Verrat hat zwei Seiten
1. Nachtwanderungen
Gedankenversunken lag Harry im Bett und betrachtete das gefälschte Amulett Slytherins, welches er nach Dumbledores Tod an sich genommen hatte, da es, wie es schien, sowieso wertlos war. Harry würde es zwar nicht zugeben, aber das Medaillon gefiel ihm und so trug er es ständig bei sich, er konnte es sich auch nicht erklären, doch es übte eine gewisse Faszination auf ihn aus.
Mit einem schweren Seufzer ließ er die Kette samt Medaillon wieder unter seinem Hemd verschwinden. Wenigstens sollte er versuchen, diese Nacht noch etwas Schlaf zu finden. Schließlich hatte er morgen wieder viel Gartenarbeit vor sich.
Nachdem er sich ein paar mal hin und her gewälzt hatte, glitt er langsam in den wohlverdienten Schlaf. Auch wenn der Zustand des, wie er es nannte, nicht-wahr-nehmens nicht lange anhielt.
Bald schon verschwammen Farben vor seinem schlafenden Geist, die sich mehr und mehr zu Umrissen bildeten, sodass sich der junge Zauberer letztendlich in einem gemütlich möblierten Schlafzimmer wieder fand. Harry war nicht wirklich überrascht, schließlich besuchte er dieses Zimmer fast jede Nacht. Und das Bild, das sich ihm bot, war auch fast immer dasselbe.
Im Kamin schwelte die Glut vor sich hin und eine gemütliche schwarze Ledergarnitur stand davor. Rechts und links des Kamins standen lange Regale, gefüllt mit Büchern aus allen nur vorstellbaren Rubriken. Selbst Muggelromane waren darin zu sehen, obwohl dies eindeutig das Zimmer eines Zauberers war, was schon das große Feindglas an der Wand bewies. An der Wand, an welcher auch das Feindglas befestigt war, in dem momentan nur undeutliche Schemen zu sehen waren, standen noch zwei Mahagonischränke, die, wie er wusste, mit Kleidung bis oben hin voll gestopft waren. Vorwiegend in den Farben schwarz und grün. Auch wenn sich ab und zu ein paar weiße und rote Kleidungsstücke dazwischen drängten.
Das meiste des Raumes nahm aber das große Himmelbett ein, dessen dunkle Vorhänge auch heute nicht zugezogen waren und einen schlafenden Mann Mitte Zwanzig offenbarten.
Der Schlafende lag zwischen zerwühlter Seidenbettwäsche völlig nackt und umklammerte mit der rechten Hand einen Zauberstab. Als Harry dies das erste Mal sah, hatte er nur den Kopf geschüttelt über so viel Paranoia. Doch musste er nun zugeben, dass auch er mit seinem Zauberstab in Griffreichweite schlief.
Dieser Mann mit den schulterlangen schwarzen Haaren, der makellos weißen Haut und den feinen Gesichtszügen, der sich gerade in seinem Bett räkelte, war immer hier, wenn Harry kam. Und er schlief auch immer. Mal wie heute im Bett, ein anderes Mal lag er ausgestreckt auf dem Sofa mit einem Buch in der Hand oder im Sessel sitzend. Doch eins tat er immer, schlafen. Und in all der Zeit, die Harry im Schlaf diesen Raum besucht hatte, war er noch nie aufgewacht.
Als Harry das erste Mal hierher kam, war es am Ende des sechsten Schuljahres gewesen, und er dachte, er würde sich mal wieder in Voldemorts Körper aufhalten, doch wie er schon bald bemerkte, war dem nicht so.
Denn er konnte frei über seine Bewegungen verfügen. Und als er einen Blick in den großen Wandspiegel geworfen hatte, war er bestätigt worden. Er sah noch immer so aus wie er selbst. Um genau zu sein, sah er aus wie Harry Potter, nur ohne seine Brille und was noch viel merkwürdiger war, ohne seine Fluchnarbe auf der Stirn. Doch nicht nur das er auf einmal sehen konnte, wenn er in diesen Raum war und seine Fluchnarbe fehlte, auch alle anderen Narben, die er von Quidditchunfällen oder missglückten Flüchen davon getragen hatte, waren nicht zu sehen.
Nun ja, nachdem er Nacht um Nacht in diesen Raum gekommen war, hatte er wieder begonnen sein Okklumentiktraining aufzunehmen und jeden Tag, bevor er schlafen ging, seinen Geist zu leeren, wie es ihm dieser Verräter im fünften Jahr gelehrt hatte. Doch obwohl er selbst glaubte, dass er schon ein paar Fortschritte gemacht hatte, da er es schaffte seinen Geist nun, wann immer er es wollte, von allen Gedanken zu befreien, hatte sich an seinen nächtlichen Besuchen in diesem Raum nichts geändert.
