Kapitel 28
Harry machte sich erst einmal auf den Weg in sein Zimmer.
Er konnte ja nicht mit dem Bettlaken um die Hüften seine Prüfung
schreiben. Unterwegs unterhielt er sich mit Krenjo, wie sie das mit
der Prüfung machen sollten.
'Wie willst du eigentlich die
Prüfung mitschreiben?'
'Na ja, zum einen könntest du
mir deinen Körper für ein paar Stunden überlassen. Ich
glaube aber, dazu kennen wir uns noch nicht lange genug. Zum anderen
kann ich ja durch deine Augen sehen. Dann sag ich dir einfach, was du
schreiben musst. So lange du mir nicht antwortest, dürfte dein
Blick klar bleiben.'
'Wir machen das Zweite. Aber sag mal,
heißt das, wenn ich absolut keinen Bock mehr habe, kann ich
dich in meinen Körper lassen und habe meine Ruhe?'
'Ja.
Du würdest in den Garten kommen. Dabei gibt es dann zwei
Möglichkeiten. Zum einen kannst du unsere Verbindung benutzen
und mit mir in Kontakt bleiben. Zum anderen kannst du die Verbindung
unterbrechen und hast so lange deine Ruhe, bis ich nachsehen komme,
was mit dir los ist.'
'Kannst du die Verbindung auch
trennen?'
'Ja. Aber ich werde es nur tun, wenn du es möchtest.
Weißt du, ich war sehr lange alleine, da tut es mir gut, wieder
Kontakt zu anderen zu haben.'
'Warum bist du im Garten
eigentlich noch immer alleine?'
'Weil wir so lange im Körper
unserer Wiedergeburt wohnen, bis der erste Kontakt zwischen uns
hergestellt wurde.'
'Wenn du die ganze Zeit bei mir warst, wie
kommt es dann, dass du meine Freunde nicht gekannt hast?'
'Wir
befinden uns hinter einem Siegel und können nichts sehen oder
hören. Nur fühlen.'
'Du hast alles gefühlt, was
ich auch gefühlt habe?'
'Ja. Teilweise habe ich es auch
gesehen, wenn du schreckliche Angst hattest und innerlich um Hilfe
gebeten hast. Leider waren mir die Hände gebunden. Ich hätte
dir so oft gern geholfen.'
'Schon okay. Ist nicht deine
Schuld.'
'Aber ab jetzt wird Üleus auf dich
aufpassen.'
'Du kennst ihn?'
'Ja. Er war mal mein
Haustier. Ist anscheinend in dieser komischen Gasse wiedergeboren
worden, er hat wohl gespürt, das du in der Nähe bist und
sich deshalb geregt.'
'Ach so. Warte mal. Hast du in meinen
Gedanken gewühlt?'
'Ja, sorry.
Aber nur in den glücklichen. Die anderen habe ich bei meiner
Erweckung hinter einer Mauer verbarrikadiert. Wenn du dazu bereit
bist, werden wir sie eine nach der anderen gemeinsam bewältigen.
Bis dahin werde ich dich von ihnen verschonen.'
'Danke. Das
können wir machen. Aber bitte nicht in nächster
Zeit.'
'Natürlich. Du entscheidest, wann und
wo.'
'Danke', damit klinkte Harry sich wieder aus ihrer
geistigen Verbindung aus und betrat sein Zimmer, vor dessen Tür
er inzwischen angekommen war. Neben dem Kamin auf einer Stange, die
vermutlich ein Hauself in der Zwischenzeit befestigt hatte, saß
Üleus und sah ihn treuherzig an. Er war wieder sauber und sein
Gefieder leuchtete geradezu. Vor dem brennenden Kamin, immerhin war
es draußen trotz der Jahreszeit schon verdammt kalt geworden,
lag Alisa zusammengerollt. Anscheinend schienen sich beide prächtig
zu verstehen. Auch Alisa hob den Kopf und sah Harry an.
Guten
Morgen, Harry. Wie geht esss dir?
Gut. Keine Sssorge. Esss
ist allesss wieder in Ordnung. Du ssscheinssst dich mit Üleussss
gut zu verstsssstehen.
Ja. Er isssst sssehr nett und
möchte dich, ssso wie ich, bessschützzzzen.
