Huhu

Leider hat dieses Chap wieder etwas länger gedauert… obwohl es eigentlich gar nicht so lang ist… naja, jedenfalls ist es leider wieder nicht gebetat, weil meine Beta im Urlaub ist (ich leider nicht)! Und ich wollte euch dann doch nicht sooo lange warten lassen, also ich hoffe, dass es nicht allzu schlimm ist!

All You Need Is Love

14. Ein letzter Mord

Draco hatte erwartet, dass die letzte Woche vor der Hochzeit nur so vorbeieilen würde. Er hatte gedacht, dass seine letzten Tage als Junggeselle mit einem Augenzwinkern vorbei sein würden. Stattdessen verging die Zeit furchtbar langsam. Er wünschte sich fast, es ginge schneller. Wenigstens hatte er auf der Hochzeit etwas zu tun. Da er als Hilfe nicht benötigt wurde, hatte er absolut nichts zu tun, während das ganz restliche Schloss herumwuselte und versuchte, alles vorzubereiten. Draco, Ginny und Elle hatten jedes Spiel, das man im Haus spielen konnte, eindeutig zu oft gespielt. Ein paar Mal hatten sich Draco und Ginny dick angezogen und waren in den kahlen Gärten spazieren gegangen. Sie hatten dabei nie geredet, doch trotzdem hatte er die Gänge immer wieder genossen, auch wenn er es nie zugeben würde. Dennoch war es jeden Tag unglaublich kalt, da die Sonne immer hinter den grauen Wolken verborgen blieb. Es dauerte nicht lange, da wünschte er sich, der Schnee schmölze oder die Temperatur steige, sodass er das verdammte Gebäude verlassen konnte. Es begann in manchen Zimmern zu stinken. Er wusste warum; diese Leute waren nicht sehr erfolgreich, wenn es ums Putzen ging. Ginnys Eltern hielten abends nun immer große Festmähler ab, anstatt nur mit einigen wenigen des Königshauses zu essen. Sie luden viele Leute in die große Halle ein, wo sie aßen und Hofnarren zusahen, während Musik spielte. Draco hatte es geschafft, seinen Vater zu überreden, bei diesen sicher sehr vergnüglichen Ereignissen nicht anwesend sein zu müssen, doch Ginny wurde gezwungen, daran teilzunehmen. Am Heiligen Abend, dem Tag vor der Hochzeit, war das Schloss auf dem Höhepunkt der Vorbereitungen. Es schien, als sei er, egal wo er sich aufhielt, immer im Weg. Seufzend ging er, um Ginny zu suchen und sie zu fragen, ob sie vielleicht mit ihm spazieren gehen wollte. Die letzten sechs Tage hatte er dazu genutzt, sich im Schloss ein wenig zurechtzufinden. Er hatte nun keine Angst mehr, sich zu verirren. Und noch besser war, dass er nun wusste, in welchem Zimmer sich Ginny vielleicht aufhalten könnte, sodass er nicht mehr das ganze Schloss durchsuchen musste, um sie zu finden.

Sie brauchte gute zehn Minuten, um all ihre Kleider anzuziehen – ihre Magd Maria bestand darauf, sie abartig warm einzupacken, da sie ja immer noch ein wenig krank sein könnte – doch als sie endlich fertig war, begleitete sie Draco nach draußen. Er hatte sie seit dem letzten Mal vor sechs Tagen draußen im Garten nicht mehr berührt, geschweige denn geküsst. Doch mehrere Male am Tag, wenn ihre Blicke sich trafen, hatte er das Verlangen, sie in seine Arme zu schließen. Dieses Gefühl machte ihm Angst; doch anstatt, dass seine Gedanken an sie verblassten, wurden sie nur noch stärker. Natürlich half es da nichts, dass sie sich fast den ganzen Tag immerzu sahen, und dass sie jedes Mal, wenn sie anwesend war, ihn zum Lachen zu bringen schien. Es brachte auch nichts, dass er ihre Küsse nicht aus seinen Gedanken verdrängen konnte. In der Tat schien wirklich nichts zu helfen. Nachdem sie eine Weile schweigend durch den Garten gestapft waren, in dem die meisten Pflanzen und Bäume absolut kahl waren, fing Ginny zum ersten Mal an zu sprechen.

„Wir heiraten morgen."

Es sah sie an, doch ihr Gesicht war vollkommen ausdruckslos. Er war daran gewöhnt, dass sich alle ihre Gefühle auf ihrem Gesicht widerspiegelten, doch dieses Mal nicht.

„Ich würde es nicht als richtige Heirat ansehen," sagte er mit einem Achselzucken und starrte geradeaus nach vorne, während sie langsam weitergingen. „Wenn wir wieder in der Zukunft sind, zählt es nicht mehr."

Als sie nicht antwortete, sah er sie wieder an. Dieses Mal sah sie verloren aus und ignorierte ihn erkennbar, obwohl sie sich absolut bewusst war, dass er sie anstarrte. Etwas in seiner Brust zog sich plötzlich zusammen und er blieb stehen. Als sie bemerkte, dass er nicht mehr neben ihr lief, hielt auch sie an und warf ihm über die Schulter einen Blick zu. Er versuchte ein Grinsen und sagte, „Schau doch nicht so ärgerlich, Ginny. Du heiratest den bestaussehenden Typen im England des 20. Jahrhunderts. Meine Güte, den Bestaussehenden in England, egal in welchem Jahrhundert. Jedes normale Mädchen würde vor Freude jubeln."

Da lächelte sie und drehte sich ganz um, doch ihre Augen waren immer noch düster. „Die Tatsache, dass ein sehr mächtiger, böser Zauberer die Welt, in der wir leben, erschaffen hat, versetzt meinem Jubelgeschrei einen eindeutigen Dämpfer."

Diese Antwort verblüffte ihn ein wenig. Er hatte erwartet, dass sie etwas in der Art von, dass sie ihn gar nicht heiraten wollte, sagen würde. So etwas hatte sie jedoch die ganze letzte Woche nicht gesagt. Doch wenn er darüber nachdachte, hatte er es eigentlich auch nicht getan. Er hatte wohl die Tatsache akzeptiert, dass sie die Heirat nicht aufhalten konnten. Doch war das wirklich der Grund? Vielleicht akzeptierte er es auch gar nicht – vielleicht begann ihm der Gedanke zu gefallen.

Nein, sagte er sich nachdrücklich. Auch wenn er Ginny mochte, was er in diesem Moment wohl schlecht abstreiten konnte, wollte er sie nicht heiraten. Als er jünger gewesen war, hatte er sich geschworen, nie zu heiraten, und er hatte auch nicht vor, diesen Schwur zu brechen, wenn man von dieser unumgehbaren Situation absah. Nun hatte er keine Wahl. Doch in der Zukunft, wieder in seiner normalen Zeit, würde das keine Rolle mehr spielen. Die Hochzeit würde Vergangenheit sein… ungültige Vergangenheit. Außerdem, wenn nicht einmal diese Welt wirklich war, wir konnte es dann die Heirat sein?

„Mir ist langweilig," verkündete Ginny plötzlich, „Willst du einen Schneemann bauen?"

