Das Flugzeug setzte gegen Abend in Agadir auf. Die Touristen, alles alberne Muggel, applaudierten. Lucius seufzte. Glücklicherweise hatte er die meiste Zeit schlafen können. Er stand gelassen auf und bewegte sich mit der aufgeregt schnatternden Menge zum Ausgang, zwinkerte der hübschen Stewardess zu und verließ den Flieger. Heiße, trockene Luft wehte ihm entgegen. Er hatte kein Gepäck und ging deshalb direkt zur Passkontrolle. Sein Kuvert, dass ihm Severus überreicht hatte, enthielt ein britisches Reisedokument, das auf den Namen Walter Scott ausgestellt war. Der junge Beamte salutierte und ließ ihn passieren. Lucius grinste zufrieden. Draußen erwartete ihn ein junger Berber in einer Phantasieuniform. "Monseigneur." sagte er ehrfürchtig.
Lucius nickte gnädig und folgte ihm zu einer klimatisierten Limousine. "Schönes Wetter." bemerkte er noch. Der junge Mann lächelte ein schneeweißes Lächeln und antwortete: "Ist immer so." Lucius fand die Limousine angenehm und die Bar gut gefüllt. So ließ er sich die Zeit bis Marrakech nicht lang werden. Hin und wieder fragte er seinen Chauffeur über die allgemeine Lage aus. "Es gibt eine größere Kolonie britischer Zauberer." erzählte der Junge, der auf den Namen Abdul hörte, freimütig. "Sie verstecken sich vor dem Krieg."
Lucius fand das sehr interessant. Hier gab es viel für ihn zu tun. Knapp zwei Stunden brauchte die Limousine, die sich ähnlich dem Fahrenden Ritter fortbewegte, dann sah Lucius in der Ferne die Gipfel des Atlasgebirges. Sie waren schneebedeckt. Dann fuhren sie in die Stadt hinein. Lucius sah sich aufmerksam um. Die Zauberergemeinde von Marrakech unterschied sich in nichts von einem Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Üppige Villen, mit phantastischen Mosaiken, Palmen, Orangenhaine und Springbrunnen. Eine ganze Straße voller Zaubertrankbrauereien, eine andere voller Werkstätten für Zauberstäbe, Tarnkappen und Flugteppiche, eine Universität und ein Institut für Bannflüche und Schutzzauber.
"Hier kann man leben, wie es einem gefällt. Die Winkelgasse ist eine armselige Kloake dagegen." seufzte Lucius verzaubert. Der Wagen hielt vor einem mit prächtigen Schnitzereien verzierten Tor. "Wir sind da, Monseigneur." erklärte Abdul und öffnete die Tür. Durch das Tor gelangte Lucius in einen zauberhaften Innenhof, der wiederum mit Orangenbäumen und Palmen bepflanzt war. In der Mitte plätscherte ein anmutiger Springbrunnen und bunte Vögel tummelten sich in den Bäumen und Sträuchern.
Über eine prächtige Freitreppe kam ihm Narcissa entgegengelaufen. Sie trug ein weißes Gewand mit Araberhosen und einen Turban. "Du siehst aus wie eine schöne Schwester von Isabelle Eberhardt!" rief Lucius und schloss sie in seine Arme. "Oh mein Liebster, wie habe ich dich vermisst." Narcissa war ehrlich erfreut und erleichtert. "Wir haben uns viel zu erzählen." Das kann man wohl sagen." antwortete Lucius. Ein Hauself brachte Orangelimonade und süßes orientalisches Gebäck. "Setzen wir uns." Narcissa wies auf eine mit Mosaiken verzierte Nische.
"Zuerst eins, wie geht es Draco?" Lucius hatte das unangenehme Gefühl der Furcht lange verdrängt, der dunkle Lord war mit dem Jungen sicher nicht zimperlich gewesen. Narcissa nahm einen Schluck und erzählte mit leichtem Schaudern: "Ganze zwei Stunden haben wir vor seiner Lordschaft gekniet. Ich sah uns schon tot. Aber Severus und später auch Bellatrix haben den dunklen Lord lange und ausführlich bequatscht. Es war eine fulminante Wiederauferstehung der Quasselstrippe Snape, wie er als Kind war, du erinnerst dich?. Letztendlich war der Lord wohl überzeugt, dass es seine Idee war, den Jungen hierher zur Ausbildung zu schicken.". Sie seufzte und durchlebte noch einmal die Erleichterung, die sie damals verspürt hatte. "Er hat mir aber ein Versprechen abgepresst." Lucius hob fragend die Augenbrauen. "Er möchte von uns noch einen treuen, ergebenen Diener, Lucius." Narcissa guckte zickig. "Na, wenn es sein muss! Und er hat euch nichts Schmerzhaftes getan? Außer tauben Knien keine Verletzungen?". Narcissa schüttelte den Kopf. "Wir haben unendlich viel Glück gehabt. Lag sicher auch am erfolgreichen Sterben des alten Deppen." murmelte sie.
