5. Erbe
Schmunzelnd saß Harry am Frühstückstisch und betrachtete die verschreckten Blicke der Dursleys.
Nun ja, schließlich war es das erste Mal, dass sie Harry mit Zaubererumhang zu Gesicht bekamen und auch, dass er nun keine Brille mehr trug, schien sie nicht im Geringsten zu besänftigen.
Da der junge Zauberer beschlossen hatte, nun da er volljährig war, dass er es nicht mehr nötig hatte in Dudleys abgelegten Klamotten rum zulaufen und hatte er in Ermangelung anderer Kleidung, einfach einen seiner Hogwartsumhänge angezogen, den er vorher natürlich noch etwas verändert hatte, sodass er nun wie ein ganz normaler schwarzer Zaubererumhang aussah.
So kam es, dass Harry übers ganze Gesicht grinsend sein Frühstück vertilgte.
Schließlich meinte er zu seinen verschreckten Verwandten, dass er nur noch packen wolle und dann gleich weg sei.
Sich selbst für diesen genialen Einfall auf die Schulter klopfend, stand er nun in seinem chaotischen Zimmer und wusste nicht, wo er mit dem Packen anfangen sollte. Er beschloss zuerst die Bücher zu verstauen und bückte sich ächzend nach dem nächst Besten. Doch als sein Blick auf den Titel fiel, schlug er sich mit der flachen Hand gegen die Stirn.
Wozu war er denn ein Zauberer?!
Schnell zog er seinen Zauberstab und schwang ihn mit einer ausladenden, schwebenden Bewegung über den Boden. Seine Sachen falteten sich ordentlich zusammen und flogen in den großen Schrankkoffer. Die Muggelkleidung von Dudley ließ er auf einen anderen Haufen schweben und meinte dann mit einem gehässigen Grinsen: „Incedio." Dudleys alte Sachen fingen sofort Feuer. Wie sehr er es sich doch gewünscht hatte, dies irgendwann zu tun. Er ließ nun einen Abschnitt seines Lebens hinter sich. Einen Abschnitt, den er sicher nicht vermissen würde.
Schon bald waren alle Sachen gepackt und Harry sperrte Hedwig nur noch in ihren Käfig, bevor er Errol aus dem Fenster ließ.
Das Zimmer roch noch etwas verkohlt von der verbrannten Kleidung, die nun nur noch ein schwarzer Haufen war, doch Harry kümmerte sich nicht darum.
Vielleicht sollte er sich noch von den Dursleys verabschieden, bevor er für immer aus ihrem Leben verschwand. Harry nahm Hedwigs Käfig in die Hand und murmelte: „Locomotor Koffer."
Der Koffer folgte ihm als er in den Flur hinaus trat und zur Treppe ging. Von dort ging er runter ins Wohnzimmer, denn er wusste, dass die Dursleys gerade vor dem Fernseher saßen, um sich Dudleys letzten Boxkampf noch mal anzusehen, doch als Harry eintrat, wandten sich ihm alle Köpfe zu.
Der Zauberer ließ seinen Zauberstab, mit dem er den Koffer dirigiert hatte, in seinem Ärmel verschwinden und wandte sich an seine Verwandten.
„Ich geh dann. Lebt wohl. Ich glaube nicht, dass wir jemals wieder das Vergnügen miteinander haben werden."
Von keinem bekam er eine Antwort. Wenigstens auf ein „Leb wohl" oder etwas in der Art, hatte er gehofft.
Etwas trübsinnig disapparierte der junge Zauberer mit einem leisen Plopp.
Zum Glück hatte er die Apparierprüfung Ende Juni bestanden, sonst hätte er seine Lizenz nicht bekommen, was eine weitere Reise mit dem Fahrenden Ritter zur Folge gehabt hätte. (A/A Ich habe einfach entschieden, dass er eine gemacht hat. Punktum.)
Als Harry in einer kleinen Seitengasse, die zum Grimmauldplatz führte, apparierte, war keine Menschenseele zu sehen.
Der Zauberer trat aus der Gasse heraus und bemerkte, dass die Wohngegend noch immer so verwahrlost war wie in der Nacht, in der er das erste Mal hier aufgetaucht war.
Dreck lag in den Hauseingängen und manche Fensterscheiben waren zerschmissen oder vernagelt.
