Kapitel 31
Als Harry wenige Stunden später wieder erwachte,
fühlte er sich seltsam erleichtert. Es war, als wäre ein
Teil der Last, die er auf seiner Seele getragen hatte, verschwunden.
Dann kamen ihm wieder Toms Worte in den Sinn. Es war nicht seine
Schuld gewesen. Er konnte nichts dafür. Fast schon verzweifelt
klammerte er sich an diesen Worten fest. Er wollte ihnen so gerne
glauben, aber die Worte seines Onkels hatten ihn zu sehr verletzt,
als dass er sie so einfach vergessen könnte. Egal, wie sehr er
es sich auch wünschte.
'Nein, Harry. Nicht vergessen. Deine
Vergangenheit ist ein Teil von dir, egal wie schrecklich sie auch
sein mag. Sie hat dich zu dem gemacht, was du jetzt bist. Du darfst
sie nicht vergessen. Du musst lernen, damit umzugehen', hörte
er Krenjos Stimme in sich.
'Aber...das ist so schwer.'
'Ich
weiß. Aber du bist nicht alleine. Du hast Freunde, die bei dir
sind und dich stützen, wenn du strauchelst. Du musst ab jetzt
deinen Weg nicht mehr alleine gehen. Und Tom wird dich immer wieder
auffangen, solltest du stürzen auf deinem Lebensweg. Er wird
immer bei dir sein, wenn du es zulässt.'
'Aber bin ich
dann nicht zu schwach um es alleine zu schaffen? Ich will nicht
schwach sein.'
'Das hat nichts mit Schwäche zu tun. Um
Hilfe zu bitten, wenn man sie benötigt, zeugt nicht von
Schwäche, sondern von Stärke, weil man seine Grenzen
erkennt, aber trotzdem nicht vor ihnen zurückschreckt und sich
ihnen stellt. Nur so kann man stärker werden.'
'Also bin
ich nicht schwach?'
'Wärst du schwach, wärst du
jetzt nicht hier, sondern hättest deine Qualen schon längst
selbst beendet oder einfach aufgegeben, wenn dein Onkel dich wieder
bewusstlos geprügelt hätte. Aber du hast nie aufgegeben und
versucht, für eine bessere Zeit zu kämpfen und darauf zu
warten. Harry, jetzt hast du es geschafft, diese bessere Zeit zu
erreichen. Aber dein Kampf geht trotzdem noch weiter. Zwar nicht mehr
für das hier und jetzt, aber du musst weiterhin kämpfen,
damit die Vergangenheit nicht deine Zukunft bestimmen kann.'
'Und
wie?'
'Du hast vorhin den ersten Schritt getan, indem du dich
Tom anvertraut hast. Du musst anfangen, die Geschehnisse der
Vergangenheit zu verarbeiten und zu begreifen, das es nicht deine
Schuld war. Aber du musst auch gleichzeitig versuchen, neue Gefühle
und Erinnerungen zu schaffen. Dinge, an denen du dich festhalten
kannst. Wie deine Erinnerungen an die nächtlichen Besuche von
Tom in deiner Vergangenheit.
Ich weiß, das es schwer ist und
ich bin mir sicher, das du auch manchmal verzweifelst, aber bitte,
denke immer daran. Du bist nicht länger allein.'
'Ja, ich
bin nicht mehr allein. Tom ist immer bei mir.', Harry lächelte
leicht. Der Gedanke an Tom tröstete ihn und gab ihm neuen
Mut.
Harry öffnete langsam die Augen und erkannte Toms
Zimmer. Dann setzte er sich auf und sah sich suchend im Zimmer um.
Draco, Pansy und Blaise saßen auf der Couch und unterhielten
sich leise. Tom war nicht zu entdecken.
"Wo ist Tom?" fragte
Harry ängstlich. Hoffentlich mochte er ihn wirklich noch.
"Du
bist ja wach", lächelte Draco ihn an und kam zum Bett. "Tom
sitzt in deinem Zimmer und schreibt die Prüfung. Er wollte dich
nicht wecken und hat uns gebeten, hier zu warten, bis du aufwachst,
nicht, dass du dich erschrickst."
Harry atmete erleichtert aus.
Tom wollte ihn nicht alleine lassen. Deshalb hatte er die drei
anderen hergeschickt. Er wollte ihm zeigen, dass er, auch wenn Tom
selbst nicht da war, nicht alleine war, sondern trotzdem noch Freunde
hatte, die sich um ihn kümmerten.
"Wie spät ist
es?"
