18. Jack, Flopulver und Lucius Malfoy
Etwas Weiches und Feuchtes rieb an Dracos Wange. Erst dachte er, es wäre ein Traum. Er brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass dieses Etwas, was auch immer es war, ihn aufwecken wollte, so tauchte er langsam aus einem tiefen Schlaf auf. Ein unangenehmer Geruch stieg ihm in die Nase. Er blinzelte, doch das feuchte, warme Ding rieb sich immer noch an seiner Wange, es stieß ihn richtig an. Als er einen Blick hinüber warf, dachte er für einen kurzen, verrückten Moment, es wäre ein Pferd, das sein Nüstern an sein Gesicht presste und von dem auch der furchtbare Gestank ausging, wobei sie sich dabei alle in Malfoy Manor befänden. Im nächsten Augenblick wurde diese Vorstellung irrsinnige Realität. Draco jaulte auf, plötzlich hellwach, und rollte hinüber auf die andere Seite seines Bettes. Schnell kam er auf die Füße und wandte sich wieder dem Pferd zu, das da in seinem Zimmer stand, furchtbar Fehl am Platze wirkend, und die ganze Luft mit seinem durchdringenden Pferdegeruch erfüllte.
„Was zum Teufel?" fragte Draco und trocknete sich mit einer Hand die Wange. Er brauchte fast eine ganze Minute, bevor ihm klar wurde, dass es Jack war. Draco sah sich schnell um, nur um sicher zu gehen, dass er wirklich wieder daheim war, nicht in einem Schloss, sondern in seinem modernen Schlafzimmer, in dem er gelebt hatte, seit er auf der Welt war. Der einzige Unterschied war eben dieses Pferd, das dort mit zuckenden Ohren neben seinem Bett stand, mit dem Schweif um sich schlug und hin und wieder laut aufschnaubte. Draco sah an sich selbst hinunter und bemerkte, dass er nicht mehr die engen Hosen und ein Wams trug, sondern eine von seinen eigenen Hosen und das dunkles Hemd, das er getragen hatte, bevor er eingeschlafen und im Jahre 1607 aufgewacht war. Wenn nur Jack nicht da wäre; dann hätte Draco vielleicht einfach vermuten können, dass das Ganze nicht passiert war. Doch da stand das verdammte Pferd, so real wie seine Umgebung, und machte sichtlich auch keine Anstalten zu verschwinden. Draco fluchte und rieb sich wieder die Wange.
„Bleib hier," sagte er ernst zu Jack und verließ sein Zimmer. Er schlug den Weg zum Esszimmer ein, wo er seine Mutter vermutete, die sicherlich gerade frühstückte. Er musste wissen, welcher Tag war. Was war passiert? Die Frage schwirrte unausweichlich in seinem Kopf. Das letzte, an das er sich erinnerte, war, wie er mit Ginny im Gang stand, bevor Tom den Schockzauber an ihm ausgeübt hatte. Und dann… dann war er daheim aufgewacht. Entweder hatte sich Tom plötzlich dazu entschieden, doch nett zu sein und sie in ihre Zeit zurückzubefördern, oder… doch Draco konnte sie keine andere Möglichkeit ausmalen. Nichts davon gab Sinn. Dennoch, warum hatte ihn Tom außer Gefecht gesetzt? Hatte er das bei Ginny auch getan? Draco hatte immer noch keinen Schimmer, warum er sie dorthin gebracht hatte. Er wusste auch nicht, was der Schockzauber hatte erreichen sollen, wenn Tom sie für etwas Bestimmtes gebraucht hatte, doch so gut wie alles wa möglich. Vielleicht hatte Tom geplant, ihn später umzubringen. Doch wenn das der Fall war, warum war Draco dann daheim?
Spielt das wirklich eine Rolle?, fragte eine Stimme in seinem Inneren. Das Wichtigste war doch, dass er zu Hause war. Und nirgends war ein Zeichen von Tom zu entdecken. Im Gegenteil war sich Draco ziemlich sicher, dass er gar nicht existierte. Also warum sollte er sich Sorgen darüber machen? Warum sollte er etwas in Frage stellen, von dem er seit Wochen gehofft hatte, dass es geschah. Als Draco den Speisesaal betrat, fand er seine Mutter lesend, mit einem leeren Teller vor sich am Tisch sitzen. Sie sah nicht auf, als er hereinkam, doch hob eine Augenbraue und sagte, "Guten Nachmittag, Draco."
"Welchen haben wir heute?" fragte Draco und ließ sich neben ihr nieder.
"Es ist fast ein Uhr," antwortete Narcissa abwesend.
"Nein, welchen haben wir heute?" wiederholte Draco ein wenig barsch. Schließlich sah seine Mutter doch auf und ließ ihr Buch sinken. "Datum? Ich glaube, heute ist der Fünfte."
"Dezember?"
"Nein, Draco, Juni," gab Narcissa zurück. Sie schien seinen Gesichtsausdruck zu bemerken, denn sie richtete sich auf und musterte sein Gesicht mit blinzelnden, eisblauen Augen. "Geht es dir gut?"
'"Blendend," antwortete Draco durch zusammengebissene Zähne, "Heute ist der 5. Dezember, sagst du?"
"Ja, Draco," seufzte sie mit einem leicht verzweifelten Unterton.
"Also war ich nicht verschwunden," stellte er mehr für sich selbst fest.
"Nicht, dass ich es bemerkt hätte," sagte Narcissa ruhig und wandte sich wieder ihrem Buch zu.
"In meinem Zimmer steht ein Pferd," fügte Draco hinzu, in der Hoffnung ihre Aufmerksamkeit wiederzuerlangen.
Sie schenkte ihm nur eine gehobene Augenbraue; eine Angewohnheit, die er geerbt hatte. "Draco, bitte, ich versuche zu lesen."
Mit einem tiefen Seufzer stand er auf und verließ das Zimmer. Nun war alles nur noch verwirrender. Wie hatten die letzten drei Wochen geschehen können, ohne dass er hier wenigstens 12 Stunden gefehlt hatte? Doch offensichtlich war es passiert. Warum sollte Jack sonst in seinem Zimmer sein?
Vielleicht ist es nicht Jack, dachte Draco. Vielleicht war er so in Panik verfallen, weil da ein Pferd in seinem Zimmer stand, dass er nicht genau hingesehen hatte, wie es aussah. Es war möglich, dass es nur jemand zum Scherz dorthin gestellt hatte. Nur dass er nicht wusste, wer es amüsant finden könnte, ein Pferd in seinem Schlafzimmer zu platzieren. Draco war verwirrt und dieses Gefühl konnte er gar nicht leiden. Er hatte schon immer alles wissen müssen, alles verstehen müssen. Doch in letzter Zeit kam es ihm so vor, als gäbe gar nichts Sinn, als könne er gar nichts verstehen. Warum erklärte ihm auch nie jemand etwas?
Das Pferd in seinem Zimmer hatte sich kein Stückchen bewegt. Es stand immer noch neben seinem Bett. Draco schloss die Tür und näherte sich ihm. Es sah wirklich sehr nach Jack aus. Es hatte sogar den weißen Fleck an der Spitze seines Ohres, wobei der Rest völlig schwarz war. Himmel - sogar der Sattel sah genauso aus.
"Wie bist du denn hierher gekommen?" fragte Draco, griff nach den Zügeln und streichelte Jacks Nase. Jacks weißfleckiges Ohr zuckte. Draco war sich nicht sicher, was er mit Jack tun sollte. Er hatte keine Scheune und wusste auch von keiner, die in der Nähe war. Doch er konnte das Pferd auch nicht in seinem Zimmer lassen. Wer wusste schon, wann Jack sich erleichtern musste? Draco setzte sich auf seine Bettkante und versuchte nachzudenken. Er musste seine Gedanken in Ordnung bringen, auch wenn das sehr schwer war, weil er einfach nicht wusste, was er von alledem halten sollte. Er war immer noch hoffnungslos verwirrt von allem. Das Wichtigste zuerst. Ginny. Sie war von Tom entführt worden. Sie hätte ihm vielleicht einiges erklären können. Vielleicht wusste sie ja, was vor sich ging. Ja, doch auch wenn sie es wirklich wusste, war sich Draco nicht sicher, ob er ihr eine Eule schicken sollte. Sie war wahrscheinlich wieder in Hogwarts und wollte mit großer Sicherheit nie wieder etwas von ihm hören. Das war okay für ihn. Er wollte auch nichts mehr von ihr hören. Oder... vielleicht wollte er es doch. Er wollte einfach wissen, was zur Hölle hier passierte - warum sie im Jahre 1607 gewesen waren und warum sie nun zurückgekehrt waren. Wenn sie es nicht wusste, gut, dann würde sie einfach nicht antworten. Doch wenn sie es tat, würde er sie dazu bringen, es ihm zu sagen. Er ging hinüber zu seinem Schreibtisch und holte ein unbeschriebenes Blatt Pergament hervor. Er starrte es fünf Minuten an, bevor er entschied, wie er sie anreden sollte. Liebe Ginny erschien ihm als zu persönlich und Weasley war einfach zu... kindisch. Er setzte am Ende einfach Ginny in die erste Zeile und fuhr fort den Brief zu schreiben. Als er fertig war, rollte er ihn zusammen, doch zögerte, bevor er hinunterging, um eine Eule loszuschicken. Was, wenn Ginny keine Ahnung hatte, wovon er sprach? Wenn sie sich an nichts erinnerte? Das wäre aber seltsam. Wer auch immer sie zurückgebracht hatte, hätte nicht nur ihm die Erinnerung hinterlassen. Oder? Er fühlte sich schon beim bloßen Gedanken peinlich berührt, Ginny könnte den Brief erhalten ohne die leiseste Ahnung zu haben, wovon er sprach. Vielleicht wäre es besser, einfach nach Hogwarts zu gehen und ihre Reaktion bei seinem Anblick abzuwarten... Draco knüllte das Pergament zusammen und warf es weg.
Vielleicht wäre es aber auch besser, wenn ich das Ganze einfach vergäße, sagte er sich selbst verbittert. Jack schnaubte und stampfte mit dem Huf auf, fast als widerspräche er.
"Oh, was weißt du schon," schnappte Draco und fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht. Dann seufzte er zum, wie es ihm schien, tausendsten Mal, als ihm klar wurde, dass das bescheuerte Pferd Recht hatte - nichts in der Welt würde ihn vergessen lassen, was passiert war. Und noch weniger würde er vergessen, wie er sich fühlte, wenn er in Ginny Weasleys Nähe war.
Glücklicherweise musste Ginny nicht nach Dumbledores Arbeitszimmer suchen; das Mittagessen hatte begonnen und er aß in der Großen Halle. Sobald er sah, wie sie sich dem Lehrertisch näherte, entschuldigte er sich höflich bei Professor Flitwick, mit dem er sich gerade unterhalten hatte, und nickte ihr zu, damit sie ihm aus der Halle folgte, wo sie ein Privatgespräch führen konnten. Ginny war ab diesem Moment klar, dass Dumbledore wusste, was passiert war und dass er sie höchstwahrscheinlich auch gerettet hatte. Nie hatte sie den alten Mann mehr geschätzt.
"Reden wir in meinem Arbeitszimmer, in Ordnung, Ginny?" fragte Dumbledore mit wissend blitzenden Augen. Sie stimmte zu, denn sie wollte wirklich nicht, dass jemand etwas von dem mitbekam, was sie zu bereden hatten. Sie folgte ihm schweigend hinauf zu seinem Büro und gab höflich vor, das Passwort nicht zu hören (Kirschschokoladenriegel), das den Wasserspeier zur Seite springen ließ. Ginny war noch nie in Ginnys Arbeitszimmer gewesen; sie betrachtete die spiralenförmige Rolltreppe und das große, runde Büro ohne etwas zu sagen. Mit einem freundlichen Lächeln bat er sie vor seinem Schreibtisch Platz zu nehmen und setzte sich selbst hin. Ginny saß ein wenig verlegen da und tat so, als wäre sie an den Portraits der früheren Schulleiter und Schulleiterinnen interessiert. Schließlich ergriff Dumbledore das Wort.
"Gibt es etwas, das ich für dich tun kann, Miss Weasley?"
Ihre Blicke trafen sich und sie sah den Hauch eines Lächelns in seinen Augen. "Äh, ja," antwortete sie.
"Was tut das Portrait von mir und Draco - Draco Malfoy... was tut das auf meinem Bett?"
Dumbledore drückte seine Fingerspitzen gegeneinander und setzte einen verblüfften Gesichtsausdruck auf. "Portrait?"
Für den Bruchteil einer Sekunde, einen furchtbaren Augenblick, dachte Ginny, dass Dumbledore vielleicht doch keine Ahnung hatte, wovon sie redete.
"Ich dachte, dir würde ein kleines Souvenir gefallen," fuhr er fort, noch bevor sie aufspringen und vor Verlegenheit hinausrennen konnte. Er grinste sie geheimnisvoll an. Ginny entspannte sie sofort in ihrem Stuhl, wobei sie bemerkte, dass sie die Armlehnen umklammert hatte.
"Also haben sie mich zurückgebracht? Uns zurückgebracht?"
