Der Weg nach Mittelerde

Plötzlich war es hell um mich herum. Schlagartig war es Tag. Ich stand zitternd hinter der Eiche. Für den ersten Moment dachte ich, ich hätte alles nur geträumt. Bis der Schmerz in meiner Schulter und an meiner Hüfte mich eines Besseren belehrte. Hastig drehte ich mich um. Fieberhaft glitten meine Augen umher. Ich versuchte meine Verfolger auszumachen. Doch niemand war zu sehen. Niemand war zu hören.

Langsam kam ich wieder zu Atem. Mein rasender Puls beruhigte sich. Ich ging auf die Lichtung hinaus und blickte mich um. Der Wald, den ich sah, war dem ähnlich, den ich kannte, aber er war es nicht. Die Jahreszeit war zudem eine andere. Die Bäume waren belaubt. Es war warm. Ich zog meine teilweise zerfetzte Jacke und meinen Pullover aus. Jetzt konnte ich die Einschüsse begutachten. Ich verband meine Wunden notdürftig mit einem Streifen von meiner Bluse. Dann nahm ich meine Kleidungsstücke und entschloss mich, in die Richtung zu gehen, aus der ich gekommen war. Leicht humpelnd machte ich mich auf den Weg. Ich würde vorsichtig sein.

Aber den Weg, den ich in der Dunkelheit gelaufen war, gab es nicht mehr. Alles war zu gewuchert. Der Wald erschien verfilzt. Die Bäume standen dichter als gewöhnlich. Das Unterholz war fast undurchdringlich. Langsam näherte ich mich der Stelle, wo unser Haus stehen sollte, aber dort war nichts. Die Landschaft kam mir eigenartig verändert vor. Mir fiel auf, dass die Luft anders roch. Viel frischer und eher erdig oder grasig. Ich konnte es nicht genau beschreiben. Während ich zur Lichtung zurückging, bemerkte ich weiterhin das Fehlen von gewohnten Geräuschen. Ich hörte nur den Wind in den Blättern und meinen eigenen Atem. Ab und zu zwitscherten Vögel.

Kein einziges Flugzeug war zu hören. Von der Eisenbahnlinie, die man sonst zwar schwach, aber doch als Hintergrundgeräusch wahrnehmen konnte, war nichts zu vernehmen. Ich kam an dem kleinen Flusslauf vorbei, in dem ich als Teenager oft badete. Die Begradigung des Flussbettes, die wir vor Jahren dort angelegt hatten, war nicht mehr vorhanden. Der Fluss sah breiter und wilder aus, als zuvor. Hier trennte ich mich von dem kleinen Goldkreuz, das bis dahin meinen Glauben symbolisiert hatte.

Die Kirche hatte meine Familie auf dem Gewissen. Das konnte ich keinem Gott verzeihen. Schon zweimal hatte dieser Gott mich im Stich gelassen. Mit Schwung warf ich es in den Fluss. Es drehte sich in der Luft und ein goldenes Schimmer ging von ihm aus, als es im Wasser versank. Hiernach kehrte ich zum Kultbaum zurück. Dort überdachte ich meine Situation.

Es war alles äußerst merkwürdig. Irgendetwas stimmte hier nicht, aber ich konnte nicht sagen was. Es dämmerte und ich beschloss auf den Baum zu klettern. Zaghaft berührte ich die Äste. Diesmal geschah nichts. Ich verbiss den Schmerz und zog mich hoch. In einer Astgabel in ungefähr zehn Fuß Höhe blieb ich liegen. Die Nacht kam rasch. Auf einmal war es stockdunkel um mich herum. Solch eine Finsternis hatte ich nie zuvor erlebt. Sonst konnte man immer den vagen Schein einer Stadt sehen. Doch es war absolut finster. Als ich zum Sternenhimmel hinauf schaute, versuchte ich die Satellitenbahnen zu erkennen, die man bisher immer leicht verfolgen konnte. Nichts dergleichen war zu sehen.

Es gab keine schnell über den Himmel ziehenden Lichter. Gewohnte Sternbilder suchte ich vergeblich. Ich konnte keinen ‚Großen Wagen' sehen oder ‚Orion' oder gar ‚Cassiopeia'. Ein Gefühl der Beklemmung stieg in mir auf. Die Geräusche der Nacht waren ungewohnt. Der unheimliche Ruf einer Eule erklang unweit von mir. In der Ferne hörte ich einen Wolf heulen.

Ein Wolf, dachte ich mit Unbehagen. Wölfe gibt es in Irland nicht. Dem Wolf antworteten andere. Ich bekam Angst. Ich achtete auf die andere Nachtgeräusche und war zutiefst beunruhigt. Alles sah danach aus und hörte sich danach an, dass ich nicht mehr in Irland war. Doch wo, bei Cernunnos Hörnern, war ich? Vor Erschöpfung fiel ich spät in der Nacht in Schlaf.

Am nächsten Morgen lag ich immer noch in der Astgabel und nach wie vor war alles um mich herum anders, als ich es kannte. In der Ferne konnte ich ein hohes Gebirge sehen. Die Gipfel waren mit Schnee bedeckt. Aufgrund der geschätzten Höhe konnte es nicht zu den Wicklow Mountains gehören. Folglich konnte ich unmöglich in Irland sein. Ich hatte dafür keine Erklärung und wusste nur, dass ich Menschen finden musste. Also machte ich mich auf den Weg.

Ich ging in Richtung des Dorfes, welches ich eigentlich auf meiner Flucht erreichen wollte. Es sollte nach etwa sieben Meilen in Sicht kommen. Aber dort war nichts außer Wald zu sehen. Meine Wunden bluteten wieder. An einem Wasserlauf machte ich Halt. Diesen hatte ich nie zuvor gesehen. Dort wusch ich die Wunden aus und verband sie erneut mit einem kleinen Streifen von meiner Bluse.

Ich spürte, dass die eine Kugel in der Schulter steckte. In Hüfthöhe hatte die andere Kugel die Haut aufgerissen, aber die Muskulatur nicht verletzt. Es tat trotzdem höllisch weh. Mein Magen knurrte, aber außer ein paar Pflanzen und Beeren, die mir annähernd bekannt vorkamen, doch nicht so aussahen, wie ich es in Erinnerung hatte, sah ich nichts Essbares. Ich kaute vorsichtig ein paar Beeren, trank einige Schlucke Wasser und machte mich weiter auf den Weg.

Die nächste Nacht verbrachte ich wieder in einem Baumwipfel. Ich ging immer an diesem Flusslauf entlang. Aus Büchern und dem Grundstudium wusste ich, dass Menschen häufig in Nähe von Gewässern gesiedelt hatten. Früher oder später musste demzufolge eine menschliche Behausung kommen.

Meine Wunden entzündeten sich. Aus Ermangelung einer anderen Wundauflage, wusch ich die behelfsmäßigen Verbandsstreifen immer wieder aus. Ich hatte Hunger. Vor Erschöpfung fiel ich fast um. Einzig meine Disziplin hielt mich aufrecht. Ab und zu aß ich ein paar Beeren, die ich fand. Doch davon wurde ich nur hungriger. Aber ich ging weiter, weil irgendwann ein Haus oder ein Dorf kommen musste. Ich weigerte mich zu glauben, dass ich hier völlig allein sein könnte. Allerdings sank meine Hoffnung immer mehr.

Tag um Tag wanderte ich. Ein Ast, über den ich fast gestolpert war, diente mir als Wanderstock und Kletterhilfe, damit ich für die Nacht in einen Baum klettern konnte. Bald würde ich dafür jedoch nicht mehr die Kraft besitzen. Dann würden die Wölfe ein leichtes Spiel haben. Jede Nacht hörte ich sie heulen und jede Nacht kamen sie näher. Ich verfluchte mich, dass ich es als Kind abgelehnt hatte, zu den Pfadfindern zu gehen. Mir fehlten die grundlegendsten Kenntnisse des Überlebens in der Wildnis. Aber ich hatte viel Zeit zum Nachdenken.

Warum hat der Vatikan meine Familie töten lassen? Was, bei Cernunnos, hat mein Vater auf seiner Forschungsreise entdeckt, dass so enorm wichtig war, dass dafür Morde beauftragt wurden?

Ich erinnerte mich, dass mein Vater nach seiner Heimkehr verstört und in sich gekehrt war. Er hatte in mancher Hinsicht einen gehetzten Eindruck gemacht. Oft hatte er sich stundenlang in seinem Arbeitszimmer eingeschlossen, was untypisch für ihn war. Auch war seitdem sein Arbeitszimmer immer verschlossen gewesen. Etwas, was ich auch so nicht kannte. Bis dahin hatten wir stets freien Zugang gehabt.

Ich überlegte, dass es etwas Kleines gewesen sein musste, was er mitgebracht hatte. Er musste es im Gepäck untergebracht haben. Vielleicht ein Pergament? Ein kleiner Gegenstand? Ich hatte keine Ahnung. Falls ich jemals den Weg zurück finden würde, nahm ich mir vor, bei Patrick O'Reilly vorbeizuschauen.

