Die Nacht war wie aus dunkelblauer Seide, ein platinfarbener Halbmond und die dazugehörigen Sterne schmückten den Himmel. Laut zirpten die Grillen, die Luft roch nach Orangen und allerlei süßen Blüten. Sanft plätscherte der Springbrunnen im Innenhof der maurischen Villa. Nach und nach apparierten mit mehr oder weniger leisen Plopp-Geräuschen dunkle, vermummte Gestalten in den Hof. Ein verschwiegener Diener wies sie in das Innere des prächtigen Hauses.
"Verdammich, Goyle, das ist mal eine Bude!" hörte man eine leise, heisere Stimme sagen. "Schnauze, Crabbe." raunzte der Angesprochene. Sie folgten dem Diener in einen mit herrlichen Mosaiken geschmückten Saal und nahmen wie die anderen Besucher auf einem der Sofas Platz. Diener brachten Getränke und Gebäck. Goyle hob den Whisky maroccaine prüfend ans Licht. "Das ist ja gar kein Schnaps!" raunte er enttäuscht. "Später." zischte Lucius. Immer mehr Besucher füllten den Saal, alle in den traditionellen Kapuzenmänteln der Todesser. Schließlich ebbte der Strom ab und es trat Ruhe ein.
"Hallo, Freunde!" begrüßte der Herr des Hauses seine Gäste. "Wir sind heute hier zusammengekommen, um meine Freilassung zu feiern und etwas äußerst Wichtiges zu besprechen!". Die Gäste murmelten leise und aufgeregt. Lucius hob die Hand. Sie verstummten. "Ihr werdet euch vielleicht wundern, dass einige treue Todesser heute fehlen. Die Herrschaften der Spätrekrutierungen aus der Mongolei zum Beispiel!" Seine Stimme war bei den letzten Wörtern laut und zornig gewesen. Die Todesser raunten erregt und einer pfiff gellend durch die Finger. "Genau meine Meinung MacNair!" bekräftigte Lucius. "Wo ist eigentlich Snape?" wunderte sich Bellatrix laut. Keiner antwortete. Sie schauten sich gegenseitig an und zuckten mit den Schultern. "Und Pettigrew?" fragte Rabastan Lestrange. "Oh." meldete sich Goyle zu Wort. "Wurmschwanz ist angeblich von einem Auftrag nicht zurückgekommen. Vermutlich tot." setzte er gleichmütig hinzu. Goyle nahm noch einen Schluck von seinem Pfefferminztee und sah herausfordernd in die Runde. "Snape ist nicht hier? Wohl beim dunklen Lord?" Bellatrix lachte schrill. "Er darf jetzt sicher in seinem Bettchen schlafen, aus seinem Becherchen trinken und von seinem Tellerchen essen." höhnte sie. Lucius brachte sie mit einem eisigen Blick zum Schweigen. "Severus wird hier nicht diskutiert. Er ist anderswo am Wirken und du vor allem, wirst ihm einmal sehr dankbar sein." "Und umgekehrt." flüsterte Bellatrix pikiert.
"Meine Frage an euch ist heute eine andere: Wie seid ihr denn mit eurem Leben zufrieden?" warf Lucius mit einem feldherrenmäßigen Blick in die Runde. Der Raum erfüllte sich mit Gegrummel und hin und wieder war auch eine offene Mißfallensbekundung dabei. "Dachte ich mir." sagte Lucius zufrieden. "Ich nämlich auch. Wisst ihr, was mir in Askaban so auf- und eingefallen ist? Seit hmpfzig Jahren kämpfen wir gegen Schlammblüter und Muggels und was? Werden sie etwa weniger? Oder schwächer? Oder haben sie etwa Angst vor uns? Nein! Ich bin Geschäftsmann, Leute, ich will das was rauskommt, wenn ich etwas anfange! Und dann dieser Potter! Herrje! Dann lasst ihn doch! Er ist unfähig!"
Die Todesser schauten sich an, rührten in ihrem Tee und brummten. Schließlich sprach MacNair. "Ich würde schon ganz gern mal was anderes machen." knurrte er. "Was?" fragte Bellatrix interessiert. "Ich würde gerne eine Wizards Wrestling Liga gründen." antwortete MacNair und begann zu erklären, was er sich darunter vorstellte. "So mit Schlammringkampf für Hexen und so. Ich würde mich 'Knochenbrecher' nennen und mit kloppen." Bellatrix war beeindruckt.
