen.
„Dumbledore suchte nach einem Weg, wie man Voldemort vernichten könnte. Er wurde tatsächlich auch fündig. In unserem sechsten Schuljahr weihte er Harry in seine Entdeckung ein."
„Welche Entdeckung hat Dumbledore gemacht?", fragte Kingsley.
„Er fand heraus, dass Voldemort Horkruxe geschaffen hatte, sechs an der Zahl."
„Was sind Horkruxe?", fragte Ginny.
„Ich habe schon mal davon gehört", sagte Rodolphus nachdenklich. „Sind das nicht Gegenstände mit schwarz-magischen Kräften?"
„Nicht ganz, sie sind mehr als das", erklärte Hermine. „Ein Horkrux ist ein Gegenstand, auf den man einen Teil seiner Seele übertragen hat. Voldemort hatte schon immer Angst vor dem Tod, deshalb begann er schon in seiner Jugend nach Mitteln und Wegen zu suchen, wie er seinen Tod verhindern könnte. Er schuf deshalb Horkruxe. Das ist der Grund, warum er zwar fast vollständig vernichtet wurde, als der Fluch von Harry auf ihn zurückprallte, aber dennoch überlebte. Die Seelenstücke in seinen Horkruxen hielten ihn am Leben."
Hermine hatte die Bombe platzen lassen. Ihre Offenbarung überraschte alle, aber mehr die Todesser als die Widerstandskämpfer.
„Deshalb hat er also überlebt", murmelte Lucius Malfoy mehr zu sich selbst.
„Er war damals nicht verschwunden. Nur sein Körper war zerstört", sagte Rodolphus.
„Du sagst, er hatte sechs dieser Horkruxe?"
„Ja."
„Wie spaltet man denn seine Seele?"
„Indem man mordet", sagte Hermine. „Er schuf Horkruxe, weil er Menschen ermordete. Sein eigener Vater und eine alte Frau namens Hebzibah Smith waren dabei."
„Hepzibah Smith? Großvater kannte sie doch?", fragte Draco an seinen Vater gewandt. „Hat sie nicht magische Gegenstände gesammelt?"
„Das hat sie. Was waren das für Gegenstände, die der Dunkle Lord als Horkruxe verwendet hat?", fragte Lucius.
„Der erste gehörte seiner Mutter, es war das Medaillon von Slytherin." Rabastan Gesicht hellte sich auf und Hermine wusste, dass er bereits ein paar Zusammenhänge begriffen hatte. „Der zweite war ein Ring, der seinem Großvater gehörte. Er selbst stammt nämlich von den Gaunts ab. Der dritte war das verschollene Diadem von Ravenclaw."
„Er hat das Diadem von Ravenclaw gefunden?!" Alle starrten Hermine entgeistert an.
„Ja. Der vierte war der Kelch von Hufflepuff, den er Hepzibah Smith gestohlen hat. Den hat er der Familie Lestrange anvertraut."
Rabastan und Rodolphus blickten Hermine völlig geschockt an. „Deshalb seid ihr in unser Verlies eingebrochen! Ihr hattet es auf diesen Kelch abgesehen!"
„Ja, genauso war es. Der fünfte war sein eigenes Tagebuch, das er den Malfoys anvertraute. Es gelangte ja dann aber in Ginnys Hände."
Lucius Malfoy wirkte plötzlich betroffen. „Ich... Ich hatte keine Ahnung. Ich wusste nicht, dass das Tagebuch einen Teil der Seele des Dunklen Lords enthielt. Es war unheimlich. Wenn man es aufschlug, dann hatte man das Gefühl, beobachtet zu werden und Stimmen zu hören."
„Das erklärt, was das Ding mit mir gemacht hat", sagte Ginny und verzog angewidert das Gesicht.
„Das ist sehr typisch für einen Horkrux. Wenn man ihn bei sich trägt, dann verändert er einen. Er bringt das Schlimmste in einem an die Oberfläche. Groll, Bitterkeit, Feindseligkeit. Der sechste war die Schlange, Nagini", sagte Hermine.
„Kein Wunder, dass dieses Vieh nie von seiner Seite wich", meinte Rabastan. „Ich wusste zwar, dass der Dunkle Lord Parsel beherrscht, aber ich verstand nie, wie er die Schlange so gefügig bekommen hat und sie so gut unter Kontrolle halten konnte. Sie war fast menschlich."
„Ein Teil von ihm steckte in ihr", erklärte Hermine. „Ich habe damals ein bisschen über Horkruxe gelesen und in allen Büchern ist dringend davon abgeraten worden, Lebewesen als Gefäß zu benutzen. Dass Voldemort sich darüber hinweggesetzt hat, zeigt nur, wie verrückt er wirklich war."
„Wenn ich das richtig sehe, dann seid ihr nur deswegen ins Ministerium und in Gringotts eingebrochen, weil ihr hinter den Horkruxen her wart", schlussfolgerte Arthur.
„Ja. Dumbledore gab Harry, Ron und mir den Auftrag, alle restlichen Horkruxe aufzuspüren und zu zerstören. Das ist der einzige Weg, wie man Voldemort wieder sterblich machen und töten kann."
„Moment mal, alle restlichen Horkruxe?", hakte Rabastan sofort nach. „Das heißt, es waren schon welche zerstört?"
Hermine nickte. „Harry hat in unserem zweiten Jahr das Tagebuch zerstört und Dumbledore ein paar Jahre später dann den Ring."
„Wie wurde das Tagebuch zerstört? Es ging um die Kammer des Schreckens, nicht wahr?", fragte Lucius.
„In der Kammer des Schreckens lebte ein Basilisk", erklärte Hermine. „Harry tötete ihn mit dem Schwert von Gryffindor, was er aus dem Sprechenden Hut zog. Das Tagebuch erstach er mit einem Basiliskenzahn. Basiliskengift ist nämlich eines der wenigen magischen Mittel, die mächtig genug sind, einen Horkrux zu zerstören. Ein anderes Mittel ist das Dämonsfeuer. Das Diadem wurde durch das Dämonsfeuer im Raum der Wünsche zerstört."
„Ich verstehe." Plötzlich hellte sich Rodolphus' Miene auf. „Deshalb hattet ihr das Schwert von Gryffindor!"
„Was sollte das Schwert bringen?", fragte Shacklebolt.
„Ganz einfach", sagte Rabastan. „Das Schwert von Gryffindor ist koboldgearbeitet, wenn ich mich nicht irre. Koboldgearbeitete Materialien nehmen alles auf, was sie stärkt. Das Schwert hat Basiliskengift in sich aufgenommen. Aus diesem Grund habt ihr es für eure Tour gebraucht."
„Dumbledore hat damit den Ring zerstört und nach seinem Tod wollte er es uns in seinem Testament vermachen. Das Ministerium hat sich allerdings gesperrt und das Schwert musste in Hogwarts bleiben. Wir erhielten es trotzdem ein paar Monate später. Jemand mit einer Hirschkuh als Patronus hat es uns geschickt. Wir glauben, dass es Snape war. Er war es auch, der die Fälschung in euer Verlies geschickt hat."
„Snape!" Nicht nur die Todesser, auch die Widerstandskämpfer starrten Hermine entsetzt an.
„Dann war Snape also tatsächlich ein Verräter?", fragte Lucius.
„Welche Ironie. Das dachten wir auch", meinte Arthur.
„Das Schwert in unserem Verlies, Rodolphus, das war eine Fälschung. Der Kobold hat gelogen. Das Schwert, das ihr mit zu den Malfoys gebracht habt, war das Original."
Hermine nickte. „Wir konnten nicht riskieren, es zu verlieren. Wir haben Griphook eindringlich ermahnt, Bellatrix anzulügen. Glücklicherweise ließ er sich überreden." Nach einer kurzen Pause fuhr sie mit ihrer Erzählung fort.
„Vor seinem Tod gab Snape Harry ein Fläschchen Erinnerungen von sich. Harry muss sie sich angesehen haben, aber er hat mit uns nicht über ihren Inhalt gesprochen, bevor er in den Verbotenen Wald ging. Ich weiß deshalb nichts Genaues."
„Dann müssen wir wohl vorerst die Geschichte mit Snape so stehen lassen, fürchte ich. Er war ja schon immer eine zwielichtige Gestalt", meinte Rabastan. „Erzähl weiter, Hermine. Habt ihr denn alle Horkruxe gefunden und zerstört?"
„Das haben wir. Glaubt mir, es war nicht einfach. Das Diadem von Ravenclaw war im Raum der Wünsche in Hogwarts versteckt. Das war überhaupt der Grund, warum wir ins Schloss wollten."
„Ihr seid da ein sehr hohes Risiko eingegangen. Deshalb entstand also spontan die Schlacht dort. Der Dunkle Lord rief uns nämlich alle dorthin, weil jemand ihn gerufen hatte", sagte Rodolphus.
„Man hätte uns ja beinahe in Hogsmeade schon erwischt", fügte Hermine hinzu. „Aberforth hat uns geholfen. Als wir im Schloss waren, haben wir uns getrennt. Ron und ich haben den Kelch zerstört, während Harry das Diadem gesucht hat. Ich vermute, dass einer der im Schoss postierten Todesser Voldemort gerufen hat."
„Es war Alecto. Sie hat Potter im Ravenclaw-Gemeinschaftsraum erwischt", erklärte Amycus. „Ich stieß dazu, aber er konnte entkommen. McGonagall half ihm."
„Dieser Junge, der Enkel von Augusta Longbottom, der hat die Schlange getötet, oder?"
„Ja. Es war Neville. Er nahm das Schwert von Gryffindor und schlug der Schlange den Kopf ab."