Dumbledore, nun mit ernster Miene, nickte einmal mit dem Kopf. "Ja," antwortete er schlicht. Ginny saß da, mit etwas tausend Fragen, die alle in ihrem Kopf herumsausten. Wie?, war die eine, die sie am Dringendsten stellen wollte, doch sie entschied sich dazu am Anfang zu beginnen.
"Sie waren dort? Die ganze Zeit?"
"Das war ich," bestätigte er mit einem leichten Nicken.
"Tom wusste nichts von ihrer Gegenwart?"
"Nein, das tat er nicht," sagte Draco und der Schatten eines Lächelns huschte wieder über sein Gesicht. Ginny lächelte unwillkürlich zurück.
"Ich hätte die ganze Zeit zu ihnen kommen können, doch ich tat es nicht. Ich dachte, wenn Tom diese Welt selbst kreiert hatte, müsste er wissen, dass sie dort waren. Warum tat er das nicht?"
"Er hatte nicht erwartet, dass es mir möglich wäre, mich dorthin zu bringen," sagte er, "Er war so überzeugt von seinen eigenen Kräften, dass er nicht bedachte, dass es einige gab, die nicht weit hinter ihm waren." Dumbledore lehnte sich vor, das Gesicht ausdruckslos, doch mit dem Lächeln in den Augen. "Ihm war nicht bewusste, dass ich wusste, dass er diese Welt erschuf."
"Das taten Sie?" unterbrach ihn Ginny, "Warum haben Sie ihn dann nicht daran gehindert, Draco und mich dorthin zu bringen."
Sie bereute sofort ihren undankbaren Ton - wenn Dumbledore nicht da gewesen wäre, wäre Lord Voldemort gerade in diesem Augenblick in ihrem Körper."
"Das konnte ich nicht tun," antwortete Dumbledore ernst, "Ich wusste nicht genau wie, um ehrlich zu sein. Alles, was ich tun konnte, war, euch in diese Welt zu folgen."
"Aber..." Ginny hielt inne, ein wenig frustriert, "Wenn Sie die ganze Zeit über da gewesen sind, warum haben Sie es uns nicht wissen lassen? So dachte ich, man könne Ihnen nicht vertrauen."
"Ich konnte nicht. Ich muss zugeben, dass Voldemort mächtiger war als ich, bevor Harry ihn umbrachte. Ich wusste, dass er an dieser Welt arbeitete und dass er jemanden aus Hogwarts dorthin bringen würde, doch mir fiel nichts ein, wie ich ihn hätte aufhalten können. Nichts Vergleichbares ist je vorher geschehen. Alles, was ich tun konnte, war, in diese Welt zu gelangen und das habe ich auch nur mit Mühen geschafft."
Der Gedanke, dass Lord Voldemort mächtiger gewesen war als Dumbledore jagte Ginny Angst ein und nun war sie durch und durch dankbar, dass es ihn nicht mehr gab. Sie unterdrückte ein Schaudern und wartete, dass Dumbledore fortfuhr. Doch er starrte sie nur weiter mit seinen freundlich funkelnden Augen an.
"Also konnte sie uns quasi nicht mitteilen, dass sie dort waren, um uns zu helfen?" fragte sie sich schließlich selbst.
"Ich versuchte es," gab er zu, "Ich habe Draco beauftragt, mit dir zurückzukommen. Natürlich wusste ich damals nicht, dass es du warst. Ich hatte keine Ahnung, was sich in dieser Welt abspielte. Ich wusste nut, dass Draco ein Prinz war und ich habe auch geschafft, Voldemort eine seiner Leistungen nachzutun - ich pflanzte das Wissen, dass ich der Arzt der Königsfamilie war, in den Kopf der jungen Prinzessin Elle. Danach konnte ich nur hoffen, dass sie diese Information weitergab. Doch eines gab es, das ich nicht tun konnte, nämlich England zu betreten," sagte Dumbledore.
Sie wartete ein wenig ungeduldig, als er innehielt und seine Brillengläser mit einem Ärmel seiner Robe säuberte.
"Warum das?" konnte sie sich nicht hindern zu fragen, als er die Brille umständlich wieder aufsetzte.
"Tom hätte mich bemerkt," sagte er, als ob das selbstverständlich wäre, "Oder besser, ich hatte das Gefühl, dass dies dann geschehen würde. Um sicher zu gehen, blieb ich in Wales. Ich hatte gehofft, Draco würde dich mitbringen und zurückkommen, doch ihr tatet es nie."
Ginny verfluchte sich nicht zum ersten Mal selbst, weil sie ihn nicht besucht hatte, als sie Chance gehabt hatte.
"Also... also wie haben Sie und zurückgebracht?" fragte sie gespannt. Das war die Frage, die sie am meisten interessierte.
"Bevor ich die Welt betrat, kannte ich Toms Pläne größtenteils schon," begann Dumbledore mit dem Blick zur Decke gewandt, während er sprach, "Ich wüsste nicht, wen er dazu gebrauchen würde, doch mir war bekannt, dass er in einem anderen Körper zurückkehren wollte. Ich hatte meine Spione - die zuerst einmal all diese Informationen für mich herausgefunden haben - die ihr Bestes gaben, dahinter zu kommen, welche Art von Zauber er verwenden würde. Schließlich konnten sie sich ein Stück Pergament unter den Nagel reißen, auf dem Tom verschiedene Worte notiert hatte, schrieben sie ab und ließen sie mir zukommen. Ein bisschen leichtsinnig von Voldemort, solche Dinge herumliegen zu lassen, doch ich vermute, dass er so selbstsicher war, dass er nicht erwartetem dass jemand herausfinden könnte, was er vorhatte."
Dumbledore verstummte, mit dem unscharfen Blick immer noch zur Decke gewandt, wohl in seinen eigenen Gedanken versunken.
"Ähm, Sir?" fragte Ginny vorsichtig.
"Hmm?" fragte er freundlich und senkte den Blick zu ihr herab. "Oh... ja. Also auf dem Pergament hatte er im Grunde einen komplexen Zauber aufgeschrieben, den man gebraucht, um einen anderen Körper zu übernehmen, wobei er noch einiges hinzufügte, um seinen eigenen Umständen gerecht zu werden. Es war wirklich ziemlich atemberaubend - ich bin immer noch hin und weg von seiner Genialität. Dennoch war es ziemlich dumm von ihm einen solchen Beweis einfach herumliegen zu lassen. So wusste ich, welchen Zauber er benutzen würde und machte mich an die Arbeit, meinen eigenen, kleinen Zauber zu erfinden."
"Was ist das für einer?" fragte Ginny, bevor er überhaupt eine Chance hatte, ihn zu erklären.
"Ich wage zu behaupten, dass er gar nicht zu klein ist," antwortete Dumbledore unbeschwert, "Ich musste ihn mit in Toms Welt nehmen, um ihn dort fertig zu stellen. Sonst hätte ich sicher versucht, dich zu befreien. Doch ich war zu beschäftigt, einen Weg zu finden, wie ich euch in eure richtige Zeit zurückbefördern und Toms Welt zerstören könnte. Ich arbeitete etwa vier Wochen daran, zwei Wochen hier und zwei Wochen in dieser Welt. Ich schlief kaum und mir war bewusst, dass ein hohes Risiko bestand, dass Tom von aller Magie wusste, die in seiner Welt ausgeübt wurde. Glücklicherweise erwartete er keine Magie außer der eigenen, so war er UNAUFMERKSAM. Am Ende war es mir möglich, einen Zauber zu sprechen, von dem ich nur hoffen konnte, dass er funktionierte."
Ginny biss sich auf die Lippe, um sich davon abzuhalten, dieselbe Frage noch einmal zu stellen und wartete darauf, dass er fortfuhr. Er lächelte breit, als er ihre Gespanntheit bemerkte.
"Die beste Beschreibung für diesen Zauber ist ein Wort: Auslöser. Sobald Tom seinen Zauber sprechen würde, den einen, mächtigen, der deine Seele von deinem Körper trennen sollte, würde mein Zauber eine Art Verwüstung auslösen. Er sollte seine Welt zerstören; sie sollte aufhören zu existieren, genauso wie die Leute, die darin lebten und der nur halb existente Geist Toms. Draco und du jedoch, ihr solltet zurück ins Jahr 1998 geschickt werden, zu dem Tag, wo ihr diese Welt verlassen hattet - war zufälligerweise gestern war. Und ich schätze mich glücklich sagen zu können, dass es funktioniert hat."
Ginny starrte ihn mit einer Mischung aus Unglauben, Schock, Glück und Bewunderung an.
"Wie haben Sie einen solchen Zauber fabriziert?" fragte sie leise.
Dumbledore zuckte die Achseln. „Meine eigene Genialität überrascht mich stetig wieder, Miss Weasley."
Ginny lachte kurz auf, doch ihr Lächeln verschwand gleich darauf wieder. „Danke, Sir," sagte sie leise, „Ich – ähm – wir… danken Ihnen einfach."
„Es war mir ein echtes Vergnügen, Ginny," antwortete er fröhlich, „Noch mehr Fragen?"
„Äh, ja," gab sie zurück, „Diese getöteten Familien. Warum hat sich Tom solche Umstände wegen ihnen gemacht?"
Dumbledores Augen verdunkelten sich bei der Erwähnung der Morde. „Ich habe nur ein paar Theorien, obwohl ich bei keiner sicher kann, dass sie stimmt. Eine davon ist, dass er dich auf seine Anwesenheit aufmerksam machen wollte; er versuchte dir klar zu machen, dass er dort war und auch gefährlich werden konnte. Eine andere lautet, dass ihm einfach langweilig wurde und er jemanden umbringen wollte. Vielleicht waren es auch beide Gründe, die da zusammenkamen.
Wie auch immer, Ginny," fügte er hinzu, „keiner dieser Menschen existierte wirklich. Auch wenn es einem schrecklich vorkommt, wie auch der bloße Gedanke daran, war es nicht real, also wurde in Wirklichkeit niemandem Schaden zugefügt."
Das war eine echte Erleichterung für Ginny. Dennoch konnte sie sich diese Kinder immer noch so deutlich vorstellen, als hätte sie es eben gerade erst geträumt… diese armen Kinder; ihre Leben ausgelöscht, nur weil Tom langweilig wurde.
„Noch etwas?" hakte Dumbledore freundlich nach.
Ginny dachte einen Moment nach. „James und Lilly. Warum waren sie dort? Hatte Tom sie auch eigens geschaffen?"
„Ich würde sagen, ja," sagte er, „Das ist die einzige vernünftige Erklärung, meinst du nicht auch?"
Ginny war zwar nicht der Meinung, dass auch nur eine der Erklärungen, die sie erhalten hatte, vernünftig klang, doch sie verstand. Mit einem tiefen Atemzug stellte sie die Frage, die sie bereits die letzten zehn Minuten beschäftigt hatte. „Was ist mit Draco?"
„Ja, was ist mit ihm? Er ist in Sicherheit und daheim und ich denke, sein neuer Freund auch." Dumbledores Augen hatten nun einen schelmischen Glanz angenommen.
„Freund, Sir?" fragte Ginny verwirrt. Sie glaubte nicht, dass Draco Freunde hatte, nicht im Jahre 1998 und noch weniger im Jahre 1607.
Dumbledore grinste sie an. „Ich denke, man kann es Mr Malfoys eigenes Souvenir nennen."
Ginny merkte, dass sie gar nicht wissen wollte, was Draco bekommen hatte, doch dann fiel ihr erneut eine Frage ein. „Wenn Sie nicht viel über die Welt wussten, woher wussten Sie dann von dem Portrait? Und von was auch immer Dracos ‚Souvenir' ist?"
„Klatsch existiert in jedem Zeitalter und in jeder Gesellschaft, Ginny," antwortete Dumbledore geheimnisvoll. „Die Frauen aus Wales schienen damals ein gehobenes Interesse daran zu zeigen, was für ein Pferd Prinz Draco ritt und welcher Künstler das Hochzeitsportait des neuen Königpaars anfertigte."
„Pferd?" wiederholte Ginny, dann warf sie ihren Kopf zurück und lachte, „Pferd! Sie haben Draco ein Pferd gegeben?"
Dumbledore lächelte nur, doch sein Gesichtsausdruck sagte deutlich, dass er das wirklich getan hatte. Ginny fühlte sich so aufgewühlt und überglücklich, dass sie aufspringen und dem Schulleiter eine knochenbrechende Umarmung geben wollte, weil er einfach so genial und clever war, doch dann erinnerte sie sich daran, dass er schon ziemlich alt war und sie wollte ihm nicht wehtun – oder ihm Angst einjagen, wenn sie ihre Zuneigung plötzlich so offen zeigte. Stattdessen schenkte sie ihm ihr breitestes Lächeln und stand auf.
„Danke, Professor, ich denke, mir ist nun alles klar," sagte sie.
„Gut. Warum gehst du dann nicht in die Große Halle? Ich denke, das Mittagessen ist immer noch am Laufen."
Sie grinste, nickte und verließ das Arbeitszimmer.
