Hermione und Remus fuhren ein Stück mit der Bahn, raus aus London und sie genossen die ruhigere Atmosphäre außerhalb der Stadt. Ja, sie zogen sogar in Erwägung, in einer kleineren Ortschaft an der Themse auszusteigen und auf dem Rückweg etwas auszuspannen. Zuvor jedoch wollten sie das Gespräch hinter sich bringen.

Hermione war aufgeregt. "Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, was da sein soll. Hoffentlich nichts mit dem dunklen ..." Sie beendete den Satz nicht. Remus wusste ohnehin, worauf sie hinauswollte. Er hingegen hatte so eine Ahnung...

Die Grangers warteten schon in ihrem adretten Vorstadthäuschen. Remus schaute sich um. Alles war an seinem Platz. Nippes aus dem Griechenland- und Spanienurlaub. Fotos von Hermione als Kind, Hermione auf dem Fahrrad und Hermione im Pool.

Keine Babyfotos. 'Das ist doch seltsam.' dachte Lupin. Gladys Granger machte Tee und Vater Granger unterhielt sich mit Remus fachmännisch über den Krieg. "Wir haben das ja auch. Hin und wieder." sagte er. "Krieg, meine ich. Meistens jedoch in fernen Ländern. Hierzulande hat es seit dem Blitz nichts gegeben." Remus machte ein höflich-unverbindliches Gesicht. 'Hierzulande ist gerade Krieg.' dachte er wütend. "Und wie lösen Sie diese Probleme im allgemeinen?" fragte er Mr. Granger. Der Mann zog an seiner Pfeife. "Nun, wir helfen den Unterdrückten." antwortete er ohne zu überlegen.

"Wir geben ihnen Waffen, um sich zu verteidigen und helfen beim Wiederaufbau." Remus zog die Luft durch die Nase. "Und wie entscheiden Sie, wer die Unterdrückten sind?" fragte er. Mr. Granger lächelte überheblich. "Das weiß man doch. Aus der Zeitung und so." erklärte er gönnerhaft. "Aus der Zeitung." echote Remus. Er stellte sich vor, was Severus dazu sagen würde. Die Wahrheit aus dem Tagespropheten zu extrahieren!

Glücklicherweise beendete das Eintreten von Mrs. Granger das heikle Gesprächsthema. "So." sagte sie mit gespielter Fröhlichkeit. "Dann werden wir mal Tee trinken und bei der Gelegenheit..." sie verstummte betreten. Hermione setzte sich an den Tisch und nahm unter der Tischplatte Remus' Hand. Sie vermutete nichts Gutes.

"Es ist anundfürsich nichts Schlimmes." begann Mr. Granger und fummelte umständlich mit dem Teelöffel in seiner Tasse herum. "Es ist nur so." Er langte neben das Sofa und förderte ein kleines Päckchen zutage. Er reichte es Hermione. "Das sollte die Hauptsache vielleicht erklären." sagte er mühsam. Hermione zog ihre Hand von Remus zurück und öffnete das Päckchen. Ihre Wangen waren mit roten Flecken übersät. Remus beugte sich etwas nach vorn, um genauer zu sehen.

Was Hermione auspackte, war für Lupin keine echte Überraschung. Ein Kleidchen, grüner Samt mit kleinen Einhörnern bestickt. Die Einhörnchen machten kleine Bocksprünge, wenn man mit den Fingern drauf tippte. Das nicht ganz billige Gewand für reinblütige Babies. Ein paar Schühchen, ebenfalls grüner Samt, mit kleinen Schnallen in Schlangenform, bestickt mit dem Slytherin-Wappen. 'Das hat man so als Baby-Slytherin!' schoss es Remus durch den Kopf. Eine Klapper aus einfachem Holz, irgendwie handgemacht.

Hermione schüttelte den Kopf, als wolle sie den Anblick vertreiben. "Aber was?" fragte sie mit belegter Stimme, "Was bedeutet das für mich?". Gladys Granger nahm ihre Hand. "Wir haben dich adoptiert, Darling." sagte sie. "Wir konnten selbst keine Babies bekommen und dann brachte dich eine Dame eines Nachts hierher. Du warst schon fast drei Jahre alt."

