Am nächsten Morgen wanderten wir weiter. Die Gipfel des Nebelgebirges erhoben sich grandios über den Baumwipfeln. Ohne Zwischenfälle gelangten wir immer tiefer in das Reich der Elben. Einen Tag später kamen wir über einen kleinen Berghügel und als ich das Tal sah, hielt ich den Atem an. So etwas Schönes hatte ich nie vorher erblickt! Ich kam mir vor wie in einem Traum.
Gelächter und Gesang hingen in der Luft. Der Wald schimmerte in einem unwirklichen Grün. Der Flusslauf sowie der kleine Wasserfall glitzerten wie Kristalle im Sonnenlicht. Anordil führte mich ins Tal hinunter. Allmählich konnte ich Gebäude erkennen. Sie verschmolzen mit der Umgebung. Sphärisch und leicht sahen sie aus. Die Vegetation wuchs in die Häuser hinein. Es gab zwar Fenster und Türen, doch sie waren offen. Kein Glas, kein Holz versperrte den Weg. Alles war frei zugänglich.
"Alae! Suilad anech - sei willkommen, Anordil", rief ein junger Elb fröhlich und kam auf uns zu, "i dirn 'arnir teg angol tollich le - die Wächter haben deine Heimkehr angekündigt." "Gen suilon, Luvalaes - ich grüße dich, Luvalaes", antwortete Anordil, "sen nauthannen. Tiriannen hain - damit hatte ich gerechnet. Ich habe sie bemerkt." Was mir völlig entgangen war. Ich hatte bisher keine Ahnung gehabt, dass man uns beobachtet hatte. Die beiden Elben begrüßten sich mehr als freundschaftlich.
"Sen mhuindor nîn Luvalaes - dies ist mein Bruder Luvalaes", stellte er mir den jungen Elben vor, "dies bedeutet Grünbogen. E i edregol vae benn en gû 'waith nîn ab nin - er ist nach mir der beste Schütze meines Volkes." Er zwinkerte seinem Bruder zu. Luvalaes war wie sein Bruder hochgewachsen und schlank. Nur seine Haare waren braun mit einem Hauch von Kupfer, doch seine Augen ähnelten denen seines Bruders. Nur waren sie eher kristallblau. Er trug eine kupferfarbene Robe, welche die Farbe seiner Augen unterstrich.
"Sen Arwen - dies ist Arwen", stellte Anordil mich vor, "sie ist mein Gast." Luvalaes begrüßte mich freundlich. "Mae govannen ned Gillien, Arwen - willkommen in Cillien." Danach wandte er sich erneut Anordil zu. "Adar mîn bara gen tírad, Anordil - unser Vater brennt darauf dich zu sehen, Anordil." "Ae annannen Arwen nedin 'aim Mallenloth, vadathon nan hon - sobald ich Arwen in die Obhut von Mallenloth gegeben habe, werde ich zu ihm gehen", antwortete er Luvalaes, "man lû ad hí gen - seit wann bist du wieder hier?" "Sí govannen io ú-rim eraid - ich bin erst vor einigen Tagen eingetroffen", erwiderte dieser, "ich wäre schon eher hier gewesen, wenn die Orks nicht wären. Sie werden immer zahlreicher."
Ich blieb hinter den beiden einen Schritt zurück. Sie hielten auf eines der größeren Gebäude zu, dass wir dann betraten. Im Inneren begegneten uns einige Menschen, die sich ehrerbietig vor Anordil und Luvalaes verneigten. Erstaunte Blicke folgten mir. Mir wurde unwohl in meiner Haut. Sie mussten hochgestellte Persönlichkeiten in ihrem Volk sein. Ich hatte auf einmal weiche Knie.
Anordil winkte eine menschliche Frau zu sich heran. Später sollte ich erfahren, dass die Menschen hier freiwillig arbeiteten und dafür entlohnt wurden. Manche waren seit Generationen in elbischen Diensten. "Geleite meinen Gast in das Gästequartier meiner Räume", sagte er zu ihr. Sie verneigte sich stumm. Mir bedeutete sie ihr zu folgen. Anordil sagte zu mir: "Aphado Anigel. Hirnin Mallenloth a e dogin nan gen - Folge Anigel. - Ich werde Mallenloth suchen und sie zu dir bringen." Ich nickte verunsichert. Dann ging ich hinter der Frau her.
