Auf der Reise

Einige Tage später hatten wir das Gebirge durchquert. Wir wanderten jetzt am Fuße eines Ausläufers nach Osten. Die Temperaturen waren jetzt wieder erträglicher. Allerdings wurden die Mücken dadurch zu einer Qual. Es fiel mir wohl auf, dass keiner von uns gestochen wurde. Der Elb nicht und ich ebenfalls nicht. Trotzdem waren die dichten Schwärme sehr lästig.

Nach vier Tagen sahen wir ein kleines Dorf vor uns liegen. Es war umgeben von Feldern und einsam liegenden kleinen Gehöften. Das Dorf selber war mit einer Palisade befestigt. "Hiritham îdh then ned Eruimar - wir werden hier in Eruimar kurz rasten", sagte der Elb zu mir, "das Dorf ist ein kleiner Handelsposten, hauptsächlich für Fallensteller." Ich war aufgeregt. Jetzt würde ich endlich Menschen aus Mittelerde sehen!

Wir gingen auf das geöffnete Tor zu. Hier stand eine einsame Wache. Er trug grob gewebte Kleidung in Erdtönen. Als Rüstung diente ihm eine doppelt genähte Weste aus grobem Leinen. Ein verbeulter Lederhelm zierte seinen Kopf. Wirre braune Haare hingen darunter hervor. Der Dreitagebart und seine Ausdünstungen verrieten meiner Nase, dass er keinen Hang zum Waschen hatte. Die Hosen waren mehrfach geflickt, die Stiefel eingerissen. Er machte eher den Eindruck eines Bauern, als einer kampferprobten Wache.

Als wir auf ihn zukamen, nahm er eine drohende Haltung an, schwenkte seinen Dreschflegel ein wenig und sprach zu Anordil in einer mir unbekannten Sprache. Es musste wohl Westron sein, die allgemeine Sprache Mittelerdes. Es war auffällig, dass er etwas zurückwich, nachdem er Anordil als Elben erkannt hatte. Verhaltene Angst glitzerte in den Augen. Nach einem kurzen Wortwechsel gab der Wachposten den Weg frei.

Gespannt betrachtete ich die Palisade und das Dorf dahinter. Die Palisade war im Prinzip ein aus grob behauenen Stämmen erstellter, übermannshoher Zaun mit einem Tor, durch welches der Weg führte. Das Tor hatte sogar richtige Angeln. Das Dorf selber bestand aus einer Ansammlung von dreißig kleineren Häusern, ich würde sagen, in Fachwerkbauweise. Gärten, Ställe und Lagerhäuser umgaben die Wohnbauten. Die Wege waren unbefestigt. Nach einem Regen würde es hier arg matschig sein.

Es roch nach Fäkalien. Wie in den mittelalterlichen Dörfern meiner Welt, gab es auch hier kein Kanalisationssystem. Die Notdurft wurde anscheinend in Fäkaliengruben verrichtet. Dementsprechend war der Geruch. Das Dorf an sich machte einen recht sauberen Eindruck. Ein Brunnen stand auf dem Platz in der Mitte. Es liefen ein paar Hunde frei herum. Desgleichen war Federvieh zu sehen. In einem der größeren Gebäude war die Schänke untergebracht. Dort kehrten wir ein.

Als wir den Schankraum betraten, wurde der grobschlächtige Mann hinter der Theke auf uns aufmerksam. Er war, wie die Wache, in grobes Leinen gekleidet und hatte eine riesige Lederschürze umgebunden. Ich sah mich neugierig um. Der Boden bestand aus gestampftem Lehm und war gefegt. Im Schankraum standen fünf Tische aus grob behauenem Holz, die sauber blitzten. Frisches Holz lag aufgeschichtet in der Feuerstelle. Hinter dem Mann an der Theke standen fein säuberlich die Bierkrüge aus Ton in einem Regal. Ein großes Fass war zu sehen. An der Seite führte ein Durchgang vermutlich in eine Küche. Denn von dort kam ein äußerst ansprechender Geruch.

Der Elb und der Wirt unterhielten sich eine Weile. Danach setzten wir uns an einen der Tische. Nach ein paar Minuten brachte der Wirt zwei Tonschalen mit einer Art Pilzschmorpfanne. So weit ich erkennen konnte, bestand diese aus verschiedenen Pilzsorten sowie Kartoffeln. Jedenfalls sahen sie so aus und schmeckten, wie ich einige Minuten später feststellte, ähnlich. Ein paar Streifen Fleisch waren ebenfalls vorhanden. Dazu brachte er frisches Brot und zwei Becher mit Wein.

"Mado ídhui - iß ruhig", forderte der Elb mich auf, "das Essen in den meisten Dörfern ist gut und reichhaltig." Vorsichtig probierte ich das Mahl und musste feststellen, dass er recht hatte. Hungrig aß ich meine Portion auf. "Der Wirt hier sagt, dass der Weg nach Süden frei sei", erzählte er mir, "im Moment wäre es friedlich. Keine umherziehenden Orks, keine Wegelagerer und kaum Trolle. Wir werden die nächsten Tage ohne große Störung wandern können."

Langsam füllte sich der Schankraum. Die meisten waren Bauern, wie man an der Kleidung erkennen konnte, die sich ein Bier gönnten und sich dabei unterhielten. Eine bessere Kleidung ließ auf einen Händler schliessen. Auch Fallensteller waren da. Sie tranken mit den Händlern. Der mit den rußgeschwärzten Armen und verschmiertem Gesicht war wohl der Dorfschmied. Nach einer Weile zahlte Anordil. Wir verließen die Schänke.

Jetzt sah ich auch ein paar Frauen im Dorf. Eine wusch vor der Haustüre ihre Wäsche. Eine andere ging mit einem Traggestell, an dem Wassereimer hingen, zum Brunnen. Von Schmutz verschmiert tobten Kinder ausgelassen durch das Dorf. Keines von ihnen und keiner der Erwachsenen hatte Anzeichen von Übergewicht. In meiner Welt undenkbar. Dort konnte man an fast jeder Ecke einen Fettleibigen sehen. Hier diese Gesellschaft entsprach unserem Mittelalter. Dementsprechend war die Versorgung und der Arbeitsaufwand. Vielleicht gab es unter den Angehörigen der oberen Schichten besser beleibte Gestalten, aber hier bei den Bauern konnte man keine sehen.

Der Elb ging zielstrebig auf eines der Häuser zu. Ein Schild hing außen. Anscheinend ein Handelsposten. Er sprach mit dem Mann, der dort werkelte. Ich verstand nichts von der Unterhaltung. Nach einer Weile bemerkte ich, wie Anordil dem Mann einen Edelstein gab. Dieser wog ihn prüfend in der Hand. Sehr genau nahm er den kleinen, funkelnden Smaragd in Augenschein. Zufrieden nickte er und gab dem Elben die Hand. Anordil reichte mir eine schlichte Lederrüstung, Armschienen sowie Beinschienen, eine Wasserflasche und einen Kamm aus Horn.

"Dies dürfte für das erste genügen", sagte er zufrieden zu mir. Leicht irritiert blickte ich ihn an. "Sen achen, Arwen - das ist für dich, Arwen", forderte er mich auf, "du wirst diese Dinge brauchen können. Die Rüstung wird dich besser schützen als nur das bisschen Stoff, was du bis jetzt trägst." "Len hannon, hîr Anordil - ich danke Euch, Herr Anordil", erwiderte ich schüchtern, "dan ú-vabathon hen naid. Ú-'arich virian. - Doch ich kann das nicht annehmen. Ich besitze keine Goldstücke." "Iston - ich weiß", lächelte er mich an, "si boe pen-drass achen. Sin nad vaer achen. Ab beditham or i vabeth en virian. - Das braucht dich jetzt nicht zu kümmern. Diese Dinge sind notwendig für dich. Über die Frage des Geldes werden wir später reden." Ein unwohles Gefühl stieg in mir hoch. Eine Faust schien meinen Magen zusammen zu drücken. Erinnerungen durchzuckten mein Gehirn. Es war mir, als würde ich die Schreie von Peggy, Margret und Sue hören. Geisterfinger krochen über meinen Körper. Unwillkürlich nahm ich die Arme schützend hoch. Angstvoll sah ich den Elb an.