Zielstrebig machte er sich auf den Weg zu Nummer 12 und bevor er auch nur denken konnte, wo das Haus sich befinden sollte, war es auch schon zwischen 11 und 13 aufgetaucht.
Ein letzter Beweis, dass der Fidelius-Zauber nicht mehr wirkte.
Vorsichtig zog er seinen Zauberstab und klopfte damit an die schwarz lackierte Haustür, deren Farbe langsam zu verblassen begann.
Als hätte das Haus seinen Besitzer erkannt, öffnete sich die Tür quietschend.
Harry betrat die dunkle Eingangshalle. Alles war still. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss und der junge Zauberer beeilte sich, die alten Gaslaternen anzuzünden.
Die Eingangshalle hatte sich seit dem Tag, an dem er das alte Gemäuer das erste Mal betreten hatte, verändert. Die Spinnenweben waren verschwunden, die Tapete blätterte nicht mehr von den Wänden ab und auch die Portraits waren entfernt worden.
Doch noch immer zierte ein verschlissener Teppich den Boden und der Vorhang, hinter dem sich das Gemälde von Sirius' Mutter befand, war auch noch an Ort und Stelle. Alles sah anders aus, und doch war alles gleich.
Harry ging in den ersten Stock und wollte gerade in den Salon gehen, als er ein lautes Scheppern aus einem der angrenzenden Räume vernahm.
Mit einem Satz war er an der Tür und hatte sie aufgerissen, den Zauberstab kampfbereit erhoben.
Auf den ersten Blick sah er nur, dass der Raum mit allen möglichen Kisten und Säcken voll gestellt war. Doch als er genauer hinsah, entdeckte er eine Gestalt mit rotbraunem Haarschopf, die in Lumpen gekleidet war. Harry brauchte nur einen Sekundenbruchteil um zu erkennen wer es war. „Petrificus Totalus!", donnerte er, bevor sein Gegenüber auch nur den Zauberstab erheben konnte und die Gestalt fiel stocksteif zur Seite. Harry hatte ihm eine Ganzkörperklammer aufgeflucht.
„Tss tss tss. Also wirklich Mundungus, sich in dem Haus verstecken, das du bestiehlst. Und das hier", sagte Harry süffisant und deutete mit einer ausladenden Geste in den Raum, „scheint wohl dein kleines Lager zu sein. Schade nur, dass du den Termin verpasst hast, an dem der Hausherr zurückkehrt."
Harrys Augen verengten sich zu Schlitzen als er noch weiter auf den am Boden liegenden Mann zuging, welcher ihn aus ängstlichen Augen ansah.
„Ich erteile dir hiermit Hausverbot!", schrie Harry auf einmal und wo vorher Sarkasmus seine Stimme geziert hatte, breitete sich nun Zorn aus.
Noch bevor er seine Worte zu Ende gesprochen hatte, begann sich der auf dem Boden liegende Mann, durch die Luft zu bewegen und auf das plötzlich geöffnete Fenster zuzuschießen.
Harry lief sofort zum Fenster und sah wie Mundungus unsanft auf das ungepflegte Stück Rasen in der Mitte des Platzes fiel. 'Das Haus war wohl mit einem Zauber belegt worden, welcher Hausverbote sofort in die Tat umsetzte', dachte Harry grimmig, bevor er mit seinem Zauberstab auf den noch immer reglosen Dieb zielte. „Finite Incantatem", sagte er locker, machte sich allerdings nicht mehr die Mühe zu sehen, ob der Zauber auf diese Entfernung noch wirkte.
Oh ja, er war wütend, er war es gewesen, seit er Mundungus vor den Drei Besen erwischt hatte. Seitdem brodelte er vor Zorn auf diesen Mann.
Mit einem befriedigten Grinsen warf Harry Mundungus' Zauberstab aus dem Fenster und machte sich selbstzufrieden auf den Weg zurück in den Salon. Schließlich hatte er noch etwas vor.
Frohlockend kniete sich der junge Zauberer vor die große Eichentruhe. Es war so eine wie der falsche Moody sie in seinem vierten Jahr gehabt hatte, mit mehreren Fächern. Freudig nahm Harry den Schlüsselbund, der neben der Truhe platziert war, und schloss das erste Fach auf.
