"Das Mädchen." begann Lupin so vorsichtig wie möglich, "Wer hat sie für diese äh - Experimente freigegeben?
Doch wohl nicht ihre Mutter?". Regulus übernahm auch hier wieder die Antwort: "Nein. Wir vermuten, dass ihre Großeltern, die unglaublich geldgierig waren, sich des Kindes entledigen wollten. Florence kam bei einem Scharmützel mit Auroren ums Leben. Die genauen Umstände sind nicht bekannt." Remus nickte. Das kannte er vom Hörensagen auch.
"Ich möchte, dass du mich mit nach oben nimmst." ließ sich jetzt Severus wieder vernehmen. "Ich werde auch ein ganz braver Luchs sein. Gib mich als Dein Haustier aus. Ich muß näher heran." Remus zuckte merklich zusammen. Ihm behagte die ganze Sache nicht.
Schließlich war Snape ein gesuchter Mörder. Wenn er sich mit ihm verbündete, dann geriete er selbst mit ins Schußfeld. Ein Zustand, den er ein Leben lang vermieden hatte. Er zögerte. "Ach." sagte Snape leichthin. "Ich vergaß. Du glaubst mir nicht." Remus wurde rot. "Kein Problem." fuhr Snape fort und zog einen Packen Fotos aus dem Jacket.
"Hier. Vielleicht erkennst du jemand." Remus beugte sich über die Fotografien und erstarrte. In diesem kurzen Moment brach seine bisherige Welt auch zusammen. Auf dem Foto lächelte sie ihm entgegen, rothaarig, grünäugig, etwas fülliger als vor 17 Jahren -aber sie war es - Lily Potter. Die weiteren Fotos zeigten die glückliche Familie in ihrem Haus und in ihrem Garten.
Zwei Mädchen, ein Junge und die stolzen Eltern. Remus gab die Fotos zurück. Dann setzte er sich still auf das Sofa. Er bedeckte sein Gesicht mit dem Händen und weinte still.
Severus war darauf wohl nicht gefasst gewesen, denn er legte ihm zögernd die Hand auf die Schulter. "Ich weiß," murmelte er "das ist schwer zu verkraften." Er fummelte noch eine Weile am Ärmel seines entsetzlich altmodischen Jackets und legte dann vorsichtig seinen Arm um Remus.
Sie saßen eine ganze Weile schweigend beieinander, der eine schluchzend, der andere mit versteinertem Gesicht. Regulus betrachtete sie aufmerksam und machte sich dann davon. "Gut." flüsterte Remus schließlich. "Ich nehme dich mit nach oben und behaupte, du seist mein Haustier. Warum nicht? Alle haben eins. Wird dich jemand erkennen? Moody?"
Severus schüttelte mit dem Kopf. "Der weiß nichts vom Luchs. Ich war mit solchen Sachen immer sehr vorsichtig. Ich bin registriert, aber habe eine Ausnahmegenehmigung, so daß ich nicht im Register erscheine." Sie schauten sich an. 'So nah sind wir uns noch nie gewesen.' dachte Remus und spürte wie Moony einen kleinen Sprung machte. Der verdammte Wolf!
Severus zog ein Taschentuch hervor und reichte es ihm.
"Ich bin eine Heulsuse." stellte Remus verzweifelt fest. Severus grinste. "Wäre schlimmer, wenn dich so etwas kalt ließe." meinte er nur. "Wir stecken in einer Krise und müssen von nun an zusammenarbeiten. Irgendwo habe ich mal gelesen..." weiter kam er nicht.
Remus hatte sich umgedreht und den Redeschwall mit einem Kuss beendet. Severus erstarrte für einen kleinen Augenblick ging aber schon bald darauf ein. 'Es sind die Nerven!' dachte er noch, bevor er die Augen schloss. Als sie sich wieder trennten, sahen sie sich verblüfft an. "Äh." begann Remus, aber Severus hielt ihm flink den Mund zu.
"Kein Wort!" flüsterte er. Und dann: "Vielleicht sind es doch nicht die Nerven, dass wird man ja sehen!"