Dass diese Besuche real waren und nicht nur ein haarsträubender Traum, daran bestand leider nicht der geringste Zweifel. Denn nachdem er bei seinem ersten Besuch das Zimmer auseinander genommen hatte, um alles einmal zu begutachten und er bei seinem Verschwinden ein ziemliches Chaos hinterließ, fand er in der darauf folgenden Nacht eine Notiz in dem wieder einwandfrei aufgeräumten Schlafzimmer. Sie hatte auf dem Nachttisch gelegen und lautete ungefähr so: „Bannsprüche zum Abhalten von ungebetenen Poltergeisten raussuchen."
Und der junge Zauberer bezweifelte nicht im Geringsten, dass er mit diesem ungebetenen Poltergeist gemeint war. Aber keine Vorsichtsmaßnahmen waren getroffen worden. Jedenfalls keine die ihn abhielten.
Am heutigen Abend beschloss Harry das Buch, das er letztes mal angefangen hatte, fertig zu lesen. Es war ein Buch über die dunklen Künste und in ihm standen viele interessante Zauber, die Harry mal ausprobieren wollte, sobald er siebzehn war und in den Ferien zaubern durfte. Auch wenn er sich sicher war, dass das Buch nicht ganz so legal war, wie zum Beispiel die „Theorie magischer Verteidigung" von Wilbert Slinkhard, so störte es ihn nicht im Geringsten. Eher das Gegenteil war der Fall. Es interessierte ihn brennend. Und das hatte bestimmt auch etwas damit zu tun, das es eigentlich verboten war.
Harry hatte festgestellt, dass sich in dieser Büchersammlung so manche illegale Werke angesammelt hatten und er verschlang sie mit Feuereifer. Schließlich hatte er die Nächte über nichts anderes zu tun als zu lesen.
Er war gerade dabei einem Absatz über den Celares Zauber, einem Zauber, der es ermöglicht, schwarzmagische Gegenstände zu verstecken und harmlos erscheinen zu lassen, zu lesen, als er hinter sich ein überraschtes Keuchen vernahm.
Erschrocken fuhr er herum und sah sich mit einem Zauberstab und zwei funkelnden schwarzen Augen konfrontiert. Der Mann, welcher bis jetzt immer geschlafen hatte, stand mit erhobenem Zauberstab vor ihm und fragte mit misstrauischer Stimme:
„Was tust du hier, und wie bei Slytherins Namen kommst du hier rein!"
Harry schluckte hart und leckte sich einmal nervös über die Lippen. Der Mann vor ihm schien nicht gerade sehr angetan davon zu sein ihn hier zu sehen. Zugegeben, er selbst wäre auch nicht erfreut eine wildfremde Person in seinem Schlafzimmer vorzufinden.
„Nun ja", sagte er mit trockener Stimme, „wie Sie sehen lese ich und wie ich hier rein komme, weiß ich selbst noch nicht genau. Ich bin immer hier sobald ich schlafe, wenigstens in letzter Zeit."
„Wie meinst du das? Erklär dich", die Augen des Mannes verengten sich drohend zu Schlitzen.
„Also", versuchte Harry schnell zu erklären, „seit einiger Zeit finde ich mich oft in diesem Raum wieder, wenn ich schlafe. Als erstes dachte ich, es sei ein Traum, aber es erschien alles so realistisch. Ich kann nichts dagegen tun, sonst würde ich mir meine Nächte eher mit schlafen als mit lesen um die Ohren schlagen."
Wie zur Bestätigung hielt er das Buch hoch, in dem er bis eben noch gelesen hatte.
„Und da Sie immer schlafen, wenn ich hierher komme, wollte ich Sie nicht wecken. Ich sitze meistens nur hier und lese bis ich wieder aufwache. Nur am ersten Tag, als ich hier ankam, habe ich wohl das Zimmer in einer gewissen Unordnung verlassen. Dafür entschuldige ich mich natürlich, aber ich hatte ja nicht wissen können, dass das hier alles nicht nur ein Traum ist", meinte Harry mit einem Anflug schlechten Gewissens.
Harry sah wohl so verzweifelt aus, dass ihm sein Gegenüber glaubte, denn mit einem Seufzen ließ sich der Zauberer in den Sessel rechts von Harry fallen.
„Und du hast wirklich keine Ahnung warum?"
