Disclaimer:Alles nicht meins.

Autor:Eve8

Originaltitel:Small Favors – The Bad Day

Übersetzer:Linguna

A/N :Wie immer, Danke an Ursu.

Kapitel 13

Der schlechte Tag

Am nächsten Tag schlief Sam länger, als sie es seit Jahren getan hatte. Als sie schließlich aufstand, ließ sie sich im Bad Zeit. Sie war aufgeregt, weil sie nicht wusste, wie die Dinge mit Jack jetzt weitergehen würden. Sie hatte keine Ahnung, was sie zu erwarten hatte.

Sie erwartete nicht, dass er noch schlief. Naja, sie nahm an, dass er immer noch schlief. Seine Zimmertür war geschlossen und die Kaffeekanne stand immer noch von letzter Nacht im Abtropfgitter. Wäre er schon einmal auf gewesen, dann wäre die Kanne entweder halb voll oder zumindest leer und schmutzig.

Sie kochte sich einen extrastarken Kaffe und steckte zwei Scheiben Toast in den Toaster. Dann ging sie zum Kühlschrank um Butter und Marmelade zu holen. Sie sah sich um was Thor ihnen diesmal da gelassen hatte, bis ein ziemlich starker Geruch ihre Aufmerksamkeit erregte.

„Scheiße.", murmelte sie, lief eilig zum Toaster hinüber und holte den Toast heraus.

„Nicht schon wieder.", stöhnte sie. Schnell griff sie die heißen, verbrannten Toastscheiben an den Ecken und ließ sie auf einen Teller fallen. Wütend sprühte der Toaster Funken. Erschrocken sprang sie hoch und zog schnell den Stecker heraus.

„So viel zum Toast.", sagte sie und begutachtete die obere Scheiben genauer. Sie war nicht komplett verkohlt, sie konnte einfach nur den verbrannten Teil abkratzen.

Gerade als sie eine Scheibe geräuschvoll mit dem Buttermesser über der Spüle abkratzte, kam Jack ohne Schuhe oder Socken in die Küche getapst. Sie bereitete sich auf einen Kommentar über ihren verbrannten Toast vor. Sowas wie „Another one bites the dust", oder „Ohh, heute morgen afrikanisch", aber Jack sagte überhaupt nichts, nicht einmal ‚Guten Morgen'.

Er holte sich eine Tasse Kaffe und ging wieder. Er hatte nicht einmal in ihre Richtung gesehen. Geschockt sah sie ihm hinter her und zuckte zusammen, als die Schlafzimmertür laut zu fiel.

Was zum Teufel war das? War er ernsthaft sauer auf sie wegen gestern? Das machte überhaupt keinen Sinn. Sam runzelte die Stirn und trank ihren Kaffee viel zu schnell, während sie versuchte sich zu erklären, was so eben passiert ist. Sie räumte die Küche auf, ging wieder in ihr Zimmer, zog sich and und machte es sich im Wohnzimmer bequem, um zu lesen.

Jack war immer noch in seinem Zimmer und sie kam mit ihrem Buch einfach nicht voran.

Einige Zeit später kam er schließlich doch heraus, holte sich noch mehr Kaffee und setzte sich in den großen Stuhl. Er legte seine Füße auf den Beistelltisch und starrte sie an. Sam betrachtete ihn über den Rand ihres Buches hinweg. Er hatte immer noch seine karierte Schlafanzughose und das graue Air Force Shirt an.

„Überlegst Du Dir, ob Du Dir eine Pediküre verpassen sollst?", fragte sie schließlich und versuchte damit das Eis zu brechen.

„Nein.", antwortete er abwesend.

„Willst Du frühstücken?"

„Nein."

Vielleicht ist er hinter ihre kleine Manipulation von gestern Nacht gekommen, aber sie nahm nicht an, dass das ihn so aufregen würde. Schließlich hatte er zwei Wochen lang das Gleiche getan, damit sie ihn ‚Jack' nannte. Das war alles nur Spaß. Außerdem hatte sie sich das Ganze nur ausgedacht um ihn zu massieren, damit er sich besser fühlte. Wenn überhaupt, dann hätte sie erwartete, dass er sich darüber lustig machen würde. Das machte alles keinen Sinn, und machte sie wütend. Sam Carter hasste es, wenn sie die Antwort auf etwas nicht wusste.