Hermione sah aus, als würde sie jeden Moment in Ohnmacht fallen. "Slytherin" murmelte sie kraftlos. "Wer sind meine wahren Eltern?" fragte sie zu Remus gewandt. "Und sage jetzt nicht, dass du nichts weißt!" fügte sie bissig hinzu.

Remus zuckte nur mit den Schultern. "Ich weiß tatsächlich nichts. Darüber." antwortete er und er zeigte auf das Kleidchen. "Was ich weiß ist, dass ein Baby in einer angesehenen Zaubererfamilie seit Anfang der Achtziger oder so vermisst wird. Es stand sogar im Propheten." Das war schon mal nicht gelogen. Hermione schluchzte plötzlich laut auf. "Aber Kind, das ändert doch nichts für uns." versuchte ihre Mutter zu vermitteln.

"Darum gehts jetzt doch gar nicht. Ich bin eine Slytherin!" schluchzte das Mädchen. "Wie steh' ich jetzt denn da?" Gladys Granger verstand kein Wort. "Das kann doch so schlimm nicht sein." begann sie, aber Hermione sprang auf und rannte aus dem Raum.

Remus zuckte zusammen als die Tür mit lautem Knall zuschlug. "Nun ja." meinte er lahm. "Sie wird sich daran gewöhnen müssen." Das Gesicht von Mr. Granger wurde hart. "Was wissen Sie?" bellte er. Remus hob entschuldigend die Hände.

"Nicht allzuviel. Ihre Mutter war eine Art Terroristin und kam bei einem Handgemenge mit der - äh - Polizei ums Leben. Die Großeltern gaben das Kind weg, so wird vermutet, es ist aber nicht sicher." Remus hatte sich diesen Satz in Muggelsprache übersetzen lassen. Er war stolz darauf, nichts verwechselt zu haben.

"Und ihr Vater?" fragte Mrs. Granger tonlos. "Ist unbekannt." antwortete Remus. "Ich habe zwar einen gewissen Verdacht, aber dazu müsste ich - müsste ich..." Remus schüttelte den Kopf. 'Dazu müsste ich Severus Snape davon überzeugen, dass er mir restlos trauen kann. Eine Aufgabe, gegen die die Rinderställe des Augias ein Spaziergang wären.' dachte er verzweifelt.

"Ich müsste ein paar Bekannte ausfragen." beendete er schließlich den Satz. "Und die Tatsache, dass sie ein Kind von Slytherins ist, ist auch kein Grund sich Sorgen zu machen. Das ist ja schließlich nichts Ehrenrühriges." 'Außer bei Gryffindors, vielleicht.' fügte er im Geiste hinzu. "Aber eine Frage hätte ich auch." wagte er dann doch noch zu sagen. "Die Frau, wie sah sie aus?".

Granger dachte scharf nach. "Sie war mittelgroß und mollig." antwortete er endlich. "Ende vierzig. Skandinavisches Aussehen, trug einen langen schwarzen Mantel. Mit meinem heutigen Wissen würde ich sagen, eindeutig eine Hexe. Seltsamerweise kam am Morgen danach tatsächlich jemand vom Jugendamt und brachte die Adoptionspapiere.". Remus nickte. Imperius, eindeutig. Die skandinavische Frau war offenbar Ragna Wilkes, die Großmutter von Hermione-Teresa.

Die Grangers beruhigten sich schließlich und gemeinsam warteten sie darauf, dass Hermione zurück ins Zimmer käme. Es dauerte etwa ungemütliche drei Stunden, dann tauchte das Mädchen gefaßt und frisch geschminkt wieder auf. "Okay." sagte sie und versuchte sicher zu wirken, "Ihr habt es mir nun endlich gesagt. Spät, aber immerhin. Nun werde ich wieder zurückgehen und versuchen, meine Eltern zu finden. Remus!" Dieser zuckte zusammen wie ein geprügelter Hund. "Wir gehen!".