"Ich würde gerne ein Vielsaftbordell eröffnen." erklärte Rabastan. "Ein bitte was?" Lucius war überrumpelt. "Viel-saft-bordell." wiederholte Lestrange. "Ein paar Gehilfen sammeln Haare von Prominenten, der Kunde wählt im Katalog aus, wen er bumsen will und ich verkaufe eine alte, hässliche Hexe..." hier warf er einen heimlichen Blick auf seine Schwägerin, "und gebe ihr den Trank und wupp! hat er einen Prominentenfick." Er schaute sich beifallsheischend um. "Wow!" kam es anerkennend aus allen Ecken. "Hast du auch was vor, Crabbe?" fragte Bellatrix fasziniert. "Schutzgeld würde ich kassieren." erklärte dieser ganz ernst. "Bei den vielen Todessern..." Lucius lachte.
Alle wandten sich ihm zu. "Und du?" fragten sie fast gleichzeitig. "Mit Krieg und Terror kann man die Muggel nicht mehr erschrecken." begann Lucius. "Das können die selbst viel besser. Aber man kann sie beschäftigen und dadurch besser kontrollieren. Man kann ihnen Wünsche vorgaukeln, die sei sonst niemals hätten. Mit Seifenopern, Hitparaden und Quizshows. Ich möchte ein Medienmogul sein." Majestätisch blickte er auf seine Komplizen. Narcissa, die eben mit einem neuen Tablett Häppchen hereinkam, stieß einen Schrei des Entzückens aus. "Ich werde Designerroben entwerfen. Und Gimmicks." jubelte sie. Bellatrix hielt sich die Augen zu.
Dann kam sie auf den Boden der Tatsachen zurück. "Dazu müsste der dunkle Lord aber ..." sie vollendete den Satz nicht. "Ja." erwiderte Lucius und schaute ihr fest in die Augen. "Aufwand - Nutzen - Rechnung, meine liebe Schwägerin." Bellatrix schluckte und nickte. "Ich könnte Klingeltöne für die Kamine verschleudern, das ist jetzt total in." gab sie zu. "Du bist also dabei?" fragte MacNair. "Wobei?" flüsterte sie. "Beim Sturz von Lord V. natürlich." half ihr Rabastan auf die Sprünge. Sie dachte nach. Sie sah ihre Zelle in Askaban vor sich. Da wollte sie nie wieder hin. "Also gut." antwortete sie. "Wenn ich was davon habe." ergänzte sie mit einem Seitenblick auf Narcissa.
"Aber natürlich. Alle haben etwas davon. Du bekommst eine Talkshow." erläuterte Lucius. "Und nun zu meinem Plan..."
Severus Snape erwachte im fernen England mit einem lauten, angstvollen Schnarcher. Sofort war Remus an seiner Seite. Mit einem weichen Baumwolltuch, das mit einem Zaubertrank befeuchet war, tupfte er den gelblichen Grind von den Augen seines Freundes. Severus stöhnte leise. Aus seiner Nase floss ein schmales Rinnsal grünlichen Schleimes. "Lupin." röchelte er. "Du bist so praktisch." Remus lächelte in sich hinein. "Damit habe ich beinahe den Status einer Ehefrau in einer arrangierten Beziehung." flüsterte er. "Aber ich kann nicht kochen." Snape röchelte wieder.
Schließlich gelang es ihm, seine Augen zu öffnen. Sein Blick war ausdruckslos und Lupin packte erneut die Angst. 'Er wird doch nicht?' fragte er sich besorgt. Aber Snape machte nur eine müde Handbewegung zu der kleinen Flasche auf dem Nachttisch. Lupin setzte sie ihm ohne Zögern an die Lippen. Vorsichtig schlürfte der Zaubertrankmeister seine Medizin. Eine halbe Stunde später flüsterte er: "Mit Hermione alles in Ordnung?". "Ja." antwortete Remus freudig. "Sie kommt nach dem Frühstück vorbei." Severus schloss kurz die Augen und bekannte dann: "Mir graut es vor Potter.". "Mir auch." gab Remus zu. "Wie sollen wir ihn nur dazu bringen, uns zu vertrauen?" Severus hatte darauf keine Antwort. Er bedeckte seine Augen wieder mit dem Tuch und versuchte zu schlafen.
Hermione Granger saß in ihrem Zimmer und starrte in den Spiegel. Sie versuchte zu ergründen, ob sich etwas für sie verändert hatte. Eigentlich nicht. Der Spiegel versuchte sie aufzuheitern. "Madame sehen heute grandios aus." sagte er. "Halt die Klappe!" erwiderte sie unwirsch.
Auch Hermione wusste nicht, wie sie das Ganze ihrem Freund Harry beibringen sollte. "Notfalls mit Gewalt." sagte sie in das leere Zimmer.
