Hallo!

Dass man sich auch mal wieder sieht…XD

Ich weiß, es hat zu lange gedauert…

Ich versuche mich mit dem nächsten zu beeilen, aber kann natürlich nichts versprechen! (Wie immer halt…)

Hoffe, ihr versteht das!

All You Need Is Love

10. Zigeuner

Draco schlief die ganze Nacht durch. Er hatte erwartet, sich die ganze Nacht herumzuwälzen und sich selbst zu verfluchen, weil er sich aufführte, als stünde er auf Ginny, weil er sich vorgestellt hatte, wie es wäre, sie zu umarmen und so sehr zu küssen, dass es ihr den Atem nahm und sie sich gegen ihn lehnen musste… Und das war ein Bild, das er nicht zu sehen brauchte. Glücklicherweise aber verfiel er in einen tiefen Schlaf und schlief bis zum Morgen durch.

Timothy weckte ihn am nächsten Morgen so vorsichtig auf, als würde er sterben -oder noch schlimmer explodieren-, wenn er zu laut flüsterte.

„Z- Zeit zu E- Erwachen, Hoheit," sagte er leise, während er nervös an seiner Bettkante stand. Draco wachte langsam auf und richtete sich auf seine Ellbogen gestützt auf. Für einen Augenblick wusste er nicht mehr, wo er war; dieses Zimmer war weder das in seinem Schloss, noch das in Malfoy Manor. Als ihm klar wurde, wo er sich befand, kamen auch die Erinnerungen an den letzten Abend zurück. Jetzt wünschte er, es wäre nie geschehen. Er konnte keinen Weasley wie Ginny so in sein Herz einlassen. Er konnte es einfach nicht tun. Denn wenn alles wieder normal und sie beide wieder in ihrer richtigen Zeit waren, würde er nicht mehr solche Gefühle für sie empfinden. Diese Gefühle wurden nur von der Hoffnungslosigkeit und der Verwirrung der Situation hervorgerufen. Sie würden verschwinden, wenn er wieder sicher in seinem Haus im Jahre 1998 wäre. Also musste er vergessen, wie wunderbar es sich anfühlte, ihre Haut auf seiner zu spüren. Er musste das Wohlempfinden vergessen, das er verspürte, wenn ihre Hand seine Wange streifte, wenn ihre Lippen sich nahe waren oder wenn er mit der Hand durch ihr seidiges Haar fuhr. Er musste das alles aus seinen Gedanken verbannen und nur an ihre negativen Züge denken. Wie nervig sie war, wenn sie sauer wurde. Wie jung, naiv und unschuldig sie war. Und dass sie überhaupt nicht zu ihm passte.

„H-, Hoheit," stotterte Timothy und unterbrach Draco in seinen Gedanken, „Das Frühstück wird gleich serviert. Stört es Euch, wenn ich Euch nun ankleide?"

Draco hatte keine andere Wahl. Natürlich störte es ihn, aber er würde nichts sagen. Dreißig Minuten später ging er mit Timothy auf den Fersen hinunter zum Speisesaal. Er überlegte, wann er wohl nach Wales zurückkehren und Dumbledore noch einmal besuchen könnte; vielleicht konnte er ihn überreden, dass Ginny nicht dabei sein musste, um diskutieren zu können… Über was sie auch immer diskutieren mochten. Er dachte wirklich nicht über eine bestimmte, rothaarige Prinzessin nach, mit der er in weniger als 2 Wochen verheiratet sein würde… Mit gerunzelter Stirn betrat er den Saal und sah, dass Elle schon an ihrem Platz saß. Ihr schräg gegenüber saß Tom. Draco hielt an und sah sich in dem riesigen halbleeren Raum um. Wo war sein Vater? Ginnys Eltern? Ginny?

„Komm, Draco, das Essen wird kalt," rief Elle, „Steh nicht herum…"

Draco setzte eine ausdruckslose Miene auf und ließ sich neben Elle, gegenüber von Tom nieder. Einen Moment zu spät wurde ihm klar, dass Ginny, wenn sie überhaupt noch kam, nun am Ende des Tisches sitzen musste, wenn sie nicht unhöflich erscheinen wollte; sie musste zwischen ihm und Tom sitzen. Und da er ihre Meinung von Tom kannte, wusste er, dass sie es sicher nicht genießen würde.

Auch egal, dachte Draco Schulter zuckend und verbannte das aus seinen Gedanken. Er warf dem Doktor über den Tisch hinweg einen Blick zu, während er seinen Teller füllte. Tom hatte einen erfreuten Ausdruck auf dem Gesicht und ein kleines Lächeln auf den Lippen, als wäre er froh oder zufrieden wegen etwas. Er schien zuerst sehr interessiert an seinem Essen zu sein und starrte auf seinen Teller, doch dann blickte er plötzlich auf und hellblaue Augen trafen graue.

Normalerweise hätte Draco solange zurückgestarrt, bis Tom als erster wegsah, doch etwas in seinem Blick beunruhigte Draco. Er verspürte keine Angst, doch die Art wie Tom den Blickkontakt solange hielt, ließ einen unangenehmen Schauer in Dracos Magen gleiten. Als Tom blinzelte, wandte Draco schnell den Blick ab und das seltsame Gefühl verschwand sofort. Draco fühlte sich bescheuert und verfluchte sich selbst in Gedanken. Er hatte absolut keinen Grund in irgendeiner Weise Angst vor Tom zu haben. Nur weil er wie der jüngere Lord Voldemort aussah, hieß das noch lange nicht, dass er es auch wirklich war. Es war gar nicht möglich, dass es der richtige Tom Riddle war, denn in der Zukunft war Voldemort tot und konnte sie nicht durch die Zeit zurückgeschickt haben. Draco erinnerte sich an die Träume, von denen Ginny in der Nacht zuvor erzählt hatte. Natürlich ergab es am meisten Sinn, wenn Tom der Mörder dieser Familien war, weil… na ja, es tat es einfach. Niemand anderes in dieser Zeit war brutal genug für so etwas und auch wenn Tom nicht Riddle war, hatte er vielleicht dieselben Tötungstriebe wie er. Doch immer noch hatte Draco keinen Grund sich vor ihm zu fürchten. Er hatte keinen Beweis, dass Tom nicht der junge freundliche Doktor war, der es geschafft hatte, Ginny auffallend schnell zu heilen. Ein Teil von ihm glaubten Ginny, dass sie wirklich geträumt hatte, wie er diese Leute umbrachte, doch das waren keine eindeutigen Fakten. Träume waren Schäume – es konnte auch nur ihr Unterbewusstsein sein, das in der Nacht ihre schrecklichsten Ängste wahr werden ließ. Wie auf Befehl betrat Ginny in genau diesem Moment den Saal. Draco gab vor, nichts bemerkt zu haben und stocherte in seinem Essen, als er hörte, wie ihre Schritte erst verstummten, bevor sie langsam weiterging. Tom, der Draco vorhin in keiner Weise begrüßt hatte, sah auf, als Ginny eintrat, und lächelte.

„Guten Morgen, Virginia," rief er. Ginny antwortete nicht und glitt stumm auf ihren Stuhl am Tischende zwischen Tom und Draco. Es gab eine lange, fast verlegene Pause. Draco konnte sogar Elle zu seiner Rechten kauen hören. Sogar sie schien die Spannung, die in der Luft lag, zu bemerken und schwieg.

Dann schien Tom ein Thema einzufallen.

„Wie ist der Ball verlaufen, Ginny?"

Draco bemerkte, dass er nur mit ihr zu reden schien. Als er ihr einen Blick zuwarf, sah er, dass sie den Blick nach unten gerichtet hatte und an ihrer Unterlippe kaute. Er wusste, dass sie nicht antworten würde, also sprang er ein.

„Es war langweilig," sagte er gedehnt.

Tom sah zu ihm herüber und erneut überkam Draco eine Welle der Angst.

„Es tut mir sehr Leid, dass ich nicht teilnehmen konnte," sagte der Arzt.

„Mir tut es auch Leid," fing Elle an, offenbar redenslustig, „Aber Draco hat Recht – es war schrecklich langweilig. Ich durfte nicht tanzen, weil ich die jüngste-,"

„Hast du überhaupt getanzt, Ginny?" fragte Tom und ignorierte Elle völlig. Draco sah, wie das Licht in ihren Augen erlosch, ihre Schultern zusammensanken und sie mit gerunzelter Stirn auf ihren Teller starrte.

„Meine Schwester hat mit dir geredet," fauchte er Tom an, denn er verspürte den Drang, Elle zu verteidigen, „Auch wenn du vielleicht nicht zuhörst, könntest du sie wenigstens ausreden lassen."

Ginny traf seinen Blick und er hätte schwören können, dass sie ihm ein kleines Lächeln zuwarf.

„Es tut mir sehr Leid, Isabella," sagte Tom höflich und lächelte Elle an, „Manchmal bin ich ganz in meiner eigenen Welt versunken und bemerke manche Sachen nicht. Fahre fort."

Elle, wieder mit glücklicher Miene, öffnete den Mund, um zu antworten, als Draco wieder sprach.

„Bemerkst Sachen nicht? Du hast nicht bemerkt, dass sie geredet hat?" fragte er herausfordernd.

Tom sah belustigt aus, doch Elle heulte nur, „Dray-co!"

„Ich bin nicht hungrig," verkündete Ginny plötzlich und stand abrupt auf. Sie hatte ihr Essen nicht angerührt, ganz im Gegenteil, ihr Teller war immer noch leer.

