Kapitel – 6
Als Olivia am nächsten Morgen die Augen öffnete, war Elliot bereits aufgestanden, befand sich nicht mehr an seiner Seite, doch schien sie nun auf der seinigen zu liegen. Dankbar war sie zum wiederholten Male, dass man hier zwei Decken in einem Doppelbett erhielt und somit nicht unbedingt unter einer schlafen musste. Nun war sie immer noch auf seiner Seite, roch ihn auf dem Polster, auf dem nun ihr Kopf rastete.
Auch als sie unter der Dusche kam, war Elliot nicht zu sehen, der Laptop saß geöffnet auf dem kleinen Tisch nahe dem Fenster. Mit einer Hand fuhr sie sich durch die immer noch feuchten Haare, mit der anderen streifte sie über das Touchpad. Das Gerät erwachte zum Leben und sie erkannte, dass er mit Mo gechattet hatte, oder war es Kathy gewesen? Bei dem Text, den sie wahrnehmen konnte, war sie sich nicht sicher. Es ging ausschließlich darum, ob er sich mit Liv ein Zimmer teilte oder nicht und die Art und Weise, in der hier kommuniziert wurde, ließ sie zunehmend auf Kathy schließen. Elliot schien ruhig geblieben zu sein, zumindest mit seinen Worten. Immer wieder hat er ihr versichert, dass sie sich keine Sorgen machen solle. Die andere Seite hingegen, war genau das Gegenteil – aufbrausend, beleidigend, ordinär in der Wortwahl.
Schlussendlich ging Olivia in dunklen Jeans und einem mittelblauen Poloshirt und einer dünnen Strickjacke zum Frühstück. Dort traf sie nun endlich auf den Rest der New Yorker Truppe, die alle über Kaffee und Brot heiß etwas diskutierten, allerdings in der Sekunde, als Fin sie erblickte verstummte.
Was war es? Hatte man über sie gesprochen? Elliot rutschte an der Bank zur Seite und machte Platz für sie, schenkte ihr Tee ein, der bereits auf sie gewartet hatte. Auch wenn es reine Höflichkeit war, fühlte sie sich bevormundet.
„Sehr geehrte Damen und Herren", ertönte es plötzlich durch eine Lautsprecheranlage. „Hier ist nun die Einteilung für den heutigen Tag." Es gab eine kurze Pause, bevor er zum Verlesen begann. Die Vorgesetzten hatten sie für diverse Veranstaltungen angemeldet, wenig konnte man freiwählen, hauptsächlich ging es allerdings um Networking – das A und O in der heutigen Gesellschaft. „Sex Crimes London, Buenos Aires und Berlin werden an dem Workshop zur richtigen Kommunikation mit Opfern teilnehmen …" er nannte einige andere Personen, nicht Teams, die auch in diesen involviert sein sollten. Elliot platzierte gezielt einige Kommentare, gezielt, die den Rest des Tisches wissen ließen, dass er dies für sie nicht als nötig empfand. Er war der Ansicht, dass sie ein gutes Team waren und ihren Job sehr gut erledigten, eigentlich keine Hilfe brauchten. „Alle nicht genannten Teilnehmer dieser Konferenz werden sich um 10 Uhr im Veranstaltungsraum in warmer Kleidung einfinden, es wird eine Outdoor-Veranstaltung geben. Sorgen sie dafür, dass sie warme, wenn möglich Wasserfeste Kleidung tragen, Handschuhe und eine Kopfbedeckung mitführen." Der Nachmittag würde ihnen wieder zur freien Verfügung stehen und Liv beschloss für sich, ihn abermals in der Therme zu verbringen. Alleine, auch wenn dies wahrscheinlich unmöglich sein würde.
„In Winterkleidung?", fragte Fin, der das kalte Wetter nicht im geringsten schätzte.
„Ja, wahrscheinlich gibt es irgendeinen Programmpunkt, bei dem wir nass werden könnten", kommentierte Munch und grinste in an. Im Gegensatz zu Fin bevorzugte er das kalte dem warmen Wetter in New York, hier konnte keiner bisher feststellen, was er bevorzugte, da er die meiste Zeit auf seinem Zimmer lesend verbracht hatte. In Ruhe, die er so sehr schätzte.
