Als der Morgen dämmerte, sass Hermione mit einer Tasse starken Kaffees in der Küche. Vor ihr lagen die Aufzeichnungen der letzten Nacht. Sie hatten sich die Geschehnisse in der Küche im Denkarium noch einmal gemeinsam angesehen. Wieder und wieder bis zur Erschöpfung. Dann schließlich, als sie schon aufgeben wollten, hatte Hermione den kleinen Käfer bemerkt. Die entscheidende Erinnerung hatte sich offenbar von selbst gelöscht, aber der Käfer war auffällig. Wieder am Tisch zeichneten sie das Tier auf ein Pergament und begannen in der Enzyklopädie der magischen Wesen danach zu forschen. "Es ist eine Scriberius magicus, ein magischer Schreibrüssler." sagte Remus. "Ein Käfer, der früher zur Übermittlung von geheimen Botschaften benutzt wurde. Ein Art lebender Kassiber sozusagen. Diese Tierchen können sich bis zu zwanzig Worte merken und mittels einer Körperflüssigkeit, die an Tinte erinnert, an die Wand spritzen oder auf den Boden pinseln. Interessante Viecher, aber leider sind Besitz und Zucht in England nicht erlaubt." Er zeigte ihnen die entsprechende Seite. "Hm." brummte Severus. "Alles klar. In Russland sind diese Tierchen sehr verbreitet. In Durmstrang hatte man lange Zeit Probleme, weil die lieben Kinderchen die Käfer als Spickzettel benutzten. Igor - Karkaroff hat mal einem Schüler zwölf solche Käfer abgenommen." Hermione grinste. "Was ist dann passiert?" fragte sie. "Was wohl. Er musste die Käfer lebendig aufessen." erwiderte Severus schulterzuckend. Hermione schüttelte sich.
Nun sass sie allein in der Küche und dachte an die bevorstehende Prozedur. Severus hatte ihr nichts verheimlicht und sie war ihm auch dankbar dafür. Trotzdem wünschte sie, sie wäre weit weg und überhaupt jemand anderes. Es würde sicherlich weh tun und extrem gefährlich sein. Sie könnte dabei sterben. Severus könnte dabei sterben. Er könnte für immer in ihrem Geist gefangen sein. Sie schaute noch einmal nervös auf die Papiere, dann verkleinerte sie die Notizen und versteckte sie in ihrem Medaillon. Seltsam. Vor vier Stunden war Professor Snape verschwunden und Severus hatte seinen Platz eingenommen. Ihr Patenonkel. Sie schüttelte den Kopf und lachte leise. Gleich würden die Jungs aufstehen und dann würde sie wieder einmal das fröhliche junge Mädchen spielen und heimlich auf den Abend warten.
Harry und Ron kamen bald darauf die Treppe heruntergepoltert. Sie waren glänzender Laune und hungrig. Hermione deckte schnell den Tisch und versorgte die zwei mit Toast, Marmelade und Rührei. Remus' Luchs sprang auf die Bank neben Harry und sah sie erwartungsvoll an. 'Moment.' dachte sie 'Remus' Luchs?'. Sie schaute sich das Tier etwa genauer an und füllte nebenbei seinen Napf. Der Luchs zuckte vielsagend mit den Ohren. Plötzlich lächelte Hermione und stellte ihm sein Frühstück hin. Sie kraulte ihn sogar ein wenig. "Das ist neu." stellte Harry fest. "Du kraulst den Luchs?". "Ja." sagte sie. "Wir haben uns ein wenig angefreundet.". "Hm." nuschelte Ron. "Wurde auch Zeit." "Das kannst du laut sagen." erwiderte Hermione und begann mit neuem Mut zu essen.
Sie vertrieben sich den Vormittag mit Lesen und Schachspielen. Hermione schrieb einen Brief an Neville und Luna, die beide wieder zu Augusta gezogen waren. "Bin gespannt, wie Luna mit der Oma zurecht kommt." sinnierte Hermione. Ron und Harry stießen sich gegenseitig in die Rippen und kicherten. Hermione grinste auch. Sie konnte sich da alles vorstellen. "Entweder Oma ist schon wahnsinnig oder Luna." japste Ron. Tonks und Shacklebolt kamen herein. Der großgewachsene Auror hatte eine gräuliche Gesichtsfarbe und schien zutiefst verstört. Tonks kaute an ihren Fingernägeln, verweigerte aber jegliche Auskunft. Die beiden verschwanden schnellstmöglich nach oben. "Komisch." sagte Harry. "Ich vermute einen Zusammenprall mit besonders fiesen Todessern. Snape vielleicht?". Hermione winkte ab. "Ich tippe auf Darmgrippe." erwiderte sie leichthin. "So riesig sind die Unterschiede aber nicht." erklärte Ron mit fester Stimme. Sie gab ihm eine Kopfnuss. "Wofür das denn?" protestierte er.