„Dann gibt es heute keine dieser Horkruxe mehr, habe ich das richtig verstanden?", fragte Kingsley.
„Genau so ist es", sagte Hermine. „Dumbledore meinte, dass es nur einen Weg gibt, Voldemort wieder sterblich zu machen, nämlich über die Zerstörung der Horkruxe. Das haben wir geschafft. Er ist nicht unbesiegbar."
Rabastan nickte. „Ich verstehe langsam. Der Dunkle Lord hat seine Seele in sehr viele Teile aufgespalten. Alle diese Teile wurden zerstört, deshalb wurde er im Laufe der Zeit so instabil. Das erklärt einiges."
„Sein Körper zerfällt immer mehr. Und er verfällt immer mehr dem Wahnsinn. Das muss eine Folge der Horkruxe sein, die jetzt zerstört sind. Aus diesem Grund will er möglichst schnell einen anderen Körper haben und hat sich euer Kind als Ziel ausgesucht", sagte Rodolphus besorgt. „Dann wird er nicht eher ruhen, bis er das Ziel erreicht hat."
„Es gibt noch etwas, was ich zu den Horkruxen sagen muss", fuhr Hermine fort. „Ihr erinnert euch doch, dass Harry, Ron und ich am Grimmauldplatz im alten Haus der Blacks waren? Wir haben uns dort versteckt."
Alle nickten. Rabastan grinste. „Wir haben ja auch nicht wenige Leute vor dem Haus platziert und auf euch gewartet."
„In unserem sechsten Schuljahr suchten Dumbledore und Harry eine Höhle am Meer auf, wo ein Horkrux versteckt war. Das Medaillon von Slytherin. Sie wollten es an sich nehmen und zerstören, dummerweise war ihnen jemand zuvorgekommen. Es war nur noch eine Replik, eine Fälschung dort versteckt."
„Das heißt, jemand anderes wusste auch von den Horkruxen?"
„Es schien so, ja. Er hinterließ einen Zettel mit seinen Initialen. R.A.B."
„R.A.B.? Wer soll das sein?"
„Als wir in unserem fünften Jahr das Haus ausgeräumt und sauber gemacht haben, da fanden wir ein Medaillon", erklärte Hermine. „Keiner konnte es öffnen und wir haben es weggeworfen. Es war der Horkrux, wie wir später festgestellt haben. Glücklicherweise hat der Hauself Kreacher das Medaillon vor dem Müll gerettet."
„Der Horkrux war die ganze Zeit am Grimmauldplatz?", fragte Andromeda. „Aber was hat er denn mit dem Haus meines Onkels zu tun, das ist..." Plötzlich weiteten sich Andromedas Augen. Sie hatte begriffen. Erschrocken schlug sie sich eine Hand vor den Mund. „Nein! Sag mir, dass das nicht sein kann! Das hat er nicht!"
„Andromeda, was ist denn?", fragte Rabastan beunruhigt.
„Rabastan, überleg doch mal! Wer mit den Initialen R.A.B., der mit dem Grimmauldplatz in Verbindung steht, fällt dir denn ein?!"
Auch auf Rabastans Gesicht trat ein Ausdruck der Erkenntnis. „Natürlich! Regulus. Er war es, nicht wahr?"
„Ja", sagte Hermine und nickte. „Kreacher hat uns die Geschichte erzählt. Er wusste es all die Jahre und musste mit dem Schmerz darüber leben."
„Der Hauself wusste die ganze Zeit, was mit meinem Cousin passiert ist?" Andromeda schien fast den Tränen nahe. Lucius nahm sie in den Arm. „Regulus... Er war so ein stiller Junge. Vor seinem Verschwinden hat er kaum noch ein Wort mit irgendjemandem gesprochen. Die ganze Zeit saß er nur im seinem Zimmer oder hat in unseren Bibliotheken nach etwas gesucht."
„Als Voldemort dieses Versteck für den Horkrux geschaffen hat, da hat er Regulus befohlen, ihm einen Hauselfen als Versuchskaninchen zu schicken. Kreacher erzählte Regulus, was ihm passiert ist. Irgendwie muss Regulus erfahren haben, dass Voldemort Horkruxe geschaffen hatte. Er hat sich laut Kreachers Aussage dazu entschlossen, das Medaillon zu holen und zu zerstören. Er ging deshalb mit Kreacher in die Höhle. Dort waren Inferi. Als sie das Medaillon hatten, befahl Regulus Kreacher es mit zurück nach Hause zu nehmen und zu zerstören. Er selbst ging ins Wasser zu den Inferi."
Jedes einzelne Wort kostete Hermine Kraft. Andromeda weinte jetzt.
„Was muss wohl in ihm vorgegangen sein?", fragte sie unter Tränen.
„Er wollte kein Todesser mehr sein, aber vermutlich hat er keinen anderen Ausweg mehr gesehen als seinen Tod. Wir glauben nämlich, dass er den Horkrux nicht zerstören wollte, sondern dass das nur ein Vorwand war. Kreacher hat das all die Jahre für sich behalten, weil Regulus ihm befohlen hat, es niemandem zu sagen. Er wollte seine Familie schützen. Er wurde nur für sie ein Todesser und wollte sie nicht enttäuschen oder in Gefahr bringen."
„Deshalb war er vor seinem Verschwinden so seltsam", sagte Lucius, während er Andromeda tröstend über den Rücken strich. „Man mag sich gar nicht vorstellen, mit was er sich gequält haben muss, wenn er so einen Tod gewählt hat."
„Sirius hatte all die Jahre nur Verachtung für seinen Bruder und für Kreacher übrig", sagte Arthur. „Ich gebe zu, ich kann es ihm nicht verdenken, aber... Wir hätten besser hinsehen müssen. Sein Hass für seine Familie hat ihn geblendet."
„Die ganze Zeit über wusste Kreacher Bescheid und niemand kam auf die Idee ihn zu fragen", sagte Andromeda traurig. Sie schluchzte. „Ich kann mich erinnern, dass Regulus Kreacher immer gern mochte. Niemand hat das verstanden. Jeder hat gesagt, dass Kreacher nur ein schmutziger Hauself war."
„Der Hauself hat ihm bei seinen Sorgen und Ängsten zugehört, was sonst keiner tun wollte."
„Wenn ich das Ganze jetzt mal zusammenfassen darf", sagte Rodolphus. „Dumbledore schickt euch drei, drei Kinder wohlgemerkt, allein auf diese gefährliche Mission? Der alte Mann war wohl senil!"
„Das war leider nicht das Einzige, Rodolphus", erwiderte Hermine. „Die Geschichte ist noch nicht zu Ende."
„Noch mehr Offenbarungen über Dumbledore?", fragte Arthur.
„Leider ja. Wer von euch hat das Buch von Rita Kimmkorn gelesen? Keiner von euch?" Sie blickte in eine schweigende Runde, die sie musterte, als sei sie verrückt geworden.
„Ein Haufen Mist einer Klatschtante, die sich wichtig machen will. Erinnere dich nur daran, was sie damals über dich geschrieben hat, Hermine", sagte Ginny entschieden.
„Ich habe keinen Moment auch nur den Hauch einer Motivation verspürt, ihr Machwerk zu lesen", sagte Arthur.
„Hermine, du weißt, dass keiner von uns Rita schätzt. Und das ist wirklich diplomatisch ausgedrückt", meinte Rabastan. „Deshalb kann ich mich Arthur nur anschließen."
„Diesmal habt ihr Rita falsch eingeschätzt", entgegnete Hermine. „Sie hat keine Lügen geschrieben. Ausnahmsweise nicht. Mögen auch ihre eigenen, wilden Spekulationen und Ausschmückungen vielleicht übertrieben gewesen sein, sie hat aber definitiv keine Lügen geschrieben. Harry und ich haben Nachforschungen angestellt. Ich habe das Buch gelesen."
„Das musst du uns jetzt erklären, Hermine", sagte Ginny.
„Dumbledore hat Harry, Ron und mich in seinem Testament bedacht", erklärte Hermine. „Er hinterließ Harry einen Schnatz und mir eine alte Ausgabe von Beedle dem Barden in Runenschrift."
Rabastan zog eine Augenbraue nach oben. „Wie sollte euch denn das bei eurer Horkrux-Jagd weiterhelfen?"
„Das haben wir uns auch gefragt, tatsächlich hatten diese Sachen aber mit den Horkruxen gar nichts zu tun. Dumbledore wollte uns auf die Spur der Heiligtümer des Todes bringen."
Erneut trat Schweigen ein und alle sahen Hermine völlig entgeistert an. Hermine nahm sich ein Stück Pergament und eine Feder und zeichnete das Symbol der Heiligtümer des Todes, das Dreieck, das den vertikalen Strich und den Kreis umgab. Dann schob sie es den anderen hin.
„Das ist Grindelwalds Symbol!", rief Rabastan sofort.
„Das haben wir auch gedacht", sagte Hermine. „Dumbledore hatte das Symbol in das Märchenbuch gezeichnet, damit ich darauf aufmerksam werde und wir dieser Geschichte nachgehen. Xenophilius Lovegood trug das Zeichen auf eurer Hochzeit an einer Halskette", erklärte sie in Richtung von Bill und Fleur. „Viktor Krum, der auch einer der Gäste war, war völlig außer sich, als er es sah. Er dachte auch, dass es das Zeichen von Grindelwald sei."
„Und welches Zeichen soll es sonst sein?", fragte Arthur. „Grindelwald hat es selbst in Durmstrang hinterlassen."
„Es ist das Zeichen der Heiligtümer des Todes."