Harry
nickte ihr lächelnd zu. Dann fiel sein Blick auf seinen
Schreibtisch. Dort stand ein ziemlich korpulenter Mann mit
Halbglatze. Harry kannte ihn. Er hatte auch vor zwei Jahren die
Prüfungen in Hogwarts abgenommen.
"Guten Morgen", meinte
Harry und setzte Augenblicklich seine Maske aus gelangweilter
Überheblichkeit wieder auf, die er schon in der Winkelgasse
benutzt hatte.
"Guten Morgen, Mister Black. Können wir mit
der Prüfung beginnen?"
"Ich würde vorher gerne noch
duschen und mich anziehen. Der Morgen war leicht chaotisch", meinte
Harry und ging erhobenen Hauptes zum Schrank, den er öffnete und
wahllos eine Hose, ein Hemd, Socken und Unterwäsche
herausholte.
"Aber der Zeitplan...", begann der Prüfer.
Harry aber schnitt ihm das Wort ab.
"Keine Sorge, ihr Zeitplan
wird nicht verändert werden müssen. Setzten sie sich doch,
während ich im Bad bin. Es dauert nicht all zu lange und die
Prüfung beginnt so oder so erst in einer halben Stunde. Immerhin
ist es erst neun."
Der Prüfer warf einen vorsichtigen Blick
zu Alisa. Er schien nicht gerade erpicht darauf zu sein, der Schlange
zu nahe zu kommen.
Harry bemerkte den Blick.
"Keine Angst. So
lange sie mich und sie nicht gefährden, wird Alisa ihnen nichts
tun", mit diesen Worten verschwand Harry im angrenzenden Bad,
verschloss und versiegelte die Tür hinter sich und ließ
den Prüfer mit seinen Haustieren allein. Harry war es in diesem
Moment eigentlich egal, ob Alisa den Prüfer biss oder nicht.
Seufzend ließ er das Bettlaken fallen, legte seine frischen
Klamotten auf eine Anrichte und stieg unter die Dusche.
Er hörte
Krenjo innerlich kichern.
"Was?" fragte er laut.
'Du hast
doch was von mir. Diese gelangweilt überhebliche Art. So habe
ich mich vor Feinden oder vor Leuten, die ich nicht leiden konnte,
benommen.'
"Echt?"
'Ja, aber warum ausgerechnet
gelangweilte Überheblichkeit?'
"Um den Eisklotz zu mimen
bin ich zu sensibel und für eine arrogante Antwort wurde ich von
meinem Onkel mal fast tot geprügelt. War die einzige
Alternative, die mir noch einfiel. Als Hagrid dann aber meinte, ich
wäre berühmt, hab ich mir eine neue Maske zugelegt, die
dazu passen sollte."
'Fröhlich, naiv, unschuldig und
abenteuerlustig?'
"Ja. Ich habe gedacht, das passt am besten
zu der Situation."
'Ach so. Und jetzt wieder gelangweilte
Überheblichkeit.'
"Ja. Immerhin werde ich dieses Jahr
alles daran setzen, nach Slytherin zu Draco, Blaise und Pansy zu
kommen. Da passt dieses Auftreten vor den anderen Schülern immer
noch am besten."
'Stimmt.'
Das Gespräch verstummte
wieder, während Harry aus der Dusche stieg und sich abtrocknete.
Dann schlüpfte er in die schwarze Hose und das dunkelblaue, fast
schwarze, Hemd, das er gegriffen hatte. Auf dem Hemdkragen und den
Ärmeln entdeckte er dabei silberne Schlangen, die sich um die
Handgelenke und den Hals zu winden schienen.
"Ich glaube, wenn
ich das nächste Mal Klamotten kaufen gehe, nehm ich Draco wieder
mit. Der Junge hat echt guten Geschmack."
'Mach das. Auf mich
brauchst du da nicht zählen. Meine Klamotten haben mir früher
Kana und Kilas ausgesucht.'
"Echt? Ach ja, mal was anderes,
wenn ich die Wiedergeburt von Kana sehe, kannst du mir dann sagen,
das sie es ist?"
'Klar kann ich das. Wenn ich in die Augen der
betreffenden Person sehen kann, kann ich dir auch sagen, ob er oder
sie eine Wiedergeburt ist. Und wenn ich die wiedergeborene Person
kannte, kann ich dir auch sagen, wer das ist oder war. Je nach
dem.'
