17. Abrogo Anima

In Ginny machte sich pure Angst breit, als Dracos Hand aus ihrer glitt und er zu Boden sank. Sie schluckte schwer, blinzelte und sah zu Tom auf. Er schenkte ihr ein blasiertes, halbes Lächeln, während Maria hinter ihm sichtlich Probleme hatte, ihr fieses Grinsen zurückzuhalten.

„Maria," sagte Tom, ohne seinen Blick von Ginny zu wenden, „geh zurück zum Zimmer und bereite alles vor."

Maria nickte und eilte davon, um den Befehl auszuführen. Er wies mit dem Zauberstab auf Draco, der sich sofort in die Luft erhob und ein paar Zentimeter über dem Boden schwebte. Sein Kinn schlug auf seine Brust und als Tom sich umwandte, um den Gang wieder hinunterzugehen, folgte ihm Draco wie ein gräuliches Gespenst. Ginny hatte keine andere Wahl, als ihm zu folgen. Ihre Füße waren wie aus Blei, während sie sich hinterher schleppte. Sogar der Gedanke daran, dass Dumbledore vielleicht doch hier war, um ihnen zu helfen, gab ihr keinen Mut mehr – hätte er sie nicht schon längst befreit, wenn er es gekonnt hätte? Sie wusste, dass sie eigentlich nicht so einfach aufgeben sollte, doch es war schwierig im Moment an etwas anderes zu denken, als an das, was ihr gleich zustoßen sollte. Angestrengt atmend und mit rasendem Herzen brachte sie ein gutes Stück Abstand zwischen sich und Tom, immer noch betend, dass vielleicht doch noch ein Wunder geschah. Vielleicht passierte etwas, vielleicht auch nicht.

Obwohl sie gerade eben noch hysterisch hatte kreischen und schreien wollen, wurde ihr plötzlich etwas klar.

Tom braucht mich lebend, dachte sie mit seltsam freiem Kopf. Und noch besser, auch Draco nützt ihm tot nichts.

Also konnte Ginny einfach im nächsten Moment losrennen und Hilfe suchen und Tom würde sie nicht einmal umbringen können. Oder Draco, während sie weg war. Es gab zwar immer noch die Möglichkeit, sie mit Magie aufzuhalten, doch wenn sie aufpasste – er ging schließlich mit dem Gesicht nach vorne gewandt – konnte sie vielleicht in einem unbeobachteten Augenblick verschwinden. Er würde ein paar Sekunden brauchen, um zu bemerken, dass ihre Schritte nicht mehr hinter ihm waren und währenddessen konnte sie ihn vielleicht in dem Gewirr der Gänge im Schloss abhängen. Millionen von Gedanken rasten durch Ginnys Gehirn, die sie alle warnten, so etwas Verwegenes lieber sein zu lassen.

Er kann dich ganz leicht finden… Dies hier ist seine Welt, niemand wird dir helfen… Er geht vielleicht einfach und bringt Draco um… Er ist zu gerissen; er wird wissen, was du vorhast, bevor du es überhaupt versuchst.

Doch sie tat es schon – als sie sich einer Ecke näherten, stoppten ihre Beine wie von selbst, während Tom mit Draco vor sich um die Ecke bog und verschwand. Sie wirbelte herum und rannte den Gang wieder zurück. Es dauerte nur einen kurzen Augenblick, bi Tom es bemerkte; die Luft um sie füllte sich mit seinem Gelächter und seine Stimme sprach ihr leise drohend ins Ohr, als wäre er direkt neben ihr. Dennoch rannte sie weiter, obwohl ihr Herz schmerzhaft in ihrer Kehle pochte. Alles was zählte, war von Tom wegzukommen, einfach weg… nichts, nicht einmal Dracos Leben (obwohl sie sich sicher war, dass er in Sicherheit war) schien mehr wichtig zu sein. Ihre Schuhe knallten hart auf den Steinboden, als sie um noch eine Ecke bog und einen anderen Korridor hinunter rannte. Nun hatte sie Tom wenigstens nicht mehr im Rücken; um sie nun zu sehen, musste er hinter ihr herjagen.

Sie brauchte einen Ausgang… irgendeinen Weg nach draußen; in diesem Moment würde sie sogar einfach aus dem Fenster springen. Sie hatte es vorher schon geschafft mit einer Hintertreppe ins Erdgeschoss zu gelangen, doch nun hatte sie keine Ahnung, wo die Tür war. Sie nahm Korridor für Korridor. Es war nun wirklich nötig, dass sie hier herauskam, doch solange sie oft genug die Richtung wechselte, um Tom zu verwirren, konnte sie sich noch ein wenig Zeit lassen. Noch. Schließlich, als sie sich fühlte, als sei sie stundenlang mit all ihrer Kraft gerannt, hielt sie an. Sie lehnte sich mit einer Hand an die Wand un rieb sich abwesend die Brust, um ihr Herz zu beruhigen; ihr Atem ging schwer und abgehackt. Sie war Toms Fängen ein zweites Mal entwischt, doch war dieses Mal nicht so zufrieden wie zuvor. Wie sie sehr wohl wusste, dass es seine Welt war, war ihr bewusst, dass es sehr schwer werden würde, jemanden zu finden, der bereit war, ihr zu helfen. Es gab zwar immer noch Dumbledore, aber wer garantierte schon, dass er ihr half? Und außerdem war er in Wales – wie konnte sie unbemerkt dorthin gelangen, ohne dass Tom sie vorher fand? Dafür musste sie schon sehr gerissen vorgehen. Sie ging weiter, wobei sie darauf achtete, so wenig Lärm wie nur möglich zu machen. Schnell formte sie einen wagen Plan in ihrem Kopf. Draco war mit einem Pferd gekommen, was hieß, dass es wahrscheinlich immer noch draußen stand, wenn sie endlich hier herausgefunden hatte. Damit konnte sie dann zum Schloss zurückkehren und den ersten rothaarigen Diener, den sie fand, mit einer königlichen Kutsche und ein paar Dutzend bewaffneten Rittern nach Norden schicken. Sie selbst konnte zu Pferd nach Wales reiten und nur hoffen, dass Tom der Kutsche folgen würde. Es waren so viele Risiken in diesem Plan. Die Möglichkeit, dass Tom sich hereinlegen ließ, war so gering, dass sie es besser nicht versuchte. Und sie würde sich schuldig fühlen, wenn sie einfach ein nichts ahnendes Mädchen und einige Wachen in den sicheren Tod schickte. Es konnte auch sein, dass Tom so wütend darüber wurde, dass er hintergangen worden war, dass er Draco umbrachte. Doch das war das einzige, das ihr im Moment als Rettungsplan einfiel. Sie musste es einfach probieren. Aber jetzt brauchte sie erst einmal den verdammten Ausgang von diesem Schloss.