„Nie gehört, was soll das sein, Hermine?"
„Ihr habt alle davon gehört. Es ist das Märchen der Drei Brüder", erklärte Hermine. „Der Zauberstab, der Stein der Auferstehung und der Umhang des Todes, der einen unsichtbar macht. Das sind die Heiligtümer."
„Das ist doch nur ein Märchen, Hermine", warf Rodolphus ein. „Was soll das mit Dumbledore zu tun haben?"
„Es ist kein Märchen, Rodolphus. Und damit komme ich jetzt wieder zu Ritas Buch zurück. Sie hatte eine sehr zuverlässige Quelle dafür, auch wenn es sehr unethisch war, was sie getan hat."
„Ich habe damals den Auszug aus dem Buch im Tagespropheten gelesen. Ich hatte auch den Eindruck, dass sie jemanden befragt hat, der Dumbledore sehr, sehr gut kannte", sagte Lucius.
„Es war Bathilda Bagshot, die genauso wie die Dumbledores in Godric's Hollow gelebt hat", sagte Hermine. „Und die Großtante von Gellert Grindelwald war."
Alle wechselten erstaunte Blicke miteinander.
„Davon wusste ich gar nichts", sagte Rabastan. Lucius nickte. „Meine Familie ist seit Generationen mit Bathilda Bagshot bekannt. Sie hat nie auch nur ein einziges Mal die Grindelwalds erwähnt."
„Mit Sicherheit wollte sie nicht, dass man sie mit Grindelwalds Taten in Verbindung bringt", mutmaßte Hermine. „Wie dem auch sei, Grindelwald besuchte seine Tante in Godric's Hollow und dabei lernten er und Dumbledore sich kennen. Die beiden freundeten sich miteinander an." Die nächsten Worte kosteten Hermine sehr viel Überwindung. „Dumbledore und Grindelwald tüftelten einen scheußlichen Plan aus. Sie wollten die Herrschaft der Zauberer über die Muggel, 'für das höhere Wohl'."
„Das steht über dem Gefängnis von Nurmengard. Ich selbst habe es nie gesehen, aber Antonin hat mir davon erzählt", sagte Rabastan beunruhigt. „Da sollten..."
„All diejenigen enden, die sich den beiden in den Weg stellten", fügte Hermine hinzu. „Sie suchten zusammen nach den Heiligtümern des Todes, um mehr Macht für ihren Plan zu haben. Grindelwald hatte bereits den Zauberstab, den Elderstab. Er hatte ihn in seiner Jugend dem Zauberstabmacher Gregorovitch gestohlen. Voldemort wollte ihn ebenfalls haben, deshalb suchte er Gregorovitch auf und tötete ihn."
„Das erklärt einiges", meinte Rabastan.
„Dumbledore und Grindelwald zerstritten sich, weil Dumbledore Zweifel bekam, aber Grindelwald nicht von seinem Plan ablassen wollte. Das führte zu seiner Schreckensherrschaft in Osteuropa. Deshalb das berühmte Duell. Dumbledore hat Grindelwald aufgehalten. Und bei diesem Duell den Elderstab an sich genommen. Er hatte ihn all die Jahrzehnte."
„Darüber sprachen also Harry Potter und der Dunkle Lord bevor sie kämpften", sagte Lucius. „Sie erwähnten diesen Elderstab."
„Snape tötete Dumbledore und deshalb dachte Voldemort, dass Snape die Macht über den Elderstab hätte. Snape musste deshalb sterben. Das war aber falsch, Draco hatte den Elderstab, er hat ihn aber bei dem Trubel in Ihrem Haus, Lucius, an Harry verloren."
„Ich hatte die Macht über diesen Stab?", fragte Draco völlig ungläubig.
„Da Voldemort Harry getötet hat, hat er jetzt diesen Elderstab. Hab ich dich richtig verstanden?", fragte Ginny.
„Es sieht so aus, ja."
„Was sind die anderen Heiligtümer?"
„Ein Tarnumhang und ein Stein, der Tote wiederauferstehen lässt. Dumbledore hat auch den Umhang gefunden. Es ist Harrys Tarnumhang."
„Was?!"
„Wie kann das sein?"
„Die Vorlage für die drei Brüder aus dem Märchen waren die Peverell-Brüder. Einer von ihnen, Ignotus Peverell ist in Godric's Hollow begraben. Harry und ich haben sein Grab auf dem Friedhof gesehen, als wir Bathilda Bagshot besucht haben. Er war der jüngste Bruder, der mit dem Tarnumhang. Die Potters stammen von Ignotus Peverell ab und der Tarnumhang wurde von Generation zu Generation an die Söhne weitergegeben. Schließlich an Harry."
„Das ist ja ein Wahnsinn."
„Ich erinnere mich an eine Geschichte aus den 80er-Jahren", sagte Lucius Malfoy, während er langsam um den Tisch herum schritt. „Damals gab es eine ziemlich große Debatte in der Öffentlichkeit, ob dieses Märchen tatsächlich auf historischen Gegebenheiten basiert. Wie es der Zufall so will, kam damals Xenophilius Lovegood mit der abstrusen Idee, die Peverell-Brüder könnten das Vorbild für die drei Brüder gewesen sein. Alle Historiker haben ihn selbstredend ausgelacht und ich muss zugeben, dass man ihnen das nicht verübeln kann, denn der gute Lovegood hatte es ja noch nie so mit Fakten. In diesem Fall jedoch scheint er tatsächlich auf der richtigen Spur gewesen zu sein."
„Wir waren bei ihm und er hat uns die Geschichte erzählt", sagte Hermine. „Ich war wirklich skeptisch, aber im Laufe der Zeit mehrten sich tatsächlich die Hinweise, die diese Geschichte untermauerten. Harry glaubte, dass Dumbledore ihm den Stein der Auferstehung in dem Schnatz hinterlassen hat, aber dazu weiß ich leider nichts Genaues. Wir wissen nur, dass Voldemort jetzt den Elderstab hat, nachdem er Harry ermordet hat."
„Er hat das Ritual mit dir von langer Hand geplant", warf Rabastan ein. „Vielleicht war das der Grund, diesen Elderstab zu finden. Ein so mächtiger Zauberstab wäre ihm sicher nützlich gewesen."
„Was haben die Heiligtümer mit den Horkruxen zu tun? Ich verstehe im Moment noch nicht den Zusammenhang", fragte Arthur.
„Nichts. Ich weiß auch nicht, warum Dumbledore wollte, dass wir uns mit ihnen beschäftigen oder sie finden. Harry wusste mit Sicherheit mehr, aber..." Hermine schluckte. „Was auch immer er wusste, er hat sein Wissen vor seinem Tod nicht mehr mit uns geteilt."
Die schwarze Katze, die die ganze Zeit schnurrend auf Rodolphus' Schoß gesessen hatte, sprang nun auf und lief ins Nebenzimmer. Einen Moment später trat Melinda Vermont in die Küche.
„Ich denke, ich kann die letzten Lücken in Hermines Geschichte füllen", sagte sie.
„Was weißt du darüber, Melinda?", fragte Rabastan misstrauisch.
„Das ist eine lange und komplizierte Geschichte", meinte Melinda, doch bevor sie weitersprechen konnte, wurde ihre Aufmerksamkeit auf etwas draußen gelenkt. Zwei Personen waren so eben aus dem Nichts erschienen.
„Dolohow ist zurück", sagte Bill, der ans Fenster getreten war und hinaus in den Garten sah.
Dolohow hatte die junge Heilerin im Schlepptau, die weinte und völlig verängstigt war. Rabastan dirigierte sie in der Küche auf einen Stuhl, sodass alle Augen auf sie gerichtet waren. Sie zitterte und fürchtete sich sichtlich vor den anwesenden Todessern und auch vor Hermine, der sie immer wieder verunsicherte Blicke von der Seite zuwarf. Als Rabastan sie ansprach, zuckte sie vor Schreck zusammen.
„Ist schon gut, Alexandra", sagte er sanft und mit so viel Geduld, wie er aufbringen konnte. Innerlich freilich kochte es in ihm. Die Heilerin hatte auf empfindliche Weise in sein und Hermines Privatleben eingegriffen. „Wir wollen nur reden, OK? Du hast uns ein paar Dinge zu erklären."
Hermine trat nach vorne. Ohne viel Federlesen kam sie sofort zu ihrem Anliegen. „Ich habe dich vor ein paar Monaten um Verhütungstränke gebeten. Ich habe die Tränke jeden Tag zuverlässig eingenommen, trotzdem bin nach kurzer Zeit schwanger geworden. Wir haben uns die Tränke angesehen. Sie waren so manipuliert, dass sie keine Wirkung hatten. Rabastan und ich hätten gerne eine Erklärung dafür."
Die Heilerin sah zuerst nur nach unten und wich Hermines Blick aus. Still weinte und schluchzte sie vor sich hin und brachte offenbar nicht den Mut auf, etwas zu sagen. Dann endlich hob sie den Kopf und sah zuerst Hermine und dann Rabastan an.
„Es tut mir so leid", sagte sie, während Tränen ihre Wangen hinabliefen. „Er hat mich dazu gezwungen."
„Wer?", fragte Hermine, obwohl sie die Antwort schon wusste. Sie wollte es aber aus dem Mund der Heilerin selbst hören.
„Der Dunkle Lord. Er hat mich unter Druck gesetzt. Er sagte, er würde meiner Familie etwas antun, wenn ich ihm nicht helfe. Er wollte, dass ich die Tränke manipuliere. Es tut mir so leid. Bitte, ihr müsst mir glauben! Ich wollte das alles nicht."