"Bellatrix wird bald Grund haben, uns dankbar zu sein." erklärte Lucius und reckte sich. "Heute nacht gegen drei ist ein Treffen des inneren Kreises, ohne Lord und Severus." gab er bekannt. "Und Rodolphos wird auch nicht eingeladen. Das hat alles seine Gründe." beschwichtigte er Narcissa, die etwas einwenden wollte. "Hol' die Postfalken." rief er dem herbeigeeilten Diener zu.
Remus hatte es sich gerade wieder in seinem Lieblingssessel gemütlich gemacht, als ein dumpfes Geräusch ihn hochschrecken ließ. "Da bist du ja endlich!" rief er erleichtert. Der Luchs schaute ihn prüfend an und lief eine Runde durch das Zimmer. Nachdem er alle Ecken beschnuppert hatte, nahm er seine menschliche Gestalt an. "Uff!" sagte Severus und reckte sich. Er trug noch immer das Damenkostüm und erinnerte vage an den Irrwicht. Langsam schälte er sich aus dem Rock und Remus erhaschte einen sehr erregenden Blick auf die Seidenstrümpfe und -dessous. "Uh." seufzte er. Severus warf ihm einen strafenden Blick zu und verschwand prompt im Bad. "Schade." murmelte Remus. Der Zaubertrankmeister tauchte kurz darauf wieder auf und trug Pyjamahose und Bademantel. Er vergrößerte ein Päckchen, dass er aus dem Handtäschchen holte. "Bücher?" fragte Remus erstaunt. "Taschenbuchwoche bei Waterstones." erklärte Severus mit einem ungeduldigen Seitenblick. "Wir können hier jede Abwechslung gebrauchen, nicht wahr?". Remus wühlte erfreut in den Remittenden. "Klasse." jubelte er leise. "Apropos Abwechslung. Rate mal, wo ich heute war?". Snape zuckte mit den Schultern. "Auf dem Mond?".
Remus schüttelte eifrig den Kopf. "Mit Hermione in Reading." Snape war auf einmal ganz Ohr. "Erzähl!" befahl er knapp und öffnete eine Flasche Wein. Und das tat Remus dann auch bereitwillig.
Snape unterbrach ihn nur selten, murmelte hin und wieder etwas Unverständliches und nickte öfter heftig mit dem Kopf. Als Remus fertig war, stand Severus auf und holte sich einen Whisky. "Der Pflegevater ist ein ziemlich schlichtes Gemüt und sehr von sich eingenommen?" fragte er von der Bar aus. Remus zuckte mit den Schultern. "Ich fand ihn nicht gerade symphatisch." meinte er, "Aber das kann auch an mir liegen..." Snape warf ihm ein Kissen an den Kopf. "Hör auf damit!" rief er Lupin zu. "Womit?" fragte der verdattert und fing das Kissen auf. "Herumzukriechen, jedermanns Freund sein wollen, immer freundlich, immer lieb! Du bist auch so jemand!". So schnell wie der Ausbruch gekommen war, so schnell war er auch verflogen. Remus hatte wieder einmal was zum Nachdenken. 'Ist das seine Meinung von mir? Bin ich wirklich so ein Schwachkopf? Und wenn ja, will er mich anders?'.
Snape hatte sich in die Ecke neben den großen Flügel gesetzt. Er stürzte seinen Whisky in einem Zug hinunter und atmete tief. "Gut." sagte er dann. "Gut. Wir haben: Hermione, die herumschnüffelt und womöglich denkt, ich sei ihr Dad. Und Potter, das arme schlichte Schäfchen, das sich bald sehr wundern wird. Und wir haben - äh - ein Zimmer, in dem wir gemeinsam wohnen." Er füllte den Whisky nach. "Alles was wir jetzt brauchen, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Also anders gesagt, Hermione muss eingeweiht werden und dann Potter und dann..." Er beendete den Satz nicht. 'Wir werden alle sterben.' dachte er.
Später lagen sie einträchtig auf dem Bett und versenkten sich in die Taschenbücher. Remus hatte sich noch nie groß für Muggelliteratur erwärmen können, seine Erfahrungen beschränkten sich auf die Klassiker. Jetzt erschloss sich ihm eine völlig andere Welt. Allerdings brauchte er sein lebendes Wörterbuch Snape um solche Sachen wie Fahrstuhl oder Kaufhaus zu verstehen. Severus war erstaunlicherweise sehr geduldig und unerhört fachkundig in Muggeldingen. "Wir sollten mal einen Ausflug in so ein 'Kaufhaus' machen." meinte Remus leichtfertig. "Du würdest wahrscheinlich ohnmächtig umfallen." antwortete Snape. "Es ist nicht so wie in der Winkelgasse. Gierige Hausfrauen werden dich umschubsen, junge Modeopfer werden mit Fingern auf dich zeigen, nein Remus, lass es lieber." Sie lachten beide laut und unbeschwert auf.