„Nicht unbedingt," sagte Draco und sah sie mit einer erhobenen Augenbraue an. Sie grinste zurück; alle bedrückenden Gedanken waren offenbar aus ihrem Gehirn verdrängt. Sie beugte sich hinunter und versuchte, mit ihren Händen, Schnee zusammenzuschaufeln, doch sie musste schnell einsehen, dass ihre Kleider ihr so viel Bewegungsfreiheit nicht erlaubten. Mit einem Aufseufzen ließ sie sich in den Schnee fallen und rollte sich in eine sitzende Position.

„Diese verdammten Dreckskleider," fluchte sie leise. Lässig setzte sich Draco neben sie, zog ein Knie an und stützte seinen Arm darauf.

„Wenn wir eine Weile hier bleiben müssen, können wir diesen Idioten vielleicht ein bisschen was über bequemere Mode beibringen."

Sie sah ihn verzweifelt an. „Ich hoffe ja immer noch, dass es so weit nicht kommen wird."

Es gab eine lange Pause. Draco war sich sicher, dass Ginny wahrscheinlich über etwas sehr Wichtiges nachdachte, doch er selbst dachte eigentlich an nichts Bestimmtes. Er legte seinen Kopf zurück und blickte zum grauen, bewölkten Himmel empor. Es roch, als würde es demnächst wieder schneien. Genau das, was dieser Ort brauchte. Noch mehr Schnee – etwas Kaltes, Nasses traf seine Wange und er zuckte zusammen. Ginny begann wie verrückt zu kichern. Sie hatte ihm einen Schneeball ins Gesicht geworfen. Halb wütend auf sich selbst, weil er das einfach hatte geschehen lassen, senkte langsam seine Finger hinunter und nahm etwas Schnee, wobei er sie die ganze Zeit anstarrte. Immer noch lachend sah sie, was er vorhatte und drehte sich um, um auf ihren Händen und Füßen wegzukrabbeln. Sie war noch nicht weit gekommen, als er sie schon hinten am Mantel packte und zu sich zurückzog. Mit einem belustigten Aufschrei fiel sie in seinen Schoß, doch hob ihre Hände, um ihren Kopf zu schützen. Dennoch war sie zu langsam für ihn und er schaffte es, durch ihre Hände hindurch ihr den Schnee ins Gesicht zu reiben. Sie wand sich und strampelte, während er sie ordentlich einseifte, und spuckte den Schnee aus ihrem Mund. Als er ihr Gesicht wieder sehen konnte, erkannte er, dass sie gar nicht wütend war, wie er gedacht hatte. Stattdessen grinste sie, obwohl sie versuchte, es zu verbergen.

„Draco! Ich kann nicht glauben, dass du das gerade getan hast, du blöder Idiot!"

Bevor sie sich bewegte, nahm sie noch eine Handvoll Schnee und setzte sich dann schnell auf. Dieses Mal war er vorbereitet und schaffte es, sich zu ducken. Als sie den Schneeball warf, segelte er über ihn hinweg und landete einige Meter entfernt im Schnee. Er sah grinsend hinüber, während er sich wieder aufrichtete.

„Ha, netter Versuch, Gin-," begann er und wandte seinen Kopf wieder ihr zu. Er konnte nur noch sehen, wie sie ausholte, um den dritten Schneeball zu werfen und hörte sofort auf zu reden, als er ihn genau an seinem rechten Auge traf. Erst war es nur kalt. Doch als der Schnee sich löste, wurde die eisige Kälte von einem stechenden Schmerz ersetzt. Ginnys Lachen erstarb langsam, als sie bemerkte, dass bei ihm etwas nicht stimmte und kroch an seine Seite.

„Bist du okay, Draco?" fragte sie und klang dabei sowohl tief besorgt als auch ein bisschen ängstlich zugleich. „Es tut mir so Leid – ich wollte dir nicht wehtun…"

Er starrte sie mit seinem gesunden Auge an.

„Es tut nicht weh; es fühlt sich großartig an."

Sie begann ihn zu nerven, als sie so übertrieben sanft redete. Er hasste diese Süßlichkeit ganz einfach. Sie seufzte müde und kniete sich neben ihm hin. Dann legte sie ihre behandschuhten Finger um seine Hand, um sie von seinem Auge zu ziehen.

„Lass es mich einmal ansehen, Draco," befahl sie freundlich.

Draco riss sich von ihr los und drückte seine Hand weiter fest gegen sein schmerzendes Augenlid.

„Lass mich in Ruhe, Ginny. Hau ab."

„Oh, du großes Kleinkind, lass es mich einfach sehen," verlangte sie, nahm wieder sein Handgelenk und zog es geduldig weg. Dieses Mal wehrte er sich nicht dagegen, doch starrte sie düster an. Sie tat so, als sähe sie es nicht, legte ihre Handballen auf seine Wange, um seinen Kopf so zu halten, dass sie es gut sehen konnte. Es tränte – sicherlich nicht, weil es so wehtat, sondern weil das einfach die natürliche Reaktion seines Körpers war - und schmerzte, wenn er es öffnete. Also kniff er es fest zusammen, während er sie mit dem anderen weiterhin anstarrte, was jedoch nicht denselben Effekt erzielte als mit zweien.

„Es ist nichts," sagte sie mit einem Achselzucken und grinste überlegen, „Wenn Eis darauf ist, wird es besser."

„Es wird vielleicht ganz zuschwellen," murmelte er durch zusammengebissene Zähne, sich sehr wohl bewusst, dass ihre Hände immer noch auf seinem Gesicht lagen. Er versuchte, es zu ignorieren und rieb sich mit seinem Handrücken sein geschlossenes, tränendes Auge. „Und es tut weh."

Sie lachte kurz auf. „Ich hätte nie gedacht, dass ich miterlebe, wie du zugibst, dass etwas wehtut," sagte sie.

Als sie realisierte, wie ernst das gewesen war, was sie gerade gesagt hatte, schwieg sie sofort. Ihre Fröhlichkeit verschwand und sie seufzte wieder. Als sie ihren Kopf näher lehnte, wusste er nicht, was sie vorhatte, bis sie es tat. Sanft drückte sie ihre Lippen auf sein pochendes Augenlid. Es wurde sofort besser. Oder vielleicht konzentrierte er sich auch mehr auf das Gefühl, das es in ihm hervorrief, wenn ihr Mund ihn berührte, als auf den Schmerz in seinem Auge. Aus welchem Grund auch immer schmerzte es nicht mehr so sehr und als sie sich langsam von ihm löste und seinen Blick traf, hatte es ihm für einen Moment die Sprache verschlagen.