Später an diesem Abend lag Ginny im Bett, immer noch mit dem dümmlichen Lächeln auf dem Gesicht. Alles in allem war dieser Tag sehr zufrieden stellend gewesen. Sie hatte jedem Familienmitglied eine Eule geschickt, nur um hallo zu sagen und ihnen mitzuteilen, wie sehr sie sie vermisste. Sie wusste, dass sie etwas verwirrt sein würden, doch es störte sie nicht. Die Tatsache, dass sie nur einen Eulenflug weit weg waren, ließ sie sich sicher, geborgen und zufrieden fühlen. Den restlichen Samstag hatte sie nicht viel mehr gemacht, als essen und faulenzen, wobei sie den ganzen Tag ihre erfrischend bequemen Kleider genossen hatte. Es war angenehm, das tragen zu können, was sie wollte. Doch nun, da sie niemanden mehr hatte mit dem sie über alles und nichts schwatzen konnte, wie sie es den ganzen Tag getan hatte, fingen ihre Gedanken an zu wandern. Schließlich kreisten sie nur noch um eines – Draco. Er war daheim und wusste offenbar, dass das, was passiert, real gewesen war. Das Pferd war der lebende Beweis dafür. Nur die Vorstellung seines Gesichtsausdrucks, wenn er bemerkte, dass ein Pferd in seinem Haus war, brachte sie schon zum Lachen und sie musste es im Kissen ersticken. Doch – warum hatte er nicht versucht, sie zu kontaktieren? Er musste so neugierig sein, was und warum allen passiert war. Von dem zu schließen, was sie von ihm gehört hatte, war er nicht besonders angetan von Dumbledore. Also hieß das im Grunde, dass Draco, wenn er nicht mit dem Schulleiter sprechen wollte, versuchen musste, mit ihr zu reden, wenn er überhaupt irgendetwas herausfinden wollte. Oder ihr wenigstens eine Eule zu schicken. Wenn sie an seiner Stelle wäre, wäre sie vor Neugierde fast gestorben, das wusste sie. Sie hätte mit Freuden ihren ganzen Stolz hinuntergeschluckt und den Groll gegenüber seiner Familie vergessen, wenn das hieß, dass sie einige Antworten erhielt. Jedoch ging es hier um Draco. Er würde eher sterben als seinen eigenen Stolz vergessen. Ginny rollte hinüber zur Bettkante und spähte durch ihre Vorhänge zum Fenster. Der Mond schien hell – sein bläuliches Licht ergoss sich über das Fensterbrett. Während die anderen Siebtklässler alle schliefen, entweder schnarchend oder mit tiefen Atemzügen, stieg sie aus dem Bett und schlich hinüber zum Fenster. Sie lehnte ihre Stirn gegen das kalte Glas und beobachtete den Himmel, der vollständig mit Wolken bedeckt war – nur der Mond war sichtbar. Er schien durch die Wolkendecke, leuchtend und rund, und erfüllte die Ländereien mit seiner matten Helligkeit, die sich auf dem Raureif im Gras spiegelte und das kalte Wasser des Sees funkeln ließ. Plötzlich überkam sie ein trauriges Gefühl, ein Knoten festigte sich in ihrer Brust. Als wäre ein Teil von ihr für immer verloren und es würde nie wieder so werden, wie es früher einmal gewesen war. Sie seufzte tief und schloss ihre Augen. Nach ein paar Sekunden öffnete sie sie wieder und bemerkte, dass die Wolken den Mond nun ganz bedeckten – er war nicht mehr sichtbar und die Welt war in Dunkelheit getaucht. Die Traurigkeit in ihr verstärkte sich.
Sogar der Mond kann bezwungen werden, dachte sie stirnrunzelnd. Ein paar Minuten stand sie dort ohne an etwas Bestimmtes zu denken, bis das Fenster fast völlig durch ihren Atem beschlagen war. Es begann zu schneien – so sanft und leicht , dass es Ginny erst gar nicht bemerkte. Langsam wurden die Flocken größer und flaumiger und ganz plötzlich wusste Ginny, warum sie sich fühlte, als fehle ein Stück von ihr. Es war nämlich wirklich so. Und dieser Teil, dieses Stück ihrer Seele war nun im Besitz von Draco Malfoy. Sie hatte ihre Gefühle für ihn einfach zur Seite geschoben in der Hoffnung sie würden verblassen und sie glaubte immer noch, dass sie das nach einiger Zeit auch tun würden. Sie hatte keine genauen Vorstellungen von der Liebe – wenn jemand für jemand anderes bestimmt war, wenn sie seelenverwandt waren, was geschah, wen einer der beiden starb? Was war mit dem, der übrig blieb? – doch sie wusste, dass sie, wenn sie Draco nie wieder sehen würde, sich ihr ganzes Leben selbst verfluchen würde. Für den Rest ihres Lebens, auch wenn sie vollständig erwachsen wurde und einen netten Mann heiratete, der nicht immer das Verlangen hatte sie zu beschimpfen und mit dem sie überglücklich war, würde sie immer wieder innehalten und sich fragen, was wäre, wenn dieser Mann Draco wäre.
Ein kurzer Blick auf die Uhr sagte ihr, dass es erst kurz vor 11 war. Wenn sie sich beeilte, konnte sie sich noch einen Besen aus dem Schuppen klauen und in weniger als einer Stunde in Hogsmeade sein. Von dort konnte sie mittels Flopulver zu Dracos Haus gelangen. Die Chancen standen gut, dass Draco noch wach war, also musste sie sich darum nicht sorgen. Indes nahm sie an – oder hoffte sie eher – dass sein Kamin ans Flonetzwerk angeschlossen war. Wenn dies nicht der Fall war, hatte sie definitiv ein Problem. Wenn der Kamin verschlossen war, dann… würde sie einfach auf die nächsten Ferien warten und sich einen Tag freinehmen, um mit dem Besen dorthin zu fliegen. Fest entschlossen und hellwach eilte sie hinüber zu ihrem Koffer, um sich etwas Warmes anzuziehen. Sie steckte auch einiger der Galleonen ein, die ihre Mutter ihr gegeben hatte mit der Warnung sie nur zu gebrauchen, wenn ein Notfall eintrat. Dies war genau genommen zwar kein Notfall, doch es wäre angenehm, etwas Geld mitzuhaben, nur für den Fall, dass etwas Unvorhergesehenes passierte. Nachdem sie fertig war, verließ sie leise den Schlafsaal und schlich sich hinunter in den Gemeinschaftsraum. Er war dunkel und ruhig, das Feuer war bis auf ein paar letzte glühende Holzscheite völlig heruntergebrannt. Doch sie kannte sie gut genug aus, um sich auch mit wenig Licht zurechtzufinden. Die Fette Dame gab ihr, ohne dass Ginny sich bemerkbar machen musste, den Weg frei – sie war in einer Art Halbschlaf verfallen und murmelte nur etwas Unverständliches. Ginny beeilte sich wegzukommen, bevor der Fetten Dame klar werden konnte, was sie gerade getan hatte und vollständig aufwachte. Nur einmal musste Ginny hinter einem großen Wandteppich abtauchen, als Filch vorbeilief – zu ihrem großen Glück ohne Mrs Norris. Er führte gemurmelte Selbstgespräche und als seine Stimme leiser wurde und dann völlig erstarb, schoss sie hervor und huschte zur nächsten Treppe, um so schnell wie möglich diesem Stockwerk zu entfliehen. Der Haupteingang war verschlossen und er ließ sich auch durch ein simples Alohomora nicht öffnen. Ginny runzelte die Stirn und fluchte leise. Es gab mehrere Wege nach draußen – es muss mehrere geben, dachte sie – jedoch wusste sie nicht genau, wo sich diese befanden. Doch vermutete sie einen mit ziemlicher Sicherheit in der Küche. Letztes Jahr hatte Ron ihr einmal gezeigt, wo die Küchen waren und wie man dorthin kam. Einen Versuch war es wert; die Hauselfen waren so freundlich, dass es sie vielleicht nicht störte, wenn sie einfach durch die Küche abhaute. Außerdem war es fast Mitternacht. Warum sollten sie um diese Zeit noch kochen? Zu ihrer Überraschung war der Raum nicht leer, sondern voller schlafender Hauselfen. Die Meisten lagen auf dem Boden, fest in Decken eingerollt, doch einige saßen auf Stühlen, ebenfalls in einem tiefen Schlaf. Einer von ihnen sabberte auf einen der Tische, während er markerschütternd schnarchte. Ginny hoffte inständig, dass sie diesen Tisch säubern würden, bevor man darauf das Essen zubereitete. Sie ließ ihre Augen durch den Raum wandern, auf der Suche nach einer weiteren Tür. Es gab noch eine auf der anderen Seite des Zimmers. Von der konnte sie nur hoffen, dass sie wirklich nach draußen führte. Die Küche zu durchqueren war eine schwierige Angelegenheit. Es schien, als lägen überall, wo sie ihren Fuß hinsetzen wollte, ein Fuß oder ein Arm eines Hauselfen. Schließlich tippelte sie auf Zehenspitzen durch sie hindurch, die Arme ausgestreckt, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Einmal trat sie daneben und stieg aus Versehen auf das Gesicht eines schlafenden Elfen, doch er schnaubte nur und drehte sich auf die andere Seite. Endlich nach, wie es ihr schien, einer halben Ewigkeit kam sie bei der Tür an. Diese war ebenfalls verschlossen, doch als sie leise Alohomora flüsterte, schnappte das Schloss sofort auf. Anscheinend hatte noch nie ein Schüler die Schule durch diesen Ausgang verlassen. Sie schlüpfte hinaus und die eisige Kälte schnitt ihr sofort ins Gesicht. Während sie ihren Umhang fester um sich schlang, versuchte sie herauszufinden, in welcher Richtung das Quidditchfeld lag. Sie hatte das Schloss noch nie auf dieser Seite verlassen und war sich nicht sicher, welche Richtung sie einschlagen sollte. Doch sie brauchte nicht lang, bis sie wusste, wo sie war. Während ihr Atem in kleinen Wolken aus ihrem Mund stieg, eilte sie über das rutschige, mit Reif überzogene Gras, inständig betend, dass kein Lehrer mit Schlaflosigkeit gerade jetzt aus dem Fenster sah. Die Besenkammer ließ sich auch mit einem Alohomora öffnen und Ginny war sich sicher, dass es dafür auch einen Grund gab, nämlich dass alle Besen mit einem Ortungszauber ausgestattet waren. Doch das war egal; sie würde vor dem Morgen zurück sein, so würde es keinen Grund geben, ihr nachzuspüren. Sie ließ ihren Zauberstab aufleuchten und betrachtete ihre Auswahl an Besen. Natürlich waren alle einige Jahre alt, wobei die Ältesten den größten Anteil bildeten: Comet 260. Es gab einige Nimbusse, ein paar 2000er, ein paar 2001er. Einige Twigger 90 waren auch noch vertreten. Ginny war nicht dumm – sie hatte von ihren Brüdern genug über Besen gelernt, um zu wissen, dass der Nimbus 2001, der noch der Neueste war, ihre beste Wahl war. Ginny schnappte sich einen und sprang darauf. Sie stieg so hoch in die Luft bis sie in der Ferne die Lichter von Hogsmeade sehen konnte. Dann schickte sie den Besen in diese Richtung so schnell es ging, wobei die kalte Luft ihr Gesicht und ihre Finger taub werden ließ. Der Flug dauerte nur knappe zehn Minuten, doch als sie ankam, war sie ausgekühlt bis auf die Knochen. Sie landete direkt vor Dervish & Banges, einem Ausstattungsladen für Zauberer. Darin war es düster und an der Tür hing ein Schild, worauf Geschlossen stand. Ginnys Magen verkrampfte sich vor Enttäuschung. Sie hatte gehofft, dass trotz der späten Stunde vielleicht wenigstens ein Teil davon noch geöffnet sein könnte… Plötzlich hatte sie eine waghalsige Idee. Sie wusste, dass sie nie hierher kommen konnte, wenn der Laden offen war, also konnte sie es genauso gut jetzt tun, damit sie es hinter sich hatte. Sie würde einbrechen. Ginny stand da in der klirrenden Kälte und probierte jeden Zauberspruch aus, den sie kannte. Sie versuchte das Glas der Tür verschwinden zu lassen, doch es war offensichtlicht verhext worden, denn es widerstand dem Zauber. Sie wandte den Erweichungszauber an, damit sie die Tür zur Seite drücken und eintreten konnte. Nutzlos. Dann nahm sie ihren Besen in beide Hände und schlug ihn so fest sie konnte gegen das Glas, das sie ja leicht wieder reparieren konnte, wenn es kaputtging. Doch wieder war es gesichert und zitterte nur unter der Gewalt, die gegen es anwendete. Schließlich war sie verzweifelt genug, um einen auf dem Boden liegenden Zweig in eine Haarnadel zu verwandeln, sodass sie damit das Schlüsselloch angehen konnte. Erst da bemerkte sie, dass die Tür gar kein Schloss hatte; die Tür war durch Magie verschlossen, nicht mit einfacher Muggelart. Sie unterdrückte einen Frustrationsschrei.