"Halb sieben. Du hast nur ein paar Stunden geschlafen.
Geht es dir besser?" fragte Pansy und kam mit Blaise jetzt
ebenfalls zum Bett.
"Ja, geht schon. Danke, dass ihr hier
seid."
"Gern doch. Draco hat sowieso fast einen Anfall
gekriegt, weil du und Tom nicht beim essen wart", grinste
Blaise.
Für den Kommentar fing er sich mal wieder einen Klaps
von dem Blonden ein.
"Und er hat immer noch kein Taktgefühl"
brummte Draco, und verschränkte beleidigt die Arme vor der
Brust.
Harry stand auf und ging die wenigen Schritte auf Draco zu.
Bei dem Blonden angekommen, zog er dessen verschränkten Arme
auseinander, schlang seine eigenen Arme um den Körper des
Älteren und kuschelte sich bei ihm ein.
"Danke, Draco.
Danke, dass du da bist", flüsterte er.
Draco lächelte
leicht und schloss den Schwarzhaarigen in die Arme.
"Immer doch,
mein Kleiner. Ich werde immer für dich da sein.
Versprochen."
Pansy betrachtete sich verzückt das süße
Bild, das die beiden abgaben. Nur Blaise sah reichlich sauer aus.
Irgendwas schien ihm gar nicht zu passen. Allerdings entging den
anderen drein dieser wütende und eifersüchtige Blick.
Harry
war viel zu glücklich, dass Draco bei ihm war. Draco war viel zu
froh, dass der Jüngere ihn so gern hatte und ihm so vertraute.
Und Pansy war von dem Anblick schlichtweg zu verzückt, um etwas
anderes wahrzunehmen.
Da Harry den ganzen Tag noch nichts
gegessen hatte, und sein Magen deshalb lautstark protestierte, saßen
er, Draco, Pansy und Blaise keine zehn Minuten später unten im
Speisesaal, und aßen etwas. Die anderen drei hatten darauf
bestanden mit zu essen, da sie genau bemerkt hatten, dass es ihm
unangenehm war, alleine zu essen. Er hatte dabei irgendwie das Gefühl
etwas falsch zu machen, und war daher froh, das er nicht alleine
essen musste.
Wenig später stießen auch Jessmina,
Harrison, Lucius, Zissa und Severus zu den vieren.
Jessmina, die
Harrys Reaktion auf die Nachricht ihrer Schwangerschaft inzwischen
erfahren hatte, versuchte mit ihm darüber zu reden. Allerdings
ließ sie ihn erst mal zu Ende essen.
"Harry, mein Kleiner,
wir müssen reden."
Harry warf ihr nur einen unsicheren
Blick zu. Hoffentlich hatten seine Eltern ihm das nicht übel
genommen.
"Bitte, Harry, du musst mir glauben, dass, nur weil
ich noch ein Kind erwarte, wir dich deswegen nicht weniger lieben. Du
bist und bleibst unser Sohn."
"Ich weiß,
aber...ihr...ihr kennt mich doch gar nicht. Und ich...ich hab Angst
dass...dass wenn das Baby da ist, ihr mich nicht mehr wollt."
"Wie
kommst du darauf, das wir dich nicht mehr haben wollen, nur weil das
Baby jetzt unterwegs ist?"
"Weil mich bis jetzt niemand haben
wollte", flüsterte er.
Jessmina stand auf, ging zu ihrem
Sohn und nahm ihn in den Arm.
"Harry, es stimmt nicht, dass wir
dich nicht kennen. Severus und Draco haben uns so viel über dich
erzählt. Natürlich wissen wir nicht alles von dir, dafür
kannst aber weder du, noch wir etwas. Wir haben dich von dem Moment
an geliebt und gewollt, als wir erfahren haben, dass ich schwanger
bin. Und nur weil ich jetzt wieder ein Kind erwarte, lieben wir dich
nicht weniger. Sieh es doch mal anders, du bekommt einen kleinen
Bruder oder eine kleine Schwester, der oder die dich bedingungslos
lieben wird, und die du auch lieb haben kannst. Du kannst noch einmal
neu mit ihm oder ihr aufwachsen und wir, Harrison und ich, haben die
Chance euch beide richtig kennen zu lernen."
Harry legte eine
Hand vorsichtig auf Jessminas Bauch. Er spürte die Energie, die
dieses kleine, ungeborene Wesen ausstrahlte. Ebenso wie die Ruhe und
Geborgenheit, die es genoss. Das Bild eines kleinen Jungen mit
schwarzem Haar und blau-grauen, strahlenden Augen tauchte vor seinem
geistigen Auge auf.