„Willst Du heute nicht fischen?", versuchte sie lächelnd.

„Heute nicht."

„Oh. Jack, bist Du … bist Du in Ordnung?"

„Ja."

„Willst Du, dass ich Dich alleine lasse?"

„Ja."

Schnell widmete sie ihre Aufmerksamkeit wieder ihrem Buch, damit er nicht sehen konnte, wie sehr das ihre Gefühle verletzt hatte. Nun gut, dies war sicherlich keines der Szenarien, die sie sich diesen Morgen unter der Dusche ausgedacht hatte.

Eine halbe Stunde später konnte sie es nicht mehr aushalten. Er beobachtete sie. Das war etwas, was er oft tat. Normalerweise in ihrem Labor, wenn sie an etwas arbeitete, das interessant genug war, um sich von ihm abzulenken. Aber da sie nur vortäuschte zu lesen, wurde es mit jeder Minute beunruhigender, insbesondere weil er so eindeutig wütend war. Offensichtlich über das, was letzte Nacht zwischen ihnen passiert ist.

„Ich werde mich für eine Weile nach draußen setzten.", sagte Sam schließlich, stand auf und ging nach draußen. Sie machte es sich in einen der zwei Stühle, die immer noch auf dem Dock standen, bequem. Es war schon heiß draußen, wirklich heiß und hell und sie hatte nichts mit nach draußen genommen, außer ihr Buch. Aber sie wollte auch nicht wieder rein gehen.

Sie hatte es gerade geschafft, den Großteil ihrer Aufmerksamkeit auf die Handlung ihres Buches zu lenken, als sie hörte, wie die Hintertür geöffnet wurde und wieder ins Schloss fiel. Sie holte tief Luft und fragte sich, was jetzt passieren würde. Jack setzte sich in seinen Stuhl, und gab ihr Sonnencreme und ihre Sonnenbrille.

„Danke.", sagte sie mit einem verwirrten Lächeln, als sie die Sachen nahm.

„Will nicht, dass Du Dir einen Sonnenbrand holst.", murmelte er mit einem Achselzucken, lehnte sich zurück in seinen Stuhl und starrte auf den See hinaus.

„Du willst immer noch nicht Fischen?", sie musste einfach fragen.

„Nein."

„Jack, willst Du … allem Anschein nach müssen wir reden."

„Worüber?", fragte er und starrte sie bewusst an.

„Über das, was auch immer letzte Nacht passiert ist. Mir war nicht klar, dass es Dich so aufregen …"

„Nicht alles dreht sich um Dich Sam.", unterbrach er sie.

Geschockt sah sie ihn an, ihren Mund leicht geöffnet. Er vermied es immer noch sie anzusehen. Sie hatte nichts darauf zu sagen. Sie hatte sich schon seit fünf Jahren nicht mehr so gefühlt. Das letzte Mal, als Daniel, geistig beeinträchtig vom Sarkophag, ihr gesagt hatte, dass sie nicht gewusst hätte, was Liebe sei.

„'Tschuldigung.", murmelte er, stand schnell auf und ging nach innen. Sie sah ihm verwirrter denn je hinterher.

Als es ihr draußen zu warm wurde, und sie zurück ins Haus ging, hatte er sich wieder in seinem Zimmer vergraben. Sie ließ ihn alleine, bis ihr Magen nach Mittagessen knurrte. Nachdem sie den Kühlschrank durchstöbert hatte, entschied sie sich das Sandwichfleisch zu nehmen, das Thor ihnen da gelassen hatte, da es sich nicht so lange hielt wie die restlichen Lebensmittel.

Überzeugt davon, dass das ihr letzter Versuch für heute mit ihm sein würde, machte sie große Sandwiches für sie beide. Legte noch etwas Obst und einige Chips auf ihre Teller, goss zwei Gläser Tee ein und atmete tief durch, als sie mit seiner Teil des Mittagessens zu seinem Zimmer ging. Wenn er es ihr jetzt nicht erklären würde, dann hatte sie genug von dieser Scheiße. Dann müsste er zu ihr kommen.

Sie klopfte und wartete einen Moment, bevor sie die Tür öffnete. Er hatte sich immer noch nicht angezogen, obwohl es schon später Nachmittag war. Schließlich hatten sie lange geschlafen.