„Hat er dir auch gesagt, warum er das von dir verlangt?", wollte Rabastan wissen.
Die Heilerin schüttelte den Kopf. „Nein, das hat er nicht. Oh, bitte! Meine Familie... Ich hatte solche Angst... Ich wusste nicht, was ich tun sollte!"
„Ist schon gut", sagte Hermine. „Voldemort konnte seinen Plan nicht in die Tat umsetzen und ich mache dir keinen Vorwurf. Tu nur mir und Rabastan einen Gefallen. Nimm deine Familie und verlass das Land. Bringt euch in Sicherheit, verstanden? Es ist zu gefährlich hier."
Die Heilerin blickte Hermine verwirrt an. Schließlich nickte sie. „Das werde ich tun. Bitte glaubt mir, es tut mir alles so leid."
„Vergessen wir das einfach", meinte Hermine. „Tu, was ich gesagt habe."
„Aber davor erzählst du uns noch, was seit gestern passiert ist", sagte Dolohow.
Die Heilerin brach erneut in Tränen aus. „Es ist schrecklich!", klagte sie. „Ich habe gestern nach dem Angriff auf Askaban die Verletzten versorgt. Der Dunkle Lord war so wütend, dass Hermine verschwunden ist. Er hat Greyback und Selwyn dafür bestraft."
„Selwyn stand vor dem Schulleiterbüro Wache, als wir kamen", erklärte Lucius den Widerstandskämpfern. „Wir mussten ihn außer Gefecht setzen."
„Der Dunkle Lord hat... Ich weiß nicht, was er mit Greyback gemacht hat, aber Selwyn..."
„Was hat er mit Selwyn angestellt?", fragte Rodolphus eindringlich.
„Er hat seine Wut an der Frau und den drei Kindern ausgelassen", erklärte Alexandra traurig. „So was habe ich noch nie gesehen. Alle sind jetzt im Krankenhaus. Soweit ich weiß, werden die Kinder ohne bleibende Schäden überleben, aber die Frau..." Sie brach ab und eine neue Welle von Tränen rann ihr Gesicht hinab. „Die Frau erlitt dabei so starke Hirnschäden, dass sie so gut wie hirntot ist. Als ich alle Verletzten behandelt hatte, bin ich selbst kurz ins Krankenhaus. Die Frau wird momentan nur noch von Magie am Leben gehalten. Sie wird nie wieder aufwachen. Selwyn ist bei ihr und er will erwirken, dass man die Versorgung einstellt und sie in Frieden sterben kann. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie es ihm geht."
Bestimmt zehn Minuten lang konnte niemand etwas sagen. Die Stimmung war gedrückt und sie alle, Todesser ebenso wie Widerstandskämpfer, waren tief betroffen von der Nachricht. Hermine konnte nun ebenfalls die Tränen nicht länger zurückhalten. Sie klammerte sich eng an Rabastan.
„Das ist furchtbar", sagte Rodolphus.
„Das ist meine Schuld", sagte Hermine. „Voldemort wollte, dass er vor der Tür Wache steht, er hat nichts Falsches getan."
„Ich weiß, Hermine", sagte Rabastan, um sie zu trösten, und drückte sie fest.
„Das ist meinetwegen passiert. Es ist alles meine Schuld. Ich will nicht, dass noch mehr Leute meinetwegen verletzt werden."
„Hermine, mach dir doch bitte nicht solche Gedanken. Der Dunkle Lord war das, nicht du."
„Er will mich, Rabastan. Wie viele Leute müssen noch leiden, bis er bekommt, was er will? Ich kann das alles nicht mehr. Das muss aufhören!"
„Es gab noch einen anderen Vorfall dieser Art", erklärte Dolohow den Widerstandskämpfern. „Deshalb ist Amycus zu euch übergelaufen. Der Dunkle Lord hat Rookwood bestraft, in dem er seine Nichte einer Bande Greifer zum Fraß vorgeworfen hat. Wir mussten alle dabei zusehen."
„Das stimmt", sagte Amycus. „Es war ein grauenvoller Abend. Danach konnte ich nicht mehr weitermachen."
„Um Gottes Willen", sagte Lucius. „Wo ist Rookwood jetzt? Wie geht es ihm?"
„Wir haben nichts mehr von ihm gehört", sagte Antonin.
Die Heilerin meldete sich erneut zu Wort. „Nachdem der Kampf in Askaban zu Ende war, hat der Dunkle Lord alle Todesser zurück nach Hogwarts gerufen. Ich sollte mich dann um die Verletzten kümmern. Ich habe Rookwood dort nirgends gesehen, deshalb denke ich, dass er vielleicht gar nicht gekämpft hat."
„Ich wüsste auch nicht, dass ich ihn gesehen hätte", sagte Kingsley.
„Vielleicht ist er auch gegangen", meinte Rabastan. „Wundern würde es mich nicht."
„Das ist doch Wahnsinn!", schimpfte Bill. „Voldemort wendet sich schon gegen seine eigenen Anhänger!"
„Rabastan, das ist ein Thema, über das wir noch reden müssen", sagte Arthur Weasley. Lucius stimmte ihm zu. „Es kann nicht so weitergehen."
„Wie ihr meint", sagte Rabastan seufzend. „Aber jetzt..." Er wandte sich Melinda zu, die geduldig gewartet hatte.
„Ja, jetzt ist es an der Zeit, dass ich euch ein paar Erklärungen liefere. Wollt ihr die Kurzfassung oder die lange Geschichte?"
„Ich glaube, wir wollen einfach nur die Wahrheit", sagte Rabastan.
„OK. Dann werde ich keine langen Reden schwingen. Ich bin nicht die, für die ihr mich haltet. Ich bin eine Doppelagentin, ich arbeite für den Widerstand und für eine andere Organisation", sagte Melinda offen heraus. „Ich habe euch die ganze Zeit über belogen."
„Wieso bin ich nicht mehr überrascht von irgendetwas?", meinte Rabastan schmunzelnd. „Bevor du irgendetwas anderes erklärst, möchte ich gerne wissen, wie Antonin ins Spiel kommt."
„Ist es in Ordnung für dich, wenn ich es sage?", fragte sie Dolohow.
„Du kannst es sagen", sagte er.
„Antonin und ich verstanden uns von Anfang an sehr gut. Wahrscheinlich lag es auch daran, dass ich Russisch beherrsche. Irgendwann begannen wir dann uns zu treffen. Ich dachte immer, es sei rein freundschaftlich, aber dann eines Tages eröffnete er mir, dass er romantische Gefühle für mich hatte", sagte Melinda. „Ich fühlte mich geschmeichelt. Ich wollte ihm aber zu verstehen geben, dass ich nicht die richtige Person bin, mit der man Umgang haben sollte. Ich musste an meine Deckung denken und ich wusste ja, dass ich euch früher oder später würde verlassen müssen. Aber ich muss zugeben, dass ich ihn nicht zurückweisen konnte und wollte. Eigentlich tat es mir gut, dass wir Zeit miteinander verbrachten."
„Melinda ging es nicht gut", erklärte Antonin.
„Meine Organisation hat mich sehr unter Druck gesetzt. Antonin hat mich wieder aufgerichtet", fuhr Melinda fort. „Ich hatte einen Moment der Schwäche und er hat mir geholfen. Schließlich entwickelte sich etwas zwischen uns."
„Ihr hattet etwas miteinander?", fragte Rabastan.
„Ich sagte ja, dass wir uns näher gekommen sind, als wir beide beabsichtigt hatten", sagte Melinda und lächelte.
„Ich hatte es eigentlich schon akzeptiert, dass Melinda meine Gefühle nicht erwiderte", meinte Dolohow. „Aber da ist es passiert."
„Dann ist es passiert. Ich habe Antonin sehr verletzt."
„Wie das?"
„Ich wurde unvorsichtig und habe mich meiner Leidenschaft hingegeben", sagte Melinda. „Ich bereue dies nicht", versicherte sie Antonin. „Aber ich habe ein paar Fehler gemacht. Ihr kennt ja Antonin, ihm entgeht nichts."
„Was meinst du damit?"
Melinda legte ihren Umhang ab. Darunter trug sie ein enganliegendes, blaues Kleid. Sie schob ihr Kleid nach oben, sodass Hermine, Rabastan und die anderen ihren linken Oberschenkel betrachten konnten. Darauf trug sie die Tätowierung einer Kobra.
„Ich verstecke meine Tätowierung normalerweise, aber an jenem Abend, als Antonin und ich zusammen waren, da habe ich meine Vorsichtsmaßnahmen leider über Bord geworfen. Mein Kopf wollte nicht denken."
„Was hat es damit auf sich?", fragte Hermine.
„Mir fiel die Tätowierung sofort auf", sagte Antonin. „Ich recherchierte ein bisschen und wurde schnell fündig. Darf ich es sagen, Melinda?"
„Natürlich. Das Kind ist ohnehin schon in den Brunnen gefallen. Es macht keinen Unterschied mehr."
„Melinda gehört zu einer Organisation, die sich die „Rechte Hand" nennt. Eines ihrer Symbole ist die Kobra, das ist auch Melindas Deckname", erklärte Antonin.
„Was ist das für eine Organisation?", fragte Rabastan.
„Meine Leute existieren seit der Antike. Sie agieren nur im Verborgenen. Ich weiß nicht mal genau, was sie alles tun, aber meist wachen sie über den Status Quo. Sie wollen, dass Licht und Dunkel im Gleichgewicht bleiben. Wenn sich irgendwo eine gefährliche Macht erhebt, dann greifen sie ein. Sie sammeln auch gezielt magische Artefakte, sodass sie nicht in die falschen Hände geraten", sagte Melinda.