„Nein, kein Stück", sagte Harry, während er den Mann ihm gegenüber das erste Mal, seitdem er ihn aufgeschreckt hatte, richtig ansah.
Er saß ihm völlig entblößt gegenüber, nicht, dass es Harry gestört hätte, denn sein Gegenüber war alles andere als unansehnlich. Kurz überlegte Harry, wie sich diese schimmernde Haut wohl anfühlen würde, als er sich schon selbst deswegen zurechtwies. Bei diesen Gedanken schoss dem Jüngeren die Schamesröte ins Gesicht. Verlegen wollte Harry an seiner Kleidung zupfen als ihm auffiel, dass auch er nichts trug, schließlich hatte er bei diesen nächtlichen Besuchen nie irgendwas bei sich.
Sein Gegenüber, der Harrys Erröten bemerkte, musterte sie beide kurz, bevor sich ein dreckiges Grinsen auf sein Gesicht schlich. Nach einer ausgiebigen Musterung hatte der andere Erbarmen und stand auf um sich und dem errötenden jungen Mann auf dem Sofa einen Bademantel zu holen.
„Warum bist du eigentlich völlig unbekleidet?", wurde Harry aus seinen Gedanken gerissen als er den Bademantel überstreifte und die kühle Seide einen wohligen Schauer auf seiner Haut hinterließ.
Angesprochener setzte sich erst einmal wieder, bevor er meinte:
„So recht weiß ich auch nicht warum. Aber es ist sowieso einiges anders als in meinem Wachzustand. Zum Beispiel habe ich normalerweise eine Sehschwäche und auch ein paar Narben. Diese sind alle nicht mehr zu sehen sobald ich hier bin. Genau so wie eben auch meine Kleidung."
Er zuckte mit den Schultern.
Der Mann lächelte.
„Wenigstens das kann ich dir das erklären. Der Fachausdruck für die Form in der du dich befindest ist Anifacis, aber man kann auch ganz einfach Seelenform sagen. Alle äußeren Einflüsse verschwinden, wenn du sie angenommen hast. Verletzungen, Narben, Krankheiten oder eben auch Sehschwächen und andere Behinderungen, da sie nie bis zu deiner Seele vordringen. Eigentlich muss man eine schwere Schule durchlaufen bis es einem möglich ist sich von seinem Körper zu lösen und sich in seiner Seelenform zu bewegen. Aber da du keine Ahnung zu haben scheinst, werden deine Besuche hier wohl weniger ein Unfall in einer solchen Schulung sein, oder?"
„Ich hatte bis jetzt noch nicht mal 'ne Ahnung, dass es so was überhaupt gibt. Vielleicht sollte ich mich etwas damit beschäftigen, dort könnte der Schlüssel dazu liegen, wie ich dir keine ungebetenen Besuche mehr abstatte. Sobald ich kann, werde ich mir Lektüre darüber besorgen."
„Ja, tu das. Ich habe mich nie damit beschäftigt, weil ich dazu keine Veranlagungen besitze."
Eine Weile schwiegen sie vor sich hin bis Harry schließlich die Stille durchbrach.
„Warum bist du eigentlich aufgewacht? Es dürfte noch mitten in der Nacht sein, denn ich stehe normalerweise ziemlich früh auf."
„Ach, das ist ganz einfach. Ich wollte noch ein paar Sachen nachschlagen bevor ich mich in den Tag stürze und hab mir deshalb einen Weckzauber auf vier Uhr gestellt. Aber wenn du das nächste Mal kommst, könntest du mich einfach wecken und wir schauen gemeinsam, was wir herausfinden können. Ich werde ein paar Bücher besorgen, schließlich ist das unser gemeinsames Problem."
„Mach ich, ich komme momentan sowieso an keine neuen Bücher ran. Erst in eineinhalb Wochen."
„Warum das denn?"
„Na ja, nachdem meine Eltern starben, wurde ich von Muggeln aufgezogen. Und sie hassen uns Zauberer. Deshalb komm ich erst wieder in die Zaubererwelt, wenn ich volljährig bin und zaubern darf."
Sein Gegenüber wollte gerade etwas sagen als Harry aufstand und in dem Buch, das er vorher gelesen hatte, die Seite markierte, bevor er es zurück ins Regal stellte. Als Harry den irritierten Blick auffing grinste er nur breit und fügte erklärend hinzu:
„Ich wache gleich auf. Das ist immer ein ziemlich komischer Zustand. Es ist als seien deine Sinne zwei gespalten. Zur einen Seite nehme ich wahr, wie ich in meinem Bett liege, zur anderen bin ich noch immer hier und unterhalte mich mit dir. Also Wiedersehen, ich wecke dich, wenn ich das nächste Mal hier bin. Schönen Tag noch."