Geb nicht auf, sagte sie sich selbst entschlossen. Es musste einen Weg hinein geben. Ginny war vielleicht keine mächtige Hexe, wie Tom auch schon festgestellt hatte, doch sie war ziemlich clever. Magische Kräfte waren nicht alles; man brauchte auch Köpfchen, um diese Kräfte zu gebrauchen. Ginny glaubte, oder hoffte eher, dass sie genug Cleverness besaß, um hier einen Weg zu finden. Ginny trat einige Schritte zurück auf die Straße und musterte das Haus von oben nach unten. Es hatte zwei Stockwerke und sie vermutete, dass das Obere das Zuhause der Eigentümer des Ladens war. Sie wollte wirklich nicht auf diesem Weg hinein gelangen, wenn sie nicht unbedingt musste. Aber… etwas fiel ihr ins Auge. Das Fenster ganz links. Es war einen Spalt offen. Wer würde denn in dieser kalten Nacht ein Fenster offen lassen? Sie stieg auf ihren Besen, ihr Herz klopfte wie wild, einerseits wegen der Aufregung baldigen Erfolgs andererseits wegen der Angst, sie könne erwischt werden. Knapp unter dem geöffneten Fenster schwebend spähte sie hinein. Es war dunkel sie steckte die Spitze ihres Zauberstabs in die Öffnung und wisperte ein paar Worte. Ein Schauer weißer Funken ergoss sich aus der Spitze und schwebte leicht glitzernd zu Boden. Nun konnte Ginny ein schmales Bad ausmachen. Die Funken erloschen eine Sekunde später, doch sie hatte alles gesehen, was sie wissen musste. Die Klotür stand weit offen. Ginny vermutete, dass sowohl die Tür als auch das Fenster aufgemacht wurden, um einen unangenehmen Geruch loszuwerden. Dennoch könnte sie unbemerkt hineinschlüpfen. Schnell sprach sie einen Stillezauber, damit das Fenster nicht quietschte und schob es langsam so weit auf, dass sie hindurch passte, Sie stieg höher, sodass ihre Knie auf gleicher Höhe mit dem Fensterbrett waren und steckte einen Fuß durch die Öffnung. Einen Moment später stand sie innen und zog schnell auch ihren Besen nach. Geschafft. Sie war drinnen. Nun musste sie hinunter in den Laden. Nachdem sie das Fenster in seine ursprüngliche Lage zurückversetzt hatte – nur einen kleinen Spaltbreit offen – verließ sie die Toilette und trat hinaus in den dunklen Gang. Zu ihrer Linken war eine Treppe; zu ihrer Rechten führte der Gang weiter mit einigen geschlossenen Türen an den Seiten. Die Treppe war es, wonach sie suchte. Sie schlich auf Zehenspitzen hinunter. Ihr Herz klopfte so laut in ihrer Brust, dass sie schon Angst hatte, sie könnte denjenigen, der oben schlief, damit aufwecken. Doch trotzdem, diese Angst war nicht grauenvoll und betäubend. Die Angst war… aufregend. Nervenkitzelnd. Der Gedanke, dass sie so etwas so waghalsiges tat, wie in einen Laden einzubrechen, verlieh ihr ein Gefühl von Übermut. Am Fuße der Treppe war eine Tür. Sie öffnete sie und betrat den eigentlichen Laden. Ginny war schon einmal in Dervish & Banges gewesen, wobei sie im hinteren Teil des Ladens eine Reihe Kamine bemerkt hatte. Sie hatte mehrere Zauberer und Hexen gesehen, die in den Flammen verschwunden waren, offenbar mit Flopulver unterwegs. Als sie nachgefragt hatte, erklärte ihr der Verkäufer, dass die meisten mit Flopulver ankamen und auf demselben Wege wieder abreisten. Es waren öffentliche Kamine, für jeden zugänglich, der sie gebrauchen wollte. Sie hatte gehofft, man könne sie auch zu dieser späten Stunde noch benutzen. Doch nun waren sie dunkel und ruhig. Auf der Einfassung ein jeden Kamins stand eine Flasche Flopulver. Ginnys Finger zuckten vor Aufregung. Sie war so darauf versessen gewesen, hier hinein zu gelangen, dass sie die Möglichkeit vergessen hatte, dass Dracos Haus vielleicht gar nicht an das Netzwerk angeschlossen war.
Jetzt, wo ich schon einmal da bin, kann ich es genauso gut versuchen, dachte sie ernüchtert. Mit ihrem Zauberstab entbrannte sie ein loderndes Feuer in einem der Kamine. Die Wärme und das Licht strichen über ihr Gesicht. Als hätte sie Angst, das Feuer könne jemanden anlocken, warf sie einen Blick über ihre Schulter, um sich zu versichern, dass der Laden leer war. Während sie das tat, langte sie mit einer Hand nach der Flasche mit dem Flopulver. Sie verkalkulierte sich im Standort der Flasche und stieß ungeschickterweise dagegen. Sie riss ihren Kopf gerade rechzeitig zurück, um noch zu sehen, wie die Flasche umkippte und zu Boden fiel.
„Ups," sagte sie überflüssigerweise.
Das Pulver lag dort zwischen den Scherben und einen Augenblick überlegte Ginny, ob sie es aufsammeln und gebrauchen sollte. Doch der Kontakt mit dem Boden musste etwas ausgelöst haben, denn plötzlich passierten zwei Dinge im selben Moment. Das Pulver verpuffte in die Luft ohne eine Spur zu hinterlassen. Gleichzeitig schaltete sich ein Alarm ein. Ginny erstarrte.
Der Krach muss den Alarm ausgelöst haben.
Das schrille Piepen erfüllte ihre Ohren, was in ihr den Drang hervorrief, sie sich zuzuhalten. Durch das Getöse hörte sie ein Krachen von oben. Die Bewohner wussten nun, dass sie hier war.
Oh… das ist gar nicht gut, dachte sie. Nun betete sie mehr denn je, dass Dracos Haus im Flonetzwerk inbegriffen war. Ohne ein zweites Mal darüber nachzudenken langte sie nach einer anderen Flasche mit Flopulver, nahm eine Handvoll heraus und warf sie in ihr Feuer. Sie stellte die Flasche zurück an ihren Platz, schnappte sich ihren Besen und sprang in die grünen Flammen.
„Was zum…?" hörte sie eine Stimme undeutlich sagen. Sie sah einen Mann aus dem Treppenhaus stolpern und wusste, dass sie so schnell wie möglich verschwinden musste, bevor er sie erkannte.
Bitte, Draco, bitte sei im Flohnetzwerk!, betete sie.
„Malfoys Mansion!" sagte sie scharf und deutlich, doch so leise wie sie nur konnte. Jetzt konnte sie nur hoffen, dass sie das Richtige gesagt hatte. Immense Erleichterung durchlief ihren Körper, als sie anfing, sich wie wild um sich selbst zu drehen. Es brachte sie an einen anderen Ort! In diesem Moment war alles besser als dieser Laden. Den Besen fest an ihre Brust gedrückt und ihre Ellbogen nah an ihrem Körper schloss sie die Augen und wartete darauf, dass das Wirbeln ein Ende nahm. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, obwohl es nicht viel länger als eine Minute gewesen sein konnte. Gerade als sie dachte, sie müsse sie übergeben, hielt sie so plötzlich an, dass sie ihr Gleichgewicht verlor. Sie stürzte vornüber aus dem Kamin von wem auch immer und fiel auf die Knie. Der Besen landete neben ihr auf dem Teppich, dem sie auch ihr Gesicht zugewandt hatte.
Ich hab's geschafft, sagte sie sich selbst mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung. Ich bin entkommen.
Ihre Erleichterung versickerte bald darauf. Als sie den Kopf hob, fand sie sich in einem großen, reichlich ausgeschmückten Zimmer wieder, das dennoch leicht erkenntlich ein Arbeitszimmer war. Und hinter dem Schreibtisch mit gehobenen Augenbrauen und kalten, fragenden Augen stand Lucius Malfoy. Ginny hatte es die Sprache verschlagen. Ihre Kinnlade fiel herunter und sie fühlte sich wie der größte Depp, der auf dieser Erde wandelte. Ihr Gesicht wurde so heiß, dass sie wusste, dass es flammend rot war. Lucius Malfoy hatte sie durch ein paar Pergamente hindurch angestarrt, von denen er eines immer noch in der Luft hielt. Er schien darauf zu warten, dass sie etwas sagte. Dich ihr fiel nichts Intelligentes ein.
„Hi," nuschelte sie und fühlte, wie ihr Gesicht noch mehr brannte, obwohl sie dies nicht für möglich gehalten hatte.
„Kann ich dir behilflich sein?" fragte Lucius eisig.
Sein Ton erinnerte Ginny an Draco und sofort fasste sie ein wenig Mut.
Draco, erinnerte sie sich selbst. Ich bin wegen Draco hier.
Sie kam auf die Füße und gab vor damit beschäftigt zu sein, den Staub von ihrem Umhang zu klopfen, damit sie ihm nicht in die Augen sehen musste. Als sie fertig war, hob sie zögernd den Kopf.
„Ich muss mit Ihrem Sohn sprechen," sagte sie mit zitternder Stimme.
„Ist dir klar, wie viel Uhr es ist?" Er ignorierte offenbar ihr Anliegen.
„Ich muss mit Ihrem Sohn sprechen," wiederholte sie immer noch unsicher, „Ich bezweifle, dass er schon schläft."
Er antwortete nicht und sie musst ihm wieder einen Blick zuwerfen, nur um sicher zu gehen, dass er immer noch im Raum war und ihr zuhörte. Doch das tat er und sie erhielt den seltsamsten Blick, den ihr je jemanden zugeworfen hatte. Es war eine Mischung aus Unglauben, Verachtung und Belustigung.
„Du willst mit Draco sprechen?" fragte er mit geschürzten Lippen, als wäre jemand Unwürdiges wie sie nicht gut genug, um mit seinem Sohn zu sprechen. Ginny hatte einige scharfe Antworten, doch sie schluckte sie hinunter.
„Ja," sagte sie, ihre Stimme nun etwas mehr unter Kontrolle.
„Nein," antwortete Lucius schlicht.
„Nein?" wiederholte sie dümmlich.
„Du kannst nicht mit ihm reden," teilte ihr Lucius höhnisch lächelnd mit, „Er möchte dich nicht sehen. Nun verschwinde, bevor ich das Ministerium rufe, um dich wegschaffen zu lassen."
„Möchte mich nicht sehen?" echote Ginny immer noch wie ein totaler Vollidiot.
„Das habe ich gerade gesagt," fauchte er, „Musst du alles wiederholen? Verschwinde."
Er wandte sich wieder seinen Pergamenten zu.
„Hat er gesagt, dass er mich nicht sehen will?" fragte sie.
„Ich weiß, dass er es nicht will," gab Lucius zurück ohne aufzusehen, „Du hast etwa zwei Sekunden dich zu entfernen, bevor ich es selbst tue."
Unbeeindruckt und nun ein bisschen wütend hob sie ihre Stimme.
„Sie wissen nicht einmal meinen Vornamen, Mr Malfoy. Ich bezweifle, dass Draco Ihnen gesagt hat, dass er mich nicht sehen will."
Lucius graue Augen kehrten zu ihr zurück, nun mit einem wütenden Glanz in darin. Er ließ seine Papiere auf den Schreibtisch fallen.
„Nun gut, ich habe dir reichlich Zeit gegeben. Nun werde ich dich aus meinem Haus werfen lassen-,"
Ginny fühlte sie bekannte, versteinernde Angst in ihrem Magen aufsteigen, als er durch den Raum auf sie zukam. Doch irgendwie fand sie ihre Stimme wieder.
„Fragen Sie ihn einfach. Fragen Sie ihn, ob er Ginny Weasley sehen will. Wenn nicht, verschwinde ich."
Lucius ignorierte sie und Ginny spannte sich an aus Angst, er könne sie gleich packen. Stattdessen ging er an ihr vorüber zur Tür. Nachdem er sie geöffnet hatte, winkte er sie hinaus.
„Die nächste Abzweigung links, und dann die Übernächste rechts. Das sollte dich hinausbringen, Miss Weasley."
Nun wusste sie, dass von ihm absolut keine Hilfe zu erwarten war. Sie würde Dracos Zimmer alleine finden müssen. Großartig.
„Gut, ich danke für Ihre Zeit," sagte Ginny, jedes Wort getränkt von Sarkasmus.
Sie sah Lucius nicht an, als sie sein Arbeitszimmer verließ. Gerade, als sie ganz hinausgetreten war, schlug er die Tür hinter ihr so fest zu, dass sie vor Schreck zusammenfuhr. Sie drehte sich um und starrte die Tür wütend an.
„Arschloch," zischte sie.
Nun stand sie dort im Gang und versuchte sich zu entscheiden, wie sie weiter vorgehen sollte. Sie würde jetzt sicherlich nicht einfach wieder gehen. Sie hatte eine Menge riskiert, um hierher zu gelangen und Lucius Malfoy konnte sie auch nicht abschrecken; so leicht bekam er sie nicht los. Nicht bei der Aufregung, die sie auf sich genommen hatte, um hierher zu kommen. Also… würde sie einfach nach Draco suchen. Er war sicherlich in seinem Schlafzimmer, doch Ginny nahm nicht an, dass er schon schlief. Aus irgendeinem Grund wirkte Draco für sie wie jemand, der bis in die frühen Morgenstunden aufblieb.