Die Rückfahrt verlief schweigend. Remus schaute aus dem Fenster und stellte fest, dass sich sogar der Himmel verdunkelt hatte. Immerhin konnte er Hermione in der Winkelgasse noch zu einem Eis überreden. Während sie gedankenverloren an einer Maraschino-Kirsche nuckelte, überlegte er fieberhaft, wie er sie zum Sprechen bringen konnte.

Schließlich begann sie selbst. "Ich kann das alles gar nicht glauben." begann sie unverfänglich, als spräche sie über das Wetter. Wieso hat der Hut mich dann nach Gryffindor geschickt?" Remus nagte an seiner Waffel. "Kommt in den besten Familien vor." grinste er schließlich. "Denk an Sirius. Der war der erste Gryffindor seiner Familie seit mehr als 600 Jahren. Oder denk an Luna Lovegood. Ihre Familie ist traditionell Slytherin. Mein Onkel war ein Ravenclaw. Na und? Das ist doch alles Pillepalle."

"Wie du redest, Remus. Bist du oft mit Muggels zusammen?" fragte Hermione mit einem zweideutigen Grinsen. "Hä?" Remus ließ den Satz nochmals Revue passieren und fand nichts Seltsames daran. "Pillepalle. Das sagen Zauberer nicht." erklärte Hermione ungeduldig. "Nun ja, sagen wir mal so - " Sie ließ ihn nich ausreden. "Egal." sagte sie und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. "Jetzt habe ich eben ein neues Ziel. Ich werde herauskriegen, wer meine wahren Eltern sind. Und wenn auch meine Mutter nicht mehr lebt - irgendwelche Verwandte müssen da sein. Du hilfst mir doch?"

"Das ist die Hermione, die ich kenne." sagte Lupin erleichtert. "Wir werden schon was rausfinden. Ich helfe, keine Frage."

Hermione erledigte ihren Eisbecher nun mit deutliche größerem Eifer. Dann hob sie plötzlich den Kopf. "Es ist doch nicht Snape?" fragte sie mehr zu sich selbst. "Bitte?" Remus glaubte sich verhört zu haben. "Snape." antwortete sie, "Mein Vater ist doch nicht etwa Professor Snape?". "Wie kommst du denn darauf?" lachte Remus nervös. "Nur so." sagte sie. "Zu blöd, dass ich nicht in die Hogwarts-Bibliothek kann!". Remus überdachte die ganze Sache. "Warum nicht in die Propheten-Redaktion? Ich kenne da einen netten Journalisten, der uns bestimmt für ein paar Minuten in das Archiv lässt."

Sie strahlte ihn an. "Wundervoll! Worauf warten wir?".

Remus beendete laut seufzend sein Eis und folgte einer ungeduldigen Hermione in Richtung Redaktionsgebäude. Der Tagesprophet war in einer ansprechenden Villa untergebracht, die inmitten eines kleinen Parks lag. Remus führte Hermione zu einer Hintertür. Er sah sich sorgfältig nach allen Seiten um und klopfte schließlich zweimal kurz und einmal mit der Faust an die Tür.

Nach unendlichen zwei Minuten öffnete sich die Tür einen Spalt und ein feister kleiner Mann schaute heraus. "Caspar!" flüsterte Remus. Der Mann öffnete die Tür nun ganz und rief erfreut: "Remus Lupin! Wenn das kein Grund zum Feiern ist.! Komm rein." Remus winkte Hermione, dass sie ihm folgen solle. Drinnen schaute sie sich prüfend um. Der ganze Raum war mit Regalen vollgestopft, hinten hatte Caspar seinen Schreibtisch, auf dem eine Teekanne stand und Essen für sieben Tage. "Essen ist das Einzige, was hier unten noch Spass macht." erklärte der kleine dicke Mann entschuldigend. "Sie sind?" fragte er Hermione. "Ich bin eine Schülerin von Remus," beeilte sie sich zu sagen. "Wir arbeiten gemeinsam an einem - Projekt."