Sie führte mich durch zahlreiche Gänge und Räume. Neugierig schaute ich mich um. Die Bauweise fand ich faszinierend. Das Gebäude in dem ich war, schmiegte sich terrassenförmig an den Hügel. Alles war hell und offen. Die Vegetation konnte ungehindert in die Räume eindringen. Nirgendwo gab es Türen. Sie wurden durch Efeuranken oder andere Schlingpflanzen ersetzt. Die Decken wurden von filigran anmutenden Rundbögen getragen. An den Wänden sah ich kunstvolle Bilder und Schnitzereien, deren Muster an Blattwerk und Blüten erinnerte. Das Gästequartier war ein sonnendurchfluteter Raum mit einer vorgebauten kleinen Terrasse, von der aus man einen herrlichen Ausblick auf das Tal hatte.
Das Bett stand ein wenig erhöht. Die Bezüge schimmerten wie Seide. Die übrige Möblierung war spärlich. Es gab einen Kleiderschrank mit drei Böden und eine Kommode mit Spiegel. Dieser schien aus poliertem Silber gefertigt. Außerdem gab es einen kleinen Tisch sowie zwei Stühle. Alles fügte sich harmonisch zusammen. Blatt und Blüte waren auch hier die vorherrschenden Muster. Beinahe wähnte man sich in einem Art-Nouveau-Bildnis gefangen. Ein weiterer Durchgang führte in eine Art Badezimmer. Eine steinerne Vertiefung im Boden wurde von einer natürlichen heißen Quelle gespeist. An einer Waschschüssel konnte man sich vorher reinigen. In einem geschwungenen Krug stand die Seife daneben. Sie duftete nach Blüten. Überwältigt von diesem Luxus schloss ich die Augen. Es dauerte einige Sekunden, bis ich sie wieder öffnete.
Die Frau sprach mich an, aber ich konnte nur Bruchstücke verstehen. "Gohenach - es tut mir leid", sagte ich auf Sindarin, "pulin ú-vae henia lam lîn - ich kann deine Sprache leider nicht gut verstehen." "Adaneth le a ú-cheniach lam mîn, sen edregol - Sie sind eine Menschenfrau und verstehen unsere Sprache nicht, dass ist befremdlich", antwortete sie ebenfalls auf Sindarin, "aber mir steht es nicht zu, darüber nachzudenken. Herr Anordil hat mir befohlen, Euch neu einzukleiden und von dem Staub der Reise zu reinigen. Bitte legt Eure Kleidung ab. Ich werde Euch helfen."
Das heiße Wasser sah einladend aus. Ich hatte, seit ich Mittelerde betreten hatte, kein Bad mehr genommen. Oh, ich vergaß, ich nahm ein Bad in Hobbingen. Wie lange war das jetzt her? Wohl fand ich es nun ein wenig befremdlich, dass jemand mir dabei half, die Kleidung abzulegen und mir den Rücken schrubbte. Nachdem ich aus dem Badebecken gestiegen war, bedeutete mir die Frau, mich auf eine Liege zu legen. Dann ölte sie mich mit einem angenehm nach Rosen duftendem Öl ein.
Ich empfand schon fast Skrupel, dass ich die ganze Behandlung genoss. Sie kleidete mich danach in ein hellgrünes, mit dünnen Silberfäden durchzogenes, weich fließendes Gewand. Ich hätte gar nicht gewusst, wie ich die Schließen anbringen sollte. Aber ich beobachtete sie dabei und merkte es mir, damit ich nicht später in Verlegenheit geriet. Anschließend kämmte sie mein Haar. Sie flocht es nur teilweise wieder ein.
Als ich mich im Spiegel betrachtete, schien mich eine Fremde anzublicken. Hochgewachsen, schlank und zerbrechlich blickte mich mein Spiegelbild an. Die Wochen der Wanderung waren nicht spurlos an mir vorüber gegangen. Ich hatte zwar nie zu Übergewicht geneigt, jedoch stets einen gut genährten Eindruck gemacht. Jetzt war jedes überschüssige Gramm Fett verschwunden. So sah ich eigentlich nur zu meinen besten Wettkampfzeiten aus.