„Das heißt, dass sie dich mit einem Auftrag zu uns geschickt haben?", schlussfolgerte Rodolphus.
„Nicht zu euch. Sie wollten ursprünglich, dass ich mich dem Orden des Phönix anschließe und für Dumbledore kämpfe, um ihn im Auge zu behalten und der Organisation Informationen über Dumbledore weiterzugeben."
Ironie der Geschichte, dachte Hermine. Diese unbekannte Organisation hatte offenbar hinter Dumbledores Fassade geblickt.
„Ging es um die Heiligtümer des Todes?", fragte Hermine.
„Sie wollten mir nicht verraten, welches Interesse sie an Dumbledore hatten", fuhr Melinda fort. „Sie schleusten mich als Doppelagentin in den Orden des Phönix ein, allerdings kam mir Dumbledore auf die Schliche."
„Deshalb!" Rabastan ging ein Licht auf. „Deshalb hast du uns zum Widerstand gelockt. Ihr kanntet euch!"
„Wir waren anfangs genauso überrascht", sagte Arthur Weasley. „Dumbledore informierte uns nur über einen Brief. Das war lange nach seinem Tod. Er bat uns, Melinda zu vertrauen. Wir waren skeptisch, aber wir vertrauten Dumbledore. Melinda war praktisch eine Doppelagentin für uns."
„Dumbledore und ich machten einen Deal", erklärte Melinda. „Er erpresste mich und meine Organisation. Ich hätte mich ohrfeigen können wegen meiner dummen Fehler, die mich verraten hatten, aber gut. Ich konnte die Situation nicht mehr ändern. Er verhandelte mit meiner Organisation und überzeugte sie davon, dass es besser sei, Voldemort zu beobachten. Das war der Grund, weswegen ich Todesserin wurde."
„Du warst von Anfang an eine Doppelagentin!"
„Ja. Und es war auch kein Zufall, dass ich Snapes Stelle als Schulleiterin von Hogwarts einnahm. Dumbledore wollte das, deshalb überzeugte ich Voldemort, dass ich die richtige Person für diese Aufgabe war. Ich glaube, er hat Snapes Tod vorhergesehen und wollte, dass, sollte Snape wirklich durch Voldemorts Hand sterben, die Schule in gute Hände kommt und die Schüler in Sicherheit sind. Er zwang mich, einen Unbrechbaren Schwur zu leisten. Ich sollte schwören, dass ich meine ganze Kraft dem Wohlergehen der Schüler widme. Das tue ich."
„Dumbledore, er hat offenbar immer mindestens fünf Schritte vorausgeplant", kommentierte Hermine.
„Das ist Wahnsinn." Rabastan schüttelte den Kopf.
„Ich habe die letzten drei Jahre konstant Informationen an meine Organisation weitergegeben. Ich habe ihnen gesagt, dass der Dunkle Lord diese Artefakte aus Ägypten an sich genommen hat und dass er etwas damit plant. Ich weiß allerdings nicht, ob sie eingreifen werden. Ihre Motive liegen im Dunkeln. Sie haben auch damals nichts gegen Grindelwald unternommen. Sie hielten es damals für besser, die Dinge einfach laufen zu lassen. Ich sagte ja, sie wollen einen Status Quo erhalten. Natürlich den, der ihnen am besten passt. Wie das bei Voldemort aussieht, weiß ich leider nicht. Vielleicht wollen sie wissen, was noch passieren wird."
„Gestern Abend, als Melinda bei dir war, als ich dich wegen Hermines Verschwinden zu uns gebeten habe, da hast du sie zur Rede gestellt, oder?", sagte Rodolphus.
„Ja", antwortete Antonin. Er war seltsam bedrückt. Hermine hatte den Todesser noch nie so gesehen. Sie merkte, dass ihm Melinda wirklich am Herzen lag und er in einen Interessenkonflikt geraten war. „Nach dem Ende meiner Recherchen gab es eine Menge zu besprechen. Ich erfuhr nicht nur die Wahrheit über Melindas Absichten, ich fand sogar heraus, dass ihr Name nicht einmal Melinda Vermont ist. Es ist eine Scheinidentität", meinte er mit Blick auf Melinda. „Ich hätte Melinda dem Dunklen Lord sofort melden müssen."
„Aber du hast es nicht."
„Nein, weil ich wusste, dass das ihr Todesurteil sein würde. Ich wollte sie nicht ausliefern."
„Ich bin Antonin sehr dankbar dafür", sagte Melinda und mit einem Mal wirkte sie nicht mehr so kalt und unnahbar nach außen, sondern zeigte einen Anflug von Schwäche. Plötzlich war sie die Frau mit der schweren Last auf ihren Schultern und nicht mehr die toughe Todesserin. Hermine mochte sich nicht vorstellen, welcher Druck auf ihr lastete und was Versagen für sie bedeutete.
„Was ist dein wirklicher Name?", fragte Rodolphus.
„Meinen richtigen Namen habe ich vor langer Zeit abgelegt. Als ich in die Organisation eintrat, ließ ich mein altes Leben hinter mir. Deshalb nahm ich einen neuen Namen an. Ich bin Melinda und sonst niemand, allerdings bin ich keine reinblütige Hexe. Mein Stammbaum war erfunden. Die Vermonts gibt es nicht."
„Du sagtest, du könntest ein paar Lücken in Hermines Geschichte füllen", sagte Rabastan. „Wie hast du das gemeint?"
„Ich habe den Stein der Auferstehung und den Tarnumhang im Verbotenen Wald an mich genommen", erklärte Melinda. „Ich habe sie an meine Organisation gegeben."
„Der Tarnumhang gehörte Harry!", protestierten Hermine und Ginny gleichzeitig.
„Das ist mir bewusst, aber die Potter-Familie gibt es nicht mehr. Er kann nicht mehr weitergegeben werden. Also ist es besser, wenn er in sichere Hände kommt", sagte Melinda ruhig. „Nach der Schlacht bin ich auch sofort in Dumbledores Büro gegangen. Ich habe die Erinnerungen aus dem Denkarium entfernt und vernichtet, damit der Dunkle Lord sie nicht sehen kann."
„Snapes Erinnerungen?", fragte Hermine hoffnungsvoll. „Hast du sie gesehen? Bitte, sag uns, was Snape hinterlassen hat."
„Ich sehe eigentlich keinen Grund darin, euch die Wahrheit zu verschweigen", sagte Melinda. Sie setzte sich neben Antonin. „Snape war ein Doppelagent, genau wie ich. Er hat für Dumbledore gearbeitet."
„Also doch!"
„Das gibt's doch gar nicht!"
Rabastan bedeckte sein Gesicht mit den Händen. Rodolphus schüttelte den Kopf. „Bella hatte die ganze Zeit Recht. Sie war immer misstrauisch bei Snape. Sie hat als Einzige erkannt, wie die Dinge wirklich standen."
„Wir dachten, Snape hätte Dumbledore getäuscht", sagte Kingsley.
„Er hat uns offenbar alle getäuscht", meinte Hermine. „Harry hat ihm immer misstraut. Lupin und viele andere hatten auch immer Bedenken, aber niemand hat etwas gesagt, weil Dumbledore Snape vertraut hat. Wir haben immer gesagt, wenn Dumbledore Snape vertraut, dann könnten wir ihm auch vertrauen."
„Bellatrix und viele andere von uns haben genauso gedacht. Wir haben Snape immer misstrauisch beäugt, aber dachten auch, dass, wenn der Dunkle Lord Snape vertraut, wir ihm auch vertrauen könnten", sagte Dolohow. „Da hatten wir etwas gemeinsam."
„Was hast du in den Erinnerungen gesehen?", hakte Rabastan nach. „Irgendwie passen da etliche Dinge nicht zusammen. Wieso hat Snape Dumbledore dann ermordet?"
„Er hat ihn nicht ermordet", sagte Melinda. „Sie hatten es vorher verabredet. Dumbledore war sterbenskrank. Der Stein der Auferstehung steckte in dem Ring, der ein Horkrux war. Dumbledore hat den Ring angesteckt, da traf ihn der Fluch des Horkrux'. Er hatte nicht mehr lange und bat Snape ihn zu töten. Er wusste, dass Draco versagen würde."
„Bei Merlin!"
„Das heißt, es war von Anfang an alles ein abgekartetes Spiel?", fragte Hermine.
„Ja. Dumbledore hatte sich davon erhofft, dass er die Macht des Elderstabes damit ins Grab mitnehmen würde und niemand mehr den Stab in seinen Besitz bringen könnte. Er täuschte sich. Es war zwar Snape, der ihn getötet hat, aber Draco, der ihn zuvor entwaffnet hat. So ging die Macht des Stabes kurze Zeit auf Draco über."
„Ich habe nichts bemerkt und Draco auch nicht", meinte Lucius etwas niedergeschlagen.
„Weil er den Stab ja gar nicht hatte. Der Elderstab wurde mit Dumbledore begraben. Draco hatte nur die Kontrolle über ihn. Der Dunkle Lord öffnete später das Grab und nahm den Stab an sich. Ihr wisst doch, dass der Zauberstab sich den Zauberer aussucht. Der Elderstab befand Draco wohl für einen besseren Träger seiner Macht als Snape."
„Man muss den Träger eines Zauberstabes nicht töten", sagte Dolohow. „Ein Zauberstab kann auch anders die Gefolgschaft wechseln."
„Ganz richtig", sagte Melinda. „Der Grund, warum Dumbledore euch auf die Spur der Heiligtümer gebracht hat, war sehr einfach. Wenn man die drei Gegenstände vereint, dann wird man zum Bezwinger über den Tod. Harry musste sterben, deshalb ging er in den Verbotenen Wald."
