Kapitel 5
Harry erwachte am nächsten Morgen noch vor der
Dämmerung.
Erstaunt stellte er fest, dass er sich besser als
je zuvor fühlte. Er verspürte auch keine Schmerzen mehr.
Er
setzte sich im Bett auf und streckte sich. Dann warf er einen Blick
zum Fenster. Die ersten Sonnenstrahlen erklommen langsam sein Zimmer.
Die Uhr auf dem Schreibtisch zeigte, dass es halb sechs war. Sein
Blick fuhr durchs Zimmer. Alisa lag noch vor dem Kamin und schlief
friedlich. Dann stutze er.
Vorsichtig betastete er sein Gesicht.
Tatsächlich, er trug keine Brille konnte aber dennoch problemlos
sehen. Aber wie...?
Dann stutzte er wieder. Seine Haare fühlten
sich seltsam glatt unter seinen Fingern an und vor
allem...länger.
Langsam stand Harry auf und ging in das
angrenzende Badezimmer.
Am Rande bemerkte er noch, das Alisa
offenbar aufgewacht war, ihn ansah und dann das Zimmer
verlies.
Verwundert betrachtete Harry sein Spiegelbild. Ein
vollkommen fremdes Gesicht sah ihn daraus an. Er sah ein fein
geschnittenes, blasses Gesicht, mit blutroten Lippen, die zum küssen
einluden. Eine kleine Stupsnase und darüber große,
mandelförmige, smaragdgrüne Augen, die einen goldenen
Streifen um die Pupille aufwiesen. Hüftlanges, schwarzes Haar,
mit ein paar dunkelblau schillernden Strähnen umrahmten das
Gesicht. Ein geschmeidiger, leicht unterernährter, schmaler
Körper mit leicht ausgeprägten Bauchmuskeln und
feingliedrigen Armen, Beinen, Händen und Finger, ohne
irgendwelche Narben oder Blessuren, die seine Verwandten ihm zugefügt
hatten. Mehrere Minuten starrte er einfach nur wie hypnotisiert in
den Spiegel.
War das wirklich er? Aber wieso sah er auf einmal so
anders aus? Und wie war das passiert?
Harry verstand die Welt
nicht mehr. Dann hörte er Schritte auf dem Flur. Seltsam, die
Zimmertür war dick und schwer, und der Flur einige Meter vom
Badezimmer entfernt. Wie konnte er da Schritte hören?
Ein
leises knarren verriet, das die Tür geöffnet
wurde.
"Harry?" fragte eine leise Stimme. Toms Stimme.
"Ja",
bei dem Klang seiner Stimme zuckte er leicht zusammen. Sie klang
weich und anschmiegsam. Wie eine wunderschöne Melodie, die nicht
von dieser Welt kam.
Schritte durchquerten das Zimmer. Näherten
sich der Badtür. Dann stand Tom in der offenen Tür und sah
Harry verwundert an.
"Also hatte Alisa recht", meinte er
atemlos.
"Tom, was...was ist passiert, warum...", fragte Harry
verwirrt.
Tom lächelte nur.
"Komm. Setzen wir uns, dann
kann ich es dir besser erklären."
Dann drehte er sich um
und ging zur Couch, die im Zimmer stand.
Harry folgte ihm langsam.
Setzte sich auf einen Sessel, und zog schützend die Beine an
seinen Körper, welche er mit beiden Armen umschlang.
"Harry,
du weißt, das die Potters eine alte Zaubererfamilie ist,
oder?"
Harry nickte.
"Nun, dein Großvater war, so
viel ich weiß, ein Halbvampir, deine Großmutter hingegen
eine Veela. Vampire und Veelas erwachen, wie du sicher weißt,
an ihrem 17ten Geburtstag. Da dein Vater aber weder zur Veela, noch
zum Vampir erwachte, wurde angenommen, das Blut der beiden Rassen
würde sich nicht vertragen, und deshalb außer Kraft
gesetzt. So wie es aussieht, hatten sie unrecht. Weshalb die
Verwandlung bei deinem Vater nicht eingesetzt hat, weiß ich
nicht. Du hingegen scheinst dieses Blut geerbt zu haben, und da heute
dein 17ter Geburtstag ist, ist dein Erbe erwacht. Alisa hat mir
erzählt, das du um Mitternacht anfingst, seltsam zu leuchten. Da
es aber bald wieder aufhörte, hat sie sich nichts dabei gedacht.