Remus las gerade den merkwürdigen Satz 'Sie liebten sich, bis ihre Hirne schmolzen' als ihm etwas klar wurde. Er klappte sein Buch zu. "Weisst du, was ich gerade dachte?". "Nur zu!". Lupin holte tief Luft und platzte schließlich heraus. "Wir machen uns die selben Sorgen, wir lachen über die gleichen Witze, glaubst du wir würden - mal angenommen es wäre kein Krieg - wir würden gut zusammenpassen? Als - Paar?". Snape hob den Kopf und sah ihn erstaunt an. Er versuchte etwas zu sagen, schien aber nicht zu wissen, was. "Ähem." begann er vorsichtig. "Ich ...". "Unsere gemeinsame Vergangenheit." stöhnte Lupin laut auf. "Und wenn es die nicht gäbe? Wenn wir uns unten im Keller das erste Mal getroffen hätten?". Snape setzte sich auf und stützte den Kopf in beide Hände. Nach langen Minuten hob er den Kopf wieder und antwortete kaum hörbar: "Unter Umständen.".
Diese Antwort hatte Remus nicht erwartet. Im Gegenteil sie schockierte ihn irgendwie. Hatte er wirklich richtig gehört? Snape gab zu, dass er ihm etwas bedeutete? Er war sprachlos. Aber nicht lange. Er wusste sehr wohl, dass Severus dieses Geständnis peinlich war und er ahnte bereits, wie er ihn davon ablenken konnte. Er setzte seine unverfänglichste Miene auf und fragte:" Könntest du, also - könntest du eventuell..." "Was?" bellte Snape. "Die Dessous noch mal " er holte tief Luft, "anziehen, eventuell?". Snapes Gesicht hellte sich auf, er grinste sogar anzüglich. "Kleines Ferkel." brummte er. Remus machte eine bettelnde Geste. Dann hob er die Hände wie zwei Vorderpfoten vor die Brust und hechelte. Snape hob besiegt die Hände und lachte. "Also gut." sagte er.
"Es sind nur welche von Victoria's Secret." erläuterte Severus. "Narcissa lässt ihre bekanntlich von talentierten Hauselfen mit der Hand klöppeln. Aber die Collection ist ungefähr gleich." Er hob den Zauberstab und murmelte "Pennae crescere!". Alsbald wuchsen ihm zwei beachtliche rabenschwarze Schwingen. Remus machte große Augen. "Das gehört zur Show." erklärte Severus. "Muggel machen das so." Remus schüttelte ungläubig den Kopf. So etwas hatte er bisher weder gesehen noch gehört. "Nummer eins." gab Snape bekannt. "French Knickers mit Hemdchen in lavendel." Er ließ noch ein paar Funken aus seinem Zauberstab sprühen und dann bewunderte Remus die teuren Stücke. "Phantastisch" flüsterte er. Lange blieb er nicht so leise und beim vorletzten Teil, einer Corsage in gryffindor-rot pfiff er laut durch die Finger. Er streckte beide Hände nach Severus aus, der entzog sich ihm aber geschickt und rief: "Schlussendlich, Ladies and Gentlemen! Die Brautdessous." Lupin war sprachlos. Es war ein schneeweißes, aufregendes Beinah-Nichts von atemberaubender Schönheit. Das die Sachen eigentlich an Frauenkörper gehörten, tat der Show keinen Abbruch. Lupin fragte sich, was er wohl früher an Damen und Mädchen gefunden habe. Er konnte sich diese Frage selbst nicht mehr beantworten. Er knurrte, erst leise, dann lauter und schließlich sprang er mit einem Satz auf sein Objekt der Begierde. "Pennae evanesco!" schrie Snape entsetzt und die Flügel verschwanden gerade noch rechtzeitig, bevor er ein paar wilden Werwolfküssen ausgesetzt wurde. Als sie sich schwer atmend trennten, schaute er Remus tief in die bernsteinfarbenen Augen. Je länger er darin forschte, um so mehr erkannte er die ehrlichen Absichten des Werwolfs. "Wir haben vielleicht beide nicht mehr lang zu leben." wisperte er. "Lass es solange dauern wie es dauert, Remus?". Lupin nickte, er konnte nicht sprechen aber Moony der Wolf heulte in ihm laut auf. Sorgfältig begann er sein Geschenk auszupacken. Schleifchen für Schleifchen, Haken für Haken öffnete er die Corsage und drückte massenhaft kleine Küsse auf die freiwerdende Haut. Severus schloss für einen Moment die Augen und ließ sich fallen. 'Können Gehirne wirklich schmelzen?' war Remus' letzter zusammenhängender Gedanke.
