Kapitel 30
Lange Zeit saßen Harry und Tom so
aneinandergekuschelt auf dem Boden von Toms Zimmer, bis ein
plötzliches Magenknurren von Harry die Stille durchbrach.
Der
Schwarzhaarige lief feuerrot an, und nuschelte ein
"Tschuldigung."
"Schon gut, Liebling. Ich bin froh, dass du
wieder wenigstens halbwegs anständig isst. Und wenn ich mich
recht erinnere, hattest du heute auch noch kein Frühstück."
"Mhm.
Der Tag heute hat ziemlich chaotisch begonnen. Tut mir leid, dass ich
dich verletzt habe."
"Ist okay. Du warst noch nicht ganz du
selbst. Aber willst du mir nicht erzählen, was passiert
ist."
"Nicht jetzt, bitte."
"Hm. Ich habe eine Idee.
Wir gehen jetzt erst mal was essen und vergessen das Thema, und heute
Abend kuscheln wir uns irgendwo zusammen, und erzählen uns
gegenseitig etwas aus dem Leben des anderen. Immerhin kennen wir uns
ja kaum. Was hältst du davon?"
Harry dachte kurz nach.
"Du
musst mir auch nichts erzählen, wenn du nicht willst", fügte
Tom noch hinzu.
"Okay. Ich will gern mehr über dich
erfahren", meinte Harry leise.
"Na also. Und jetzt komm, gehen
wir was essen", sagte Tom und wollte aufstehen. Harry weigerte sich
aber, ihn loszulassen, wodurch Toms Versuch nicht gerade von Erfolg
gekrönt war. "Was ist denn, mein kleiner Panther?"
"Können
wir hier essen? Ich mag die anderen jetzt nicht sehen. Vor allem
wollte ich dir doch noch was erzählen", sagte Harry und sah
Tom aus großen Augen flehentlich an.
Der seufze nur. Gegen
so einen lieben und süßen Blick konnte er sich nicht
wehren, geschweige denn, dass er es überhaupt gewollt hätte.
"Na
gut. Essen wir hier", lächelte der Ältere den
Schwarzhaarigen an und rief dann: "Dilas."
"Wer ist das
eigentlich?"
"Der Haupthauself. Er hat den größten
Einfluss unter den Hauselfen."
"Sie wünschen, Master
Tom?" fragte der Elf, der neben ihnen erschien. Sollte er
überrascht sein, dass sein Master mit einem jungen Mann auf dem
Schoß auf dem Boden saß, ließ er es sich nicht
anmerken.
"Wir würden gerne hier essen. Kannst du uns was
hochbringen?" fragte Tom.
"Natürlich Master Tom, sofort"
meinte Dilas, verbeugte sich vor den beiden, und verschwand
wieder.
"Irgendwie behandelst du deine Hauselfen besser, als du
Bella vorhin behandelt hast", meinte Harry und sah den Älteren
verwundert an.
"Das liegt daran, dass ich Bella nicht so gut
kenne, wie meine Hauselfen."
"Aber zu Lucius, Severus, Zissa,
Mum und Paps bist du auch nicht so grob."
"Das liegt daran,
dass sie zu meinem Inneren Kreis gehören. Sie kennen mich besser
als die anderen Todesser, und sind auch die einzigen, die mir mal die
Leviten lesen dürfen, wenn ich Mist gebaut habe, allerdings nur,
wenn wir unter uns sind."
"Und Draco? Der meckert dich doch
auch an."
"Ja, und das ist allein deine Schuld. Du vertraust
doch Pansy, Blaise und Draco, oder?"
"Ja, warum fragst
du?"
"Ganz einfach, weil ich sie damit zu deinem Inneren Kreis
zähle, und sie somit ebenso viele Rechte haben, wie mein Innerer
Kreis."
"Ich kriege meinen eigenen Inneren Kreis?"
"Natürlich.