Kurz vor zehn Uhr waren alle unten gestellt. Olivia hatte eine schwarze Skihose an und eine neue, violette Jacke, Mütze und Handschuhe hielt sie in der Hand. Munchs Kleidung entstammte scheinbar einer Kollektion aus den 70er Jahren, Liv musste kurz lachen, als sie ihn in seinen Glockenhosen sah, in diesem typischen Rot mit weißen seitlich gelegenen Streifen.
„Du warst wohl schon längere Zeit nicht mehr im Schnee, John", kommentierte Elliot und lachte mit den anderen. John hatte nichts gesagt, keine Antwort gegeben.
Als sich die kleine Gruppe versammelt hatte, einige Teilnehmer aus Europa, andere aus Asien und Lateinamerika, zeigte sich der Kursleiter und offenbarte ihnen, dass sie zuerst in den Schnee gehen und dort einige Übungen durchführen würden, weiter geht es dann in eine Kletterhalle, aber dort würden sie Kleidung zur Verfügung gestellt bekommen. Alle Teilnehmer fragten sich wiederholt, was diese Übung auf einem Kongress dieser Art zu tun hatte. Aber sich beschweren würde nichts bringen, Cragen hatte beschlossen, dass dies die richtigen Kurse für sie sein würden.
„Lass diese Blödheiten", wiederholte Elliot. Sie sollten zu zweit ein Iglu bauen, es ging nicht nur um Geschwindigkeit sondern auch Stabilität und Design. Die meisten Paare hatten lange diskutiert, was sie machen würden, Elliot und Liv hatten einfach zu bauen begonnen und waren bereits fertig. Sie hatte die meisten Punkte in Sachen Zeit gemacht, mussten nun allerdings warten, bis die anderen fertig waren. Olivia hatte nichts Besseres zu tun, als ihn mit Schneebällen zu bewerfen, ihm Schnee in die Jacke zu schütten und ähnliche kindische Handlungen.
„Liv, benimm dich endlich", konnte er gerade noch sagen, als sie von hinten auf ihn zustürmte und ihn mit sich zu Boden riss, nun lag er mit dem Gesicht im Schnee, sie hatte seine beiden Hände hinter dem Rücken und flüsterte ein leises „gefangengenommen" in sein Ohr, bevor sie mit der anderen Hand Schnee auf seinen Hals fallen ließ. Vielleicht dauerte es 20 Sekunden, vielleicht mehr, da lag sie unter ihm, ihre Hände über ihrem Kopf. Er konnte nichts mehr sagen, er starrte nur in ihre dunkelbraunen Augen und war sprachlos. Diese Augen, perfekten Lippen, der Körper der so ideal unter den seinen passten.
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, standen sie auf, betrachteten die anderen, die noch brav am Bauen waren und überlegten, wie sie diesen Wettkampf am besten gewinnen konnten. Doch benötigte es nicht viel Überlegung, da es am Ende nur drei Iglus gab, die stabil waren und der Optik nach einem Iglu entsprachen und zwei davon waren relativ instabil.
Es gab keinerlei Preis, nur einen Vermerk in der Kongressakte.
In der Kletterhalle lachten alle übereinander, als sie in enganliegenden Sporteinteilern aus den Umkleidekabinen kamen und das Geschirr umlegten, fixierten und sich daran machten, die ersten Schritte an einer Kletterwand zu wagen. Keiner hatte gewusst, dass Liv dies bereits seit Jahren in ihrer Freizeit machte, seit ihrem ersten Jahr bei der SVU, zuerst mit Monica und später alleine.
Elliot hingegen hatte dies noch nie gemacht und machte einen Fehler nach dem anderen. John war ein Profi, besser als Olivia, sein schlanker Körperbau und die versteckten Muskeln halfen ihm, die Wand innerhalb weniger Minuten zu erklimmen, während der Rest entweder im unteren Drittel war oder immer noch mit dem Partner über die Sicherung diskutierten.
Zwei Wettkämpfe und beide gingen an New York, dies gefiel einigen Teilnehmern nicht so gut. Mit dem dritten, glaubten sie, dass sie gewinnen könnten. Es ging darum, wie gut man seinen Partner kannte.