Eine so konkrete Aussage hatte der Slytherin noch nie von sich gegeben. Jedenfalls nicht zu Remus. "Komm." sagte er. "Ich stelle dich meinen Freunden vor. Du bist ab heute mein kleines pelziges Problem!". Und flugs stand ein Luchs neben ihm und sah ihn vertrauensvoll an.
Hermione und die Jungs saßen in der Küche und spielten Doppelkopf. Das heißt, sie versuchte es den Zauberern beizubringen. Molly stand am Herd und kochte Pudding, Tonks und Kingsley saßen auf der Ofenbank und unterhielten sich leise. Ein ganz normaler Vormittag im geheimen Hauptquartier des Ordens.
Bis die Tür aufging und Remus hereinkam. Dicht hinter ihm folgte ein Tier. Alle Köpfe drehten sich in Richtung Tür, nachdem Neville der mit dem Gesicht zum Eingang saß ein entzückte Geräusch machte und auf Remus zuging. "Hey, was hast du denn hier?" rief er. Remus trat einen Schritt beiseite und machte eine leichte Verbeugung. "Das ist Lux mein Haustier." verkündete er nicht ohne Stolz. Neville ging auf die Knie und kraulte den Luchs zwischen den Ohren. "Der ist ja wundervoll." sagte er. Der Luchs stupste mit seiner Nase gegen Nevilles Wange. "Oh ja." brabbelte Ron. "Neville Longbottom, Snape-Groupie und Luchsversteher." Remus lachte nervös.
Molly wandte sich interessiert um und klatschte begeistert in die Hände. "Oh, was für ein schönes Tier!" sagte sie und suchte sofort nach einem geeigneten Fressnapf. Tonks runzelte die Stirn, sagte aber nichts. Harry und Hermione schauten gebannt auf den Luchs, machten aber auch keine Bemerkung. Ginny brachte es auf den Punkt: "Wenn du dich mit ihm besser fühlst, Remus, kein Problem. Ich hoffe, er ist nicht zu wild?". Remus lächelte zum ersten Mal seit vielen Tagen und erklärte eifrig: "Er ist völlig zahm und stubenrein." Der Luchs knurrte nur ein wenig zu diesem Statement.
"Luchs, hä?" grummelte Moody, der soeben hereinkam. "Hast du ihn auf schwarze Magie untersucht? Womöglich ist das Bellatrix Lestrange in ihrer Animagusform." Er zog seinen schweren Stiefel aus und bewegte seinen frostbeulengeplagten Fuß. "Bellatrix ist eine Leopardin." erklärte Kingsley von der Ofenbank aus. "Fakt ist, wir haben alle Todesser-Animugusformen in einer Liste. Wenn du einmal ein wenig Papierarbeit machen würdest, wüsstest du's." Moody machte eine unwillige Kopfbewegung. "Humbug!" grunzte er. "Gibt es Luchse in deiner Liste?" fragte Tonks. "Nicht einen." antwortete Kingsley amüsiert. "´Lass doch Remus sein Pelztier." Remus pflichtete ihm mit einem breiten Lächeln zu.
Und so hielt Remus' neuer Freund Einzug in der vom Lagerkoller geplagten Gemeinschaft. "Eigentlich ist es ganz gut, dass du hier bist." vertraute ihm Neville an, der sich mit seinem Aufgabenpaket auf der Ofenbank ausgebreitet hatte. "Du bist eine willkommene Ablenkung." Die Studenten bekamen ihre Aufgaben mit der Eulenpost aus Beauxbaton, seit Hogwarts vom Netz genommen worden war. Der überwiegende Teil hatte sich entschlossen, die Abschlussprüfung abzulegen, Krieg hin oder her. Neville kämpfte gerade mit einem Aufsatz in Zaubertränke. "Der Unterschied zwischen wilder Kamille und domestizierter und die Auswirkungen auf die Heiltränke." murmelte er. "Das ist mal was Leichtes." Er kraulte den Luchs abwesend zwischen den Ohren. Snape konnte in seiner Katzenform nichts anderes machen als tieftönig zu schnurren. "Weißt du, ich finde Zaubertränke ja nicht sooo schlecht." fuhr Neville for. "Ich bin nur leicht zu erschrecken." Der Luchs nieste. "Ich werde aber ganz sicher mal eine eigene Kräuterfarm haben. Ich bin einer der wenigen, der nicht Auror werden will." Der Luchs leckte ihm den Handrücken. "Ich sehe." stellte Neville fest."Du bist ganz meiner Meinung. Auror ist was für geistige Tiefflieger."