Amüsiert blickte er mich an. "Ú-moe gostach. Sen cant en athranna o bith ú-nauthathon. - Du brauchst keine Furcht zu haben. Diese Form der Unterhaltung habe ich nicht gemeint", leise lachte er mich an, "an ú-lû vabannen bess dan innas dîn. No pen-drass. Garich ist, i annach nin dan hen naid? - Niemals habe ich eine Frau gegen ihren Willen genommen. Also sei unbesorgt. - Hast du Wissen, das du mir gegen diese Dinge geben kannst?" Auffordernd und neugierig blickte er mir in die Augen.

"Ae farn ist mîn – wenn mein Wissen genügt", antwortete ich leise und meine Wangen röteten sich vor Scham, "han annon na 'lass - so gebe ich es mit Freude." "Wir werden dein Wissen ein anderes Mal prüfen, Arwen. Um deine Schuld zu mindern, schenke ich dir den Kamm. Doch nun sollten wir gehen." Er gab mir keine Gelegenheit ihm zu danken. Rasch lenkte er seine Schritte aus dem Dorf hinaus.

Eine Weile ging ich still hinter ihm her. Ein stummes Gebet schickte ich dahin, wo meine Freundinnen und nun auch meine Familie weilte. Düstere Gedanken ließen meine Erinnerung wandern. Peggy war dabei die Glücklichere gewesen. Sie starb bei der Befreiungsaktion. Sue nur wenige Tage später. Nur für uns ging der Albtraum weiter. Bis auch Margret es nicht mehr ertrug. Warum musste ich so stark sein? Warum musste meine Familie mich so lieben? Sie waren der Halt gewesen und sie gaben mir Kraft. Wie lange hatte es gedauert, bis ich mich nicht mehr vor dem Händedruck meines Vaters geekelt hatte? Ich wusste es nicht mehr. Und jetzt waren sie auch aus meinem Leben verschwunden. Kaltblütig gemordet. Warum? Warum war ich nun hier?

Ich wanderte an der Seite eines Elbenkriegers durch Mittelerde. Etwas, was ich mir als Teenager gewünscht hatte. Doch jetzt erfüllte es mich mit Angst. Angst vor dem, was kommen mochte. Angst vor diesem Elb, der so leichtfüßig vor mir her schritt. Was mochte er mit mir vorhaben?

Meine Gedanken wurden wie in einem Sog immer weiter hinab gezogen. Unwirsch wischte ich sie nach einiger Zeit beiseite. Ich musste mich ablenken, an was anderes denken. Tief atmete ich durch, um die Beklemmung zu lösen. Dann brach ich das Schweigen. "Kann einer von den Dorfbewohnern Lesen und Schreiben?", fragte ich interessiert. Der Elb schüttelte den Kopf. "Kaum einer", erwiderte er, "vielleicht der Wirt und die Händler. Aber ansonsten? – In vielen Gegenden kommt es vor, dass die Menschen überhaupt nicht wissen, dass es mehr gibt, als das Dorf in dem sie leben. In stark isolierten Gegenden kann es geschehen, dass ein Magier hingerichtet wird, weil die Menschen denken, er würde dem Bösen dienen. - Andere Rassen werden argwöhnisch beäugt. Manche werden gemieden, manchen nur mit Misstrauen begegnet. - Uns Elben bringt man meist Respekt entgegen."

Er lächelte mich an. "In den Köpfen vieler Menschen spuken wir als übermächtige Wesen herum. Kindern werden Schauergeschichten über uns erzählt, damit sie brav sind. Keiner dieser einfältigen Bauern würde es wagen einen Elbenkrieger anzugreifen. Garir 'oroth na rim nu ven - sie fürchten sich zu sehr vor uns." In gewisser Weise konnte ich das nachvollziehen. Ich erinnerte mich mit Schaudern an den Kampf gegen die Orks und wie er völlig emotionslos gekämpft hatte. Seine Augen waren dabei stahlkalt gewesen.

Wir durchquerten einen kleinen Wald und folgten einem engen Weg. Dieser führte an einem schmalen Flusslauf entlang. Eine Ebene lag vor uns. Die Vegetation bestand hier überwiegend aus Buschwerk und Grasland. Weit im Osten konnte man das Abendrotgebirge sehen. Es schimmerte tatsächlich rötlich, als die Sonne unterging.

Wir rasteten meist ohne Feuer. Einmal strich ein streunender Hund um unser Lager. Das Schnüffeln hatte mich erst beunruhigt, bis Anordil erkannte, was für ein Tier es war und es mir sagte. Meist konnte man in den Nächten Wölfe heulen hören. Doch sie kamen nicht bis ans Lager heran.

Unheimlich waren die Rufe des Hügelgrabkäuzchens. Das erste Mal, als ich diese hohlen Schreie hörte, lief mir eine Gänsehaut über den Rücken. "Man hen? - Was ist das?", fragte ich ängstlich. Ich sah nicht, wie Anordil lächelte, aber an dem belustigten Ton in der Stimme konnte ich es erraten. "Es ist nur ein Hügelgrabkäuzchen", antwortete er, "sie sind völlig harmlos. Hier in der Gegend sind sie allerdings häufig anzutreffen." Nach drei Tagen erreichten wir den Fluss Lhûn. An zwei kleineren Wäldchen waren wir bis dahin vorbeigekommen. Mittlerweile hatte ich mich an die Mückenschwärme gewöhnt und ignorierte sie. Das Abendrotgebirge im Osten rückte ein gewaltiges Stück näher.

Wir folgten jedoch dem Lhûn nun Richtung Süden. Nach zwei Tagen tauchte am anderen Ufer in der Ferne eine Burg oder Festung auf. Doch diese war nicht unser Ziel. Nach zwei weiteren Tagen konnten wir am anderen Flussufer eine Stadt erkennen. Eine Fähre führte über den Fluss. Diese war aus aneinander gebundenen Baumstämmen zusammengesetzt. Ein Fährmann mit zwei Knechten bediente sie. Am anderen Ufer bemerkte ich ein kleines Häuschen. Offensichtlich die Wohnstatt der Fährleute. Wir überquerten mit der Fähre den Lhûn. Mir war ein wenig mulmig zu Mute, als ich die Baumstämme betrat. In Gedanken war ich froh, dass ich gut Schwimmen konnte. Am anderen Ufer war es nicht mehr weit bis zu den Toren der Stadt. Und diese war gar nicht mal klein.

"Sen Caras Celairnen - dies ist Caras Celairnen", erklärte mir der Elb, "die Lampenwasserstadt. Wenn die Nacht anbricht, wirst du sehen, warum sie so genannt wird. Es ist eine Grenzstadt zwischen Numeriador und Arthedain. Mit mehr als tausend Einwohnern ist sie die größte Siedlung hier in der Region." Gespannt betrachtete ich das Ufer. Es wimmelte von Leuten, die einer Beschäftigung nachgingen. Boote lagen im Hafen und auf dem Fluss konnte man vereinzelt welche erkennen. Es roch nach Fisch.

Als wir an Land gingen, hatte ich Mühe dem Elben zu folgen. Ich sah hierhin und dorthin. Völlig neue Eindrücke stürzten auf mich ein. Bis jetzt war ich nur in Gesellschaft des Elben gewesen. Eruimar war das erste Dorf gewesen, in dem ich war, nachdem ich Mittelerde betreten hatte. Und nun diese Stadt. Es war unglaublich!

Wir betraten Caras Celairnen durch ein großes Stadttor. Wachen standen dort. Sie beobachteten jeden, der in die Stadt hinein oder hinaus ging. In den engen Gassen begegneten uns viele Leute. Man sah Zwerge mit ihren langen Bärten und Menschen unterschiedlichster Rasse und Gewerbe. Bauern, Händler, Krieger, Priester verschiedener Götter, alles war vertreten. Hochbeladene Karren wurden durch die Gassen gezogen. Der Geräuschpegel war enorm. Das alles flößte mir Angst ein. Anordil sah mich forschend an.