Snape erholte sich im Laufe des Nachmittags langsam. Abends konnte er wieder etwas essen und auch wieder aufrecht sitzen. "War kein Spaziergang." meinte Remus besorgt. "Nein, ganz sicher nicht. Bei Potter musst du mit." erwiderte der Zaubertrankmeister. Lupin nickte. "Wir sollten sobald wie möglich mit dem Training anfangen. Den Monitor muss dann Hermione übernehmen. Ich fürchte das Schlimmste. Die Technik bei Hermione war relativ harmlos."
"Willst du damit sagen, dass Voldemorts Kohorten nicht ganz so fortgeschritten sind wie beispielsweise Dumbledore?" Snape nickte müde. "Er hat immerhin einen Meistergrad in magischer Psychologie, wenn dir das was sagt." "Hmm." machte Lupin. Dieser Zweig der Magie war nicht sehr beliebt, immerhin hatten die magischen Psychologen den Imperius erfunden und verfeinert. Sie wurden nur im Flüsterton erwähnt. "Es gibt auch andere Möglichkeiten, Menschen psychisch fertig zu machen." bemerkte Snape düster. "Schau' dir bei Gelegenheit mal die Muggels an." Remus schauerte. Er wechselte flugs das Thema. "Ich dachte immer, du und dein Daddy und..." er suchte nach den geeigneten, sensiblen Worten. "Das du eine unglückliche Kindheit hattest." sprudelte er schließlich hervor. "Sagt wer?" Remus druckste einen Moment und bekannte dann "Harry Potter." Snape lachte rauh auf. "Harry Potter, der Fachmann für glückliche Kindheiten?". Dann winkte er nur ab und drehte sich auf die andere Seite. Remus stellte erstaunt fest, dass er fast sofort eingeschlafen war. Er schüttelte den Kopf und begann wieder zu lesen.
Als Severus fünf war, betete er jeden Abend. "Lieber Gott, mach', dass ich kein Zauberer bin." Damals kannte er die Zauberer und Hexen in seiner Verwandtschaft nur vom Hörensagen und war sich sicher, dass sie ihn fortschaffen würden. Jedenfalls stellte er sich das so vor. Er hatte diesen Satz aufgeschnappt. "Sie werden ihn reklamieren." hatte sein Vater einmal abends zu seiner Mutter gesagt. Severus hatte das gehört. Erst viele Jahre später begriff er, dass sein Vater gesagt hatte: "Sie werden ihn für sich reklamieren."
Reklamieren tat man, wenn etwas kaputt war. Severus wusste das, er war dabei als seine Mum den Wecker zurückbrachte, der nicht klingeln konnte. War er auch kaputt? Was wollten die unbekannten Zauberer, über die Mum und Dad abends redeten? Er betete vorsichtshalber. Großmama Hattie meinte jedenfalls, das hülfe immer.
Der liebe Gott hatte am Donnerstag morgen wohl keine Zeit für Severus gehabt. An diesem regnerischen Donnerstag machte sich die Magie bemerkbar. Mum war unterwegs und hatte ihm eingeschärft - wie immer eigentlich - "mach' die Tür nicht auf, egal wer klopft und spiel nicht mit Streichhölzern und du weisst ja 'Messer, Gabel, Scher' und Licht..."
Severus hatte nur genickt und sich wieder seinem Malbuch zugewandt. Mum ging vormittags hinüber zu den 'Leuten', um ihnen wahrzusagen. Keine große Sache, die reichen Witwen auf der anderen Flußseite waren froh, wenn sie mal eine Abwechslung hatten. Severus wurde manchmal mitgenommen, aber er interessierte sich nicht dafür. Ihn interessierten die tollen Villen, die seltsamen Haustiere und die blitzenden Ringe der Damen viel mehr. Manchmal bekam er Kekse oder Schokolade, meistens nicht. An diesem Morgen hatte er Fieber gehabt und durfte zu Hause bleiben. Eileen machte sich mit einem großen Schirm und Zuversicht bewaffnet auf den Weg.
Irgendwann am Vormittag hatte Severus sein Malbuch fertig. Er schaute eine Weile aus dem Fenster und schon wurde ihm langweilig. War auch nicht viel los in Spinners End. Die räudige Katze von Miss Rosabelle saß unter dem Vordach nebenan und schaute mißmutig auf den Regen, der Bus aus Braithwell tuckerte vorbei und dann noch der Milchwagen und dann noch der Postbote. Dann passierte gar nichts mehr. Severus seufzte vor Langeweile und sah sich in der Küche um. Messer, Gabel, Scher' und Licht - Moment! Vom Herd hatte Mum nichts gesagt.