„Majestät?"

Ginny sprang das Herz in die Kehle und für einen Moment war sie vollkommen erstarrt. Langsam drang es zu ihr durch, wer da gesprochen hatte und wirbelte herum. Direkt hinter ihr stand Harry mit einem besorgten, doch auch leicht verwirrten Ausdruck auf dem Gesicht. Ginnys Gefühle wurden aufgewühlt und die Erleichterung und Dankbarkeit verwandelten sich schnell in Misstrauen. Hatte Harry die ganze Zeit mit Tom unter einer decke gesteckt? Sie runzelte die Stirn… Nein, hätte Tom dann nicht etwas davon erzählt? Nicht wenn er sich sicher gewesen wäre, sie würde wegrennen… sodass Harry, wenn sie auf ihn stieß, sie unverletzt zurückbringen konnte. Doch die leichte Besorgnis in seinen Augen sah so echt aus, dass sie mit ganzem Herzen glauben wollte, er sei auf ihrer Seite und hätte keine Ahnung, was hier ablief. Dennoch musste sie sich in Acht nehmen. Beim ersten kleinsten Anzeichen von Bösartigkeit und Feindseligkeit auf seinem Gesicht, würde sie fliehen. Sie hatte sich die ganze Zeit in Maria getäuscht – hatte die vielen kleinen Anzeichen auf Hass und Neid als etwas anderes verstanden – und würde es dieses Mal nicht wieder tun.

„Geht…" Er schluckte, „Geht es Euch gut?"

„Ja, absolut," antwortete Ginny scheinbar gelassen und richtete sich auf, „Mir ging's nie besser. Was tust du hier?"

„Ich-, ich bin seiner Majestät hierher gefolgt," gab er mit einem Blick zu, als hätte er ein schlimmes Verbrechen begangen und wartete nun auf seine Bestrafung. „Ich hatte die Vermutung, dass… etwas nicht stimmte."

Das besänftigte sie ein wenig, doch der Argwohn blieb.

"Ich bin sehr froh, dass du hier bist. Deine Anwesenheit gibt mir Mit, Harry." Es war die Wahrheit. Er warf ihr einen sowohl verlegenen wie auch sprachlosen Blick zu.

„Wieso seid Ihr hier, wenn ich fragen darf?"

„Ich wurde hierher gebracht," verkündete sie, „gegen meinen Willen. Du und ich, wir hatten beide unsere Gründe, warum wir Abneigung gegen Tom hegten und wir lagen nicht falsch. Er ist böse."

Harry nickte, als hätte er das schon die ganze Zeit gewusst. Das veranlasste Ginny dazu, sich anzuspannen und wieder auf jegliche Merkmale der Falschheit zu achten.

„Wo ist Seine Majestät?" fragte er leise, als er ihre angespannte Haltung bemerkte.

„Auch weggebracht," sagte sie mit einem Schulterzucken, „Ich überlege mir schon einen Plan zu seiner Befreiung, doch erst muss ich etwas anderes erledigen."

Sie hörte sich selbst über Draco reden, als wär er eher eine Art Besessenheit oder eine gestohlene Sache, als ein menschliches Wesen. Das Bewusstsein, dass Harry vielleicht ihr Feind war, ließ sie kalt handeln.

„Okay." Erstand unsicher da, unsicher, was er tun sollte.

Biete mir keine Hilfe an, betete Ginny innerlich, während sie an der Innenseite ihrer Wange kaute und ihn anstarrte. Biete mir keine Hilfe an… weil ich dann sicher sein kann, dass du mit Tom zusammenarbeitest, bitte keine Hilfe…

Die Pause zog sich immer mehr in die Länge. Die Stille schrie zwar in ihren Ohren, doch kam es ihr wundervoll vor. Nun war es klar, dass Harry nichts von Hilfe sagen würde und langsam entspannte sie sich.

War er ihr ein Verbündeter? Konnte sie wirklich Harry als einen solchen ansehen? Es würde solch eine Erleichterung sein, ihm zu glauben, doch sie musste vorsichtig sein.

„Okay," sagte Harry wieder, „Gut, dann werde ich jetzt wohl gehen. Ich habe im Schloss noch einige Pflichten zu erfüllen."

„Hilf mir," stieß Ginny plötzlich hervor.

Eine seiner Augenbrauen zuckte. Das einzige, was seine Miene zeigte, war Verwirrung. „Euch helfen?" fragte er verunsichert.

„Ja. Hilf mir, hier mit Tom fertig zu werden," sprudelte sie hervor, „Er hat Draco und ich bin nun vollkommen allein. Ich brauche Hilfe. Du bist der einzige, dem ich beinahe vertraue, Harry."

So. Sie hatte zwar nicht gesagt, dass sie ihm vertraute, doch hatte erwähnt, dass sie nahe daran war. Ginny wusste, dass es nun nur noch zwei Möglichkeiten gab, wie Harry reagieren könnte. Er konnte es strikt ablehnen, sagen, das sei nicht möglich, oder eben sofort zustimmen. Ginny war sich nicht sicher, was von beidem nun bedeutete, dass er für Tom arbeitete. Sie beobachtete, wie seine Gesichtzüge kalt wurden, seine Lippen sich zu einer schmalen Linie zusammenpressten und seine grünen Augen sie wütend anstarrten. Absolut verwirrt fragte sie sich, ob das wohl bedeutete, dass er sie verabscheute und zu Tom gehörte oder ob er sie nur so anblickte, weil er dachte, sie hätte etwas mit dem Tod seiner Mutter zu tun. Ach, sie konnte aus seinem Gesicht einfach nichts herauslesen… hier verschwendete sie bloß ihre Zeit, da sie sowieso nichts von Bedeutung herausfand.

„Ich habe wohl keine Wahl." Seine Stimme war eiskalt. „Oder etwa doch?"

„Natürlich hast du das?!" stotterte sie unsicher. Sie hatte nicht bedacht, dass er auch ungern einwilligen könnte.

„Ich werde Euch helfen, Eure Majestät," sagte er mit einer Stimme getränkt von Verachtung, als ertrüge er seine Vorgesetzte nur mit viel Geduld. Er verbeugte sich tief. „Ich bin ja Euer Diener, nicht?"