"Darthach sirarad fuin si nan chobas egro hodach nui ost? - Möchtest du heute Nacht hier in einem der Gasthäuser bleiben oder lieber außerhalb der Stadt ruhen?", fragt er mich leise. Er hatte mich an beiden Schultern gefasst. Er musste spüren, wie ich leicht zitterte. "Es ist alles so viel an Eindrücken", flüsterte ich, "ae ú-dangadach han, hîr Anordil, gellathon losta nui ost - wenn es Ihnen nichts ausmacht, Herr Anordil, würde ich gerne außerhalb der Stadt schlafen." Andererseits sehnte ich mich zwar nach einem Bett, aber aus dem Geschichtsstudium wusste ich, dass die meisten Quartiere im Mittelalter verwanzt und mit anderem Ungeziefer verseucht waren. Warum sollte es in Mittelerde anders sein? "Mich zieht es ebenfalls eher hinaus in den Wald", stimmte mir Anordil zu.

Er nahm mich am Arm und schob mich in Richtung des anderen Stadttores. Auf unserem Weg dorthin überquerten wir den Marktplatz. Händler riefen hier um die Wette. Lautstark priesen sie ihre Waren an. An einem der Stände kaufte Anordil ein paar Lebensmittel ein. Dann waren wir draußen vor der Stadt. Jetzt merkte ich erst, wie meine Beine zitterten. Ich war total verunsichert. Ich konnte mit dem Gesehenen noch nicht viel anfangen. Ich musste es zuerst verarbeiten.

Caras Celairnen lag zwischen dem Lhûn und einem seiner Nebenflüsse. Anordil führte mich über die Brücke des Nebenflusses. An diesem wanderten wir entlang nach Südwesten. Nach einigen Meilen trafen wir auf ein kleines Wäldchen. Hier würden wir die Nacht verbringen. Inzwischen hatte ich mich wieder beruhigt. Anordil wies mich an, ein Feuer zu entzünden. Dies hatte ich mittlerweile gelernt. Er verschwand für einige Zeit.

Nach einer Weile kam er wieder aus dem Wäldchen heraus. In der Hand trug er eine Art Rebhuhn. Geschickt nahm er es aus. Die Innereien warf er in den Fluss. Dann spießte er es auf einen Stock, den er auf zwei gegabelte Stöcke über das Feuer legte. Jetzt konnte es gemütlich vor sich hinbrutzeln. Er warf ein paar von diesen kartoffelähnlichen Knollen in das Feuer. Ab und zu drehte er das Rebhuhn, damit es gleichmäßig gar wurde. Der Geruch ließ meinen Magen noch mehr knurren als bisher.

"Gellathon bada dad vo hîr? - Ich möchte gerne bis zum Fluss hinunter gehen?", fragte ich schüchtern. "I dhôr veriannen. Devich ù-osto bo i falas. - Die Gegend hier ist sicher. Du kannst unbesorgt ans Ufer", erwiderte der Elb, "aber nehme trotzdem deinen Kampfstab mit. Unvorhergesehene Dinge geschehen schnell." Ich nahm den Stab und schlenderte hinunter zum Ufer. Ich genoss das sanfte Plätschern des Wassers. In der heraufziehenden Nacht waren die Lichter der nahen Stadt zu sehen. Als ich das Bild auf mich wirken ließ, wurde mir klar, wie die Stadt zu ihrem Namen gekommen war. Meine Gedanken schweiften in die Vergangenheit.

Damals, es war kurz vor meinem ersten Beltaine-Fest, saß ich mit meinem Bruder zusammen an einem See in Italien. Wir hatten Ferien und waren mit unseren Eltern in Urlaub gefahren. Wenn ich mich recht erinnerte, war es der Lago di Garda gewesen - oder der Lago Maggiore? Ich wusste es nicht mehr. Ich erinnerte mich, dass Ewan beschützend seinen Arm um mich gelegt hatte. Große Mutter, wie lange hatte es gedauert, bis ich dies wieder ertragen konnte? Ich erinnerte mich an seine Worte, an das Gespräch, das ich mit ihm hatte. Was die Zukunft wohl bringen würde? Wo wir in zehn Jahren wären? Was wir vom Leben erwarteten. Wir hatten in jener Nacht viel philosophiert. Jede Menge hatten wir geplant. Doch alle Träume waren zerplatzt. Und es waren erst fünf Jahre vergangen. Nie hätten wir uns träumen lassen, dass nur ich am Leben wäre.

Eine Hand legte sich sanft auf meine Schulter. Ich schrak zusammen. "No nan îdh, Arwen - ganz ruhig, Arwen", hörte ich die Stimme des Elben, "ú-thellin gruithad gen - ich hatte nicht vor dich zu erschrecken." Mein Herz raste trotzdem. "Aranno nin – verzeiht mir", sagte ich leise, "im ned noeth - ich war in Gedanken." Er stand jetzt neben mir. "Cenin naer le - du siehst traurig aus", stellt er fest. Ich senkte den Kopf, dass er nicht meine Augen sah. "Sen had echui ren bo io anann nin - dieser Platz weckt Erinnerungen in mir", flüsterte ich zaghaft, "a hen naegra anim – und dies schmerzt mich."

Interessiert schaute er mich an. Ich fühlte seinen Blick auf mir ruhen. "Cennich hen had io anann? - Du warst schon einmal hier?", fragte er mit leichtem Erstaunen. Ich schüttelte den Kopf. "Law - nein", antwortete ich, "ú-hí. I had cenn sui hen. Dan hen io anann. - Nicht hier. An einem ähnlichen Ort. Aber das ist lange her." Er legte mir abermals eine Hand auf die Schulter. Es wirkte mitfühlend. "Naeg gwann - Schmerz vergeht", flüsterte er mir zu, "dan in noeth bo io anann darthar - aber Erinnerungen bleiben. Sie sind wichtig, weil sie bisweilen das einzige sind, was überdauert. Mit der Zeit wird es dir leichter fallen." Damit wandte er sich wieder dem Feuer zu.

Ich blieb ein paar Minuten stehen und gedachte meiner Familie. Dann ging ich zu unserem Lagerplatz. Schweigend aß ich meinen Teil des Geflügels und die Knollen. Es schmeckte mir auch ohne Salz und Gewürze wunderbar. Nach den Wochen, die ich hier verbrachte, hatte ich mich an deren Fehlen gewöhnt. Danach erzählte Anordil ein wenig über die Geschichte der Lampenwasserstadt. Ich hörte ihm fasziniert zu. Er hatte eine wunderschöne Stimme und konnte fesselnd erzählen. Es war reichlich spät, als ich mich in den Umhang einwickelte. So nahe es ging, legte ich mich ans Feuer.

Am nächsten Morgen zogen wir weiter. Der Elb führte mich jetzt wieder quer durchs Gelände. Er mied die Straße und die Dörfer. Es schien mir, als wollte er mir Zeit geben, das Erlebte zu verarbeiten. Manchmal sahen wir von Weitem Felder und kleinere Höfe liegen. Auf den Feldern arbeiteten Leute. Ob es Menschen waren, konnte ich nicht erkennen. Anordil schlug einen kleinen Bogen, um die Ansiedelungen zu vermeiden. Er beabsichtigte, durch das Auenland zu ziehen, da dort keine Orks anzutreffen seien. Zuerst mussten wir allerdings einen kleineren Bergzug, die sogenannten Weißen Höhen, überqueren.

Plötzlich, auf halbem Weg ins Tal, hielt Anordil und wies mich an, in Deckung zu gehen. Er selber kauerte sich hinter einem Felsen nieder. Nach ein paar Sekunden konnte ich es ebenfalls hören. Vor uns war jemand. Sie kamen wohl in unsere Richtung, denn die Geräusche wurden lauter. Eine fröhliche, eingängige Melodie drang an meine Ohren. Gesungen von tiefen, teils rauen Stimmen. Die Sprache war mir unbekannt. Obwohl sie mir merkwürdig vertraut erschien.

In meinem Gedächtnis stieg ein Bild aus Unizeiten auf. Ich hatte damals einen Professor, der in einer ähnlichen oder gleichlautenden Sprache beliebte zu fluchen. Nach den ersten Vorlesungen, hatte ich meinen Vater danach gefragt. Er hatte mir erklärt, dass es sich dabei um Khuzdul handelte. Der Professor, bei dem ich die Vorlesung besuchte, war nämlich ein Freund meines Vaters, ebenfalls Mitglied der Tolkiengesellschaft und hatte sich auf die Zwerge spezialisiert. Leider war nicht viel über die Zwergensprache bekannt. Also versuchte man innerhalb der Gesellschaft diese zu rekonstruieren. Professor Lajinski war einer der Eifrigsten unter ihnen. Bei jeder Gelegenheit versuchte er sich in Khuzdul. Und genauso hörten sich die Stimmen vor uns an.