O'Reilly wohnte in dem Dorf, welches ich versucht hatte zu erreichen. Hier wurde alle zwei Jahre ein vierzehntägiges Fest gefeiert, die sogenannten celtic-weeks, an dem man die alten Zeiten wieder aufleben lies. Dabei wurde das Lugnasadh begangen, das keltische Erntefest. Es war sehr bekannt und aus allen europäischen Ländern reisten Keltenbegeisterte, Mittelalterfreaks und diese sogenannten Rollenspieler an.

Ich hatte ein paar Mal teilgenommen, um meiner Mutter einen Gefallen zu tun. Auf diese Art konnte man einige Aspekte des ehemaligen keltischen Lebens hautnah erleben. O'Reilly war außerdem der Hüter des "Zwergenhortes" und von altem keltischen Blut. Wenn mein Vater was entdeckt hatte, dass er keiner Bank anvertraute, so würde ich es im "Zwergenhort" finden. Zumindest eine Kopie davon. Meine Mutter hatte bestimmt dafür gesorgt.

Wehmütig dachte ich an zu Hause. Ich schleppte mich weiter. Immer größer wurde der Abstand zum Kultbaum. Ab und zu sang ich ein Lied auf Gälisch oder sogar Sindarin, damit ich wach blieb. So verließ mich der Mut zumindest nicht. Meine Wunden waren mittlerweile eitrig. Ich hatte Fieber. Wahrscheinlich hatte der Wundbrand schon eingesetzt. Dann war auch der Tod nicht mehr fern. Trotzdem schleppte ich mich weiter. Ich weigerte mich aufzugeben.

Nach fünf Tagen hörte ich vor mir Geräusche. Seit einigen Stunden hatte ich zudem das Gefühl beobachtet zu werden. Einmal war mir, als hätte ich für einen Augenblick eine Gestalt durch das Unterholz huschen sehen. Ich hatte Angst und spürte mein Herz in rasendem Tempo schlagen. Während ich mich zu ruhigem Atmen zwang umklammerte ich meinen Stock stärker. Da ich bei näherer Betrachtung nichts entdecken konnte, hielt ich es für ein Trugbild, hervorgerufen durch das Fieber. Aber die Geräusche jetzt vor mir schienen real zu sein. Kurz vorher hatte ich wehmütig ein altes Lied auf Gälisch gesungen. Ich war aufgeregt, denn endlich würde ich andere Menschen treffen. Menschen, die mir helfen konnten. Ich mobilisierte meine Kräfte und lief den Geräuschen entgegen. Und stoppte plötzlich entsetzt, als ich um die Ecke bog.

Vor mir sah ich vier Wesen, wie aus meinen finstersten Albträumen entsprungen. Sie waren um die sieben Fuß groß, menschenähnlich gebaut, mit Gesichtern, die einem das Blut gefrieren ließen. Und es schienen eindeutig keine Masken zu sein. Sie benutzten eine Sprache, die an eine Mischung aus Grunzen und Bellen erinnerte. Sie trugen Waffen, die ans Mittelalter erinnerten. Äxte, Keulen, riesige Bögen.

Ich machte auf der Stelle kehrt, aber sie hatten mich schon entdeckt. Unter Aufbietung meiner letzten Kräfte rannte ich davon. Doch diese Ungeheuer waren schneller und schnitten mir den Weg ab. Ich versuchte durchzubrechen, was kläglich misslang. Mein Überlebenswille wurde augenblicklich aktiviert. Ich hatte nie außerhalb des Trainings kämpfen müssen. Selbst als ich auf dem Campus von den Kirchenmännern, so nannte ich sie jetzt für mich, bedroht wurde, war ich nicht in der Lage gewesen mich zu verteidigen. Aber jetzt war ich bereit mein bisschen Leben, das mir geblieben war, so teuer wie möglich zu verkaufen. Gehetzt blickte ich in die Runde.

Sie schienen mit mir zu spielen. Ihre Laute waren widerwärtig und jagte mir Schauer über den Rücken. Ich suchte mir den Kleinsten aus, um dort durchzubrechen. Mit meinen letzten Kräften rammte ich ihm meinen Stock ins Gesicht. Knochen knackten mit einem hässlichen Geräusch. Gurgelnd brach das Ungeheuer zusammen, doch er war bei weitem nicht tot. Ich sprang über ihn hinweg und sprintete los. Nur mein Wille trieb mich vorwärts, aber ich kam nicht weit.

Ein Pfeil traf mich in den rechten Arm. Die Wucht schleuderte mich herum. Ich fing mich und versuchte weiter zu laufen. Ein weiterer Pfeil bohrte sich in meine ohnehin verletzte Hüfte. Ich schrie verzweifelt auf. Er hatte mich deutlich verlangsamt. Trotzdem versuchte ich weiter zu entkommen. Da traf mich ein weiterer Pfeil in den Rücken. Ich spürte den Einschlag und taumelte nach vorne. Grunzendes Brüllen, das wohl Gelächter sein sollte, dröhnte in meinen Ohren. Ich fiel auf die Knie. Langsam sank ich zu Boden. Alles erschien mir auf einmal wie in Zeitlupe. Vor mir im Gebüsch sah ich eine Gestalt. Weitere Pfeile sirrten. Dumpf klangen die Einschläge. Ich hörte gurgelnde, unmenschliche Schreie und dann nichts mehr.

Der Schütze trat aus dem Gebüsch hervor. Ich erblickte eine schlanke, hochgewachsene Gestalt mit schön geschnittenem Gesicht, langen, goldglänzenden Haaren und in der linken Hand einen Bogen mit eingelegtem Pfeil. Ein Engel, ich sterbe, dachte ich, während ich versuchte, die Augen offen zu halten. Das Bild brannte sich in mein Gehirn ein. Ich hörte meinen Atem überlaut und keuchend. Mein Herzschlag dröhnte in meinen Ohren, wurde langsamer und verstummte mit einem Mal. Ich spürte, wie sich meine Blase entleerte. Wie entwürdigend ist es doch so zu sterben, schoss es mir durch den Kopf, bevor es dunkel um mich wurde.

Ich weiß nicht, wann ich erwachte. Ich fühlte, dass ich hohes Fieber hatte. Ein Feuer brannte vor mir. Eine Gestalt beugte sich über mich und sagte Worte, die ich nicht verstand. Die Stimme klang wohltönend und melodiös. Die Silben schienen merkwürdig vertraut. Im Fieberwahn überschnitten sich das Gesicht vor mir mit dem meiner Mutter. Ich sah sie während der unzähligen Lektionen in Gälisch und Sindarin.

Wasser benetzte meine Lippen und ich trank gierig. Aber es war bitter. Gemurmelte Worte in einer unbekannten Sprache drangen an mein Ohr. Sie hatten etwas Beschwörendes an sich. Sanfte Hände berührten meine Verletzungen. Von ihnen ging eine Art Kraft aus, denn die Wunden fingen an zu prickeln und zu brennen. Ein Dolch blitzte auf. Ich verspürte einen stechenden Schmerz in der Schulter. Unwillkürlich schrie ich auf und versank wieder in Fieberträumen.

Als ich erneut erwachte, brannte das Feuer vor mir immer noch. Das Fieber war verschwunden. Mein Körper schmerzte allerdings, folglich musste ich leben. Ich sah über mir Blätterwerk und schaute in die Runde. Ich war allein und lag in einer kleinen Hütte aus Ästen und Laub. Das Lager bestand aus Moos, Gras und Farn. Über mir war eine Art Decke aus einem unbekannten graugrünem Material gebreitet. Sie fühlte sich unglaublich weich an. Erstaunlicherweise wirkte sie gleichzeitig wärmend und kühlend. Ich bemerkte, dass ich keine Kleidung mehr trug.

Man hatte mich gesäubert. Meine Wunden waren ordentlich verbunden. Aber mit Blättern und Rinde. Ich fühlte mich schwach. Trotzdem quälte ich mich auf die Beine. Neben dem Eingang entdeckte ich zwei, ungefähr drei Fuß lange, Schwerter mit in mattem Gold verzierten schlanken Griffen auf dem Boden liegen. Eingehüllt in die Decke versuchte ich einen Schritt in Richtung des Eingangs zu machen. In diesem Moment glitt jemand herein. Lautlos wie eine Katze. Erschrocken wich ich zurück. Die Decke zog ich krampfhaft enger um mich. Die Gestalt schaute mich an. Langsam legte sie den Bogen und das erlegte Kaninchen ab. Es war der Engel, den ich in meinen Fieberträumen gesehen hatte.