„Oh, hör damit auf," befahl sie scharf, „Richte dich wieder auf und egal was du tust, verbeuge dich bitte nie wieder vor mir."

Er kam wieder hoch, mit einem arroganten Grinsen auf dem Gesicht.

„Wie Ihr wünscht, Eure Majestät-,"

„Und nenn mich nicht so!" kreischte sie, legte ihre Finger an die Schläfen und kniff die Augen zu, „Ich bin nicht Eure Majestät, ich bin niemandes Majestät. Ich bin nicht königlich, ich bin nicht reich…"

Der kalte, starre Blick wich langsam aus seinem Gesicht. Nun sah er ernsthaft erschrocken aus, vielleicht weil er dachte, sie eine Art Anfall. Wahrscheinlich befürchtete er sogar, sie würde auf ihn losgehen.

Sie atmete durch zusammen gebissene Zähne ein, bevor sie die Hände wieder fallen ließ und die Augen öffnete. „Hilfst du mir? Freiwillig? Da du nämlich frei bist, Harry, ich gewähre dir und deinem Vater die Freiheit."

„Ich-, ich werde Euch helfen," beeilte er sich zu sagen. Natürlich sagte er das nur aus Angst, andernfalls den Kopf abgerissen zu bekommen. Ginny wusste, dass sie Angst einflößend aussehen musste, konnte nur vermuten, wie rot ihr Gesicht war und wie ihre Haare abstanden, doch das machte nichts. Sie würde dieses verdammte Schloss mit oder eben ohne Harry verlassen.

„Dann komm," sagte sie tonlos und schritt weiter den Gang hinunter. Das Gebäude war wirklich ein einziges Labyrinth. Von jedem der unzähligen Korridore zweigten noch weitere ab, doch keiner von ihnen schien irgendwo hinzuführen. Die Türen, mit denen diese Korridore bestückt waren, waren alle abgesperrt, sodass sie keinen Zugang zu den Fenstern hatte. Frustration baute sich in Ginny auf und die Energie, die sie vorher noch verspürt hatte, versickerte langsam. Sie fühlte sich schwerfällig, nutzlos. Im Moment wollte sie nichts mehr, als in einem weichen Bett zu versinken und all ihre Sorgen zu vergessen. Das einzige, das sie gerade davon abhielt, war, dass kein Bett in Sicht war. Ginny war so auf ihre Erschöpfung konzentriert, dass sie erst gar nicht wahrnahm, dass Harry ihr nicht mehr folgte, bis sie ein Lachen hörte. Sie verlangsamte ihre Schritte und dachte, es sei Harry gewesen, weil er etwas Bestimmtes erreicht hatte. Doch als sie sich umwandte, erkannte sie, dass es nicht er gewesen war, der eisig gekichert hatte – es war Maria. Ginny musste wirklich tief in Gedanken versunken gewesen sein, denn irgendwie war es Maria möglich gewesen, Harry zu packen und ihm ein Messer an die Kehle zu drücken, ohne dass sie davon etwas mitbekam. Für ein paar Sekunden stand wie versteinert da. Harry rührte sich ebenfalls nicht, doch das kam wahrscheinlich von der Todesangst, die er ausstand. Maria war so klein, dass er sich nach hinten beugen musste, damit sie seine Schultern erreichen konnte. Seine beiden Hände lagen auf dem Arm, der um seinen Hals gelegt war, doch er versuchte nicht, das Messer wegzureißen. Doch Maria versuchte auch nicht, seine Finger abzuschütteln.

„Es ist absolut, einen Fluchtversuch vor uns zu versuchen," sagte Maria zynisch, die Stimme voller Gehässigkeit. „Es ist schon schade, dass du ihn nun auch noch mit hineingezogen hast." Sie stieß Harry an, um zu verdeutlichen, wen sie mit ‚ihn' meinte. „Nun werde ich ihn wohl umbringen müssen."

Ginny wusste nicht, was sie antworten sollte. Sie wusste nicht, was sie tun sollte – was sie denken sollte. Harry stand kurz vor seinem Tod und alles, was sie tat, war einfach zu starren.

Gefangen. Sie steckte fest… Sie hatte nur zwei Möglichkeiten. Entweder rennen, Harry dem Tod überlassen und dies für immer an ihrem Gewissen nagen lassen oder hier bleiben und mit ansehen, wie Harry starb. Keines von beidem klang besonders verlockend. Sie konnte zwar einerseits nicht einfach gehen, doch andererseits würde sich Maria ihr zuwenden, wenn sie mit Harry fertig war. Nicht zum ersten Mal wünschte sie Ginny, sie würde Harry nicht mögen, doch diesmal aus einem völlig anderen Grund als früher. Dieses Mal wünschte sie sich, sie hasste ihn und hätte die Kraft einfach wegzugehen und ihn sterben zu lassen. Doch sie tat es nicht. Sie blieb, als wäre sie am Boden festgewachsen. Die Sekunden vergingen, Maria starrte Ginny an, während Harry laut und abgehackt atmete. Jeder von ihnen wartete darauf, dass sich jemand bewegte, doch niemand tat es. In diesem Moment erschien Tom. Nur Harry zeigte eine Reaktion auf sein kommen und richtete seine Augen auf ihn – Maria wagte es nicht, den Blick von Ginny zu wenden und Ginny hielt ihm stand.

„Maria," sagte Tom mit weicher und besorgter Stimme, jedoch immer noch bedrohlich und kalt, „bitte lass Harry los."

„Ich könnte ihn umbringen-," zischelte Maria.

„Nein."

Es war nur eine Silbe, leise gesprochen, doch ihre Wirkung war gewaltig. Marias eisige Augen flackerten und sie entfernte zögerlich die Klinge von Harry Kehle, ihr Gesicht plötzlich kreidebleich. Mit einer Hand an seinem Hals stolperte Harry unwillkürlich ein paar Schritte in Ginnys Richtung. Ginny starrte Tom an und achtete dabei besonders auf irgendwelche Anzeichen für Draco. Doch er war offensichtlich nirgendwo in der Nähe. Hieß das, dass Tom ihn irgendwo in einem Zimmer bewusstlos hatte liegen lassen?

Vielleicht wacht er ja auf, betete Ginny. Vielleicht kann er ja fliehen, wenn er wieder zu Bewusstsein kommt.

„Ich denke, ich werde nun hinter euch beiden laufen," sagte Tom mit einem deutlichen boshaften Unterton in der ruhigen Stimme.