Als er den Deckel öffnete, sah er Dumbledores Denkarium. Doch es war leer, keine Erinnerungen füllten die steinerne Schale.
Viele kleine Fläschchen standen daneben. Manche beschriftet, andere unbeschriftet.
Ehrfürchtig betrachtete Harry ein Fläschchen auf dem „Bob Ogden. Die Gaunts" stand. Das musste wohl die Erinnerung sein, die ihm Dumbledore damals gezeigt hatte.
Sie waren alle hier, alle Erinnerungen, die der Schulleiter über Voldemort gesammelt hatte.
Plötzlich fiel Harry ein Brief auf, der zwischen zwei Fläschchen geklemmt war.
Mit zitternden Fingern griff er nach dem Umschlag, auf dem in smaragdgrüner Tinte „Harry Potter" stand.
Vorsichtig öffnete er den Brief. Er war in Dumbledores Handschrift verfasst und lautete:
Lieber Harry,
wenn du diesen Brief zu lesen bekommst, werde ich wohl nicht mehr am Leben sein. Ich habe in meinem Testament veranlasst, dass diese Truhe und ihr Inhalt nach meinem Tod in deinen Besitz übergeht.
Es gäbe noch vieles, was ich dir sagen müsste, doch hoffe ich, dass du in der Lage sein wirst, es selbst herausfinden.
In dem ersten Fach der Truhe befinden sich, wie du zweifellos bemerkt hast, mein Denkarium und alle Erinnerungen, die ich über Tom Riddle zusammensuchen konnte. Auch einige andere wichtige Erinnerungen sind dabei... Ich hoffe, dass ich dir bereits die meisten gezeigt habe, bevor ich verstorben bin.
Im zweiten, dritten und vierten Fach befinden sich Bücher, die du sehr interessant finden wirst, dessen bin ich mir sicher. Im fünften und sechsten Fach liegen ein paar sehr nützliche Gegenstände, unter anderem mein Ausschalter, mit dem du kinderleicht Muggelspielereien außer Gefecht setzen kannst.
Harry sah förmlich das Zwinkern in den Augen des Schulleiters vor sich, als er diesen Satz las.
Im letzten Fach liegt etwas, von dem ich schon immer der Überzeugung war, dass es dir gehört, bereits seitdem du es mir eines Nachts blutüberströmt auf den Schreibtisch gelegt hast.
Godric Gryffindors Schwert.
Ich kann dir noch immer nicht sagen, wie stolz ich damals auf dich war, als du mir das Schwert und den zerstörten Horkrux gebracht hast.
Ich könnte dir hier wohl noch so viel schreiben, doch es würde nichts bringen. Eines jedoch musst du noch wissen: Höre dir die Prophezeiung noch einmal an, denn es gab einen letzten Teil, den ich nicht übers Herz gebracht habe, dir zu zeigen, und wie ich mich kenne, habe ich es bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht getan.
Ich wünsche dir alles Gute für die Zukunft Harry.
Leb wohl,
Albus DumbledoreMit zitternden Fingern ließ er den Brief sinken. Es gab einen Teil der Prophezeiung, den er nicht kannte?!
Rasch nahm Harry das Denkarium und goss die Phiole mit der Aufschrift „Prophezeiung Harry Potter Tom Riddle" hinein.
Mit noch immer zittrigen Fingern wirbelte er die Flüssigkeit mit seinem Zauberstab umher, bis sich eine drehende Gestalt erhob und zu sprechen begann. Sibyll Trelawneys raue Stimme hallte gespenstisch durch den Raum.
Der Eine mit der Macht, den Dunklen Lord zu besiegen, naht heran…
Jenen geboren, die ihm drei Mal die Stirn geboten haben, geboren, wenn der siebte Monat stirbt…
Und der Dunkle Lord wird Ihn als sich Ebenbürtig kennzeichnen, aber Er wird eine Macht besitzen, die der Dunkle Lord nicht kennt…
Und der Eine muss von der Hand des Anderen sterben, denn kei- [polter, krach -ährend der Andere überlebt…
Und ewig seien Sie verbunden durch das freiwillige Band…
Der Eine mit der Macht, den Dunklen Lord zu besiegen, wird geboren werden, wenn der siebte Monat stirbt…
Die sich drehende Frau sank zurück in die Schale.