Sein Zimmer, dachte Ginny. Wenn ich Draco Malfoy wäre und in einem Landhaus wohnen würde, wo würde ich mein Zimmer platzieren?
Sie hatte keine Ahnung. Das Haus war groß, ja wirklich, doch wenn es nötig war, würde sie in jedem Zimmer nachsehen, ob es seins war. Doch dabei musste sie Vorsicht walten lassen – es wäre nicht gerade klug in ein Zimmer hineinzuplatzen, das Mrs Malfoy gehörte. Ginny wanderte ziellos umher, doch immer auf der Hut und horchend, ob sich ihr Schritte näherten. Das gigantische Haus schien wie ausgestorben; die meisten Hauselfen und die Leute, die den Haushalt führten, mussten schon im Bett sein. Sie war undenkbar dankbar dafür. Als sie sich umsah, bekam sie erst einen Eindruck davon, wie reich die Malfoys wirklich waren. Die ganze Einrichtung war makellos; neu; teuer. Es war überraschend, dass jemand dies alles überhaupt anfassen wollte, ganz zu schweigen darauf zu sitzen oder darin zu schlafen. Ginny war offenbar im Erdgeschoss, weil alles recht offen und leicht zugänglich erschien. Es gab kaum geschlossene Türen zwischen den Räumen – eher große gewölbte Bogen, die die Zimmer miteinander verbanden. Nur die Küche war als einzige von den anderen Räumen abgetrennt und sie wusste, dass dies wegen der Hauselfen, die dort arbeiteten, war, um sie außer Sicht zu halten. Endlich fand sie die ausladende, gewundene Treppe, die nach oben führte und war ein wenig erleichtert. Sie wusste, dass Dracos Zimmer dort oben sein musste. Nun da sie hier und ihr Zusammentreffen mit Draco nur noch Minuten entfernt warm fing sie an einen Schritt weiter zu denken. Wie würde er reagieren, wenn er sie sah? Würde er sie rauswerfen? Würde er ihr eine Chance geben zu erklären, was sie fühlte? Und wenn er ihr die Chance gab, würde sie den Mut dazu haben? Ihm ins Gesicht zu sagen, dass sie wahnsinnig in ihn verliebt war, und dass sie noch nie in ihrem Leben jemanden so sehr verehrt hatte? Besorgnis stieg in ihr auf. Sie versuchte, sich das Gefühl vorzustellen, wenn Draco ihr sagte, dass er sie nicht liebte… wie sie ihn liebte. Sie suchte nach einer schlagfertigen Antwort, falls er sie einfach abwimmeln sollte.
„Verpiss dich, Weasley – ich hab nur mit dir geknutscht, weil du die einzige dort warst, die ich kannte."
Es war so schmerzvoll, sich das vorzustellen, dass Ginny bemerkte, wie Tränen in ihren Augen brannten. Wie naiv sie doch war, sich in Draco Malfoy zu verlieben.
Draco konnte nicht schlafen. Bis jetzt hatte er Jack immer noch nicht aus seinem Zimmer entfernen können. Das Hinausbringen selbst wäre zwar kein Problem, doch er hatte keine Ahnung, wo er das verdammte Tier hinbringen sollte. Er musste einen Stall finden und danach musste er dafür zahlen, damit der Gaul dort unterstehen konnte. Nicht dass Geld ein Problem darstellte, doch er würde seinem Vater erklären müssen, wohin sein Taschengeld so schnell verschwand. Und das wollte er nicht tun. Doch diese plagenden Gedanken waren nicht der Grund für seine Schlaflosigkeit. Es war der Gestank. Der Geruch des Pferdes. Draußen an der frischen Luft war das mit Jack kein Problem gewesen. Aber hier drin fing es fürchterlich an zu müffeln, vor allem weil das Pferd schon den ganzen Tag in seinem Zimmer gestanden war. Und obwohl Jack nun tief schlafend an der Wand stand, machte er selbst dabei einen Höllenlärm – er schnaubte und wieherte auch einige Male. Draco hatte seine Wände schallsicher zaubern müssen, sodass es niemand im Haus außer er selbst hörte. Und er hätte sicher auch einen Duftzauber angewandt, wenn er gewusst hätte, wie das ging. Doch als er in Magie gelehrt wurde, war es nicht eine seiner höchsten Prioritäten gewesen, zu lernen, wie man einen Raum wohlriechend zauberte. Und so musste er nun die Konsequenzen tragen. Mit einem tiefen Seufzer rollte Draco hinüber und warf einen Blick auf seine Uhr. Fast ein Uhr. Das war nicht sonderlich spät für ihn, doch dieses Mal wollte er wirklich schlafen. So erleichternd es auch war, wieder daheim und weg von Tom Riddle zu sein, war er trotzdem nicht richtig glücklich darüber, dass es passiert war. Wenigstens hatte er im Jahre 1607 eine kleine Schwester zum Spielen gehabt. Und Ginny zum Knutschen. Hier… gut, es würde ein Leichtes sein, jemand anderes zum Knutschen zu finden, doch er hatte das wahnsinnige Verlangen Karten zu spielen. Und er wusste, dass der Ersatzknutscher sicher so charmant war und ihn gewinnen ließ. Das wäre einfach kein Spaß.
Spaß. Er verlachte sich innerlich selbst. Er hatte seit seinem siebten Schuljahr keinen Spaß mehr gehabt, als er aufgehört hatte auf Potter und seinen Freunden herumzuhacken. Und er hatte seitdem auch nicht das Verlangen nach Spaß gehabt. Verdammte Ginny. Er hasste sie wirklich. Sie brachte ihn dazu, mit ihr Karten spielen zu wollen. Sie brachte ihn dazu, sie knutschen zu wollen und nur sie. Was war ihr Problem? Dachte sie, sie könne das mit jedem machen – einfach in sein Leben treten und alles ruinieren? Er biss die Zähne zusammen. Gott, wie er sie hasste. Doch im Moment entwickelte er auch eine starke Abneigung gegen Pferde. Diese überstieg im Augenblick die Gedanken an Ginny und mit einem ungeduldigen Seufzer schlug er die Bettdecke zurück und stieg aus dem Bett. In diesem Zimmer würde er niemals einschlafen – das war sicher. Draco entschied, in einem der Gästezimmer zu schlafen und die Tür mit einem Verschließungszauber zu verriegeln, sodass niemand hereinkam und Jack fand. Es schien ihm ein guter Plan zu sein, doch bevor er überhaupt eine Chance hatte, ihn auszuführen, klopfte es an der Tür. Das verwirrte ihn. Nur eine Person klopfte sanft an seine Tür und das war seine Mutter. Und er war sich sicher, dass seine Mutter um diese Zeit schon schlief und wenn nicht, würde sie ihn nicht stören. Lucius Malfoy pochte immer lautstark an seine Tür und marschierte dann hinein, ohne eine Antwort abzuwarten. Es war weder seine Mutter noch sein Vater und sicherlich auch nicht die Haushaltshilfe. Wer sonst also könnte noch so spät an seine Tür klopfen? Die Tatsache, dass da draußen jemand war und der offenbar in sein Zimmer wollte, ließ leise Panik in ihm aufsteigen. Was sollte er mit Jack tun?
„Einen Augenblick," sagte Draco, bevor ihm einfiel, dass sein Raum schalldicht war – wer auch immer es war, er konnte ihn nicht hören. Er hatte keine Chance Jack zu verstecken. Die Tür öffnete sich und offenbarte – Ginny.
Draco blinzelte, weil er dachte, er halluziniere. Er brauchte ganze zwei Sekunden, um zu realisieren, dass er noch keine Einbildungen hatte. Ginny Weasley stand im Türrahmen seines Schlafzimmers. Das Licht aus dem Gang fiel herein, gerade genug, dass Ginny blinzeln etwas in seinem Zimmer erkennen konnte. Ihr Blick wanderte über Dracos ungemachtes Bett, zu Draco selbst, zu Jack und dann zurück zu Draco. Er starrte zurück und merkte innerlich, wie sehr er ihre Mähne roten Haars hassen wollte, wie sehr er ihre Sommersprossen hassen wollte, wie sehr er auch den abgewetzten Umhang, den sie trug, verabscheuen wollte… er wollte sogar hassen, wie sie den Besenstiel in ihrer Hand umklammerte, sodass ihre Handknöchel weiß wurden. Doch zum ersten Mal in seinem Leben, als er daran dachte, wie sehr er dies alles hassen sollte, konnte er es nicht spüren. Zum ersten Mal in seinem Leben war er einfach überglücklich, dass Ginny dort verlegen in seinem Haus stand und ihn erwartend anstarrte. Warum tat sie ihm das an?
„In meinem Zimmer steht ein Pferd," stellte Draco plötzlich fest, weil ihm sonst nichts einfiel, was er sagen könnte.
Auf Ginnys Gesicht breitete sich ein Lächeln aus, ein frohes, belustigtes Lächeln, als sie einen Blick hinüber zu Jacks schlafender Silhouette warf. „Das war ein Geschenk von Dumbledore," sagte sie leise.
„Wunderbar," feixte Draco, „Hast du auch so ein spektakuläres Geschenk bekommen?"
„Nicht ganz so." Ihr Lächeln verblasste und sie schien peinlich berührt.
„Na gut," sagte Draco laut, „Gibt es auch einen Grund, warum du in meinem Zimmer bist?"
„Ja," antwortete sie und hielt ihn mit ihrem Blick gefangen, „Können wir reden?"
„Was meinst du, was wir gerade tun?"
Sie runzelte die Stirn. „Nein, ich meine ernsthaft."
„Zivilisierte Konversation?"
„Ich meine es ernst, Draco!" schnappte sie.
„Ich lache gar nicht, Ginny," gab er zurück, „Wenn du reden willst, schön. Tu dir keinen Zwang an. Ich höre zu."
Sie schien zu zaudern und sah sich im Zimmer um. Als wäre ihr plötzlich etwas gekommen, rümpfte sie die Nase. „Hier drin müffelt es."
„Ja. Das passiert meistens, wenn ein Pferd in der Nähe ist," sagte er mit genervtem Unterton.
„Können wir in ein anderes Zimmer gehen?"
„Ich denke, dass es ihr absolut okay ist." Er versuchte, sich stur zu stellen. „Ich würde gerne heute Nacht noch etwas Schlaf bekommen, Ginny. Hast du also auch irgendetwas Intelligentes zu sagen?"
Sie seufzte genervt. „Schön, schön. Aber kann ich mich wenigstens hinsetzen?"
Er deutete auf seinen Schreibtischstuhl. „Ist doch genug zum Sitzen da," sagte er mit einem freudlosen Lächeln.
„Und es wäre angenehm, etwas Licht zu haben," fügte sie hinzu und ließ alle Kerzen in weniger als einer Sekunde aufflammen. Sie schloss die Tür, ging hinüber zum Schreibtischstuhl und ließ sich darauf nieder. Sie zog ihren Umhang aus und ließ sich übermäßig Zeit, ihn ordentlich über die Stuhllehne zu legen. Dann stand sie wieder auf und lehnte ihren Besen gegen die Wand, bevor sie endgültig zu ihrem Stuhl zurückkehrte. Es schien, als wäre sie nun fertig, doch plötzlich fuhr sie zusammen, als wäre ihr gerade etwas eingefallen, und entledigte sich ihres Pullovers. Dann lehnte sie sich wieder zurück, als wollte sie bis zum Sonnenaufgang warten, bevor sie das sagte, wofür sie gekommen war.
„Wie ich schon sagte," bemerkte Draco eisig, „Ich wollte schon ein bis zwei Stunden schlafen, heute Nacht. Könntest du dich ein wenig beeilen?"
Ginny warf ihm einen wütenden Blick zu. „Halt einfach die Klappe, okay, Draco? Du wirst deinen heiligen Schlaf bekommen, das verspreche ich dir. Gib mir nur zehn Minuten."
Er verschränkte die Arme über seiner nackten Brust und schenkte ihr ein öliges Lächeln. „Ich zähle sie runter."
Sie ignorierte ihn. „Erstens. Interessiert es dich nicht, warum Tom und in diese Welt gebracht hat?"
„Nicht wirklich."
„Lügner."
„Sag's mir."
Sie seufzte, fuhr sich mit den Fingern durch die Haare und fing an, ihm alles zu erzählen, was Tom ihr gesagt hatte. Dazu brauchte sie fast die vollen versprochenen zehn Minuten, doch als sie fertig war, hatte Draco die Zeit vergessen und wollte vielmehr all die Fragen loswerden, die ihm im Kopf herumschwirrten. Sie schien auf all seine Fragen die Antworten zu wissen, was ihn überraschte.
„Ich habe mit Dumbledore gesprochen," erklärte sie, als sie seinen leicht beeindruckten Gesichtsausdruck sah, „Er hat mir alles gesagt, was ich nicht von Tom erfahren habe."
„Also war es der alte Mann, der uns gerettet hat," sagte Draco mit einem herablassenden Grinsen, „Ich muss zugeben, mein Respekt gegenüber ihm ist ein Stückchen oder zwei gewachsen."
Sie starrte ihn an, ihre braunen Augen noch dunkler als sonst vor Verärgerung. Dracos Lächeln verblasste, er ließ seine Arme fallen und setzte sich auf sein Bett.