„Dachte, Du würdest vielleicht Hunger bekommen. Du hast ja auch nicht gefrühstückt.", sagte sie.

Er sah den Teller und das Glas in ihren Händen an, als wären extraterrestrische Objekte oder so was, aber nahm sie zögernd entgegen.

„Danke.", sagte er und nahm beides mit in sein Zimmer. Er ließ die Tür halb offen, aber es war eindeutig keine Einladung herein zu kommen. Offensichtlich war einfach nur höflich genug, sie ihr nicht direkt vor der Nase zuzuschlagen.

Sie ging zurück in die Küche um ihr eigenes Mittagessen zu essen, aber jetzt war sie nicht mehr hungrig. Sie pickte ein paar Sekunden lang daran herum, nahm es dann mit ins Wohnzimmer und stellte es auf dem Tisch ab, falls sie wieder ein wenig hungrig werden sollte. Sie holte sich ein anderes Buch, eines, das sie noch nicht gelesen hatte und hoffte, es würde ihr Interesse eher weckenals das andere, in dem sie zuvor gelesen hatte.

Ein wenig später kam Jack aus seinem Zimmer heraus und trug seinen leeren Teller und sein leeres Glas zurück in die Küche. Als er zurückkam, setzte er sich neben sie auf die Couch, viel näher, als er es normalerweise ohne Grund tun würde. Aus ihm wurde man heute weniger schlau als damals, als er das Antikawissen in sein Gehirn transferiert hatte. Da sich ihre Schultern berührten, konnte sie ihn nicht ansehen, ohne dass es offensichtlich wäre, also ließ sie es bleiben.

„Danke für das Sandwich. Es war gut."

Wow, ein ganzer Satz, dachte sie sarkastisch.

„Gern geschehen."

„Du isst nichts?", stellte er fest.

„Hab keinen Hunger."

„Sam …", fing er an.

„Was?", forderte sie ihn heraus.

„Nichts. Gar nichts."

Sie zog es in Erwägung aufzustehen und von ihm weg zu gehen, aber sie kam zu dem Schluss, dass er ihr nur folgen würde. War das ein seltsames Psychospielchen? Nein, er hatte heute eindeutig weniger Spaß als sie, was auch immer sich hier abspielte.

Der Rest vom Tag schien sich endlos hinzuziehen. Sam sah sich einen Film an, absichtlich einen, von dem sie wusste, dass er ihn nicht ausstehen konnte und hoffte, er würde ihn nicht mit ansehen. Er hatte auf ihren Vorschlag mit den Achseln gezuckt und dann musste sie den Film ansehen, um ihm zu beweisen, dass sie das auch wollte. Obwohl sie sich damit ins eigene Fleisch geschnitten hatte, sie mochte den Film nämlich auch nicht wirklich.

Danach hatte sie sich entschlossen zu putzen. Alles zu putzen. In der Hoffnung, dass sie ihre aufgestaute Wut los werden würde. Wenn nämlich nicht, dann war es sehr wahrscheinlich, dass jemand mit grauen Haaren noch eine gescheuert bekam, bevor die Nacht vorbei war. Er war ihr in jedes Zimmer gefolgt, in dem sie gerade putzte. Er hatte sich sogar auf die Kommode im Bad gesetzt während sie ungefähr zwanzig Minuten lang die Badewanne geschrubbt hatte.

Nachdem sie alles was sie putzen konnte, geputzt hatte und kurz bevor sie auf das Dach gestiegen wäre, um die Regenrinnen auszuputzen, entschied sie sich, dass es jetzt endlich genug war. Das erforderte harte Maßnahmen. Und das war auch der Grund, weshalb sie hinüber zum Fernseher ging und einen neuen Film einlegte, ohne ihm Mitspracherecht zu gewähren. Ein Musical. Er hasste Musicals. Und das war nicht nur irgendein Musical. Es war ‚Chicago'.

Sie saß in der äußersten Ecke der Couch und fragte sich, ob er sich selbst etwas zu Abendbrot machen würde. Sie hatte keinen Hunger und sie war sich verdammt sicher, dass ihn heute kein zweites Mal mehr füttern würde.

Er ging in die Küche, aber kam ohne Essen zurück. Dafür waren seine Arme mit Bier, Cola und Wasser beladen.