„Besser?" fragte sie ein wenig atemlos. Er nickte und drückte seine Hand in ihr Genick, womit er ihr Gesicht zurück zu seinem zog. Dieses Mal ging er sicher, dass ihre Lippen seine trafen. Draco hatte schon viele Mädchen geküsst. Und gelegentlich hatte er dabei etwas anderes als Langweile verspürt, wovon er damals gedacht hatte, es sei mehr, doch nun erkannte, dass es wahrscheinlich nur Lust gewesen war. Doch wenn er Ginny küsste, fühlte er etwas so Unbeschreibliches, wovon er wusste, dass er es noch nie gespürt hatte. In dem Augenblick, da Dracos Mund auf ihrem war, schien alles Schlechte in der Welt in einem großen weißen Nebel zu versinken. Es war in dem Moment egal, dass sie in dieser seltsamen Welt waren und dass sie ganz klar nicht sein Typ Mädchen war. Alles war unwichtig, außer dem Gefühl, das ihre Berührung in ihm auslöste und der Empfindung, wenn ihr Körper fest gegen seinen gepresst war. Und in seinem Hinterkopf wusste er auch, dass er sich gedanklich, wenn er einmal die Chance bekam, gründlich über seine Gefühle nachzudenken, wegen seiner schnulzigen und so furchtbar unmalfoyhaften Gedanken, selbst ohrfeigen würde. Doch nun schien er es nicht zu realisieren. Nun war es, wie alles andere auch, nicht von Bedeutung. Ginny gebrauchte erstaunlich viel Kraft, um ihn auf seiner Rücken zu schieben, sodass er im Schnee und sie direkt auf ihm lagen. Das schien ihn in die Wirklichkeit zurückzuholen und er drehte seinen Kopf, um den Kuss abzubrechen. Während er mit einer hochgezogenen Augenbraue in ihre undurchdringlichen, dunklen Augen sah, fragte er, „Warum darfst du oben liegen?"

Sie grinste, als sie einen ihrer Handschuhe auszog. Mit ihrer bloßen Hand langte sie hinauf und wickelte eine Strähne seiner Haare um ihren Zeigefinger.

„Weil ich krank werde, wenn ich auf dem Boden liege," antwortete sie. Sein Auge tränte immer noch, wodurch er sie teilweise nur verschwommen sah. Er rieb es schnell, um sie besser sehen zu können. Ginny lächelte ihn an, nahm ihren Finger aus seinem Haar und legte ihre Wange auf seine Brust. Er sah zu, wie ihr Kopf bei jeden seiner Atemzüge auf und nieder ging. Warum fühlte er sich nur in diesem Augenblick so erfüllt?

„Was ist das erste, das du tun wirst, wenn du wieder zu Hause bist, Draco?" fragte sie, während sie die Nähte auf seinem Mantel mit dem Finger nachfuhr. Er dachte einen Moment nach.

„Ich mache mir wahrscheinlich ein gutes Essen, mit Hilfe meines Zauberstabes." Ginny schwieg einen Augenblick, bevor sie antwortete.

„Ich werde eine Jeans und ein Sweatshirt anziehen," sagte sie dann und er musste lächeln. „Das ist das allererste, das ich tun werde."

Und dann hörten sie auf zu reden. Draco starrte hinauf in den bewölkten Himmel und wollte dabei an absolut nichts denken. Wirklich absolut nichts. Er würde sich später um alles andere Sorgen machen. Er hatte sich in der letzten Woche ja wirklich um genug Sorgen gemacht. In diesem Moment dachte Draco zum ersten Mal, sein Leben sei perfekt. Wobei doch genau das Gegenteil der Fall war.

-

Die Hochzeit. Die Hochzeit. Die Hochzeit.

Ginnys Mund war rau und trocken. Mit kratziger Stimme bat sie einen der Diener in der Nähe um ein Glas Wasser. Das Mädchen eilte davon, um dem Befehl Folge zu leisten, doch sogar mit ihrer Abwesenheit waren immer noch zu viele Mägde im Raum, als dass Ginny sie hätte zählen können. Ginny saß auf ihrem Bett, mit den Händen im Schoß gefaltet und hatte auch schon ihr schweres Hochzeitskleid an. Es war natürlich weiß, mit einem wundervollen Mieder, auf dem mit einem goldenen Faden schnörkelige Ornamente gestickt waren. Auch hatte es lange Puffärmel, was, wie Ginny bemerkte, der Stil dieser Zeit war. Der Rock musste aus vielen seidenen Schichten gefertigt sein, und auch wenn sie unter jedem Rock, den sie in dieser Welt je angehabt hatte, einen Reifen getragen hatte, schien der diesen Kleides der größte zu sein. Wie immer war das Korsett unbequem und fast an ihrer Schmerzensgrenze. Doch nun hatte sie noch etwas anderes, das sie sich unbehaglich fühlen ließ – der Ausschnitt. Nach Ginnys Geschmack ging er ein bisschen tiefer, als es für eine Hochzeit angemessen war. Sie hatte gedacht, diese Leute würden jemanden bei lebendigem Leibe verbrennen, wenn er es wagte so etwas zu tragen, doch nach Maria hatte die Königin das Kleid vorher begutachtet. Also würde diese sich sicher nicht deswegen aufregen. Trotzdem war es etwas, das sie normalerweise nicht trug. Ihr Haar trug sie offen, doch das war auch das einzige, das an ihrem Kopf anders war als sonst. Sie hatten ihr Gesicht gepudert und etwas auf ihre Wangen aufgetragen, von dem sie vermutete, es sei Rouge. Sonst war sie völlig ungeschminkt und schlicht. Doch nun wurde ihr Körper langsam ganz taub vor Nervosität. Die Dienerin kehrte mit dem Wasser zurück, doch als Ginny es schnell trank, half es auch nicht viel. Nachdem 10 Minuten vergangen waren, saß sie immer noch da, knetete ihre Finger in ihrem Schoß und starrte geistesabwesend auf den Boden. Um sie her wuselten die Mägde herum und unterhielten sich miteinander, während sie mit anderen Dingen beschäftigt waren. Das ganze Schloss arbeitete seit dem Morgengrauen auf Hochtouren – Ginny war aufgewacht, bevor die Sonne aufgegangen war, weil sie ganz schrecklich verspannt gewesen war und hatte seitdem nur zugehört und so wenig gesagt wie möglich. Jetzt, wo die Hochzeit nur noch eine Stunde entfernt lag, hatte sie Probleme mit dem Atmen. Dennoch konnte sich ihr Gehirn auf eine einzige Sache konzentrieren: Draco. Er sah gut aus, und wenn man danach ging, wie gut er küssen konnte, würde er auch ein guter Liebhaber sein… doch Ehe? Sogar sie selbst war sich nicht sicher, ob sie es fertig brachte, eine gute Ehefrau zu sein, obwohl sie in einer wundevollen Familie aufgewachsen war, und wenn sie es schon nicht konnte, wie würde es dann erst um Draco stehen? Und was war mit den Kindern? In dieser Zeit wurde von den Leuten erwartet, früh Kinder zu haben. Ihre Mutter würde sie sicher die ganze Zeit dazu drängen, ein Kind zu haben, damit sicher war, dass es einen Erben gab. Doch wenn Ginny bei dem Gedanken an Eheschließung schon bange wurde, konnte sie Kinder ganz eindeutig nicht handhaben. Ganz eindeutig. Jede Minute kam ihr so vor wie ein ganzer Tag. Ginny fühlte, wie ihr Körper vor Angst immer kälter wurde. Sie fragte sich, ob Leute, die verliebt waren und heiraten wollten, sich genauso fühlten, und ob das, was sie gerade durchlitt, einfach nur das war, was man kalte Füße nannte. Doch für sie schien es, als floss die eisige Kälte durch ihre Adern und erreiche jeden Teil ihres Körpers.