Aber bei genauerer Betrachtung war es kein Engel. Engel haben keine spitz zulaufenden Ohren, tragen keine lederne Rüstung, und vor allem keinen Bogen, der mit in mattem Gold gehaltenen Ornamenten verziert war. Die Sagen kamen mir in Erinnerung, die meine Mutter mir erzählt hatte, als ich Kind war. Vor vielen Tausend Jahren hätten Elben und Kobolde Irland bewohnt. Dies bestätigte meine Vermutung, dass ich nicht mehr in Irland war. Jedenfalls nicht im Irland meiner Zeitrechnung. Denn vor mir stand ein Elb.

Er bewegte sich jetzt ganz langsam und zeigte mir seine unbewaffneten Hände. Ich verstand ihn nicht, als er mich ansprach. Seine Stimme war samtweich und melodiös. Ich hatte Angst und wich weiter zurück, bis die Blätterwand mich aufhielt. Mir schien, als versuchte er mehrere Sprachen. Auf einmal hörte ich wieder die vertrauten Silben. Plötzlich war mir klar, woher ich sie kannte.

Es handelte sich um Sindarin. Nur ein klein wenig anders, als ich es gelernt hatte. Manche Silben waren länger, manche kürzer, manche komplett anders betont. Langsam kristallisierte sich ein Sinn heraus. Ich verstand vereinzelte Worte, wie "sîdh - Frieden" und "ú-'osto – habe keine Angst". Ich nahm all meinen Mut zusammen und fragte langsam auf Sindarin: "Man i eneth lîn? - Wer seid ihr?" Er schien erkannt zu haben, dass mir die Sprache vertraut war und wiederholte seine Worte ebenfalls langsam, so dass ich die Silben erkennen konnte.

"Im Anordil, ionn Glordoron - ich bin Anordil, Sohn des Glordoron", erklärte er mir, "im edhel - ein Elb. Wegen deiner Verletzungen hast du die letzten sieben Tage geschlafen." Verwirrt schaute ich ihn an. "Odog eraid? - Sieben Tage?", fragte ich leise, "man i had hen? - Wo bin ich?" "Du bist in den Wäldern am Fuße des Ered Luin Gebirges", lautete die Antwort. Meine Beine wurden zittrig, dann gaben sie nach.

"Ered Luin! Das kann nicht sein", hauchte ich auf Englisch, "diese Welt gibt es nicht. Es ist doch alles nur eine Erzählung. Ich muss tot sein." Mit einer geschmeidigen Bewegung fing er mich auf. Ich hatte ihn sich nicht großartig bewegen sehen. Sanft bettete er mich auf mein Lager. Dann schwanden mir die Sinne.

Der Duft des gebratenen Kaninchens weckte mich wieder. Durch die gesenkten Wimpern betrachtete ich den Elben, der mir gegenüber am Feuer saß. Er trug eine Hose aus dunkelgrauem Leder, ein tunikaähnliches Hemd in einem gleichartig graugrünem Ton wie die Decke unter der ich lag und eine dunkelbraune Lederrüstung mit mattgoldenen Ornamenten im Schulter- und Brustbereich. Die Armschienen waren aus dunkelbraunem Leder mit ebenfalls mattgoldenen Ornamenten. Der Gürtel wurde mit einer goldenen Schließe gehalten und es hingen mehrere kleine Beutelchen und an der einen Seite ein Dolch daran. Dunkelbraune Lederstiefel vervollständigten seine Kleidung. Goldfarbenes Haar fiel bis fast auf die Hüfte hinunter. An den Seiten schien es geflochten zu sein. Neben den Schwertern sah ich jetzt den Bogen mit dem Köcher und einen ledernen Rucksack liegen. Der Köcher war, ebenso wie der Bogen, mit Goldornamenten versehen.

Der Elb schaute mir direkt in die Augen und lächelte. Jetzt erst bemerkte ich, dass ich diese weit offen hatte. Aus einem Impuls heraus zog ich die Decke enger um mich. "Ú-'osto - habe keine Angst", sagte er zu mir, lächelte mich weiterhin an und zeigte auf ein paar Kleidungsstücke neben mir. Sie sahen denen ähnlich, die er trug. Nur fehlte die Lederrüstung. Es mussten seine Ersatzkleider sein. Dann verschwand er nach draußen. Einen Augenblick blieb ich wie erstarrt liegen. Schließlich wickelte ich mich aus der Decke und zog die Kleider an. Dabei merkte ich, dass ich neu verbunden worden war. Außerdem war ich sauber gewaschen und mein Haar gekämmt und geflochten. Ich wurde rot vor Verlegenheit.

Ich kämpfte mit den Verschlüssen, als ich hinter mir den Elb hörte. "Kann ich dir mit den Schließen helfen?", sprach er mich an. Vor Schreck ließ ich die eine Schließe fallen, die er mühelos auffing. Er wartete keine Antwort ab. Sanft, aber bestimmt befestigte er die Schließen des Gewandes. "No pen-drass - sei unbesorgt", sagte er zu mir, "ú-charnathon gen. Ingon ech saig. Havo dad bo i naur a mado - ich werde dich nicht verletzen. Du musst Hunger haben. Setze dich ans Feuer und iss." Ich war unfähig zu antworten. Ich hatte Angst vor ihm, aber er war meine einzige Möglichkeit hier zu überleben. Gehorsam setzte ich mich auf die eine Seite des Feuers und versuchte meine vor Angst zitternden Hände zu verbergen.

Ich zitterte immer noch, als er mir das Kaninchen zum Essen gab. Mein Magen knurrte vor Hunger. Erst jetzt merkte ich, wie entkräftet ich war. Gierig aß ich das Fleisch. Es war nur mit ein paar Kräutern gewürzt, aber es schmeckte großartig. Der Elb sah mir ruhig zu. "Avado lagor - du darfst nicht so schlingen", mahnte er mich, "dein Magen muss sich erst wieder an Nahrung gewöhnen." Augenblicklich versuchte ich langsamer zu essen.

Er reichte mir eine kleine Schale mit Wasser, das ich vorsichtig trank. "Anírathach istad man cerir aen - du wirst wissen wollen, was geschehen ist", sagte er und machte eine winzige Pause. Scheu sah ich ihn an. "Bitte, Herr Anordil", erwiderte ich leise, "ich weiß nur noch, dass ich vor seltsamen Wesen davonlief." Lächelnd sah er mich an. "Ich bin dir schon einige Stunden gefolgt, bevor du von den Orks angegriffen wurdest", erklärte er mir.

Ich hatte mich demzufolge nicht geirrt, was die Gestalt im Unterholz anging. "Yrch? – Orks?", hauchte ich entsetzt. Bisher hatte ich Orks nur für Albtraumgestalten in einer Erzählung gehalten. "Mae - ja", bestätigte er mir, "ich war neugierig, welches Wesen es wagte, ein orkverseuchtes Gebiet singend zu durchqueren. Zumal dein Sindarin recht merkwürdig ist. – Ich hatte mich dazu entschlossen, mich dir zu erkennen zu geben, als du auf die Orks trafst. – Es war dein Glück, dass ich nicht weit entfernt war. Einen solchen Orkangriff überleben nur wenige." Da konnte ich ihm ohne zu Zögern zustimmen. Es war für mich ein Wunder noch am Leben zu sein.

"Ich brachte dich tiefer in die Wälder, wohin kaum Orks gelangen", berichtete er weiter, "deine Verletzungen waren äußerst schwerwiegend. Deine Wunden waren wahrlich eine Herausforderung für meine Heilkunst. Allerdings musste ich dir die Wunde an der Schulter tiefer aufschneiden, weil ein eigenartiges Stück Metall dort zu fühlen war. – Doch die Heilung schreitet gut voran. Bald wirst du wieder bei Kräften sein." Schweigend hatte ich ihm zugehört. Allmählich begriff ich, dass ich in Mittelerde gestrandet war. "Si hiro îdh – du solltest jetzt ruhen", sagte er bestimmend zu mir, nachdem ich gegessen hatte, "badatham nívarad - wir werden morgen aufbrechen." Danach verschwand er lautlos nach draußen.

Seine Silhouette hob sich gegen den Nachthimmel ab. Ich hatte Angst. Angst vor ihm und vor dieser Welt. Angst vor dem, was mich erwarten würde. Ich kannte Mittelerde nur aus Büchern und aus meiner eigenen Phantasie. Die Welt erschien mir stets grausam und schön zugleich zu sein. Ich fand es als Teenager spannend, die Abenteuer zu lesen. Aber nun hatte ich Angst. Jetzt schien ich irgendwie hierher gelangt zu sein. Obwohl mir das merkwürdig vorkam. Schließlich hatte Tolkien ja nur Romane geschrieben. Er hatte diese Welt nie mit eigenen Augen gesehen. Oder doch?

Wilde Phantasien durchzogen meine Gedanken. Nach einer Weile fielen mir die Augen zu. Ich fing an zu träumen. Allerdings waren es eher Albträume. Ich sah Bilder meiner Familie, als sie erschossen wurden. Immer und immer wieder durchlebte ich diesen Moment. Unruhig wälzte ich mich auf meinem Lager.