„Durstig?", bot er ihr an und stellte alles auf den Beistelltisch.

Vielleicht war er ja komplett durchgedreht. Das war möglicherweise die einfachste Erklärung für sein seltsames Verhalten. Sie nahm sich eine Cola light und sagte:

„Danke."

Nachdem der Film vorbei war, sagte sie Gute Nacht und ging in ihr Zimmer. Sie bezweifelte, dass sie sofort einschlafen würde. Trotzdem machte sie sich zum Schlafen gehen fertig. Geistesabwesend fragte sie sich, ob das vielleicht ein langer, bizarrer Traum war und schlief schließlich doch ein.

Einige Stunden später wachte Sam auf, als sie hörte wie die Tür geöffnet wurde.

„Sam? Kann ich rein kommen?"

Sie schielte zu Jack, der in der Tür stand. Seine Silhouette zeichnete sich gegen das Flurlicht ab. Sie seufzte und wägte ab, was er tun würde, wenn sie einfach ‚Nein' sagen würde. Er würde schätzungsweise auch dann rein kommen. Offensichtlich war es nicht genug, dass er ihr schon den ganzen Tag lang auf die Nerven gegangen war, er musste sie auch noch aufwecken um ihr weiter auf die Nerven zu gehen.

„In Ordnung.", sagte sie schließlich, setzte sich auf und richtete ihr Kissen so her, dass sie sich gegen das Kopfteil lehnen konnte. Sie zog ihre Bettdecke bis unter das Kinn. Nachts war es immer noch kalt.

Jack kam ins Zimmer, ließ aber die Tür offen, damit er sehen konnte, wohin er ging. Er hielt kurz vor ihrer Bettseite inne und blieb mit den Händen in den Hosentaschen stehen.

„Jack?", fragte sie ihn nach kurzer Zeit, in der keiner von beiden etwas sagte. „Willst Du Dich hinsetzten?"

„Okay.", sagte er, als wäre sie diejenige gewesen, die ihn hereingebeten hätte oder so was.

Er setzte sich neben sie auf das Bett.

„Es ist dunkel hier drinnen."

„Ja, ich habe geschlafen.", sagte sie spitz. „Jack, ich bin müde. Was willst Du?"

„Ich wollte Dich etwas fragen.",sagte er. Er war total ruhig, still und gefasst und das war extrem zermürbend. Selbst wenn er saß, konnte Colonel Jack O'Neill nie für lange Zeit still halten, außer er war bewusstlos. Er fummelte immer an irgendetwas herum. Jetzt sah er sie nur ruhig an, und sie war sich nicht einmal sicher, ob er sie überhaupt sehen konnte.

„Brauchst Du irgendetwas? Kaffee vielleicht?", fragte sie vorsichtig.

„Nein."

„Gut … was wolltest Du mich fragen?"

„Ich wollte Dich etwas über … alternative Realitäten fragen."

Okay. Er hat mir heute den letzten Nerv geraubt und dann weckt er mich mitten in der Nacht, um mich über die komplexe Quantentheorie zu fragen, für die er noch nie irgendein Interesse gezeigt hatte, dachte sie verärgert.

„Jetzt?"

„Ich konnte nicht schlafen.", sagte er entschuldigend.

„Und Du nahmst an, dass ich dir immer bereitwillig und gerne, zu jeglicher Tages, oder Nachtzeit, die Quantentheorie erklären würde.", sagte sie einfach. In dem Moment war sie einfach zu müde um sich Gedanken zum machen, ob sie höflich war.

„Es ist nur … ich muss es wissen."

„Was musst Du wissen?"

Er sah sie an, als würde er gleich anfangen zu weinen. Besorgt lehnte sie sich vor und legte ihre Hand auf seinen Unterarm.

„Jack, was ist los?"

„Da draußen gibt es Millionen anderer Realitäten, richtig?"

„Ja, eine unbestimmte Zahl."

„Einige sind wirklich anders, andere sind ähnlich. Auf Grund von Entscheidungen, die wir machen …"

„Ja, das ist zumindest die Theorie."

„Was ist mit den Dingen, die wir nicht entscheiden?"

„Was zum Beispiel?"

„Wie … Dinge, die passieren … zufällig. Könnten diese Dinge von Realität zu Realität unterschiedlich sein?"

