Kapitel -2
Camp Patriot
Sam & Gregs Haus
17:00 Uhr
„Sollten wir Oliver und Julia besuchen gehen, schauen, wie sie untergekommen sind?", fragte Jenny. Sie musste diese vier Wände kurzzeitig verlassen. Die Klimaanlage hatten sie bereits aufgedreht aber der Raum schien nicht kühler zu werden, keinen einzigen Grad. Zumindest kam es Jennifer so vor. Es kam ihr immer noch so vor, als hätten sie 40 Grad im Haus. Die Räume waren verdunkelt, die Teppichböden trugen auch nichts dazu bei, es anders erscheinen zu lassen.
„Lass die beiden doch, J …. Sam", erklärte Gibbs und setzte sich in einer kurzen Hose, ohne T-Shirt in einen der Sessel, ein Handtuch auf der Rückenlehne liegend und schaltete den Fernseher ein. In einer Hand hielt er eine Soda-Dose.
„Wie kannst du nur in solch einem warmen Sessel sitzen?"
„Funktioniert ganz gut", erklärte er, lehnte sich zurück und genoss die Kälte der Dose, die er an seine Stirn drückte.
Alleine der Anblick trieb Jenny zur Weißglut, wie konnte man so gelassen sein, wenn das Wetter solch eine Katastrophe war? Es war heiß, unglaublich heiß und es war nicht einmal Mittagszeit. Es war sandig, staubig und unfreundlich, das Grün von Washington fehlte ihr bereits jetzt und sie waren erst wenige Stunden in Kuwait. Wieso hatte sie sich darauf überhaupt eingelassen?
Etwas scharrte an der Türe und dieses Geräusch lenkte Jenny von ihrer Wut kurzzeitig ab. Es scharrte weiter, miaute kläglich. Sie öffnete die Türe in den kleinen Garten und da saß eine Miniaturausgabe einer Katze, ein kleines Häufchen Elend. Die rothaarige Frau ging in die Knie und nahm das klagende Wesen in ihren Arm. Es war klein, sehr jung. Und miaute. Als es in ihrer Armbeuge Schutz gefunden hatte, begann es leicht zu schnurren und dies wurde immer lauter und lauter. Sie begann es zu kraulen, es im Nacken zu streicheln und es wurde lauter, das Schnurren, und allmählich klang es wie ein kleiner Traktor. Hinter sich schloss sie die Türe und ging in die Küche. Im Kühlschrank fand sie etwas Sojamilch, die man für sie eingekauft hatte, da sie eine Laktose Allergie hatte. Verdünnt mit Wasser stellte sie ein Schüsselchen auf den Boden und das kleine, haarige Wesen begann zu trinken.
„Was machst du da?", fragte Jethro, der hinter ihr in die Küche geschritten war.
„Das siehst du doch."
„Man soll die Tiere auf den Stützpunkten nicht sammeln."
„Tja, dann breche ich halt eine Regel", gab sie ihm zurück und beobachtete das kleine Wesen.
Julia & Olivers Wohnung
17:50 Uhr
„Wie kann man in so einem Saustall wohnen", fragte Kate, als sie erkannte, wie Tony mit ihren gemeinsamen Sachen umging. Er hatte einfach alles aus den Kisten geworfen, so lange durcheinander gebracht, bis er die eine Boxershort und das eine T-Shirt gefunden hatte, das er genau in diesem Moment tragen wollte.
Doch Antwort bekam sie keine. Tony hatte sich bereits in das Badezimmer verzogen und genoss dort eine Dusche. Kate hoffte inständig, dass er nicht da ganze zur Verfügung stehende Wasser verbrachen würde. Aber bei Tony konnte man es nie wissen.
Sorgfältig versuchte ihre Kleidungs- und Wäschestücke von Tonys zu trennen, damit er nicht jeden Tag damit verbringen würde, seine Finger durch ihre Wäsche gleiten zu lassen, alles durcheinanderzubringen. Wahrscheinlich würde er es so und so tun. Tony konnte man nicht umerziehen, er war, wer er war.
Tony hingegen genoss das kühlende Wasser, das auf seinen Körper niederprasselte. Er hatte nach dem erstbesten Duschgel in der Dusche gegriffen und nun musste er feststellen, dass er nach Lavendel roch, was ihm an und für sich missfiel. Solche Gerüche nahm er nur gerne an, wenn eine Frau es war, die ihn damit einrieb.