"I 'alen a geleb adab nîn mae habich - die Farben meines Hauses stehen dir gut", hörte ich Anordil hinter mir. Ich schrak zusammen, denn ich hatte ihn schon wieder nicht gehört. Ich drehte mich um. Eine schöne junge Elbenfrau stand an seiner Seite. Sie war sonnenblond, hochgewachsen und außergewöhnlich schön. Gekleidet war sie in ein graues mit Goldfäden durchzogenes Gewand, dass ihre Haare zum Leuchten brachte. "Sen Mallenloth, iell nîn a benn en nestad ned hen imlad - dies ist Mallenloth, meine Tochter und die Heilerin in diesem Tal", stellte er sie mir vor. Ich verneigte mich vor den beiden. Danach stellte er mich vor. "Sen Arwen. E govannen na ellong cheiru am lend nîn. - Mallenloth, gen vabedin e tírad a tre-dogo tofn maenas-en-nestad nîn. - Dies ist Arwen. Ich habe sie auf meiner Reise schwer verletzt getroffen. - Mallenloth, ich möchte dich bitten, sie zu untersuchen und meine bescheidenen Heilkünste zu ergänzen." Sie nickte zustimmend. Anordil lächelte mir beruhigend zu, bevor er uns Frauen alleine ließ.
"Mein Vater sagte mir, dass du von einer ihm unbekannten metallenen Waffe verletzt wurdest sowie von Orkpfeilen", sagte Mallenloth, "ich möchte dich gerne erst untersuchen und danach die entsprechenden Heilmethoden anwenden." Ihre Stimme klang melodiös, fast wie Gesang. Sie führte mich zurück in das Badezimmer. Dort entkleidete ich mich wieder. Jetzt war ich froh, Anigel beobachtet zu haben.
Mallenloth untersuchte aufmerksam meine Wunden. "Mit deiner Erlaubnis würde ich dich gerne gänzlich untersuchen, um ein besseres Bild von deinem Allgemeinzustand zu bekommen", sagte sie zu mir. "Ich habe nichts dagegen", erwiderte ich. Konzentriert untersuchte sie mich von Kopf bis zu den Füßen. Bei meiner Scham sog sie scharf die Luft ein. "Welcher Stümper hat denn hier herumgepfuscht?", murmelte sie leise, "du musst ja ständig Schmerzen haben." Ich sah sie an. "Ich habe die Schmerzen längst verdrängt. Ich spüre sie fast nicht mehr", sagte ich leise, "es waren Heiler meines Volkes, die mich nach ihrem besten Wissen behandelten." Die Erinnerung schnitt wie ein scharfer Dolch durch mein Gehirn. "Wenn du es mir erlaubst, werde ich versuchen, die Schmerzen zu lindern."
Sie blickte mich mit ihren hellgrünen Augen an. Drei tiefe Atemzüge ließen meine Beklemmung weichen und ich nickte zustimmend. Selbst wenn sie mir nur einen Teil dieser Schmerzen nehmen könnte, wäre das eine große Erleichterung. "Du bist in der Sicherheit meines Volkes", sagte sie mit weicher Stimme, "niemand wird dir hier ein Leid zufügen. – Habe Vertrauen zu uns." Sie verschwand für eine halbe Stunde und kam mit einigen Tiegeln und Gefäßen wieder. Nun gab sie mir eine Phiole, die ich austrinken sollte. Die Flüssigkeit war wasserklar. Sie schmeckte würzig nach Kräutern. Hiernach musste ich mich auf die Liege legen. Nach ein paar Minuten fing die Flüssigkeit an zu wirken.
Ich hatte das Gefühl zu schweben und fühlte mich leicht benommen. Ich entspannte mich vollkommen. Dann spürte ich, wie Mallenloth die Narben mit einer Paste einrieb. Dabei murmelte sie Worte in einer unbekannten Sprache. Nach einer Weile sah ich Schweißperlen auf ihrer Stirn. Sie musste sich wohl enorm anstrengen. Es schien mir, als würde sich eine elektrische Spannung in der Luft aufbauen. Ich fühlte ein Prickeln und Brennen auf der Haut, das immer stärker wurde. Als ich meinte, jetzt könne ich es nicht mehr aushalten, hörte es schlagartig auf. Eine wohlige Wärme breitete sich aus.