„Kommt, Eure Hoheit," sagte Maria mit ruhiger Stimme, „Es ist Zeit hinunterzugehen."

Nickend versuchte Ginny aufzustehen und hielt sich an Marias Schulter fest, bis sie sicher auf den Füßen stand. Vage überlegte sie, warum ihre Mutter nicht hier war, um sie zu unterstützen, doch entschied dann, dass die Königin wahrscheinlich zu beschäftigt war, sich selbst fertig zu machen, als überhaupt an ihre Tochter zu denken.

Die Hochzeit fand dort statt, wo auch schon der Ball gewesen war – in der Großen Halle. Als Ginny hörte, wie Maria sie so nannte, wäre sie vor Sehnsucht nach Hogwarts beinahe in Tränen ausgebrochen. Ein paar Minuten später wartete Ginny mit einem Dutzend anderer Frauen vor den geschlossenen Türen zur Halle. Sie kannte keine von ihnen, doch trugen sie alle schöne Kleider, nicht die übliche Uniform des Personals und so vermutete sie, dass es vielleicht ihre Brautjungfern waren. Doch schien es kein Mädchen zu geben, das Blumen streute.

„Alle Gäste sind eingetroffen und schon innen," flüsterte Maria Ginny zu und klopfte unsichtbaren Staub von Ginnys Kleid. Sie wiederholte nur das Offensichtliche und schien genauso nervös zu sein wie Ginny. „In wenigen Augenblicken wird sich diese Tür öffnen. Bleibt an der Seite stehen und lasst diese Mädchen zuerst gehen."

Ginny fand es ein wenig seltsam, dass ihr erst fünf Minuten vorher gesagt wurde, was sie zu tun hatte. Doch sie nickte trotzdem.

„Hier, Eure Hoheit." Ein Diener tauchte an ihrer Seite auf und hielt ihr einen Blumenstrauß hin. Ginny schenkte ihr ein kleines Lächeln, während sie darüber staunte, wie modern die Hochzeit war. Sie hob den Strauß zu ihrer Nase und schnupperte. Als sie Rosmarin und Lavendel roch, wurde ihr klar, dass es wahrscheinlich nicht aus Blumen, sondern aus Kräutern gefertigt war.

„Und das dürft Ihr auch nicht vergessen," fügte Maria hinzu, nahm einer Magd in der Nähe etwas ab und drehte sich wieder um, sodass Ginny es sehen konnte. Es war eine Krone – kein Diadem, wie sie es auf dem Ball getragen hatte, sondern eine goldene, runde, zierliche Krone. Es waren mehrere kleine Edelsteine eingelassen, von denen sie nur vermuten konnte, dass es Rubine, Saphire und Diamanten waren. Es war schön, doch nicht so elegant wie das Diadem. Maria lächelte und setzte es Ginny auf den Kopf. Es war relativ schwer.

„Ihr seht wundervoll aus, Eure Hoheit," sagte Maria leise und Tränen traten in ihre freundlichen Augen, „Ich bin so froh, dass dieser Tag für Euch gekommen ist."

Ginny war so betäubt, dass sie nicht einmal ein Lächeln versuchen konnte. Diese letzten Minuten waren die schlimmsten von allen. Jeder Moment kam ihr vor wie ein ganzes Jahrhundert. Sie gehorchte Maria und trat zur Seite, während die Brautjungfern eintraten. Es war keine Musik zu hören. Die Stille ließ ihr Unbehagen auch nicht besser werden. All ihr Blut schoss in ihren Kopf und dröhnte so laut, dass Maria sie anstupsen musste, um ihre Aufmerksamkeit zu erlangen. Musste sie schon gehen? Nein, das konnte nicht sein. Wenn sie einmal hineingegangen war, gab es kein Zurück mehr. Wenn sie diesen Raum betreten hatte, war sie auf dem Weg zu ihrer Hochzeit. Zu Draco Malfoy. Ihr wurde schlecht. Eine schreckliche Sekunde lang stellte sie sich vor, wie sie hineinging und anfing auf ihr wunderschönes Kleid zu kotzen. Doch sie sollte einfach nicht daran denken. Was, wenn sie über ihren schrecklich langen Rock stolperte? Was, wenn sie der Länge nach hinfiel und ohne fremde Hilfe nicht mehr aufstehen konnte?

„Es wird schon alles gut gehen," versuchte Maria ihr freundlich Mut zu machen, als sie ihre schreckliche Angst bemerkte. Es beruhigte sie kein bisschen. Maria schob sie sanft in den Türrahmen. Ihr kam es vor, als stünde sie dort Jahre, obwohl es in Wirklichkeit nur ein paar Sekunden waren. Ein angenehmer Duft stieg ihr in die Nase. Doch sie bemerkte nichts mehr. Ihre Füße waren wie angewurzelt. Maria stieß sie von hinten an, was jedoch wegen des riesigen Reifrockes, den sie trug nicht viel bewirkte. Doch dennoch kam der Hinweis bei ihr an, und Ginny befahl ihren Füßen sich zu bewegen.

Oh Gott, ich tue das nicht. Es kann nicht sein. Das hier passiert nicht… ich träume. Ich bin nicht hier. Ich schlafe irgendwo… irgendwo, nur nicht hier.

Sie ging furchtbar langsam. Seufzen, Stöhnen und Jauchzen über ihr wundervolles Aussehen kam aus der Menge. Es standen keine Stühle für die Gäste bereit; sie mussten alle stehen und die, die hinten waren, verrenkten sich die Hälse, um wenigstens einen kurzen Blick auf sie zu erhaschen. Sie versuchte, nur geradeaus zu starren, umschloss ihren Strauß so fest, dass sie sich fast die Fingerknochen brach und zwang sich weiterzuatmen. Ginny konnte Draco nicht ansehen. Sie konnte einfach nicht. Also drehte sie ihren Kopf zur Seite und betrachtete die Große Halle. Fast jeder erdenkliche Fleck war mit Blumen bedeckt – nein, es mussten Kräuter sein. In Kränzen um die Kerzen, die den Mittelgang säumten und auf den Stufen, die zum Altar führten. Sie waren alle nach Farben geordnet und ließen das Ganze wunderschön und einladend wirken, trotz der Tatsache, dass es seltsamerweise Kräuter statt Blumen waren. So langsam, wie vorher die Zeit geschlichen war, desto schneller verging sie jetzt. Sie hatte den Altar, wie es schien, in einem Atemzug erreicht. Am Fuße der drei Stufen standen die Brautjungfern. Sie lächelten sie an. Neben dem Altar waren zu Ginnys Rechter ihre Eltern, die in ihrer ganz eigenen arroganten Weise stolz aussahen und, wie es aussah, ihre ganz normalen Alltagskleider trugen. Zu ihrer Linken war Draco, sein Vater und Elle. Elle giggelte hinter vorgehaltener Hand und winkte Ginny zu, was ihr nur einen tadelnden Blick ihres Vaters einbrachte. Ginny sah schnell hinüber zu Draco. Er trug sein übliches Outfit, nur in anderen Farben. Seine enge Hose war rot, sein Wams rot und golden. Sein Umhang war ebenfalls karminrot. Auf seinem Kopf trug er eine größere Krone als sie, die auch viel mehr Edelsteine hatte. Er sah unruhig aus, doch sie konnte nicht sagen, ob das wegen der Klamotten oder wegen der Hochzeit war. Höchstwahrscheinlich Letzteres – sogar er musste Angst davor haben. Zwischen den beiden Familien stand ein älterer Mann in einer eindrucksvollen, weißen Robe. Eindeutig war er derjenige, der die Zeremonie abhalten würde. Ginny wurde klar, dass sie die Stufen schon längst hinaufsteigen musste. Ihre Mutter schoss ihr eisige Blicke zu und ihr Vater sah sie an, als fragte er sich, ob sie noch ganz dicht im Kopf war. Sie hatte nicht einmal mehr die Kraft böse zurückzustarren. Mit einer Hand hob sie ihren Rock an und trat hinauf neben Draco, doch vermied seinen Blick. Der Mann vor ihnen lächelte ein wenig, öffnete sein Buch und begann zu lesen. Ginny holte zittrig Luft und zerquetschte den Strauß zwischen den Handballen.