Sam & Gregs Haus
18 Uhr
„Sam", rief Jethro mahnend, da es an der Türe klopfte. Sie kam, mittlerweile frisch geduscht in einem dünne Sommerkleid, zu ihm und öffnete die Türe.
„Willkommen in Camp Patriot", sagte die Frau, die ihnen gegenüber stand. Sie war dicklich, klein und hatte eine viel zu schrille Stimme. Ihren fülligen Körper hatte sie in ein enges Top gesteckt, auf dem Blumen in allen Größenarten zu finden waren. Der Rock war knallpink, zu kurz und vor allem etwas zu eng.
„Danke", sagte Jenny und nahm den Begrüßungskorb entgegen, den man ihr reichte. Sie baten die Frau hinein.
„Sam und Greg", stellte Jethro sie vor, während Jenny den Korb in die Küche stellte. Ein herzlicher Empfang musste sie sich eingestehen.
Als sie das Zimmer wieder betrat, fragte die Frau – die sich als Tanja Samson vorgestellt hatte - über ihre Ehe aus und Jethro hatte es schwer, zu improvisieren.
„Seit wann sind sie verheiratet?", fragte sie und legte ihre fleischige Hand auf Jethros Oberschenkel. Jenny gestand sich ein, dass ihr dies gar nicht gefiel, wenigstens fühlte ihr Gatte genauso und stand auf, bot ihr Limonade an.
„Zehn Jahre sind es im September", erklärte Jenny und nahm Jethros Platz ein.
„Kinder?"
„Nein."
„Wieso?"
„Sollte nicht sein, abgesehen davon sind wir bisher sehr oft umgezogen. Es erschien nie richtig."
„Was für eine Schande", sagte sie etwas vorwurfsvoll, unwissend, dass dies einer von Jennys heiklen Punkten war. Stets hatte sie sich Kinder gewünscht aber nie den richtigen Mann dafür gefunden.
Die nächst halbe Stunde wurden sie über die Annehmlichkeiten des Camps informiert, welche Angebote es gab, für die Ehefrauen und Ehemänner, welche Veranstaltungen am Programm standen und was man auf keinen Fall unternehmen sollte.
Auf der einen Seite war es informativ aber auf der anderen kam es Jenny und Jethro so vor, als würde sie den Raum noch mehr erwärmen. Tanja informierte sie über einen Pizza-Dienst, der aus dem nächsten Dorf zustellte, da es am Stützpunkt keinen mehr gab, eine kleine Bar am Meer und einen Armeestrand, am anderen Ende von Kuwait.
Julia & Olivers Wohnung
18:30 Uhr
„Hunger Weib, " posaunte Tony quer durchs Wohnzimmer und hätte Kate die Vase ihr Eigentum nennen können, hätte sie ihm diese an den Kopf geworfen und gehofft, dass er zumindest für einige Minuten bewusstlos wäre.
Seitdem er aus der Dusche gekommen war, trieb er Kate in den Wahnsinn. Mit Absicht. Er genoss es, dass sie ihm weder mit ihren Brüdern noch mit Gibbs drohen konnte und vor allem ihm nicht auskam.
Nun saß er auf dem Bett, einen Ventilator auf sich gerichtet, nur in Boxershorts und war dabei, sich von Kaste bedienen zu lassen. Im Grunde wollte er nur ihren Anblick genießen – ein graues Tanktop und viel zu kurze, enge Shorts, die kaum etwas verbargen. Was sollte er tun? Er war schließlich auch nur ein Mann? Er war immerhin Italiener! Immerhin wenigstens mit italienischen Wurzeln.
„Dann koch' dir doch etwas, Oliver", erklärte sie etwas provokant und setzte sich mit einem kalten Glas Eistee neben ihm aufs Bett. Es schien momentan der kühlste Raum in der kleinen Wohnung zu sein.
„Weib, koch mir etwas …" Noch bevor Tony den Satz vollenden konnte, hatte ihm Kate mit der Hand auf den Bauch geschlagen. Es war nicht, dass Kate diese andere, fast schon natürliche Seite von Tony nicht gefiel, aber es war anstrengend und zugleich eine Herausforderung. „Vielleicht sollten wir doch Pizza bestellen? Ein Flyer lag am Esstisch."