„Und du bist gekommen, nur um mir das zu sagen?" fragte er zögerlich, „Wenn du mir auch einen Brief hättest schreiben können."
Plötzlich wanderte ihr Blick zu ihrem Schoß und sie schien sehr an ihren Fingernägeln interessiert zu sein. Etwas machte sie nervös und aus irgendeinem Grund ließ Draco das unwohl fühlen.
„Es gibt auch noch etwas anderes, weswegen… weswegen ich bei dir vorbeischauen wollte," nuschelte sie und vermied eindeutig seinen Blick.
Jack schnarchte laut auf.
Ginny wandte ihm ihre Aufmerksamkeit zu und ein kleines Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Du musst wirklich das Pferd hier rausbringen."
„Glaubst du wirklich?" fragte Draco mit völlig ausdrucksloser Miene.
„Ich habe von Dumbledore auch ein Geschenk bekommen," verkündete sie jäh, wieder mit ihren Fingernägeln beschäftigt.
„Ja, das hast du mir schon gesagt." Er bemühte sich, möglichst ungeduldig und genervt zu klingen.
„Es war kein Tier," fuhr sie unbeirrt fort. „Es war unser… unser Hochzeitsportrait."
Draco musste sich ein wenig anstrengen, um auf seinem Gesicht keine Gefühle zu zeigen. „Das eine, das drei Stunden gedauert hat?"
„Nein, das andere," fauchte Ginny sarkastisch mit einem Blick, der deutlich zeigte, für was für einen riesigen Idioten sie ihn hielt. Er beschloss sie zu ignorieren. „Ich bin immer noch ein wenig verwirrt," sagte Draco gedehnt, während er sich mit einem Finger aufs Kinn klopfte. „Du bist mitten in der Nacht hierher gekommen, nur um mir zu erklären, warum wir in der Zeit zurückgeschickt wurden und dann zu erzählen, dass du unser Hochzeitsportrait bekommen hast… warum hast du mir das nicht einfach geschrieben?"
Sie lief knallrot an und er musste grinsen.
„Ist es nicht offensichtlich, warum ich hier bin?" fragte sie undeutlich.
„Nein. Nicht wirklich, nein," sagte er gerade heraus.
„Gott, bist du ein Depp" murmelte sie und drückte ihre Handballen auf ihre geschlossenen Augen. Dann schüttelte sie ihren Kopf, öffnete ihre Augen und atmete tief ein. „Na gut. Ich sage es einfach. Ich bin gekommen, um uns zu diskutieren."
Toll. Jetzt fühlte er sich total bescheuert. Er hätte es wissen müssen, schon von der Art her wie sie sich verhielt. Vielleicht hatte er es sich selbst einfach nicht eingestehen wollen.
Ich schätze mal, ich kann es nicht vermeiden, dachte er. Sie wollte über die Möglichkeit einer Beziehung zwischen ihnen reden und er würde zuhören müssen.
„Gut," was alles, was er sagte.
„Gut?" echote sie unsicher, „Gut… okay."
Es gab eine lange Pause, in der Ginny aufstand, um Jacks Flanken zu streicheln, wobei Draco sie beobachtete. Er war sich nicht sicher, ob sie darauf wartete, dass er zuerst etwas sagte, doch wenn dem so war, dann würde sie lang warten müssen.
„Also was denkst du?" fragte sie schließlich.
„Von was?"
Sie wandte ihre Augen von Jack ab, um ihm einen giftigen Blick zuzuwerfen. „Hör auf, dich blöd zu stellen, Draco," sagte sie kurz angebunden.
Er atmete tief ein. „Ich habe noch nicht viel über uns nachgedacht," sagte er, was eine kleine Lüge war. Er hatte definitiv darüber nachgedacht, doch war noch zu keiner Lösung gekommen.
„Vielleicht solltest du dann mal anfangen," fauchte sie wütend und starrte ihn mit verengten Augen an. Wieder gab es eine lange Pause. Ginny seufzte einige Male und ihr wütender Gesichtsausdruck verwandelte sich langsam in etwas, das aussah wie Kapitulation. Sie tätschelte Jack ein letztes Mal und kam dann herüber, um sich neben ihn auf das Bett zu setzen. Es war nicht gut für ihn, wenn er ihr so nahe war. Vorallem wenn er nur seine Schlafanzughose trug. Gar nicht gut für ihn.
„Gut, ich sage es einfach," sagte sie, ihre Stimme schwankte ein wenig. Sie traf seinen Blick und er bemerkte, dass er nicht wegsehen konnte. Ginny tat es wieder – sie brachte die Schutzmauer um ihn zum einstürzen, ließ ihn Dinge fühlen, die er nicht fühlen sollte. Nicht fühlen wollte.
„Es ist wirklich schwer," gab sie sanft zu und ihr Mund verzog sich zu einem Lächeln. Sie brachte ihr Gesicht näher dem seinen, als ob sie diesen leidenschaftlichen Moment voll ausreizen wollte. Ihre Nasen berührten sich. Mit klopfendem Herzen versuchte er verzweifelt an etwas Witziges zu denken, bevor er seinen Verstand ganz verlor.
„Solange du mir nicht gestehst, dass du in Wirklichkeit ein Mann bist," sagte er mit rauer Stimme, „kannst du mir alles sagen, was du willst."
Ein breites Lächeln erschien auf ihrem Gesicht und sie lachte leise.
„Nein, ich bin kein Mann," sagte sie, ohne dass sich ihre glückselige Miene änderte. Er konnte nicht antworten. Er hatte Angst, sie küssen zu müssen, wenn er jetzt den Mund aufmachte.
Oh Gott, geh weg von mir, dachte er verzweifelt. Doch sie tat es nicht. Langsam verblasste ihr Lächeln und ihre Augen wanderten über sein Gesicht, als wollte sie den Anblick in ihrer Erinnerung speichern. Er atmete laut und abgehackt, doch sie schien es nicht zu bemerken. Sie hob ihre Hand und glitt mit ihren Fingern an seiner Wange entlang, bevor sie sie auf seinen Lippen liegen ließ.
„Gott, du bist wunderschön," wisperte sie. Draco verlor das kleine bisschen Kontrolle, dass er noch über sich hatte, und lehnte sich nach vorne, um sie zu küssen. Ihre Arme schlangen sich um seinen Hals und seine wanderten zu ihrer Taille, um sie näher an ihn zu ziehen. Sie half nach und rutschte herum, sodass sie am Ende rittlings auf seinem Schoß saß. Ohne den Kuss zu unterbrechen legte sie ihre Hände auf seine Brust und schubste ihn sanft rücklings auf das Bett.
Uh oh.
In seinem Hinterkopf war Draco noch genug bei Sinnen, dass ihm klar wurde, dass er wieder einmal Ginny Weasley küsste und dass er das wirklich nicht tun sollte. Dennoch, als Ginnys Hände über seine nackte Brust strichen, wie auch immer sie Platz fanden zwischen ihren beiden eng zusammengedrückten Körpern, bemerkte er, dass es ihm völlig egal war. Er würde das hier mit ihr genießen und sich nicht darüber Sorgen machen. Ginnys Lippen verließen die seinen und wanderten seine Wange hinunter, seinen Hals hinunter… ohne darüber nachzudenken fand er den Saum ihres T-Shirts, zog es ihr aus und warf es unachtsam auf die Seite. Sie hob nur kurz den Kopf, damit er es darüber ziehen konnte, dann fuhr mit ihren kleinen Küssen fort, die nun stetig auf seine rechte Schulter hinunter regneten. Sie hielt ihn mit beiden Händen um die Rippen fest, als versuche sie, ihn still zu halten, und küsste sich nun ihren Weg über seine Brust hinunter. Hinunter an seinem Nabel vorbei… Hinunter… Bevor er überhaupt begreifen konnte, was geschah, hielt Ginny am Gummisaum seiner Schlafanzughose inne. Dann, da sie anscheinend nicht mehr weiter wusste, drückte sie ihre Lippen fest auf seine Haut, blies die Backen auf und prustete laut. Bevor er sich daran hindern konnte, lachte er laut auf. Niemand hatte das je bei ihm getan und er fand es wunderbar seltsam. Sie sah auf und traf seinen Blick, wieder mit dem Grinsen und den leuchtenden Augen im Gesicht. Dracos Lächeln verblasste langsam. Ginny kroch geschmeidig wie eine Katze wieder nach vorne, damit sie auf ihre Hände gestützt auf ihn hinuntersehen konnte. Lange Zeit sagte sie gar nichts; ihr Gesicht ausdruckslos, doch ihre braunen Augen noch dunkler vor Verlangen. Langsam ließ sie ihren Kopf in seine Armbeuge sinken, doch reckte ihn nach oben, sodass ihr Atem seine Wange und seinen Hals angenehm streifte. Sanft drehte sie seinen Kopf, damit ihr Mund den Seinen berührte. Doch statt ihn an sich zu drücken, streifte sie nur seine Lippen, wodurch er eine Schaudern unterdrücken musste.
„Ich liebe dich," flüsterte sie mit heiserer, angestrengter Stimme. Unwillkürlich versteifte er sich, doch sie schien es nicht zu bemerken. Nun fühlte er sich ein wenig lächerlich. Natürlich war das es, was sie ihm hatte sagen wollen. Wie hatte er nur so blöd sein können, das nicht zu bemerken? Ihr Blick wanderte über sein Gesicht, anscheinend wartete sie auf eine Antwort. Er würde etwas sagen müssen – Himmel, er wäre schon froh, wenn er das Wort Wischmopp herausbrachte. Schließlich leckte er sich die Lippen und schluckte.
„Wirklich?" raunte er zurück.
Innerlich verkrampfte er sich. Wirklich? Was für eine hirnverbrannte Frage war denn das? Sie hatte es doch gerade gesagt, warum sollte sie also ihre Meinung Sekunden später schon wieder ändern? Doch Ginny schien seine Blödheit nicht zu bemerken?
„Ja, das tue ich," antwortete sie fast träumerisch. Dieser Satz erinnerte ihn plötzlich an die Hochzeit… es war, als hätte man ihm Eiswasser über den Kopf geschüttet. Es riss ihn fast mit Gewalt aus der Art Trance, in der er sich befand und sein normales Ich kam zum Vorschein. Er setzte sich jäh auf und die Haut, auf der Ginny gerade eben noch gelegen hatte, wurde sofort kalt.
„Nein, das tust du nicht," sagte er tonlos, „Das denkst du nur."
Du kannst mich nicht lieben., fügte er in Gedanken hinzu, Das kannst du nicht.
Doch aus irgendeinem Grund wusste er nicht, warum sie das nicht konnte. Ihm fiel beim besten Willen kein Grund ein, warum das so schlimm war. Und zum ersten Mal in seinem Leben fragte er sich, ob er Angst hatte. Angst davor, dass ihm jemand zu nahe kommen könnte. Angst davor, jemandem zu zeigen, dass er… ja, dass er menschlich war. Er konnte fühlen, wie sie ihn eine Weile anstarrte und hörte schließlich einen kleinen Frustrationsschrei.
„Ooh, du bist so ein Idiot, Malfoy," verkündete sie wutentbrannt, während sie sich aufrappelte, „Du hast doch keine Ahnung, was ich denke oder fühle."
Er sah sie nicht an, doch aus dem Augenwinkel beobachtete er, wie sie ungestüm nach ihrem T-Shirt suchte. Sie schlüpfte mit den Armen durch die Ärmel und zog es sich unachtsam über den Kopf. Dann wirbelte sie auf den Fersen herum, stürmte fast rennend durch das Zimmer, riss die Tür auf und verschwand.
„Argh," ächzte Draco.
Er bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen und ließ sich rücklings auf sein Bett fallen. Natürlich war sie abgehauen – er hatte ihre Gefühle verletzt. Es war nicht ungewohnt für ihn so kaltherzig zu sein, doch dieses Mal fühlte er sich wirklich beschissen deswegen. In diesem Moment erinnerte er sich, dass sie ihren Pullover, ihren Umhang und ihren Besen in seinem Zimmer vergessen hatte. Er setzte sich auf, betrachtete die Sachen und fragte sich, ob sie wegen ihnen zurückkommen würde. Einen Augenblick später war sie wieder im Raum; mit einer Welle des Zorns um sich herum stampfte sie hinüber zu ihren Sachen und griff sie sich schnell. Dann, offenbar bemüht, ruhig zu wirken, drehte sie sich zu Draco ohne ihn anzusehen.
„Wie komme ich hier heraus?" fragte sie mit gepresster Stimme.
Er seufzte laut auf, als ihm klar wurde, dass er helfen musste, und stand auf.
„Es gibt eine Hintertreppe, die die Hauselfen benutzen und eine Hintertür, die fast nie verschlossen ist. Ich zeig's dir."
Der letzte Satz kam als ein Knurren heraus.
„Ich find das schon selber," sagte sie sturköpfig.
„Oh, nein, findest du nicht," sagte er, als wäre das selbstverständlich, „Alle uneingeladenen Gäste in Malfoys Mansion finden nie wieder den Weg hinaus. Erst letzte Woche haben wir so einen Depp erwischt, der uns ausrauben wollte, als er gerade am Klo war. Er war schon eine Woche im Haus gewesen."