Du scheinst die Eigenschaften beider Rassen zu besitzen. Du hast das
unwiderstehliche Aussehen einer Veela, durch den Vampireinfluss aber
nicht die, eigentlich für Veelas typischen hellen Haare und
Augen. Der goldene Ring um deine Pupillen, nehme ich an, ist durch
den Vampir in dir entstanden und stellt sicher, dass du auch nachts
sehen kannst. Alles weitere wird sich mit der Zeit zeigen.",
schloss Tom seine Erklärung.
Harry hatte ihm aufmerksam
zugehört. Dann meinte er leise.
"Dann bin ich jetzt kein
Zauberer mehr?"
"Du bist eine Mischung aus Zauberer, Vampir
und Veela."
"Aber nichts bin ich wirklich. Ich bin wieder
anders als alle anderen", meinte Harry leise.
"Nicht ganz
Harry. Solch Mischlinge gibt es viele. Sieh dir Draco an, er ist eine
Halbveela. Oder Blaise ist ein Halbvampir. Trotzdem sind sie noch
Zauberer. Ebenso wie du. Sieh es doch von der positiven Seite. Du
kannst besser sehen, hören und riechen als andere. Deine
magische Kraft ist größer als vorher und du hast viele
Fähigkeiten, von denen die meisten nur träumen
können."
"Ich bin nicht allein?"
"Nein. Wir sind
alle noch da. Du bist der gleiche Mensch wie vorher."
Tom
lächelte Harry aufmunternd zu, der ihn unsicher ansah.
"Kann
ich...kann ich so zurück nach Hogwarts?"
"Nun, niemand
wird glauben, das du Harry Potter bist, es sei denn, wir legen eine
Illusion um dich."
Harry sah Tom einige Minuten nur an. Dann
meinte er leise.
"Und wenn ich nicht mehr Harry Potter sein
will?"
Tom sah den Jungen verwundert an.
"Wer willst du
dann sein?"
"Ein ganz normaler Zauberer. Kein prophezeites
Kind, sondern nur ein 17-jähriger Junge. Geht das?"
Tom
lächelte leicht. Das war es also. Harry sah eine Chance, dem
Käfig, in den Dumbledore und alle anderen Hexen und Zauberer ihn
steckten, dem berühmten Namen, der so viel von ihm forderte, zu
entfliehen. Und diese Chance wollte er wahrnehmen.
"Das könntest
du, wenn du es willst. Aber dann brauchst du einen neuen
Namen."
"Luzifer", murmelte Harry.
"Der gefallene
Engel?"
Harry nickte.
"Das passt. Und weiter?"
"Weiß
nicht."
"Überleg dir was. Dir muss er gefallen."
Alisa
kam wieder herein. Harrys Blick fiel auf ihr schwarzes
Schuppenkleid.
Dann sah er Tom an.
"Wie wär's mit
Luzifer Salazar Black?"
"Weshalb Salazar?"
"Ich mag den
Namen."
"Gut. Dann, Luzifer Salazar Black. Ich sage Severus,
er soll dich unter dem Namen in Hogwarts anmelden. Den Rest überlegen
wir uns noch. Und jetzt zieh dich an, dann gehen wir frühstücken.
Ich warte vor der Tür", damit stand Tom auf und ging zur
Tür.
"Tom?" fragte Harry zögerlich.
Angesprochener
blieb stehen und drehte sich um.
Harry sah ihn ängstlich und
schutzbedürftig an.
"Wenn ich eine Veela bin, wie wirke ich
dann jetzt auf andere?"
Tom seufzte schwer.
"Auf normale
Zauberer unwiderstehlich."
"Und auf nicht normale
Zauberer?"
"Auf Vampire schutzbedürftig, ebenso auf
andere Veelas. Auf mich wie ein Kind, das in einer viel zu großen
und grausamen Welt verloren ging. Bleib am besten in der Nähe
von Draco und Blaise. Die beiden werden auf dich aufpassen und dir
helfen, mit deinen Fähigkeiten umzugehen und sie zu
kontrollieren."
Dann drehte Tom sich wieder um und verließ
das Zimmer, bevor er noch etwas tat, was Harry verschreckt und
verängstigt hätte. Er hatte es Harry nicht sagen können.
Noch nicht. Er hatte ihm nicht sagen können, das sie gleich
waren...