Die letzten Worte hörte der andere Zauberer schon kaum noch, da Harry begonnen hatte transparent zu werden, bevor er schließlich völlig verblasst war.
Es war fast eine Woche vergangen, seitdem Harry das erste Mal mit dem Mann aus seinen realen Träumen gesprochen hatte. Seitdem hatten sie sich fast jede Nacht wieder gesehen, Bücher gewälzt und sich auch so sehr gut unterhalten.
Nun stand Harry in der brütenden Hitze der Sommersonne und grub Baumwurzeln aus der Erde im Garten der Dursleys. Warum sich Tante Petunia immer gerade im Hochsommer, wenn er Sommerferien hatte, dazu entscheiden musste einen Baum zu fällen und Harry großzügigerweise ihren Entschluss in die Tat umsetzen durfte, konnte er nur ahnen. Und in all seinen Ahnungen kam seine Tante nicht gerade sehr gut weg.
Während er so in der Erde herumwühlte und die Wurzeln kein Stück dem Erdreich entweichen wollten, dachte Harry darüber nach, was Seth dazu gesagt hatte, als sich Harry bei ihm über die Gartenarbeit beschwert hatte.
Seth war der Mann den er immer im Schlaf traf. Eigentlich war das nicht sein richtiger Name, aber als Harry ihn nach seinem Namen gefragt hatte, hatte er ihn ihm nicht sagen wollen, so hatte sich der Junge das erstbeste Buch geschnappt und zwei Namen daraus entnommen. Denn eigentlich war es ihm auch nur recht, wenn der andere nicht wusste, wer er war. Schließlich behandelten ihn alle anders, wenn sie wussten, wer er war, dass er der berühmte Harry Potter war. Zwar hatte er darüber nachgegrübelt, warum der andere seinen Namen nicht sagen wollte, aber letztendlich war es doch egal.
So hatten sie nun beide Namen aus der ägyptischen Mythologie. Er selbst hatte den Namen Ra. Der andere bekam den Namen Seth. Als Harry den Namen ausgesucht hatte, hatte sein Gegenüber zu lachen begonnen und konnte sich erst nicht wieder einkriegen. Harry hatte es bis jetzt nicht verstanden.
Eigentlich waren die Nächte mit ihm recht lustig, dem letzt hatte ihn Seth damit aufgezogen, dass er sich über ein bisschen Gartenarbeit beschweren würde und auf die Frage, wann er denn das letzte Mal im Garten gearbeitet hätte hatte er nur mit einem breiten Grinsen und „Noch nie", geantwortet.
Doch obwohl sie sich gut amüsierten, hatten sie bis auf ein paar allgemeine Dinge nicht viel herausgefunden. Zum Beispiel, dass keine Wunden, die ihm in seiner Seelenform zugefügt werden, sich auf seinen Körper übertragen würden. Selbst wenn er in seiner Seelenform sterben würde, würde er nur ganz normal aufwachen. Dennoch konnte er nicht ewig in seiner Seelenform verharren, da der normale Körper trotz allem noch Bedürfnisse hatte, die befriedigt werden mussten. Er musste Essen und Trinken, sonst würde der Körper sterben und mit ihm er selbst, egal in welcher Form er sich befand. Ansonsten war der Körper seiner Seelenform so wie jeder andere Körper auch.
Doch mehr fanden sie nicht heraus, was auch auf ihn zu traf. Er war weder in Trance, wenn er seine Seele vom Körper löste, noch war er erschöpft, wenn er in seinen Körper zurückkehrte. Eher im Gegenteil. Wenn er erwachte, fühlte er sich fit und ausgeschlafen.
Auch einen Grund, warum er ausgerechnet bei Seth erschien und das nur wenn dieser schlief, konnten sie sich nicht erklären. Und warum Harry Seths Räumlichkeiten nicht hatte verlassen können, blieb auch weiterhin ein Rätsel. Das hatte er nämlich in einer der ersten Nächte versucht. So hatten sie es letztendlich aufgegeben in diesem Gebiet weiter zu forschen und waren dazu übergegangen, das Seth Harry ein paar sehr interessante schwarzmagische Flüche beibrachte.
Seth war unglaublich begabt und mächtig, Harry hatte bis jetzt kaum einen Zauberer mit so einem großen Wissen, welches er auch anwenden konnte, getroffen. Manchmal hatte er sogar das Gefühl, dass der Andere, was die Anwendung von Magie anging, mehr als Dumbledore wusste.