Was bedeutete das? Warum war die Prophezeiung auf einmal an einer Stelle unverständlich? War Snape vielleicht zurückgekehrt, um noch den Rest hören zu können und war erneut erwischt worden? So hatte es sich zumindest angehört, aber letztendlich konnte man die Worte der Prophezeiung noch halb hören.Doch was bedeutete die neue Zeile?
„Und ewig seien Sie verbunden durch das freiwillige Band…"
Es ergab keinen Sinn. Hatte Dumbledore gewusst, was dies zu bedeuten hatte?
Fast eine Stunde saß der junge Zauberer auf dem Boden und grübelte über die Worte nach, ohne auch nur ein kleines Stückchen weiter zu kommen.
Mit einem schweren Seufzen stand er letztendlich auf, verstaute das Fläschchen, in dem sich wieder die Prophezeiung befand, in der Truhe und machte sich daran das nächste Fach zu öffnen.
Hier fiel ihm gleich ein Stoß Papiere in die Hand, die mit Dumbledores Schrift fein säuberlich von oben bis unten beschrieben waren.
Es handelte sich um Aufzeichnungen über den Fidelius-Zauber.
Harry las sich die Aufzeichnungen gewissenhaft durch. Der Zauber war sehr kompliziert, aber zu schaffen. 'Ob er es wagen sollte, ihn wieder über den Grimmauldplatz zu sprechen?', fragte sich Harry, als er weiterhin die Aufzeichnungen betrachtete. Er würde wieder so sicher werden wie damals, als er noch das Hauptquartier des Phönixordens war. Und wenn er jemanden beim Apparieren hierhin führen würde, könnte dieser sich zwar im Haus bewegen, es aber nicht wieder betreten, bis der Geheimniswahrer ihm den Aufenthaltsort sagte.
Es war verlockend ein sicheres Zuhause zu haben, wo ihn keiner stören könnte. Letztendlich erlag der Jungzauberer dieser Verlockung.
Ungefähr vier Stunden später, es war nun fast drei Uhr, wachte Harry wieder auf. Der Zauber hatte ihn doch mehr erschöpft als er angenommen hatte, weshalb er sich in einem der Gästezimmer schlafen gelegt hatte.
Doch der Zauber stand und das war das Wichtigste.
Hungrig machte sich Harry auf den Weg in die Küche, in der Hoffnung dort noch etwas Essbares zu finden.
Dabei war er etwas unvorsichtig und stolperte die letzten Treppenstufen laut fluchend hinunter. Sofort wurde sein Fluchen von lautem Geschrei überdeckt, denn die Vorhänge vor dem Gemälde waren aufgegangen und entblößten die sabbernde und fluchende Mrs. Black.
Harry stöhnte innerlich auf. Er hatte ein mal mitgeholfen, die Vorhänge wieder zuzuziehen und das war zu zweit bereits eine unzumutbare Arbeit gewesen. Alleine würde er es wohl nicht schaffen.
Resigniert ließ er sich auf die unterste Treppenstufe fallen und verfiel in Gedanken, während Mrs. Black munter weiter schimpfte.
Doch plötzlich stahl sich ein teuflisches Grinsen auf Harrys Gesichtszüge. Es gab einen Weg dieses Porträt ganz einfach zum Schweigen zu bringen. Seth hatte ihm diesen Zauber gezeigt. Er sorgte dafür, dass alles sofort zu Staub zerfiel, was mit diesem Zauber in Berührung kam, solange es nichts Lebendes war.
Nun gut, der Zauber war tiefste schwarze Magie, deshalb hatte ihn wohl keiner vom Orden angewandt, doch hatte er nicht auch seine Augen schon mit schwarzer Magie geheilt und es war nichts Schreckliches geschehen? Er wollte damit ja niemandem schaden, sondern nur dieses lästige Gekreische loswerden.
Mit glänzenden Augen stand der Zauberer auf. 'Dumbledore wäre enttäuscht von dir, wenn er wüsste, was du vor hast', flüsterte eine Stimme in einem Kopf. Aber er verdrängte sie schnell.
