Snape hasste es manchmal, wenn er recht behielt. Besonders in diesem Moment als er im Dolohowski Dworjez aus dem Kamin stieg. Auf einem abgenutzten Sofa, das wohl früher einmal prächtig gewesen war, sass Bellatrix Lestrange und feilte sich die Krallen. Sie grinste anzüglich und sagte mit rostiger Stimmer "Snape! Ich dachte, du sitzt." Er neigte leicht den Kopf und antwortete "Bellatrix! Ich dachte, du hättest ein Rendezvous mit einem Dementor gehabt!" Sie lachte kreischend und zeigte vielsagend auf die geschlossene Tür. "Dicke Luft." flüsterte sie beinahe lautlos. Snape grinste und klopfte.

Die Tür öffnete sich und er sah sich seinem dunklen Meister gegenüber. Voldemort sah furchtbar aus. Sein kahler Schädel schimmerte schmutzig-weiß, er trug einen Schlafrock aus grün-grauem Samt und er zitterte vor Kälte. Seine Wangen waren noch knochiger als sonst und irgendetwas schien an ihm zu fressen. Seine Unsterblichkeits-Experimente schienen nicht so zu laufen, wie geplant. Lucius Malfoy und der Rest der Lestrange-Bande standen um den Thron herum. Snape verbeugte sich tief und verschloss seine Gedankenwelt sorgfältig. Der Lord grüßte mit einer schlappen Handbewegung und kam sofort zur Sache. "Da ist das Labor, ich brauche meinen Stärkungstrank, los du hast vier Stunden Zeit. Eine Minute später und du bist ein toter Todesser." Er kicherte über seinen angeblichen Witz. Die Lestranges und Malfoy schnitten hinter ihm Grimassen. "Aber natürlich Mylord." sagte Snape ruhig und schritt an den Todessern vorbei in das Labor.

Drinnen begann er leise 'It's a long way to Tipperary' zu pfeifen. Aus seinem Ärmel holte er ein kleines Fläschchen mit dem Igelspeichel-Präparat, welches Lilly Potter einst begonnen, wieder verworfen und das er vollendet hatte. "So. Evans." brummte er vor sich hin. "Jetzt wollen wir doch mal sehen, was besser wirkt; Mutterliebe oder Igelspucke."

Er braute ruhig und ohne Hast, als der Stärkungstrank fertig war, gab er den Igelspeichel hinzu. Das Gebräu zischte und schäumte, dann beruhigte es sich wieder. Er prüfte Farbe, Konsistenz und Geruch und war sehr zufrieden. "Und nun noch eine Spezialität des Hauses." murmelte er. "Mungopisse und Imkerblut. Das wird das Schlangengift in den dunklen Lordes Venen auflösen und er wird nichts weiter sein als ein alter Mann, der kaum mehr seinen Zauberstab halten kann."

Er rieb sich die Hände und schaute auf die Uhr. "Wundervoll!" sagte er zu der Uhr. "Ich bin eine Viertelstunde zu früh fertig. Noch ein bisschen Dummschwatz und dann ab nach Burgas." Er füllte das Getränk in sieben große Kristallflaschen und goss den Rest in einen großen Becher. "Erst mal wird es besser, bevor es schlechter wird." sagte er zu sich selbst. "Und umgekehrt." fügte er im Hinblick auf sein eigenes Leben hinzu. Noch nie war er so zuversichtlich gewesen, wie eben in diesem Moment.

Er öffnete die Tür und trat wieder in den Thronsaal. Lucius sah ihn aufmerksam an. Er vermied es Malfoy anzusehen und reichte Voldemort den Becher. "Mylord." sagte er mit einem Unterton kindlicher Verehrung, "Bald wird es Euch besser gehen." Voldemort bleckte die Zähne und nahm einen Schluck. Alle warteten gespannt.

"Tatsächlich." sagte der dunkle Lord. "Viel besser als der Krempel von Semjon. Lasst uns feiern!". Malfoy verzog schmerzvoll das Gesicht. Aber Rabastan ließ sofort Champagner heran schweben. "Auf unseren Lord und Meister." rief Rodolphos und schlug die Hacken zusammen. "Jawohl." bekräftigte Snape. "Auf eine glänzende Zukunft!". Sie tranken und schauten sich über die Gläser bedeutungsvoll an.