„Naja, einige Leute bestreiten, dass es Zufälle gibt. Ich glaube nicht, dass ich dir eine Antwort geben kann, egal wie rum, das ist sowieso alles sehr theoretisch. Ich meine, wir haben zwar den eindeutigen Beweis für die Existenz alternativer Realitäten, und wir haben den Beweis, dass sich das Schicksal verändern lässt, aber bei zufälligen Ereignissen, bin ich mir nicht sicher. Warum?"

„Was denkst Du darüber?"

„Naja … für alles was passiert, gab es eine große Anzahl an anderer Dinge, die zufälligerweise zu diesem Punkt geführt haben. Ich nehme also an, dass nur Entscheidungen alternative Realitäten beeinflussen können …"

„Was denkst Du darüber. Könnte es Unterschiede in anderen Realitäten geben, und Dinge, die zwar passiert sind, aber niemand wollte, dass sie passieren oder überhaupt bestimmt waren zu passieren … könnten solche Realitäten existieren?"

„Ich denke, das ist möglich. Ich meine, sag niemals nie, aber ich schätze schon."

Er sah so erleichtert aus, dass sie einfach fragen musste.

„Ähm, darf ich Dich fragen, warum das plötzlich so wichtig für Dich ist? Ich meine, es ist nicht so, dass Du normalerweise die ganze Nacht über die Quantentheorie grübelst."

„Ich hab' nur … über etwas nachgedacht. Und ich habe mich gefragt, ob es möglich wäre. Und ich dachte, Du würdest das wissen."

„Jack … ist mit Dir alles in Ordnung? Du bist nicht ganz Du selbst. Ich meine, Du warst den ganzen Tag lang nicht ganz Du selbst, aber um ehrlich zu sein ist es mir lieber, wenn Du wütend auf mich bist als … was immer das ist."

„Mir geht es gut. Ich war nie wütend auf Dich, wieso solltest Du so etwas denken? Es tut mir Leid, dass ich Dich geweckt habe."

Er machte Anstallten aufzustehen, aber sie sagte instinktiv: „Warte."

Er setzte sich wieder hin. „Was ist los?"

Er verzog sein Gesicht und sah auf seine Hände.

„Heute ist Charlies' Geburtstag.", sagte er schließlich und sah ihr in die Augen.

„Oh Gott.", sagte sie, ihre ganze Haltung wurde sofort weicher und vergaß völlig, wie sehr ihr sein Verhalten tagsüber aufgeregt hatte.

„Jack … wieso hast Du nichts gesagt?", fragte sie schließlich, weil sie nicht wusste, was sie sagen sollte.

„Ich habe nur angefangen nachzudenken, mich zu fragen, ob es möglich wäre, dass es eine anderen Realität oder vielleicht sogar mehrere andere Realitäten gibt, wo es … nie passiert ist. Wo ich meine Waffe irgendwo anders eingeschlossen hätte, oder er an dem Tag etwas anderes getan hätte, draußen mit Freunden gespielt oder so was …wäre es dann einfach nur an einem anderen Tag irgendwo auf der Straße passiert? Oder wäre es irgendwie anders passiert …"

„Keiner kann das wissen. Es tut mir Leid. Wie Du dir vielleicht vorstellen kannst, nach unserem letzten Zusammentreffen mit meinem anderen … Kawalsky und ich haben viel darüber nachgedacht. Und glaub' mir, es hat zu nichts geführt, ganz einfach deswegen weil es so viele verschieden Möglichkeiten gibt."

„Es ist also möglich, dass Charlie, in einer anderen Realität, noch am Leben ist."

Sie biss sich auf die Lippe und versuchte herauszufinden, welche Antwort die Richtige wäre, aber sie hatte keine Ahnung, was sie sagen sollte. Er wartete immer noch auf eine Antwort, aber sie hatte Angst das Falsche zu sagen. Sie hatte ihn noch nie so zuvor so traurig gesehen. Normalerweise war er der Meister, wenn es darum ging Gefühle zu unterdrücken. Selbst wenn er wütend war, neigte er dazu zu versuchen, die Dinge zu ändern. In dieser Nacht saß er einfach nur da und sah völlig niedergeschlagen aus. Es war ein beängstigender und trauriger Anblick.