„Sei still, du alte Sabberhexe!", meinte er drohend und richtete seinen Zauberstab auf sie, doch Sirius Mutter kreischte einfach weiter. „Annihilare", sagte Harry leise, wobei in seiner Stimme ein beängstigender Unterton mitschwang. Der Magier sah noch das entsetzte und überraschte Gesicht von Mrs Black, bevor ihr Portrait zu Asche zerfiel, welche man in dem nun stillen Raum zu Boden rieseln hörte.
„Geht doch!", sagte Harry mit grimmiger Genugtuung und überdeckte so seine Ängste darüber, bereits den zweiten schwarzmagischen Fluch innerhalb eines Tages gesprochen zu haben. Wie viele mochten noch folgen?
Hinter ihm ertönte ein leises Plopp. Das war doch…
Harry fuhr herum und sah noch wie Kreacher vor dem ehemaligen Portrait seiner Herrin zusammenbrach. Neben ihm stand Winky.
„Was machst du hier?!", donnerte Harry mit wütender Stimme.
„Habe ich dir nicht befohlen in Hogwarts zu bleiben!?" Er ging auf die beiden Hauselfen zu, von denen sich nun Winky ängstlich auf den Boden kauerte. Von Kreacher kam keine Reaktion.
Harry kniete neben dem alten Hauselfen nieder und wollte ihn schon grob an seinen Lumpen packen, als er bemerkte, dass der Hauself nicht mehr atmete.
Erschrocken griff der Zauberer nach dem Puls, doch auch dieser war nicht mehr zu fühlen. „Weißt du, was mit ihm ist, Winky?", fragte Harry die verängstigte Hauselfe.
„Ich glaube, Harry Potter, Sir, dass Kreacher einen Schock erlitten hat und daran gestorben ist. Eben waren wir noch in der Küche, da meinte er, seine Herrin sei angegriffen worden. Ich konnte ihn nur noch an der Schulter zurückreißen, als wir auch schon hier waren und er zusammenbrach", piepste Winky.
„Hm", meinte Harry nachdenklich, „wäre gut möglich. Er hing sehr an diesem Portrait, das ich eben zerstört habe." Harry dachte nach, er verspürte keine Trauer für den verstorbenen Hauself.
„Bist du sicher, dass er tot ist?", fragte er Winky.
Die Hauselfe nickte nur ängstlich, als erwartete sie jeden Moment eine Strafe.
„Was macht man mit verstorbenen Hauselfen?"
„Gar nichts, Harry Potter, Sir. Die meisten werden einfach von ihren Herren entsorgt." Harry dachte nach. Kreachers innigster Wunsch war es immer gewesen, nach seinem Tod bei den anderen Hauselfenköpfen an der Wand zu landen, doch der Orden des Phönix hatte in seiner Aufräumaktion alle Hauselfenköpfe beseitigt. Harry hatte außerdem nicht das geringste Interesse Kreacher zu köpfen.
Schließlich hob Harry seinen Zauberstab und richtete ihn auf Kreachers Leiche und die Asche des Bildes. „Evanesco", flüsterte er und Leiche sowie Asche verschwanden.
„Tut mir Leid Kreacher, ich habe nicht daran gedacht, wie viel sie dir bedeutet haben muss", flüsterte der Zauberer zu sich selbst und empfand nun doch etwas Trauer um den Hauselfen von Mrs Black.
Harry seufzte einmal tief und fuhr sich durch die Haare, bevor er sich an Winky wandte, die ihn noch immer aus großen, ängstlichen Augen ansah.
Sie erinnerte ihn etwas an Dobby, doch auch der ehemalige Hauself der Malfoys war gestorben. Er war von einer Besorgungstour nicht wieder zurückgekehrt und ein paar Tage später hatte man seine Leiche gefunden. Sie alle vermuteten, dass er der Rache seiner alten Herren zum Opfer gefallen war.
„Wie seid ihr eigentlich hier rein gekommen? Ich habe erst vorhin einen starken Schutzzauber auf das Haus gesprochen", riss sich Harry aus seinen Gedanken los.
„Das ist ganz einfach, Harry Potter, Sir. Jeder Hauself ist mit dem Haus seines Meisters verbunden und kann es jederzeit aufsuchen. Ich bin nur hier, weil ich Kreacher in diesem Moment berührt habe, Sir."
„Ach so", meinte Harry. „Also wirst du das Haus nicht wieder betreten können, nachdem du es wieder verlassen hast?"
„So ist es, Harry Potter, Sir."
