Kapitel – 5
Das Dinner an diesem ersten Abend war eher leger. Als sie aus dem Fenster sah, an Elliot vorbei, erkannte sie, dass Schnee fiel. Immer wieder bemerkte sie, dass sie ihn anstarrte, ihn länger musterte als sonst.
In der Sauna hatte sie irgendwann das Gefühl verspürt, dass jemand sie beobachtete aber hatte sich weiter keine Gedanken gemacht. Doch dann, als er sich ihr gegenüber so eigenartig verhielt, hatte sie daran gedacht.
Seine Augen schienen ihr an dem heutigen Tag noch blauer, seine Lippen noch weicher aber was machte sie sich eigentlich vor? Er war ein verheirateter Mann. Ein Mann, der ein goldenes Band am Ringfinger trug, fünf Kinder hatte, die auf ihn warteten und eine Frau. Auch wenn sie immer wieder etwas Hoffnung hatte, dass er Kathy verlassen würde, passierte es im Endeffekt dann doch nie.
Es wurden Reden gehalten, das Programm vorgestellt und Vorschläge zur Freizeitgestaltung gemacht. Nach dem Essen begab sich Liv auf ihr Zimmer, um sich ihre dicke Jacke zu holen, sie wollte sich noch einige Minuten die Füße vertreten.
„Liv?", fragte Elliot als sie nach ihm das Zimmer betrat und nach ihrer Jacke griff.
„Ja?", war ihre Gegenfrage.
„Ich gehe noch eine Runde durch den Ort." Während sie dies erklärte, schnürte sie ihre dicken Winterschuhe, suchte danach einen warmen Schal und eine dicke Haube aus einer Schublade und war gerade dabei den Raum zu verlassen, als Elliot nach ihrer Hand griff.
„El?"
„Ich komme mit." Elliot hatte bereits eine warme Jacke an und seine Haube auf, die Handschuhe in der Hand, die nicht nach ihr griff.
Die ersten zehn Minuten schwiegen sie einander an, kein Wort fiel. Nach etwa drei oder vier Schritten hatte er nach ihrem Arm gegriffen und nun wanderten sie eingehängt durch den verschneiten Ort. Er konnte ihr Parfum riechen, sie sein Aftershave und Leute, die sie nicht kannten, hätten sicherlich gedacht, dass ein Pärchen bei ihrem abendlichen Spaziergang zu sehen war.
Als sie bei einem Eislaufplatz angekommen waren, ließ Liv ihren Kopf kurz auf seiner Schulter sinken, Teenager beobachtend, wie diese an einer Bande standen und Intimitäten austauschten.
„Kannst du eislaufen?", fragte Elliot sie spontan. Das ungewohnte Gewicht an seiner Seite hatte ihm ein Lächeln auf das Gesicht gezaubert.
„Nein."
„Du kannst wirklich nicht eislaufen?", wiederholte er und musste lachen.
„Ja, ich kann nicht eislaufen. Und? Meine Mutter …."
„Dann lernst du es jetzt", kommentierte er und zog sie zum Eislaufschuhverleih. Es war ihr peinlich, als er vor ihr kniete, um ihr die Schuhe richtig zu schnüren und sie dann wackelige Schritte wagte in Richtung Eisfläche. Noch nie hatte sie sich so bloßgestellt gefühlt, aber nicht vor Elliot sondern von ihrer eigenen Mutter, da sie ihr solch selbstverständliche Sachen nicht beigebracht hatte.
Es war vieles, was man ihr gezeigt hatte. Olivia hatte vielleicht mit fünf Jahren lesen können und rechnen, weil ihre Mutter darauf wertgelegt hatte, dass sie auch alleine einkaufen gehen konnte. Also Mittel zum Zweck. Sie hatte ihr zeitig das Radfahren beigebracht, damit sie nicht mit den anderen Kindern den Bus nehmen musste, um dem Gespött ausgesetzt zu sein.
Aber das Eislaufen, Skifahren oder ähnliche Sportarten hatte sie ihr nicht gezeigt und wenn es mit der Schule am Programm stand, war sie stets krank, um sich nicht auslachen lassen zu müssen. Mit einem Freund hatte sie auf der Universität das Skifahren, mehr schlecht als recht, erlernt. Seit einigen Jahren war sie nicht mehr auf den Brettern gestanden, die mittlerweile, laut einer Zeitschrift, die sie im Hotel überflogen hatte, keine zwei Meter mehr lang waren sondern wesentlich kürzer. Auch fuhr man jetzt mit einem Helm und nicht mehr mit wallendem Haar. Zumindest wurde es jedem geraten.