Als sie um die Ecke bogen, hielt ich den Atem an. Ich sah fünf menschenähnliche Gestalten. Sie trugen schwere Rüstungen aus Leder mit metallenen Beschlägen. Bewaffnet waren sie mit riesig wirkenden Kriegshämmern und breiten Schwertern. Vom Körperbau her waren sie gedrungen. Eher, ich würde fast sagen, quadratisch. Lange Bärte und Haare, sorgfältig geflochten, rahmten die Gesichter.

Als Anordil sie erblickte, stand er aus der Deckung auf. Sofort zogen sie ihre Waffen. Er sprach die Zwerge, denn um solche musste es sich handeln, in einer mir unbekannten Sprache an. Diese klang jedoch anders, als die, in welcher die Zwerge vorhin gesungen hatten. Mit Mühe erkannte ich es als Westron. Leider konnte ich so gut wie gar nichts davon verstehen. Nach einem kurzen Wortwechsel wurden die Waffen weggesteckt. Anordil sah in meine Richtung und winkte mich herbei.

"Dies sind die Zwerge Tomin, Marvi, Lorin, Fermin und Guri", stellt er sie knapp vor, "sie sind Schmiede auf dem Weg nach Hause in die Blauen Berge. – Dies hier ist Arwen, meine Weggefährtin." "Mai gwavannen - wir entbieten unseren Gruß", sagte Tomin in stark gebrochenem Sindarin, "es wäre uns eine Ehre, wenn ihr heute unsere Gäste an unserem Feuer sein würdet." "Gerne", stimmte Anordil zu, "wir freuen uns, die Gastfreundschaft der Zwerge genießen zu dürfen." Ich fragte mich allerdings, warum die Zwerge Sindarin verstanden und sogar ein wenig sprechen konnten. In den Erzählungen war bisher immer die Rede von der Feindschaft zwischen Elben und Zwergen. Doch hier war davon nichts zu bemerken.

Die Zwerge begleiteten uns ein Stück tiefer ins Tal. Sie führten uns zu einem kleinen Gebirgsbach. Dort konnten wir unser Nachtlager aufschlagen. Die Zwerge waren besonders gesellige Leute und erzählten viele Geschichten. Da sie Westron sprachen, übersetzte Anordil sie mir. Anschließend erzählte er eine Geschichte. Ich hörte ganz fasziniert zu. Auch wenn ich sie nicht verstand, weil er ebenfalls Westron sprach. Am Ende gab er mir hierzu eine kurze Inhaltsangabe, damit ich wusste, um was es in der Geschichte ging. "Nun bist du an der Reihe, Arwen", lächelte er mich unvermittelt an. Irritiert blickte ich zurück. "Si boe narach narn - jetzt musst du eine Geschichte erzählen", forderte er mich auf, "nur zu, die Zwerge beißen nicht." "Jedenfalls nicht bei einer guten Geschichte", dröhnte Tomin lachend und schlug sich auf die Schenkel. Dieser schien der einzige der Zwerge zu sein, der des Sindarin ansatzweise mächtig war.

"Naro ned i-lam thindrim - du kannst sie in Sindarin erzählen", kam Anordil mir entgegen, "pedithon hin bith ned Westron - ich werde sie in Westron übersetzen." Ich schluckte kurz. Nach kurzem Überlegen entschied ich mich für die Geschichte von König Artus. Die kannte ich gut, denn ich hatte sie für meinen Vater einmal zur Übung in Sindarin übersetzen müssen. Daher fiel es mir leicht, mich daran zu erinnern. Mit leiser Stimme fing ich an zu erzählen. Erst stockend, dann immer flüssiger, als ich bemerkte, dass es den Zwergen gefiel.

Der Elb sah mich die ganze Zeit über an. Immer wenn ich eine Pause machte, übersetzte er meine Worte. Als die Zwerge sich am Ende begeistert auf die Schenkel schlugen und dröhnend ihren Gefallen kundtaten, wurde ich ganz rot vor Verlegenheit. Später kauerte ich mich am Feuer zum Schlafen nieder. Es tat gut, die Wärme zu spüren. Anordil hielt mit einem der Zwerge Wache.

Am Morgen trennten wir uns von ihnen und zogen weiter ins Tal. Erst jetzt traute ich mich den Elb zu fragen, was mir die ganze Zeit auf der Seele brannte. "Hîr Anordil, garin vabeth - Herr Anordil, bitte eine Frage", wandte ich mich schüchtern an ihn. Er sah mich auffordernd an. "Warum konnten die Zwerge Sindarin sprechen? Soweit mir bekannt ist, herrscht doch eigentlich eine gewisse Feindschaft zwischen Elben und Zwergen." Er lächelte mich an.

"Es gab eine Zeit, wo dies nicht so war. Wo Zwergen, Elben und Menschen friedlich miteinander lebten. Außerdem haben wir Sindar schon seit jeher regen Handel mit den Zwergen getrieben", erklärte er, "wir sind das einzige Elbenvolk, welches bis in dieses Zeitalter hinein Freunde unter den Zwergen hat. Deshalb sprechen einige Zwerge ein wenig Sindarin und wir ein paar Worte Khuzdul. Wenn auch nicht viel, da die Zwerge sehr eigenwillig in Bezug auf ihre Sprache sind. Unter den älteren Zwergen findet man jedoch den einen oder anderen, der ansatzweise des Sindarin mächtig ist. So hat wohl Tomin es von seinem Vater gelernt. Die meiste Verständigung erfolgt allerdings in Westron, was von jedem Bewohner Mittelerdes gesprochen wird." In seinen Augen blitzte die Neugier, warum ich es nicht sprechen konnte. Doch er erwartete keine Antwort auf seine stumme Frage. Schweigend setzte er unseren Weg fort. Ich beeilte mich ihm zu folgen.

Nach zehn Tagen lag das Auenland vor uns. Es war ein außergewöhnlich schöner Landstrich. Er erinnerte mich ein wenig an Irland. Sanfte kleine Hügel und fruchtbare Erde. England verfügte gleichermaßen über derartige Landschaften. In Cornwall, um genau zu sein. Ich fühlte mich direkt heimisch. Allerdings waren die Hobbits, oder Halblinge, die hier wohnten, ein eigenartiges Völkchen. Sie wohnten überwiegend in Erdhöhlen. Die Türen und Fenster ihrer Behausungen waren rund. Genauso wie Tolkien es beschrieben hatte.

Anordil hielt sich nicht lange auf, sondern durchquerte zügig das Gebiet. Auf den Feldern konnte man Hobbits arbeiten sehen. Ab und zu begegneten wir welchen mit Ponywagen, die hochbeladen waren. Neugierig schaute ich mich um. Ich hatte schließlich nie zuvor Hobbits gesehen. Sie waren auffallend klein. Einem normalen Menschen gingen sie ungefähr bis zur Brust. Mir fiel auf, dass sie haarige Füße hatten und barfuß gingen. Ihre Kleidung war schlicht. Sie bestand überwiegend aus Leinen oder Hanfstoffen. Sie schienen gesellig und gastfreundlich zu sein. Auf alle Fälle wurde Anordil von den meisten Hobbits freundlich gegrüßt.

Gegen Abend des zweiten Tages erreichten wir Hobbingen, eines der größeren Dörfer des Auenlandes. Die Häuser hier waren teils frei gebaut, teils schienen sie in die Hügel hinein zu führen. Überall sah man runde Türen und Fenster. Die meisten Häuser hatten kleine gepflegte Gärten. Hobbingen war wahrlich eine grüne Stadt. Eine Mühle stand am Fluss. Das Mühlrad drehte sich bedächtig. Man sah ein paar Läden sowie ein Gasthaus. Hier wollte Anordil eine Nacht rasten. Er kehrte, für ihn ganz untypisch und auch nicht Elbenart, in ein Gasthaus ein, weil er mich wohl bedauerte. Dabei dachte ich von mir, dass ich die Strapazen der Reise ganz gut ertrug. Aber er ahnte wohl, dass ich mich nach einem Bett sehnte. Seit Wochen hatte ich in keinem mehr geschlafen.

