Kapitel – 4
Olivia hatte sich all ihrer Kleider im Vorraum entledigt, hatte sich das Saunatuch um den Körper geschwungen und war dann in die Biosauna gegangen. Zu viele Jahre waren bereits vergangen, seitdem sie das letzte Mal einen ordentlichen Aufguss genießen durfte, seitdem sie all die Giftstoffe aus ihrem Körper geschwitzt hatte, die Welt um sich vergessen und sich nur auf ihren Herzschlag konzentriert hatte. Doch für das erste Mal sollte es keine finnische Sauna sein sondern die mildere, kühlere Variante, in der es keinen Aufguss gab durch einen Saunameister sondern durch ein automatisiertes System.
Sie legte ihr Handtuch auf die oberste Bank, schob die Kopfstütze an die richtige Stelle und legte sich genüsslich auf die Holzbank.
Die Türe ging einige Male auf und wieder zu, in fremden Sprachen unterhielten sich Männer in diesem beengten Raum und Liv hatte sich von Anfang an entschlossen, die Augen einfach nicht zu öffnen. Sie hatte ihr Handtuch in den letzten Winkel gelegt, damit nicht jeder sie anstarren würde.
Vielleicht war es eine halbe Stunde, die sie vor sich hin schwitze oder auch länger, sie hatte die Sanduhr an der Saunawand nicht umgedreht, als sie diese betreten hatte.
Für sie war ein Saunabesuch etwas Natürliches. Ein junger Mann, ein Finne, hatte ihr die Kunst des Saunierens beigebracht, ihr erklärt, auf was zu achten sei und seitdem genoss sie Momente wie diesen, an denen sie einfach nur entspannen, all die grausamen Fälle vergessen konnte.
Dankbar war sie für den Fakt, dass keiner der Männer Anstalten gemacht hatte, sie zu begleiten oder überhaupt einen Saunabesuch in Erwägung zu ziehen. Ihr hatte sich die Frage gestellt, ob sie es überhaupt aushalten würden, bei 90 Grad in einem kleinen Raum zu sitzen, einfach zu entspannen und dem Schweiß freien Lauf zu lassen.
Aber sie wusste genau, dass sie die weibliche Anatomie schätzen lernen würde, wenn sie mit Fin oder Elliot in der Sauna säße, sie könnte ihre Erregung vor einem nackten männlichen Körper, der ihres Partners, gut verbergen. Männer hatten dabei immer wieder Probleme, zumindest war das ihre Erfahrung.
„Möchtest du dir noch den Saunabereich anschauen?", fragte Fin Elliot, der auf seinem Handtuch saß und ein Motormagazin durchblätterte, welches ein anderer Gast hatte liegen lassen.
„Sicher", stimmte er zu, stand auf und folgte Fin.
Anfänglich wussten sie nicht recht, ob sie in den gemischten Bereich oder den geschlechtlich getrennten gehen sollten, aber ohne El zu fragen, hatte sich Fin für den gemischten entschieden. Sie durchschritten die Schranken, nahmen sich Saunatücher und legten ihre Bademäntel ab.
„Warst du schon einmal in der Sauna?", wollte Fin wissen, „Bei mir ist es schon etliche Jahre her."
„Bei mir ebenfalls", log Elliot und entkleidete sich. Voller Scham wickelte Elliot möglichst rasch das Tuch um seine Hüften, während Fin seines nur legere über die Schulter warf. Sie durchschritten die Saunaräumlichkeiten und entschieden sich dann für die milder Version – die Biosauna.
Fin legte sein Handtuch auf die zweite Ebene und legte sich am Rücken darauf, Elliot hingegen saß wie versteinert auf der untersten Bank, lehnte sich mit dem Rücken an das heiße Holz. Er bereute es bereits, sein Handtuch nicht auszubreiten, sich nicht einfach nackt, wie alle anderen es auch taten, in die Sauna zu setzen. Nein, er musste sein Tuch eng um die Hüften geschlungen haben. Langsam richtete er sich auf, legte das Handtuch auf die Bretter und setzte sich so hin, dass sein Rücken gegen eine Saunawand gerichtet war und seine Füße auf dem Handtuch abgestellt waren. So verbarg er etwas und konnte trotzdem schwitzen.
Als er einige Zeit so da saß, erkannte er, die ihm doch so bekannten Gesichtszüge, auf der oberen Bank liegen. Sie hatte die Augen geschlossen, ihr Haar war dunkel glänzend vom Schwitzen. Sie wirkte so unglaublich entspannt. So unglaublich nackt.
Nackt.
Er sah seine Partnerin nackt.
Elliot bemühte sich, seine Augen von ihrem glänzenden Gesicht zu nehmen, sie zu schließen.