„Aber er starb doch gar nicht", sagte Ginny. „Er kam wieder."
„Wir haben es alle gesehen", meinte Amycus. „Narcissa hat gelogen."
„Nicht Harry musste direkt sterben, sondern nur der Teil der Seele des Dunklen Lords, der in ihm war."
„Der Junge war ein Horkrux?"
„Harry war ein Horkrux?!" Die Nachricht schockierte Hermine zutiefst, aber augenblicklich ging ihr ein Licht auf.
„Deshalb konnte er in die Gedanken des Dunklen Lords eintauchen und mit Schlangen sprechen. Dumbledore hat im Laufe der Zeit verstanden, dass Harry ein Horkrux war. Er konnte es ihm natürlich nicht sagen, er musste ihn wie eine Marionette zu diesem Punkt hinführen. Snape wusste es. Und ja, Hermine, du hast richtig vermutet. Snape hat euch das Schwert von Gryffindor geschickt. Er hatte eine Hirschkuh als Patronus."
„Was war der Grund? Warum war Snape auf Dumbledores Seite?", fragte Lucius. „Ich kannte ihn so viele Jahre. Ich dachte immer, er stünde auf unserer Seite. Ich habe ihn sogar nicht nur einmal gegen Bellatrix' Anschuldigungen verteidigt."
„Das war er auch, ganz am Anfang. Als der Dunkle Lord allerdings anfing, die Potters zu jagen, wechselte Snape die Seiten."
„Wozu? Was hatte Snape mit den Potters zu tun?"
„Er hat Lily Potter geliebt, praktisch sein ganzes Leben lang. Er hat sich für ihren Tod schuldig gefühlt."
„Es gab einen Menschen auf der Welt, den Snape wirklich gehasst hat. Und das war James Potter. Ich kann das alles gar nicht glauben", sagte Lucius und nickte.
„So viele Geheimnisse, die jetzt gelüftet wurden", sagte Andromeda. „Ich muss zum Grimmauldplatz und ich muss mit Kreacher sprechen."
Sie hatten so lange gesprochen, mittlerweile war es früher Abend geworden. Hermine war müde und sehnte sich danach, mit Rabastan allein zu sein.
„Wie soll es jetzt weitergehen?", fragte Arthur an Kingsley gewandt. „Was soll der Widerstand tun?"
„Was sollen wir machen, Rabastan?", fragte Rodolphus.
„Ich weiß es nicht, Bruder", sagte Rabastan aufrichtig. „Das war sehr viel und ich glaube, ich muss diese Dinge erst mal mental ordnen, bevor ich irgendwas dazu sagen kann. Es waren zwei sehr ereignisreiche Tage gestern und heute. Ich könnte jetzt etwas Ruhe vertragen. Alexandra? Ist dem Dunklen Lord aufgefallen, dass Antonin und ich nicht gekämpft haben und nicht in Hogwarts waren?"
„Ich weiß es nicht."
„Geh jetzt", sagte Hermine zu der Heilerin. „Tut, was ich gesagt habe. Es ist hier nicht mehr sicher für dich. Nimm deine Familie und geh ins Ausland."
Die Heilerin nickte. Mit einem letzten Blick auf Hermine, der ihr tiefes Bedauern über die Geschehnisse ausdrückte, verließ sie schließlich den Fuchsbau. Es sollte das letzte Mal sein, dass Hermine sie sah.
„Rabastan, ich denke, dass es für euch und Hermine zu gefährlich sein wird, in euer Zuhause zurückzukehren. Ihr seid jetzt Abtrünnige und man wird euch ebenso jagen wie Lucius und Amycus. Der Widerstand kann euch verstecken."
„Kommt doch mit zu uns", bot Amycus an. „Unser Unterschlupf hat genug Platz für uns alle."
„Das ist ein nettes Angebot, aber wir haben schon einen sicheren Zufluchtsort. Ich habe vorsorglich bereits alles eingerichtet", sagte Rabastan. Er erhob sich. „Ich denke, wir sollten uns in nicht allzu ferner Zukunft noch einmal hier versammeln. Für den Moment jedoch trennen sich unsere Wege. Ich weiß gar nicht, wie ich meinen Dank ausdrücken soll. Ohne eure Hilfe hätten wir Hermine nicht retten können. Ich stehe tief in eurer Schuld."
Dolohow versicherte ihnen, dass er allein zurechtkommen würde, und Melinda kehrte nach Hogwarts zurück. Rabastan, Rodolphus und Hermine apparierten zu ihrem Strandhaus, wo im Flur bereits gepackte Koffer und Tipsi auf sie warteten.
„Wir wohnen derweil hier?", fragte Hermine erstaunt, als ihre Hauselfe ihr ihre Jacke abnahm. „Das Haus ist doch noch gar nicht fertig."
„Das Dach und die Außenwände sind ja schon repariert", sagte Rabastan. „Und drinnen werden wir uns derweil schon irgendwie arrangieren."
„Wann hast du die Schutzzauber um das Haus gelegt und die Sachen hergebracht?", wollte Rodolphus wissen.
„Heute Morgen, als du Hermine noch geschlafen habt, habe ich die Gunst der Stunde genutzt, bin ins Anwesen zurück und habe unsere Sachen geholt. Ich habe über das Haus und Teile der Umgebung Schutzzauber gelegt. Da niemand außer uns und Antonin von diesem Ort weiß, gehe ich mal davon aus, dass wir keinen unerwarteten Besuch bekommen werden. Sollte sich jemand nähern, dann geht ein Alarmzauber los."
Rabastan schwang seinen Zauberstab und ihre Koffer schwebten die Treppen nach oben.
„Rodolphus, such dir einfach ein irgendein Zimmer aus. Wir sprechen uns dann morgen. Ich für meinen Teil brauche jetzt etwas Ruhe."
Rabastan sah sehr müde und erschöpft aus. Hermine begleitete ihn nach oben in das Zimmer, das ihr zukünftiges Schlafzimmer werden sollte. Es gab kein Bett, sodass sie sich mit Schlafsäcken aushelfen mussten. Als Hermine, die den Boden saubermachen wollte, nach ihrem Zauberstab greifen wollte, stellte sie fest, dass sie ja keinen mehr hatte.
„Greyback hat mir den abgenommen", sagte sie missmutig.
„Wir besorgen dir bald einen neuen", sagte Rabastan aufmunternd.
Zumindest hatten sie schon fließend Wasser im Haus, sodass sie sich duschen und anständig waschen konnten. Der Herd funktionierte schon, sodass Tipsi ihnen etwas einfaches kochen konnte.
Weil noch keine Möbel in den Zimmern standen, machten Hermine und Rabastan es sich auf dem Boden mit Decken, Matten und Schlafsäcken gemütlich. Sie aßen schweigend und sprachen bis zum späten Abend nicht über die Geschehnisse des vergangenen Tages. Erst als sie nebeneinander in ihren Schlafsäcken lagen, schaffte es Rabastan, seine Gedanken auszusprechen.
„Ich dachte, ich verliere dich, Hermine."
„Du hättest mich nicht verloren. Wir hätten unser Kind verloren."
Er nickte. Hermine fiel auf, wie müde er war. Wahrscheinlich hatte er nach ihrem Verschwinden keine Minute geruht, bis sie wieder sicher bei ihm war. Sie war dankbar dafür, dass sie in Rabastan einen Mann gefunden hatte, der immer für sie da war und der buchstäblich Himmel und Hölle in Bewegung setzte, nur damit es ihr gutging. Sie hätte sich keinen besseren Mann an ihrer Seite wünschen können.
„Wie seid ihr zu den Weasleys gekommen? Was wolltet ihr vom Widerstand?"
„Wir dachten zuerst, dass der Dunkle Lord dich wegen der Sache, für die er dich brauchen würde, entführt hat. Melinda hat uns davon überzeugt, dass wir dich zuerst beim Widerstand suchen. Es hätte ja sein können, dass sie dich zurückgeholt haben. Das war natürlich Blödsinn. Melinda wollte uns nur dort hinlocken, damit wir zusammenarbeiten."
Hermine nickte zustimmend. „Das hätten sie nämlich nicht getan. Sie sind viel zu verletzt, als dass sie das könnten", sagte Hermine schweren Herzens. „Sie haben es akzeptiert, Rabastan, aber das heißt nicht, dass sie es gutheißen. Wahrscheinlich werden wir uns nie wieder so normal wie früher gegenübertreten können."
„Das tut mir leid, Hermine." Er streichelte ihr über ihren Kopf.
„Ihr habt zusammengearbeitet. Das ist alles, was zählt."
„Vielleicht. Aber ich hatte den Eindruck, Hermine, dass du ihnen immer noch sehr am Herzen liegst."
„Ich weiß nicht. Was soll denn jetzt eigentlich aus dir und den anderen werden?", fragte Hermine leise. „Du kannst doch jetzt nicht mehr zurück, oder?"
„Ich fürchte nicht", sagte Rabastan. „Auch Rodolphus und Antonin nicht. Wir stehen jetzt als Verräter da."
„Es tut mir leid, Rabastan."
„Nein, Hermine, du musst dich für gar nichts entschuldigen", sagte Rabastan sofort. „Ich habe eine Entscheidung getroffen und mit den Folgen muss ich jetzt leben. Ich muss Verantwortung für meine Taten übernehmen. Als wir herausgefunden haben, was der Dunkle Lord mit dir oder sollte ich besser sagen mit unserem Kind", er legte seine Hand auf ihren Bauch, „vorhat, da konnte ich ihm nicht mehr dienen. Das war einfach zu viel. Ich konnte nicht zulassen, dass dir etwas geschieht. Und da habe ich die Wahl getroffen, mein altes Leben hinter mir zu lassen, weil ich etwas neues, besseres gefunden habe."