Harry geriet ins Grübeln.
„Winky, möchtest du nicht hier bleiben, um für mich zu arbeiten, anstatt nach Hogwarts zurückzukehren? Dort wird jetzt sowieso nicht mehr so viel Arbeit zu tun sein, nachdem die Schule geschlossen wurde."
„Harry Potter möchte Winky Arbeit anbieten?"
„Ja, das möchte ich", meinte Harry freundlich.
„Und ich werde dich dafür auch nicht bezahlen", fügte er noch schnell hinzu.
Winky begann über das ganze Gesicht zu strahlen. „Harry Potter, Sir, möchte Winkys neuer Meister werden?"
„Genau. Du würdest so wie Kreacher an mich und an das Haus gebunden werden."
„Winky will gerne hier bleiben und Harry Potter, Sir, dienen", meinte die kleine Elfe aufgeregt.
„Wenn eine Hauselfe einmal Kleidung bekommen hat, bekommt sie normalerweise nie wieder einen Meister. Winky will gerne wieder einen Meister!"
„Dann ist das also abgemacht."
Harry fand das Ritual zwar etwas seltsam, das sie vollzogen, um Winky an ihn und das Haus zu binden, doch letztendlich war auch dies geschafft.
Winky wirkte unglaublich glücklich, als sie das dunkelblaue Küchentuch, das sie nun trug, an sich drückte.
„Winky wird eine gute Hauselfe sein."
„Das bezweifle ich nicht. Ich werde Professor McGonagall eine Eule schicken, dass du bei mir bleibst. Und denk daran, du darfst mit keinem darüber reden, was du in diesem Haus alles mitbekommst. Das ist sehr wichtig."
„Natürlich, Harry Potter, Sir!"
„Ich hatte vor, das Haus erst mal gründlich zu reinigen, da hier seit zirka eineinhalb Monaten keiner mehr gewohnt hat und das Haus auch vorher nur gelegentlich besucht war, doch zuerst sollten wir uns einen Überblick darüber verschaffen, was Mundungus alles ausgeräumt hat, um die Sachen ersetzen zu können."
Plötzlich begann Harrys Magen zu knurren.
„Ach ja, essen wollte ich auch noch."
Es stellte sich heraus, dass Mundungus sämtliches Koboldsilber mitgenommen hatte. Auch das feine Porzellan war verschwunden, was bedeutete, dass sie überhaupt kein Geschirr mehr hatten. Als Harry das bemerkte, kochte er natürlich nur noch mehr vor Wut, doch die Wut wandelte sich in Selbstgefälligkeit um, als er den Raum, in dem er den Dieb entdeckt hatte, unter die Lupe nahm.
Er war gefüllt mit dem Geschirr der Blacks und anderen Dingen, von denen Harry eigentlich gedacht hatte, dass sie entsorgt worden wären.
Während er sich nun in die Küche setzte, die Winky bereits gründlich gereinigt hatte, und mit ein bisschen Hilfe eines Buches über Familientraditionen, die Wappen der Blacks von dem Geschirr entfernte, hatte er Winky aufgetragen, erst mal die Quartiere der Hauselfen, die sich hinter einer Vertäfelung in der Küche befanden, zu reinigen. Diese hatten sie bei ihrer Grundreinigung des Hauses, vor zwei Jahren, nämlich nicht mit einbezogen.
Wenn sie damit fertig war, sollte sie sich die anderen Räume vornehmen, Besonders die kleine Bibliothek, die er entdeckt hatte, musste entstaubt werden. Falls Harry noch dazwischen etwas einfallen würde, würde er ihr natürlich Bescheid sagen, versprach er.
Als der Zauberer fertig war, machte er sich auf die Suche nach weiteren Wappen, die entfernt werden mussten, wenn sie es nicht schon waren, und sah sich dabei das Haus noch einmal gründlich an.
Im obersten Stockwerk entdeckte er Sirius Zimmer.
Man hatte ihm gesagt, dass in dem Zimmer nichts verändert worden war, seit sein Pate gestorben war.
Der Raum war in dunklen Tönen gehalten, wie fast alle Zimmer in diesem Haus. Und als Harry eintrat fiel sein Blick zuerst auf einen kleinen Handspiegel. Er war quadratisch und sah sehr schmutzig aus, doch Harry erkannte ihn. Es war das Gegenstück zu dem Zweiwegespiegel, den Sirius ihm geschenkt hatte.