„Maria, führe uns nun."

Ginny hätte wissen müssen, dass sie nicht entkommen konnte – hätte wissen müssen, dass Tom alle Fluchtwege abgesichert hatte. Es war zwar einen Versuch wert gewesen, aber nun hatte sie Harry in Gefahr gebracht. Die Dinge konnten nicht schlechter stehen.

Maria geleitete sie in einen riesigen Ballsaal, jedenfalls sah es nach einem aus. Die Wand gegenüber der Tür bestand vollständig aus Glas, doch war von sich bauschenden, weißen Vorhängen bedeckt. Draußen konnte Ginny nichts außer drückender Dunkelheit erkennen. Die kahle Leere gab dem Ort etwas Kaltes, Abschreckendes, und obwohl ein großer Kerzenständer mit Kerzen entzündet war, krochen Schatten über den Fußboden. Harry trat zuerst ein, danach Ginny selbst, doch sie blieb sofort stehen und ging keinen Schritt weiter. Die Tür schloss sich hinter ihr ganz von selbst. Ihre Augen suchten den Raum ab und sahen ein Bündel in der Ecke liegen, das ganz nach Draco aussah, doch immer noch absolut regungslos. Ginny drückte sich rücklings gegen die Tür, als hoffte sie, sie könne mit dem Holz verschmelzen.

„Harry," sagte Tom, die Boshaftigkeit kaum hörbar in seinem kalten Ton. Er stand in der Mitte des Raumes, mit dem Zauberstab in seiner Hand. „Es freut mich sehr, dass du uns heute Abend Gesellschaft leistest, doch ich befürchte, du musst von dort drüben zusehen."

Und während der letzten Worte deutete er mit dem Zauberstab auf die Wand zu seiner Rechten. Harry war sofort dort, so schnell, dass Maria einfach etwas Auffälliges hatte beobachten müssen. Sie stand einen Schritt hinter Riddle mit einem ziemlich überraschten Ausdruck auf dem Gesicht, sagte jedoch kein Wort. Harry Körper traf mit einem dumpfen Aufschlag auf der Wand auf. Er ließ keinen Laut von sich, als er auf dem Boden aufschlug, sodass Ginny vermutetem dass er ohnmächtig war. Doch langsam kam er auf die Knie, sein Gesicht so vor Schmerz verzerrt, dass Ginny am liebsten an seine Seite geeilt wäre. Aber sie tat es nicht. Stattdessen sah sie zu, wie er schwerfällig auf die Füße kam. In diesem Moment wollte sie nichts mehr, als dass Harry nicht hier war, dass er einfach weg war. Sie wusste, dass er sterben würde und auch wenn es vielleicht nicht der Harry war, den sie so gut kannte, brachte der bloße Gedanke ihren Magen dazu sich zu verkrampfen.

„Was-," fing Harry an, doch er kam nicht weit. Tom unterbrach ihn.

„Petrificus Totalus."

Harrys ganzer Körper wurde steif, sein Kiefer schloss sie sofort und er kippte seitlich um. Er rollte auf den Rücken und erinnerte Ginny nun mehr an eine Steinstatue als an einen Menschen. Sie konnte ihren Blick nicht von ihm wenden, und doch war sie unglaublich erleichtert, dass Tom ihn noch nicht umgebracht hatte. Maria starrte mit offenem Mund in Harrys Richtung. Dann wandte sie sich Tom zu, um ihn etwas zu fragen, doch der Ausdruck auf seinem Gesicht war so kalt und bedrohlich, dass sie es lieber sein ließ und nur ihre Lippen zu einer schmalen Linie zusammenpresste.

Tom entspannte sich sichtlich und die immense Befriedigung war leicht erkennbar. „So. Er ist versorgt." Er warf Ginny einen Blick zu. „Komm hier herüber und mach es mir nicht unnötig schwer, ja?"

Ginny schüttelte schnell und heftig den Kopf. Wenn er wirklich ihren Körper übernahm, sollte er es wenigstens nicht leicht haben.

„Tom," beeilte sich Maria zu sagen, „Ich habe das Messer. Ich kann sie für Euch töten," fügte sie hinzu und heftete ihren Blick mit einem gemeinen Grinsen auf Ginny, „wenn Ihr sie festhaltet-,"

„Ruhe," schnappte Tom, „du wirst daneben stehen und zusehen, hast du verstanden?"

Maria öffnete den Mund, um zu widersprechen, doch sie musste den Ausdruck in seinen Augen gesehen haben, denn sie überlegte es sich wieder anders. Sie war wirklich ein Feigling, wenn man sie so leicht kontrollieren konnte.

Sie muss wirklich eine Heidenangst vor Tom haben, überlegte Ginny.

„Natürlich," nuschelte Maria und stolperte unbeholfen ein paar Schritte zurück. Ginny hatte in Marias Richtung geguckt und so nicht auf Tom geachtet. Ihr entfuhr ein Aufschrei, als sie plötzlich in die Höhe gerissen wurde und rasend schnell auf die Wand zuschoss, wobei Toms Zauberstab sie steuerte. Er ließ sie hart auf der Wand aufprallen, was ihr für kurze Zeit den Atem nahm. Sie fiel zurück auf den Boden, doch noch bevor sie das Gleichgewicht ganz verlieren und hinfallen konnte, hatte Tom schon mit den Fingern geschnipst, wodurch aus der Wand hinter ihr metallene Fesseln herausschnellten, die sich fest um ihre Handgelenke, Knöchel, Taille und ihren Hals schlangen, bevor sie wieder in der Wand verschwanden, und sie somit fest gegen die Wand pressten. Wenn sie versuchen sollte, sich zu bewegen, würde das Metall schmerzhaft in ihre Haus schneiden. Also stand sie starr da, da sie wusste, dass sie sowieso keine Chance auf Flucht hatte, wenn Tom sie so musterte wie gerade.

Maria sah nun mehr als verwirrt aus, was ihre Angst überwältigte.

„Wie macht Ihr-?"

„Ruhe, Maria," zischte Tom ohne den stechenden Blick von Ginny zu wenden. Maria gehorchte, doch Ginny sah den Schimmer von Wut, der ihr Gesicht überzog und sich gegen Tom richtete. Ginnys Blick wanderte zu Draco, der immer noch bewusstlos in der Ecke lag. Würde er aufwachen? Konnte er sie irgendwie retten? Natürlich war die Wahrscheinlichkeit gering, doch es wäre trotzdem eine sehr große Erleichterung gewesen, wenn er aufwachte.