Das ist es.

Sie versuchte sich selbst zu sagen, dass es ja nur eine Hochzeit war und nichts anderes. Wenn wieder alles normal war, sie wieder in ihrer eigenen Zeit waren, würden sie beide das hier und sich gegenseitig vollkommen ignorieren. Es zählte nicht. Es konnte nicht zählen. Doch warum, wenn ihr das alles doch so klar war, war sie dann so gelähmt vor Entsetzen?

-

Draco sah die Schweißschicht auf Ginnys Gesicht und hörte ihren keuchenden Atem. Sie war sichtlich so nervös, dass sie schon gar nichts mehr spürte. Draco fühlte nur einfach nichts mehr. Er konnte gar nicht mehr logisch denken. Jedes Mal, wenn er versuchte, einen klaren Gedanken zu fassen, kam er wieder auf ‚Ich heirate Ginny Weasley' zurück. Was würde sein Vater sagen? Sein richtiger Vater? Wenn er es je herausfinden würde, würde Draco sicherlich aus der Familie ausgeschlossen werden. Draco war zu besorgt, um zu kapieren, dass sein Vater es nie erfahren würde, falls er es ihm nicht erzählte, wenn er wieder in der Zukunft war. Und er hatte sicher nicht vor, das zu tun. Doch trotzdem… Draco selbst würde es wissen. Wenn er es endlich zurück in die Zukunft geschafft hatte, würde er wissen, dass er einmal geheiratet hatte, auch wenn das 400 Jahre in der Vergangenheit zurücklag.

Er hatte kaum ein Wort von dem gehört, was der Mann vor ihm gesagt hatte. War er der Papst? Ein Minister? Er hatte keine Ahnung. Es war ihm egal. Er versuchte, sich darauf zu konzentrieren, sein Gesicht nicht in eine schreckliche Grimasse zu verzerren. Die Zeit tröpfelte vorbei. Der Mann, der die Hochzeit abhielt, hörte einfach nicht auf zu reden. Er brabbelte so monoton weiter, dass Draco beinahe im Stehen einschlief. Es brauchte schon einen sehr langweiligen Mann, um Draco sogar in dem furchtbarsten Moment seines bisherigen Lebens einschläfern zu können. Dann wurde er aus seinem Stumpfsinn gerissen, als der Mann sich an ihn richtete.

„Eure Hoheit, der Ring," sagte er und sah Draco an.

Ring?

Oh, verdammt, niemand hatte etwas von einem Ring gesagt. Draco starrte dümmlich zurück und überlegte, was er sagen könnte. Zum ersten Mal in seinem ganzen Leben war er verlegen. Dann stupste ihn jemand am Arm an. Er sah hinunter und erblickte Elle an seiner Seite, die lächelnd ein zierliches Kissen hochhielt. Darauf lag ein goldener Ring mit einem großen Diamanten. Draco schaffte es, als Dank zu grinsen und nahm den Ring vom Kissen. Er drehte sich wieder um und traf Ginnys Blick. Sie sah unsicher aus, was sie tun sollte; ihr Blick schoss die ganze Zeit zwischen ihm und dem Mann neben ihnen hin und her. Draco beschloss einfach das zu tun, was ihm als einziges einfiel. Er langte nach ihrer linken Hand, doch bevor er den Ring auf ihren Finger gleiten lassen konnte, fing der Mann wieder an zu sprechen.

„Mit diesem Ring nehme ich Euch zur Frau."

Draco sah ihn mit erhobenen Augenbrauen an. Was sagte er da? Der heiratete doch nicht Ginny, sondern Draco selbst…?

Dann kapierte er, dass er es wiederholen sollte. Er fühlte sich blöd, als er Ginny mit gerunzelter Stirn ansah und mit leiser Stimme sagte, „Mit diesem Ring nehme ich Euch zur Frau."

„Um Euch in schlechten Zeiten zu unterstützen und für Euch zu sorgen," fuhr der Mann fort.

„Um Euch in schlechten Zeiten zu unterstützen und für Euch zu sorgen." Draco bemerkte, dass die Liebe mit keinem Wort erwähnt wurde. Das passte ihm so. Er hatte nie jemanden geliebt und er wollte auch keine Versprechungen geben, dass er es je tun würde.

„Um zu regieren, die Ordnung zu bewahren und zu entscheiden, was für das Königreich an erster Stelle am besten ist…"

War dies ein Eheversprechen oder seine Krönung zum König? Draco wiederholte alles, was er sagen sollte, pflichtbewusst, doch fühlte dabei nichts, während er Ginny anstarrte. Sie schenkte ihm ein kleines, ermutigendes Lächeln, und als er fertig war, ließ er den Ring auf ihren Finger gleiten. Er war zu klein, blieb an ihrem Gelenk stecken und ging nicht mehr weiter. Sie biss sich auf die Lippe und krümmte ihren Finger, damit der Ring nicht abrutschte. Als Ginny mit dem Schwur an der Reihe war, übergab die Königin ihr Dracos Ring und sie begann dem Mann nachzusprechen. Ihr Schwur war anders als der Dracos, etwas über ‚Hingabe an Euren König' und ‚Euren König mit jeglicher Hilfe unterstützen', als wäre sie irgendein mickriger Untertan und nicht die Königin. Es schien in Dracos Augen ein bisschen sexistisch zu sein. Er achtete die meiste Zeit gar nicht darauf, was sie sagte. Sie nahm seine Hand in ihre Kleinere, Wärmere und er spürte ihre weiche Haut. Sein eigener, breiter, goldener Ring, auf dem etwas Lateinisches eingraviert war, passte sogar. Doch er sah an seiner Hand Fehl am Platze aus; er trug sowieso nie Schmuck, und Ringe erst recht nicht, da sie noch das Weiblichste davon waren. Ginny lächelte ihn an. Kein erfreutes, glückliches Lächeln. Ein zitterndes und erzwungenes, das sie nur aufsetzte, um nicht anzufangen zu weinen. Aus irgendeinem Grund fühlte er dadurch, als zöge sich etwas in seinem Magen zusammen. War er wirklich so schrecklich, dass sie bei dem Gedanken seine Frau zu werden weinen musste? Es gab kein Küssen der Braut. Der Mann verkündete, sie seien nun ‚Mann und Frau' und fügte dann hinzu, ‚Der neue König und die neue Königin von England und Wales'. Die Menge applaudierte freudig. Anscheinend war dies sowohl eine Hochzeit, als auch die Krönung der neuen Herrscher. Draco war drauf und dran zu gehen, doch es war noch nicht ganz vorbei. Sein Vater trat vor ihn mit dem Rücken zu den Zuschauern und schenkte ihm ein schmales Lächeln, das sein Augen erreichte. Er nahm seine größere, feiner ausgearbeitete Krone von seinem Kopf. Als Draco nichts im Gegenzug tat, sah er ihn genervt an.