Spät abends folgte Snape Remus in sein Zimmer. Remus verschloß sorgfältig die Tür und legte einen Stillezauber über das Zimmer. "Du kannst." meinte er dann und Severus nahm seine menschliche Gestalt an. "Uff!" sagte er und streckte sich, "gar nicht so einfach, den ganzen Tag Luchs sein. Ich begann schon über die Jagd nachzudenken." Remus lachte. "Diese Gedanken sind mir nicht völlig fremd, weißt du ja. Ich finde es übrigens süß, wie du mit Neville zurechtkommst. Gegensätzlicher können Mensch und Animagus nicht sein." Severus ließ sich in einen Sessel fallen. "Er ist nicht so übel, er nervt mich auch im Moment weniger und - das ist das Wichtigste - er läuft hier nicht Gefahr seine ganze Umwelt zu vergiften." Er legte die Beine auf den alten Schreibtisch. "In diesem Zimmer haben wir unser einziges Weihnachten zu dritt gefeiert. Florence, ihr Kind und ich. Dann musste ich zu meinem Praktikum nach Italien und als ich zurückkam war Florence tot und das Kind verschwunden. Nicht lange danach kam heraus, dass Voldemort hinter den Potters her war."
Remus holte das Fotoalbum hervor. Severus nahm es ungläubig in die Hand. "Hätte nicht gedacht, dass es noch existiert." murmelte er und blätterte eifrig um. "Da!" er zeigte Remus ein Bild, auf dem die drei Kinder zusammen in einer riesigen Badewanne saßen. Sie hatten Schaumkronen auf dem Kopf und neckten sich mit Muggelwasserpistolen. "Wir hatten eine schöne Kindheit, wenn wir hier waren. Ich konnte nie verstehen, warum Black seine Familie so hasste. Ich vermute neuerdings, dass er eine Gehirnwäsche hinter sich hatte. Vermutlich durch Bellatrixens Mutter, die verhindern wollte, dass er das ganze Black-Vermögen einmal erbt. Wusstest Du, das dieses Haus zur Hälfte mir gehört?" Remus war mehr als erstaunt. "Ja." bekräftige Severus, "im Ministerium für Magie, Abteilung Erbschaften und Schenkungen, liegt eine entsprechende Urkunde, die besagt dass ich der nächste Erbe von Regulus' Anteil bin."
Später, als Severus frisch geduscht und in einen Schlafrock des alten Mr. Black gekleidet auf Remus' Bett lag, plauderten sie leise. "Ich wollte einfach nur Aufmerksamkeit." gestand Remus, "Die Bombe, wäre sie denn explodiert, hätte doch meine ganzen Freunde zerstört. Ich glaube, mir fehlt einfach etwas L..." dann besann er sich. Das L-Wort gegenüber Severus zu gebrauchen war vielleicht nicht ganz so klug. Severus würde ihn auslachen.
"Was?" murmelte dieser abwesend. "Meintest du etwas das L-Wort? Das ist Quatsch. Evolutionstechnisch gibt's sowas gar nicht." Remus nahm einen Schluck Rotwein. "Evolutionstechnisch?" äffte er Severus nach. "Aber das S-Wort, das gibt's. Kaltherzig, unverbindlich, schnell und schmutzig? Hä?".
Severus grinste ihn an. "Sex ist unverbindlich, schnell und schmutzig. Evolutionstechnisch. Wer kuscheln will, kauft sich einen Teddybär."