Ginny schien für einen Moment ihren Ärger zu vergessen. „Wirklich?" fragte sie.
„Ja. Aber gehen wir jetzt und zwar schnell."
Ihr Blick wurde wieder hart und sie presste die Lippen zusammen, doch folgte ihm gehorsam. Draco konnte fast spüren, wie angespannt ihr Körper war, als sie so leise wie nur möglich den Gang hinuntergingen. Er überlegte, ob er etwas sagen sollte oder nicht. Doch er bemerkte, dass ihm nichts einfiel, das im Moment richtig zu klingen schien. Alles, was ihm durch den Kopf ging, war viel zu schmalzig, viel zu sentimental… viel zu sehr nicht er.
Sie geht jetzt einfach., dachte er. Sie geht jetzt einfach, verschwindet aus meinem Leben und ich werde sie nie wieder sehen.
Das sollte ihn eigentlich aufheitern; ihn dazu bringen zu glauben, er würde über sie hinweg kommen, sein Leben weiterleben und diese kurzweilige Faszination an ihr nur als schlechte Erinnerung behalten. Doch es ließ nur seinen Magen schwer wie Blei werden und sein Herz fast unerträglich in seiner Brust hämmern.
Gott, vergesse sie einfach, sagte er sich selbst schroff und hatte plötzlich den Drang, sich selbst mit aller Kraft gegen die Wand zu schleudern. Richtig fest. Sodass das, was in ihm nicht stimmte, einfach verschwand.
Sie gelangten an die Hintertreppe und er führte Ginny hinunter, im Kopf immer noch mit sich im Zwiespalt. Noch nie vorher war er in einem solchen Dilemma gewesen… nicht in so einem. Und das konnte er einfach nicht aushalten.
Ginnys Gedanken schwirrten in ihrem Kopf herum und es kam ihr vor, als dächte sie mehrere Sachen auf einmal. Sie fragte sich, ob Lucius sie aus seinem Arbeitszimmer geschickt hatte, in der Hoffnung, sie würde sich in dem großen Haus verirren, falls das, was Draco sagte, der Wirklichkeit entsprach. Und sie fragte sich, ob sie schon je einmal so wütend auf Draco Malfoy gewesen war. Doch am meisten fragte sie sich, ob sie sich schon jemals so schlecht gefühlt hatte. Oh, es hatte einige Vorkommnisse in ihrem Leben gegeben, die sie bereute – ihr erstes Jahr; das eine Mal, als sie sich bei den Zwillingen für etwas hatte rächen wollen und schlussendlich aus Versehen ihre Geldschachtel explodieren ließ, in denen sie das Geld für ihren Zaubererladen sparten – doch dies hier war irgendwie anders. Sie wusste, dass sie über Draco hinwegkommen würde; das wusste sie. Doch trotzdem schmerzte es immer noch unerträglich. Wie konnte Draco sie schlechter fühlen lassen, als sie es ihrem ersten Jahr getan hatte? Es schien unmöglich, und doch geschah es. Sie konnte es auch nicht wirklich erklären. Das war es, das sie so sehr frustrierte. Wie konnte jemand, der nicht einmal ein Familienmitglied war, eine so große Wirkung auf sie haben? Als sie ihn vor ein paar Minuten noch auf seinem Bett geküsst hatte, hatte sie im siebten Himmel geschwebt. Es war genau das gewesen, wonach sie sich gesehnt hatte, seitdem sie sich das letzte Mal geküsst hatten. Und dann war sie einfach damit herausgeplatzt, dass sie ihn liebte und er war so gefühlskalt gewesen, nicht zu bemerken, wie schwer das für sie gewesen war. Er hatte ihr gesagt, dass das nicht wahr sei, so als hätte sie nur eine vorübergehende Lust verspürt, das Worte zu ihm zu sagen, Als ob er wusste, wie sie sich fühlte. Das machte sie verrückt.
Sie erreichten den Fuß der Treppe und bogen in einen langen, engen Gang ein. Ginny vermutete, dass dies der Teil des Hauses war, den Gäste normalerweise nicht zu sehen bekamen. Er war nicht so edel möbliert wie der Rest des Landhauses.
"Hier ist das Arbeitszimmer meines Vaters," flüsterte ihr Draco über die Schulter zu mit absolut ausdrucksloser Stimme. Er deutete auf eine Tür etwas weiter vorne links.
„Also mach keinen Lärm."
„Mach ich doch gar nicht," fauchte sie zurück.
Gerade in diesem Moment passierte das, was Draco offenbar befürchtet hatte – Lucius' Tür öffnete sich. Ginny hielt jäh inne und Draco tat es ihr einen Bruchteil einer Sekunde später nach. Wie in Zeitlupe beobachtete sie, wie die Tür sich langsam öffnete… was würde er tun, wenn er Draco hier mit ihr fand…? Draco schaffte es rechtzeitig, sie außer Sicht zu befördern. Es geschah alles in einer einzigen schnellen Bewegung. Er wandte sich geschmeidig um, öffnete die nächstgelegene Tür, griff nach Ginnys Arm und zog sie mit ihm. Dann drehte er sich zurück zur Tür und schloss sie soweit, dass er gerade noch hinaussehen konnte. Ginny trat einige Schritte zurück, als ihr ein seltsamer Geruch in die Nase stieg. Es roch nach… sie sah sich um und stellte fest, dass sie sich in einem Raum mit einem recht großen Swimmingpool befanden… nach Chlor roch es. Es war dunkel im Zimmer, doch die Wände bestanden fast vollständig aus Fenstern, durch die genug Mondlicht hereinfiel, sodass sie den Pool erkennen konnte. Kurz fragte sie sich, wie reich die Malfoys wirklich waren, wenn sie sich einen Indoor Swimmingpool leisten konnten, doch es war ja eigentlich auch egal. Sie lenkte ihre Aufmerksamkeit wieder Draco zu, gerade als er absolut geräuschlos die Tür schloss. Dann drehte er sich um und sah sie an.
„Er hat dich nicht bemerkt," stellte Draco mit völlig ausdrucksloser Miene fest, doch mit eher scharfer Stimme, obwohl er leise sprach. „Er wollte gerade sein Arbeitszimmer verlassen, doch dann ist ihm offenbar etwas eingefallen. Jetzt ist die Tür offen und wir müssen warten, bis er weg ist. Wir können es nicht riskieren."
Ginny feixte; etwas, das gar nicht zu ihr passte. „Was, hast du Angst davor, was dein Vater denken könnte, wenn er uns zusammen sieht?"
„Angst ist nicht das richtige Wort," schnappte er, „aber wenn du willst, kehre ich in mein Zimmer zurück und lasse dich hier herumwandern, bis du von selbst entdeckt wirst."
„Du weißt, dass ich das nicht will," gab sie zurück, verschränkte ihre Arme unter der Brust und starrte in den Pool hinunter.
„Red nicht so laut," sagte Draco und warf der Tür noch einen Blick zu, „Sein Büro ist gleich nebenan."
„Kann man diese Fenster öffnen?" fragte Ginny plötzlich und gestikulierte in Richtung der verglasten Wände, „Ich könnte auf diesem Weg abhauen."
Draco warf ihr einen finsteren Blick zu. „Nein. Da ist zwar eine Tür-„
Ginny sah hinüber, wo er hinblickte und konnte sogar eine Glastür erkennen, die sie wegen der ganzen anderen Fenster übersehen hatte. „-doch das ist die am meisten gesicherte Tür des ganzen Hauses, weil sie eben gläsern ist. Ich würde Stunden brauchen, um herausfinden, wie man sie öffnet ohne die ganze Umgebung aufzuwecken."
Ginny runzelte die Stirn. Großartig.
„Was dann? Sollen wir einfach am Pool abhängen, bis dein Vater die Tür zumacht, oder was?" fragte sie schlecht gelaunt.
„Es ist ein schöner Pool," stellte Draco achselzuckend fest, ohne wirklich zu antworten.
Sie versuchte, ihn nicht böse anzustarren. In Wirklichkeit versuchte sie, ihn gar nicht anzusehen. Doch das war schwer, denn jedes Nervenende in ihrem Körper verlangte nach ihm. Wie hatte sie sich selbst nur erlauben können, sich in ihn zu verlieben? Von allen Jungen auf der Welt! Ihr Verstand hätte ihrem Herzen sagen sollen, dass er nicht der Typ dafür war, Gefühle zu erwidern. Sie hätte wissen müssen, dass er sie verletzen würde. Doch anscheinend war ihr das nicht klar gewesen und nun steckte sie hier im Landhaus der Malfoys fest. Nicht nur, dass sie ziemlich großen Ärger kriegen konnte – vielleicht sogar rausgeschmissen werden konnte – wenn sie nicht nach Hogwarts zurückkehrte, bevor sie jemand vermisste; es könnte auch sein, dass jemand zwei und zwei zusammenzählte und darauf kam, dass sie es gewesen war, die bei Dervish & Banges eingebrochen war. Das durfte definitiv nicht passieren. Mit einem Seufzer legte Ginny ihre Kleider auf den Boden und legte ihre Kleider daneben, genervt davon, sie ständig mit sich herumtragen zu müssen. Wer wusste schon, wie lange Lucius dort draußen zu Gange sein würde.
Draco öffnete erneut die Tür und spähte hinaus. Einen Augenblick später wandte er sich wieder um und verkündete, „Er spricht mit jemandem… wahrscheinlich jemandem vom Ministerium."
Als ob es sie kümmerte. Sie seufzte noch einmal schwer und wünschte, es gäbe einen Stuhl, auf den sie sich setzen könnte. Der Chlorgeruch fing an ihr zu Kopfe zu steigen und die hohe Luftfeuchtigkeit half ihr auch nicht viel. Draco musste ihre Verärgerung bemerkt haben, denn er wandte sich wieder ihr zu.
„Wenn er in fünf Minuten nicht geht oder die Tür zumacht, dann verschwinden wir einfach wieder. Auf dem Weg, den wir gekommen sind, ok?"
„Schön," antwortete sie verdrossen. Sie schmollte und das wusste sie. Doch im Moment hatte sie nicht die Kraft sich zusammenzureißen. Danach folgte eine lange unangenehme Pause. Sie hatte keine Ahnung, was sie ihm sagen sollte und wusste, dass er nicht mit ihr sprechen wollte. Kaum hatte sie das gedacht, machte Draco plötzlich den Mund auf.
„Hast du wirklich gedacht, wir könnten in dieser Welt auch heiraten?"
Das kam so unerwartet, dass Ginny ihre Überraschung nicht verbergen konnte, als sie herumwirbelte. „W- Was?" stammelte sie. Seine Miene war wie versteinert, seine Arme scheinbar gleichgültig über der Brust verschränkt. Er lehnte sich gegen die Tür und fuhr fort, „Das hast du gesagt, so gut wie." Er zögerte leicht. „Als du mir gesagt hast, was du tust."
Da musste Ginny kalt lächeln. „Du kannst es nicht einmal laut aussprechen, Draco? Kannst nicht einmal sagen, dass ich gesagt habe, dass ich dich liebe?"
Sein Gesichtsausdruck veränderte sich nicht.
„Ich wollte es nicht," sagte sie verbittert, „Ich wusste, dass du nie genauso fühlen könntest wie ich."
Er blinzelte und hob leicht eine Augenbraue. „Warum bist du dann gekommen?"
Gute Frage. Sie wusste warum, doch hatte keine Ahnung, wie sie ihm das erklären sollte. Sie konnte ja schlecht sagen, dass sie hatte kommen müssen mit der Hoffnung, dass es auch nur die leiseste Chance gab, dass er ebenfalls Gefühle für sie hatte. Konnte schlecht sagen, dass sie sich das selbst nie vergeben hätte, wenn sie nicht ganz sicher gegangen wäre, dass er sie nicht auch liebte. Und sie konnte eindeutig schlecht sagen, dass sie seinen hinreißenden Anblick vermisst hatte. Er starrte sie verbissen an, anscheinend immer noch gespannt auf ihre Antwort, und sie warf einen kurzen Blick auf sein silbern glänzendes Haar, das ihm über die Stirn in seine Augen fiel. Sie betrachtete seine nackte, glatte Brust und rief sich in Erinnerung, wie es sich angefühlt hatte, als sie mit ihren Händen darüber geglitten war. Dann traf sie wieder seinen Blick und zuckte achtlos mit den Schultern, als sei es egal, warum sie gekommen war. Draco starrte sie mit glitzernden Augen an und ging mit großen Schritten hinüber zum Pool. Er sah einen Moment in das Wasser hinunter, anscheinend in Gedanken, bevor er sich wieder ihr zuwandte.
„Ich würde dir gerne etwas erklären, Ginny," begann Draco, als wolle er ihr nun eine Lektion erteilen, „Jedes Mal, wenn wir im selben Zehnmeilenradius sind, schaffen wie es, uns gegenseitig den letzten Nerv zu rauben. Deine sechs Brüder hassen mich. Und ich hasse sie. Mein Vater würde wahrscheinlich vor Scham Selbstmord begehen, wenn ich jemals auch nur andeutete, dass ich mit dir eine Beziehung eingehen wollte. Was mich zum eigentlichen Punkt zurückbringt – wir streiten die ganze Zeit. Was für ein Paar wären wir denn, wenn wir wegen jeden kleinen Dinges in einen Streit geraten würden?" fragte er.