"Okay. Oh man."
'Was?'
"Das dauert immer
so lange, bis meine Haare wenigstens halbwegs trocken sind, aber
abschneiden will ich sie nicht."
'Konzentrier dich drauf. Es
gibt so ziemlich nichts, was du mit etwas Konzentration nicht
beeinflussen oder beherrschen könntest.'
"Was meinst du
mit so ziemlich nichts."
'Kanas Zauber kannst du nicht
abändern oder so. Ebenso wie du sie selbst nicht kontrollieren
kannst. Aber sonst, habe ich keine Grenzen festgestellt. Nur
Kana.'
"War das bei ihr genauso?"
'Ja. Wir konnten
einander noch nie beeinflussen. Deshalb haben wir die verschiedenen
Zauber auch nicht zum üben aufeinander angewandt. Hätte
sowieso nichts gebracht.'
"Aha", meinte Harry, konzentrierte
sich wieder und wenige Sekunden später waren seine Haare wieder
trocken. "Super."
'Hab ich's nicht gesagt.'
"Danke
Krenjo. Aber jetzt sollten wir nachgucken, ob unser Prüfer noch
lebt, oder ob er inzwischen vor Angst gestorben ist", kicherte
Harry. Dann ging er zur Tür, entsiegelte sie, setzte seine Maske
auf und trat wieder ins Zimmer. Der Prüfer saß auf dem
äußersten Ende der Couch und betrachtete verängstigt
die Schlange.
Harry grinste innerlich.
"Wir können
anfangen, wenn sie so weit sind."
"Natürlich", meinte
der Prüfer und sprang auf. Dann begann er in einer Aktentasche,
die neben ihm stand, zu wühlen.
Harry ging an ihm vorbei zu
Alisa.
Na Kleinesss war er brav?
Ja, aber er
ssscheint Angsst vor mir zzzu haben.
Harry war sich ziemlich
sicher, ein belustigtes glucksen von Alisa zu vernehmen.
Komm
her. Ärgern wir ihn ein bisssschen, dann lässssst er mich
wenigssstenssss in Ruhe die Prüfung sssschreiben und sssschindet
keine ZZZZeit.
Meinte Harry und streckte Alisa seinen Arm hin.
Diese verstand sofort, schlängelte sich den Arm hoch und blieb
auf Harrys Schultern liegen, ihren Kopf treuherzig rechts neben
seinen gelegt und ihren Schwanz um Harrys linken Oberarm
geschlängelt.
Als der Prüfer das sah, wurde er kalkweiß,
sagte aber nichts. Er legte nur den Prüfungsbogen auf den
Schreibtisch und wich dann, als Harry auf ihn zuging so weit wie
möglich aus um der Schlange ja nicht zu nahe zu kommen.
Harry
hingegen setzte sich an den Schreibtisch, wühlte kurz in den
Schubladen und holte dann ein Tintenfass, eine Schreibfeder und
einige Bogen Pergament hervor. Dann sah er zum Prüfer.
"Wann
genau kann ich anfangen und wie lange habe ich Zeit."
Der Prüfer
hatte sich inzwischen wieder auf die Couch zurückgezogen, wobei
er auch zu Üleus Abstand hielt. Er schien beiden Tieren nicht
wirklich zu trauen. Immerhin war es äußerst seltsam, dass
sich eine Phönixart, was er dachte, dass der Vogel wäre,
und eine Schlange sich gut verstanden. Vor allem nicht, wenn diese
Schlangenart zur gefährlichsten und giftigsten gehörte, die
bekannt war, auch wenn augenscheinlich beide noch Jungtiere waren, so
waren sie ihm trotzdem unheimlich.
"Sie können sofort
beginnen. Sie haben insgesamt zweieinhalb Stunden Zeit", meinte der
Prüfer mit leicht zitternder Stimme. Harry bekam Mitleid mit dem
Mann und stieß einen Pfiff aus. Üleus erhob sich sofort
und landete, da die Schultern besetzt waren, auf Harrys Schreibtisch.
Dann beugte der Schwarzhaarige sich über seine Aufgaben. Als er
das erleichterte Ausatmen des Prüfers hörte, musste er
grinsen. Dann konzentrierte er sich aber auf die Fragen und begann zu
schreiben, während Alisa und Üleus ihm interessiert
zusahen.