„Lüg' mich nicht an, Sam.", sagte er plötzlich und sah ihr wieder in die Augen. „Erzähl' mir nicht, was Du denkst, was ich hören will. I will wissen, was Du wirklich denkst."

„Ich wollte Dich nicht belügen.", sagte sie leise. Sie ließ ihre Hand seinen Arm hinab gleiten und nahm seine Hand. „Es ist nur …selbst wenn Du den Beweis hättest, und Du Dir 100-ig darüber sicher wärst, dass es da draußen eine Realität geben würde, in der Charlie …, in der ihm nichts passiert wäre, würdest Du Dich dann besser fühlen? Oder würde es alles nur schlimmer machen?"

„Ich weiß es nicht.", gab er zu. „Es ist nur …"

„Ich weiß, dass Du Dir selbst die Schuld für das gibst, was passiert ist. Ich weiß, dass nichts und niemand Dich vom Gegenteil überzeugen könnte. Was würde es also bringen, wenn Du wissen würdest, dass in einer anderen Realität, das was Charlie passiert ist verhindert wurde, außer, dass DU Dich noch schuldiger fühlen lassen würdest, für das, was DEINEM Charlie passiert ist, als Du es jetzt schon tust?"

„Ich bin mir nicht sicher. So oder so. Ich wollte es einfach nur … wissen."

„Manchmal gibt es keine Antworten, Jack. Nur noch mehr Fragen. Und manchmal ist es besser sie nicht zu fragen.", sagte sie sanft.

„Du weißt es wirklich nicht, oder willst Du es mir einfach nicht sagen?"

„Ich weiß es wirklich nicht. Und ich glaube nicht, dass wenn wir es wissen würden, es irgendetwas ändern würde. Es ist wie Teal'c schon sagte, als Kawalsky und mein …'Zwilling' hier waren. Es ist schwer zu akzeptieren, aber unsere Realität muss die einzige sein, die Konsequenzen für uns hat. Ansonsten würdest Du bei dem Versuch, dir alle möglichen Versionen deinerselbst und Deines Lebens, die da draußen sein könnten, vorzustellen verrückt werden. Glaub' mir. Ich habe darüber schon viel nachgedacht."

„Ich weiß.", sagte er leise.

Sie nickte und sah zu, wie er seine Hand umdrehte und ihre Hand in seine beiden Hände nahm und dann ihre Hände für eine lange Zeit ansah, ohne was zu sagen.

„Was glaubst Du also?", fragte er schließlich.

„Ich versuche gerade Dir klar zu machen, dass ich nicht in der Lage bin …"

„Ich weiß. Aber ich muss es wirklich wissen. Bitte. Es ist wichtig für mich."

„Ich weiß.", sagte sie seufzend. „Ich würde sagen, dass es möglich ist. In den meisten Realitäten, mit denen wir direkt oder indirekt zusammentrafen, waren weltweite Ereignisse im Grunde gleich. Zum Beispiel scheint das Wachstum unserer Zivilisation überall gleich zu sein. Aber es gab auch kleine Unterschiede und ich will jetzt nicht sagen, dass das, was Charlie passiert ist eine Kleinigkeit war, aber eine Reihe von schrecklichen, unvorhersehbaren Ereignissen hat dazu geführt. Es ist also vorstellbar, dass wenn sich nur einer diese Faktoren in nur einer Realität geändert hätte, ein anderer Charlie jetzt dort draußen sein könnte und seinen Geburtstag feiern würde. Ich weiß es nur nicht, Jack. Das versuche ich Dir gerade zu erklären. Es ist möglich, dass es viele Realitäten gibt, in denen er immer noch am Leben und gesund ist. Es ist aber auch möglich, dass es bestimmte Ereignisse im Leben eines Einzelnen gibt, die einfach universell sind. Es tut mir Leid, ich kann Dir keine Antwort geben, die Du hören willst."

„Ich weiß nicht einmal, welche Antwort ich hören will. Ich brauchte nur …etwas Hilfe mit der Vorstellung und … allem. Es hat mich verwirrt."

„Es ist eine sehr verwirrende Vorstellung. Das ist der Grund, warum ich versuche nicht mehr so oft darüber nachzudenken."