Seine Worte zauberten ein Lächeln auf Hermines Gesicht. „Weißt du, Dumbledore hat immer gesagt, dass die stärkste Magie der Welt die Macht der Liebe ist", sagte sie und rutschte so nah wie möglich an ihn heran, um die Wärme seines Körpers zu spüren „und dass Voldemort diese Macht nie verstanden hat. Das hat er wirklich nicht. Er hat dich unterschätzt."
Rabastan gab ihren einen Kuss auf die Stirn. „Auch wenn ich mir gewünscht hätte, dass wir den Zeitpunkt für unseren Nachwuchs selber planen können, bin ich trotzdem mit allem zufrieden. Ich freue mich, wie es jetzt ist."
Hermine lächelte, wurde aber gleich wieder ernst. „Wir müssen uns überlegen, was wir tun wollen, Rabastan", sagte sie leise. „Solange Voldemort lebt, werden wir niemals in Ruhe und Frieden leben können. Es gibt nur eine Möglichkeit: Wir müssen Voldemort vernichten, ein für alle mal."
„Ich weiß", sagte Rabastan. „Ich weiß."
Sie schlossen die Augen und waren kurz darauf eingeschlafen.
Sie ließen sich für ihre Entscheidung fast eine Woche Zeit. Fast täglich kamen Dolohow und Melinda vorbei, um mit Hermine, Rabastan und Rodolphus die Lage zu besprechen. Sowohl Antonin als auch Melinda brachten oft schlechte Nachrichten mit. Vor allem Dolohow wirkte sehr betrübt, sogar desillusioniert, fand Hermine.
„Der Dunkle Lord hat eine Gruppe neuer Rekruten getötet. Er tobt vor Wut, seit wir Hermine gerettet haben, und scheint dem Wahnsinn nah zu sein", erzählte er bedrückt. „Selwyns Frau ist gestorben. Selwyn selbst ist so sauer, so habe ich ihn noch nie erlebt. Er schimpft über den Dunklen Lord. Das machen andere mittlerweile auch, aber nach außen will keiner offen etwas sagen."
„Rookwood ist tatsächlich verschwunden", erklärte Melinda. „Avery hat seine Tochter von Hogwarts genommen und zu seiner Familie auf den Kontinent geschickt. Er selbst ist des Dunklen Lords genauso überdrüssig geworden wie viele andere auch, die hinter vorgehaltener Hand tuscheln."
„Als es hieß, der Dunkle Lord sei wiederauferstanden, da haben wir gejubelt, weil wir seine Rückkehr so lange herbeigesehnt hatten. Und Heute? Ich hätte nicht gedacht, dass wir mal zu diesem Punkt kommen würden", sagte Rodolphus. „Der Dunkle Lord hat jedes Vertrauen verspielt. Er verfolgt völlig andere Ziele als früher. Er wendet sich gegen uns, seine eigenen Anhänger. Was wir für ihn tun, interessiert ihn überhaupt nicht mehr. Er ist instabil und missbraucht uns als Ventil für seine Wutausbrüche. Wir sind ihm egal."
„Ich sag es nur ungern, weil uns das nicht weiterbringt und euch auch nicht hilft, aber das wart ihr schon immer, Rodolphus", sagte Hermine. „Er hat euch schon immer nur als die Bauern missbraucht, die man opfern kann."
„Auch wenn es mir sehr schwerfällt, das zuzugeben", meinte Rabastan, „habe ich doch praktisch den Großteil meines Lebens für den Dunklen Lord gekämpft, aber ich kann ihm dort, wo er jetzt hingeht, einfach nicht mehr folgen."
„So geht es mir auch", pflichtete ihm Dolohow bei und nickte. „Es kommt mir so vor, als breche der Inhalt, der Mittelpunkt meines Lebens unter meinen Füßen weg."
„Ihr beide seid nicht die Einzigen", sagte Melinda, um sie zu beruhigen. „Ich bekomme in Hogwarts doch viel mit. Kaum noch jemand von den alten Todessern des innersten Kreises unterstützt den Dunklen Lord. Er hat noch die jungen, neuen, aber die sind nur irgendwelche Laufburschen. Austauschbar."
„Ihr eigenes Leben und das ihrer Familie ist den Todessern wichtiger", sagte Hermine. „Rabastan, Rodolphus, Antonin, ich muss euch eine wichtige Frage stellen, von deren Antwort auch abhängt, ob wir uns demnächst nochmal mit dem Widerstand treffen. Seid ihr bereit, euch offen gegen Voldemort zu stellen und gegen ihn zu kämpfen, wenn es sein muss?"
Die drei Männer sahen sich an.
Da war er, der Augenblick, vor dem sich Rabastan so sehr gefürchtet hatte. Jetzt wurde sein Interessenkonflikt so deutlich sichtbar wie noch nie zuvor. Es wurde ein klares Bekenntnis von ihm erwartet. Er musste sich entscheiden, ob er bereit war, den wichtigsten Teil seines Lebens hinter sich zu lassen. Er rief sich noch einmal alle Ereignisse der vergangenen Monate in Erinnerung: Katherina Rookwood, die auf Befehl des Dunklen Lord hin von den Greifern geschändet wurde, Selwyn, dessen Frau der Dunkle Lord durch Folter bestialisch getötet hatte, Hermine und ihr gemeinsames Kind, die für ein grausames Experiment missbraucht werden sollten. Und natürlich kamen noch andere Faktoren hinzu. Der Dunkle Lord und der Krieg hatten ganze Familien auseinandergerissen. Lucius hatte keine Frau mehr, Rodolphus hatte keine Frau mehr, woran er fast zugrunde gegangen wäre. Bellatrix' Tod hatte Rabastan so tief getroffen wie der Verlust einer Schwester. Den Dunklen Lord freilich hatte es nicht interessiert, dass die einzige Frau, die ihn jemals aufrichtig geliebt hatte, nicht mehr an seiner Seite war. Ein weiteres Menschenleben war völlig sinnlos zerstört worden.
Eigentlich musste er nicht lange überlegen. Seine Zukunft mit Hermine war Rabastan viel wichtiger als irgendein Auftrag oder seine Gefolgschaft für den Dunklen Lord. Er brauchte nicht lange zu überlegen, wo seine Loyalität lag.
„Ich bin bereit zu kämpfen", sagte er schließlich mit Entschlossenheit in der Stimme.
„Ich ebenfalls", sagte Rodolphus.
Antonin überlegte. „Euch ist hoffentlich bewusst, was das bedeutet. Wenn wir den Dunklen Lord vernichten, dann... sind wir wieder die Gejagten."
„Darum macht dir keine Sorgen, Antonin", sagte Hermine. „Das werde ich übernehmen." Sie wandte sich an Melinda. „Ich weiß, dass du eigentlich auf keiner Seite stehst, Melinda, aber... Was wirst du tun?"
„Ich habe für Dumbledore und den Widerstand gearbeitet. Eigentlich ist es keine Frage, auf welcher Seite ich stehe. Ich werde euch unterstützen."
„Gut. Dann sollten wir uns bereit machen. Wir müssen dem Widerstand eine Nachricht schicken."
Vermutlich schrieben sie mit ihrem Treffen Geschichte, dachte Hermine, als sie, Rabastan, Rodolphus, Antonin und Melinda den Fuchsbau betraten. Allein an der Anwesenheit war schon zu erkennen, welche Bedeutung das Treffen für sie alle hatte. Praktisch der gesamte Widerstand hatte sich versammelt, um Hermine und die Todesser anzuhören.
Hermine hatte das Gefühl, dass sie an einem bedeutsamen Ereignis teilnahm, dessen Ausgang den weiteren Verlauf der Dinge und ihrer aller Zukunft maßgeblich prägen würde.
Sie stand auf der Seite der Todesser und sah sich ihren alten Freunden aus der Schule und dem Orden gegenüber, an deren Seite sie einst gekämpft hatte. Zuletzt vor knapp drei Jahren bei der Schlacht von Hogwarts. Es war ein komisches, gar bedrückendes Gefühl, nicht mehr dazu zugehören.
Neville stand in der Menge. Als Hermine ihn ansah und ihm zulächelte, wich er ihrem Blick aus. Die ganze Zeit über hielt er sich nur im Hintergrund und sagte kein Wort. Keine Freude über ihr Wiedersehen, keine Gefühlsregung, so als sei Hermine eine fremde Person für ihn. In seinen Augen lag Verachtung für die Lestrange-Brüder, die einst seine Familie zerstört hatten. Hermine brauchte nicht zu fragen, um zu wissen, dass er sie für ihre Verbindung mit der Lestrange-Familie verabscheute und mit ihr gebrochen hatte. Bei den anderen wie George, Angelina, Dean und Seamus konnte sie nur mutmaßen, was wohl in ihnen vorging, wenn sie Hermine händchenhaltend mit Rabastan sahen. War es Enttäuschung oder Wut? Ihre Gesichter waren wie versteinert. Hermine fragte sich, wie viel von ihnen wussten, dass sie von Rabastan ein Kind erwartete und welche Geschichte dahinter steckte. Sie war froh darüber, dass zumindest Amycus, Vanessa, Lucius, Andromeda und Draco da waren, die ihr ermutigend zunickten. Sie waren ihre Verbindung zur anderen Seite.