Remus schlug Caspar auf die Schulter. "Wir suchen ein paar alte Artikel aus dem Tagespropheten. Du lässt uns doch mal stöbern?". Caspar nickte. "Nur, wenn ihr mit mir Tee trinkt." antwortete er. "Gibt ja nicht viele junge Leute, die sich für alte Zeiten interessieren." fügte er argwöhnisch hinzu. Remus lachte. "Stimmt. Aber du kennst Hermione nicht. Sie ist geradezu besessen vom gedruckten Wort."

Hermione hatte inzwischen das Regal mit den Jahrgängen '80 und '81 gefunden. Sie ließ sich auf dem Boden nieder und begann zu blättern.

Sie fand zuerst eine kleingedruckte Geburtsanzeige von 'Teresa Andromeda Wilkes' vom 29. September 1980. Eine überglückliche Familie, wie bei anderen Kindern wurde nicht erwähnt. Sie überflog die anderen 'Es ist ein Zauberer!' oder 'Eine kleine Hexe hat das Licht der Welt erblickt' Anzeigen mit Interesse und fand einige ihrer Schulkameraden wieder. Blaise Zabini zum Beispiel und Luna Lovegood, bei beiden wurde die ganze glückliche Familie aufgezählt.

Sie ärgerte sich jetzt, dass sie den Sitten der reinblütigen Gesellschaft nie so richtig Beachtung geschenkt hatte. "Wieso Andromeda?" fragte sie sich laut. Der kleine Mann am Tresen schaute unruhig zu ihr hinüber. "Was recherchiert sie genau?" fragte er leise. "Die Entführung des Wilkes-Baby." erläuterte Lupin ruhig. Caspar schlug sich auf den Mund. "Oho" sagte er.

Hermione fand wenig über die Familie Wilkes. In einem Bericht über den Sommerball der Blacks wurde Florence kurz erwähnt, weil sie eine Designer-Robe von Umberto Gallipolli trug, sonst schien sie sich nicht im Scheinwerferlicht zu bewegen. Hermione betrachtete das Bild und erschrak über die große Ähnlichkeit mit ihr zum Weihnachtsball 1995. Den jungen Mann neben ihr kannte sie nicht. Sie kopierte Artikel und Bild gewissenhaft und suchte weiter. Schließlich kam sie an den entscheidenden Artikel. "Baby entführt.

Gestern Nacht wurde das einjährige Baby der am vergangenen Wochenende bei einer Auseinandersetzung mit Auroren getöteten Florence Wilkes von Unbekannten aus dem Kinderzimmer im Haus ihrer Großeltern entführt. Die Familie war zu keiner weiteren Auskunft bereit, sie hat einen namhaften Detektiv beauftragt..." und so weiter. Viel war nicht zu erfahren. Ein Bild des Kindes lächelte neben dem Text. Hermione sah sich an und erschauerte. "Da fehlt ein ganzes Jahr." stellte sie fest. "Wo war ich in der Zwischenzeit?".

Caspar schaute sich nervös um. "Lupin, kannst du hier kurz aufpassen? Der warme Kuchen...". Remus lächelte "Klar doch.". Caspar verschwand eilig.

Im Nebenraum flüsterte er hastig einen Stillezauber und warf eine Handvoll Flohpulver in den Kamin. "Dolohovski Dworjez " flüsterte er.

Hermione war fertig, gerade als Caspar zurückkam. Er hielt sich etwas aufrechter als zuvor, fand sie. Sie bedankte sich bei ihm und er hob die Hände keine Ursache. Dann verabschiedete sich Lupin. Der Archivar schlug ihm auf die Schulter. "Wir müssen unbedingt einen trinken gehen." sagte er. "Ja, das sollten wir." erwiderte Lupin. Hermione schob die Kopien in ihre Tasche. Caspar drückte ihr die Hand. "Auf Wiedersehen, liebe wissbegierige junge Dame. Mein Archiv steht ihnen jederzeit offen." sagte er und machte einen kleinen Kratzfuß. Hermione lachte. Sie bemerkte nicht, wie er etwas kleines Rundes in ihre Tasche fallen ließ...

Als die beiden gegangen waren verzog Caspar plötzlich schmerzhaft das Gesicht. "Ich komme schon Mylord." flüsterte er und ging wieder zum Kamin im Nebenzimmer.