„Kommst du?", fragte er rein rhetorisch und wartete auf der glatten Fläche auf sie. „Lass dich einfach führen von mir", erklärte er und nahm ihre beiden Hände in die seinen.
Die Fläche war beinahe leer und aus den Lautsprechern ertönten Walzerklänge, Olivia vermutete Johann Strauß.
„Liv, du nimmst meine Hände und schaust mir einfach in die Augen, der Rest passiert dann von selbst."
Der Gedanke, dass sie ihm tief in die Augen blicken sollte, verwirrte sie, bereitete ihr beinahe Angst. Angst, da sie befürchtete, damit ihr Innerstes zu offenbaren.
Die ersten Schritte, die sie machte, waren unbeholfen, kinderhaft. Aber nach zwanzig Minuten und einigen Stürzen, etwas Gelächter und kurzen spaßigen Kommentaren, konnte sie bereits selbst eine Runde fahren, alleine.
Ja, sie war stolz auf sich und gestand sich ein, dass Elliot eine weitere Schwäche ausgebügelt hatte. Abermals hatte er es geschafft.
„Komm, versuch nun einmal richtig zu bremsen, Liv. Fahr zu mir und bremse dann. Es kann nichts passieren, ich fange dich auf."
Etwas zögerlich fuhr sie von der einen Bande an und auf Elliot zu. Schon lange hatte sie nicht mehr solchen Spaß gehabt. Oftmals war sie vor dem Rockefeller Center gestanden und hatte den Leuten beim Eislaufen zugesehen. Immer wieder hatte sie sich gesagt, dass sie es im nächsten Winter versuchen würde, vielleicht mit Maureens Hilfe. Aber jedes Jahr hatte sie sich wieder gesagt, dass es peinlich wäre, besonders wenn andere diesen Makel erkennen würden.
Als sie versuchte vor Elliot zu bremsen, stellte sich ihr linker Schuh etwas quer und sie kam ins Trudeln, stolperte direkt in Elliots Arme, der durch ihre ruderartigen Bewegungen nun auch den Halt verlor und innerhalb von wenigen Sekunden lagen beide auf der glatten Eisfläche und lachten, lachten wie kleine Kinder.
Sie mussten aufstehen aber am liebsten wäre Elliot einfach liegen geblieben, hätte weiterhin in ihre schokoladebraunen Augen gestarrt, sich überlegt, wie ihre Lippen schmecken, sich anfühlen würden und ihre roten Wangen mit seinen Händen umschließen, aber es war ihm verwehrt, solche Sachen zu machen. Er würde sie nicht in diese Situation bringen.
„Komm, wir müssen aufstehen, sonst sind unsere Sachen durch und durch nass", erklärte er und half ihr wieder auf die Beine. Gemeinsam fuhren sie dann in Richtung Ausgang. Mehr als zwei Stunden hatten sie sich auf dem Eis aufgehalten und Olivia hatte es gefallen, besonders in seinen Armen zu liegen, auch wenn es ein Unfall gewesen war.
Den ganzen Weg zurück zum Hotel lachten sie, erst als sie in der Bar Fin und Munch begegneten, wurden sie plötzlich wieder still. Niemand musste im Detail wissen, was sie gerade erlebt hatten, niemand musste wissen, wie nahe sie sich standen.
„Trinken wir noch eine heiße Schokolade?", fragte Olivia als sie den Mantel abstreifte und sich neben Munch setzte, der sie von oben bis unten musterte.
„Sicherlich, etwas zum Aufwärmen wäre jetzt perfekt." Nicht dass er dies wirklich nötig hätte, da all die Bewegung ihn warmgehalten hatte.
Aus dem einen Kakao mit Rum, den der Kellner vorgeschlagen hatte, wurden im Laufe des Abends dann acht oder nein. Arm in Arm schwankten die vier New Yorker Detectives in Richtung ihrer Zimmer. Sie lachten viel und hatten eine wahrhaft gute Zeit, all die Differenzen der Anreise schienen vergessen zu sein.
„Du kannst nicht in der Hose schlafen", sagte Elliot lachend zu Liv, die noch komplett bekleidet auf das gemeinsame Bett gefallen war.
„Ich bin einfach zu fertig, um noch einmal aufzustehen." Mit einer raschen Bewegung streifte sie ihre Socken ab, ohne sich groß aus ihrer Ruheposition zu begeben.
