Sie erwachte von einem dumpfen Schmerzgefühl in der Herzgegend, das sich schnell über den ganzen Körper ausbreitete. Kalter Schweiß lief ihr über den Rücken und ihre Hände zitterten. "Muss wohl eine Grippe sein." murmelte sie und stand auf, um sich in der Küche ein Glas Wasser zu holen.
Während sie sich nach unten schleppte, wurden die Schmerzen stärker und als sie in der Küche ankam, setzten die Stimmen ein. In ihrem Kopf schrie und kreischte es, es flüsterte und schnarrte. Hermione griff sich entsetzt an den Kopf und versuchte zu atmen. Die Stimmen schrieen zuerst durcheinander, sie konnte sie nicht verstehen. Dann plötzlich setzte Stille ein, ein unheimliche Stille. Hermione trank vorsichtig einen Schluck Wasser. Sie zitterte jetzt am ganzen Körper, so dass sie das Glas kaum halten konnte. Dann plötzlich begannen die Stimmen wieder! Diesmal waren sie deutlich zu verstehen. "Du wirst gehorchen." schrieen sie. "Du kannst nicht entkommen, keiner kann dir helfen, du gehörst uns." Das wiederholten sie ein paarmal. Hermione krümmte sich vor Schmerzen. "Töten! Töten!" raunten die Stimmen, mal sanft, mal aggressiv. "Wir werden dich belohnen." raunten sie. "Du wirst keine Schmerzen mehr haben, wenn du nur gehorchst." Hermione lag zusammengekrümmt auf der Diele. Sie hatte sich in dem untauglichen Versuch, die Stimmen zu stoppen, das Gesicht zerkratzt. Kraftlos wimmernd lag sie da. Die Tränen liefen ihr über das Gesicht, sie glaubte zu sterben und irgendwie wünschte sie sich, dass alles schon vorbei wäre. Ein kleiner brauner Käfer kabbelte aus ihrem Haar. Sie schaute apathisch zu, wie er über die Holzdiele lief. Plötzlich schoss Tinte aus seinem kleinen Rüssel und mit geschickten Bewegungen malte er ein Zeichen auf das Holz. "Beta 4" las Hermione unwillkürlich laut. Der Käfer zerstob zu weißem Staub. Hermione stand auf und ging zum Küchenschrank. Der Schmerz hatte plötzlich aufgehört.
Severus starrte an die Decke. 'Zum Schluss war es ganz einfach. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet Lupin mich aus meinem Teufelskreis holen könnte?' Er schaute hinüber. Remus schlief schon fest und tief. Sein Gesicht war entspannt, ein Mann, der mit sich völlig im Reinen war. 'Beneidenswert.' dachte Snape. Dann schloss auch er die Augen.
Sein nervöser Schlummer wurde schon bald gestört. Er glaubte, etwas gehört zu haben, konnte es aber nicht einordnen. Er öffnete vorsichtig die Augen und sah sich im Zimmer um. Nichts. Eine Straßenlaterne schickte einen schwachen Lichtstrahl in das Zimmer. Draußen bellte ein Hund. Da! Severus nahm eine Bewegung im dunklen Teil des Zimmers war. Metall blitzte. Er riss Remus vom Bett und zog die Matratze gleichzeitig nach, so dass sie geschützt dahinter lagen. "Wa?" murmelte Lupin entsetzt. Da fuhr mit einem lauten "Plonk!" ein großes Küchenmesser in den Bettpfosten. Die Wolken gaben den Mond frei und vor ihnen stand Hermione im fahlen Licht, die Haare zerzaust, das Gesicht leichenblass, die Augen glasig. Snape fluchte leise. Sein Zauberstab war sonst wohin gerollt und er war zwischen Bett und Lupin eingeklemmt. Hermione sah sich ruhig im Zimmer um. "Töten." sagte sie.
"Sehr eloquent, Miss Granger." schnarrte Snape aus reiner Gewohnheit und drängelte sich aus der Nische. "Beta 0, Omega." sagte er zu Hermione, die in die Wirklichkeit zurückschnappte und als erstes einen nackten, dürren Mann vor sich sah. Als ihr Gehirn den nackten Mann zuordnete, kreischte sie "Um Himmelswillen, Professor Snape!". Snape wurde sein Zustand nun auch bewusst und er bedeckte sich notdürftig mit einem Kopfkissen. "Schreien Sie nicht so, Granger, Sie wecken ja das ganze Haus auf." zischte er. Inzwischen tauchte auch Remus auf, der das Bettuch wie eine römische Toga um seinen Leib gewickelt hatte. "Hermione, bleib ruhig und setze dich bitte." sagte er mitfühlend. Hermione nickte schwach und ließ sich in den Sessel fallen.