„Ich werde spazieren gehen."

„Erlaube mir, dich zu begleiten," bot Tom an und beeilte sich, ebenfalls auf die Füße zu kommen. Draco hörte nicht einmal den genervten Schnaufer, den Elle von sich gab, weil sie schon wieder unbeachtet blieb. Er beobachtete Ginnys Gesichtsausdruck, als sie Tom anstarrte. Sie sah fast verschreckt aus.

„Nein! Das musst du nicht tun," sagte sie schnell, bevor sie sich umdrehte und den Saal verließ. Tom hielt in der Mitte des Raumes an, mit vor Verwunderung hochgezogenen Augenbrauen. Er wandte sich zu Draco um und zuckte leicht mit den Achseln.

„Ich weiß nicht, warum sie mich fürchtet," sagte er schlicht und kehrte auf seinen Platz zurück, „Sie flieht jedes Mal, wenn ich versuche nett zu ihr zu sein."

Draco beschloss, darauf nicht zu antworten. Was hätte er sagen sollen?

„Vater ist mit Ginnys Eltern in der Stadt," sagte Elle und versuchte eine Unterhaltung anzubrechen, „Es wurde noch eine Familie umgebracht."

Draco versuchte eine Reaktion Toms darauf zu erhaschen. Doch Tom riss nur überrascht die Augen auf und setzte eine interessierte Miene auf.

„Das ist einfach schrecklich. Wie viele Familien sind es jetzt? Fünf?"

„Sechs," sagte Elle und nickte traurig, obwohl sie kaum verbergen konnte, wie sehr sie sich freute, dass Tom ihr seine Aufmerksamkeit schenkte.

„Hast du irgendeine Ahnung, wer es sein könnte?" fragte Draco beiläufig, obwohl er genau wusste, dass es keineswegs eine normale Frage war.

„Woher soll ich das wissen?" rief Elle.

„Nicht du, er," schnappte Draco ein bisschen zu scharf und nickte zu Tom hinüber.

„Ich habe nicht die leiseste Ahnung," verkündete Tom. Draco starrte ihn noch einen Moment länger an, dann wandte er sich wieder seinem Teller zu.

Alles wird immer nur noch schlimmer, dachte er stirnrunzelnd, und nie besser.

XXX

Ginny stürmte aus dem Saal, und versuchte, sich selbst zu beruhigen. Sie musste ruhig und kühl mit Tom umgehen und sich nicht vor seinen Augen so aufregen. Wenn sie ihn wissen ließ, wie sehr sie ihn fürchtete, würde ihr das gar nichts helfen. Es zeigte nur ihre Schwäche. Doch auch der arrogante Blick, den er ihr immer zuwarf, war schon genug, um sie verrückt zu machen. Manchmal, wenn er sie ansah, kam Ärger durch die Angst hindurch und auch, wenn ihr Inneres zu Eis gefrieren schien, konnte sie spüren, wie sich ihr Gesicht vor Ärger verdunkelte. Wie konnte er in ihr so viele Gefühle hervorrufen? Sie wusste, dass er böse war, doch dennoch… sie hatte gemischte Gefühle für ihn; war verwirrt.

Ich muss mit Draco sprechen, fiel ihr plötzlich ein und hielt am Ende des Ganges an. Sie musste darauf warten, dass er aus dem Speisesaal kam.

Ich muss einfach hoffen, dass Tom nicht als erster herauskommt.

Nachdem sie dort für zwei Minuten gestanden war, wurde ihr ein wenig langweilig und sie ging hinüber zum Fenster. Es kostete ihr Mühe, den schweren samtenen Vorhang zur Seite zu schieben und sie musste ihn hinter sich stecken, damit er aus dem Weg war. Das Fenster ging bis zur Decke und das Glas war kalt, weil draußen leichter Schnee fiel. Da sie im ersten Stock war, war es schwer, etwas anderes als den weit erstreckten weißen Feldern zu entdecken, doch es war immer noch besser, als die blanken grauen Steinwände anzustarren. Sie starrte ohne jegliche Gedanken hinaus, als sie Schritte vom Speisesaal kommen hörte. Als sie aufsah, erkannte sie zu ihrer Erleichterung – und zu ihrem Glück – dass es Draco war, der glücklicherweise zuerst herausgekommen war. Sie gestikulierte ihn zu sich herüber und öffnete den Mund, als er vor ihr stand.

„Wir müssen hier raus," verkündete sie leise, aber nachdrücklich.

„Hast du das gerade ganz alleine herausgefunden, Weasley?" fragte er mit einem fiesen Grinsen.

„Ich will schon seit ein paar Tagen diese Frau, Alexandria, besuchen," fuhr sie fort, ohne ihn zu beachten, „Ich hoffte…" Sie brach ab. Sie hatte sagen wollen, „Ich hoffte mit Harry zu gehen.", doch Draco musste das gar nicht wissen. „Ich denke, dass ich das genauso gut auch jetzt machen kann. Außerdem bringt es mich von Tom weg."

„Noch eine Familie wurde umgebracht, weißt du," erzählte Draco ihr teilnahmslos, mit leeren Augen und ausdruckslosem Gesicht.

Ginny fühlte, wie ihr die Farbe aus dem Gesicht wich.

„Oh Gott, da war er also letzte Nacht," wisperte sie mit flauem Magen, „Deswegen hat er nicht am Ball teilgenommen. Bemerkt eigentlich niemand in dieser ganzen verdammten Welt, dass immer, wenn er weg ist, ein Mord geschieht? Können sie nicht eins und eins zusammenzählen?"

„Ginny," fing Draco an, mit einer Spur von Ungeduld in der Stimme, „Er ist ein respektierter, weltberühmter Doktor. Sie würden eher dich verdächtigen, als ihn. Denk darüber nach."

Ihr Schrecken verwandelte sich langsam in Wut. Für einen Augenblick hatte sie den wilden Verdacht, Draco könnte Toms Komplize sein.

Kann das sein?, fragte sie sich, und starrte ihn böse an, während sie schnell nachdachte.

Nein, das geht nicht, er war letzte Nacht auf dem Ball.

Aber sie hatte in der Nacht zuvor auch keinen Traum von dem Mord gehabt, der während des Balls geschehen war. Nach allem, was sie wusste, konnte Tom es dieses Mal auch allein getan haben.

„Auf welcher Seite bist du eigentlich?" fragte sie scharf, „Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, dass du es bist, der ihm hilft."

Sofort bereute sie ihre Worte und wünschte, sie könnte sie zurücknehmen. Erst weiteten sich Dracos Augen, bevor sie sich vor Wut verdunkelten. Er erbleichte, dann stieg ihm die Zornesröte ins Gesicht. Er trat einen Schritt auf sie zu und brachte sein Gesicht sehr nahe an ihres. Erschrocken trat sie zurück, doch nun war sie mit dem Rücken gegen das kalte Fenster gedrückt.

„Du weißt es nicht besser," zischte er wütend; sein Gesicht war so nah, dass sich ihre Nasenspitzen fast berührten, „Also mach keine Anschuldigung über etwas, von dem du einen Dreck weißt."

Sie war wegen seines Wutausbruchs eher überrascht als erschrocken. Sie schob ihre Arme zwischen sie beide und drückte gegen seine Brust, um ihn wegzuschieben. Er bewegte sich nicht und starrte ihr immer noch in die Augen.

„Geh… weg, Draco," brachte sie hervor und fragte sich, warum sie ihn gerade jetzt so unwiderstehlich fand, wenn er sie doch offensichtlich belästigte. Gefühle, die sie auch in der Nacht zuvor gehabt hatte, brachen erneut über sie herein und sie blieb nur schwer auf den Füßen stehen. Hinter ihr drang die Kälte des Glases durch ihre Kleidung. Aber vor ihr strömte Dracos Hitze in sie ein, ganz so als trüge sie nichts, als ob sie ihn nicht abwehren könnte. Plötzlich, ohne Vorwarnung, traf sein Mund ihren, und nahm sie völlig ein. Sofort verschwand jeder normale und vernünftige Gedanke aus ihrem Gehirn und sie küsste ihn genauso leidenschaftlich zurück, weil sie wusste, dass es das war, was sie die ganze Zeit gewollt hatte… Er lehnte sich an sie und drückte ihren Rücken gegen das Fenster. Er küsste sie mit solcher Kraft, dass ihr Kopf sogar gegen das Glas stieß, doch sie bemerkte es kaum. Sie konnte die Kälte des Fensters nicht länger spüren; fühlte nichts als die Hitze. Hitze in ihren Adern, Hitze auf ihrer Haut, Hitze auf ihren Lippen. Jetzt fiel es ihr wirklich schwer auf den Füßen zu bleiben. Seine Hände hatten ihre Schultern fest gepackt, als hielte nur er sie auf den Beinen. Plötzlich verließen seine Lippen ihre und wanderten ihre Wange hinunter und zu ihrem Nacken. Sie schloss die Augen und wünschte, es würde nie enden. Ihre eigenen Arme hatte sie um seinen Hals geschlungen, sie hielt sich an ihm fest und zog ihn die ganze Zeit näher an sich. Er setzte kleine Küsse auf ihre Kehle und ihr Schlüsselbein, bis seine Lippen schließlich wieder auf ihrem Mund waren.