Tom würde ihn sofort wieder außer Gefecht setzen, sagte sie sich stirnrunzelnd. Er wollte nicht, dass Draco das mitbekam, also würde er bestimmt auch sicher gehen, dass es so war. Daher war es sinnlos, sich von Draco Hilfe zu erhoffen. Doch was war mit Harry? Sie warf ihm einen Blick zu. Er lag immer noch steif wie ein Brett auf dem Boden und zeigte auch keine Anzeichen davon, dass dies sich bald ändern würde. Ginny zwang sich, Tom zu beobachten. Er hatte immer noch nichts getan; er stand vor ihr mit dem Zauberstab in der Hand und einem schmalen Lächeln auf dem Gesicht, das vollkommene Befriedigung zeigte. Sie wusste, dass es bald soweit war; wusste, dass er bald die Kontrolle über sie haben würde. Vielleicht hatte er sogar schon angefangen. Wann würde sie etwas bemerken? Spätestens wenn sie nicht mehr in ihrem Körper war, würde sie es wissen. Ginnys Herz schlug schmerzhaft gegen ihre Rippen und sie fragte sich, ob sie gleich vor grauenvoller Erwartung ohnmächtig würde. Doch das wollte sie nicht – sie wollte mitbekommen, wie Tom sie umbrachte. Vielleicht starb sie nicht in dem Sinne, dass ihr Körper aufhörte zu arbeiten, doch Ginny Weasley würde verschwinden. Weg. Für immer. Und es gab keinen Weg zurück. Es würde nur noch ihr Körper übrig sein, im Besitz von Tom Riddle. Mehr denn je wünschte sich Ginny mit jeder Faser ihres Herzens, dass sie nie angefangen hätte in diesem Tagebuch zu schreiben, das sie in ihrem ersten Schuljahr in einem alten Schulbuch gefunden hatte. Es hatte sie schon von sechs Jahren beinahe getötet und diesmal würde es wohl seiner Aufgabe gerecht werden. Und das alles wegen einer dummen Entscheidung, die sie getroffen hatte, als sie elf Jahre alt gewesen war. Das brachte sie nun um. Sie fühlte sich plötzlich, als würde flüssiges Eis statt Blut durch ihre Venen schießen und es ließ ihren Kopf taub werden. Ginny vermutete, dass dies der Anfang von Toms Zauber war – vielleicht übernahm Toms Geist gerade den ihren. Ginny zwang ihr Gehirn zusammenhängende Gedanken zu formen. Sie bekam noch mit, wie sie über ihre Eltern und ihre Brüder nachdachte… was würde mit ihnen geschehen? Würden sie versuchen herauszufinden, wohin sie verschwunden war, und dabei durch Toms Hand umkommen? Und was war mit ihrem eigenen Leben? Sie war erst 17, ja, es stimmt, sie hatte geheiratet, doch das war nur eines der vielen Dinge gewesen, die sie hatte tun wollen, wenn sie älter war. Sie hatte sich mit einem netten Mann binden und Kinder haben wollen; sie hatte einen gut bezahlten Job finden wollen. Sie hatte zeigen wollen, dass sie ihre eigene Persönlichkeit war und nicht einfach noch eine Weasley. Diese Chancen wurden nun einfach ausgelöscht, genauso wie ihr Leben.

„Ginny," sagte Tom plötzlich. Beim Klang seiner Stimme zuckte sie zusammen. Sie hatte schon halb vermutet, dass er schon angefangen hatte, sie zu übernehmen.

„Ich denke nicht, dass du etwas spüren wirst," teilte er ihr gelassen mit, mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht – höchstwahrscheinlich angesichts ihres verängstigten Gesichtsausdrucks. „Ich bin relativ sicher, dass es kurz und schmerzlos von statten gehen wird. Dennoch kann ich nur vermuten. Ich habe dies noch nie vorher getan."

Ginnys Mund wurde trocken und sie konnte nicht antworten.

„Nur noch eins," fügte Tom hinzu und klopfte mit dem Zauberstab in die Handfläche seiner anderen Hand, „Danke. Dank dir hat sich mein Plan genau so entwickelt, wie ich es wollte. Also danke ich dir."

In diesem Moment wünschte sie sich, sie hätte noch ein wenig Speichel übrig, denn dies schien als die perfekte Gelegenheit, um ihn anzuspucken.

Tom hob den Zauberstab, in seinen Augen glühte ein wahnsinniges Feuer, und rief zwei Worte: „Abrogo Anima!"

Ginny hatte keine Ahnung, was das bedeutete, doch es musste ein sehr mächtiger Zauber sein. Plötzlich kam ein heulender Wind auf. Die Vorhänge bauschten sich und die meisten Kerzen im Halter erloschen, was den Raum in fast vollkommene Dunkelheit tauchte. Das einzige Geräusch war der Wind, der in Ginnys Ohren pfiff un ihre Haare um ihren Kopf wirbeln ließ… Auch Toms Haare waren nicht mehr ordentlich gescheitelt, wodurch seine Ähnlichkeit mit Harry fast unheimlich zum Vorschein kam. Sein Gesichtsausdruck war der höchster Konzentration, sein Zauberstab direkt auf Ginnys Brust gerichtet, doch sie sah, wie Marias Mund hinter ihm sich bewegte. Ginny konnte nicht hören, was sie sagte; vielleicht war es ihre Todesangst oder aber des Heulen des Windes, die sie fast taub werden ließen… doch offenbar rief Maria Tom etwas zu, mit weit aufgerissenen, verärgert dreinblickenden Augen. Toms Augen zuckten hin und her und seine ruhige Miene verwandelte sich in rasende Wut. Er senkte den Zauberstab und drehte sich langsam um, um Maria direkt ansehen zu können. In diesem Moment wurde Ginny klar, dass dies vielleicht ihre einzige Fluchtmöglichkeit war. Da er sie nun nicht mehr beobachtete, konnte sie vielleicht irgendwie eine Hand von den Ketten befreien dann mit der freien Hand die Fessel um ihren Hals herunterreißen. Der Wind wirbelte immer noch ihr Haar umher und ließ ihr Unterkleid gegen ihre Waden schlagen, als sie an den Ketten riss, um ihre hand los zu bekommen. Es tat weh und sie wusste, dass die Chancen frei zu kommen, schlecht standen, doch es störte sie nicht mehr. Sie würde hier nicht hängen bleiben und auf Hilfe warten. Das hatte sie ihr ganzes Leben getan… Es war immer jemand da gewesen, um ihr zu helfen, doch nun war sie allein und so musste sie es selbst versuchen. Sie hoffte. Betete. Als die Ketten sich kein Stück bewegten, ging sie zu einer anderen Methode über, indem sie ihre Hände zu Fäusten ballte und sich so fest sie konnte von der Wand abstieß, in der Hoffnung, so das Eisen aus der Wand ziehen zu können. Kein Glück. Das Metall schnitt schonungslos in ihre Haut und ein dünnen Rinnsal Blut sickerte hinunter in ihre geballte Faust. Sie stöhnte auf, doch versuchte es mit zusammengebissenen Zähnen erneut. Ihre Augen begannen zu tränen und sie blickte auf, um zu sehen, was Tom tat. Er hatte ihr immer noch den Rücken zugewandt und Maria sah in mit großen, vor Wut blitzenden Augen an; ihre Lippen bewegten sich noch immer – sie schrie ihn noch immer an, wahrscheinlich erpicht darauf zu wissen, was er da tat. Ginny riss wieder an ihren Fesseln und ließ einen Schmerzensschrei aus, der doch ihre Ohren über den jaulenden Wind nicht erreichte. Ihre Hände entspannten sich und sie sank zurück gegen die Wand; es hatte keinen Sinn. Sie konnte sich nicht befreien… sie war nicht stark genug. Ihr eigenes Blut verschmierte schon ihre Hände. Sie versuchte die Tränen wegzublinzeln und wandte ihren Blick hinunter zu ihren Füßen. Vielleicht… in ihren Beinen hatte sie eindeutig mehr Kraft – vielleicht konnte sie diese irgendwie frei kämpfen.