Ein anderer Detektiv formulierte eine Frage und die zwei in der Mitte mussten ihre Antworten auf ein Blatt Papier schreiben, dann wurde verglichen.
Brazil war gescheitert, an einfachen Fragen bereits, nach Kindheitswünschen, Lieblingsessen und favorisierten Fußballteams. Kopenhangen gelang es etwas besser, die Hälfte der Fragen wurde richtig beantwortet und dann kam New York endlich an die Reihe. Man bat Elliot und Olivia in die Mitte, sie saßen Rücken an Rücken. Der Leiter des Kurses bat um die ersten Fragen.
„Bitte Daniel, stell deine erste Frage."
Daniel war ein kleingewachsener Mann aus Helsinki mit einem unaussprechbaren Nachnamen.
„Ich würde gerne Olivias Lieblingsfarbe wissen."
Man sah die beiden schreiben. Der Kursleiter, Kommissar Deinhartstein ging zu den Befragten und ließ sich die Blätter zeigen, er las vor. „Blau in der Öffentlichkeit, Violett im Privaten." Liv errötete leicht, sie hatte ident die gleiche Antwort auf ihrem Blatt stehen.
„Fragt ihn etwas mehr indiskretes, etwas, das er nicht wissen kann", rief jemand von der andere Seite, den Elliot nicht zuordnen konnte, heraus.
Es wurde kurz diskutiert, die meisten Fragen gingen zu weit, wie auch der Kursleiter meinte.
„Der letzte Mann mit dem sie ausgegangen ist."
Elliot schrieb lediglich „Arzt – groß, blond und unsympathisch" auf seinen Zettel, Liv gab ihm einen Namen, Oliver Sanderson – Arzt. Auch hier gewannen sie im Endeffekt nach 20 Fragen, alle anderen Kandidaten hatten nach weniger als 10 aufgegeben aber dieses Mal versuchte man sie zu knacken, aber es gelang nicht.
„Wie macht ihr das?", fragte ein Detective aus Thailand Elliot und Olivia.
„Sie gehen einander regelmäßig auf die Nerven und lassen die Fetzen fliegen", antwortete er, ohne gefragt zu sein.
„Sie streiten sich auch?"
„Natürlich, quasi wöchentlich", antwortete John und grinste Fin zu. Sie stritten sich immer wieder aber nicht so oft, zumindest dachte dies Elliot. Oder kam es ihm nur so vor?
Liv unterhielt sich inzwischen mit Jens Sensborn, einem skandinavischen Polizeiinspektor, einem wahrlich gutaussehenden Mann. Er war größer als sie, wesentlich sogar, hatte kurzes weißblondes Haar und schien sich überdurchschnittlich für sie zu interessieren. Seine Hand lag seit geraumer Zeit auf ihrer Schulter und all dies gefiel Elliot gar nicht, und dies war sogar noch untertrieben. Er wollte, dass der Mann verschwand, sich in Luft auflöse.
Nach dem Fußmarsch wieder am Zimmer angekommen, verhielt sich Elliot zu ruhig für Livs Geschmack, er ignorierte sie förmlich.
„Was ist los?", fragte sie leise, als sie am Fenster stand und den Schneeflocken beim Fallen zusah, ohne ihn dabei anzusehen.
„Nichts, was soll sein?"
„Du sprichst nicht mit mir?"
„Muss ich das denn immer?"
„Im Normalfall machst du es einfach. Egal zu welchem Thema und zu welcher Zeit."
„Vielleicht gibt es im Moment nichts, über das ich sprechen möchte …"
„Elliot, ….", sagte sie und stieß etwas Luft aus, für ihn hörte es sich wie ein Stöhnen an.
„Vielleicht …"
„Was auch immer", entgegnete sie ihm, drehte sich um, ging ins Badezimmer, zog sich um und ging mit einem Buch und Handtuch im Arm hinunter in die Therme, ignorierte seinen Versuch mit ihr zu sprechen.