Das ist unglaublich, drang durch ihre benebelten Gedanken. Sie küsste Draco genauso kräftig wie er sie, und es fing an, sie zu betäuben. Niemand würde glauben, dass wir uns einst gehasst haben.

Der Gedanke war wie ein Kübel eiskalten Wassers, der über ihrem Kopf ausgeschüttet wurde. Doch immer noch kostete es sie Überwindung, den Kuss abzubrechen. Als sie bemerkte, dass sie ihren Kopf nicht mehr nach hinten bewegen konnte, drehte sie ihr Gesicht zur Seite, schloss die Augen und senkte leicht den Kopf, was bewirkte, dass Draco plötzlich ihre Wange küsste. Für einen Augenblick bewegte sich keiner von beiden – sie konnte spüren, dass seine Nase fest gegen ihre Wange gepresst war, die Lippen sie kaum berührten und sein Atem heiß auf ihrer Haut war. Ginnys Arme glitten schlaff von seinen Schultern und fielen an ihre Seite, während es all ihre Selbstkontrolle forderte, ihn nicht wieder zu umarmen.

Was tue ich hier?, fragte sie sich selbst. Diese Gefühle… können nicht wirklich sein. Ich kann keine solchen Gefühle für Draco Malfoy haben… Ich hasse diesen blöden Idioten. Er hasst mich. Wir führen uns nur so auf, weil… weil?

Sie war sich nicht sicher. War es, weil sie in einer vollkommen anderen Welt waren und so auch vollkommen andere Gefühle füreinander hatten? War etwas ‚Magisches' in der Luft, dass sie beide sich so angezogen von einander fühlten? Oder war es einfach, weil sie so alleine und verschreckt war und einfach jeden einigermaßen Bekannten an sich reißen würde, auch wenn es der abscheuliche Draco Malfoy war?

Er ist nicht abscheulich, verbesserte sie sich wie von selbst. So ziemlich das Gegenteil, wenn man es sich überlegt. Er ist einer der besten Küsser, die ich je erlebt habe. Verdammt, er ist der beste.

Erst als Draco scharf die Luft einsog, brachte er sie damit in die Wirklichkeit zurück und sie öffnete den Mund, als er sein Gesicht von ihrem entfernte.

„Warum tust du das, Draco?" fragte sie leise. Langsam drehte sie ihren Kopf, um seinem Blick zu begegnen und sah, dass er sie genauestens musterte. Schauer liefen über ihren Rücken – angenehme Schauer. Warum fühlte sie sich plötzlich so angezogen von ihm? Wann war das passiert? Es schien übernacht geschehen zu sein.

„Weil du mich lässt."

Er beantwortete ihre Frage durch, wie es sich anhörte, zusammengebissene Zähne. Ihr Herz schien in ihren Magen herunterzurutschen, bevor es in ihre Brust zurückkehrte und dort wie wild klopfte. Sie konnte ihm nicht länger in die Augen sehen, sie musste wegsehen… und doch konnte sie nicht.

Das kann nicht geschehen, dachte sie, Das muss alles ein schrecklicher Traum sein. Alles! Ich bin immer noch in meinem Bett in Hogwarts, und wenn ich aufwache, wird alles okay sein…

Doch sie hatte schon am Tag ihrer Ankunft aufgegeben zu glauben, dass dies ein Traum war. Es geschah wirklich. Und sie begann wirklich, sich in Draco zu verlieben. Sie konnte es nicht mehr aufhalten, genauso wenig, wie sie Tom davon abhalten konnte, Leute umzubringen. Sie wollte es – mehr als alles andere – aber sie konnte es nicht. Zitternd holte sie Luft und schaffte es schließlich, sich von seinem Blick zu lösen, indem sie über seinem Kopf an die Decke starrte.

„Tu es nicht," sagte sie dumpf und ihre Stimme klang verloren in ihren Ohren. „Tu es einfach nicht."

Sie fragte sich, warum sie etwas sagte, das sie nicht im Mindesten meinte. Vielleicht sprach da ihre bessere Hälfte und später würde sie dafür dankbar sein. Doch nun spürte sie nur, wie ihr Gehirn sie anschrie.

Was tust du da? Du weißt ja nicht, was du sagst! Schnell, sag ihm, dass er bleiben soll…

Aber sie hatte ihn einmal gefragt, ob er blieb. Und er hatte es nicht getan. Sie hatte nicht vor, ihn noch einmal zu fragen. Als sie den Mut dazu fand ihn wieder anzublicken, konnte sie nur einen kurzen Blick in seine dunklen, aufgewühlten Augen werfen, bevor er sie abwandte und sich von ihr löste. Er drehte sich um und lief mit großen Schritten den Korridor hinunter, bis er um eine Ecke bog und verschwand. Ginny atmete laut aus und fragte sich, warum ihr plötzlich so kalt war. Dann erinnerte sie sich, dass sie an dem Fenster lehnte­­­­­­­­, stieß sich davon ab und verfluchte ihre Beine, weil sie wacklig waren. Sie glättete ihren Rock, versuchte sich zu beruhigen, drehte sich um und ging in die entgegengesetzte Richtung von der, die Draco eingeschlagen hatte.

Ich muss mich von ihm ablenken.

Als sie sich abwesend die Lippen leckte, bemerkte sie, dass sie immer noch von seiner Berührung kribbelten.

Zum Beispiel könnte ich überlegen, wie ich zu Alexandria komme, fügte sie in Gedanken hinzu, auch wenn sie sich selbst erneut verfluchte, weil sie schon wieder an ihn dachte. Also war das Erste, was sie tun musste, Harry finden. Weil Draco ja nun als Begleitung vollkommen ausgeschlossen war, war er nun ihre zweite Wahl. Na ja, eigentlich war er ja zu Anfang sowieso ihre erste Wahl gewesen. Aber sie hatte überlegt, dass es vielleicht besser wäre, Draco um sich zu haben. Jetzt dachte sie anders. Jetzt war sie sich sicher, dass sie nicht wusste, wie sie sich in seiner Nähe verhalten sollte. Nachdem sie ihn so verärgert hatte, indem sie ihn weggeschoben hatte, während er sie küsste. Gar nicht zu erwähnen, wie peinlich das Gespräch verlaufen war. Es war nicht möglich für sie neben ihm ruhig und entspannt in einer Kutsche zu sitzen – sie würde sich die ganze Zeit unwohl fühlen und ohne bestimmten Grund knallrot anlaufen. Es war das Beste, wenn sie mit Harry ging, so wie sie es ursprünglich geplant hatte. Als sie in ihr Zimmer zurückkehrte, sah sie, wie Maria und eine andere Magd ihr Bett machten.

„Maria," sagte sie, „kannst du bitte Harry für mich suchen? Sag ihm, dass wir sofort Alexandria besuchen. Und lass eine Kutsche für uns vorbereiten."

Sie mochte es nicht, Leute herumzukommandieren, wie sie es gerade tat, weil sie alle in Wirklichkeit ja ebenbürtig waren, und weil sie wusste, dass sie selbst es hassen würde, wenn jemand sie herumbefehlen würde. Aber Maria schenkte ihr nur ein verständnisvolles Lächeln und eilte hinaus, um ihrem Auftrag nachzukommen. Die andere Magd baute weiter das Bett. Ginny setzte sich auf einen Stuhl, fläzte sich höchst undamenhaft hinein und wartete auf Marias Rückkehr.

XXX

Draco konnte an nichts anderes als an Ginny denken. Egal was er tat, wie lang er hin und her lief, er konnte sich nicht von ihr ablenken.

Was ist los mit mir?, fragte er sich wütend. Das kann nicht geschehen. Kann es wirklich nicht.

Er wusste, dass das einzige, was ihn hier am Leben erhielt, war, dass, wenn er erst mal wieder in seiner Zeit war, er wieder in sein altes Leben zurückkehren und sie vergessen würde. Jede blöde kleine Fantasie oder jedes warme Gefühl für sie würden verblassen, wie ein schlechter Traum – oder besser, einfach verschwinden und er würde sich nie wieder daran erinnern. Weil, wenn das nicht geschah und er auch in der Zeit, wo Ginny sechs erwachsene Brüder hatte, die ganze Zeit über sie nachdachte, er dafür bitter bezahlen müsste. Er würde verhindern, dass das geschah.

Sobald die Dinge wieder normal laufen, beschloss er, werde ich mir eine Veela-Freundin suchen und die einfache, sommersprossige, rothaarige Ginny vergessen.

Doch hier zu sitzen und über seine Gefühle für Ginny zu brüten, ließ sie nicht verschwinden. Er brauchte etwas, das ihn davon ablenkte. Zum ersten Mal wünschte er sich wirklich, die Baustelle seines neuen Schlosses zu überwachen und vielleicht sogar ein wenig zu helfen. Wenigstens verging dann die Zeit. Vielleicht sollte er nach Elle sehen. Sie wusste sicher, was man in blöden, langweiligen Schlössern alles machen konnte. Sie würde ihn für einige Stunden beschäftigen. Er ging zu ihrem Zimmer, machte sich nicht die Mühe anzuklopfen und trat ein. Sie war nicht da, was eigentlich keine Überraschung war, weil, warum sollte eine quirlige, energievolle Siebenjährige den ganzen Tag in ihrem Schlafzimmer herumhängen? Elles Raum war wahrscheinlich der Hellste, den er bisher im Schloss gesehen hatte, weil die großen Vorhänge vor den Fenster zurückgeschoben waren. Obwohl der Himmel bewölkt und grau war, machte er die Umgebung doch etwas heller. Draco wollte schon gehen, als er draußen vor dem Fenster das Wiehern eines Pferdes hörte. Er fragte sich, ob sein Vater vielleicht schon zurück war. Wenn er es war, dann würden sie vielleicht bald nach Hause aufbrechen, was Draco schon sehnsüchtig erwartete. Er durchquerte den Raum und sah aus dem Fenster, von wo aus man die Vorderseite des Schlosses überblicken konnte. Nahe der großen Straße sah er eine dunkle Kutsche. Die Farbe war unerkennbar aus dieser Entfernung, aber die Pracht und der Luxus waren deutlich ersichtlich und Draco fragte sich, warum die Kutsche, in der er gefahren war, nicht auch so prächtig gewesen war. Vier Pferde, so weiß, dass sie sich sogar vom Schnee abhoben, waren vorne eingespannt und rund ein Dutzend Ritter hielten vor der Tür Wache.

