„Rokko

„Der Urlaub scheint Ihnen wirklich gut getan zu haben", bemerkte Richard, als er Lisa seine Bürotür aufhielt. „Ja, das hat er. Naja, wirklich Urlaub war es ja nicht. Eigentlich eher gar nicht, ich habe viel mit Machiavelli trainiert." – „Machiavelli, ein ausgefallener Name für einen Hund", erwiderte Richard und ließ seine Bürotür los, so dass David sie nur mit Mühe und Not abfangen konnte. „Danke, lieber Bruder", kommentierte er das zynisch. „Den Namen hatte er schon. Zugegeben, er ist ein bisschen… naja… spleenig, aber er passt gut zu meinem Hund." Lisa deutete auf das Tier, das sich neben ihrem Rollstuhl auf den Boden hatte fallen lassen und die Geschäftsbesprechung für ein Nickerchen nutzen wollte. „Ein wirklich schönes Tier", bemühte Richard sich um weiteren Smalltalk. „Ja, und er kann wirklich viel. Er kann mir Dinge bringen, das Licht ausmachen…" – „Er ist ein Superhund, wir haben es kapiert. Könnten wir dann zum Tagesgeschäft übergehen?", brummte David. „Frau Plenske, wann ziehen Sie denn nun um?", ignorierte Richard seinen Halbbruder. „Falls Sie Hilfe brauchen…" – „Übermorgen müsste alles fertig eingerichtet sein. Hilfe brauche ich keine mehr." – „Aber ein kleines Geschenk zum Einzug wird das gestattet sein, oder?" – „Wenn Sie meinen, aber es ist wirklich nicht nötig." – „Falls es jemanden interessiert, wir könnten Magdalena erneut für die Präsentation der neuen Kollektion gewinnen", begann David einfach mit der Besprechung.

„Was ist eigentlich mit dir los, David?", verlangte Lisa zu wissen, nachdem das Meeting vorbei war. „Nichts." – „Und warum bist du dann so… so… stoffelig?" – „Ich bin nicht stoffelig", knurrte David. „Doch, das bist du. Überhaupt bist du seltsam zu mir seit meinem Unfall." – „Wenn ich dir diese blöde Kette nicht geschenkt hätte, dann wärst du nicht über die Brüstung geklettert. Wenn ich mit zu dieser Party gegangen wäre, dann…", platzte es gequält aus David heraus. „Dann hättest du mir wahrscheinlich genauso wenig helfen können wie Richard", stimmte Lisa einen besänftigenden Tonfall an. „Meine beste Freundin wäre fast gestorben wegen… wegen einem Geschenk von mir. Lisa, das werde ich mir nie verzeihen", brachte David mit brüchiger Stimme hervor. Zielgerichtet steuerte Lisa ihren Rollstuhl auf das Sofa im Foyer zu. „Komm, setz dich mal", forderte sie David auf. „Es war ganz alleine meine Entscheidung, dieser Kette hinterher zu klettern." – „Aber du bist ihr nur hinterher geklettert, weil sie dir so viel bedeutet. Ich hätte dir einfach keine Hoffnungen machen dürfen, dann…" – „David, wenn ich nicht schon begriffen hätte, dass du mich nicht liebst und nie lieben wirst, als du mich nicht einmal im Krankenhaus besucht hast, dann hätte ich es jetzt. Das war wirklich deutlich, David", stellte Lisa klar. „Trotzdem ist es unfair von dir, mir auch deine Freundschaft zu entziehen. Wir sind doch immer gut klar gekommen – rein platonisch, meine ich. Und jetzt?" Schuldbewusst sah David auf seine Hände. „Ich weiß einfach nicht, wie ich mit dir umgehen soll." – „Ganz normal, David, ganz normal. Jammern bringt keinem etwas – das sagt Rokko auch immer." – „Rokko?", fragte David hellhörig. „Das verrate ich nur guten Freunden von mir", grinste Lisa verschmitzt. Kokett drehte Lisa ihren Rollstuhl und machte sich auf in Richtung ihres Büros. „Lisa? Ich bin doch aber dein Freund, oder? Wann machst du Mittagspause, damit du mir von…" David nahm einen flötenden Tonfall an. „… Rokko erzählen kannst?" Doch statt einer Antwort hob Lisa nur die Hand und winkte ihm zu.