Plötzlich legte sich eine Hand ganz sanft auf meine Stirn. Ich hörte leise gemurmelte Worte in einer unbekannten Sprache. Auf einmal war mir, als würde eine Woge von Wasser die bösen Träume fort schwemmen. Mein Geist dümpelte ruhig dahin und meine Träume wurden erfüllt von Licht und Farbe und einem Gefühl der Leichtigkeit.

Als ich am nächsten Morgen erwachte, fühlte sich mein Körper zerschlagen an. Aber dadurch spürte ich, das ich lebte und weder träumte noch tot war. Das Feuer war herunter gebrannt. Draußen in der Morgendämmerung sah ich die Gestalt des Elben. Er musste die ganze Nacht gewacht haben. Er hatte wohl bemerkt, dass ich erwacht war, denn er sah mich an.

"Gen suilon" sprach er mich sanft an, "man i eneth lîn? - Wie ist dein Name? - Damit ich dich ansprechen kann." Verlegen sah ich zu Boden. Ich hatte alle Regeln der Höflichkeit verletzt. "Arwen i eneth nîn - mein Name lautet Arwen Ceridwen", erwiderte ich schüchtern, "bitte verzeiht, dass ich mich nicht vorgestellt habe." Er lächelte mich an. "Gen suilon, Arwen Ceridwen", sagte er, "da hinten ist ein kleiner Bach, dort kannst du dich waschen, wenn du möchtest. Das Gebiet hier ist sicher."

Unsicher und reichlich wackelig stand ich auf. Er reichte mir einen Kamm und deutete in die Richtung, die er meinte. Tatsächlich traf ich nach ein paar Dutzend Schritten auf einen kleinen Bachlauf mit unglaublich klarem Wasser. Es war eiskalt und machte mich augenblicklich munter. Ich setzte mich ins Gras, kämmte meine Haare und flocht sie neu ein. Ich überlegte, was der Elb wohl mit mir vorhaben könnte.

Nach einigen Minuten ging ich zurück zum Lagerplatz. Der Elb reichte mir etwas zu essen. Brot, Beeren und eine Schale Wasser. "Nachdem du gegessen hast, muss ich deine Wunden neu verbinden", sagte er zu mir, "danach werden wir aufbrechen." Furcht breitete sich in mir aus. "Man i ven erin togil nin? - Wohin bringt Ihr mich?", fragte ich leise. Meine Stimme zitterte dabei. Er lächelte mich an. "Ú-mboe gostach nin - du brauchst keine Furcht vor mir zu haben. - Ich werde dich zu meinem Volk nach Cillien bringen. Mallenloth, unsere Heilerin, wird deine Wunden endgültig heilen. Bei meinen Künsten wirst du starke Narben zurückbehalten. Mallenloth wird dies beheben." Nach dem Essen brach er das Lager ab. Er bedeutete mir neben dem spärlichen Gepäck zu warten. Der Elb löschte das Feuer und zerstörte den Unterstand. Geschickt und schnell verwischte er die Spuren unseres Daseins.

"Herr Anordil", sprach ich ihn an, "bitte sagt mir, wo meine eigenen Kleider sind." Er sah mich an. Mir fiel auf, dass seine Augen strahlendblau waren, wie der Himmel über uns. Ein Schauer lief mir über den Rücken. "Deine Gewänder waren unbrauchbar. Ich habe mir erlaubt, sie zu vernichten. Einige Dinge habe ich dir jedoch aufbewahrt." Er reichte mir einen kleinen Lederbeutel. Ich zog ihn auf und sah meine Geldtasche, die Halskette mit dem Amulett und dem keltischen Symbol des Rades der Schöpfung, das mir meine Mutter geschenkt hatte, den Ring, den mir mein Vater geschenkt hatte und die gravierte Oberarmspange, die ich von meinem Bruder an meinem letzten Geburtstag bekommen hatte.

Tränen standen mir in den Augen, als ich diese Dinge sah. Der Elb sah mich leicht verwundert an. "Es sind Andenken an meine Familie", sagte ich leise, bemüht die Tränenflut zu unterdrücken. Er nickte verstehend. "Wir müssen jetzt aufbrechen." Mit diesen Worten nahm er seine Waffen und den Rucksack und wandte sich zum Gehen. Ich streifte die Schmuckstücke über, schloss den Lederbeutel, band diesen an den Gürtel und folgte ihm. Im Gehen wischte ich mir die Tränen weg. Ich würde ein anderes Mal trauern müssen.

Wir wanderten einige Stunden durch den Wald in östlicher Richtung. Der Elb schaute mich des öfteren prüfend an. Ich genoss die Bewegung, obwohl mir mein Körper weh tat. Neugierig betrachtete ich den Wald, durch den er mich führte. Viele Bäume und Gewächse waren mir unbekannt. Einige kamen mir bekannt vor, waren aber anders gewachsen. Dem Elben entging meine Neugier nicht. Nach einer Weile bedeutete er mir neben ihm zu gehen.

Während wir weitergingen, sagte er mir die Namen der einzelnen Bäume und Pflanzen. Nach einigen Stunden machten wir Rast. "Dafür, dass du fast tot warst, ist deine Konstitution beeindruckend", sagte er anerkennend. Ich lächelte scheu. "Danke für das Kompliment", sagte ich leise, "ich habe früher viel Triathlon betrieben." Er schaute mich fragend an. Jetzt erst fiel mir ein, dass man Triathlon hier gar nicht kennen konnte. "Das ist ein Wettbewerb, in dem man einen Dreikampf austrägt. Man muss 45000 Schritte laufen, 10000 Schritte schwimmen und 180000 auf einem Gefährt zurücklegen, welches man mit Muskelkraft antreibt und das alles hintereinander ohne Pause", versuchte ich zu erklären.

So ungefähr schien ihm klar zu sein, um was es ging. Er nickte anerkennend. "Dabei muss man eine gute Ausdauer besitzen. - Beherrschst du eine Waffe?", fragte er mich, "wir werden morgen einen orkverseuchten Abschnitt durchqueren. Es wäre von Nutzen, wenn du in der Lage wärst zu kämpfen." Als er die Orks erwähnte, rannten mir Schauer über den Rücken. Nur zu gut erinnerte ich mich an diese albtraumhaften Geschöpfe. "Ich kann mit dem Bo umgehen", erwiderte ich leise. "Was ist das für eine Waffe?", fragte er neugierig, "ú-iston hen - ich kenne sie nicht." Wieder war ich in einen Fettnapf getapst. "Ein Kampfstab", sagte ich rasch. Er nickte und bedeutete mir sitzen zu bleiben. Lautlos verschwand er im Wald.

Als ich so einen Augenblick alleine da saß, kam es mir vor, als hätte ich alles nur geträumt. Die Blätter in den Bäumen rauschten. Ich schloss die Augen. Wenn ich sie jetzt öffne, bin ich wieder zu Hause und meine Familie lebt, dachte ich bei mir. Dann schlug ich sie auf. Doch es war wie zuvor. Der Rucksack des Elben lag zu meinen Füßen und ich trug dessen Kleidung. "Meinst du dieser Stock wäre der Richtige für dich?" Ich schrak zusammen, als der Elb plötzlich neben mir stand. "Man sollte in diesen Wäldern nicht träumen", lächelte er mich an und reichte mir einen ungefähr sechs Fuß langen Holzstecken. Er hatte genau die richtige Dicke und Länge für mich. Mit zitternden Händen nahm ich ihn entgegen. Er fühlte sich gut an. "Jetzt zeige deine Kunst!", sagte der Elb. Er legte Köcher und Bogen und seine übrigen Waffen bis auf ein Kurzschwert weg.

Unvermittelt griff er mich an. Ich wehrte sofort ab und konterte. Die unzähligen Lektionen im Dojo waren mir in Fleisch und Blut übergegangen. Aber ich war bei weitem nicht fit. Nach einigen Minuten merkte ich, dass ich arg schwächer wurde. Dies machte der Elb sich zunutze und entwendete mir den Stecken mit einer geschickten Bewegung. Plötzlich sah ich sein Kurzschwert auf mich gerichtet. Angst flackerte in mir auf. Der Elb brach den Kampf ab. Er steckte sein Schwert wieder in die Scheide. Anerkennung lag in seinem Blick.

"Zumindest weißt du dich zu wehren", kommentierte er, "an deiner Ausdauer müssen wir ein wenig arbeiten, aber nach diesen Verletzungen ist das nicht verwunderlich. Dein Kampfstil ist allerdings höchst interessant. Zu einem späteren Zeitpunkt wirst du mir erzählen müssen, wo du ihn gelernt hast." Wie erstarrt stand ich da. Einen Sekundenbruchteil lang sah er mir intensiv in die Augen. "Du brauchst keine Furcht zu haben", sagte er nochmals mit Nachdruck und lächelte mich an, "wenn ich dich töten oder dich beschlafen wollte, so hätte ich das längst getan und du hättest dich nicht wehren können. Aber ich möchte dir nicht schaden, also vertraue mir."