Das Gasthaus hieß "Zum Grünen Drachen". Es war in der typischen Hobbitbauweise errichtet. Runde Türen und Fenster in einer Fachwerkfront. Teilweise schien das Gasthaus in den dahinterliegenden Hügel hinein gebaut zu sein. Das Obergeschoss war durch die runde Fenster im Grasdach zu erkennen. Ein paar Kamine ragten in die Luft. Aus einigen kräuselten Rauchwölkchen. Vor dem Gasthaus befand sich ein freier Platz. Ein paar Bänke und Tische standen hier. Doch es saß keiner daran, denn das Wetter war leicht regnerisch. Aber von drinnen hörte man Stimmen.

Als wir den Schankraum betraten, war dieser schon gut besucht. Rauch stieg auf. Der Tabak, der hier verbrannt wurde, roch sogar für meine Verhältnisse gut. An den Tischen saßen Hobbits unterschiedlichen Alters. Es wurde Bier ausgeschenkt, wie ich riechen konnte. Man hörte, wie Krüge zusammengestoßen wurden. Über einer großen Feuerstelle dampfte ein Kessel. Hier schien eine Art Eintopf vor sich hin zu simmern. Auf alle Fälle duftete es vielversprechend. Mir lief das Wasser im Mund zusammen. Seit unserem Aufbruch von Caras Celairnen hatte ich nichts Warmes mehr gegessen. Ich hätte nie gedacht, dass ein simpler Eintopf mich je derart reizen könnte.

Anordil sprach mit dem Wirt, einem älteren Hobbit. Ich verstand nichts von dem, was sie sagten. Aber der Wirt nickte und deutete hinüber zu einer schmalen Treppe, die in das obere Stockwerk führte. Anordil bedeutete mir ihm zu folgen. Wir stiegen die Treppe hinauf, die aus glatt geschliffenem Holz bestand. Es war dunkel von den vielen Füßen, die darüber gelaufen waren. Das ganze Haus machte einen gut geführten, in meiner Heimat würde man sagen gediegenen, Eindruck. Am Ende der schmalen Diele, die kaum breiter war als ein Mann, öffnete Anordil eine Tür. Dahinter befand sich ein kleines, schmales Zimmer mit zwei Betten und einer kleinen Feuerstelle. Die Betten waren zwar einfach, aber für mich schienen sie wie der pure Luxus. Anordil schloss die Tür.

"Havo dad ni îdh - setz dich ruhig hin", sagte er zu mir, "in choest nill dan buig sí ned Berianost - die Lager hier in Hobbingen sind zwar einfach, aber sauber." Ich ließ mich auf einem Bett nieder. Seit ich in Mittelerde war, hatte ich kein Bett gesehen, geschweige denn auf einem gesessen. Ich spürte, dass die Matratze aus gestopftem Stroh in einem Leinensack bestand und dass das Kopfkissen mit Heu gefüllt war. Aber es roch frisch. Zudem sah das Leinen sauber aus. In der Feuerstelle lagen Holzscheite bereit.

Ich ließ mich in das Kissen fallen und schloss die Augen. Ich sah nicht, wie Anordil mich beobachtete und leise lächelte. Ich musste wohl eingeschlafen sein, denn als ich die Augen wieder öffnete, brannte ein Feuer in der Feuerstelle. Die Sonne war untergegangen. Von unten hörte man außerdem mehr Lärm. Anordil saß am Fenster. Er drehte mir den Rücken zu. Eine Gestalt wie eine geduckte Katze, die sich gegen den dunklen Nachthimmel abhob.

Geschmeidig drehte er sich um. "Echui le - du bist wach", stellt er fest, "wir sollten jetzt essen gehen, bevor es nichts mehr gibt." Ich rappelte mich hoch. "Díheno ennin i lostannen - es tut mir leid, dass ich eingeschlafen bin", stammelte ich zerknirscht, "ich wollte ...." Mit einer raschen Handbewegung schnitt er mir das Wort ab. Er fasste mein Kinn und drehte meinen Kopf so, dass ich ihn ansehen musste. Dann schaute er mir tief in die Augen. "Du solltest dich nicht immer für Dinge entschuldigen, die es nicht wert sind", sagte er mahnend, "du bist ein eigenständiges Wesen mit eigenen Gedanken und Gefühlen und bist in keiner Weise von mir abhängig. Bis jetzt hast du fortwährend versucht, es mir recht zu machen und dein wahres Wesen unterdrückt. - Ich würde gerne die wirkliche Arwen kennen lernen. Sie muss hier irgendwo versteckt sein." Er tippt mir mit dem Finger auf die Brust. Dabei lächelte er mich charmant an.

Erschrocken war ich ein wenig zurückgewichen. "Aber es ist wahr, dass ich Euch auf Gedeih und Verderb ausgeliefert bin", entgegnete ich leise, "ich würde in dieser Welt untergehen ohne Eure Hilfe. Ich möchte Euch nicht verärgern." "Warum sollte mich dein wahres Ich verärgern?", fragte er mich, "ich möchte dir nur helfen zu überleben. Dazu muss ich aber die richtige Arwen kennen lernen. Wie sollte ich ihr sonst etwas beibringen können?" Ich nickte stumm. Er nahm meine Hand und zog mich vom Bett hoch. "So, jetzt wirst du als erstes das Badehaus aufsuchen und danach werden wir hinunter in den Schankraum gehen und dort essen", sagte er bestimmend, "und du wirst mir von nun an zeigen, dass du ein eigenes Wesen bist." Er schien recht zufrieden zu sein. Als ich darüber nachdachte, musste ich erkennen, dass er mir wieder etwas entlockt hatte. Langsam schien sich bei ihm die Vermutung zu erhärten, dass ich nicht aus Mittelerde kam.

Das Badehaus in das er mich brachte, war eigentlich ein Badezimmer im Untergeschoss des Gasthauses. Der Lärm aus dem Schankraum durchzog das gesamte Stockwerk. Panik stieg in mir auf. "Keine Angst", sagte der Elb beruhigend zu mir, "ich werde vor der Tür wachen." Mit diesen Worten schob er mich in die Kammer. Dort stand ein großer Zuber mit einladend dampfendem Wasser. Daneben ein Tuch, ein Schwamm und ein Seifenkrug. Ähnlich musste es im Mittelalter gewesen sein. Erst zögerlich, dann rasch, in der Erwartung des heißen Wassers, entledigte ich mich der Kleider und bediente mich aus dem Seifenkrug. Nachdem ich mich gereinigt hatte, stieg ich in den Zuber. Soweit es ging, entspannte ich meine Muskeln. Mir war bewusst, dass dies ein Luxus war, für das der Elb bezahlt hatte. Wie viel mochte ich ihm bereits schulden? Einige Minuten verharrte ich in der wohligen Wärme. Dann entstieg ich dem Wasser, trocknete mich ab und zog die Kleider wieder über. Als ich die Tür öffnete, lächelte der Elb mich an. Erst jetzt fiel mir auf, dass er ebenfalls einen Besuch im Badehaus hinter sich hatte. Einladend deutete er zur Schankstube. Mein Magen knurrt bereits fürchterlich.

Im Schankraum war mittlerweile viel los. Es wimmelte von Hobbits aller Altersklassen und Familien. In einer Ecke saßen eine Handvoll Musiker. Sie spielten fröhliche Stücke. Ich verstand die Texte nicht, aber sie mussten gut sein, denn den Anwesenden gefielen sie. Wir zogen viele Blicke auf uns. Was nicht ungewöhnlich war, denn wir überragten die Hobbits um Haupteslänge. Die Größten von ihnen gingen mir bis zur Brust. Die Decke im Schankraum konnte ich problemlos erreichen. Anordil bugsierte mich zu einem freien Tisch in der Nähe des Feuers. Er wusste, dass ich die Kälte der Berge immer noch in mir spürte. Ich genoss die Wärme sichtlich.