Als sie auf ihrer Liege im Sauna-Bereich lag, gehüllt in ein großes, dünnes Saunatuch, ihr Buch in der Hand, betrat Jens mit einer Frau an seiner Seite das Areal. Sie war kleiner als er, auch blond und schien ihn sehr gut zu kennen, da sich seine Hand in der ihren befand. Wie typisch dies doch war, dachte sich Olivia, meistens gefielen ihr Männer, die vergeben waren, meist interessierten sich auch nur diese für sie. Tragisch.
Geschickt versteckte sie sich hinter ihrem Buch, als er an ihr vorbeiging. Aber er schien sie gar nicht zu bemerken. Zu sehr war er damit beschäftigt, der Frau neben sich, Sachen ins Ohr zu flüstern. Nicht, dass es sie ärgerte, sie verstand nur Männer wie ihn nicht, die an verschiedenen Fronten spielten. Wie Elliot.
Als Jens sich in das Whirpool setzte und weiter mit der Frau flirtete, beschloss Olivia, dass es wohl Zeit war, ihre dezent aufkommende Wut auszuschwitzen, entkleidete sich und ging, nur in ein großes Saunatuch gehüllt in die finnische Sauna. 90 Grad sollten helfen, sich zu entspannen, alles zu vergessen.
Sie legte sich auf die oberste Pritsche, das Tuch unter sich ausgebreitet, am Rücken liegend. Es dauerte ihr dieses Mal beinahe zu lange, bis sie zu schwitzen begann. Erst der zweite Aufguss brachte die richtige Erleichterung. Ihre Haut brannte und der Saunameister drehte das Handtuch schnell. Sie hatte sich aufgesetzt für diesen Akt der Saunakultur und er fächerte ihr nun heiße Luft zu, schnell. Es fühlte sich an, als würde diese gegen ihre Haut knallen, wie ein Auto gegen eine Betonmauer.
Trotzdem ärgerte sie sich immer noch über Jens und die Art und Weise, wie er zuvor mit ihr umgegangen war, wenn er so und so jemanden an seiner Seite wusste, der auf ihn wartete. Nach dem Aufguss legte sie sich wieder auf ihre Pritsche und merkte anfänglich nicht gleich, dass Elliot die Sauna betreten hatte und sich auf den einzigen freien Platz setzte, der ihm zur Verfügung stand – einen, vor Olivia, sein Haar berührte ihren Brustkorb an Stellen, an denen es noch nie war. Olivia merkte, wie unangenehm es ihm war, sie nickte ihm kurz zustimmend zu.
Elliot hatte das Saunatuch etwas gelockert, es lag nun eher unter ihm anstatt teilweise über ihm und verdeckte nichts. Liv konnte ihre Blicke von ihm nicht abwenden. Seitdem sie den Arzt gedatet hatte, war schon einige Zeit vergangen. Monate. Beinahe ein Jahr.
Auch so in diesem entspannten Zustand war er groß, mächtig und sie wollte sich gar nicht vorstellen, wie groß er sein würde, wenn er erregt war, doch genau dies passierte, in dem Moment, in dem sie sich sagte, dass sie dies nicht tun würde. Und sie wurde von einem Gefühl innerer Wärme erfüllt, erregt. Es würde schmerzen, gut schmerzen, vielleicht würde es nicht gleich erfüllend für sie sein, aber auf der anderen Seite, war sie noch nie mit einem Mann seiner Größe intim gewesen, hatte dies noch nie ausprobiert. Doch was würde sie dafür tun.
Manchmal war sie wahrhaftig dankbar, kein Mann zu sein. Ihre Erregung ließ sich verheimlichen, bei ihm war dies sicherlich nicht der Fall. Und anstatt die Augen zu schließen, so wie am Tag zuvor, blickte sie ihm direkt in den Schoß, auf seine leicht gespreizten Beine. Es war kein Wunder, dass er Vater von fünf Kindern war, wahrhaftig nicht.
Als sie endlich die Sauna verlassen konnte, Elliot bereits gegangen war, gönnte sie sich einen langen Tauchgang im Eisbecken. Sie blieb in diesem Wasser länger als jemals zuvor. Als sie hinausging, brauchte sie eine heiße Dusche, aber ihre Gedanken waren immer noch bei Elliot.
+++ Ende Kapitel 6 +++