Hermione seufzte und schaute auf die Uhr. Noch sieben Stunden! Sie nahm ihre Studierunterlagen und begann zu arbeiten. Nur nicht Fingernägelkauen wie Tonks!
Für Remus verstrich die Zeit bedeutend schneller. Er arbeitete hart an den Vorbereitungen für die Deprogrammierung. Severus hatte ihm zwei Bücher und genaue Instruktionen hinterlassen. Remus sah dem Abend mit gemischen Gefühlen entgegen. Einerseits konnte er endlich seine Meisterschaft in der VgdK beweisen, andererseits konnte aber auch alles schlimm in die Hose gehen. 'Ruhig Blut!' hatte Severus befohlen und Remus setzte alles daran, diesen recht vagen Befehl umzusetzen. Gegen Mittag erschien der Luchs und verwandelte sich sofort. Severus inspizierte die Vorbereitungen wie ein General seine Truppen. "Ah!" rief er. "Grossartig." Remus streckte sich zuversichtlich. "Was machen wir nun?" fragte er. "Warten." erwiderte Snape. "Ausruhen, meditieren, fummeln." "In dieser Reihenfolge?" fragte Remus spitzbübisch. "Nein. Wir fangen denke ich mit dem Fummeln an." kam die prompte Antwort.
Die Meditation erwies sich als schwieriger. Remus versuchte verzweifelt an 'nichts' zu denken. Leider verformte sich das 'nichts' immer wieder in Snapes Hinterteil. Er zuckte mit den Schultern und versuchte es erneut. Schließlich klappte es annähernd. "Wir arbeiten als Duo." erklärte Snape. "Ich dringe in Hermiones Unterbewusstsein ein und versuche die Blockaden zu lösen. Du hingegen bleibst am Monitor und holst mich zurück, wenn irgendetwas nicht klappt. Kann sein, dass wir ein paar Versuche brauchen." Remus blickte auf die schräge Apparatur auf dem Tisch. "Wie erkenne ich die Schwierigkeiten, kann ich dich sehen?" fragte er und wies auf die Glaskugel, die friedlich vor sich hin schimmerte. "Ja. Die Glaskugel zeigt an, was drinnen passiert. Der äh dunkle Lord benutzt solche Sachen für Verhöre. Die Auroren auch." setzte Severus nach kurzem Überlegen hinzu. Remus fragte nicht, woher er das Ding hatte. Es spielte nun auch keine Rolle mehr.
Am frühen Nachmittag verschwand Severus für ein paar bange Minuten. Als er zurück kam, hatte er einen äußerst zufriedenen Gesichtsausdruck. Ja, er pfiff sogar leise. "Was ist?" fragte Lupin leicht nervös. "Der innere Kreis hat den Selbständigkeitsvirus." erwiderte Snape und grinste vielsagend. "Lucius hat ein Treffen arrangiert und das ist zu unseren Gunsten ausgegangen." Weiter ließ er sich nicht darüber aus. Er zeigte Lupin nur die Daumen-hoch-Geste und meinte: "Hab' Vertrauen." Remus fiel es schwer zu Leuten wie Malfoy, Goyle oder gar Bellatrix Lestrange Vertrauen zu entwickeln, aber er ließ es durchgehen. Noch zwei Stunden...
Hermione schlich sich nach dem Abendessen in Remus' Zimmer. Sie sah sich um und betrachtete interessiert die magischen Apparate. "Ein Feindglas?" fragte sie, als sie die Glaskugel erblickte. "So ähnlich. Ein Mind-Monitor." erklärte Severus. "Wir versetzen dich in Trance und dann schleiche ich mich in dein Unterbewusstsein." "So einfach?" fragte sie. "Das kann ich nicht glauben." "Na, ganz so einfach ist das nicht, wir müssen aufpassen wie die äh Luchse, damit nichts schiefläuft. Aber ich bin guten Mutes, Remus ist ein Fachmann, du bist auch nicht gerade unbegabt..." Hermione warf ihm einen strafenden Blick zu. Er hob beide Hände.