Verlegen blickte ich zu Boden. Ich merkte, wie mir das Blut ins Gesicht schoss. Er schien meine Gedanken gelesen zu haben. "Díheno ennin, - verzeiht mir, - ich bin so viel Freundlichkeit von einem Mann nicht gewohnt", flüsterte ich entschuldigend. "Im edhel - ich bin ein Elb", entgegnete er, "du solltest mich nicht mit einem Menschenmann vergleichen. – Boe badam - wir müssen weiter." Er sammelte Waffen und Rucksack wieder auf und wandte sich zum Gehen. Verwirrt nahm ich den Kampfstab. Rasch folgte ich ihm. Es dauerte eine Weile, bis ich mich wieder gefangen hatte. Während wir schweigend wanderten, fand ich ein wenig Zeit zum Nachdenken.

Ich kam zu dem Schluss, dass er Recht hatte. Es gab gar keine Wahl, ich musste ihm vertrauen. In jeder Hinsicht war ich auf ihn angewiesen. Ich wusste ja nicht einmal, wo ich war. Immer weiter entfernte ich mich von dem Kultbaum und von der wohl einzigen Möglichkeit nach Hause zu gelangen. Schlagartig wurde mir klar, dass ich wahrscheinlich nie wieder in meine Welt zurückkehren würde.

Der Elb bewegte sich leichtfüßig vor mir her. Seine Bewegungen erinnerten an eine Raubkatze. Ich kam mir dagegen richtig plump vor. Der Wald war hier dicht, so dass er nur ein gemäßigtes Tempo einschlagen konnte. Gegen Nachmittag führte uns unser Weg sanft bergauf. Die gemischte Vegetation wich allmählich einem dichten Fichtenwald. Langsam merkte ich, wie mich die Kräfte verließen. Meine Muskulatur fing an zu zittern. Als der Elb dies bemerkte, machte er eine kurze Rast.

"Wir müssen noch ein Stück weiter", sagte er zu mir, "hast du die Kraft dazu?" Ich wusste aus vielen Wettkämpfen, dass man durchaus Kraftreserven besitzen konnte, auch wenn man meinte, da wäre nichts mehr. Ich horchte kurz in meinen Körper und nickte schweigend. Die ersten Schritte nach dieser Pause brannten wie Feuer in meinen Beinen. Aber dann ging es äußerst einfach. Das Adrenalin machte es möglich. Automatisch setzte ich einen Fuß vor den anderen.

Am Abend machten wir an einem kleinen Wasserlauf, der von den Höhen herunterführte, Halt. Vor uns ragte das Massiv des Ered Luin Gebirges auf. In der Dämmerung erschienen die Gipfel bedrohlich. "Morgen werden wir ins Gebirge wandern", erklärte er mir, "aber jetzt werden wir hier nächtigen. Weil wir den Orks nahe sind, können wir kein Feuer machen." Er gab mir eine Art Knäckebrot und bedeutete mir zu essen.

"Man hen? - Was ist das?", fragte ich ihn und drehte das Stück in meinen Fingern. "Das ist das Reisebrot der Elben - lembas", antwortete er, "besonders nahrhaft und leicht zu transportieren." Ich nahm zaghaft einen Bissen und musste feststellen, dass es einen würzigen, angenehmen Geschmack hatte und gut sättigte. Nach dem kargen Mahl wusch ich mir an dem Wasserlauf schnell die Hände und das Gesicht. Das Amulett baumelte mir vom Hals. Ich nahm es in die Hand und öffnete es.

Meine Familie lächelte mich an. Es war ein Bild aus glücklicheren Tagen. Wir hatten es zu meinem einundzwanzigsten Geburtstag fertigen lassen. Als ich es ansah, kamen mir die Tränen. Lautlos liefen sie über mein Gesicht. Die Umgebung verschwamm vor meinen Augen. Eine Hand legte sich tröstend auf meine Schulter. Unwillkürlich zuckte ich unter der Berührung zusammen. Doch meine Tränen waren stärker. Es brach mit aller Macht aus mir heraus. Alles was sich aufgestaut hatte, bahnte sich einen Weg nach draußen.

"Warum?", schluchzte ich an der Schulter des Elben, "warum musstet ihr sterben?!" Er konnte mich nicht verstehen, da ich Englisch sprach, aber er umarmte mich sanft und wiegte mich wie ein Kind. Nach einer Weile hatte ich mich wieder beruhigt. Verlegen löste ich mich aus der Umarmung und wischte meine Tränen fort. "Díheno ennin, hîr Anordil - bitte verzeiht mir, Herr Anordil." "Ú-moe díhenad - es gibt nichts zu verzeihen. Wenn du reden möchtest, höre ich dir zu." Er schaute mich mit seinen strahlendblauen Augen an. In der Dämmerung wirkten sie wie zwei Kristalle.

"Hannon le – ich danke Euch", sagte ich scheu, "aber ich muss es erst selber verstehen." Er gab mir seinen Umhang aus dem Gepäck und ich hüllte mich darin zum Schlafen ein. "Losto min îdh a mi hîdh - Schlaf ruhig und in Frieden", wisperte er leise, "beriathon - ich werde wachen." Ich sah ihn eine Weile an, als er dort saß. Solange, bis ich ihn in der Dunkelheit nicht mehr erkennen konnte. Erschöpft fielen mir endlich die Augen zu. Ich träumte wirr, aber nicht so finster, wie die Nacht zuvor.

Am Morgen erwachte ich und fühlte mich besser. Ich fröstelte ein wenig, denn es war über Nacht abgekühlt. Aber mein Körper schmerzte nicht mehr so fürchterlich. Die Wanderung des Vortages hatte mir gut getan. Der Elb war verschwunden. Er konnte nicht weit sein, denn die meisten seiner Waffen und seinen Rucksack hatte er zurückgelassen. Ich wickelte mich aus dem Umhang. Da ich nicht wusste, ob es mir erlaubt war zum Wasser zu gehen, blickte ich mich vorsichtig um. Als ich niemanden erblickte, lief ich zum Wasser um mich ein wenig zu waschen. Es war eiskalt und machte mich schnell munter. Ich trank noch ein paar Schlucke. Schnell kehrte ich zum Lagerplatz zurück. Danach genoss ich den Anblick der Berge.

Jetzt in der Morgendämmerung machten sie ihrem Namen "Blaue Berge" alle Ehre. Die Felsen der Gipfel schimmerten blau und der Schnee als Krone wirkte majestätisch. "Das Ered Luin Gebirge", murmelte ich leise in Englisch, "oh Dad, wenn du das sehen könntest. – Und ich hatte dich belächelt, weil du an Mittelerde glaubtest."

"Gen suilon, Arwen", hörte ich die Stimme des Elben hinter mir. Ich zuckte zusammen. "Haewithon na ú-lú bo ú-vrui thiach - ich werde mich wohl nie an euer lautloses Erscheinen gewöhnen", sagte ich entschuldigend. "Das ist eben Elbenart", antwortete er freundlich, "boe tirion heiru lîn a tar badatham - lass mich deine Wunden neu verbinden und dann müssen wir aufbrechen." Er reichte mir ein Stück Lembas. Während ich aß, entfernte er geschickt die Verbände. Ich war verlegen, weil ich fast die ganze Kleidung ablegen musste. Er tat so, als würde er es nicht bemerken.

Wahrscheinlich fragte er sich, was mir zugestoßen war, dass ich dermaßen schreckhaft und ängstlich war. Anschließend brachen wir auf. "Sirarad ú-dhevo trenarin gen - heute werde ich dir nicht viel erklären können. Wir müssen ruhig und unauffällig bleiben", sagte er. Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte er sich zum Gehen. Ich versuchte ihm so lautlos, wie es mir möglich war, zu folgen. Aber ich kam mir unheimlich plump, regelrecht ungeschickt, vor. Wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen. Unser Weg führte jetzt stark bergauf. Weiterhin waren wir im Wald. Nach einer Weile bedeutete er mir stehen zu bleiben und in Deckung zu gehen. Ich kauerte mich im Unterholz ganz fest zusammen. Ganz flach atmete ich, um möglichst wenig Geräusch zu verursachen.

Bevor ich sie sah, konnte ich sie hören. Dann brachen sie durch das Unterholz. Es waren drei Orks. Lautstark unterhielten sie sich in ihrer grunzenden Sprache. Vor Schreck war ich erstarrt. Nachdem sie vorüber waren, gab mir der Elb ein Zeichen. Mir zitterten die Knie als wir weiter wanderten. So ging es den ganzen Tag. Wir kamen an weiteren fünf Orkpatrouillen vorbei, ohne entdeckt zu werden. Während unserer Wanderung wich der Wald einem Krüppelbewuchs, um danach in eine Graslandschaft überzugehen. Am Abend rasteten wir wieder ohne Feuer.