Hätte er damals nur den Spiegel benutzt, hätte er nur daran gedacht, dann wäre Sirius noch am Leben. Harry griff geistesabwesend nach dem Spiegel. Wenn… Wenn… Wenn… Doch was brachte es jetzt darüber nachzugrübeln. Es änderte nichts. Er lebte nun in Sirius' Haus und sein Pate war tot. Ob es nun seine Schuld war, Bellatrix's, Voldemorts oder Dumbledores, es änderte nichts. Sirius würde nie wieder zurückkehren.
Er hatte sich geschworen, diese Zeit der Trauer hinter sich zulassen und sich nur noch auf all die schönen Erinnerungen, die er mit seinem Paten verband, zu erinnern und er würde damit nicht aufhören, wenn er jetzt hier lebte.
Entschlossen legte Harry den Zweiwegespiegel wieder weg und öffnete ruckartig eine Tür des großen Kleiderschrankes in dem Zimmer. Er war überfüllt mit Klamotten, alles war darin, von Zaubererumhängen in allen nur denkbaren Farben bis hin zu Hosen, T-Shirts und Pullovern. In einer unteren Ecke des großen Schrankes entdeckte Harry eine Kiste. Neugierig öffnete er sie. Doch was er darin fand hatte er nicht erwartet. Die Kiste war angefüllt mit schwarzer Schminke. Nagellack, Lippenstift, Kayal, Wimperntusche und noch vieles mehr. Auch ein paar sehr ausgefallene Kleidungsstücke waren darunter. Ganz unten fand er ein paar Zaubererbilder.
Auf ihnen war Sirius abgebildet. Manchmal auch mit James.
Einmal saß er auf einem großen Motorrad mit einer schwarzen Lederjacke, wie sie die Muggel trugen, ein anderes Mal posierte er nur mit Netzhemd und schwarzer Hose bekleidet.
Als Harry sich die Bilder ansah, kugelte er sich bei manchen von ihnen vor Lachen, musste aber wieder einmal zugeben, dass sein Patenonkel, in seinen jungen Jahren, keineswegs schlecht ausgesehen hatte.
Lachend packte er die Sachen wieder ein. Nur ein Foto behielt er, er wollte es in sein Fotoalbum kleben. Sirius und James waren darauf, beide im Gothiklook und geschminkt.
Keiner hatte ihm gesagt, dass sein Vater solch einen ausgefallenen Kleidungsstil gehabt hatte.
Immer noch schmunzelnd stellte er die Kiste in den Schrank zurück. Er sah sich noch einmal genauer in dem Raum um und als er eine der unzähligen Schubladen öffnete, sprang ihm ein Brief mit seinem Namen entgegen. (A/A: Ich weiß wie groß die Chance ist, dass er genau diesen Brief an ihn findet! Aber… Na und?!)
Vorsichtig öffnete er den Brief und ein silberner Ohrring, in dem ein schwarzer Stein eingelassen war, fiel heraus. Harry beachtete ihn nicht weiter, sondern öffnete schnell den beigelegten Brief.
Alles Gute zu deinem 16. Geburtstag, Harry!stand dort an oberster Stelle.
Du weißt ja, dass ich in letzter Zeit so viel Freizeit hatte und dann habe ich mich daran erinnert, dass James meinte, es wäre toll, wenn man alles hören könnte.
Wie es dazu kam ist eine andere Geschichte, die ich dir gerne erzählen werde.
Jedenfalls hab ich mich daran gesetzt um einen solchen Zauber zu entwickeln. Ich habe ihn auf den Ohrring gesprochen, den ich dir geschickt habe. Wenn du den Ohrring trägst, wirst du alles im Umkreis von 500 Metern hören können, ohne dich groß anstrengen zu müssen. Du musst dich nur darauf konzentrieren.
Wenn du den Ohrring anziehen willst, tippe einfach gegen dein Ohrläppchen und sage „ Auris Cavus ", aber warte damit besser bis du wieder in der Schule bist, wir wollen ja nicht das gleiche Theater haben wie Anfang letzten Schuljahres.
Noch einen schönen Geburtstag, ich hoffe, du kannst noch mal vorbeikommen, bevor du nach Hogwarts musst.