Wie lange ich in dem Schwebezustand war, weiß ich nicht mehr. Aber auf einmal erwachte ich und sah Anigel vor mir. Mallenloth konnte ich nirgendwo sehen. Ihre Gerätschaften waren gleichfalls verschwunden. Als ich von der Liege aufstand, war ich überrascht. Kein Schmerz malträtierte meinen Körper. Seit meinem vierzehnten Lebensjahr hatte ich ständig Schmerzen gehabt. Sie waren verschwunden, als hätte es sie nie gegeben. Erstaunt tastete ich meinen Körper ab. Keine einzige Narbe konnte ich fühlen. Tränen standen mir in den Augen. Überwältigt barg ich mein Gesicht in den Händen. Ein stummes Dankgebet richtete ich an die Götter, dass sie mich hierher geschickt hatten. Dann wischte ich die Tränen fort. Anigel hatte mich erstaunt beobachtet. Doch sie half mir wortlos beim Ankleiden.
Die Sonne stand schon tief, als ich auf die Terrasse blickte. Anordil wartete dort draußen an der Balustrade. Er hatte sich ebenfalls von der Reise gereinigt und trug ein fließendes, bodenlanges Gewand in dunklen Grüntönen, das an den Säumen mit Silber verziert war. Sein Haar trug er jetzt ganz offen, gehalten nur von einem dünnen, silbernen Stirnreif. Ich betrat die Terrasse. Unsicher ging ich auf ihn zu. Tief verbeugte ich mich vor ihm. "Hannon len - vielen Dank", sagte ich leise, mit Tränen in den Augen, "hannon len a iell lîn an i nestad cheiru nîn - ich danke Euch und Eurer Tochter für die Heilung meiner Wunden. Ich verdanke Euch so viel, ich weiß nicht, wie ich es vergelten kann."
"Carnim na 'lass han - wir haben es gerne getan", erwiderte er freundlich, "goltho nin lam lîn - bringe mir deine Sprache bei. Das ist alles, was ich als Lohn möchte. Es könnte zu einem anderen Zeitpunkt für uns von Vorteil sein." Er schaute mich lächelnd an. Sanft wischte er mir eine Träne von der Wange. Ich spürte, wie mir das Blut ins Gesicht schoss und senkte schnell den Kopf. Er tat so, als hätte er es nicht bemerkt. Danach geleitete er mich auf eine andere Terrasse. Dies gab mir Gelegenheit mich wieder ein wenig zu fangen.
Dort wartete sein Bruder auf uns. Wir aßen im Licht der untergehenden Sonne. Frisches Brot, Obst, Knollen, die aussahen wie Kartoffeln, undefinierbares Gemüse und eine Pastete, mit einer Füllung, die ich nicht kannte. Mir schmeckte es sehr gut. Dazu gab es Wasser und Wein zu trinken. Er war dunkelrot. Im Kelch perlte er ein wenig. Auf mich hatte das Getränk eine leicht berauschende Wirkung. Die beiden Elben wurden davon nicht beeinträchtigt.
"Herr Anordil, erlaubt mir eine Frage", sagte ich schüchtern und drehte den Kelch in den Fingern, "dies hier ist wohl eine Art Wein. Ich fühle mich leicht beschwingt, kann aber bei Euch keine Wirkung erkennen. Hat das einen besonderen Grund?" Anordil lächelte mich an. "Es stimmt. Dieser Wein ist für uns Elben nur wenig berauschend. Es liegt an den Beeren, die verwendet werden, dass es auf uns nicht wirkt. Außer wir würden ein ganzes Fass davon trinken. Das würde aber kein Elb tun. Ihr Menschen seid da weniger - wie würdet ihr sagen? – trinkfest."