Doch was dann?, fragte sie sich selbst.

Doch nein, sie musste Schritt für Schritt vorgehen. Jedoch gerade als sie anfing ihren Fuß nach vorne zu reißen, ließ ein Blitz grünen Lichts ihren Kopf jäh nach oben schnellen. Sie sah durch die Strähnen roten Haars, die vor ihrem Gesicht tanzten, wie Maria zu Boden ging, wie eine Marionette, dessen Schnüre man durchtrennt hatte. Tom hatte sie umgebracht. Ginnys Magen drehte sich um. Es war wahr, Maria war nur dazu da gewesen, um sie zu töten, doch dennoch hatte Ginny ihre Anwesenheit akzeptiert. Sie hatte bis zum Ende geglaubt, Maria würde eingreifen und Tom daran hindern, Magie zu vollbringen – es war eine törichte, letzte Hoffnung gewesen, das war Ginny klar, doch trotz allem eine Hoffnung.

Und nun war Maria tot. Nun war niemand mehr im Raum, der lebte, bei vollem Bewusstsein war oder sich auch nur bewegen konnte. Bis auf Ginny und Tom. Dies jagte ihre höllische Angst ein. Tom wandte sich zurück zu Ginny und seine dunklen Augen trafen die ihren. Sie erstarrte und in diesem Augenblick wurde ihr klar, dass es vorüber war. Tom hatte das Spiel gewonnen und sie hatte verloren… sie konnte nichts mehr tun. Ihre Muskeln versagten und das einzige, das sie auf den Beinen hielt, war die Tatsache, dass die Kette um ihren Hals sie erwürgen würde, wenn sie nicht stehen blieb. Doch plötzlich erschien ihr dies als gar nicht mehr so schlecht; wenn sie tot war, konnte Tom ihren Körper nicht mehr gebrauchen. Doch sie hatte keine Zeit mehr, sich selbst ersticken zu lassen. Tom hob wieder seinen Zauberstab, seinen Blick fest auf sie gerichtet und einem Lächeln auf den Lippen. Auch er wusste, dass er der Sieger war. In wenigen Sekunden würde alles… Heulte der Wind immer noch? Oder war es sie selbst, die so schrie? Sie blinzelte, konnte Tom nicht mehr scharf sehen. Sein Gesicht verschwamm vor ihren Augen, doch sie konnte immer noch sein Lächeln erkennen… dieses befriedigte, siegessichere, selbstgefällige Lächeln, das seine blauen Augen schwarz werden ließ, durch das seine Gesichtszüge kalt und hart wurden.

Nun hörte sie gar nichts mehr. Sie konnte den Wind nicht mehr spüren oder das schmierige Blut an ihren Händen oder der Druck der Fesseln… sie weder etwas erkennen noch etwas hören. Wurde ihrem Körper gerade die Seele entrissen? War sie schon tot?

Und dann war es vorüber; das wusste sie. Ihre Existenz begann zu verschwinden… und sie verlor vollständig das Bewusstsein.

Das Bett war zu hart.

Das war das erste, was Ginny Weasley dachte, als sie langsam aus ihrem Schlaf erwachte. Sie war es gewohnt, weich zu schlafen – sie streckte sich ausgiebig, mit einem kleinen Lächeln auf dem Gesicht. Sie hatte einen schönen Traum gehabt… sie hatte in den Armen eines Mannes mit silber-blonden Haaren gelegen und dies sehr genossen… ein bekanntes Gefühl. Langsam tauchte sie aus ihrem Halbschlaf auf… sie fühlte sich, als hätte sie gerade eine der erholsamsten Nächte ihres Lebens hinter sich gebracht, wenn man das harte Bett außer Acht ließ. Sie musste sich um nichts scheren und in ihrem Kopf ging nichts herum außer dem Gedanken, wie angenehm es wäre, sich umzudrehen und einfach weiterzuschlafen. Sie gähnte laut und genüsslich, streckte ihre Beine und zwang sich selbst dazu, die Augen zu öffnen. Über ihr hing der samtene Baldachin – so wunderbar vertraut. Oh, wie hatte sie dieses Bett vermisst.

Dann plötzlich ging ein Ruck durch Ginny und mit einem Aufschrei richtete sie sich blitzschnell auf. Hogwarts. Mit einem Ruck war sie hellwach und strampelte wild mit den Füßen, um ihre Füße von der Decke zu befreien. Nach ein paar Sekunden hatte sie sich vollständig in dem Bettlaken verheddert, gab es auf und riss die Vorhänge an der Seite ihres Bettes auf. Vor ihr lag der wunderschöne Schlafsaal der Siebtklässler von Gryffindor und sie bewunderte ihn, als hätte sie nie im Leben etwas so Hinreißendes gesehen.

„Oh," schnaufte sie, „oh, scheiße."