Er würde jetzt kochen. Kakao, um genau zu sein. Mutter würde sich freuen, wenn sie nach dem Wahrsagen einen schönen, heißen Kakao trinken könnte. Severus öffnete den klapprigen Kühlschrank und sah hinein. Mist! Der verdammte Milchkrug stand natürlich im oberen Severus-sicheren Fach. Er sah sich suchend um. Die Stühle im Hause Snape waren nicht die stabilsten, obwohl Tobias Schreiner war und sich auch redlich bemühte, die alten Dinger hielten jedem Reparaturversuch tapfer stand. Serverus schob einen Stuhl an den Kühlschrank. Dann die Fußbank, um ganz sicher zu gehen und stieg hinauf. Der Milchkrug stand trotzdem beinahe außer Reichweite und er musste seine kleinen Arme tüchtig strecken, um wenigstens mit den Fingerspitzen heranzukommen. Er erwischte ihn auch, jedoch gab der Stuhl plötzlich ein knarrendes Geräusch von sich und Severus strauchelte. Der Milchkrug machte sich selbständig und auf den Weg zum Fußboden. "Nein!" schrie Severus in Panik - und da geschah es. Der Milchkrug blieb in der Luft hängen und schwebte zwischen Kühlschrank und Tisch gelassen in der Luft. Severus saß inzwischen auch auf dem Fußboden und starrte den Milchkrug vorwurfsvoll an.
Er erinnerte sich, dass seine Mutter immer sagte, man brauche eine große Vorstellungskraft zum Zaubern. Man muss den Dingen seinen Willen aufzwingen. Darin war Severus eigentlich ganz gut. Wenn er etwas wollte, kriegte er es auch. Er starrte böse auf den Milchkrug und stellte sich vor, dass er auf den Tisch wanderte. Nach einigen untauglichen Versuchen bewegte sich das Gefäß tatsächlich und landete mit nur ganz wenig verschütteter Milch auf dem Tisch. Severus klatschte begeistert in die Hände, hielt dann sofort inne und schlug sich auf den Mund. Da klopfte es an der Tür.
'Jetzt kommen sie mich reklamieren!' dachte er verzweifelt, dennoch rutschte ihm ein "Ich darf gar nicht aufmachen!" heraus. Entsetzt sah er, wie der Türknopf sich plötzlich von selbst bewegte und -
Der Mann, der die Küche betrat war riesengroß, vor allem seine Nase. Vielleicht lag es auch daran, dass Severus so winzig klein war. Er trug einen spitzen Hut, einen langen schwarzen Umhang und Stiefel aus glänzendem Leder. In der Hand hielt er einen Spazierstock, auf dessen Knauf ein Rabe saß. Severus hielt den Atem an und beide Hände vor den Mund.
Der Mann sah sich zornig im Raum um und entdeckte Severus hinter dem Tisch. Er beugte sich hinunter und Severus konnte direkt in seine dunklen Augen sehen. "Bist du der kleine Prince?" fragte der Mann barsch. Severus schüttelte entsetzt den Kopf. "Hat die Katze deine Zunge gefressen?" bohrte der Mann weiter. "Wir - wir haben überhaupt keine Katze und für den Milchkrug kann ich nichts... und außerdem, wer hat Sie hier hereingelassen?" gab Severus zurück. "Mich läßt man nicht herein, ich komme wann ich will." knurrte der fremde Mann. "Severus - so nennt sie dich doch?" . Severus stand auf. Wenn ihn der Fremde reklamieren wollte, dann sollte er es möglichst schwer haben. "Für mich kriegen sie keinen Neuen." sagte er mutig. "Das ist nicht üblich. Keine Garantie mehr." Das hatte der Mann mit dem Wecker auch gesagt. Der Fremde schaute ihn verwundert an. Dann lachte er und Severus sah ein paar Goldzähne blitzen. "Du bist ein Zauberer, Severus." sagte der Mann nun wieder ernst. "Und ich werde dir alles beibringen. Ich bin dein Großvater."
Weiter kamen sie mit ihrem Bekanntmachen nicht, denn da ertönte von der Tür her die Stimme von Eileen "Hände weg von meinem Kind!".
Severus wachte schweißgebadet auf. Dieser Traum wiederholte sich oft, aber so klar hatte er ihn selten gehabt. "Wasser!" Er stand vorsichtig auf und wankte in's Bad. Gierig trank er gleich aus dem Hahn und ließ sich auch kaltes Wasser über den Kopf laufen. Remus sah ihn aufmerksam an, als er wieder in das Bett kroch. "Alles in Ordnung?" fragte er besorgt. "Bestens!" erwiderte Severus, "Ich habe nur von meinem ersten Magieanfall geträumt."
Remus rückte näher. "Und wie war der?" fragte er neugierig. "Anstrengend." murmelte Severus und schlief wieder ein.
