"Er lebt also." wiederholte Tobias Snape ungläubig. Lawrence nickte und goss einen weiteren Gin ein. Sie hatten den ganzen Sonntag vormittag im Haus in Spinners End gewerkelt und begossen nun das Ergebnis gründlich mit Guiness und Gin. "Oh Mann." sagte Tobias wohl zum fünfzehnten Mal. "Sie hat mich von A bis Z belogen und betrogen." Er schüttelte den Kopf. "Ich wäre doch früher aus Südamerika zurückgekehrt! Wie bist du ihnen drauf gekommen?". Lawrence dachte nach. "Das war so: Sie zogen weg, als man behauptete, du wärest auf See geblieben. Das haben wir erstmal geglaubt. Dann war das Begräbnis. Severus sei gestorben, sagten sie uns, Autounfall - soweit ich mich erinnere. Ich war mit, das Grab ist hinten links auf dem Friedhof der St. Martins Church. Soweit schien alles klar. Eileen zog zu ihrem Bruder nach Dingsbums und wir hörten nie wieder von ihr. Allerdings" Lawrence nahm einen tiefen Schluck, "Allerdings klopfte eines Nachts - ungefähr fünf Jahre später - der Totgeglaubte an mein Fenster. Er pfiff, wie wir uns als Kinder immer verständigt hatten." Der Metzger schüttelte den Kopf. "Mann, ich habe mich vielleicht gegruselt!".

Tobias lauschte atemlos der Erzählung. "Ich öffnete nach einigem Zögern mein Fenster und schaute hinaus. Da stand er. Er trug diese komischen Klamotten, wie einer von der Kurrende würd' ich sagen." "Zauberer." flüsterte Tobias. "Ich habe nichts gegen Okkultismus, aber wenn es das eigene Kind betrifft. Ich hätte ihm was Besseres gewünscht." Campbell nickte. "Ich ließ eine Strickleiter hinunter, wie früher und er kletterte rauf. Er war ziemlich durch den Wind. Er erzählte wenig, aß viel und fragte viel. Ich riet ihm, sich beim Jugendamt zu melden. Ich wusste, dass die sich um solche Fälle kümmern. Immerhin war er ja unter Zwang nach Bourton on the Water verzogen worden. Er erzählte mir vom Internat, wo er zur Schule ging. Das muss ja was gewesen sein! Mich würden keine zehn Pferde dahin bringen. Severus meinte, es sei ja gut und schön, dass er da viel lernen würde und so weiter, aber die Zauberer seien seiner Meinung nach völlig bekloppt. Ich habe im Laufe der Zeit einige kennen gelernt und muss ihm da zustimmen. Erst Freitag, du warst ja dabei." Tobias schmunzelte, die Szene hatte wirklich etwas Urkomisches gehabt. "Hat er sich neulich mal gemeldet?" fragte er. "Er schreibt regelmäßig. Mit Eulen. Und er war den Sommer über hier. Frage mich nur, was er wohl sagen wird..." "Sagen, wozu?" Lawrence zögerte. "Ich habe aus Versehen seine Ratte erschossen. Konnte doch nicht wissen, dass es ein Haustier war. Erst als ich sie entsorgen wollte, hab' ich gesehen, dass sie eine Pfote aus reinem Silber hatte." Tobias schüttelte den Kopf. "Er wird auch das überleben." sagte er zuversichtlich. "Ich habe sie eingefrostet, damit er sie ordentlich begraben kann." gab Lawrence zu. "Aber mach dich drauf gefasst, dass er nicht mehr so klein und mickrig ist wie als Zehnjähriger." gab Lawrence noch zu bedenken.

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Harry und Hermione bemühten sich, nicht allzu laut aufzulachen, als sie Tonks' Geschichte hörten. "Du müsstest dich doch eigentlich mit Muggelbräuchen auskennen, Tonks." meinte Hermione besorgt. "Nee! Meine Mum hat mich immer von denen ferngehalten und Ted, nun ja, der war wohl froh, nix mit denen mehr zu tun zu haben." Harry zuckte mit den Schultern. Das war eigentlich auch seine Meinung, allerdings begann er darüber nachzudenken, ob es wohl klüger sei, in sich beiden Welten zurecht zu finden.