Eine junge Hobbitfrau brachte uns frisches würziges Brot, Wein und je eine Schüssel des Eintopfes. Er roch sehr gut und schmeckte entsprechend. Hauptsächlicher Bestandteil waren Linsen, Kartoffeln und Schweinefleisch. Mit großem Appetit verspeiste ich meine Portion. Die Hobbitfrau brachte danach noch einen flachen Kuchen, der nach Kümmel duftete und einen Belag aus Zwiebeln, Käse, Wurstscheiben und Eiern aufwies. Ein Teller mit gebratenen Speckstreifen, die nach Zucker und Zimt rochen, wurde daneben gestellt. Sekunden später gesellten sich noch weißes, ofenwarmes Brot, aufgeschnittener Käse und ein Pudding dazu. Offensichtlich bestand letzterer aus Haselnüssen. Während ich schweigend in den Genüssen schwelgte, blickte ich mich neugierig um. Schließlich war ich im ‚Grünen Drachen'!

Vielleicht konnte ich sogar Frodo Beutlin sehen. Es musste ja ein relativ junger Hobbit sein. Meine Augen wanderten von einem zum anderen. Bei einem Grüppchen von drei jüngeren Hobbits blieb mein Blick hängen. Dies könnten Frodo, Merry und Pippin sein, dachte ich bei mir, schade, dass ich die Sprache hier nicht beherrsche. Vielleicht war ja auch Sam Gambschie hier? Auf vielen Tischen sah ich Speisen stehen. Eingelegte Pflaumen, Speckstreifen, Kuchen, Pasteten und immer wieder Brot. Also schien es wahr zu sein, dass die Hobbits dem Essen äußerst zugetan waren.

Einer der älteren Hobbits kam zu Anordil und sprach ihn an. Ich verstand nichts von der Unterhaltung. "I berian vabent, em binn in linnar - der Hobbit fragte, ob wir Barden seien", übersetzte mir Anordil, "a devitham linno. Edhil in linnar sí ú-rim lû. Devich linno vae, in laer vae, in 'arnin o gen. - Und ob wir etwas zum Besten geben könnten. Elbensänger wären nicht oft hier. Du kannst recht gut singen, - jedenfalls waren die Stücke gut, die ich von dir gehört hatte." Erschrocken sah ich ihn an. "Sí ú-dhevin, nu bain 'waith! - ich kann doch hier nicht singen, vor all den fremden Leuten!", flüsterte ich entsetzt, "ú-chenion lam ech! - ich verstehe ja nicht einmal ihre Sprache!" Er lächelte mich gewinnend an. "Beriain vilui 'waith a melir nern a laer. Han farn adhren in bith en laer istad mathad glass erin laer. Melir vae edrigol laer en hoga a nern vael. - Hobbits sind freundliche Leute und sie mögen Geschichten und Lieder. Es genügt ihnen den Inhalt eines Liedes zu kennen, um Freude an der Melodie zu empfinden. Sie mögen vor allem gute Trinklieder und derbere Geschichten."

Mit einem Mal war mir die Kehle wie zugeschnürt. Aber der Elb stand schon auf und ging zu den Musikern hinüber. Er sang zwei Lieder, die ich nicht verstand. Aber die Melodie war eingängig. Die Hobbits waren begeistert dabei. Ich war erstaunt über die klare Tenorstimme des Elben. Sie hörte sich samtig weich an und schlug mich in ihren Bann. Schließlich sagte er etwas zu den Hobbits. Dann deutete er auf mich. Er winkte mich zu sich. Mit weichen Knien ging ich zu ihm hinüber.

"Sage mir einfach die Geschichte, die in den Liedern erzählt wird und ich werde es den Hobbits übersetzen", sagte er lächelnd zu mir. Schüchtern stellte ich mich neben ihn. "Ich werde zuerst ein Lied aus meiner Heimat singen. Es heißt ‚Kind Friends and Companions'", flüsterte ich. Ich sagte ihm, über was das Lied handelte. Er übersetzte es in die mir fremde Sprache und bedeutete mir zu singen. Leicht unsicher fing ich an. Nach ein paar Takten hörte ich, wie die Musiker die Melodie und den Rhythmus aufnahmen. Ich war erstaunt über die Treffsicherheit. Das gab mir Mut. Letztendlich sang ich ein paar Stücke. Den Hobbits schien es zu gefallen. Sie klatschten im Rhythmus und summten von Zeit zu Zeit Stücke der Melodie mit.

Zur Belohnung bekam ich einen Krug mit Bier in die Hand gedrückt. "Sogo min îdh - trink ruhig", sagte Anordil ermutigend, "ir iau-nen i beriain istannen min Ennor. Pen dev ú-rim hogo o iau-nen. Han thala rim. - Das Bier der Hobbits ist in Mittelerde berühmt. Allerdings kann man nicht viel davon trinken. Es ist äußerst stark." Womit er Recht behielt. Aber es schmeckte hervorragend. Von der Qualität her konnte es mit jedem Bier aus meiner Welt mithalten. Doch es stieg schnell zu Kopf. Ich beließ es bei einem Krug.

Nach meinem Vortrag hatte ich mich an den Tisch zurückgezogen. Anordil saß weiterhin vorne bei den Musikern und erzählte den Hobbits wohl Neuigkeiten. Er wurde von einigen arg mit Fragen gelöchert, die er aber bereitwillig beantwortete. Dann sang er zwei weitere Stücke. Als er geendet hatte, kam er an unseren Tisch zurück. Wir saßen dort eine Weile und schauten dem Treiben im Schankraum zu. Später in der Nacht fielen mir die Augen zu. "Gen bado si an îdh - du solltest dich jetzt lieber zur Ruhe begeben", wisperte mir der Elb ins Ohr. Ich nickte müde und ging in Richtung Schlafraum. Dort zog ich mich aus, fiel auf das Bett, zog die Decke über mich und schlief auf der Stelle ein.

Am nächsten Morgen wachte ich auf. Anordil saß am Fenster. Die Sonne stand bereits hoch am Himmel. "Garin lostach - ich habe dich schlafen lassen", sagte er zu mir, "du warst erschöpft. Dan si badatham - aber wir sollten jetzt aufbrechen." Ich beeilte mich, aus dem Bett zu kommen und wusch mich in einer Schüssel. Diskret hatte er mir den Rücken zugedreht. Er wusste, dass es mich in Verlegenheit brachte, meinen Körper zu zeigen. Danach kämmte ich mein Haar und flocht es neu ein. Ich hatte immer noch den Geruch von Heu in der Nase, als wir in den Schankraum hinuntergingen.

Dort brannte ein kleines Feuer in der Feuerstelle. Der Raum war leer. Auf dem Tisch am Feuer standen Schalen mit Honig, Butter, Nüssen, Rahm und Rosinen. In Tontöpfchen war Marmelade zu finden. Drei Sorten wurden aufgetischt; Himbeer, Pflaumenmus und Kirsche. Süßes Brot lag reichlich in einem kleinen Weidenkörbchen. Dazu bekamen wir einen milden Käse, geschnittenes Obst und Wasser. In Krügen stand noch frische Milch und Obstsaft auf dem Tisch. Daraus konnte man sich frei bedienen. Direkt neben dem Feuer hatten zwei große metallene Kannen ihren Platz gefunden. Dem Geruch nach zu urteilen war der Inhalt mit Kaffee zu vergleichen. Wortlos verspeisten wir das reichhaltige Frühstück. So gestärkt verließen wir kurze Zeit später das Gasthaus.

Wir schlugen ein zügiges Tempo ein. Drei Tage später überquerten wir den Baranduin über die Brandyweinbrücke und hielten uns in Richtung Bree. Diesen Ort erreichten wir nach einem weiteren Tag. Es war eindeutig eine Handelsstadt. Anders als Caras Celairnen. Im wesentlichen viel kleiner. Es erschien sauberer, irgendwie weniger schmuddelig. Bree lag an einer Wegkreuzung. Hier herrschte ein ständiges Kommen und Gehen. Bauern mit Karren fuhren in die Stadt. Reiter kamen heraus. Dazwischen eine Menge Fußvolk. Jetzt über Tag war das Stadttor weit offen. Bree war eine gut befestigte Stadt. Wie es schien, wurden abends die Tore geschlossen und mit Wachtposten versehen.