"Badatham tre-fuin - wir werden die Nacht durchgehen", eröffnete mir der Elb, "boe raetham i lond nedin 'wath. Sí laden dôr ú-veriannen estolad mîn. Nívarad nedin 'wath garitham i bâd faeg caedatham adel ven - wir müssen den Pass in der Dämmerung erreichen. Hier im offenen Gelände ist es nicht ratsam zu lagern. Morgen früh werden wir den schlimmsten Teil hinter uns gelassen haben." Irritiert schaute ich ihn an. "Ú-dhevon tíro min i fuin - ich kann aber in der Dunkelheit nichts sehen", wand ich zögernd ein. "Estelio nin, gen tegithon - vertraue mir, ich werde dich führen. Wir Elben können von Geburt an in der Dunkelheit sehen. Dies sollte euch Menschen bekannt sein." Ich spürte, wie mir die heiße Röte ins Gesicht stieg. Mir kam in Erinnerung, dass Tolkien es erwähnt hatte, aber ich hatte immer noch Schwierigkeiten mich der Realität zu stellen.

Wir aßen eine Kleinigkeit. Dann machten wir uns wieder auf den Weg. Ich folgte dem Elben, bis ich nichts mehr erkennen konnte. "Lege deine Hände an den Köcher und folge meinen Bewegungen", flüsterte der Elb, "ich werde dich nicht in die Irre führen." Meine Hände zitterten leicht, als ich den Worten Folge leistete. Ich hielt mich an den Lederriemen seines Köchers fest. Sein Körper strahlte Wärme aus und unter der Lederrüstung konnte ich seine Muskulatur spüren. Ich versuchte seine Bewegungen nachzuvollziehen. Anfangs bewegten wir uns außergewöhnlich langsam. Ich brauchte einige Zeit, bis ich den Bewegungsrhythmus verinnerlicht hatte. Doch mit der Zeit wurde ich sicherer.

Als der Morgen dämmerte, machten wir Rast. Diese hatte ich bitter nötig. Die ganze Nacht war der Weg bergauf gegangen. Mal mehr, mal weniger steil. Wenn man zusätzlich nichts sehen kann, ist man doppelt gestraft. Außerdem fror ich erbärmlich. Obwohl ich den Elbenumhang trug, in den ich mich fest eingewickelt hatte.

"Gen lostathach ú-rim, tar hebich bil lîn - ich werde dich ein wenig schlafen lassen, damit du bei Kräften bleibst." Damit bedeutete er mir, mich schlafen zu legen. Ich rollte mich an einem Felsen zusammen und versuchte mich warm zu zittern. Ich konnte nicht schlafen. Ein Klappern störte die Stille. Erst als der Elb mir seine Hand auf den Mund legte, realisierte ich, dass das Klappern von meinen Kiefern kam. "Boe sedhim! - wir müssen still sein!", sagte er leise, "im Gebirge hallt jedes Geräusch noch mal so weit. - A in yrch ú-chaeron! - und die Orks sind nah!" Entsetzen stand in meinen Augen. Ich nickte verstehend. Er nahm seine Hand weg. Schon klapperten meine Kiefer wieder los.

"Mathon ring - mir ist so kalt", presste ich hervor. Mit einer Hand hielt ich mir selber den Mund fest. Anordil wickelte mich kurzerhand aus dem Umhang aus, rückte nah an mich heran und schloss den Umhang um uns beide. Ich erstarrte zu Stein. "No min îdh - sei ganz ruhig", flüsterte er mir zu, "ich werde dich wärmen." Nach einigen Minuten spürte ich, wie sich die Wärme des Elben auf mich übertrug. Es dauerte nicht lange, da war ich eingeschlafen. Im Schlaf kuschelte ich mich näher an ihn heran. Ich suchte unbewusst seine Wärme. Bereitwillig drückte er mich fest an sich. Er spürte wohl, wie die Wärme in meinen Körper zurückkehrte.

Als er mich weckte, war der Frost aus meinen Knochen verscheucht. Ich schlug die Augen auf und wurde mit einem atemberaubenden Bild belohnt. Wir waren hoch oben im Gebirge. Die Schneegrenze befand sich nur ein kurzes Stück weit über uns. Man hatte einen wundervollen Blick über das Massiv. Schroff, nahezu unwirtlich, lagen die Felsen da. Vereinzelt konnte man Flechten und Bodendecker als grünliche Flecken ausmachen. In der Ferne sah ich eine Herde Bergziegen weiden. Unzählige Gipfel konnte ich nach Norden sehen. Nach Süden waren es nicht ganz so viele. Ganz weit im Norden sah ich einen einsamen Vogel am Himmel schweben.

"Man i an aew? - Was ist das für ein Vogel?", fragte ich leise. Meine Hand deutete dorthin. Anordil sah kurz in die Richtung. "Gelir gen - du kannst dich glücklich schätzen", antwortete er stolz, "man i genich ú-aew. - Han thoron daer. - Das, was du dort siehst, ist nicht nur ein Vogel. - Es ist einer der Großen Adler. Einst wurden sie von den Valar geschaffen. Sie sind die Herren der Lüfte und beherrschen eine eigene Sprache. Sie sind sogar in der Lage mit uns Elben oder den Menschen zu sprechen. Es kommt selten vor, dass man einen von ihnen sieht."

Er verharrte mehrere Minuten. Sein Blick folgte dem Adler bei seinem Flug. Dann wandte er sich zum Gehen. Vor uns führte ein enger Weg den Berg hinab. Eine Art schmales Tal oder breitere Schlucht wand sich quer durch das Gebirge nach Osten. Wir würden Tage brauchen, bis wir die andere Seite des Gebirges erreichen würden.

Wir wanderten jetzt wieder über Tag. Die Zeit verlief überwiegend ereignislos. Ich konnte die Eindrücke in mich aufsaugen. Neugierig sah ich mich um. Ab und zu musste Anordil mich ermahnen, doch besser auf meinen Weg zu achten. Aber solch eine Landschaft hatte ich nie zuvor gesehen. Die Felsen waren schroff und wild. Die Berge waren teilweise mit Schnee bedeckt. Gegen den blauen Himmel zeichneten sie sich majestätisch ab. Die Vegetation war rau. Sie hatte sich den Verhältnissen angepasst. Hier oben sah man viele Moose und Flechten, aber auch manchmal kleineres Buschwerk.

In den Tälern konnte man eine reiche Vegetation erkennen. Viele Baumwipfel waren zu sehen. Ich wusste gar nicht, dass es dermaßen viele Grüntöne gab. Gelegentlich konnte man Tiere sehen. Allerdings immer sehr weit weg. Vor allem viele Bergziegen. Vereinzelt eine Herde Carus. Carus sehen ähnlich aus wie Elche. Unser Weg führte uns überwiegend über unwegsames Gelände. Felsig und mit viel Geröll. Ich rutschte mehr als einmal ab. Irgendwann wäre ich beinahe abgestürzt.

Wir gingen einen äußerst schmalen Pfad hinauf. Rechts fiel der Felsen steil ab. Als wir zwischen zwei Felsen hindurch kletterten, rutschte ich aus. Mein Herz blieb stehen. Meine Hände suchten krampfhaft Halt an dem glatten Stein. Die Hand des Elben fing mich auf. Er schaffte es meinen rechten Arm zu ergreifen. Ein Ruck ging durch meinen Körper und ich schrie. Ein stechender Schmerz brannte in meiner Schulter. Ich baumelte frei über dem Abgrund. Nur gehalten durch seine Hand.

"Boe úthao guin dail daur hirid - versuche mit deinen Füßen Halt zu finden", sagte der Elb ruhig zu mir. Mein Herz schlug bis zum Hals. Ich zwang mich ohne Panik durchzuatmen. Plötzlich sah ich einen winzigen Vorsprung im Fels. Meine Füße suchten dort Halt und meine freie Hand tastete nach einer Lücke im Gestein, wo ich mich festkrallen konnte. Dann packte der Elb mit der anderen Hand zu. Er half mir hochzuklettern. Zitternd vor Anstrengung und Angst stand ich da.

Entsetzt schaute ich in den Abgrund. Schauer liefen mir über den Rücken. "Boe ú-rim badatham lim, nu raetham beriannen banas - wir müssen ein wenig weiter gehen, bis wir sicheren Boden erreicht haben", sagte Anordil zu mir, "dort kannst du dich ausruhen." Meine Muskulatur versagte fast, als wir weitergingen. Ich musste meinen ganzen Willen aufbieten, um auf den Beinen zu bleiben. Doch Anordil hatte Recht. Kurze Zeit später hatten wir tatsächlich ein Plateau erreicht. Hier konnte ich mich hinsetzen.