"Jedenfalls, passten wir dann Miss Rosabelle auf dem Weg zum Friedhof ab." fuhr Tonks fort. "Sie war froh, jemand zum Schwatzen zu haben und sie zwang uns auch, ein paar schwere Gießkannen zu schleppen. Die Kirche hieß St. Martins und war recht klein. Der Friedhof war ziemlich verwildert, wohnen ja nicht mehr viele Engländer in der Gegend, wie Miss Rosabelle erklärte. Die anderen, wen sie genau meinte, konnten wir nicht erfahren, begruben ihre Toten irgendwo anders. Ganz hinten schließlich führte sie uns an ein kleines Grab mit einem Stein aus weißem Marmor. Und auf dem stand: "Unser Sonnenschein - Severus Snape - 10 Jahre." So. Und nun könnte ihr mir mal erklären, was das soll."

Harry hielt es nun nicht mehr aus. Er setzte den Stapel Teller ab, den er gerade aus dem Schrank genommen hatte und prustete los. "Sonnen ! Schein! " schrie er und die Tränen liefen ihm über das Gesicht. Er konnte sich lange nicht beruhigen. Tonks verzog das Gesicht. "Ihr glaubt mir nicht." sagte sie mürrisch. "Doch! Doch!" prustete Harry. "Jedes - prust - Wort!"

Schließlich hatten sie das Essen fertig. Roastbeef, Yorkshire Pudding und Erdbeeren mit Schlagsahne als Kompott. Hermione hatte ein paar extra feine Weinkelche aus einem der vielen Schränke organisiert und poliert. Harry und Ron hatten beim Silberbesteck ihr Bestes gegeben. "Wenn ich nur endlich wüsste, was hier los ist." knurrte Ron, aber Harry lächelte nur beschwichtigend. "Familienangelegenheiten." sagte er nur.

Dann sassen sie um den Tisch herum, erwartungsvoll und aufgeregt: Molly und Arthur, Ron und Ginny, Hermione und Harry, Tonks und Kingsley, Minerva und Remus. Hermione begann. "Ich muss euch eine Geschichte erzählen. Sie ist furchtbar kompliziert, deshalb die Kurzfassung zuerst. Mein Name ist Teresa Wilkes-Black und ich wurde im Alter von 1 Jahr entführt und später an eine Muggelfamilie zur Adoption gegeben. Mein Vater Regulus und meine Mutter Florence sind tot, mein Patenonkel Severus hat überlebt." damit setzte sie sich wieder. Die kleine Gesellschaft schwieg zunächst überrascht und dann sprachen alle durcheinander. "Aber Snape - der ist es doch - ist ein gesuchter Mörder." warf Minerva ein. "Ich erinnere mich tatsächlich, dass die drei bekannt dafür waren, eine etwas - nun ja - unkonventionelle Beziehung zu pflegen. Und das Florence mit dem Baby bei Severus wohnte und jedermann dachte, er sei der Vater." Remus schlug an sein Glas. "Stimmt alles. Aber da ist noch mehr. Bevor wir essen, schlage ich einen kleinen Trip in das hier stehende Denkarium vor. Bitte seid vorsichtig und macht euch auf einiges gefasst." Remus machte eine einladende Geste und die Ordensmitglieder versammelten sich um das Steingefäß.

Nachdenklich tauchten sie wieder auf. "Okay." sagte Kingsley. "Das leuchtet ein. Es zerstört zwar mein Weltbild" er goss sich einen Schluck Wein ein, "aber überraschen tut's mich nicht so sehr. Ich war immer skeptisch im Hinblick auf Albus' Methoden."

Minerva weinte in ihr Taschentuch. "Ich kann das nicht fassen. Er hat uns alle benutzt." murmelte sie. Remus stand auf. "Ich hole jetzt Snape." gab er bekannt. "Er ist hier?" fragte Tonks. "Ich denke..." dann hielt sie sich schnell den Mund zu.

Remus ging hinaus, ohne eine Antwort abzuwarten. "Sonnenschein" murmelte Harry. "Wie?" fragte Minerva. "Ach nichts." Snape kam zögernd herein, er wusste nicht recht, wie er sich jetzt verhalten sollte. "Setz dich." sagte Minerva sachlich. Er tat es und spürte wie sich Verlegenheit mit Dankbarkeit mischte. Während sie aßen machte sie Severus mit den neuesten Aktivitäten der dunklen Termiten bekannt. "Der Zaubertrankmeister des dunklen Lords, also Semjon Vyskatow ist seit ein paar Tagen verschwunden. Es ist nur noch eine Frage von Tagen, dass er den einzig Wahren zu sich bestellt." sagte er ironisch. "Lucius kann tatsächlich effektiv sein, wenn er nur will. Und wenn er was davon hat." fügte er als Nachgedanken hinzu. "Was fehlt denn dem lieben dunklen Lord?" fragte Hermione bissig. "Er muss das viele Schlangengift ausbalancieren." erklärte Severus unbekümmert. "Dazu braucht er ein wenig Aufbaumittel." "Ah." machte Remus.