"Meinst du, er wird mich lieb haben?"
fragte Harry zaghaft.
"Ich bin mir sicher, das er oder sie dich
lieb haben wird", lächelte Jessmina.
"Er. Es ist ein
Junge."
"Woher weißt du das? Nicht mal ich konnte schon
das Geschlecht feststellen?" fragte Severus sanft.
"Ich habe
es gesehen. Als ich seine Energie gespürt habe, konnte ich's
sehen", flüsterte Harry unsicher.
"Seine Energie?"
"Ja.
Er lebt ja schon, deshalb kann ich seine Lebensenergie spüren.
Schlimm?"
"Nein, mein Kleiner. Ich finde das toll, dass du das
kannst", lächelte Jessmina und strich ihm zärtlich durchs
Haar.
"Meinst du...ihm gefällt das Zimmer oben?" fragte
Harry nach einer Weile.
"Harry, Süßer, das ist dein
Zimmer. Wenn du es ihm geben magst, dann ist das okay, aber wenn
nicht, dann richten wir ein neues für ihn ein."
"Nein
er...er kann es haben. Ich mag das Zimmer bei Tom behalten, wenn ich
darf."
"Natürlich darfst du das, wenn du
möchtest."
"Darf...darf ich den Bären behalten?"
fragte Harry zögernd.
"Den Teddy, an den du dich gestern
geklammert hast?"
"Ja."
"Wenn du magst. Du kannst jedes
der Kuscheltiere nehmen, die oben sind. Sie gehören alle dir,
wenn du sie haben willst."
"Ich mag nur den Teddy. Den Rest
kann mein Brüderchen haben", lächelte Harry. Und seine
Augen begannen zu strahlen. Er schien sich wirklich zu freuen, dass
er den Teddybär behalten durfte.
Auch die anderen lächelten
entzückt, auch wenn es traurig war, dass man einen
siebzehnjährigen mit einem einfachen Teddy eine Freude machen
konnte, so war das Bild, das Harry mit dem Teddy im Arm am vorherigen
Tag abgegeben hat, einfach zu süß.
Plötzlich kam
Tom in den Raum und blickte sich besorgt um. Als er Harry in
Jessminas Armen entdeckte, atmete er erleichtert auf. Er war nach der
Prüfung direkt in sein Zimmer gegangen, konnte seinen kleinen
Panther aber nicht finden. Deshalb hatte er sich besorgt auf die
Suche begeben.
"Alles okay, mein kleiner Panther?" fragte er,
als er auf Harry und Jessmina zuging.
Harry strahlte Tom an. "Ja.
Ich kriege ein kleines Brüderchen zum lieb haben, und du und
Mama und Papa und Draco und Severus und Lucius und Blaise und Pansy
und Zissa sind da."
Tom lächelte nur. Harry schien sich
hier wirklich wohl zu fühlen und allmählich zu begreifen,
dass er hier willkommen war und alle der Anwesenden ihn, auf seine
oder ihre persönliche Weise, liebten.
/Ja, sie sind alle da.
Wir sind nicht mehr alleine. Und wir werden es auch nie wieder sein/,
hörten Harry und Tom Krenjo sagen.
"Ja, nie wieder allein",
flüsterte Harry nur und kuschelte sich näher an seine
Mutter und sein noch nicht geborenes Brüderchen. "Und du wirst
auch nie alleine sein, mein kleiner Bruder."
Alle Anwesenden
konnten sich ein glückliches Lächeln nicht verkneifen. Sie
waren gerührt von der Wärme und Aufrichtigkeit, die in
Harrys Worten mitklang, und fühlten sich von seinem Vertrauen in
sie geehrt, das sie nie wieder zerstören wollten. Dieser Junge,
war in kurzer Zeit für sie alle, wie ein kostbares Juwel
geworden, das sie schützen und in ihrer Mitte strahlen lassen
wollten. Nie wieder wollten sie ihn verlieren. Und nie wieder würden
sie zulassen, das jemand versuchen würde, ihrem kostbaren Juwel
etwas anzutun. Das schworen sich alle in diesem Moment. Nie wieder,
würde dieser Junge leiden müssen.
----------
Zu
ihrem Pech schreib ich die Geschichte und entscheide, wie es Harry
weiterhin ergeht. evil grins
Aber ich glaub ich sollte in den
nächsten Kaps etwas netter zu ihm sein, sonst haut ihr mich
noch.
kuddel
alika-chan