Na ja, natürlich ist diese besser als meine, wurde Draco klar, wahrscheinlich sind dort der König und die Königin drin.

Er musste diesen Gedanken jedoch gleich wieder verwerfen, als einer der Ritter die Tür öffnete und niemand herauskam. Stattdessen stieg jemand ein. Draco konnte nicht sehen, wer es war, weil er zu weit weg war, doch gleich danach folgte noch eine Person mit hellrotem Haar, die sich bückte, um in die Kutsche zu kommen. Der Ritter schloss die Tür der Kutsche hinter ihr.

Das ist Ginny, erkannte er stirnrunzelnd. Wo ging sie hin? Und wer kam mit ihr? Draco sah verärgert zu, wie sich einige Ritter an der Außenseite der Kutsche festhielten, indem sie sich auf eine Art Fußstütze stellten und die Griffe, die an der Kutsche angebracht waren, packten. Der Kutscher pfiff so laut, dass sogar Draco es hören konnte und die Pferde trabten los, auf der schneebedeckten Straße dem Dorf entgegen.

Wo geht sie hin?, fragte er sich, als ihm plötzlich die Antwort einfiel. Natürlich. Sie besuchte Alexandria. Sie hatte versucht, ihn zu fragen, ob er mitkam, aber er hatte sie idiotischerweise geküsst, was ihr wahrscheinlich Grund genug gab, sich so weit wie möglich von ihm zu entfernen. Doch so blöd er sich auch fühlte, spürte er dennoch Ärger in sich aufsteigen. Sie brauchte ihn doch dafür. Glaubte sie wirklich, dass sie es alleine schaffen könnte, sie wieder in ihre Zeit zurückzubringen? Natürlich nicht. Und außerdem, wenn Alexandria eine Möglichkeit hatte, sie in die Zukunft zu bringen, musste er doch auch anwesend sein, oder? Sie hatte ihm gesagt, sie würde nicht ohne ihn gehen. Frustriert drehte er sich mit einem Knurren vom Fenster weg. Er würde ihr folgen müssen. Er würde es nicht zulassen, dass sie ganz alleine in ihre richtige Zeit zurückreiste. Es war keine Zeit, um eine Kutsche für ihn vorbereiten zu lassen, also würde er einfach reiten müssen. Natürlich hatte er nur ein einziges Mal auf einem Pferd gesessen, und da war er neun Jahre alt gewesen, und er hatte es auch nur getan, weil seine Mutter darauf bestanden hatte, ihn zu einem Reitcamp zu schicken. Das war in dem Sommer gewesen, als sein Vater auf einer wichtigen Mission mit einigen Todessern gewesen war und nichts von dem Camp gewusst hatte, bis er zurückkehrte. Als er herausfand, dass sein Sohn zu einem Muggelcamp geschickt worden war, um reiten zu lernen, hatte er zuerst Narcissa angeschrieen, bevor er Draco einige Male geschlagen hatte, weil er es zugelassen hatte, dort hingeschickt zu werden. Es war einer der schlimmsten Sommer in Dracos Leben gewesen. Und für was war das Camp gut gewesen? Für nichts. Er war nur auf einem einzigen Pferd geritten, das war gestiegen, er war hinuntergefallen und hatte sich schrecklich die Ellbogen aufgeschürft. Also war es im Grunde nutzlos gewesen dorthin zu gehen, weil er nicht einmal Reiten gelernt hatte. Aber das war zehn Jahre her und die Pferde erschienen ihm jetzt sicher nicht mehr so groß, wie damals, als er neun gewesen war. Gar nicht zu erwähnen, dass er gar keine andere Wahl hatte. Wenn er ein Pferd reiten musste, um in seine eigene Zeit zurückzukehren, dann würde er es tun.

Als Draco in die Ställe eintrat, sah er ein Mädchen eine Box ausmisten. Er war überrascht, dass ein Mädchen den Pferdemist zusammenschaufelte, also beobachtete er sie für einen Moment, bevor er sich räusperte, um sich bemerkbar zu machen. Sie drehte sich zu ihm um und beeilte sich das rechenartige Ding, das sie benutzt hatte, gegen die Wand zu lehnen und sich ihm zuzuwenden. Sie sah um die 15 aus mit zurückgebundenem braunem Haar und einem braunen Kleid, das aussah wie ein Leinensack. Ihre Haut war schmuddelig – oder vielleicht sogar bedeckt mit Dreck – und sie sah aus, als würde sie nichts außer Erbsen essen.

„Ja, Hoheit?" Sie klang atemlos, entweder, weil er ihr Aufmerksamkeit schenkte oder von ihrer Arbeit.

„Kannst du mir ein Pferd vorbereiten?" fragte er schnell.

„Natürlich," antwortete sie, „welches würdet Ihr vorziehen?"

„Eines, das man schnell aufsatteln kann… oder irgendeines."

„Also, Ihre Majestäten haben eine Zucht schneller und schöner Pferde," erklärte sie, „fast ein Dutzend Hengste von den Schnellsten ganz Englands-,"

Draco fühlte Ungeduld in sich aufsteigen. Je länger sie redeten, desto weiter entfernte sich Ginnys Kutsche. So wie es aussah, würde er Schwierigkeiten haben, aufzuholen, wenn er sie überhaupt finden konnte.

„Nimm einfach eins, das dir gefällt," murmelte er. Es konnte ihm nichts mehr egal sein, als die Rasse des Pferdes, das er ritt. Doch dann fügte er noch hinzu, „am Besten ein Schnelles."

Das Mädchen erlaubte sich ein Lächeln und sah aufgeregt aus, weil sie selbst eines aussuchen durfte. Sie huschte hinüber zu einer anderen Box – Draco fiel auf, dass sie gar keine Schuhe trug, obwohl tiefer Winter war – und tätschelte liebevoll die Nase eines schwarzen Pferdes.

„Das ist Jack. Er ist einer der Schnellsten. Früher war er das Kriegsross seiner Majestät bis seine Majestät nicht mehr an den Kriegen teilnahm. Er-,"

„Das ist sehr schön," unterbrach Draco, „Aber beeil dich einfach, okay?"

„Ja, Hoheit," sagte das Mädchen mit einem leichten Knicks. Es dauerte gut 10 Minuten, bis Jack fertig zum Reiten war. Er murmelte dem Mädchen ein Dankeschön zu, bevor er das Pferd auf die andere Seite der Ställe führte, um versuchen zu können, aufzusteigen, ohne dass jemand zusah. Er wusste, dass es lächerlich aussehen würde. Glücklicherweise schaffte er es ohne viel Ärger in den Sattel. Doch als er schließlich saß, sah er unsicher auf den Boden. So hoch konnte das Pferd doch sicher nicht sein. Er verfluchte sich selbst, weil er sich unwohl fühlte, packte die Zügel und stieß seine Fersen in Jacks Seiten. Er hoffte, dass das der Weg war, wie man Pferde zum Laufen bewegte und als Jack anfing loszutrotten, erkannte er, dass er Recht hatte. Er brauchte ein paar Minuten, bis er Jack dazu brachte zu galoppieren, aber er schaffte es und schließlich wurden sie schneller. Er hatte vergessen, wie sehr er es hasste, auf einem Pferd zu sitzen. Das Hüpfen war schlimmer als in einer Kutsche und noch ein Stück schmerzvoller. Er fand heraus, dass er sich leicht in die Steigbügel stellen und sich vom Sattel erheben musste, um es ein wenig angenehmer zu machen. Nach einer Weile begannen seine Oberschenkelmuskeln zu schmerzen, weil seine Beine in einem seltsamen Winkel standen. Er zwang sich, alles zu ignorieren, das auf diesem beknackten Pferd schief lief und konzentrierte sich stattdessen auf die Richtung, in die Ginnys Kutsche gefahren war. Es gab eine Straße, die direkt zum Dorf führte, auf der es auch zwanzig Minuten durch den Wald ging. Er hoffte, sie noch im Wald einzuholen, und sie nicht im Gedränge der Stadt zu verlieren.