„Olivia", sagte Elliot und kam in einer langen Pyjamahose gekleidet aus dem Badezimmer, ohne ein Tshirt zu tragen.
Obwohl der Raum nur durch das Badezimmerlicht illuminiert wurde, abgesehen von den Straßenlaternen, die das Licht durch den Schnee etwas ins Zimmer reflektierten, war es dunkel. Trotzdem konnte sie das helle Blau seiner Augen erkennen, das leichte Glänzen seiner dezenten Brustbehaarung, als er sich zu ihr begab.
Nein, sie sollte aufstehen, sollte sich möglichst weit von ihm wegbewegen bevor er, oder sein Körper, sie noch mehr in seinen Bann ziehen würde.
Sein Brusthaar hatte bereits einen leichten Grauton angenommen, stellte sie fest, als er näher und immer näher auf sie zukam. Sie musste sich aus dieser Position befreien, wenn sie diese Nacht überleben würde wollen.
Das Bett war bequem, herrlich – weder zu hart noch zu weich, die Decke eine flauschige warme Angelegenheit, wie sie es nicht kannte, vor allem waren es zwei Decken und nicht eine gemeinsame, wie man sie zu Hause in der Heimat stets bekam.
„Geh dich umziehen, Livvy", sagte er etwas fordernder und stand neben ihr, ließ seine Blicke über ihren angezogenen Körper streifen. Sie sah müde und zufrieden aus, ihre Wangen waren Rot, diesmal nicht von der Kälte sondern wahrscheinlich aufgrund des Alkohols.
Nur zögerlich richtete sie sich auf, stützte ihr ganzes Gewicht auf ihre Ellbogen, die sie leicht hinter sich positioniert hatte. Es war ihr nicht möglich Elliot in die Augen zu sehen, zu stark war sie von seiner muskulösen Brust angezogen, die sie bereits etliche Male gesehen hatte und doch schien sie ein Magnet zu sein.
Im Gegensatz zu Elliot hatte sie einen zweiteiligen Pyjama im Gepäck nur war er nicht so verdeckend, wie sie in diesem Moment hoffte, dass er sein würde. Es handelte sich um ein einfaches Nachtgewandt, welches Katie und Maureen ihr letztes Jahr zum Geburtstag geschenkt hatten und welches seitdem zu ihren Favoriten zählte. Er war hellblau und hatte weiße Wölkchen auf den Stoff gedruckt, vorne stand auf dem Tanktop-artig geschnittenen Oberteil „Princess". Im Badezimmer zog sie sich um, brauchte länger als gewöhnlich, weil sie dreimal ihre Haare bürstete, zweimal ihr Gesicht mit kaltem Wasser beträufelte, um ihre Nervosität
Doch als sie aus dem Badezimmer kam, waren Elliots Augen bereits zugefallen und er lag auf seinem Rücken, auf seiner Decke. Olivia musste lächeln und ihn etwas beobachten, wie er so friedlich, unschuldig wie ein kleines Kind auf dem Bett lag, seine trainierte Brust sich hob und senkte mit jedem Atemzug, den er machte. Er war schön, auf seine ganz eigene Art und Weise.
Liv konnte nicht wiederstehen, ihren Finger über seine Schusswunden gleiten zu lassen, in der Hoffnung, ihn nicht aufzuwecken und es gelang ihr.
Einige Minuten beobachtete sie ihn noch, bevor sie noch einmal kurz zum Fenster ging, um die dicken Flocken anzusehen, die zu Boden fielen.
Livs Unwissenheit beobachtet zu werden, gefiel Elliot in diesem Moment. Ja, er war eingenickt aber ihre Fingerspitzen, die über seine Haut glitten, hatten ihn wieder aufwachen lassen. Fast hätte er nach ihrer Hand gefasst, sie festgehalten und gegen seine Brust gedrückt, dann entschied er sich dagegen.
Ihr Haar schimmerte im Licht der Laternen, ihr Gesicht war makellos. Natürlich hatten die Zeit bei der SVU ihre Spuren hinterlassen, doch hatten diese sie nur noch einmaliger gemacht.
Als sie sich wieder umdrehte, zum Bett wendete, und sich auf ihre Seite legte, merkte sie, dass er nun unter der Decke lag, sich bewegt hatte.
Unter der Tuchent war es wollig-warm. Einige Zeit benötigte sie, um einzuschlafen, doch schlussendlich überkam sie die Müdigkeit des Tages, der langen Reise, des Saunabesuchs und des gemeinsamen Eislaufens.
Ende Kapitel 5
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