Sie wusste gar nicht, warum sie eigentlich fluchte, doch das Wort schien ihr sehr angebracht. Schnell versuchte sie, aus dem Bett zu kommen, wobei sie vergaß, dass sie mit den Füßen immer noch in ihrer Decke verwickelt war und krachte auf den Boden. Und nun lag sie da völlig regungslos, halb auf dem Rücken und mit den Beinen immer noch oben auf der Matratze. Den Blick starr zur Decke gewandt wagte sie kaum zu glauben, was geschah und verspürte plötzlich den Drang laut loszulachen. Und das tat sie. Sie lachte wie verrückt; wäre irgendjemand in der Nähe gewesen, er hätte sie sicherlich für eine Wahnsinnige gehalten. Ihre Taille schmerzte und ihre Augen tränten… doch es tat so gut, einfach loszulassen, dass es ihr nichts ausmachte. Sie war in Sicherheit! In Hogwarts mit ihrem eigenen Körper! Tom war nirgends hier - er war tot – doch sie war es nicht! Doch… der Wievielte war heute? Hatte sie jemand vermisst?

Ginny atmete tief ein, um einen weiteren Lachanfall vorzubeugen, befreite sich schnell von den Laken und richtete sich auf. Auf ihrem Nachtkästchen lag die wunderbarste Sache, die sie seit langem gesehen hatte – ihr Zauberstab. Sie schnappte ihn und – sie konnte sich nicht daran hindern – küsste ihn. Das Lächeln wollte einfach nicht von ihrem Gesicht weichen. Sogar wenn Tom in der Nähe war – wovon sie nicht ausging, weil sie ja wieder in Hogwarts war – hatte sie ihren Zauberstab bei sich und somit eine reelle Chance. Ginny beäugte ihre Handgelenke-

Die Fesseln schnitten tief in ihre Handgelenke, scharf wie Messer und ließen kleine Blutstropfen an ihren Fingern herunter rinnen. Sie ertappte sich dabei, wie sie dachte, dass das gut sei, weil ihre Hände so leichter aus den Handschellen rutschten… dennoch schmerzte es viel zu sehr, um es zu probieren.

-doch diese waren glatt und unversehrt. Wenn sie wirklich unlängst an eine Wand gefesselt gewesen war, gab es dafür keine Beweise. Entweder es war nicht passiert oder jemand hatte sie geheilt und sie würde alles, das sie besaß, darauf setzen, dass es das Erstere war. Doch… der Wievielte war heute? Sie eilte um ihr Bett zu ihrem Koffer und öffnete ihn. Sofort fand sie, was sie suchte. Ihren Kalender, in dem alle ihre Prüfungstermine und Hausaufgaben notiert waren. Er war eher kleine, etwa so groß wie ein Taschenbuch; sie öffnete ihn und blätterte zu Dezember. In dem Kästchen für Samstag, den 5. Dezember stand das Wort „Heute" und es folgte eine Liste mit der Arbeit, die sie noch zu erledigen hatte. Ginnys Kinnlade fiel herunter und sie senkte das Notizbuch. Dezember… der 5. … Sie hatte keinen einzigen Tag verpasst-

Sie musste das Datum wissen. Hier stimmte etwas gewaltig nicht und das Datum musste etwas damit zu tun haben.

Welchen haben wir heute, Maria?" fragte sie plötzlich.

Den 5. Dezember, meine Liebe."

-nicht einmal eine Sekunde. Niemand hatte bemerkt, dass sie fort gewesen war. Doch vielleicht… war sie gar nicht fort gewesen. Ihr Lächeln wurde noch breiter. Natürlich! Sie war gar nicht in das Jahr 1607 zurückgereist – es musste ein Traum gewesen sein. Ein furchtbarer, komplizierter, real wirkender Traum, doch immer noch ein Traum. Wenn es wirklich passiert wäre, hätte Tom sie niemals wohlauf zurückkehren lassen… Dennoch gab es die Möglichkeit, dass Dumbledore sie gerettet hatte. Es schien undenkbar… wie hätte sie irgendjemand aus dieser Welt holen sollen? Und wenn es wirklich ein Traum gewesen war? Sollte sie zu Dumbledore gehen und sagen, „Hallo, Professor, könnten Sie mir sagen, ob sie mich davor bewahrt haben, im 17. Jahrhundert von Tom Riddle übernommen zu werden?"

Wenn es nicht real gewesen war, würde sie wie eine totale Spinnerin dastehen. Doch wenn es wirklich geschehen war, sollte sie wahrscheinlich einfach warten bis er zuerst zu ihr kam. Er würde nicht darüber Stillschweigen bewahren, wenn es wirklich passiert war, soviel wusste sie. Also sollte sie sich in beiden Fällen keine Sorgen machen oder?

Ginny legte den Kalender zurück an seinen Platz, stand auf mit ihrem Zauberstab fest zwischen ihren Fingern, als hätte sie Angst, jemand könnte ihn ihr wieder wegnehmen und verließ den Schlafsaal. Sie fragte sich, warum er leer war – wie spät war es eigentlich? Bevor sie aus dem Raum ging warf sie noch einen Blick auf die Uhr an der Wand. Darauf stand, „Du hast verschlafen, Faulpelz – es ist schon Mittag!"

Mittag? Warum hatte sie denn niemand aufgeweckt? Es gab schon bald Mittagessen. Sich sehr wohl bewusst, dass sie immer noch ihren Pyjama trug, ging sie hinunter in den Gemeinschaftsraum. Der Anblick, der sie erwartete, ließ ihr Tränen in die Augen steigen – sie war wirklich zurück in Hogwarts. Die anderen Gryffindors saßen herum und genossen ihren freien Samstagnachmittag. Ein paar von ihnen beäugten sie neugierig, weil sie unangezogen und nicht einmal in einem Bademantel herunterkam, doch es störte sie nicht. Sie musste einfach sicher sein, dass bekannte Leute hier waren, dass dies nicht ein erneuter Trick war. Befriedigt stand sie dort noch eine Weile und grinste wie bescheuert in die Runde, bevor sie sich umdrehte, um wieder nach oben in ihren Schlafsaal zurückzukehren. Sie musste etwas anziehen und hinuntergehen, um etwas zu essen… Als Ginny schon fast oben angelangt war, erinnerte sie sich plötzlich an Draco. Sein Gesicht blitzte in ihren Gedanken auf und sie hielt auf halbem Weg auf der Treppe inne. Wenn es doch kein Traum gewesen war, war Draco dann in Sicherheit daheim? War auch er zurückgebracht worden? Oder war er immer noch in diesem eisigen, Furcht einflößenden Ballsaal im Jahre 1607? Doch Ginny bezweifelte, dass Dumbledore ihn zurückgelassen hätte, wenn es wirklich er gewesen war, der sie gerettet hatte. Wenn dies der Fall war – wenn Draco wirklich wieder daheim war – konnte er sich dann an alles erinnern? War er gerade in diesem Moment auch wach und dachte an sie?