Severus bezog ein einfaches Zimmer im Hotel Chrisantema und legte sich auf das Bett. Er zappte gelangweilt durch das Fernsehprogramm und blieb dann bei den Nachrichten hängen. Erdbeben, Hungersnöte und Gewalt - das Übliche also. Er schüttelte den Kopf. Die Muggel konnten sich tatsächlich mühelos selbst ausrotten. Nur eine Frage der Zeit, bis einer dieser Irren auf den berühmten roten Knopf drückte. Ein Glück nur, dass sich der dunkle Lord nicht für Muggeltechnologie interessierte. Wenn sich dieser Irre mit den Muggel-Irren zusammentäte, wäre der Untergang der Menschheit, einschließlich aller magischer Geschöpfe eine Frage von Minuten. Er seufzte, stand auf und öffnete die Minibar. Wenigstens Schnaps konnten diese armen Tröpfe machen. Er leerte zuerst den Whisky, dann den Gin und goss schließlich die Cola in sich hinein. Das Gesöff war während seiner Kindheit ein seltenes Vergnügen gewesen, da sein Vater es für schädlich hielt. Später hatte er freiwillig darauf verzichtet, da man als Slytherin ja schlecht Muggelgetränke zu sich nehmen konnte. Und jetzt - jetzt behagte ihm der Geschmack nicht mehr.

Er trat an das Fenster und schaute auf die Terrasse, ein paar Touristen, vermutlich Russen, vergnügten sich am Pool. Nichts Auffälliges. Gut. Er versuchte wieder zu schlafen, was ihm nicht so gut gelang. Schließlich unterhielt er sich mit dem einzigen Buch, was in dem Hotelzimmer zu finden war. Die Apokalypse war auch irgendwie direkt sein Geschmack. Zu guter Letzt fielen ihm doch die Augen zu.

Lucius hatte sich gemeinsam mit Schwägerin und Schwager schnell aus dem unwirtlichen Russland verabschiedet. Das Wetter war ihm dort eindeutig zu kalt und die Menschen zu rau und das Essen zu - rustikal. Endlich sassen sie wieder gemeinsam im Patio seiner Villa und verzehrten süßes Gebäck und tranken Sherry. "Severus war einfach großartig." musste Bellatrix anerkennen. "Wie er den Alten eingewickelt hat..." Lucius lächelte stolz, immerhin waren Snapes Verstellkünste auch irgendwie sein Verdienst.

"Wir werden in den nächsten Tagen viel Stress haben." verkündete Rabastan besorgt, "Aber bald wird alles vorbei sein. Hast du schon ein paar fähige Künstler für die Premierensendung ausgewählt, Mogul?". Lucius spreizte sich wie ein Pfau. "Ab morgen laufen die ersten Castings." säuselte er. Er freute sich schon auf die Besetzungscouch. Das durfte natürlich niemand wissen, vor allem Narcissa nicht.

Dennoch waren noch etliche Hürden zu nehmen. Die endgültige Entfernung des dunklen Lords beispielsweise. Kein Spaziergang. Aber Abraxas Malfoy wäre stolz auf seinen Sohn. Vielleicht zum ersten Mal. Eventuell - nur eventuell - würde das Porträt im großen Saal von Malfoy Manor nie wieder 'Blindgänger' flüstern, wenn er vorbei schritt.