Anordil schaute nach meiner Schulter. Die Narbe war aufgerissen und blutete. Er legte seine Fingerspitzen auf die Wunde und sprach in dem beschwörenden Singsang einer unbekannten Sprache. Erstaunt sah ich zu, wie die Wunde sich schloss und einem Bluterguss wich. "Das wird zwar ein wenig schmerzen, aber es dürfte erst einmal genügen", murmelte er zufrieden. "Ingannen gûl anna in nern en luith! - Ich dachte, Zauberei gibt es nur im Märchen!", hauchte ich überrascht.

"Nern en luith? – Märchen?", fragte er mich. Ich überlegte kurz. "Nern 'nin chîn - Geschichten für Kinder", erklärte ich. Er schaute mich einige Sekunden durchdringend an. Ich hatte das Gefühl, seine Augen würden sich bis auf den Grund meiner Seele bohren. "Man i ven i guiach, Arwen areneth, i ú-istach edhil orthorir angol a i Ennor bant o angol!? - Wo hast du gelebt, Arwen Ohnenamen, dass du nicht weißt, dass Elben Magie wirken können und Mittelerde voll von Magie ist!?", sagte er mit einem fragenden Unterton, "egro mabedin, man i amar i delich? - Oder sollte ich fragen, aus welcher Welt kommst du?" Zutiefst erschrocken sah ich ihn an. Aber er wandte sich schon zum Weitergehen. Er erwartete keine Antwort. Der Rest des Tages verlief eher schweigend. Ich war mit meinen eigenen Gedanken beschäftigt.

Ab und zu war der Elb regelrecht gesprächig. Ich fragte ihn vorsichtig nach verschiedenen Dingen, wie die Namen der Pflanzen, die hier wuchsen oder wie die Gipfel hießen. Er erklärte mir vieles. Ob man die Pflanzen essen konnte und ob sie heilkräftig waren. Abends lagerten wir oft an einem kleinen Feuer. Meist schwieg ich, da ich Angst hatte, etwas Falsches zu sagen. Ich hatte auch keine Lust erneut in einem Fettnapf zu landen. Doch manchmal war meine Neugier stärker.

"Bitte, Herr Anordil?", fragte ich einmal unsicher, "erlaubt Ihr mir eine Frage?" Auffordernd blickte er mich an. "Sagt, gehört Ihr zu den Waldelben?" Scheu sah ich ihn an. "Nein, ich bin ein Sinda", antwortete er, "die Waldelben bleiben meist im Düsterwald. Nur wenige begeben sich auf Wanderschaft. Doch wir Sindar sind neugierig. Dies treibt uns immer wieder hinaus in die Regionen Mittelerdes."

Ich erinnerte mich, dass die Sindar laut Tolkien die Umgänglichsten unter den Elbenvölkern sein sollten. "Gillien var nîn - meine Heimat ist Cillien", sagte er leise, "in der dortigen Elbenenklave sind meine Wurzeln und mein Haus." "Gillien", hauchte ich, in Gedanken sah ich die Karte Mittelerdes vor Augen, "erin tâl i Ered Chithu, ú-chae i Nîn-in-Eilph- am Fuß des Nebelgebirges geschmiegt, nahe der Schwanenflut." Anordil sah mich überrascht an.

"Sen dîr - dies ist richtig", sagte er, "istach Gillien? - kennst du Cillien?" "Law - nein", antwortete ich verschüchtert, "ich habe davon gehört." "Und wer hat dir davon erzählt?", fragte er sanft. Seine Stimme forderte in ihrer Sanftheit eine Antwort. "Cennin deithanath e-ndýr - ich sah eine Karte", antwortete ich zögernd, "auf dem Schreibtisch meines Vaters. – Eine Landkarte von Mittelerde. Dort erblickte ich auch Cillien. – Mir war nicht bewusst, dass dort Elben leben." "San anu - es ist wahr", dabei sah er mir in die Augen, "wir Elben leben in der Regel sehr zurückgezogen vom Rest Mittelerdes. Viele halten uns schon jetzt für Legenden. – Brachte dir dein Vater auch Sindarin bei?"

Ich nickte stumm. "Und weitere Sprachen?" Erwartungsvoll blickte er mich an. "Nur ein bisschen Quenya", erwiderte ich leise. Anerkennend nickte er. "Dein Vater muss ein außergewöhnlicher Mensch gewesen sein", sinnierte er, "ist er dem Elbenvolk bekannt?" "Law - nein", schüttelte ich den Kopf, "ú-renin nin. Dan mill in edhil - Ich erinnere mich nicht. Aber er liebte die Elben. - Er war fasziniert von Mittelerde." Unvermittelt hielt der Elb inne. Es schien, als würde er in die Ferne blicken. "Si lostach - du solltest dich schlafen legen", wies er mich an, "vâd mîn mabatha anann. Boe achen îdh - unsere Wanderung wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Du kannst die Ruhe gebrauchen."

Erleichtert, dass er nicht weiter nach meinem Vater fragte, legte ich mich schlafen. Den Umhang zog ich ganz eng um mich. Trotzdem brauchte ich die Nähe des Elben. Die Nächte waren bitterkalt. Wir bewegten uns nicht weit von der Schneegrenze entfernt. Ohne die Hilfe des Elben wäre ich jämmerlich erfroren.

Das Wetter wechselte oft ungewöhnlich plötzlich. Wir konnten durch hellen Sonnenschein gewandert sein und eine Stunde später wurden wir von einem Sturm überrascht. Regenschauer oder Gewitter waren daher nicht selten. Am sechsten Tag unserer Wanderung durch das Gebirgsmassiv stiegen wir in ein Tal hinab. Kurz vor der Waldgrenze trafen wir unvermittelt auf vier Orks.

Anordil war unglaublich schnell. Er zog seine beiden Kurzschwerter in dem Bruchteil einer Sekunde und verwickelte direkt zwei von ihnen in einen Kampf. Die anderen beiden waren sich nicht ganz schlüssig, ob sie mich jetzt zusammen angreifen sollten oder nacheinander. Vielleicht überlegten sie auch nur, wie sie mich zubereiten wollten. Auf alle Fälle schlugen sie unkontrolliert mit der Axt und der Keule auf mich ein. Als sie mich angriffen, spürte ich, wie ein ganzer Schwall Adrenalin sich blitzschnell in meinem Körper ausbreitete. Ich hatte keine Zeit mehr, dem Elben zuzuschauen, wie er elegant die beiden Orks ausmanövrierte.

Als ich den Ork mit der Axt abwehrte, hatte ich eine unglaubliche Angst. Diese war durchaus berechtigt. Er war wesentlich stärker, als ich es von meinen bisher menschlichen Gegnern gewohnt war. Nach drei oder vier Attacken, wobei sich auch der andere mit der Keule einmischte, legte ich alle Skrupel beiseite. Ich merkte, dass es für mich auf Leben und Tod ging. Bis jetzt hatte ich Glück gehabt, dass mich keine Attacke traf. Aber ich konnte mich nicht länger auf mein Glück verlassen. Ich hatte das Gefühl, als ob die Orks mit mir spielen wollten, bevor sie mich töteten.

Mit aller mir zur Verfügung stehenden Härte schlug ich deshalb zu. Es gelang mir dem Ork mit der Keule die Beine weg zu schlagen. Wie ein Käfer lag er auf dem Rücken und versuchte wieder auf die Füße zu gelangen. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Anordil mit einer äußerst eleganten Bewegung dem einen Ork die Kehle aufschlitzte und ihm dabei direkt das zweite Schwert in den Brustkorb stieß. Eine dunkle Blutfontäne schoss aus dem Hals des Orks, bevor dieser tot zusammenbrach. Der andere Ork war für ihn danach keine Schwierigkeit mehr. Wie eine lauernde Raubkatze umschlich der Elb den Ork und taxierte ihn mit kalt glitzernden Augen. Der mit der Axt griff mich ein weiteres Mal an. Ich wusste, dass ich bald einen guten Treffer landen musste, denn ich spürte, wie meine Kräfte schwanden.

Konzentriert fixierte ich das Genick des Orks. Er griff mich erneut an. Mit einer Drehung entkam ich der Attacke. Dann legte ich alle Kraft in den nächsten Schlag. Der Kampfstab schoss auf seinen Nacken zu und ich hörte ein hässliches Knacken. Danach nur noch ein Grunzen. Der Ork zuckte einige Male, brach zusammen und rührte sich nicht mehr. In der Zwischenzeit war der, mit der Keule, wieder auf die Beine gelangt und versuchte mich niederzuschlagen. Doch er erstarrte mitten in der Bewegung. Ich sah, wie er mir entgegen fiel. Hinter ihm stand der Elb. Emotionslos wischte er die Kurzschwerter sauber. Der Kampf war kurz und heftig gewesen.