Ich konnte alle Rassen Mittelerdes hier ausmachen. Ich sah Menschen verschiedenster Herkunft, Hobbits, ein paar Elben und Zwerge. Staunend folgte ich Anordil. Bree lag an einen Hügel geschmiegt. Die Straßen waren mit Kopfsteinpflaster befestigt und die Häuser zum größten Teil aus einem gelblich, fast honigfarben aussehenden Stein erbaut. Es waren ungefähr hundert Anwesen mit kleinen Gärten davor. Die Häuser schienen überwiegend zweigeschossig zu sein. Trotzdem muteten sie reichlich mittelalterlich an. Manche Häuser hätten durchaus aus dem England des elften oder zwölften Jahrhunderts stammen können.

Man konnte ebenfalls ein paar Hobbithöhlen sehen. Gut erkennbar an den runden Fenstern und Türen. Sie schienen in den Hügel hinein gebaut zu sein. Ich erblickte mehrere Brunnen, die öffentlich zugänglich waren. Mir fiel auf, dass der Geruch auf der Straße recht angenehm war. Die Straßen wurden hier anscheinend nicht als Abwasserkanäle missbraucht. Aber sie bestanden aus Lehm. Bei Regen würde sich die Straßen in matschige Rutschbahnen verwandeln. Der Weg, dem wir folgten, führte durch einen kleinen Teil von Bree hindurch. Hier standen die Gebäude enger und es gab kaum Gärten. Dafür mehr Werkstätten und Ställe.

Wir kehrten in ein Gasthaus ein, dass "Zum tänzelnden Pony" hieß. Der Schankraum war recht düster. Eher so, wie man sich ein mittelalterliches Gasthaus vorstellte. Gespannt schaute ich mich um. Es waren Leute unterschiedlicher Rasse und Beruf im Schankraum anwesend. Man konnte den Waldläufer ebenso antreffen, wie den wohlhabenderen Händler. Anordil sprach mit dem Schankwirt. Dieser nickte freundlich und machte ein paar Handbewegungen. Wir wurden wieder in den ersten Stock geschickt.

Das Zimmer, welches der Wirt uns angewiesen hatte, war ein wenig größer, als das in Hobbingen, besaß allerdings nur ein breites Bett. Ein Lehnstuhl stand neben der Feuerstelle. Die Fenster waren mit einer Art Butzenglas versehen. Drei von den Scheibchen fehlten. Pergament ersetzte das verloren gegangene Glas.

"Gen annon i chaust, Arwen - das Bett überlasse ich dir, Arwen", sprach Anordil, "beriathon. Em edhil ú-mboe losta. - Ich werde wachen. - Wir Elben brauchen den Schlaf nicht." Damit kam er meiner Frage zuvor. Und wieder kam ich in den Genuss eines Bettes. Für den Rest der Reise durfte ich wohl nicht mehr hoffen, in einem zu schlafen. An diesem Abend wurden wir nicht aufgefordert zu singen. Wir hielten uns im Hintergrund. Es gab im Schankraum ein paar Tische, die fast in halbdunklen Nischen verschwanden. Dorthin zogen wir uns zurück, um zu essen. Es gab Fleischpastete, Brot und Wein. Das Essen war genießbar, aber nicht so gut wie in Hobbingen.

Am nächsten Morgen standen wir früh auf. Anordil wollte mit mir am Marktplatz vorbei, bevor wir weiterzogen. Dort erstand er neues Schuhwerk für mich, da das Leder der Schuhe, die ich trug, arg abgetragen war. Sie waren schließlich provisorisch von Anordil gefertigt worden, da ich ja keine eigenen Schuhe mehr besaß. Bei einem Waffenschmied erstand er einen Dolch mit Scheide für mich.

"Han vae, ae garich sigil. Thent vagol ú-faeg. - Es ist besser, wenn du einen Dolch hast. Ein Kurzschwert wäre ebenfalls nicht schlecht", meinte er, wandte sich dem Waffenschmied zu. Er fragte ihn etwas. Der Schmied nickte und zeigte ihm ein paar Kurzschwerter. Mit geübtem Blick musterte Anordil die Waffen. Prüfend wog er sie in der Hand. Nach einer Weile entschied er sich für ein schlichtes Kurzschwert mit Scheide. "Golthathon gen sui mathach - ich werde dir beibringen, wie man damit umgeht", sagte er zu mir, als er es mir gab. "Bitte, Herr Anordil", erwiderte ich zaghaft, "garin ú-virian - ich habe doch überhaupt kein Geld. Ich schulde Euch schon jetzt mehr, als ich je bezahlen kann." "Boe garithach hin naid - du wirst diese Dinge brauchen", sprach er mit einer Stimme, die keinen Widerspruch zuließ, "a ae gellach devich ab adel anna virian nin - und wenn es dich glücklicher macht, kannst du mir die Goldstücke später zurückzahlen." Ich wollte etwas sagen, aber er legte mir seinen Finger auf die Lippen. "Han vae - es ist gut so", lächelte er mich an. Dann wandten wir uns aus der Stadt heraus.

Von Bree aus folgten wir der alten Handelsstraße, die Grünweg hieß, in den Süden. Wir kamen an etlichen Hügelgräbern vorbei. Rechterhand lag ein regelrechtes Gräberfeld. Auch Felder und vereinzelte Gehöfte konnten wir sehen. Später führte uns der Weg in die Ebene von Minhiriath. Dieser Landstrich erinnerte mich ein wenig an Schottland. Sanfte Hügel und flache Ebenen, bewachsen mit Gras und niedrigem Buschwerk. Manchmal karg und rau, manchmal saftig und grün. Viele kleine Bäche sowie Rinnsale durchzogen das Land. Das Klima war ebenfalls ein wenig schottisch. Warm war es nicht. Teilweise wehte ein kälterer Wind. Ich war froh um den Umhang des Elben. So war mir jedenfalls einigermaßen warm.

Manches Mal fragte ich mich allerdings, ob der Elb kein Kälte- oder Wärmeempfinden hatte. Er fror nie und ich hatte ihn nie schwitzen sehen. Am schlimmsten fand ich allerdings, wenn der Regen einsetzte. Der Umhang hielt zwar das meiste ab, aber trotzdem war es alles andere als angenehm. Ich versuchte es mit stoischer Gelassenheit zu ertragen.

Obwohl es mir nicht leicht fiel. Aber ich wollte nicht als jammerndes, nörgelndes, verwöhntes Gör erscheinen. Schließlich war ich auf die Hilfe des Elben angewiesen. Und ich hatte wahnsinnige Angst davor plötzlich alleine dazustehen. Wenn auf unserem Weg ein Überhang oder ein anderer Schutz vorhanden war, suchten wir diesen auf. An manchen Tagen wanderten wir aber weiter, wahrscheinlich weil es zu gefährlich war zu rasten und das Ende des Regens abzuwarten. Ich wunderte mich, dass ich mir bisher keine heftige Erkältung eingefangen hatte. Aber was nicht ist, kann noch kommen. Auf alle Fälle schienen die Wetterverhältnisse dem Elben überhaupt nichts auszumachen.

Allmählich ließ ich mein altes Leben hinter mir. In den Wochen, die unsere Reise dauerte, wurde mir klar, dass ich auch nicht mehr zurück wollte. In meiner Welt würden mich Männer des Vatikans aufspüren und genauso umbringen, wie meine Familie. Alles, was mir geblieben war, war das kleine Amulett mit dem Familienbild, die drei Schmuckstücke und die Chance eines neuen Lebens. Allmählich fasste ich Vertrauen zu Anordil. Er bedrängte mich nie. Trotz seiner Neugier versuchte er nicht mich über meine Vergangenheit auszufragen.

Er ließ mir die Zeit, die ich brauchte, um es selber zu verstehen und Vertrauen zu ihm aufzubauen. Bisweilen schien er meine Gedanken lesen zu können, weil er so treffsicher mit seinen Annahmen war. Das setzte mich immer wieder in Erstaunen. Während unserer Wanderung bestritten wir etliche Kämpfe. Anordil rettete mir dabei mehr als einmal mein Leben. Manchmal gelang es ihm mich aus der Reserve zu locken. Dann erhielt er ein weiteres Bröckchen zu dem Puzzle meiner Herkunft.

Aber mein Heimweh wurde stärker. Um es zu vergessen, schnitzte ich mir bald eine kleine Flöte aus Holz, so wie es mir meine Mutter vor vielen Jahren beigebracht hatte. Allerdings erlaubte mir Anordil nicht sie zu spielen. Das Gebiet, in dem wir waren, wäre viel zu unsicher, erklärte er mir.