Ich möchte nämlich, dass du dich dieses Jahr um die
Ausbildung in Hogwarts von unseren Anwärtern kümmerst.
Somit hast du deine eigene Truppe, und brauchst damit auch Leute,
denen du bedingungslos vertrauen kannst, und die dich stützen.
Was nach der Schule ist, sehen wir später. Und ich wäre dir
sehr verbunden, wenn du aufstehen würdest. Der Boden ist
verdammt hart, und wird mit der Zeit ziemlich ungemütlich."
"Schlaf
du erst mal ein paar Wochen ohne Decke auf einem Steinboden, dann
reden wir wieder darüber, was ungemütlich ist", brummte
Harry.
"Willst du darüber reden?"
Harry
seufzte tief.
"Einerseits ja, weil ich dir vertraue und
dir glaube, dass du mich lieb hast, aber andererseits habe ich Angst,
dass du mich dann nicht mehr magst."
"Warum sollte ich dich
nicht mehr mögen? Und komm jetzt bloß nicht wieder damit,
dass du dumm und hässlich bist. Dass stimmt nämlich
nicht."
"Weil ich so schwach bin", flüsterte
Harry.
"Liebling, du bist nicht schwach. Du warst ein Kind und
konntest dich gar nicht wehren. Du musst es mir auch nicht erzählen,
wenn du nicht willst. Aber bitte, versprich mir, dass du irgendwann
mit jemandem darüber reden wirst, sonst wird es dich von innen
heraus auffressen und zerstören, und das will ich nicht",
meinte Tom, zog Harry wieder näher an sich, und streichelte ihm
liebevoll über den Rücken. "Dafür liebe ich dich
viel zu sehr."
"Das Erste, an was ich mich erinnere war, als
ich vier war. Ich...ich habe in der Küche abspülen
müssen...weil ich noch so klein war, stand ein Schemel vor der
Spüle, damit ich ran kam", begann Harry zögerlich zu
erzählen. Krenjo lächelte innerlich leicht, ehe er ihre
Verbindung trennte. Das sollten die beiden unter sich ausmachen. Tom
hörte still zu und streichelte weiter beruhigend über
Harrys Rücken.
"Der Schemel hat gewackelt und ist
umgekippt. Dabei bin ich runter gefallen und ich habe mich vor
Schreck an dem Gitter festgehalten, wo das gespülte Geschirr
drauf lag. Es ist alles dabei kaputt gegangen. Da hat Onkel Vernon
mich zum ersten mal richtig verprügelt. Ich hab danach gar nicht
mehr richtig stehen können, und mir hat alles weh
getan...danach musste ich den Keller ausräumen, und habe für
die nächste Woche nicht zum essen bekommen...da hat es
angefangen, glaube ich.
Von dem Tag an hat Onkel Vernon mich jedes
mal verprügelt, wenn mir was runter gefallen ist, oder wenn er
der Meinung war, dass ich meine Arbeit nicht ordentlich gemacht habe,
was eigentlich fast jeden Tag war. Ich bekam nur noch einmal am Tag
was zum essen, und da auch nur eine Scheibe Brot. Was getrunken habe
ich nachts, wenn meine Verwandten geschlafen haben. So ging es ein
paar Jahre, und irgendwann hatte ich mich an die Schläge
gewöhnt. Dann, an meinem siebten Geburtstag, da waren meine
Tante und mein Cousin für eine Woche bei einer Bekannten, hatte
Onkel Vernon ein paar Freunde eingeladen...sie saßen im
Wohnzimmer und hatten getrunken...ich war dafür zuständig,
sie zu bedienen...irgendwann hat dann einer gesagt...ich wäre
doch recht süß und...und ob mein Onkel sich schon mal mit
mir vergnügt hätte...ich hab gar nicht verstanden, was
sie meinten, und dann...dann meinte Onkel Vernon, dass er das bis
jetzt nicht gekonnt hätte...weil meine Tante ja immer da
war...und...und dass er das ja jetzt nachholen
könnte...dann...dann hat er mich gepackt und in Dudleys Zimmer
geschliffen und dabei noch gemeint...dass die anderen warten
sollten...sie wären auch gleich dran...ich...ich hatte
wahnsinnige Angst und...und habe um mich geschlagen...ich wollte
weglaufen aber...ich konnte nicht...", berichtete Harry stockend
und Tränen rannen seine Wangen hinunter. Tom hatte damit
angefangen ihn beruhigend hin und her zu wiegen. In seinem Inneren
zog sich alles zusammen, als er die Erzählung hörte und die
Wut auf Harrys Onkel stieg ins Unermessliche.