Aber so sehr er sich auch anstrengte, er schaffte es nicht. Ihre Lippen waren leicht geöffnet, immer wieder sah er, wie ihre Zungenspitze ihre Lippen glitt. Langsam wanderten seine Augen über ihren eleganten Hals hin zu ihren Schultern. Ihre Arme lagen flach neben ihr auf dem Handtuch. Er versuchte wiederum seine Augen abzuwenden, aber irgendwie schien es, als hätten diese ihren eigenen Willen. Sie nahmen die Seite ihrer Brust war, die gegen ihren Oberarm drückte und die beinahe schwarzen oder dunkelbraunen Brustwarzen. Nun würde er sie nie wieder ansehen können, ohne diese nicht wahrzunehmen. Wie sie sich wohl in seinen Händen anfühlen würden?
Dann erkannte er ihren Brustkorb und ihren Bauch, der bei ihren Hüften in ihre angewinkelten Beine mündete. Rasch hatte er wieder ihre Brust im Blickfeld. Er starrte sie sicherlich einige Zeit an, bis er merkte, dass sein Tun ihn in Probleme versetzte, die in wenigen Minuten für alle gut sichtbar sein würde.
Ohne ein Wort zu sagen, stand wickelte er das Tuch wieder um sich und verließ die Sauna, um sich unter eine der Eisduschen zu stellen.
Ja, er genierte sich dafür, dass es ihn erregte sie nackt zu sehen, dass er jetzt mehr gesehen hatte, als er hätte sehen sollen. Immerhin war er verheiratet und sollte, wenn er an eine nackte Frau dachte, nicht seine Partnerin vor Augen haben. Aber seit längerem war dies schon der Fall. Monate fantasierte er bereits an sie denkend.
Auch jetzt, als er in dem Außenpool saß, wo der Schnee langsam auf ihn hinunterfiel, dachte er nur an sie und ihre Schönheit. Nein, perfekt war sie nicht aber danach hatte er nie Ausschau gehalten. In seinen Augen war sie es allerdings. Natürlich hatte sie Narben, aber die Muttermale waren tatsächlich Schönheitsmale. Die Narbe über ihrem Auge, er hatte sie nie gefragt, wie sie entstanden war, war fast schon ihr Markenzeichen.
Und nun passierte das, was er erhofft hatte, dass nicht passieren würde. Liv kam in das Handtuch gehüllt mit Fin an ihrer Seite in seine Richtung. Noch war es nicht passiert aber bald wäre es soweit. Er drehte sich um, zeigte ihnen seinen Rücken und blickte auf die in Schnee gehüllten Berge. Hatten sie ihn bemerkt?
„Wieso versteckst du dich vor uns?", fragte Fin, der neben ihm im Wasser auftauchte.
„Ich … ich verstecke mich doch nicht."
„Genau …", warf Fin hinterher.
Es schien als hätte Fin kein Problem mit seiner Nacktheit oder die anderer Leute. Er beobachtete vielleicht genau wie sich Körper bewegen, aber es schien etwas Normales für ihn zu sein. Etwas absolut Harmloses.
Für Elliot war es genau das Gegenteil. Während seiner Kindheit und Jugend war Nacktheit ein Tabu gewesen. Einmal war er nackt schwimmen gegangen und hatte danach die Prügel seines Lebens kassiert, seitdem hatte er verhindert, sich vor anderen auszuziehen.
Olivia hielt einen gewissen Abstand zu ihm, wollte ihn nicht noch mehr verunsichern. Sie hatte ihn erst bemerkt, als er dabei war die Sauna zu verlassen. Fin hatte sie keines Blickes gewürdigt oder es schien zumindest, als hätte er ihr durchgehend in die Augen gesehen, als er nach dem Verlassen mit ihr geplaudert hatte.
Serena Benson hatte Olivia von jungen Jahren her Freikörperkultur gepredigt. Sie war eine Alkoholikerin aber auch Wissenschaftlerin. Sie hatte Ethnologie und englische Literatur studiert, unterrichtete lange Zeit auch das erstere auf der NYU. Als Teenager hatte sie sich schlussendlich geweigert, die Sommer auf Stränden zu verbringen, an denen man nichts trug außer Sonnencreme. Erst als sie erwachsen war, hatte sie immer wieder solche Strände aufgesucht, sich dort entspannt und Sonne getankt. Natürlich wurde dort auch gestarrt, aber nur, wenn man das erste Mal auf so einem Strand auftauchte.
Elliot drehte sich zu Olivia und studierte ihre Gesichtszüge. Sie war bis zum Hals im Wasser, er konnte nichts erkennen. Nichts.
„Was ist dein Problem Elliot?", fragte sie scherzend und schwamm zu ihm hinüber. Doch umso näher sie ihm kam, umso unwohler fühlte er sich. Hatte direkt Panik, sie könnte erkennen, wie sehr sie ihn erregte. Gott sei Dank, verhüllte das Wasser so einiges.
„Wir sollten uns langsam fürs Abendessen fertig machen", stellte Fin in den Raum und schwamm in Richtung Ausgang. Die beiden Detectives beobachteten den Mann, der aus dem Wasser stieg, an dessen Muskeln das Wasser hinabfloss.
„Ich habe kein Problem", sagte er sanft.
„Du fühlst dich nicht wohl, das ist unübersehbar."
„Ungewohnt."