Ich lernte viel in diesen Wochen. Tagsüber, wenn unser Reiseweg es zu ließ, erklärte mir Anordil vieles über die Tiere und Pflanzen Mittelerdes. Er zeigte mir, welche ich unbeschadet essen konnte. Aber auch was ich lieber meiden sollte. Er brachte mir einen anderen Bewegungsrhythmus bei, der es mir ermöglichte, mich schneller, kraftsparender und vor allem geräuschärmer zu bewegen. Er lehrte mich, wie man anhand von Sonne und Sterne seinen Weg bestimmte.

Ich sprach nur Sindarin. Dabei lernte ich es zu sprechen, wie es hier gesprochen wurde. Schon bald konnte ich mich so flüssig darin verständigen, als wäre ich damit aufgewachsen. Viele Worte waren anders, als ich sie gelernt hatte. Was daran lag, dass Sindarin in meiner Welt nur unvollständig zu finden war. Es gab etliche Worte, die man nur anhand von Logik abgeleitet oder erstellt hatte, die sich allerdings hier als falsch oder zu kompliziert erwiesen. Anordil brachte mir ebenfalls ein paar Worte in Westron bei, der allgemeinen Sprache Mittelerdes.

Abends, wenn wir rasteten, zeigte Anordil mir den Umgang mit dem Kurzschwert. Ich sollte mich nicht nur mit dem Kampfstab verteidigen können, wenn es sein musste. Sogar mit dem Bogen machte ich erste Übungen. Es war gar nicht so einfach, diesen zu spannen. Mir fehlte schlicht und ergreifend die dafür notwendige Muskulatur. Sie würde sich erst mit der Zeit aufbauen.

Wir begegneten kaum jemandem. Von ein paar Händlern, die nach Bree zogen, vielleicht abgesehen. Auch Orks waren hier rar. Darüber war ich gar nicht böse. Wir hatten zwar mit Wegelagerern zu rechnen, aber Anordil erklärte mir, dass die meisten einen alleinreisenden Elben oder eher gesagt, Elben allgemein, nicht angreifen würden. Es wäre ihnen zu riskant. Und meist würden sie die Elben sowieso nicht wahrnehmen, selbst wenn sie nur wenige Meter an ihnen vorbei gehen würden. Wenn ein Elb für die Wegelagerer sichtbar war und unbesorgt durch die Gegend ging, dann zogen sie es vor, diesen eher nicht zu behelligen.

Drei Wochen später überquerten wir den Gwathló bei der Tharbad-Brücke. Tharbad war eine kleinere Stadt, die ein wenig an Venedig erinnerte. Ein großer Deich schützte vor Überflutungen. Die Stadt erstreckte sich beidseits des Gwathló und wurde von Wasserstraßen durchzogen. Als wir Tharbad durchquerten, sahen wir viele Wächter, die durch die Straßen zogen. Anordil sagte mir, dass dies hier wohl normal sei. Beim Gang über die befestigten Straßen fielen mir mit gelöcherten Platten versehene Senken in der Erde auf. Es musste hier ein gutes Entwässerungssystem geben. Aus der Art und Weise der Anordnung konnte man auf ein fast römisch anmutendes Kanalsystem schliessen. Ich war überrascht, soviel Fortschritt in Mittelerde vorzufinden. Wir überquerten den Fluss über eine der beiden Brücken. Danach verließen wir Tharbad wieder, ohne uns aufzuhalten. Von hier war es nicht mehr weit, versicherte mir Anordil.

Wir durchquerten das Marschland der Schwanenflut und hielten uns weiter in östlicher Richtung. Es ging immer entlang des Südufers des Glanduin. Auf der anderen Seite konnte man Ruinen sehen, aber auch die Umrisse eines kleineren Dorfes oder einer größeren Ansiedlung. Auf dieser Uferseite kamen wir an einem Dorf vorbei, das auf einem Hügel lag. Wir sahen es allerdings nur von weitem.

Nach sechs Tage rasteten wir am Flussufer. Hier fing ein größeres Waldgebiet an. Dahinter begann das Nebelgebirge. Majestätisch erhoben sich die Berge in den Himmel. Doch ich hatte für die Schönheiten der Natur im Moment keine Augen. Erschöpft fiel ich zu Boden und schlief auf der Stelle ein. Die letzten Tage waren wir ohne große Rast durchmarschiert. Heute hatte ich allerdings den Eindruck, dass der Elb weniger angespannt war, als bisher.

Nach einer Weile wurde ich vom Duft gebratenen Fisches wach. Erstaunt blinzelte ich in die Flammen eines kleinen Feuers. "Minno gartham i var 'waith nîn. Si devim chir îdh, nu lim vadatham. - Wir haben das Land meines Volkes betreten. Hier können wir in Ruhe rasten, bevor wir weiterziehen", sagte er. Er reichte mir einen Stock auf dem ein Fisch aufgespießt war. Seit Wochen hatte ich kein warmes Essen mehr gehabt und der Fisch schmeckte mir wie ein königliches Mahl.

"Echad beria - dieses Lager ist sicher. Du darfst hier den Klang deiner Flöte ausprobieren", forderte Anordil mich auf. Unsicher sah ich ihn an. "Ú-iston - ich weiß nicht", entgegnete ich leise und räusperte mich kurz, "... ich weiß nicht, ob ich gut genug bin, um vor Euren Ohren bestehen zu können." "Du brauchst keine Hemmungen zu haben", sagte er leise, "jeder aus meinem Volk kann singen oder ein Instrument spielen. Aber die meisten sind keine Barden. Wir singen gerne." Unvermittelt fing er an ein fröhliches Stück zu singen. Dabei lächelte er mich gewinnend an. Wie in Hobbingen war ich auch diesmal beeindruckt von seiner samtweichen Tenorstimme. Sein Lied machte mir ein wenig Mut. Danach sah er mich auffordernd an.

Nun war ich wohl an der Reihe. Seit ich in Mittelerde war, hatte ich nicht mehr gespielt. Die ersten Takte waren unsicher, aber dann kam die alte Fingerfertigkeit zurück. Ich spielte ein paar irische Stücke, die mir so einfielen. Nach einer Weile dachte ich an meine Familie und spielte ein Stück, dass unser aller Lieblingslied war. Mein Blick war in die Ferne gerichtet. Tränen liefen mir lautlos über die Wangen. Der Elb schaute mich verständnisvoll an. Seine blauen Augen schienen bis tief in meine Seele zu blicken. Als der letzte Ton verklungen war, senkte ich die Flöte ab und ließ sie in meinen Schoß fallen. Ich blickte in die Dämmerung und verharrte so einige Minuten. Dann begann ich zu erzählen.

Ich erzählte ihm von meiner Welt, von meiner Familie, meiner Jugend. Bis zu dem Moment, an dem ich von den Orks angegriffen worden war. Als ich geendet hatte, sah er mich immer noch unverwandt an. Im Feuerschein glitzerten seine Augen wie Kristalle. "Si 'waith nîn veriatham le - hier bei meinem Volk bist du in Sicherheit", sagte er mitfühlend, "annon dulu adab nîn, an i lû i dharthach. Golthathon gen vronad ned Ennor. Ú-dhevo ad-annatham noss lîn, dan utham, mabam naeg lîn. - Ich gewähre dir die Gastfreundschaft meines Hauses, solange du möchtest. Ich werde dich lehren, hier in Mittelerde zu bestehen. Wir werden dir deine Familie nicht ersetzen können, doch wir können versuchen, dir deinen Schmerz zu nehmen."

"Hannon len, hîr Anordil – ich danke Euch, Herr Anordil", erwiderte ich leise, "nicht nur für Eure Gastfreundschaft, sondern auch für mein Leben." Mit diesen Worten legte ich mich zur Ruhe und schlief ein. Der Elb würde über meinen Schlaf wachen. Er hatte nachdenklich ausgesehen. Vieles musste ihn entsetzt haben. Einiges von dem was ich sagte, hatte ihn sichtlich in Verwunderung versetzt. Ich aber war erleichtert, endlich meine Geschichte erzählt zu haben. Ich fühlte mich jetzt nicht mehr ganz so einsam.

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