"Er...er hat mir
die Kleider runter gerissen und...und mich aufs Bett
geschmissen...dann hat er seine Hose aufgemacht und gemeint...ich
soll ihn in den Mund nehmen und daran saugen...ich hatte so große
Angst...ich konnte mich gar nicht bewegen...da hat er mir eine
runtergehauen und...und gesagt, wenn ich's nicht sofort
mache...dann...dann passiert was...und da hab ich's dann
gemacht...ich wollte doch nur, dass er mir nicht mehr weh
tut...aber...das war widerlich und dann...dann hat er mich
irgendwann zurückgeschubst und...und mich an meinen Füßen
gepackt...und dann...dann...", Harry brach schluchzend ab.
Tom
hielt ihn noch immer fest und auch ihm waren die ersten Tränen
gekommen. Er selbst wusste, wie es war, geschlagen zu werden. Und das
täglich. Aber er konnte sich nicht im entferntesten vorstellen,
wie ein erwachsener Mann einem siebenjährigem Kind so etwas
grausames wie eine Vergewaltigung antun konnte.
"...es hat so
weh getan...ich hab nur noch geschrien und...und mein Onkel hat
gelacht...dann weiß ich nichts mehr...alles ist schwarz
geworden, aber...aber ich habe ihn immer noch lachen gehört...",
schluchzte Harry weiter. Mit jedem Wort wurde seine Stimme
ängstlicher und verzweifelter.
Tom bemerkte das und
beschloss, einzugreifen, bevor Harry sich wieder in diesen grausamen
Erinnerungen verlor.
"Ganz ruhig, du musst nicht weiter
erzählen, es ist gut. Jetzt ist alles wieder in Ordnung. Ich bin
hier und ich lasse nicht zu, dass dir noch mal jemand so etwas
antut."
"Tom, warum? Warum hat er das gemacht? Was habe ich
schlimmes getan, dass er das gemacht hat? Was habe ich getan, um das
verdient zu haben? Was?" fragte Harry verzweifelt und krallte sich
haltsuchend an Toms Rücken fest.
"Nichts. Es war nicht
deine Schuld. Du kannst überhaupt nichts dafür. Du hast
nichts falsch gemacht."
"Aber warum. Ich versteh es nicht.
Warum?"
"Ich weiß es nicht, Harry. Ich weiß nicht
warum, aber eins weiß ich sicher. Das hat keiner verdient. Und
am aller wenigsten du."
Harry vergrub sein Gesicht noch mehr in
Toms Halsbeuge. Dieser ließ es einfach zu. Gab dem Jüngeren
Halt, Wärme und Geborgenheit, damit er die Trauer, Angst und
Einsamkeit hinter sich lassen konnte. Lange Zeit saßen sie so,
und hielten sich einfach fest. Irgendwann wurde der Griff, mit dem
sich Harry in Toms Rücken festgekrallt hatte, lockerer. Langsam
löste Tom sich von Harry, und stellte fest, dass der Jüngere
eingeschlafen war. Das alles musste ihn sehr mitgenommen haben. War
nur zu hoffen, dass er, wenn er aufwachte, noch normal war.