Ich hatte es tatsächlich geschafft, einen von ihnen zu töten. Jetzt zitterte ich am ganzen Körper. "Wir müssen hier schnellstens weg", raunte mir Anordil zu, "hast du die Kraft für einen Lauf?" Ich nickte nur stumm. Ich wollte sowieso nichts anderes, als von hier fort. "Mae, aphado nin! - gut, folge mir!", wies er mich an.

Er steckte die Schwerter weg und sammelte den zur Seite geworfenen Rucksack sowie seinen Bogen wieder auf. Dann lief er auf den Wald zu. Ich folgte ihm auf dem Fuße. Wir rannten eine Weile, um eine größere Distanz zwischen uns und dem Kampfplatz zu bringen. Als wir liefen, konnte ich ein wenig nachdenken. Ich hatte den Elben jetzt das erste Mal kämpfen sehen. Im Nachhinein schauderte es mich. Ich wollte ihn auf keinen Fall zum Feind haben. Hinter seiner Schönheit verbarg sich ein absolut kompromissloser Kämpfer.

Als wir endlich rasteten, sah der Elb mich prüfend an. "Dies war dein erster Kampf auf Leben und Tod?", fragte er mich. Ich nickte stumm. Vor mir sah ich immer noch, wie der Ork zusammenbrach und sich nicht mehr rührte. Meine Hände zitterten, als ich sie betrachtete. Mitfühlend ruhten seine Augen auf mir. "Maethannach veren - du hast tapfer gekämpft", sagte er zu mir, "der erste Kampf geht einem immer besonders nah. Doch du solltest nicht zu lange darüber nachdenken, ob es das Richtige war. Er hätte dich ohne Skrupel getötet. Orks sind Geschöpfe der Dunkelheit und des Bösen. Denke daran!" Ich sah ihm zum ersten Mal richtig bewusst in die Augen - und verlor mich in ihnen. Sie hatten etwas hypnotisches an sich.

"Mit Verlaub, Herr Anordil", meine Stimme zitterte, "auch ein Ork ist ein Lebewesen und ich habe ein Leben genommen. Man brachte mir stets bei, das Leben zu achten, wenn möglich zu erhalten. Selbst bei den Kampfübungen wurde uns gesagt, dass wir unseren Gegner ehren und mit Respekt behandeln sollten. - Dieser Kampf vorhin hat mich in meinem Innersten erschüttert. Vieles wurde über den Haufen geworfen, was man mir beigebracht hatte. Ich empfand Triumph und, wenn ich ehrlich zu mir bin, ein perfides Vergnügen daran, den Ork zu töten. Ich habe meiner Wut freien Lauf gelassen. - Das ist falsch. Niemand sollte aus Wut heraus jemanden töten. - Ich habe es getan. Deshalb empfinde ich Ekel vor mir."

Seine Augen glitzerten in einem seltsamen Licht. Er hatte bemerkt, dass ich etwas von mir preisgab. "Sen dîr. Úbenn dhago edh-rûth 'ûr deg. - Es ist wahr. Niemand sollte aus Wut heraus töten", stimmte er mir ruhig zu, "doch eines kann ich dir mit Bestimmtheit sagen. - Deine Werte, die man dir vermittelt hat, sind gut, aber hier völlig unpassend. Sie entstammen einem Wunschdenken, dass Idealisten unter uns formulieren würden. Doch die Realität sieht anders aus. Du solltest deine Werte rasch überdenken. - Schließlich hängt dein Leben davon ab." Ich funkelte ihn wütend und frustriert an. Er nimmt deine Gefühle nicht ernst, dachte ich bei mir, er lacht dich aus!

"Ich nehme dich durchaus ernst", jetzt lächelte er mich vergnügt an, "jedoch solltest du die Realität akzeptieren. - Du hast jemanden getötet. Und du wirst wieder töten. Oder anders gesagt - töten müssen. Stelle dich dem Hier und Jetzt!" Erschrocken sah ich ihn an. "Tírach noeth? - Könnt Ihr Gedanken lesen?", hauchte ich leise mit Entsetzen in der Stimme. Er schüttelte den Kopf. "Noeth lîn ú-díron. Mi er-chin lîn dhevin lin. Dan si boe chiro îdh. Garim anann vâd nu ven. - Deine Gedanken kann ich nicht lesen. Allein in deinen Augen kann ich viel erkennen. Du solltest aber jetzt zur Ruhe kommen. Wir haben einen langen Marsch vor uns." Damit wandte er sich ab und ging weiter. Verstört stolperte ich hinter ihm her.

Nach einer Weile kamen wir in den nächsten Regenschauer. Bis jetzt hatte der Elbenumhang die meiste Feuchtigkeit abgehalten. Ich fragte mich allerdings, wann dieser endgültig durchnässt sein würde. Weiterhin wunderte es mich, dass dem Elben diese unterschiedlichen Wetterlagen nichts ausmachten.

Als wir endlich rasteten, lag ich lange wach. Ruhe fand ich keine. Mittlerweile hatte ich mich wenigstens an die Kälte gewöhnt. Anordil sah ich auf einem Felsen sitzen. Er hielt Wache. Ob er überhaupt jemals schlief oder Müdigkeit empfand? Konnte man überhaupt so lange ohne Schlaf auskommen?

Ich erinnerte mich, dass Tolkien am Rande erwähnte, dass Elben nicht schlafen wie die Menschen. Anscheinend meditierten sie in irgendeiner Form um zu regenerieren. Während ich darüber nachgrübelte, beobachtete ich den Elben. Er schien nicht den Eindruck zu machen, als würde er meditieren. Angespannt saß er in der Dunkelheit. Ich fand es tröstlich, dass er über mich wachte. Ich zog den Elbenumhang enger um mich und rollte mich an dem Felsen ein.

Eine plötzliche Bewegung Anordils riss mich aus meinem Dämmerschlaf. Ich sah, wie er auf mich zu sprang und den Dolch zog. Zu Tode erschrocken war ich unfähig mich zu bewegen. Der Dolch blitzte über mich hinweg. Ich hörte ein hässliches Geräusch, gefolgt von einem gefährlichen Zischeln. Dann konnte ich mich wieder bewegen.

Ich sah Anordil über mir, mit dem Dolch in der Hand. Auf diesem aufgespießt zappelte ein Schlangenkörper. Totenbleich sah ich ihn an. "Aranna nin, ae gruithannen gen - es tut mir leid, wenn ich dich erschreckt habe", sagte der Elb mit ruhiger Stimme, "dan hen lhûg saeweb. Dago gen. Han Nethairn Erdyr - aber diese Schlange ist giftig. Sie hätte dich töten können. Es ist eine Nethairn Erdyr." Mit rasendem Herz blickte ich auf die Schlange, die jetzt aufgehört hatte zu zucken. Sie war ungefähr drei Fuß lang, mit einem rautenförmigen Muster auf dem Rücken. Die toten Augen glitzerten hinterhältig aus einem dreieckigen Kopf. Im halboffenen Maul konnte man die scharfen Fangzähne sehen, von denen eine cremige Flüssigkeit tropfte. Die gespaltene Zunge hing schlaff heraus.

Langsam beruhigte sich mein Puls wieder. "Len hannon – ich danke Euch", hauchte ich mit trockener Kehle. "Ú-moe hannad nin - du brauchst mir nicht zu danken", sagte der Elb sanft, "lege dich wieder hin und versuche zu schlafen. Die Nacht ist kurz." Ich wickelte mich wieder in den Umhang ein und legte mich hin. Aber ich war hellwach. Der Schlaf wollte sich nicht einstellen.

Ich bemerkte nicht, dass Anordil leise einen Spruch murmelte. Ich spürte nur, wie ich müde wurde und mir die Augen zu fielen. Mein Schlaf war unruhig. Aufgewühlt wälzte ich mich hin und her. In meinen Träumen tötete ich den Ork. Immer und immer wieder. Daneben sah ich, wie ich die Mörder meiner Familie töten würde. Die Bilder, wie meine Familie erschossen wurde, drängten sich in den Vordergrund. Ich stöhnte leise.

Was mochte Anordil denken, wenn er mich so unruhig schlafen sah? Er würde sich bestimmt fragen, was für eine düstere Vergangenheit ich gehabt hatte, dass mich meine Träume so quälten. Den Ork hatte ich kompromisslos getötet. Meine Kampftechnik musste ihm eigenartig vorkommen. Andererseits war ich verschreckt und ängstlich. Ich versuchte mich möglichst unauffällig zu verhalten. Im Schlaf murmelte ich Worte vor mir her, die er nicht verstehen konnte. Böse Träume raubten mir den nötigen Schlaf.

Eine sanfte Hand legte sich auf meine Stirn. Einige beschwörende Worte wurden gemurmelt. Ich wurde ruhiger. Endlich konnte ich mich ein wenig entspannen. Ich brauchte Zeit, um Vertrauen zu dem Elben zu fassen. Allerdings konnte ich mir vorstellen, dass er schon jetzt neugierig auf meine Geschichte war.

- 17 -