Du bist wirklich wie James.
Hoffe, wir sehen uns bald.
Unterschrieben war er nicht, aber es war unübersehbar von wem der Brief stammte.
Mrs. Weasley hatte recht gehabt, das hatte Harry sich eingestehen müssen. Sirius sah wirklich James in ihm und irgendwie schmerzte es ihn. Er war nicht sein Vater.
Schnell schüttelte Harry seine trüben Gedanken ab. Kein Mensch war halt perfekt und es war nur verständlich, dass sich Sirius seinen besten Freund zurückgewünscht hatte.
Nachdenklich betrachtete er den Ohrring.
Praktisch war er schon und … ein schleimiges Lächeln schlich sich auf sein Gesicht. Hatte Hermine nicht einmal gemeint, dass ihm ein Ohrring sicher stehen würde?
„Winky", rief Harry seine Hauselfe und sofort machte es Plopp.
„Entschuldige, dass ich dich schon wieder in Beschlag nehme, aber mir ist noch eingefallen, dass ich neue Kleidung brauche. Ich kann aber nicht in die Winkelgasse. Das ist zu gefährlich für mich.
Tu mir bitte den Gefallen und geh in die Winkelgasse um etwas zu kaufen. Mir ist egal was, Hauptsache es ist tragbar. Sirius hatte guten Geschmack, nimm dir an ihm ein Beispiel. Ach und wenn meine Bücherliste ankommt, kümmere dich doch bitte auch noch darum. Bring die Sachen dann in das Zimmer, das ich mir ausgesucht habe. Du weißt schon, das neben der Bibliothek, in welches ich vorhin Möbel aus dem ganzen Haus gebracht habe."
Tatsächlich hatte Harry sich diesen Raum mit angrenzendem Bad als Zimmer ausgesucht und gleich die schönsten Möbel, die er hatte finden können, reingestellt. Auch Dumbledores Kiste stand schon am Ende des Bettes.
Es war fast nächster Morgen, als sie die wichtigsten Zimmer von dem gröbsten Dreck befreit hatten, Harry seine neuen Sachen in den Schrank einsortiert und noch ein paar andere nützliche Dinge aus den Versenkungen des Black Hauses ausgegraben hatte. Bald würde er erst mal zu den Weasleys gehen und danach stand noch viel Arbeit in seinem neuen Heim an.
Die Gästezimmer gehörten fertig möbliert und gereinigt. Der Bibliotheksraum war nach Harrys Geschmack zu klein und er wollte einen Zauber suchen, mit dem er die Wand zum Nachbarzimmer auf der anderen Seite einreißen konnte, damit noch eine Sitzecke und ein großer Schreibtisch reinpassten. Dann konnte er dort auch lernen.
Seine eigenen Sachen mussten noch fertig ausgepackt werden, sodass er am Ende nur noch die kleinen, nützlichen Gegenstände, die er überall im Haus gefunden hatte, in Vitrinen in einem separaten Raum unterbringen musste, denn das Haus wimmelte nur so von merkwürdigen Gegenständen, die alle eine andere Bedeutung und Nutzen zu haben schienen. Vor allem auf dem Dachboden, auf den er einen kurzen Blick geworfen hatte, und Kreachers Höhle wimmelte es nur vor Artefakten. Zwei Jahre als Phönixordenhauptquartier hatten es wohl nicht geschafft alle zwielichtigen Dinge aus dem Haus zu vertreiben.
Das Porträt von Phineas Nigellus hang nun im Salon gleich neben dem Familienstammbaum der Blacks.
Harry hatte beschlossen, Phineas und den Stammbaum nicht aus dem Haus zu verbannen. Denn Phineas konnte noch nützlich sein, wenn er mit Hogwarts in Verbindung treten wollte. Und der Stammbaum gehörte seiner Meinung nach hier hin, denn trotz allem hatte hier mehrere Jahrhunderte lang die Familie Black gelebt.
Im ganzen Haus hingen auch keine Portraits mehr, sodass Phineas ihn nicht ausspionieren konnte, solange er sich nicht im Salon aufhielt.
oooooooooooooooooo
(A/A Ich mag das Kapitel nicht. Leider muss erst das Gerüst aufgebaut werden bevor das Haus gestrichen werden kann.)