„Hast du schon einmal von gesunder Ernährung gehört?"
„Dann koch doch, Julia!", forderte er sie auf.
Während Tony darauf wartete, dass sie sich von ihrer Seite des Bettes in die Küche begab, erinnerte er sich an einen Film mit Katharine Hepburn und Spencer Tracy – Tess war nicht in der Lage ein Ei zu kochen. Bei Kate war er sich hingegen nicht sicher, niemals hatte er gesehen, wie sie ein selbstgemachtes Sandwich oder etwas Ähnliches aß, immer nur fertige Produkte, die man in der Mikrowelle zubereiten konnte.
Als er langsam in die Küche ging, immer noch nur in Boxershorts, stellte er fest, dass er sich geirrt hatte. Kate stand bei der geöffneten Kühlschranktüre und wunderte sich gerade über den nicht vorhandenen Inhalt.
„Wir müssen noch etwas einkaufen gehen, Oliver."
Anfänglich dachte er darüber nach zu protestieren, dann erkannte er, dass es seine Chance war, einen positiven Eindruck bei ihr zu hinterlassen, um ihnen beide die ersten Tage etwas einfacher zu machen.
Natürlich machte es ihm Spaß, sie zur Weißglut zu treiben, sie verärgert und erregt zu sehen, das war die Kate, die ihm gefiel, die er … die er eventuell sogar … für die er mehr empfand als nur Freundschaft. Aber nun ging es darum, ein Ehepaar zu mimen und das war keine einfache Aufgabe.
Als Kate kurze Zeit später das Schlafzimmer verließ trug sie ein dunkelblaues tunikaartiges Kleid, welches ihr bis zu den Knien reichte und Ballerina Schuhe. Ihr Haar hatte sie hochgebunden, eine Sonnenbrille steckte auf ihrem Kopf und sie war gerade dabei, ihre Handtasche zu packen. Innerhalb weniger Minuten trug Tony Jeans und ein passendes Hemd, schlüpfte in ein paar, zu seinem Entsetzen, billige Schlüpfer und ging hinter Kate zum Auto.
Im Supermarkt selbst, außerhalb des Stützpunktes, marschierten sie durch die unterschiedlichen Gänge. Brav schob er den Einkaufswagen, protestierte gegen nichts, dass Kate in den Wagen legte. Als er in diesen blickte, erkannte er frisches Gemüse – einige Sorten, die ihm unbekannt waren – Obst, Fisch, Nudeln und Reis. Zwischen all dem waren einige Flaschen Mineralwasser, Kaffee und Milchpulver untergekommen.
„Bier?", fragte er zögerlich und Kate erklärte ihrem Gatten Oliver, dass man in einem muslimischen Land wie Kuwait Bier nicht im Supermarkt bekäme, sondern eigene Geschäfte aufsuchen musste. Sie fügte außerdem hinzu, dass es viel zu heiß für Alkohol war. Anstelle des Biers, fügte sie unterschiedliche Teesorten hinzu.
In Washington hätte er mit ihr diskutiert, das Bier einfach in den Wagen gestellt, aber der heutige Tag war anders. Er war nicht Anthony DiNozzo, er war nicht der Mann, der er in den USA war. Nun war er Kates Ehemann. Ein Ehemann. Und das bedeutete für ihn, dass er sich anpassen musste, sich eingestehen, dass es auch schön war, einmal nachzugeben, nicht immer auf seine Meinung zu bestehen, auf seine Weltansicht.
Auch wenn es schwer war es zuzugebenden, manchmal war es nicht einfach Antony DiNozzo zu sein. Jeder erwartete einen bestimmten Typen Mann vor sich zu sehen, der bestimmte Sachen macht, denkt und tut – meistens war dies auch der Fall. Meist erfüllte er das Klischee des Italieners.
„Oliver, wo bleibst du?", rief Kate ihm zu, die bereits bei den Zeitschriften stand und versuchte, aus all den arabischen eine englischsprachige herauszufiltern.
Langsam trottete er zu ihr, beobachtete ihren feinen Gesichtszüge, als sie den Wagen ausräumte, bezahlte und der Angestellte des Supermarktes die Waren zur ihrem Wagen brachte.
Sie war eine schöne Frau.