James Potter betrat nervös den Frühstücks-Salon des Hotels. Er suchte nach einem bekannten Gesicht. Nur wenige Gäste tranken zu dieser frühen Stunde ihren Kaffee und nagten an Croissants oder Brötchen. Plötzlich erkannte er den Gesuchten. Selbstsicherheit vortäuschend schritt er voran und blieb neben dem Stuhl von Severus Snape stehen. Der hob seinen Kopf von seiner Zeitungslektüre und wies auf den gegenüberliegenden Sitz. "Guten Morgen Mr. Potter." seine Stimme hörte sich an wie dunkle Kuvertüre. James setzte sich. Er hatte nicht mehr aufgehört, sich das Hirn zu zermartern, wer denn dieser Snape nun sei. Jetzt bekam er seine Antwort. Der Mann der ihm gegenüber sass, ähnelte jemand, den er als Schuljunge gekannt und gehasst hatte, so viel stand fest. Allerdings hatte sich einiges geändert. Sein Verhalten, seine Körpersprache und vor allem seine Stimme hatten sicher verändert. Souveränität. Das war das Wort. Kurz gesagt, alles was James Potter in seinem Erwachsenendasein fehlte. Manchmal hatte er das Gefühl, dies alles sei von Lilly aufgesaugt worden.

"Ich kenne Sie." sagte James demzufolge. "Wir waren zusammen in Hogwarts." Snape nickte nur und machte eine wegwerfende Handbewegung. "Das ist nicht unser Thema, Mr. Potter." Er sagte 'Mr. Potter' auf eine Art, als würde er diese Phrase jeden Tag zwanzigmal gebrauchen. James nickte und winkte der Kellnerin.

Kurz darauf hatte er einen starken Kaffee. "Ich habe Ihren Ratschlag befolgt und die Sachen meiner Frau durchgesehen. Es war ein tüchtiges Stück Arbeit, aber zum Glück kannte ich ein paar Tricks, die ich mit Sirius..." Snape unterbrach ihn. "Die Tricks von Mr. Black sind mir bekannt, kommen Sie zum Punkt." James seufzte. Gerne hätte er noch ein wenig über seine glückliche Kindheit geplaudert.

"Ich bin darauf gekommen, dass sie offenbar eine Intrige spinnt, durch die sie früher oder später Magieministerin von England zu werden gedenkt." fuhr er fort. "Mein Ältester, Harry, ist einer schlimmen Manipulation unterzogen worden und da gibt es noch diesen Voldemort und Dumbledore versuchte alles nach seinem Willen zu gestalten, weil er eine hochdotierte Wette mit eben diesem Voldemort laufen hatte...". Snape hob die Augenbrauen. "Um Geld geht es auch?" fragte er ungläubig. "Oh ja. Millionen." erwiderte James. "Lilly ist die Alleinerbin von Dumbledore. Wenn er stirbt..." "Er ist tot, James." erklärte Snape ungewohnt sanft. "Oh." James fuhr sich fahrig durch das schüttere Haar. "Und Harry?".

Snape rührte in seiner Tasse. "Ist in Sicherheit. Bei Lupin." erläuterte er seufzend. "Was soll ich nun machen?" James wurde plötzlich klar, dass sein Leben sich soeben dramatisch änderte. "Schnappen Sie ihre Kinder. Packen Sie ein, was sie nicht missen möchten. Apparieren Sie nach England. Ottery St. Catchpole, Fuchsbau, Molly Weasley wird sich um Sie kümmern. Beeilen Sie sich. Ich wette, Evans weiß inzwischen, dass Sie an ihren Sachen waren. Verlieren Sie keine Minute!

Ich sehe Sie in England wieder." Snape warf ein Stück Pergament auf den Tisch und war im nächsten Augenblick verschwunden.

James nahm das Pergament und rannte vor die Tür. Snape hatte recht, Lilly würde ihn umbringen! Er apparierte in sein Heim und war erleichtert, dass dort noch alles war wie sonst. Schnell packte er Kindersachen, Spielzeug, Dokumente, Artefakte und das Denkarium in einen großen Seesack. Er minimierte ihn und vertraute ihn seiner Eule an. "Zu Molly Weasley!" trug er ihr auf. Dann apparierte er zur Grundschule für magischen Nachwuchs in Burgas.

Er stürmte in das flache Gebäude und sah sich suchend um. Glücklicherweise kam ihm eine Lehrerin entgegen. "Simon und Rachel Petroff!" bellte James ohne Einleitung. "Wo finde ich die beiden? Sie müssen sofort mit mir nach Hause kommen!" Die Lehrerin betrachtete ihn durch ihre aparte Brille. "Können Sie sich ausweisen?" fragte sie pikiert. James zückte seinen Pass. "Ah. Ja. Folgen Sie mir Herr Petroff." sie stöckelte voran und ließ ihn in einem kleinen Sekretariat warten. Kurz darauf kam sie mit seinen beiden Kindern zurück. James atmete erleichtert auf. "Kommt." befahl er kurz.