"Leider müssen wir dich festbinden." ergänzte er noch. Sie stöhnte lauf auf. "Tu so als wäre es eine Operation." riet Snape. Sie nickte beklommen. Dann legte sie sich auf das große Bett und ließ sich anbinden. Severus fühlte ihren Puls und nickte. Dann gab er ihr einen Trank, zog er ein Pendel hervor und begann: "Schau nur auf das Pendel." Hermione holte tief Luft. "Sprich mit mir." bat sie. "Worüber denn?" Hermione schnaufte missbilligend. "Egal. Wie war das so als Patenonkel?" "Unbequem." "Wie bitte?"
Severus seufzte. "Ich bin nicht gerade ein großer Kinderfreund." gestand er. "Das überrascht mich jetzt aber." "Haha! Florence kam mit dir hereingeschneit, als ich gerade mitten in den Aufnahmeprüfungen steckte. Ich möchte dich mal sehen..." "Schon gut." "Aber wer kann einem Bäbie schon wiederstehen." Er sprach das Wort Baby aus als sei es eine Krankheit. "Und schließlich haben wir uns tatsächlich angefreundet. Was dich nicht davon abhielt mich mit Spinat zu bespucken. Wir waren alle etwas überfordert zu der Zeit." Hermione fielen langsam die Augen zu. Severus plauderte noch eine Weile mit Hermione, Remus hielt sich im Hintergrund. Sie fragte ihn über das Zaubertrankstudium aus und über Italien. Schließlich wurden ihre Augen glasig und sie versank immer tiefer in Trance. Ihr Atem wurde ruhig und gleichmäßig und ihr Körper wurde schlaff. "Jetzt." flüsterte Severus. Remus setzte sich an die Monitorkugel und nickte ihm zu. "Viel Glück." flüsterte er.
"Ingredior mentis" flüsterte Severus und setzte sich auf den Rand des Bettes. Es dauerte ungefähr eine Minute, dann fiel er nach hinten. Auf dem Monitor erschien ein dunkler Korridor. Remus beobachtete fasziniert, wie ein Miniatur-Severus durch den Korridor schlich und an allen Türen rüttelte. Viele gingen ganz leicht auf und zeigten verschiedene Bildcollagen von Hermiones Erlebnissen. Remus erhaschte einen Blick auf ein Quidditch-Spiel und sah wie Hermione den schönen, teuren Wintermantel von Professor Snape in Band setzte. Er sah sie auf dem Zahnarztstuhl bei den Grangers und ihre Sortierung in Hogwarts. Severus kam schließlich an eine Tür, die einen fremdartigen Schriftzug trug. Er drehte sich um und nickte in Remus' Richtung. Der Werwolf setzte sich gerade hin und umklammerte seinen Zauberstab. Er spürte, wie ihm der Schweiß über den Rücken lief. Severus indes rüttelte vorsichtig an der Tür. Hermione stöhnte laut auf. Die Tür begann grünlich zu leuchten. Snape schwenkte den Zauberstab und sagte etwas. Ein lautes Grollen ertönte. Hermione auf dem Bett zuckte zusammen und wimmerte leise. Snape hatte die Tür einen Spalt breit offen, als ein rötlicher Rauch hervorquoll.
Er wich einen kleinen Schritt zurück. Plötzlich flog die Tür auf und eine Schar von Dementorähnlichen Geschöpfen schwebte auf Snape zu. Remus hielt den Atem an. "Expecto Patronum." flüsterte er heiser und sah zu seiner großen Freude einen Wolf auf die Ungeheuer zulaufen. Snape hatte offenbar die gleiche Idee. "Expecto Patronum." rief er und sein Patronus erschien. Es war kein Rabe, Drache oder Luchs, sondern ein einfacher Mann. Remus staunte nicht schlecht, als der Patronus von Snape eine Kettensäge hervorholte und die Tür einfach zertrümmerte.
Die Dementorenähnlichen kreischten vor Schmerz und Angst laut auf und zerfielen zu Staub. Aus Hermiones Mund kam bläulicher Rauch. Der Patronus von Snape und der Wolf von Remus gingen den ganzen Korridor ab und zerstörten systematisch Tür für Tür, die mit den magischen Zeichen gekennzeichnet waren. Hermione zuckte ein paarmal heftig und nach einem bangen Moment hörte der Rauch auf. Remus atmete auf und prüfte den Puls von Hermione und dann den von Snape alles normal. Das Mädchen öffnete kurz darauf die Augen. Sie hustete. In diesem Moment kam auch Snape wieder zu Bewusstsein. "Wasser." krächzte er. Remus beeilte sich, dem Wunsch nachzukommen. Snape trank gierig. "Dein Patronus." flüsterte Lupin, "Was oder wer ist das denn?". Snape öffnete seine Augen und schaute ihn verwundert an. "Mein Papa." sagte er. Dann wurde er wieder ohnmächtig.