„Deine Krone," formte er mit den Lippen. Seufzend langte Draco hinauf und nahm seine eigene Krone ab. Edward setzte die Königskrone auf Dracos Kopf und die Menge begann wieder zu klatschen. Als er hinübersah, erkannte er, dass derselbe Wechsel auch zwischen Ginny und ihrer Mutter stattgefunden hatte. Ginny starrte mit versteinertem Gesicht und weißen Lippen hinunter in die Menge. Draco hatte den starken Drang, ihr einen Arm um die Schultern zu legen, doch schaffte es, ihn zu bezwingen. Ginnys Vater, König Robert, trat zwischen sie und wandte sich an alle Anwesenden im Raum.

„Nun ist die Zeremonie vorüber," rief er und strahlte alle mit falscher Fröhlichkeit an. „Wir laden Sie herzlich ein, uns bei Spaß und Spielen in den Gärten Gesellschaft zu leisten. Doch ziehen Sie sich warm an."

Spaß und Spiele, was? Draco blickte Ginny mit fragender Miene an, doch sie zuckte nur mit den Achseln. Die Leute strömten langsam aus der Halle. Unsicher, was er tun sollte, wandte sich Draco seinem Vater zu. Bevor er ihn jedoch fragen konnte, was er nun tun sollte, tätschelte ihn jemand am Arm, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Er drehte sich um und sah Ginnys Mutter, die ihn viel zu glücklich anlächelte.

„Der Künstler ist hier, Draco," sagte sie.

„Künstler? wiederholte er ohne nachzudenken.

„Welcher Künstler?" echote Ginny, trat hinüber, sodass sie nun neben Lavinia stand.

„Der euer Portrait malen wird, Virginia," antwortete Lavinia, versuchte ihre Genervtheit zu verbergen, doch scheiterte. „Hast du nichts von dem gehört, was ich mit dir über heute besprochen habe?"

„Anscheinend nicht," warf Ginny zurück. Ihre Stimme war nicht annähernd so scharf und bedrohlich, wie sie hätte sein sollen – Ginny war anscheinend immer noch von der Tatsache überwältigt, dass sie verheiratet war. Draco konnte einfach nicht richtig glauben, dass er geheiratet hatte. Er fühlte sich genauso wie vorher; keine Freude, keine Traurigkeit… wenn überhaupt irgendetwas, dann nur froh darüber, dass die Zeremonie vorüber war.

Ich bin nicht verheiratet, versicherte er sich selbst.

Dabei würde er es belassen.

„Also malt er nur Ginnys Portrait," sagte er und versuchte an etwas anderes zu denken, als an das, was ihm gerade durch den Kopf gegangen war. Lavinia schoss ihm durch verengte Augen einen wütenden Blick zu.

„Nein, er zeichnet euer Hochzeitsportrait, Draco."

Ihre Stimme war ziemlich unkontrolliert. Es brauchte Dracos ganze Überwindungskraft nichts Unhöfliches oder Unverschämtes zu antworten. Stattdessen starrte er sie so wütend an, wie er nur konnte, und hoffte, damit würde er diesen ärgerlichen, allwissenden Blick von ihrem Gesicht wischen. Sie ignorierte ihn einfach. Lavinia führte sie durch eine Hintertür aus der Großen Halle, sodass sie auf keinen einzigen Besucher trafen, bis sie bei einem Raum gegenüber der Halle ankamen. Ginny lief neben Draco, hielt ihren abartig langen Rock hoch und blickte hinunter, damit sie über nichts stolperte. Er stellte sich vor, wie sie hinfiel und musste lächeln, wenn auch nur für kurze Zeit. In dem Raum standen Möbel, doch die waren zur Seite geschoben worden. An einer der Wände hing ein langes rotes Tuch, das bis zum Boden reichte und sich dort wie ein Teppich ausbreitete. Davor stand ein Mann mittleren Alters mit einer großen Leinwand auf einer Staffelei und einem Set Farben. Er nickte ihnen zu, doch begrüßte sie sonst nicht.

„Tu, was John sagt," wisperte Lavinia laut in Ginnys Ohr, da sie offensichtlich wollte, dass Draco es auch hörte. Dann richtete sie ihre Röcke zurecht, drehte sich um und ging.

„Irgendwann werde ich sie umbringen," schwor Ginny leise.

Draco entschloss sich nicht zu antworten und näherte sich dem Mann, der anscheinend John hieß.

„Wie lange wird dieses Gemälde dauern?" fragte er. John sah ihn nicht an; er ging mit seinem Pinsel in einige Farben und probierte sie in einer Ecke seiner Leinwand aus.

„Man kann Kunst nicht erzwingen, Eure Majestät," sagte er vage.

„Wunderbar," murmelte Draco.

„Wo wollen Sie uns hinhaben?" fauchte Ginny. Sie hatte schlechte Laune. Diese gottverdammte Königin – nun musste Draco unter einer gereizten Weasley leiden. John deutete mit der Spitze seines Pinsels auf das Rote Tuch. Das war sicher dazu da, um einen regelmäßigen Hintergrund zu bereiten, wurde Draco klar, als er darauf trat. Ginny folgte ihm mürrisch, wobei sie ihr Kleid noch höher zog, um das Tuch nicht mit sich über den Boden zu ziehen. Sie standen dort einen Moment, doch als John einfach weiter seine weiße Leinwand anstarrte, sichtlich in Gedanken, wurde Draco ärgerlich.

„Wenn Sie uns jetzt nicht sofort sagen, wie wir uns hinstellen sollen, dann verschwinden wir von hier," schnappte er, „und lassen Sie aus dem Land verbannen."

Ginny verdrehte die Augen, um zu zeigen, wie idiotisch sie das fand, was er da sagte. Er starrte zurück, doch sie sah ihn nicht an, und so bemerkte sie es nicht.