Sie gingen in das Empfangszimmer der Schule, das mit einem Apparier-Spot ausgerüstet war. "Ich werde Euch jetzt zu einer guten Freundin von uns bringen." erklärte James den verdutzten Kindern. "Molly Weasley wird sich ein bisschen um Euch kümmern." Mehr erklärte er nicht. Im nächsten Moment standen sie in der Weasley-Küche und schauten sich neugierig um.

Arthur und Molly waren von Tonks und Kingsley über die neueste Entwicklung informiert und reagierten mit Gelassenheit auf den Besucht. "Arthur, Molly - ich muss noch einmal zurück und Rusalka holen! Macht euch inzwischen bekannt." Er gab Simon eine freundschaftliche Kopfnuss und verschwand.

"Dann werden wir erst einmal ein paar Kekse essen." schlug Arthur vor.


James Potter materialisierte sich genau vor dem Eingang des Kindergartens, in dem seine jüngste Tochter ihre Wochentage verbrachte. Er kannte die Einrichtung nicht allzu gut, denn Lilly kümmerte sich darum. 'Sie kümmert sich eigentlich um alles.' dachte er reuevoll und betrat das Gebäude.

Er studierte den Lageplan am Eingang und begab sich in das Spielzimmer, in dem Rusalka gerade beim Malen war. "Komm, Kleines." sagte er und holte ihre Jacke, "Wir gehen ein Stück spazieren."

"Ihr geht nirgendwo hin." ertönte eine Stimme von der Tür her. Lilly stand dort, den Zauberstab auf James' Augen gerichtet. James schaute entsetzt auf. Rusalka duckte sich unter den Zeichentisch, sie steckte entsetzt ihre Finger in den Mund. "Potter." sagte Lilly, "Du glaubst doch nicht im Ernst, dass du mich übertölpeln kannst!" James hatte plötzlich das Gefühl, als werde ihm der Kopf aufgerissen und kalte, frische Luft durchströme sein Gehirn. "Lilly - du hast mich die ganze Zeit ausgesaugt. Meine Magie, meinen Lebensmut, meinen Optimismus - du hast das alles aufgezehrt wie ein Blutegel!" schrie er verzweifelt und dann kam ihm die Erkenntnis wie ein Blitzstrahl. "Du hast mich verhext! Einen Zaubertrank hast du mir gegeben und mich von " er hielt inne und sah sein Leben wie einen Film vor sich ablaufen, "von Petunia weggelockt. Erst hast du ihr alles genommen - Lebensfreude, ihr Talent und ihre Schönheit und dann mich!". Lilly lachte nur. "Du hast geglaubt, es reicht, ein paar vertrottelte Teenager um sich zu scharen und das Vermögen des Vaters zu verprassen. Du Idiot! Du wärst doch niemals soweit gekommen ohne mich!" schrie sie ihn an. "Aber jetzt ist Schluss. Du hast recht, du bist ausgelaugt und fertig, James Potter! Ich brauche Dich nicht mehr!". Sie griff in ihre Tasche und warf ein kleines, rundes Ding nach ihm. Das Ding hatte acht Beine, sah aus wie ein Käfer oder eine Wanze und krallte sich an seiner Brust fest. 'Eine Herzinfarktmaschine!' durchfuhr es ihn und im selben Moment durchzuckte ein eisiger Schmerz seine Brust. James Potter versuchte sich irgendwo festzuhalten aber die Tischkante entglitt seinen Fingern und er stürzte zu Boden. Lilly nahm Rusalka am Arm und verschwand im selben Augenblick.

Als die Auroren mit dem Haftbefehl durch die Fenster brachen, fanden sie nur noch den ohnmächtigen James Potter und die Zeichentasche seiner kleinsten Tochter.