"Was soll das alles?" fragte sie und nahm dankbar das Wasserglas, das ihr Remus reichte. "Was geht hier vor?". Snape, inzwischen wieder im Schlafanzug, wies auf das Messer im Bettpfosten. "Die Frage ist eher, was wollten Sie mit dem Messer?". Hermione griff sich an die Stirn. Als sie ihre Hand ansah, war sie blutig. "Was?" flüsterte sie verstört. Snape nahm sie näher in Augenschein. "Zerkratzt." sagte er. Er gab ihr ein Taschentuch. "Wie ist es dazu gekommen?" fragte er und wies auf ihren Kopf. "Ich hatte Schmerzen. Dann war ich in der Küche. Und dann..." sie brach ab. Snape ging an ein Wandschränkchen und holte eine Flasche heraus. Er öffnete den Verschluss und schnupperte. Er nickte und gab ein paar Tropfen von dem Zeug in Hermiones Wasser. "Zur Beruhigung." sagte er erklärend. Sich selbst und Remus schenkte er einen großen Feuerwhisky ein. Hermione ihrerseits hatte auch Fragen. "Wie kommen Sie hierher? Wie können sie es wagen..." Sie erinnerte sich plötzlich, dass Snape ja ein gesuchter Mörder war. Snape winkte nur ab. "Geschenkt." antwortete er. "Mrs. Blacks Porträt war so freundlich..." "Remus!" schrie Hermione. "Wenn er nun die Todesser hereinlässt! Warum tust du nichts?". Remus seufzte. Schlaftrunken wie er war, konnte er das Geschrei ganz schlecht vertragen. "Pst." sagte er. "Professor Snape ist einer von uns. Du wirst es noch erfahren, ich nehme an, er wird dir jetzt alles erklären. Punkt". Damit setzte er sich wieder auf das Sofa und nahm einen großen Schluck aus seinem Glas. Hermione wandte sich fragend an Snape. "Und?" sagte sie spitz.
Snape stieß einen tiefen Seufzer aus. "Gut." sagte er schließlich und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. "Ich schlage vor, Sie nehmen sich auch einen Whisky und machen sich auf alles gefasst. Ich nehme an, Sie haben bereits Vermutungen?". Hermione setzte sich gerade hin und richtete ihren Zeigefinger auf Snape. "Sie sind mein Vater!". erklärte sie selbstbewusst und sah sich beifallsheischend um. Sie erlebte ein Überraschung. Snape warf den Kopf zurück und lachte brüllend. Hermione zupfte beleidigt an ihren Haaren. Severus wischte sich ein Paar Tränen ab und sagte: "Entschuldigung. Das war zu komisch. Nein, Hermione, ich bin nicht dein Vater. Dein Vater ist... Wo ist er eigentlich, wenn man ihn braucht?" rief er in den Raum. Der bläulich-graue Geist von Regulus erschien prompt genau über dem Tisch. "Das ist dein Vater." erklärte Severus und wies auf die Erscheinung. "Allerdings hast du mehr Zeit mit Severus verbracht als mit mir." ergänzte Regulus sanft. "Er ist dein Pate, übrigens." Hermione verfolgte das Gespräch wie ein Ping-Pong-Spiel. Dann nahm sie einen Schluck Whisky. "Ja." erklärte Severus trocken. "So ist es." "Ich bin eine Black." murmelte Hermione. "Ich bin die Großcousine von Bellatrix Lestrange und Narcissa Malfoy. Ich bin die Nichte von Sir...". Sie brach an dieser Stelle ab, Severus war ihr dankbar dafür. Regulus druckste eine Weile herum, ehe er sich wieder in das Gespräch einklinkte. "Deine Mutter und ich, wir waren gar kein richtiges Liebespaar. Es war nur..." er machte eine hilflose Handbewegung in Richtung Snape. "Florence wollte uns von unserer 'Neigung' heilen." erklärte Snape ungerührt. "Sie glaubte, wenn wir erstmal mit einer Frau geschlafen hätten, würden wir 'normal'. Danach glaubte sie das nicht mehr. Sensationellerweise blieben wir befreundet. Die Zeiten waren lockerer damals, glaube ich." Snape nahm noch einen Schluck und schaute erwartungsvoll in die Runde.