„Stellt Euch nebeneinander hin," sagte John knapp und sah sie schließlich doch an. Er fuhr fort ihnen Anweisungen zu geben und Draco musste ihm zugestehen, dass er seinen Ärger sehr gut verbergen konnte, als sie ihnen nicht sofort folgen konnten. Am Ende standen sie Schulter an Schulter, Ginny zu Johns Linken und Draco zu Johns Rechter. Ginny war leicht Draco zugewandt und ihre beiden Hände lagen in seinen. Der Maler hatte die Staffelei direkt vor ihnen aufgebaut, sodass er aufschauen und sie sehen konnte.

„Seht mich nun an, und bewegt Euch nicht mehr," befahl John. Dann begann er zu zeichnen. Ihre Position war vielleicht für eine kleine Weile angenehm, aber nicht für die knappen drei Stunden, die der Künstler für das Gemälde brauchen sollte. Einige Male hatte Draco ein so starkes Bedürfnis, sich zu kratzen, dass seine Hand schon zuckte und bereits nach einer halben Stunde musste er aufs Klo. Seine Beine taten vom vielen Stehen schon weh. Er begann zu schwitzen und es kitzelte, als es langsam sein Genick hinunterfloss. Doch er konnte nichts dagegen tun und es brachte ihn halb um den Verstand. Ginnys Hände begannen in seinen zu schwitzen. Sie fühlte sich sicher genauso unwohl wie er, wenn nicht noch mehr, wenn man ihre Kleider bedachte. Doch Draco war viel zu besorgt um sich selbst, als dass er an sie denken könnte. Er tat alles, was er konnte, um sich selbst zu beschäftigen. Zuerst probierte er aus, bis wohin er im Kopf zählen konnte, doch irgendwo bei 674 verlor er den Faden. Dann zählte er innerlich alle Zaubersprüche auf, die er kannte und zwar in der Reihenfolge, in der er sie gelernt hatte. Nach einiger Zeit wurde das zu schwer und so versuchte er, sich an die Ergebnisse all seiner Quidditchspiele zu erinnern. Doch auch das gab er bald auf, da es schier unmöglich war, sich an jedes Spiel seines ganzen Lebens zu erinnern. Dann ging er durch alle Kochrezepte, die er wusste, aber das hielt nicht lange, da Draco nicht besonders viel kochen konnte. Schließlich, nach fast drei Stunden, legte der Mann seinen Pinsel und seine Farben nieder, lehnte sich zurück, um sein Werk einen Moment zu betrachten und nickte befriedigt.

„Es ist vollständig," sagte er.

Wenn er verkündet hätte, „Ich weiß, wie ich Euch in Eure richtige Zeit zurückbringen kann." wäre Draco auch nicht glücklicher gewesen. Er ließ Ginnys Hände los und wischte sich seinen Nacken trocken. Ginny setzte sich so schnell wie ihr Kleid es ihr erlaubte, auf den Boden und seufzte tief vor Erleichterung. John sah sie fragend an.

„Wollt Ihr es nicht sehen?"

Nein, Draco hatte nicht das leiseste Verlangen es zu sehen – doch verdammt – er war nur dafür 3 Stunden lang durchgehend gestanden, also konnte er jetzt auch sicher gehen, dass es einigermaßen okay geworden war. Er half Ginny auf die Füße und sie gingen hinüber zur Leinwand. Sie hielt die Luft an, als sie es sah. Na ja. Es war natürlich ein außergewöhnliches Gemälde, doch sicherlich nicht eines, für das es sich nach Dracos Meinung lohnte, stundenlang regungslos dazustehen. Trotzdem war es besser als er erwartet hatte und sehr realistisch, ähnlich dem Portrait seiner ‚Mutter', das in dem anderen Palast hing. Er hatte ihre ganzen Körper gemalt; Ginnys Kleid und Dracos Outfit waren bis ins Kleinste Detail ausgearbeitet. Doch es waren ihre Gesichter, die es so umwerfend machte. Sie starrten beide nach vorne, doch nicht ganz gerade aus, sodass derjenige, der das Bild betrachtete, das Gefühl bekam, dass sie etwas in der Nähe beobachteten. Dracos Miene war ausdruckslos, wie sie, wie er hoffte, meistens war. Doch die Art, wie seine Augenbrauen ein wenig gehoben waren, vermittelte das Gefühl, dass ihn etwas nervte. Ginny sah fast glücklich aus. Ihre Lippen waren geschlossen, doch sie lächelte ein halbes Lächeln. John hatte offenbar ihren Gesichtsausdruck selbst eingefügt oder eher am Anfang abgezeichnet, da es sicher nicht möglich war, dass sie nach einer Stunde immer noch gelächelt hatte. John wartete eindeutig auf ein Lob. Ginny murmelte nur ein Dankeschön, bevor Draco sie am Arm packte und aus dem Zimmer zog.