Harry hatte den Verdacht gehabt, dass der Andere mit so viel Wissen über schwarze Magie ein Todesser sein könnte. Doch als er ihn danach gefragt hatte, hatte Seth zuerst gelacht und dann gemeint, dass er sich nie einem anderen unterordnen würde.
Und wenn Harry genau darüber nachdachte, konnte er es sich gut vorstellen, dass sich der andere von nichts und niemandem etwas vorschreiben ließ. Noch nicht mal vom Zaubereiministerium.
Harry richtete sich gerade auf, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen, da sah er wie Malcom und Piers auf den Ligusterweg Nummer 4 zukamen.
Piers sah Harrys Meinung nach noch immer so aus wie eine Ratte, doch Malcom hatte sich ziemlich verändert. Er war sehr groß und hatte dunkelbraune Haare, die ihm sanft bis über die Schultern fielen. Schlecht gebaut war er auch nicht gerade. Und Harry konnte nicht widerstehen, sich kurz vorzustellen, wie er wohl etwas freizügiger gekleidet aussehen würde.
Schon im letzten Jahr hatte er bemerkt, dass er gegen die Vorstellung, ein Junge würde ihm intim näher kommen, gar nichts einzuwenden hatte. Natürlich hatte er diesen Gedanken noch niemandem mitgeteilt.
Außerdem hatte er damals Ginny gehabt. Und er hatte sie geliebt. Daran bestand für ihn kein Zweifel. Doch nach Dumbledores Tod hatte sich alles verändert. Sein ganzes Fühlen hatte sich verändert und letztendlich war ihm Ginny damals mit ihren Annäherungen in der Zeit, in der er Ruhe zum Verarbeiten brauchte, auf die Nerven gegangen. Langsam war das Gefühl für sie abgeebbt und dazu kam noch, dass er sich darum sorgte, dass sie, wenn sie ihm näher stünde, nur noch ein weiteres Ziel für Voldemort werden würde.
Aus ihren Briefen hatte er zwar erfahren, dass sie sich noch immer Hoffnung machte, doch für ihn war es klar. Er empfand nur noch Freundschaft für das rothaarige Mädchen. So wie für ihren Bruder Ron und für Hermine.
„Na, träumst du wieder?" Eine spöttische Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Und er sah Piers und Malcom, die auf dem Gartenweg standen und zu ihm herübersahen. Letztgenannter hatte die Stimme erhoben.
„Aber immer doch, Mel. Du siehst einfach zu verlockend aus, als das ich nicht träumen könnte."
Ein eindeutig dreckiges Grinsen hatte sich auf Harrys Züge geschlichen, während er Malcom anzüglich musterte. Auf Malcoms Gesicht war eine solche Verwirrung zu sehen, dass Harry kaum noch an sich halten konnte. Kurz bevor er in Lachen ausbrach, meinte er noch:
„Aber keine Sorge, es gibt Typen, die sehen um einiges schärfer aus als du."
Danach war nicht mehr daran zu denken an sich zu halten und Harry brach in lautes Gelächter aus. Er setzte sich auf den Baumstumpf, den er ausgraben sollte, da er sich vor Lachen nicht mehr auf den Beinen halten konnte. Bei den verzogenen Gesichtern von Piers und Malcom war das auch kein Wunder.
Während er sich langsam beruhigte, dachte er bei sich, dass er tatsächlich jemanden kannte, der viel verlockender war als Malcom. Das Bild eines schlafenden Mannes schlich sich vor seine Augen. Dieser hatte pechschwarzes Haar und perlmuttfarbene Haut. Im Schlaf umschmeichelte schwarze Seide seinen filigranen Körper. Ja, Seth hatte ihn mehr als nur einmal in Versuchung geführt.
Harry legte ein schiefes Grinsen auf als er mitbekam, dass die beiden Jungen ihn noch immer angeekelt anstarrten. Die konnten da ja schlecht den ganzen Tag stehen bleiben beschloss Harry. Also schrie er so laut, dass man ihn bis ins Haus hören konnte:
„Hey Dud, deine Schoßhündchen sind hier um dich abzuholen!"
Noch immer ein schiefes Grinsen auf dem Gesicht machte er sich wieder an die Arbeit. Nur noch drei Tage bis zu seinem Geburtstag. Nur noch drei Tage, bis er die Dursleys für immer verlassen konnte. Nur noch drei Tage, bis er nie wieder im Garten arbeiten musste. Nur noch drei Tage und er müsste sich nie wieder mit einer Beschränkung seiner Magie auseinander setzen müssen.