Das ist wirklich unangenehm, dachte Draco mit einer tiefen Falte auf der Stirn und versuchte mit den Bewegungen des Pferdes mitzugehen. Er würde Ginny killen, wenn er sie erst mal eingeholt hatte. Er hätte mit ihr in der Kutsche sitzen können, aber nein! Er musste ein Pferd reiten, ein Pferd, das jedes Mal, wenn es einen anderen Huf hob, so hart auf den Boden krachte, dass es sich anfühlte, als ramme jemand eine Eisenstange zwischen Dracos Beine. Der Wald war totenstill und alles schien weiß zu sein. Die Nadeln der Bäume und die Büsche waren bedeckt mit Schnee und auf dem Boden lag er sicher zwanzig Zenitmeter hoch. Sogar Jacks Hufgetrappel war gedämpft. Aber Draco konzentrierte sich zu sehr darauf, nicht den Sattel zu berühren, um die Stille zu bemerken. Die Straße wand sich in vielen Biegungen durch den Wald, sodass es unmöglich war, die Kutsche zu sehen. Draco betete, dass er sie erreichte, bevor er ins Dorf kam, wo jeder sah, wie er wie ein beschränkter Idiot dieses Pferd ritt. Sogar Jack schien zu bemerken, wie angespannt er war und wurde ein wenig langsamer, als versuchte er, sanftere Schritte zu machen.

„Komm schon, schneller," zischte Draco leise. Je schneller sie waren, desto schneller würden sie die Kutsche erreichen. Doch wenn sie sie nicht bald einholten, würde er Jack aufgeben und einfach selbst rennen.

XXX

Ginny versuchte mehrere Male Harry in eine Unterhaltung einzuspannen. Aber er antwortete immer in Ein-Wort-Sätzen und zeigte deutlich, dass er nicht mit ihr sprechen wollte.

„Bist du als einer unserer Diener geboren worden?" fragte er so höflich, wie sie konnte, obwohl es eine komische Frage war.

„Ja," murmelte er und starrte düster zu Boden.

„Gefällt es dir?"

„Manchmal."

„Hast du je Ferien?"

„Nein."

„Wirklich nicht?"

„Wirklich nicht." Sein Ton war sarkastisch.

„Dann glaube ich, dass du und dein Vater einen Urlaub verdient habt," sagte sie mit falscher Fröhlichkeit, „sobald wir zurück sind, werde ich mit Richard reden, damit er dir und deinem Vater für ein paar Wochen freigibt. Ich kann sogar meine Eltern überreden, dass sie euch den Urlaub bezahlen. Ihr könnt hingehen, wo immer ihr wollt. Wie ist das?"

Er starrte sie so kalt an, dass sie fühlte, wie ihre Augen sich weiteten.

„Bescheuert," schnappte er, „Das ist bescheuert. Ich will nichts von Euren Eltern. Genauso wenig wie mein Vater. Lasst uns einfach in Ruhe, okay?"

„O-, Okay," murmelte sie, senkte den Blick und blinzelte sich Tränen aus den Augen. Was konnte sie sagen, damit er ihr vertraute? Mit einem zittrigen Seufzer beschloss sie, nicht mehr zu versuchen, sich zu unterhalten. Wenigstens bis sie einen Weg gefunden hatte, dass er wirklich mit ihr sprach. Sie richtete sich auf, als sie spürte, wie das Korsett in ihre Seiten stach. Wenn sie nicht kerzengerade saß, fühlte es sich an, als würde alle Luft aus ihr herausgepresst.

Plötzlich wieherten die Pferde laut auf und die Kutsche hielt mit einem Ruck an. Harry fiel fast von seinem Sitz, doch schaffte es irgendwie, nicht hinunterzufallen. Ginny, die mit den Rücken zum Vorderteil der Kutsche saß, warf ihm einen alarmierten, geschockten Blick zu, bevor sie aufstand. Die Kutsche war niedrig, also musste sie sich bücken, um stehen zu können. Sie ging einen Schritt zur Seite, um zwischen den zwei Bänken zu stehen. Das Fenster in der Tür war mit Stoff bedeckt, also versuchte sie ihn wegzuschieben, um den Grund für ihr Anhalten zu erfahren. Als sie erkannte, dass er an die Tür genäht worden war, ließ sie einen frustrierten Schnaufer aus.

„Was ist los?" fragte sie und warf Harry einen Blick zu. Sie hörte, wie draußen vor der Kutsche die Ritter sich gegenseitig mit alarmierten, rauen Stimmen etwas zuriefen. Es frustrierte sie noch mehr, dass sie nicht einmal verstand, was sie sagten. Das einzige Anzeichen dafür, dass etwas nicht stimmte, war das Geräusch, als die Waffen aufeinander trafen und das Klirren, als die Schwerter gezogen wurden. Ihr Herz fing an zu klopfen und sie presste eine Hand darauf, um sich zu beruhigen.

Es ist wahrscheinlich nur ein wildes Tier oder so etwas, dachte sie. Die Ritter werden sich darum kümmern.

Nur ein wenig beruhigt setzte sie sich wieder hin. Harry sah nicht erschrocken aus – in der Tat, nur ein bisschen wütend. Seine Augen waren leicht verengt, doch sonst war sein Gesicht gefühllos und wie versteinert. Nach einem weiteren Moment, in dem man nichts außer den Zurufen und dem Geräusch, als Metall auf Metall traf, stöhnte Ginny ungeduldig auf.

Gerade als sie nach dem Türgriff langen wollte, schien einer der Ritter zu ahnen, was sie tun wollte, und rief, „Bleibt in der Kutsche, Hoheit!"

Noch ein bisschen mehr beunruhigt warf sie Harry erneut einen Blick zu und sah nun an seinen verengten Augen, dass er ein wenig neugierig war.

„Weißt du, was los ist, Harry?" fragte sie, obwohl sie wusste, dass auch er keine Ahnung hatte. Er machte sich nicht einmal die Mühe zu antworten. Sie wartete auch nicht lang auf eine Antwort; sie lehnte sich nach vorne, packte den Stoff, der das Fenster abdeckte und begann zu ziehen. Es gab ein reißendes Geräusch, doch danach war es still, und der Stoff gab nicht nach.

„Hier," sagte Harry plötzlich, als erinnerte er sich an etwas. Ginny hielt inne, um ihn anzusehen, als er unter sein Gewand zum Bund seiner Hose griff. Einen Augenblick später zog er seine Hand wieder hervor und hatte ein Messer fest gepackt. „Ich kann es zerschneiden."

Ginny fühlte wie sich ihr ganzer Körper versteifte und Angst auf sie hereinbrach, wie eine riesige Welle. Langsam lehnte sie sich in ihrem Sitz zurück mit so rasend klopfendem Herzen, dass sie Angst hatte, es könne bersten. Abwesend presste sie eine Hand darauf, doch ihre Augen waren wie gebannt auf das Messer in Harry Hand gerichtet. Er bemerkte nichts. Er packte den Stoff mit einer Hand und schnitt den oberen Teil des Stoffes durch, als wäre es ein dünnes Stück Papier. Einen Moment später wiederholte er den Vorgang am unteren Teil.

„Oh Gott," murmelte Ginny leise. Die Kutsche schien sie zu drehen, wirbelte um ihren Kopf herum und die Geräusche wurden gedämpfter. Alles schien in Zeitlupe zu laufen… alles außer ihr Herz. Das Messer, das Harry hielt, sah aus wie ein normaler Dolch. Es hatte einen schlichten schwarzen Heft und eine silberne Klinge, die etwa so lang war, wie Ginnys Unterarm vom Handgelenk zum Ellbogen. Aber sie würde dieses Messer überall wieder erkennen. Es war dasselbe Messer, das Tom benutzte, wenn er seine Opfer tötete.

Bist du dir sicher?, fragte sie sich selbst und zwang sich, tief und regelmäßig zu atmen. Sie war nahe daran, vor Angst und Schock hysterisch zu kreischen und zu schluchzen.

Bist du sicher, dass es Tom war, der diese Leute umgebracht hat? Vielleicht ist es nicht so. Vielleicht hast du zu sehr vermutet – oder gebetet – es sei Tom, obwohl es eigentlich Harry war. Vielleicht wolltest du so gern in Tom einen Mörder sehen, sodass du nicht erkannt hast, wer es wirklich war. Vielleicht ist Tom ein netter Mensch… und Harry ist derjenige vor dem du Angst haben solltest. Aber… aber Harry?

Es konnte nicht sein. Sie weigerte sich zu glauben, dass er, in welcher Welt auch immer, unschuldige Menschen tötete. Er war der Junge Der Überlebte und nicht der Junge Der Leben Nahm. Doch hier war er und steckte gerade das Messer zurück unter sein Gewand. Sie beobachtete wie im Traum und wie aus einiger Entfernung, wie er sich vorlehnte und aus dem jetzt freien Fenster spähte mit einer tiefen Sorgenfalte auf der Stirn.

„Zigeuner," stellte er unsicher fest. War sie sich absolut sicher, dass er wirklich diesen Dolch benutzt hatte?

Es gibt viele Dolche mit einfachen schwarzen Heften, dachte sie.

„Hoheit habt Ihr mich gehört? Wir werden von Zigeunern angegriffen…"

Es war möglich, dass es ein ganz anderes Messer war. Aber aus irgendeinem Grund wusste sie tief in ihrem Innern, dass es derselbe Dolch war.

Harry ist der Mörder, dachte sie und das Blut gefror in ihren Adern, als sie das realisierte. Es war nicht Tom. Es war Harry. Sie starrte weiter an die Stelle, wo er das Messer weggesteckt hatte. Als sie für einen Moment die Augen schloss, erinnerte sie sich an eine Szene aus ihren Träumen. Tom – oder vielleicht nicht Tom, jedenfalls ein dünner, schwarzhaariger Junge – langte nach einem schwarzen Heft unter seinem Gewand, das in der Dunkelheit eine undefinierbare Farbe hatte. Mit seiner freien Hand griff er nach dem Haar eines schluchzenden kleinen Mädchens… Sie fühlte wie ihr schrecklich übel wurde. Ihre Kehle verengte sich, ihre Augen flogen auf und füllten sich augenblicklich mit Tränen.