"Vorher muss Mr. Potter junior hier, ein kleines Gedankenexperiment durchlaufen." Severus wies mit seinem Weinglas auf den jungen Mann, der atemlos zuhörte. "Kommt gar nicht in Frage!" protestierte er auch gleich. "Oh doch." erwiderte Hermione resolut. "Oh nein!" meuterte Harry. "Aber ja." sagte Remus, "Wir wollen doch irgendwann zum Ende kommen, meinst du nicht?". Remus hatte nämlich seit kurzem wieder Zukunftspläne, die unter anderem eine alte Wassermühle in der Nähe von Iron Bridge zum Inhalt hatten. Und einen Luchs.

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Harry wurde unter lautstarkem Protest in einen weichen Sessel gesetzt. Snape scheuchte alle neugierigen Zuschauer hinaus und befahl Hermione und Remus gut auf die Meute aufzupassen. Dann setzte er sich Harry gegenüber. "Das ist jetzt wirklich das allerletzte Mal, Potter." sagte er seufzend, hob seinen Zauberstab und rezitierte: "Legilimens!". Harry spürte wie Snape in seine Gedanken eindrang und widerstand der Versuchung Okklumentik anzuwenden. Snape kümmerte sich auch nicht um das Randgeschehen, dass Tante Magda, Tante Petunia, Vernon, Dudley und Professor Snape zum Inhalt hatte. Selbst der Lichtgestalt von Ginny gönnte er keinen Blick. Er nahm die rot glühende Verbindung mit James Potter auf. 'So ähnlich funktioniert ein Muggeltelefon.' erinnerte er sich an seine Grundschulzeit. Er hatte gemeinsam mit Lawrence mal eines auseinander genommen und dafür Stubenarrest für zwei Wochen erhalten.

Er konzentrierte sich wieder. "James, bist du da?" dachte er.

James Potter sass an seinem Schreibtisch als es passierte. Er hörte in seinem Kopf eine fremde Stimme! "James" tönte es wieder und er erkannte, dass die ein Kontaktversuch war. Er schnappte nach Luft und antwortete in Gedanken. "Ich bin hier!" Dann ging alles recht schnell. Die Stimme in seinem Kopf gab ihm wichtige Informationen. Sie erzählte, dass sie einem gewissen Snape gehörte, den er irgendwie gekannt hatte und dass er sich um seinen ältesten Sohn Harry sorgte. Und er solle mal die Sachen seiner Frau durchsuchen. Sicher würde er da etwas Wichtiges finden. Weiterhin verabredete sich die Stimme mit ihm für den folgenden Donnerstag acht Uhr morgens in der Lobby vom Hotel Chrisantema am Sonnenstrand. "Wie werde ich Sie erkennen?" fragte James, der immer noch nicht wusste, woher er diesen Snape kannte. Der wurde ein wenig ungehalten. "Ich sehe aus wie immer." knurrte er nämlich. "Lang, dünn, große Nase, lange Haare. Sonnenbrille." ergänzte er noch widerwillig. "Sei pünktlich Potter, ich warte nicht gern." Damit trennte er die Verbindung und James war wieder allein in seinem Kopf. Er stand mühsam auf und ging zum Waschbecken. Er sah sich im Spiegel an und seufzte. Von dem feschen jungen Gryffindor-Sucher war nichts mehr übrig geblieben. Sein Haar zog sich immer mehr zurück, er hatte leichte Hängebacken und seine dicken Brillengläser ließen ihn immer traurig aussehen. Insgeheim dachte er, dass seine Frau schon lange mit einem bulgarischen Strand-Gigolo fremd ging.

Er wusch sich sein Gesicht mit kaltem Wasser und beschloss, die Durchsuchung gleich zu beginnen. Seiner Sekretärin erzählte er etwas von einem Außentermin und er vergewisserte sich auch, dass Lilly tief in einem Experiment steckte.

Er apparierte nach Hause und setzte einen Alarmzauber, nur für den Fall. Dann schaute er sich in Lillys Zimmer um. Der Tresor war noch immer da. Erst einmal nahm er sich die Photoalben vor, die Lilly in ihrem Büro bunkerte. Er blätterte sie unschlüssig durch und fand schließlich tatsächlich ein Bild mit der Unterschrift 'Slughorn, Snape und ich bei einem Experiment im Zaubertrank-Bunker.' Der Snape auf der Fotografie war ihm schon bekannt, aber er konnte ihn nicht mit der Stimme in seinem Kopf zusammenbringen. Er steckte das Bild ein.

Dann gab er sich einen Ruck und öffnete mit einem heimtückischen Zauberspruch den Safe.