Vorsichtig nahm er Harry auf den Arm und trug ihn zum Bett, wo er ihn
langsam hinlegte, und sanft zudeckte. Dann warf er einen kurzen Blick
auf das inzwischen kalte Essen, das Dilas gebracht haben musste. Zum
Glück hatte man ihn nicht bemerkt, sonst wäre Harry
vielleicht unsicher geworden.
Nach einem kurzen Blick zum Bett
verließ er leise das Zimmer. Er wollte Harry nicht erschrecken,
wenn dieser aufwachte. Auf dem Flur traf er auf den Prüfer.
"Sir,
könnten sie mir sagen, wo Mister Black ist? Die Prüfung
beginnt in fünf Minuten und ich habe ihn seit heute Morgen nicht
mehr gesehen."
"Ich schicke ihn sofort zu ihnen", meinte Tom
nur in kaltem Ton, und ging Richtung Bibliothek davon.
"Draco?"
fragte er, als er die Tür öffnete.
Dieser blieb mitten
im Zimmer stehen. Er hatte die letzte Stunde damit verbracht unruhig
auf und ab zu laufen, als er feststellen musste, das weder Harry noch
Tom beim Mittagessen im Speisesaal waren.
"Was ist passiert?"
fragte er sofort und sicherte sich somit auch die Aufmerksamkeit von
Blaise und Pansy, die auf der Couch saßen, und versuchten sich
mit lesen abzulenken.
"Ich habe ihn in meinem Zimmer gefunden
und wir haben uns unterhalten. Das Gespräch hat ihn sehr
mitgenommen, und er schläft jetzt in meinem Bett. Ich wollte
dich bitten, zu ihm zu gehen, bis er aufwacht. Ich habe Angst, dass
er einen falschen Eindruck gewinnen könnte, wenn er aufwacht und
ich sitze neben ihm."
"Und was machst du in der
Zwischenzeit?"
"Ich mache die Prüfung für Harry. Der
Prüfer ist mir eben über den Weg gelaufen und hat nach
Harry gefragt. Ich möchte ihn aber nicht aufwecken. Nimm doch
Pansy und Blaise mit, dann hast du Gesellschaft, und Harry ist nicht
zu erschrocken, wenn er aufwacht."
"Geht klar", meinte
Blaise nur und stand auf. Pansy tat es ihm gleich. Tom legte schnell
noch eine Illusion über sich und ging dann zusammen mit Draco,
Pansy und Blaise in Richtung Harrys Zimmer.
Auf dem Flur trennten
sie sich, und während die drei jungen Erwachsenen Toms Zimmer
betraten, öffnete der dunkle Lord die Tür zu Harrys Zimmer.
Dort fiel sein Blick zu erst auf Üleus und Alisa, die ihn
besorgt musterten.
Wasss issst mit Harry? Wo issst er?
Er
liegt in meinem Zzzimmer und ssschläft. Keine Angssst, esss geht
ihm wieder gut und ich hab ihm nichtssss getan , antwortete
Tom.
Alisa entschlängelte sich und glitt an Tom vorbei aus
dem Zimmer um zu ihrem Herrn zu gelangen. Üleus folgte ihr im
selben Augenblick.
Dann wandte Tom sich an den Prüfer und
meinte, in einer perfekten Nachahmung von Harrys gelangweilt
überheblichem Tonfall.
"Verzeihen sie die Verspätung,
aber es gab ein paar Probleme, die erst noch gelöst werden
mussten."
"Oh. Fühlen sie sich in der Lage die Prüfung
zu schreiben, oder sollen wir sie verschieben?"
"Nein. Keine
Sorge. Wir können die Prüfung problemlos schreiben. Es ist
alles geklärt", meinte Tom und setzte sich an den
Schreibtisch, den er inzwischen erreicht hatte.
Der Prüfer
legte ihm die Prüfungsfragen vor und meinte.
"Sie können
sofort beginnen und haben ab jetzt zwei Stunden Zeit."
Tom
nickte nur, zum Zeichen, dass er verstanden hatte und begann zu
schreiben.