Oh mein Gott, dachte sie und drückte sich die Hände auf den Bauch. Ich bin in einer Kutsche mit einem Mörder. Harry hat diese Leute umgebracht… er hat sie umgebracht… umgebracht…

Nun sah Harry sie verwirrt an. „Hoheit?" fing er an.

„Du hast sie umgebracht, oder?" wisperte sie mit rauer Stimme. Sie war überrascht, dass sie überhaupt sprechen konnte.

„Wen umgebracht? Die Zigeuner?" Jetzt sah sie ein belustigtes Glitzern in seinen Augen – diese grünen Augen, von denen sie einmal gedacht hatte, sie seien die schönsten auf Erden. Nun wollte sie sie nur noch auskratzen, um ihn für das Leid zahlen zu lassen, das er diesen Familien zugefügt hatte.

„Du weißt genau, wovon ich spreche, du kleines Stück Scheiße," zischte sie und fingerte nach dem Türgriff. Sie spürte nur die Wand unter den Fingern, doch wagte es nicht, ihren Blick von Harry zu wenden, falls er wieder nach seinem Messer greifen sollte. Sie hatte Mühe ihn zu finden, sie suchte die Innenseite der Tür ab – oh, wo war der verdammte Türknopf?

Die Belustigung verschwand aus Harrys Gesicht, seine Augen wurden eiskalt und seine Miene starr.

„Das tue ich nicht, Hoheit. Ich weiß nicht, warum ich zugestimmt habe, mit Euch zu gehen; ich hätte wissen sollen, dass Ihr mich bloß belei-,"

„Ich hatte Träume davon, weißt du," flüsterte sie, schluckte schwer und umfasste schließlich dankbar den Türgriff. Alles was sie tun musste, war ihm einen kleinen Schubs geben zu geben, die Tür aufzustoßen, hinaus zu springen und so schnell zu rennen, wie sie konnte. Wenn es nötig war, konnte sie auch ein paar ihrer Röcke von sich reißen, um besser laufen zu können. Aus irgendeinem Grund blieb sie jedoch und fuhr fort.

„Ich habe gedacht, es sei Tom."

Sie fügte nicht hinzu, dass sie immer noch mit ganzem Herzen wünschte, er wäre es wirklich. Ein kleiner Teil von ihr schrie sie auch innerlich an, weil sie es wirklich in Betracht zog, dass Harry einen anderen Menschen verletzen könnte.

Aber er hat es getan, erklärte ihr vernünftiger Teil ihr selbst traurig. Er hat das Messer. Er hat dieses bestimmte Messer.

„Ich weiß nicht, von was Ihr sprecht, Hoheit," verkündete Harry kühl.

„Natürlich weißt du das!" kreischte sie plötzlich so energisch, dass Harry zusammenzuckte. „Du hast jede einzelne dieser Familie umgebracht! Ich habe es gesehen! Du hast genau dasselbe Messer-,"

„Umgebracht?" Harrys Kühle hatte sich in Unglauben verwandelt und er richtete sich auf. „Ihr glaubt, dass ich all diese Leute umgebracht habe?"

„Ich glaube es nicht. Ich weiß es!" rief sie. Sie schloss wieder kurz die Augen, doch fragte sich dabei, warum sie es tat, wenn er doch jeden Moment nach dem Messer greifen und sie erstechen konnte. Diese Mal, als sie wieder an ihre Träume dachte, ersetzte sie Toms Gesichtszüge durch Harrys. In ihren Alpträumen war sein Gesicht immer dunkel, umhüllt von Schatten, gewesen – und ihr wurde klar, dass ihr Unterbewusstsein ihr wohl so den echten Mörder vorenthalten hatte. Da überkam sie so große Angst, dass sie Mühe hatte, zu atmen.

Ich muss hier raus!, dachte sie verzweifelt. Ich kann nicht länger bleiben!

Sie fühlte sich, als könnte sie jeden Augenblick in hysterisches Schluchzen ausbrechen. Sie drückte den Türgriff hinunter, stand auf und benutzte ihre Schulter, um die Tür aufzustoßen. Sie schwang auf und Ginny stolperte hinaus, doch schaffte es gerade noch, auf den Füßen zu bleiben, als sie draußen im Schnee landete. Geblendet von Tränen und schon zu betäubt von der Angst, um die beißende Kälte zu spüren, stolperte sie einige Schritte von der Kutsche weg. Ihre vielen lästigen Röcke fühlten sich nun da sie stand, noch zehnmal schwerer an. Doch sie hatte keine Zeit stehenzubleiben und sich derer zu entledigen. Die einzige Möglichkeit sie loszuwerden, war, das Mieder ebenfalls auszuziehen.

Ach, vergiss die Kleider!, befahl sie sich selbst. Ich muss doch nur hier weg!

Während sie sich mit einer Hand die Augen wischte, weil die Tränen ihr die Sicht so sehr vernebelten, dass sie keine zwei Meter weit sehen konnte, hob sie mit der anderen ihre Röcke, um so schnell sie konnte, tief in den Wald vor Harry zu fliehen. Vielleicht fand sie den Weg zurück zum Schloss oder einen Bauern auf einer anderen Straße, der sie zurückbringen konnte. Egal wohin, sie musste nur möglichst weit weg von der Kutsche kommen. Sie hatte ganze drei Schritte getan, als ihr Fuß sich an etwas verfing und sie mit dem Gesicht voraus in den Schnee flog. Das Eis brannte auf ihrer Haut, die sowieso schon nass von Tränen waren, doch darauf konnte sie jetzt nicht achten. Sie musste aufstehen und wegkommen. Sie stützte beide Handflächen in den Schnee, saß dort schließlich in der Hocke und wollte schon aufstehen, als sie plötzlich sah, über was sie gestolpert war. Ein Schrei erstarb in ihrer Kehle. In Herz fing an, so stark zu pochen, dass sie es in ihrem Hals spürte. Ein Ritter, mit silberner Rüstung, lag dort unbeweglich und steif. Blut sickerte aus einer Wunde unter dem Brustpanzer hervor und verfärbte den Schnee dunkelrot. Ginny hatte noch vor einem Moment in dem dicken, dunklen Blut gekniet und als sie an sich heruntersah, sah sie, dass ihr heller Rock damit befleckt war.

Das kann nicht geschehen, dachte sie und versuchte sich selbst zu beruhigen. Doch im Moment fühlte sie sich, als würde sie nie mehr im Leben ruhig und entspannt sein.

Ich bin immer noch im Schloss und habe noch einen Alptraum. Das ist alles nur ein Traum. Harry kann einfach kein Mörder sein.

„Hoheit!" rief Harry in diesem Moment wie auf Befehl, „Wo geht Ihr hin? Zigeuner haben uns überfallen!"

Ginny wandte ihre Augen von dem Ritter ab, um der Kutsche einen Blick zuzuwerfen. Harry begann heraus zu steigen, jetzt mit einer deutlichen Falte auf der Stirn. Als sie ihren Kopf zur Seite drehte, bemerkte sie noch eine Leiche und musste einen Schrei unterdrücken. Sie stützte sich rücklings auf ihre Hände, fühlte den Schnee auf ihrer Haut, doch kümmerte sich nicht darum. Zusammengesunken, in der Nähe der Pferde, lag der Kutscher. Er bewegte sich nicht und um ihn war eine Blutlache auf der Straße. Hektisch und zitternd sah sie sich um und entdeckte die anderen vier Ritter, alle auf dem Boden. Entweder auf der matschigen Straße oder im Schnee am Waldrand.

Hat Harry sie alle gerade umgebracht?, fragte sie sich verwirrt und jedes logische Denkvermögen verließ ihr Gehirn. Als ich nicht hingesehen habe, hat er das getan? Oh Gott, und ich stecke hier mit ihm fest!

Harry stand am Straßenrand, mit einem finsteren Ausdruck auf dem Gesicht. Ginny krabbelte auf ihren Händen und Füßen so schnell sie konnte rückwärts. Sie war sich nicht sicher, ob sie stehen konnte; ihre Knie fühlten sich jedenfalls nicht danach an. Doch auch wenn sie auf die Füße kommen würde, hätte sie keine Chance ihn abzuhängen. Er trug ja nicht 50 Röcke und zierliche, kleine Mädchenschuhe, wie sie es tat. Außerdem, wenn er sie wirklich aufhalten wollte, brauchte er ihr nur das Messer nachzuwerfen und das wäre sicher das Wirksamste.

Ich kann nicht glauben, dass ich tatsächlich den Tag erlebe, an dem ich so riesige Angst vor Harry Potter habe, dachte Ginny und versuchte ein hilfloses Wimmern zu unterdrücken.

Diese Welt ist definitiv nicht normal.