Es war wohl die Ironie in Hermines Lebensgeschichte, dass die einzige Möglichkeit, wie Voldemort vernichtet werden konnte, die Verbindung aus Schwarz und Weiß, der gemeinsame Kampf zwischen Todessern und Widerstand war und dass es ausgerechnet sie, Hermine Granger, war, die diese einzigartige Zusammenarbeit möglich gemacht hatte. Sie hatte das geschafft, woran Dumbledore und Harry gescheitert waren, weil sie als Einzige verstanden hatte, was wirklich zu tun war. Das Geheimnis zum Sieg lag nicht im Kampf gegeneinander, sondern im Kampf miteinander.
Dumbledore hatte am Ende Recht gehabt. Die Macht der Liebe, die stärkste Form der Magie, die Voldemort bis zum Schluss nie verstanden hatte, sollte tatsächlich sein Untergang sein. Doch hatte Dumbledore nicht vorhergesehen, dass es nicht Lily Potters Liebe zu ihrem Sohn war, die ihnen helfen und Voldemorts Schicksal besiegeln würde, sondern die Liebe zwischen einem Todesser und Hermine, die die beiden Seiten vereinte und Voldemort ohne seine Anhänger machtlos machen würde. Es war seltsam, dass die Prophezeiung über Hermines und Rabastans Kind keine Hinweise darauf gab oder gar von Hermine als Auserwählter sprach.
Hermine fühlte sich ein wenig klein, als sie und die vier Todesser sich dem zahlenmäßig weit überlegenen Widerstand gegenübersahen. Nur ihr Plan und ihre Bedeutung gaben ihr Mut und Kraft für das Kommende. Als sie die Anwesenden nacheinander betrachtete, erinnerte sie sich an die glücklichen Zeiten aus der Vergangenheit zurück, doch musste sie sich eingestehen, dass sie nicht mehr in diese Welt gehörte. Sie gehörte jetzt zu jemand anderem.
Arthur Weasley trat nach vorne.
„Der Widerstand wird Voldemort bekämpfen, koste es, was es wolle", sagte er. „Wir müssten eigentlich nur wissen, ob wir dabei auf euch zählen können oder ob wir auf unterschiedlichen Seiten stehen werden."
Rabastan ergriff das Wort. „Diese Entscheidung ist mir, meinem Bruder und Antonin nicht leicht gefallen, das könnt ihr mir glauben. Wir alle haben praktisch unser ganzes Leben lang für den Dunklen Lord gekämpft. Dabei haben nicht nur auf euer Seite viele Kämpfer ihr Leben verloren. Ich selbst habe einige Menschen in meinem Leben verloren, die mir sehr wichtig waren. Egal zu welchem Zeitpunkt in meinem Leben und aus welchem Grund auch immer, ich hätte den Dunklen Lord immer in allem unterstützt. Ich hätte sogar mein Leben für ihn gegeben. Wir alle hätten das, aber jetzt haben sich die Dinge geändert."
Es kostete Rabastan sehr viel Überwindung, die nachfolgenden Worte laut auszusprechen: „Der Dunkle Lord hat sich von uns und unserer Sache abgewandt und nicht nur das. Er hat sich selbst gegen uns, seine eigenen Gefolgsleute gewandt. In den letzten Monaten sind deswegen nicht wenige Leben zerstört worden. Wir sehen, dass es so nicht weitergehen kann. Wir sehen uns außerstande den Dunklen Lord noch weiter zu unterstützen. Deshalb werden wir uns euch im Kampf gegen ihn anschließen."
Erleichterung trat auf Arthurs Gesicht. Er nickte. „Das heißt, wir gehen recht in der Annahme, dass ihr drei mit uns zusammen gegen Voldemort kämpfen werdet?"
„So ist es", sagte Rabastan.
„Ihr drei also. Was ist mit den anderen Todessern? Gibt es noch andere, die unsere Sache unterstützen würden?"
„Schwer zu sagen. Ich sehe bei ein paar von ihnen vielleicht die Möglichkeit, dass wir sie überzeugen könnten", sagte Dolohow.
„Bei wem?"
„Selwyn auf jeden Fall, denke ich, vielleicht Travers und Yaxley. Avery könnte ich mir auch vorstellen."
„Das sind zu wenige", sagte Lucius ernst. „Wenn wir den Dunklen Lord wirklich besiegen wollen, dann müssen wir alle alten Todesser mit ins Boot holen. Nach diesen Vorfällen mit Rookwoods Nichte und Selwyns Familie werden sie alle in Angst um ihre Familien leben. Sie fürchten die Bestrafung des Dunklen Lords. Ich möchte sie nicht in die Lage bringen, gegen uns zu kämpfen und für den Dunklen Lord ihr Leben aufs Spiel zu setzen."
„Lucius hat vollkommen Recht", sagte Rabastan. „Das sind immer noch unsere Leute. Nicht wenige kenne ich seit meiner eigenen Schulzeit. Keiner von ihnen soll noch für den Dunklen Lord verletzt oder getötet werden."
„Meine Schwester ist noch in Hogwarts. Ich will nicht, dass ihr etwas passiert", gab Amycus zu bedenken.
„Gut, dann müsst ihr eure Leute dazu bringen, auf unsere Seite überzuwechseln", sagte Kingsley.
„Außerdem dürfen sie uns nicht im Weg stehen", meinte Andromeda. „Sonst wird unser Unterfangen ein Ding der Unmöglichkeit werden."
„Bei einem werden wir kein Glück haben", warf Rodolphus ein. „Greyback. Da er ja jetzt offenbar der neue Liebling des Dunklen Lords ist, werden wir es mit ihm sicher zu tun bekommen. Dafür sollten wir uns eine Strategie überlegen."
„Keine Sorge, ich arbeite da an etwas", verkündete Amycus. „Greyback wird das Lachen bald vergehen."
„Selbst, wenn ihr auf unserer Seite kämpft, bleibt da aber immer noch eine Sache", sagte Bill. „Wenn Voldemort vernichtet ist, dann seid ihr immer noch Todesser. Viele von euch sind nur wegen Voldemort aus dem Gefängnis entkommen, wo ihr eigentlich sitzen würdet und wieder hin müsst, wenn das Ganze hier vorbei ist. Auch wenn ihr uns helft, macht das eure Verbrechen nicht ungeschehen."
„Das ist allerdings wahr", pflichtete ihm Kingsley bei und nickte.
„Da müsst ihr mich schon im Leichensack nach Askaban schicken", sagte Dolohow und seine Gesichtszüge verhärteten sich sofort. „Freiwillig gehe ich sicher nicht dorthin zurück."
Jetzt war Hermines Stunde gekommen. Die ganzen letzten Tage hatte sie sich eine Lösung für dieses Dilemma überlegt.
„Was ich jetzt sagen werde, wird euch nicht gefallen, aber es muss sein, so schmerzhaft es auch sein mag. Ich möchte nicht, dass die Todesser bestraft werden."
Wie zu erwarten erntete sie Proteststürme. Hermine überging die wütenden Reaktionen ihrer Freunde einfach. „Ruhe! Seid still! Ich will nichts mehr davon hören", rief sie über alle anderen hinweg, die daraufhin verstummten.
„Ich kann das nicht mehr", sagte sie mit Tränen in den Augen und die Worte kamen aus dem tiefsten Inneren ihres Herzens. „Ich ertrage das alles einfach nicht mehr. Ich will einfach nur mit Rabastan glücklich werden. Es muss irgendwann vorbei sein. Die Todesser werden uns helfen, Voldemort zu vernichten und danach ist es vorbei. Keine Gerichtsverhandlungen mehr, kein Gefängnis mehr, ich will das alles nicht mehr. Sind sie nicht schon genug gestraft? Ein Mann hat seine Frau, die Mutter seiner drei Kinder, auf grausame Weise verloren, weil er nicht verhindert hat, dass ihr mich befreit. Sind wir nicht schon genug gestraft, weil wir Harry, Ron und so viele andere verloren haben? Wollen wir noch mehr Leid erzeugen, weil wir Dinge aus einer völlig irrelevanten Vergangenheit aufwiegen, die wir ohnehin nicht mehr ändern können, egal, wie viele Leute wir ins Gefängnis stecken? Deshalb müssen wir aufhören, uns zu bekriegen. Wir wollen alle nur ein glückliches Leben haben und wir wollen, dass es unseren Familien gutgeht. Ich ertrage das einfach nicht mehr, wie alle leiden. Ich möchte nie wieder, dass jemand meinetwegen zu Schaden kommt, egal wer es ist."
Sie wandte sich an Dolohow und Melinda.
„Deshalb schließen wir einen Kompromiss. Wenn die Todesser uns helfen, Voldemort zu vernichten, dann werden sie für ihre Verbrechen keine Konsequenzen fürchten müssen. Die einzige Bedingung ist, dass sie binnen drei Tagen nach unserem Sieg ihre Familien nehmen, das Land verlassen und ins Ausland ins Exil gehen. Sie werden nie wieder zurückkommen und nie wieder britischen Boden betreten. Das gilt für alle. Nur die, die wie Rabastan, Rodolphus, Lucius und Amycus Verbindungen auf unsere Seite haben, dürfen bleiben. Diejenigen, die nicht mit uns kämpfen und die dumme Entscheidung treffen, sich uns in den Weg zu stellen, die werden mit ihrem Leben bezahlen."
Totenstille legte sich über den Raum. Niemand wagte es, Hermine zu widersprechen. Dolohow nickte.
„Sie sind eine harte Verhandlungspartnerin, Ms. Granger. Also gut, wir werden die Botschaft übermitteln. Hoffen wir mal, dass möglichst viele kooperieren werden."
„In ihrem eigenen Interesse."