„Wir könnten es schon irgendwie hinkriegen, Draco," sagte sie und ließ es klingen, als wäre das die offensichtlichste Sache der Welt.
„Wir könnten," stimmte er zu, „wenn wir lange genug aufhören könnten zu streiten."
„Wir streiten gar nicht die ganze Zeit," beharrte Ginny.
„Genau." Er lächelte kalt. „Zählen wir die Zeit zusammen, in der wir uns nicht gestritten haben. Als ich dir den Arsch vor den Zigeunern gerettet habe. Und wenn wir geknutscht haben. Also haben wir ungefähr… na, sagen wir, zehn Prozent der Zeit, die wir zusammen verbracht haben, nicht gestritten."
Doch durch das Knutschen hab ich mich in dich verliebt, dachte sie und bemerkte, wie sie rot anlief. Aber eigentlich war das nicht ganz wahr. Durch das Küssen hatte sie bemerkt, dass Draco auch noch etwas anderes war als ein absoluter Idiot. Sie hatte sich in ihn verliebt. Sogar mit seinen sarkastischen Kommentaren, seinem kalten Lächeln, das niemals seine Augen erreichte, und seinen schnippischen Antworten. Er war es, den sie wollte, und sie war gewillt, dafür ein paar blöde, sinnlose Kabbeleien zu ertragen. Draco war es anscheinend nicht. Da fiel ihr plötzlich etwas auf. Warum versuchte Draco überhaupt, ihr das zu erklären? Warum kümmerte es ihn überhaupt? Er konnte sie auch leicht aus dem Haus schaffen, ohne ein einziges Wort zu sagen. Sie musste nicht wissen, warum sie es nicht hinkriegen würden. Sie wusste sowieso, was er sagen wollte. Es war sinnlos. Also vielleicht… vielleicht wollte Draco sich selbst genauso überzeugen wie sie. Vielleicht verspürte er etwas, das zugeneigten Gefühlen ihr gegenüber ähnelte und versuchte, sich selbst zu beweisen, dass er nichts zu fühlen brauchte. Es war ein seltsamer Gedanke, doch irgendwie schien er doch Sinn zu ergeben. Vielleicht hatte Draco… Angst.
„Warum hast du mich vor den Zigeunern gerettet?" schoss Ginny zurück und riss sich aus den eigenen Gedanken, „Du hättest mich einfach dort lassen können und – peng! – alle Probleme gelöst. Keine Ginny, keine Hochzeit mit Ginny."
„Ehrlich, Ginny," sagte er verärgert, „Denkst du wirklich, ich wäre einfach weggegangen und hätte dich dort gelassen?"
„Warum eigentlich bist du mir denn überhaupt gefolgt?" bohrte sie nach.
Er tat es ihr nach und zuckte nur mit den Schultern, als sei es egal. Ihr Temperament kaum noch unter Kontrolle verschränkte sie wieder ihre Arme und atmete lautstark durch die Nase aus.
„Na gut, Draco," sagte sie ohne zu überlegen, „sag es einfach."
„Was?" fragte er. Sie starrte ihn einen Augenblick mit verengten Augen an, bevor sie ihre Arme an die Seiten fallen ließ.
„Sag einfach, dass du mich hasst. Komm schon. Ich höre. Wenn du das sagst, bin ich weg. Ich werde dich nie wieder belästigen. Das verspreche ich."
Sein Gesicht versteinerte, seine Augen ausdruckslos und eisig, und ein bitterer Zug spielte um seinen Mund. „Schön, Ginny. Ich hasse dich."
Sie blinzelte wie gelähmt, doch suchte sein Gesicht nach einem Anzeichen von Gemütsregung ab. Und dann sah sie es… in seinen Augen blitzte etwas auf, das sie sofort als Reue identifizierte. Vielleicht sogar Schmerz, wenn sie überhaupt so weit gehen wollte. Sie fragte sich, warum sie nicht glaubte, was er sagte. Sie fragte sich, warum sie keine Sekunde lang annahm, dass er sie wirklich hasste. Sie fragte sich, warum es sich anfühlte, als hätte er gesagt, dass er sie liebte.
„Lügner," beschuldigte sie mit sanfter Stimme.
Er starrte ihr einige Sekunden lang in die Augen, bevor er wieder den Mund öffnete. „Du kennst mich zu gut."
Es schien nur einen Augenschlag später, da waren seine Lippen auf ihren und er küsste sie heftig. In dem Augenblick, da seine Zunge in ihrem Mund war, vergaß sie alles, worüber sie gesprochen hatten und drückte sich fest an ihn. Sie wollte ihm so nah wie möglich sein; nie wollte sie ihn loslassen… Ginny hatte vergessen, dass Draco genau am Rand des Pools stand und bemerkte nicht, wie sehr sie sich gegen ihn lehnte. Er beugte sich leicht nach hinten und verlor sein Gleichgewicht. Noch bevor er fiel, löste er sich von ihr. Doch da sie in seinen Armen lag, wurde sie mitgerissen. Ihr entkam ein leiser, überraschter Schrei, als sie über ihm im Wasser landete. Es war ziemlich kalt, doch nicht unangenehm. Sie spürte wie Draco unter ihr im Wasser strampelte und brachte ihren Kopf an die Oberfläche. Ihr nasses Haar klebte an ihrem Gesicht und sie taumelte erst ein wenig, bevor ihre Füße festen Grund fanden. Einen Moment später tauchte auch Draco auf und warf seine Haare mit einem sehr genervten Gesichtsausdruck nach hinten.
Ups, dachte sie und fühlte sich ein wenig bescheuert. Sie war so fasziniert von seiner Berührung gewesen, dass sie ihre Umgebung völlig vergessen hatte. Genau das war es, das er ihr antat… es ließ sie alles außen herum vergessen und sich nur auf ihn konzentrieren. Draco stand im Wasser, das ihm bis zur Hüfte reichte. Seine Verärgerung schien zu verschwinden, als er beobachtete, wie sie ihre Haare ins Wasser tauchte, um sie von ihrem Gesicht zu entfernen.
„Dein Top ist durchsichtig," stellte er grinsend fest. Ginny sah hinunter und bemerkte, dass er Recht hatte. Ihr weißes T-Shirt klebte an ihr, sodass man ohne Probleme ihre Haut und ihren BH sehen konnte. Doch bevor sie die Chance hatte, sich zu genieren, war Dracos Hand schon auf ihrem Hinterkopf und er zog sie für einen weiteren Kuss an sich. Wie wundervoll sich seine Haut vorher in seinem Zimmer angefühlt hatte, umso schöner war es jetzt, da sie nass war. Unwillkürlich glitten ihre Hände über seine Schultern seinen Rücken hinunter und sie dachte wie vernebelt, dass sie nie müde werden würde ihn anzufassen. Sie dachte auch daran, wie wunderbar ihre Körper zu verschmelzen schienen, wie hinreißend es sich anfühlte, ihm so nah zu sein. Wenn sie überhaupt nicht zusammenpassten, warum fühlte sich dann alles so richtig an? Dracos Finger ihr tropfendes, an ihr haftendes Oberteil nach oben und seine Berührung schien Spuren auf ihrer Haut zu hinterlassen. Er war, als würde er sie mit sanftem Feuer brandmalen. Er löste sich als Erstes von ihren Lippen und lehnte seine Stirn gegen ihre. Seine Hände wanderten zu ihren Hüften.
„Wie sollen wir das je zusammen fertig bringen?" fragte er ein wenig atemlos.
„Wir werden es schon hinkriegen," sagte sie entschlossen, „Siehst du jetzt, was ich meine? Es ist egal, dass wir die meiste Zeit streiten. Immer wenn wir nicht streiten, fühlt es sich so an. Und ich bin gewillt, alles zu riskieren, um das zu fühlen; mit dir. Dein Vater oder meine Brüder kümmern mich nicht. Sie werden es überleben."
Als er nicht antwortete, langte sie hinauf und berührte kurz mit ihren Fingerspitzen seine Wange, bevor sie ihre Hand wieder ins Wasser fallen ließ.
„Ich verlange nicht von dir, dass du mich heiratest, Draco," sagte sie spöttisch, „Ich will auch nicht heiraten. Was ich sage, ist nur… wir könnten es schaffen."
Für einen Augenblick drückte sie ihren Mund fes auf seinen. „Ich denke, das ist es wert," fügte sie flüsternd hinzu.
Obwohl er ihr so nah, sah sie dennoch, wie er kalt lächelte. „Natürlich tust du das."
Sie entschied, das nicht als Beleidigung aufzufassen. In Wahrheit war sie nicht ganz sicher, was er damit meinte.
Draco langte hinauf, nahm eine Strähne ihres nassen Haares und strich mit seinem Daumen darüber. „Deine Haare sind gleichzeitig das Beste und das Fürchterlichste an dir."
Sie stieß ihn von sich und starrte ihn wütend an. Das fasste sich auf jeden Fall als Beleidigung auf. „Wie bitte?"
Er schenkte ihr nur ein kleines Lächeln. „Es ist wundervoll, aber… jeder in deiner verdammten Familie hat es. Deswegen ist es fürchterlich."
Sie entspannte sich wieder und lachte. Da stimm ich dir voll zu. Na ja, wenigstens in dem letzten Punkt."
Dann folgte eine Pause, doch dieses Mal war sie nicht unangenehm. Ginny schmiegte seine Wange an seine Schulter und schlang ihre Arme fest um seine Taille. Sie hätte nie geahnt, dass eine einzige Person solche Gefühle in ihr auslösen könnte; sie konnte nicht glauben, dass sie sich so wunderbar fühlen konnte, mit Draco… doch es geschah und sich konnte nichts tun, um es zu stoppen. Draco seufzte schwer.
„Nun gut," sagte er gedehnt, „Ich denke, wir sollten lieber schlafen gehen. Morgen wird es ziemlich stressig werden."
Sie hob ihren Kopf, um ihn anzusehen; ihre Stirn vor Verwirrung gerunzelt.
„Wird es das?"
„Wenn du denkst, dass es einfach wird, unseren Familien von unserer Beziehung zu erzählen, bist du meiner Meinung nach ziemlich weltfremd," sagt er freudlos grinsend.
Ginny lächelte breit. „Wir müssen es ihnen nicht erzählen," sagte sie, „Ich meine, sie müssen es ja nicht gleich sofort wissen, oder?"
Er blinzelte sie misstrauisch an. „Uns geheim halten, oder was?"
Sie zuckte mit den Achseln und versuchte, einen ersten Gesichtsausdruck zu behalten.
„Das dürfte nicht zu schwer sein. Wir könnten und gelegentlich in Hogsmeade treffen. Erzähl deinem Vater, dass du irgendwo anders hingehst. Meine Familie würde das nie herausfinden, wenn wir uns nicht zusammen sehen lassen."
Da lächelte er sie an, ein warmes Lächeln, das auch seine Augen erreichte. Es schien ihn zwanzig Mal hübscher zu machen und ihr blieb für einen Moment die Luft weg. Sie würde nie müde werden, ihn zu berühren oder anzusehen. Es würde sie einfach niemals langweilen, da war sie sich sicher.
„Ihr Gryffindors habt eben doch manchmal ganz gute Ideen," sagte er schließlich, „okay, Ginny. Du hast gewonnen. Es bleibt also ein Geheimnis."
Es schien, als könne sie nicht aufhören zu grinsen, doch als Draco wieder anfing, sie zu küssen, schaffte sie es doch. Sie schlang ihre Arme um seinen Hals und drückte sich wieder gegen seinen nassen Körper. Ihr Kopf war völlig leergefegt.
Dracos Hände wanderten ihre Taille hoch und hinunter, unter Wasser in die Nähe ihres Hinterns. Er brach den Kuss ab und sie öffnete die Augen, um zu sehen, wie er sie angrinste.
„Ja, ich muss sagen, du bist definitiv kein Mann," murmelte er. Sie kicherte, sich wohl bewusst, dass sie kindisch klang, doch es kümmerte sie nicht. Draco lehnte sich erneut nach vorne, doch anstatt sie zu küssen, beugte er sich zu ihrem Ohr hinunter.
„Es ist ein langer Flug zurück nach Hogwarts," wisperte er; sein warmer Atem verbreitete eine Gänsehaut auf ihrem ganzen Körper, „Hier sind noch sehr viele Zimmer frei."
Ginny rang mit sich selbst. Wenn sie bis zum Morgen nicht zurück in Hogwarts war, würden sie ihre Abwesenheit bemerken und ihre Eltern benachrichtigen. Dann müsste sie erklären, wo sie war, und warum sie einen Besen aus der Kammer gestohlen hatte. Das wollte sie nicht. Doch Dracos Einladung war zu schön, um sie auszuschlagen.
„Draco," antwortete sie, ebenfalls in sein Ohr, „Es wäre wundervoll, hier zu bleiben."
Sie würde heute Nacht nicht viel schlafen, das war sicher. Sie würden ihre Hochzeitsnacht haben, nur diesmal ohne Zeugen. Diesmal waren es nur sie beide.