„Ich kann mich umdrehen, dann kannst du in Ruhe das Becken verlassen. Ich komme dann gleich nach."
„Das ist nicht notwendig", schoss er rasch hinterher, um ihr zu zeigen, dass er mit seiner Kleiderlosigkeit keinerlei Probleme hatte. Und er musste ihr nicht seine Brust zeigen sondern lediglich seinen Rücken.
Ohne weitere Worte zu verlieren, schwamm er zum Aufgang und stieg aus dem Wasser. Elliot bildete sich ein, ihre Augen auf seinem Rücken zu spüren.
Einige Minuten nach ihm, verließ sie auch das Wasser und dann den Saunabereich. In ihren dicken Bademantel gehüllt, begab sie sich auf das gemeinsame Zimmer. Als sie die Türe aufschloss, war sie sich unsicher, was sie erwarten würde. Doch es kam anders als gedacht. Elliot saß auf dem Bett, der Laptop am Schoß und er schien etwas zu tippen.
„Ich gehe duschen", erklärte sie und wanderte mit frischer Unterwäsche in der Hand ins Badezimmer. Sie genoss das heiße Wasser, welches auf sie herab prasselte, cremte danach ihren Körper sorgfältig ein, legte etwas mehr Schminke auf, als sie es für einen normalen Arbeitstag tun würde und ging, wieder im Bademantel, in das großzügige Zimmer.
Sofort fiel ihm auf, dass ihr Makeup anders war als sonst. Ihre Wimpern schienen noch länger und etwas Rouge, Lippenstift.
„Was machst du?", fragte Liv ihn, als sie auf das Bett zu ging.
„Ich chatte mit Mo", versuchte er zu erklären, „aber es will nicht so recht funktionieren."
Innerhalb weniger Minuten hatte sie ihm Skype heruntergeladen, Mo ein Email geschrieben und ihr erklärt, was sie zu machen hatte.
„Du kannst sie auch sehen, so wie sie dich", erklärte Liv und zeigte auf die Webcam. Zwei Knopfdrücke später konnte er sich in einem kleinen Fenster sehen und Maureen auf dem Monitor.
„Ich lass dich jetzt wieder alleine", sagte sie und zog sich zurück, ein smaragdgrünes T-Shirt mit einem tiefen V-Ausschnitt und eine dunkelblaue Jeans.
„Liv?", kam es von der anderen Seite der Türe in Verbindung mit einem Klopfen.
„Was willst du Elliot? Ich komme ja gleich", antwortete sie.
„Maureen möchte mit dir sprechen", erklärte er ihr und binnen Sekunden hatte sie die Türe geöffnet, die Bürste noch in der Hand.
„Wieso?"
„Das hat sie mir nicht gesagt."
Olivia setzte sich auf das Bett und sah Maureen, die auf der anderen Seite, Meilen weg, auf sie wartete.
StablerMan: Mo?
Mo1234: Liv?
StablerMan: Was ist denn los, Süße?
MO1234: Er hat mich angerufen … heute
StablerMan: Wirklich? Und über was habt ihr gesprochen?
Mo1234: Dies und das …er hast mich eingeladen mit ihm am Freitag ins Kino zu gehen.
StablerMan: Das ist doch toll! Hast du deine Mutter schon gefragt?
Mo1234: Sie ist dagegen
StablerMan: Ich ahne nichts Gutes. Lass dich, egal bei was, nur nicht erwischen, ansonsten bekomme ich große Probleme mit deinem Vater.
Mo1234: Keine Sorge. Mutter hat ihren Lesezirkel in der Kirche, der dauert meist bis 22 Uhr. Ich werde dann einfach wieder zu Hause sein. Und Dad würde nichts sagen, auch nicht, wenn er wüsste, dass du alles weißt.
StablerMan: Das denkst du Mo! Wenn du wüsstest …
Mo1234: Er kann dir nie lange böse sein. …. Teilt ihr euch ein Zimmer? Ich meine …
StablerMan: Mo …? …. Wir müssen gehen, Abendessenszeit! … Süße Träume
Liv löschte den Chatverlauf bevor sie den Laptop hinunterfuhr. Maureen und sie hatten seit etwa einem Jahr ein inniges Verhältnis. Eines Tages war sie weinend vor ihrer Türe gestanden, nachdem Kathy sie angeschrien hatte, weil sie sich mit einem Jungen getroffen hatte. Der Junge war allerdings nur der ältere Bruder einer guten Freundin von ihr, die diesen geschickt hatte, weil sie selbst es nicht schaffte.
Seit diesem Tag vertraute Elliots älteste Tochter Olivia fast alles an und erwartete sich nicht, dass Liv dasselbe tat. Maureen ahnte, dass Liv mehr für ihren Vater empfand als sie sollte, hatte aber niemals nachgefragt.
Elliot stand vor ihr in schwarzen Jeans und einem dunkelblauen Hemd mit schwarzer Krawatte. Er war elegant und dort sportlich unterwegs. Das dunkelgraue Jackett passte perfekt.
Er sah sexy aus, so wie er vor ihr stand.
Kapitel – 4 Ende