Elle knallte die Tür hinter sich zu und hoffte, dass es vielleicht jemand durch das Geschrei und Lachen hören würde. Natürlich nicht. Es würde sie nicht einmal jemand vermissen. In den letzten vier widerwärtigen Stunden hatten die Gäste draußen auf den Ländereien gespielt, gerufen und gelacht. Sie feierten ihr neues Königspaar. Elle hatte gesehen, wie Edward Spaß hatte, was nicht oft vorkam. Sogar Draco und Ginny waren am Ende aufgetaucht, nachdem ihr Portrait angefertigt worden war, auch wenn sie ziemlich angenervt ausgesehen hatten. Dort waren so viele Leute; wenn Elle Gesellschaft hätte haben wollen, brauchte sie nicht lange zu suchen. Doch sie waren alle erwachsen. Es gab niemanden in ihrem Alter, nicht einmal annähernd. Es war bis jetzt furchtbar langweilig gewesen. Ihr eigener Onkel, der sie normalerweise umschwärmte und ihr erzählte, wie sehr sie ihrer Mutter ähnlich sah, war zu beschäftigt gewesen, seinen Kopf in ein Wasserfass zu stecken und zu versuchen, einen Apfel mit seinen Zähnen zu fangen, als sie zu beachten. Und er hatte sie in ihrem ganzen Leben noch nicht ignoriert. Der einzige Weg, wie sie der Trunkenheit und dem Geschrei der Erwachsenen entrinnen konnte, war, sich ins Schloss zurückzuziehen. Es war totenstill, das meiste Personal hatte frei bis zum Aufräumen am nächsten Morgen, und der Rest war draußen mit auf der Party. Doch hier war es einladend ruhig und Elle genoss die Stille. Mit einem gelangweiltem Seufzer machte sie sich auf den Weg zu den Küchen, wo sie hoffte, eine Frucht zu finden, die nicht in Wasser schwamm oder einem toten Schwein beilag. Manchmal wollte sie die Dinge einfach schlicht essen. Sie quietschte vor Freude, als sie eine Orange fand, die jemand vergessen hatte, als er das Essen hinausgetragen hatte. Sie hatte erst einmal in ihrem Leben eine Orange gegessen, da sie aus Amerika kamen und die Hälfte der Schiffladungen meistens verdorben war, doch sie hatte entschieden, dass es ihr Lieblingsessen war. Während sie die Küchen verließ und ihre Nägel in die Schale bohrte, um die Frucht zu schälen, überlegte sie, wo sie hingehen konnte, um ungestört essen zu können. Unglücklicherweise kannte sie das Schloss noch nicht so gut, wie ihr eigenes und hatte noch nicht so viele Verstecke entdeckt. Sie beschloss, einfach in ihr Zimmer zu gehen. Dort war es dunkel, was sie überraschte, als sie eintrat. Sie hatte ihrer Dienerin ganz sicher gesagt, sie solle die Vorhänge den ganzen Tag offen lassen, sodass die Sonne hinein scheinen konnte. Anscheinend hatte das Mädchen es vergessen. Elle ging hinüber zum Fenster, da sie den Raum gut genug kannte, dass sie auch in der Dunkelheit herumwandern konnte. Es stand nichts zwischen der Tür und dem Fenster, wodurch sie eigentlich freie Bahn haben sollte, und keine Gegenstände im Weg sein sollten, gegen die sie rennen könnte. Sie hatte nicht erwartet, dass etwas auf dem Boden lag. Ihr Fuß verfing sich in etwas, und mit einem leisen Rascheln ihres Kleides und einem leisen Aufschrei stolperte sie vorwärts und ließ ihre Orange fallen, weil sie ihre Hände zum Abfangen des Sturzes brauchte. Als sie dumpf hörte, wie die Orange wegrollte, schob sie beleidigt ihre Unterlippe vor. Toll, jetzt klebten sicher Haare daran. Gut, dass sie sie erst ein bisschen geschält hatte. Ihre Beine lagen auf dem, was auch immer es war, worüber sie gestolpert war und so drehte sie sich um und zog ihre Knie an die Brust. Sie war wütend auf den, der dieses Ding hier in der Mitte des Zimmers liegen gelassen hatte, sodass sie darüber stolperte und ihr allerliebstes Lieblingsessen fallen ließ. Doch in der Dunkelheit konnte sie nichts sehen. Das schwache Licht, das von der offenen Tür herkam, half gar nichts. Dafür war sie zu weit im Zimmer. Sie streckte eine Hand aus, stieß das, was dort lag und fühlte Stoff auf etwas Festem. Elle riss die Hand zurück und erstarrte. Das fühlte sich wie ein Mensch an! Ohne einen weiteren Gedanken an die Orange zu verschwenden, rappelte sie sich auf. Sie fühlte Panik in sich aufsteigen und ihr Herz führte Trommelwirbel in ihrer Brust auf. Es war, als wäre sie gerade aus einem bösen Traum erwacht, nur dass sie so eine Ahnung hatte, dass der Alptraum erst anfing. Sie riss die Vorhänge auseinander und ließ das Licht des bewölkten Tages eindringen. Es legte den Blick auf einen leblosen Körper auf dem Boden frei. Elle starrte ihn einen Moment an, doch schloss dann die Augen.

Geh weg. Wenn ich meine Augen wieder aufmache, bist du weg.

Sie hoffte, ja betete, dass es geschehen würde. Doch als sie ihre Augen wieder öffnete, war er immer noch da, und es sah auch nicht danach aus, als würde er gleich aufspringen und quicklebendig hinausspazieren. Elle zwang sich, langsam näher zu treten, um zu sehen, wer es war. Sein Gesicht war der Tür hin gedreht, ihr angewandt, sodass sie sich über ihn lehnen musste. Ängstlich, dass er plötzlich wieder zum Leben erwachen und sie packen könnte, schniefte sie einen Schluchzer weg und sah hinunter. Elle sah das Gesicht und schreckte zurück, der Schluchzer entwich ihrer Kehle und Tränen der Angst rollten ihre Wangen hinunter. Sie presste eine Hand auf ihre Brust, um sich zu beruhigen und versuchte zu vergessen, was sie gerade gesehen hatte. Sie wusste nicht, wer es war. Die Gesichtszüge der Person waren so blutig und zerfleischt, dass es unmöglich war, dies zu erkennen. Doch der widerwärtige, blutrünstige Anblick brachte sie fast zum Erbrechen. Es war gut, dass sie die Orange nicht gegessen hatte. Langsam wurde sie hysterisch und ihr Atem ging schwerer. Sie musste jemanden finden. Es jemandem sagen. Sie musste aus diesem Zimmer kommen! Sie zog ihre Röcke fast bis zu den Knöcheln hoch, sprang über die Leiche und floh so schnell, wie ihre kurzen Beine sie trugen, aus dem Zimmer.

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At DarkPrincess of Slytherin: Oh ja, viele Fragen… aber dieses Kapitel hat nicht viele beantwortet, sondern nur noch mehr aufgedeckt, oder? X)

At blub: Ja, diese Szene ist wirklich cool, auch im Englischen!

At Kaya Unazuki: Oh, ich weiß Cliffhanger sind scheußlich… muhaha

At IndigoNightOwl: Danke für deine Verbesserungen! Find ich gut, weil sonst mir eigentlich keiner so was schreibt, aber ich hätte es ganz gerne. Viele liebe Grüße!

At Aldavinur: Viele, viele, viele Fragen, und keine Antwort, oder? muhaha freut mich, dass es dir so gefällt… ich hoffe, dass ich jetzt ein bisschen mehr machen kann, weil ich ja zurzeit Pfingstferien habe:

At Sunnylein: Oh, du wirst schon noch erfahren, was er mit ihnen machen wird… muhaha

At Lara-Lynx: Find ich schön, dass es dir gefällt! Ich hoffe, das Nächste kommt jetzt schneller, weil ich ja zurzeit Pfingstferien habe, da müsste es eigentlich schon schneller gehen, aber ich muss mal schauen!

At Valpuri: Also, so kompliziert ist das Übersetzen eigentlich nicht (nur manchmal), aber es dauert halt immer sehr lang. Länger als etwas selber zu schreiben!

At Zutzi alias Susi: Oh, das gefällt mir, wenn mir Leute sagen, ich kann so lange brauchen wie ich will! Das ist gut! Danke nochmal, für deinen Review!

At TryPepper: Nein, die Hochzeit, die musste schon noch rein, bevor sie zurückkommen, dafür wär sie einfach zu schön gewesen, um sie rauszulassen… X)

At D.V.G.M.1: Ich mach ja schon weiter, bloß keinen Stress… xD; du wirst schon noch erfahren, was er Fieses mit ihnen vorhat! muhaha

At LaraAnime: Ja, ich weiß, es hat schon wieder zu lang gedauert… aber vielleicht geht das Nächste ja schneller, schließlich hab ich ja Ferien!

At Ninaissaja: Viiele Fragen und keine Antwort! Ohja, du wirst alles schon noch erfahren, nicht wahr? hihi

At h0n3ym0on: Dieses „Ich hab solche Sehnsucht, ich verlier den Verstand" – Lied, das ist doch Ärzte, oder?

At Melina: Das mag ich, wenn mir die Leute sagen, ich kann lange brauchen! Aber das nächste geht hoffentlich schneller:)

At Deepblue Witch: Oh ja, schau hier ist das tolle Chapter und du kriegst auch gleich noch ne Mail, damit du das auch weißt, nicht wahr! X) aber du bist ja grad sowieso nicht da, ge! Naja…