Remus war sprachlos. "Aber" stammelte er, "Es gibt doch, schließlich also äh - warum hat der Mensch - und einige Tiere auch - Zweierbeziehungen entwickelt?" Triumphierend schaute er Severus an. Der winkte nur ab. "Zweierbeziehungen," erklärte er, "entstanden bei Männern aus Faulheit und bei Frauen aus Berechnung." "Berechnung" echote Remus. "Ja." Severus nahm noch einen Schluck. "Frauen wollen Sicherheit und Wohlstand. Dafür nehmen sie zwar allerhand in Kauf - sie machen dem alten Sack das Essen, waschen seine Socken und kriegen seine missratenen Gören, aber sie sind in Sicherheit. Und Männer brauchen nicht so weit zu laufen, um das F-Wort äh - zu realisieren."
"F-Wort." wiederholte Remus und überdachte das Ganze. Es leuchtete irgendwie ein, oder? In diesem Moment grub der Romantiker in Remus sein Kriegsbeil aus. "Aber es gibt doch auch Beziehungen, die glücklich sind." beharrte er. "Wie Tonks und Remus?" gab Severus lässig zurück. "Nein! Nein! Wie - wie - Arthur und Molly?" versuchte es Remus. "Arthur und Molly." "Ja. Arthur und Molly." "Die hat der Alltag gefressen." Remus änderte seine Taktik. "Aber was Schnelles, Unverbindliches, wäre das drin?" fragte er unschuldig. "Ich würde gerne mal deine Füße streicheln." Severus runzelte die Stirn. "Meine was?" "Füße, ich finde deine Füße wunderschön." antwortete Remus.
Severus nickte gnädig. "Es sind einfach - Füße." murmelte er noch, irgendwie eingeschnappt. "Aber sie sind wunderbar." murmelte Remust zurück und drückte kleine schnelle Küsse auf den Spann. Dabei beließ er es aber nicht, er küsste sich über die Schienbeine zum rechten Knie und Severus entfuhr tatsächlich ein überraschter Seufzer. "Dort hat mich noch nie jemand geküsst." gestand er. "Das ist der Sinn der Übung." flüsterte Remus begeistert und rutschte höher und höher...
'Und nun zum Eigentlichen.' dachte er und seine Lippen schürzten sich entsprechend. 'Remus die Zunge Lupin' er sah sich schon auf dem Titelblatt der Playwitch. "Das sind aber nicht die Füße." stellte eine spöttische dunkle Samtstimme fest. Remus zuckte zusammen. "Nicht?" fragte er mit gespielter Unschuld. "Ich hatte keine Anatomie in der Schule, ich bin nur ein armer kleiner Hogwarts-Absolvent." gab er leise zurück und seine Wangen begannen zu brennen. Severus versenkte seine langen Finger in seinem Haar und drückte ihn zurück. "Mach weiter, dafür reicht deine Ausbildung auf alle Fälle." sagte er, nun auch aufgeregt-heiser. Remus folgte glücklich aufs Wort.
Später wusste Remus nicht mehr, wie es dazu gekommen war. Er schwamm glücklich in einem Meer aus warmflüssigem Honig und irgendwo zwischen seinen Beinen summte eine Riesenbiene und irgendwie schwebte alles und es gab keine Gestern, kein Morgen - kein Garnichts. 'Schnell und schmutzig ist aber auch was Anderes." dachte er noch. Dann verschwand seine Welt völlig in einer kristallenen Leere.
Remus schließ in Severus' Armen kein, wachte jedoch mit dem Mund voller Luchshaare auf. Eine raue Zunge leckte seine Wange. "Ist ja gut." brummte er und ließ sein Haustier nach draußen.
Dann setzte er sich im Bett auf und begann über den gestrigen Abend nachzudenken. "Ich bin noch lange nicht am Ziel, Moony." flüsterte er. Aber immerhin, Snape war nicht abgeneigt ,
Er überlegte, wie es wohl wäre, wenn - ja, wenn der dumme Krieg endlich vornbei wäre, Snape rehabilitiert und womöglich würden sie wieder gemeinsam in Hogwarts sein. Remus ließ sich zurück in seine Kissen fallen und erlaubte sich einen kurzen Traum. Schon bald würde er nämlich die schicksalsschweren Worte sagen: "Wir müssen reden, Harry."