„Es tut mir Leid, dass ich damit belästigt habe.", sagte er plötzlich. „Du hast geschlafen. Ich war den ganzen Tag über ein Volltrottel, Du hast endlich geschlafen, ich hätte Dich nicht …"

„Es ist egal.", unterbrach sie ihn. "Ich bin froh, dass Du mir es erzählt hast. Ich würde nicht … wäre ich an Deiner Stelle, dann würde ich nicht alleine mit all diesen Gedanken kämpfen wollen. Du weißt, wenn Du eher etwas gesagt hättest …"

„Manchmal ist es einfacher, wenn niemand davon weiß. Sie behandeln Dich normal. Sie sehen Dich nicht … anders an."

„Ich verstehe, was Du meinst. Weißt Du, nachdem meine Mutter gestorben war, war ich damit ganz einverstanden, dass wir immer wieder umzogen, von Stützpunkt zu Stützpunkt. Es war viel einfacher mit Leuten zu tun zu haben, die kein Mitleid mit dir hatten und so."

„Ja. Aber manchmal … da ist es nicht besser."

Sie nickte und sie saßen für eine lange Zeit nur da und sagten gar nichts. Schließlich blickte er auf, und sah ihr in die Augen, und sie lächelte leicht.

„'Tschuldigung. Ich habe Dich die ganze Zeit über angestarrt, stimmt's?"

„Ist schon in Ordnung. Bist Du sicher, dass Du nichts willst? Ich könnte Kaffee machen, oder Dir ein Wasser holen, oder … Milch …"

„Nein, Danke. Ich sollte gehen."

„Musst Du nicht." Er sah leicht überrascht aus. „Ich meine, sicherlich verstehe ich, dass Du allein sein willst, aber Du bist hier her gekommen."

„Ich war heute so ein riesen Arschloch zu Dir. Du hättest mir eine scheuern sollen. Erst recht, als ich Dich geweckt habe. Du warst viel zu nett zu mir."

Sie lachte ein wenig. „Naja, ich werde es auch niemandem erzählen, wenn Du nicht hier bleibst." Sie rutschte zur Seite, um für ihn neben sich Platz zu machen.

Er verstand die Andeutung und setzte sich so, dass er auf ihrem vorherigen Platz saß und sich gegen das Kopfteil lehnte.

Sie sah ihn kurz von der Seite an, seufzte und legte ihren Kopf an einen ihrer Lieblingsplätze, auf seine Schulter. Sollte es dem Colonel nur annähernd so gehen wie ihr an dem Tag, an dem ihre Mutter starb, dann würden sie noch bis zum Morgengrauen so sitzen bleiben und schweigen.

„Glaub' es oder nicht, aber mir ging es heute viel besser als in den Jahren zuvor.", fing Jack nach einigen Minuten der Stille an.

„Ja?"

„Ja. Danke.", sagte er mit Nachdruck. „Im Moment ist das mehr als nicht gut genug.", fügte er seufzend hinzu.

„Naja, Du kannst es nächstes Jahr wieder gut machen.", sagte Sam lässig.

„Wie meinst Du das?"

„Dieses Jahr … ich bin so alt wie meine Mutter, als sie starb. Ich weiß nicht, warum mir das so sehr zu schaffen machte … Dann wurde mir klar, dass ich nächstes Jahr älter sein werde als sie und … ich habe keine Ahnung, wie ich damit umgehen werde, aber ich nehme an, es wird nicht gut werden. Aber ich hätte gerne gewusst, was Dich den ganzen Tag bekümmert hat. Ich hätte nicht soviel Zeit damit verbracht darüber nachzudenken, auf welche schreckliche Weisen ich Dich verletzen könnte."

Zum ersten Mal an dem Tag lachte er und umarmte sie. Er drückte seine Nase an ihren Kopf und schloss die Augen. Sam fühlte, wie er tief einatmete und seufzte ebenfalls.

Sie entschied, dass es wirklich erstaunlich war, wenn man darüber nachdachte,. Wie in nur einer von einer unbestimmten Zahl von Realitäten, ein Tag so gut und gleichzeitig so schlecht sein konnte.

TBC

A/N:Wie immer sorry, dass es solange gedauert hat. Das nächste update kommt sicherlich genauso spät, also, wer es noch nicht getan hat und Interesse am update hat, setzt bitte den Story Alert. Ansonsten … ich freu mich riesig auf eure Reviews. Und sagt mal Danke an Callista, ansonsten wäre dieses update wohl noch später gekommen. LG Ling

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