„Er hat sich in dich verliebt, hast du es nicht bemerkt?" hatte Tom gesagt. Stimmte das wirklich? Tom würde zwar nicht lügen, aber was wusste er schon? War Draco Malfoy wirklich fähig, irgendjemanden zu lieben und dann auch noch sie, die Jüngste einer Familie, die er verachtete? Ginny war sich bei ihm nicht sicher, doch sie wusste, dass sie sich selbst Hals über Kopf, hoffnungslos hingebungsvoll, naiv und doch einfach wunderbar in ihn verliebt hatte. Und das wahrscheinlich seit er ihr auf dem Waldpfad entgegengekommen war, als sie auf der Flucht vor den Zigeunern gewesen war-

Sie schrieen sie an… Sie hatte ihren Anführer verletzt, was sie nicht sonderlich zu erfreuen schien. Sie musste fliehen ohne auf den stechenden Schmerz in ihrer Seite oder ihre Erschöpfung zu achten. So schnell wie nur möglich! In den Wald… sie war noch nicht sehr weit gekommen, als jemand aus dem Gebüsch sprang und ihr den Weg versperrte. Für den Bruchteil einer Sekunde dachte sie, es wäre noch ein Zigeuner, doch dann erkannte sie das helle Haar und das saubere Gesicht. Es war Draco.

Sie hatte ihn geliebt, seit er sein Leben riskiert hatte, um sie zu retten. Sie stöhnte leise4 und stieg die letzten Stufen zum Schlafsaal empor. Wenn Dumbledore sie gerettet hatte, wenn dies alles wirklich geschehen war und wenn die verrückte Möglichkeit, dass Draco sie mögen könnte, wahr war, wie sollten sie je in dieser Welt eine Beziehung anfangen? Ginny hatte sechs ausgewachsene Brüder und einen sanftmütigen Vater, die bei jeder Erwähnung der Malfoy-Familie ungemütlich werden konnten und die Draco in der Luft zerfetzen und sie für den Rest ihres Lebens wegsperren würden, wenn sie auch nur den leisesten Verdacht hätten, dass sie Gefühle für ihn hegen könnte, die auch nur eine Spur freundlicher waren als blanker Hass. Außerdem hatte sie die meiste Zeit in diesem Schloss damit verbracht, darüber zu brüten, dass sie ihr Leben mit Draco teilen musste, wenn sie verheiratet waren und dass sie gezwungen war mit ihm zusammen zu sein. Warum sollte sie so verrückt sein, freiwillig ein Zusammenleben zu probieren? Sie liebte ihn zwar, doch sie waren einfach nicht füreinander bestimmt. Jedes Mal, wenn sie in gegenseitige Hörweite gerieten, fingen sie an zu streiten und sich zu beschimpfen. Es wäre emotionaler Selbstmord, mit ihm eine Beziehung einzugehen. Ginny holte tief Luft und hielt vor der Tür des Schlafsaals inne. Sie musste ihn wohl einfach vergessen. Sie wohnten nicht in der Nähe von einander; sie würden sich nie irgendwo zufällig treffen, da ihr soziales Umfeld absolut gegensätzlich war.

Es wird ein Leichtes sein, ihm aus dem Weg zu gehen, redete Ginny sich zuversichtlich zu. Doch innerlich fühlte sie sich, als fehle etwas. Plötzlich kann ihr Harry aus dem 17. Jahrhundert in den Sinn. Auch wenn sie nicht mehr in derselben Welt war wie er, hoffte sie dennoch, dass es ihm gut ging. Doch mit größter Wahrscheinlichkeit existierte er gar nicht. Oder wenigstens hoffte sie, dass er nicht existierte. Sie betrat den Schlafsaal und beschloss, erst zu duschen, als sie sich vergewissert hatte, dass sie schmuddelig war, indem sie mit den Fingern durch ihre Haare gefahren war. Ihre Laken hingen immer noch in einem wirren Knäuel vom Bett und der Vorhang stand immer noch offen… die Hauselfen würden später sowieso kommen und ihr Bett machen, also brauchte sie das jetzt nicht zu kümmern. Sie kramte aus ihrem Koffer eine Flasche des neuen Shampoos, das sie kürzlich in Hogsmeade gekauft hatte, hervor und stand auf, um ihre Vorhänge zuzuziehen, damit niemand ihr unordentliches Bett ansehen musste.

Da sah sie es. Sie ließ das Shampoo fallen und hätte fast ebenfalls den Boden unter den Füßen verloren. Am Kopfende ihres Bettes stand ein großes, gemaltes Portrait in einem goldenen, hölzernen Rahmen. Es war ein Muggelbild; vollkommen regungslos-

Ihr Haar war hinunter zu ihrem Genick verflochten, ihre Beine schmerzten und sie musste wirklich dringend aufs Klo. Zum tausendsten Mal fragte sie sich, wann es endlich vorüber sein würde; waren sie jetzt nicht schon lange genug dort gestanden?

-das Hochzeitsportrait von ihr und Draco.

„Oh… oh mein…" stotterte Ginny wie gelähmt. Das Gemälde war so naturgetreu… es jagte einem fast Angst ein. Um Dracos Lippen war die Spur des gewohnten Grinsens zu erkennen und die eine hochgezogene Augenbraue drückte Verärgerung aus. Halb erwartete sie, dass er anfing sie zu bewegen. Er hielt ihre Hände locker in den Seinen. Schweiß… ihre Hände waren schweißig, genau wie Dracos, doch irgendwie war es angenehm. Wohltuend… und sie konnte ihre Heiratsringe sehen. Sie starrte sie an und erinnerte sich an das Gefühl seiner Haut auf der Ihren und das Verlangen ihn wieder zu berühren war so groß, dass sie es fast nicht ertrug. Tief seufzend schloss Ginny die Vorhänge, sodass niemand das Portrait sehen konnte und beeilte sich dann in die Dusche zu kommen. Zehn Minuten später zog sie sich in Rekordzeit an und ging beinahe rennend aus dem Gemeinschaftsraum, draußen in den Gängen auf die Suche nach Dumbledore.