Er machte keine Anstalten näher zu kommen, doch Ginny war immer noch wie versteinert. Gerade als sie den Mut zusammensammelte, aufzuspringen und loszurennen, lenkte sie eine Bewegung ab und sie wandte für den Bruchteil einer Sekunde den Blick von Harry ab. Jemand war leise auf die Kutsche geklettert und sprang ohne Vorwarnung genau hinter Harry herunter. Der Unbekannte schaffte es, ihn von hinten zu packen, indem er einen Arm um Harrys Brust schlang, doch der Schwung seines Sprungs ließ ihn zu Boden fallen. Er riss Harry mit sich; Harry hatte nur Zeit überrascht aufzuschnaufen bevor er plötzlich ausgestreckt auf dem anderen lag. Für einen Augenblick sah Ginny zu, wie er mit dem Mann rangelte und langsam kam die Erleichterung auf sie hereingeströmt. Sie konnte ihr Glück kaum fassen. Sie würde ihren Retter reich belohnen, wenn sie herausgefunden hatte, wer es war. Er hatte ihr Leben gerettet und einen Kriminellen bei der Tat gestellt.

Oh, Gott sei Dank, dachte sie, erlaubte ihren Muskeln sich zu entspannen und sank in den Schnee. Ich lasse Harry einsperren, sobald wir wieder im Schloss sind.

Unerwartet packten sie starke Hände an den Schultern und zogen sie auf die Füße. Sie hatte keine Zeit über ihre Schulter zu schauen, um zu sehen, wer es war; sofort legte sich eine dreckige Hand über ihren Mund und würgte alle Fragen oder erschrockene Ausrufe ab. Plötzlich war sie wieder zu Tode verängstigt und fragte sich, ob sie einen Herzanfall haben konnte, oder ob man vor Furcht sterben konnte. Sicherlich war es ein Wunder, dass sie sich noch nicht selbst nass gemacht hatte. Sie kämpfte wütend, um unter der Hand hinwegzukommen, aber bevor sie auch nur damit anfangen konnte, hatte er es geschafft mit seiner anderen Hand ihre beiden Arme zu packen. Sie hatte versucht, seine Finger von ihrem Mund zu ziehen, doch irgendwie hatte er ihre beiden Handgelenke mit nur einer Hand zu fassen bekommen, riss sie beide nach hinten und presste sie fest zusammen. Sie heulte innerlich vor Schmerz auf, doch wandte sich weiter unter seinem Griff. Es schien nichts zu helfen. Wer immer es auch war, gegen den sie da gerade gedrückt wurde, grub ihr mit den Fingernägeln tief ins Fleisch. Ginny erinnerte sich plötzlich an den Mann, der immer in den Schatten gestanden hatte, während Tom – oder besser Harry – getötet hatte.

Ist er das?, fragte sie sich. Ich habe seinen verdammten Komplizen ganz vergessen! Ich hätte daran denken sollen, bevor ich die Kutsche verlassen habe!

Nun bereute sie ihr Verhalten und erkannte, dass sie hätte versuchen können, eines der Pferde vor der Kutsche auszuspannen und damit davon zu reiten. Jetzt war es zu spät. Doch trotzdem würde sie sich nicht einfach so sterben lassen. Sie weigerte sich, von Harry Potter getötet zu werden.

„Ja, sieh mal einer an," murmelte eine raue Stimme in ihr Ohr. Der Mann riss mit der Hand, die er über ihrem Mund hatte, ihren Kopf auf seine Schulter. Sie konnte ihren heißen Atem auf ihrer Haut und seinen kratzigen Bart auf ihrer Wange spüren. Sie versuchte sein Gesicht zu sehen, doch er hielt ihr Gesicht gen Himmel gerichtet und es war unmöglich ihn klar zu erkennen. Alles, was sie sagen konnte, war, dass er dunkle Haare, schlechten Atem und Stoppeln, die ungefähr einen Tag alt waren, hatte.

„Ein richtiger Schatz," fügte er immer noch flüsternd hinzu. Dann wandte er seinen Kopf ab und nahm seine Hand von ihren Lippen, und legte ihr stattdessen einen Arm um den Hals, sodass sie ihren Kopf von seiner Schulter nehmen konnte. Sie schien ihre Stimme verloren zu haben und konnte nicht um Hilfe schreien, in der Hoffnung, dass jemand sie hörte und rettete. Dann erinnerte sie sich an den Mann, der Harry auf den Boden geworfen hatte. Natürlich! Er war hier, um sie zu retten… oder?

„Schaut mal, was wir hier haben, Männer!" rief der Mann, der sie hielt, so laut, dass es in ihren Ohren klingelte, „Die Prinzessin!"

Ginnys Augen klebten auf dem Fleck, wo ihr Retter vorhin mit Harry zu Boden gegangen war. Er war immer noch dort, jetzt wieder auf den Beinen und hielt Harry fest, doch musste kämpfen, um ihn stillzuhalten. Sie wunderte sich für einen kurzen Moment, warum er nicht kam, und sie rettete, aber dann wurde ihr klar, dass er nicht konnte – er musste Harry festhalten.

Ich kann mich um den Mann hinter mir kümmern, dachte sie mutiger als ihr eigentlich zumute war. Wenn mein Retter Harry im Zaum halten kann, dann kann ich-

In diesem Moment fingen die Bäume an, sich zu bewegen. Geschockt riss Ginny den Kopf herum, doch spürte, wie der Mann den Griff um ihren Hals verengte, um sie stillzuhalten. Eine Sekunde später sah sie, dass es keine Bäume waren – es waren Männer, die sich bewegten. Alle trugen sie braune Gewänder, die aussahen, als hätte man sie seit Jahren nicht gewaschen. Nun wurde Ginny beinahe ohnmächtig vor Angst. Vielleicht hatte sie wirklich einen schrecklichen Alptraum. Die Situation wurde immer nur noch schlimmer, es schien fast absurd. Doch ihr war absolut klar, dass sie hellwach war; sie hatte nie eine solche Angst verspürt. Sie breitete sich in ihrem Körper aus und ließ so große Hitze in ihr aufsteigen, dass Bäche von Schweiß ihre Stirn hinunter rannen, obwohl es ein kalter Tag war. Ihre Gelenke schienen sich zu versteifen und sie rangelte nicht mehr mit dem Mann, der sie festhielt. Es waren mindestens noch zwei Dutzend mehr, die einen Kreis um sie schlossen und sie sahen alle genauso stinkig aus, wie dieser Mann roch. Zigeuner. Plötzlich erinnerte sie sich daran, was Harry ihr gesagt hatte, als sie fliehen wollte. Natürlich ergab es mehr Sinn, wenn die Zigeuner die Ritter und den Kutscher umgebracht hatten und nicht Harry. Es war die einzige logische Erklärung, worüber sie froh war, weil sie sich immer noch bei dem Gedanken krümmte, dass Harry jemanden umbringen könnte. Außerdem war es für ihn sowieso unmöglich gewesen, diese Leute zu töten, wenn man bedachte, dass sie die ganze Zeit bei ihm gewesen war oder ihn wenigstens beobachtet hatte.

Sie hatte sich Zigeuner immer als große, gertenschlanke Frauen vorgestellt, mit einer schwarzen Lockenpracht und orange-, lilafarbenen und roten Gewändern, die in den Straßen für Geld tanzten. Und sie hatte gewusst, dass ihre Vorstellung falsch war, weil sie in Märchenbüchern von ihnen gelesen hatte. Doch nun wurde ihr klar, dass Zigeuner Männer waren, die in Klans umherzogen.

„Schnell," sagte der Mann, mit heiserer und doch lauter Stimme, direkt neben ihrem Ohr. „Fesselt diesen idiotischen Jungen. Wir sollten ihn hier lassen, damit, wenn die Streitkräfte des Königs ihn hier finden, er ihnen sagen kann, dass wir sie haben."

Er zog seinen Ellbogen hoch, was dazu führte, dass sie ihr Kinn hob. Sie erkannte, dass er den anderen zu verstehen geben wollte, dass sie gemeint war. Wie betäubt beobachtete sie, wie ihr Retter Harry zu einem dicken Baum zog und von vier anderen Zigeunern dabei unterstützt. Doch plötzlich verstand sie – er war ja gar nicht hier, um sie zu retten! Er war auch ein Zigeuner! Oh, wie blöd war sie eigentlich? Wenn er gekommen wäre, um sie zu retten, hätte er es ihr gesagt. Er hätte ihr zugerufen, dass er sie sicher zum Schloss zurückbrächte, wenn er erst mit Harry fertig wäre. Aber er war nicht hier, um ihr zu helfen. Er war hier, um die Kutsche zu überfallen und nun auch um sie zu kidnappen. Alle Hoffnung gerettet zu werden, schwand dahin und sie erschlaffte vor Verzweiflung. Sie wurde nicht umgebracht, jedenfalls nicht von Harry. Sie wurde gekidnappt - und bis auf längeres festgehalten. Irgendwie erschien ihr das als noch schlimmer. Wer wusste schon, was diese Männer mit ihr taten? Sie vergewaltigen, aushungern, schlagen? Möglicherweise auch Sachen, die sie sich gar nicht vorstellen konnte. Aber sie würden darauf achten, sie am Leben zu lassen, das wusste sie, was aber auch kein großer Vorteil war. In der Tat, verängstigte sie das noch mehr, was sie nicht für möglich gehalten hatte. Sie fühlte nichts mehr – ihr ganzer Körper war taub und war schrecklich angespannt. Sie hatte Schweißausbrüche, doch auf ihrer Haut bildete sich eine Gänsehaut. Ihre kurzen, flachen Atemzüge kamen in kleinen Wölkchen aus ihrem Mund. Sie war sogar zu versteinert, um zu zittern. Nach ein paar frustrierten Flüchen, entfernten die fünf Männer sich schließlich von dem Baum. Harry war an ihn gebunden. Das Seil war mehrere Male um ihn und den Stamm geschlungen, was seine Arme daran presste. Er kämpfte hart, um freizukommen, aber es war sinnlos. Er war so fest an den Baum gebunden, dass es aussah, als wäre er hingeschweißt worden. Das einzige, das er tun konnte, war, mit seinen Hacken gegen den Stamm zu kicken, doch das half ihm gar nichts.