"Nachdem das nun geklärt ist..." begann er und Hermiones Blick schoss sofort wieder auf ihn zu. "Nachdem das nun geklärt ist..." wiederholte sie bissig, "Möchte ich schon ganz gerne wissen, wieso Professor Dumbledore sterben musste!". Sie schoss einen eisigen Blick auf ihren ehemaligen Zaubertranklehrer. "Ach das." murmelte Severus, der dieses Kapitel am Vorabend für sich gerade abgeschlossen hatte. "Ach das!" kreischte Hermione. "Das war wohl alles weiter nichts, oder wie?". Severus hob abwehrend die Hände. "Hör auf zu kreischen und schenke mir ein paar Momente deiner werten Aufmerksamkeit." schrie er. Hermione verstummte und guckte ihn zickig an. Snape glitt hinüber zum Schrank und wühlte eine Weile darin. "Aha." hörte man ihn kurz darauf und er kam mit einem Denkarium zurück. Er ließ einen ganzen Erinnerungsstrom hineingleiten und machte eine einladende Handbewegung. "Nach Ihnen." sagte er und winkte Remus, ihn zu begleiten.
Die ersten Erinnerunge stammten aus Hermiones Babyzeit. Sie begannen mit der völlig durchnässten Florence Wilkes, die mit dem Baby auf dem Arm an Snapes Tür klopfte - eine kleine Kellerwohnung im Norden von Muggel-London - und bei ihm einzog. Aus Gesprächsfetzen erfuhr Hermione, dass ihre Mutter von ihren Eltern aus dem Haus gewiesen wurde, weil sie sich weigerte, den Vater des Kindes anzugeben. Die alten Herrschaften vermuteten Muggelblut. Dann folgten ein paar kurze Szenen, wie auf einem 8mm-Film. Severus, umgeben von Büchern bei seiner Prüfungsvorbereitung, abwesend die Wiege von Hermione schaukelnd und mit der anderen Hand eine komplexe Formel auf das Pergament kritzelnd, Hermione und Severus während einer Windpockenattacke, beide rotgetupft aber fröhlich. Ein weiterer Erinnerungsstrang zeigte die Vorbereitung eines Festes, wo Severus auf einem Stuhl saß und Cello spielte, während Hermione auf ihn zutappte und ihn so lange am Hosenbein zupfte, bis er sie hochnahm und mitspielen ließ. Severus ohnmächtiger Zorn, als er erfuhr, dass seine Freundin tot und ihr Kind verschwunden war. Schließlich - Dumbledore und seine bizarren Ideen, Snapes Erkenntnisse in Bulgarien und seine Forschungen in den Archiven des dunklen Lords.
Sie tauchten atemlos aus der Tiefe des Denkariums wieder auf. Hermione war in Tränen aufgelöst. "Diese Bastarde." schluchzte sie. "Sie haben unser Leben genommen und damit gespielt als wären wir irgendwelche - Marionetten! Weiss Harry davon?". "Noch nicht." sagte Remus sorgenvoll. "Er muss es erfahren! Sofort!". Severus klopfte auf den Platz neben sich auf dem Sofa. "Warte Hermione." sagte er. Sie setzte sich und legte ihren Kopf an seine Schulter. Sie weinte wieder. "Wir müssen erst deinen Kopf klarkriegen." sagte er und strich ihr übers Haar. "Wir müssen das Programm brechen, das verstehst du doch.". "Wie?" schluchzte sie. "Wie?". Severus presste die Lippen fest zusammen. Er war weiß wie eine Wand. "Ich muss rein." sagte er schließlich. "Ich habe viel darüber gelesen und weiss im Prinzip wie es funktioniert. Wenn wir erstmal einen Teilerfolg haben, können wir dann mit Harry leichter umgehen. Es könnte schmerzhaft sein." stellte er fest. Hermione nickte. "Ich weiß." sagte sie. "Es wird die Hölle sein. Aber ich will es unbedingt. Ich möchte keine Bombe sein, die irgendwann hochgeht."