Tötet ihn, dachte Ginny benebelt. Sie fühlte sich völlig neben sich selbst. Lasst ihn nicht am Leben. Er wird nur noch mehr Leute umbringen.

Eine Sekunde später bemerkte sie, dass sie gar nicht wollte, dass Harry umgebracht wurde, egal was er getan hatte. Nur die Vorstellung davon, dass er starb, ließ ihr Herz schmerzen. Es war immer noch unmöglich zu glauben, dass Harry diese schrecklichen Morde begangen hatte. Es war einfach zu… unmöglich.

Aber er hat das Messer, erinnerte sie sich selbst. Ihre Beine fingen an, unter ihr wegzuknicken und der Mann musste den Arm von ihrer Kehle nehmen und sie an der Schulter packen, um sie aufrecht zu halten. Er hat das Messer, das ich in meinen Träumen gesehen habe. Es war er, so sehr ich es auch nicht glauben will…

„Hier, nehmt sie," sagte der Mann, der sie gehalten hatte, unfreundlich und schubste sie zu ein paar anderen Zigeunern hinüber.

Sie stolperte und wäre fast hingefallen, zum einen, weil sie sich so schlecht fühlte und zum anderen, wegen ihrer bauschigen Röcke. Aber zwei Kerle fingen sie auf und richteten sie wieder auf, indem sie ihre Oberarme fest und schmerzhaft packten. Ihre Finger waren eisig, die Kälte kroch durch ihren Ärmel und ihre Griffe waren wie Schraubstöcke. Der Mann, der sie losgelassen hatte, offenbar der Anführer der Zigeuner, trat in zwei Schritten hinüber zu Harry. Harry, der die ganze Zeit mit den Seilen gekämpft hatte, hielt für einen Moment inne, um ihn anzusehen. Der Anführer nahm eine Handvoll von Harrys Haar und riss seinen Kopf hoch, sodass er ihn ansehen musste. Harry blickte ihn durch verengte Augen finster an, biss die Zähne zusammen und sah ihm direkt in die Augen. Für einen Moment dachte Ginny, er würde tatsächlich den Führer anspucken. Doch er tat es nicht.

„Du sagst dem König, dass wir seine Tochter haben," befahl der Mann fast wütend, „Hoffe, du kannst das schaffen?"

Harry schwieg für eine Weile. Dann öffnete er den Mund und sagte langsam, „Lasst sie gehen."

Der Anführer warf seinen Kopf in den Nacken und lachte. Er lachte, als wäre das das Lustigste gewesen, was er je gehört hatte. Ginny zuckte bei dem Geräusch zusammen und fragte sich, was wohl das Lustige an der Situation war. Dann tätschelte er Harrys Kopf, als wäre er ein kleines Kind, drehte sich um und ging zu den anderen Zigeunern hinüber, die an der Seite standen. Ginny und die zwei, die sie hielten, standen abseits von den anderen. Sie konnte nicht verstehen, was der Anführer zu seinen Männern sagte, und das störte sie immens.

Sie würde jetzt noch nicht versuchen zu fliehen; sie fühlte sich viel zu schwach und die Anstrengung erschien ihr viel zu groß. Wenn sie sich erst mal ausgeruht und vielleicht sogar etwas gegessen hatte, würde sie einen Fluchtversuch starten. Der Zigeunerführer schien mit seinen Männern Ewigkeiten zu sprechen. Obwohl es wahrscheinlich nur drei Minuten waren. Schließlich wandte er sich wieder Ginny zu – oder besser denen, die sie hielten.

„Fesselt ihr die Hände," sagte er schnell und warf ihnen ein Seil zu. Dann sah er Ginny an und schenkte ihr ein schreckliches Lächeln, das seine gelben Zähne entblößte. Er war ein absolut widerlicher Anblick – fettiges Haar, schmierige Haut, abschreckende Kleidung; er hatte sichtlich seit Monaten nicht gebadet. Er hatte höchstwahrscheinlich auch Flöhe und andere Parasiten. Ginny betete, dass nicht alle Zigeuner so waren wie er.

„Ich erlaube dir, zu laufen, ohne dass dich jemand anfasst," sagte er mit fiesem Grinsen und verbeugte sich leicht, „wenn du nicht versuchst, wegzulaufen. Wenn doch, muss ich dich über meine Schulter legen und selbst tragen. Hast du verstanden?"

Ginny brachte irgendwie ein Nicken zustande, obwohl sie sich eigentlich völlig bewegungsunfähig fühlte. In wenigen Minuten hatten die Zigeuner die Pferde ausgespannt und führten sie nun an Seilen, die sie ihnen um den Hals gelegt hatte, durch den Wald. Ginny dachte benebelt, dass die Pferde, wenn sie wegwollten, nur steigen und den Männern somit das Seil entreißen und weggaloppieren mussten. Aber sie gingen brav mit und hatten keine Ahnung, dass das, was sie taten, falsch war. Ginny wurde gezwungen in der Mitte des Zuges direkt hinter den Pferden zu laufen. Während sie immer weiter in den Wald hineingingen und sich von Harry entfernten, hoffte sie inständig, dass die Tiere nicht jetzt aufs Klo mussten. Sie wusste, dass sie es schaffen würden, sie damit zu verdrecken. Natürlich wusste sie auch, dass es dumm war, sich darum zu sorgen, was die Pferde taten, während sie von einer Bande wilder unsauberer Männer gefangen gehalten wurde.

Sie hatte Angst davor, was nun passieren würde, was sie mit ihr tun würden. Nachdem sie es sich eine Weile vorgestellt hatte, zwang sie sich abzuschalten, weil sie nicht mehr darüber nachdenken wollte. Doch was auch immer geschehen würde, es würde sicher nicht erfreulich sein.

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Please let me know what you think!

At LaraAnime: Danke! Hoffe, dass es dir immer noch gefällt!

At Bonchito: Es ist doch eine Übersetzung, also ist ja schon vorgegeben, wie viele Chapter es werden. Aber es sind im Original zwanzig und einmal hab ich eins geteilt, also werden es, falls ich nicht noch eins teile, 21 insgesamt! Ich beeil mich ja, aber leider hab ich zurzeit nicht viel Zeit dazu… Danke noch einmal für deinen Review!

At Dragonies: Danke! Ja ja, erst ein Ball und jetzt auch noch ein Überfall! Das wird ja immer schlimmer… :D

At Sunnylein: Ist schon okay, wenn du das ganze lesen willst, mir war es auch nicht ganz Recht, dass ich es geteilt hab, aber manchmal komme ich halt einfach nicht dazu…

At Sweetjani: Danke, aber ich will anmerken, dass es bloß eine Übersetzung ist, und ich nur für die Sprache verantwortlich bin…

At nannachen: So guck, jetzt hast dein Update! XD

At ArchAngelAzrael: Ne, ich glaub, sie braucht ihn noch ein bisschen länger… XD

At Zutzi alias Susi: Oioi, das war aber ein langer Review! Ich glaub, mein längster bis jetzt… macht aber nichts, ich mag Leute, die mir viel erzählen… Und ja, ich bin wirklich erst 14 (leider). Stimmt, All You Need Is Love ist wirklich sehr lang und manchmal bereue ich es, dass ich nicht eine kürzere Story genommen habe… XD; noch ein riesiges DANKE für deine tollen Komplimente… xsehrstolzistx

At Aldavinur: Ich hatte auch schöne Weihnachten und Silvester war auch ganz lustig! XD; Ich finde auch, das die Kleider aus dem Mittelalter echt schön war, aber stimmt, sie sind sicher wahnsinnig unbequem… XD; danke noch einmal für deinen Review!

At blub: Danke! Und wie gefällt dir die Story so?

At MaLfoysBabyZ: Danke! xsichverbeugx! Nein, ich hab keine Hilfe außer meinem Wörterbuch… (und selten meiner Schwester, die mir komplizierte Satzkonstruktionen erklärt und so… XD); ja hast Recht, die Chapter sind wirklich sehr lang; ich versuche mich natürlich zu beeilen, aber versprechen kann ich nichts…

At D.V.G.M.1: Ich kann auch nicht tanzen… jedenfalls nicht diese mittelalterlichen Tänze; ich würde entweder meinem Partner auf die Füße steigen oder einen ganz schrecklichen Lachanfall oder so etwas kriegen, glaub ich… Sie sind so süß, man könnte sie nur noch knuddeln… XDXD

At Insa Black: Danke, hoffe, dass du auch noch weiter liest!

At H0n3ym0on: Ist nicht schlimm, wenn du mal etwas später reviewst, ich brauch auch immer ewig zum Updaten… Ich find diese Kleider auch toll… Na ja, ich gebe zu, für dieses nicht allzu lange Kapitel hab ich zu lange gebraucht, ich weiß… xpfeifx; hoffe, du hast mich nicht vergessen und liest noch weiter… xangsterfülltandieTischkanteklammerx

Ich hoffe, dass ich niemanden vergessen habe und bald wieder updaten kann!