In Gedanken ging ich durch, was ich aus der Schule von der alkoholischen Gärung in Erinnerung behalten hatte. Wenn ich mich recht entsann, war der Zuckergehalt des Obstes mit entscheidend dafür, wie viel Alkohol im fertigen Wein freigesetzt wurde. Folglich mussten die Beeren wenig Zucker enthalten. Allerdings war der Wein nicht sauer, sondern angenehm süß. Andererseits konnte es eine angeborene Fähigkeit sein. Ich erinnerte mich, im Zusammenhang mit der alkoholischen Gärung einmal gelesen zu haben, dass die asiatische Volksgruppe der Erde, hauptsächlich die Ostasiaten, keinen Alkohol vertrugen. Sie besaßen das entsprechende Gen einfach nicht. Nein, verbesserte ich mich in Gedanken, als ich mich erinnerte, sie hatten einen Gendefekt, wodurch sie Alkohol nicht vertrugen. Vielleicht war das bei den Elben ähnlich. Vielleicht hatten sie die genetische Veranlagung den Alkohol besser zu vertragen.
Ich trank einen Schluck. Der Geschmack nach Beeren und Wald war intensiv. Es wirkte entspannend auf mich. Dadurch wurde ich in der Unterhaltung mit den beiden Elben ein wenig mutiger. "Bitte, Herr Anordil", sagte ich schüchtern, "ich habe so viele Fragen. Würdet Ihr sie mir beantworten?" "Nur zu", sagte er mit einem leisen Lächeln, "wenn mein Bruder oder ich sie beantworten können." Ich räusperte mich kurz. Der Wein war wirklich gut. Ich hatte ein entspanntes Gefühl im Bauch. Die Atmosphäre hier tat ihr übriges. "Tírannen nedin 'wann enquië, im ned Ennor - ich habe in den letzten Wochen am eigenen Leibe erfahren, dass ich in Mittelerde bin", fing ich an, "dan man i andrann hi? Sauron, i 'aun vôr, guia na chen lû? A man in edhil ech? Man i 'obennas ech? - Aber welches Zeitalter ist jetzt? Lebt Sauron, der dunkle Herrscher, noch? Und wer seid Ihr? Wie ist Eure Geschichte?"
Luvalaes sah mich mit spitzbübischen Augen an. "Man i ven i delich, ú-istach man nedin andrann guithach - woher kommst du, dass du nicht weißt, in welchem Zeitalter du lebst", fragte er mich ungläubig. Ich wurde rot vor Verlegenheit. Da hatte ich mich ja voll in die Nesseln gesetzt! Verlegen senkte ich den Kopf. "Sie ist aus einer anderen Welt, Luvalaes", antwortete ihm Anordil, "sie ist aus Zufall hier gestrandet, weil sich ein Weltentor geöffnet hatte." Luvalaes sah ihn fragend an. Beide Elben hatten mit einem Mal einen entrückten Glanz in den Augen, als würden sie in die Ferne blicken. Sekunden verstrichen, wurden zu Minuten. Ich wurde unruhig. Hatte ich sie verärgert?
Dann nickte Luvalaes kurz nachdenklich. "Na, dann sollte ich mal die Geschichte Mittelerdes ein wenig raffen", hob er an, "wir sind jetzt im Jahr 3010 des Dritten Zeitalters. Sauron wurde zum Ende des Zweiten Zeitalters geschlagen und hat sich bis jetzt nicht mehr gerührt. Jeder hofft, dass dies so bleiben wird. Seid Isildur ihn bei Dagorlad vernichtete, wurde nichts mehr von ihm gesehen. Allerdings spüren wir Elben, dass das Böse in Mittelerde in den letzten Jahrzehnten zunimmt. Die Zahl der Orks und anderer Kreaturen der Dunkelheit steigt an und man kann nicht mehr in Frieden reisen."
Er erzählte viel von den vergangenen Zeitaltern und dem jetzigen. Anordil ergänzte seinen Bruder, falls dieser etwas vergaß. Ich fand das faszinierend. Die Welt Mittelerde war mir schließlich bekannt. Allerdings als Erzählung, die ich als Teenager regelrecht verschlungen hatte. Damals hatte ich mit Feuereifer Tolkiens Werke gelesen und die beiden Elbensprachen gerne gesprochen. Diese hatte ich bereits als Kind gelernt. Mein Vater war immer Stolz darauf gewesen, dass seine gesamte Familie vom Tolkien-Fieber angesteckt war. Ich hatte es nie für möglich gehalten, dass es mich einmal nach Mittelerde verschlagen könnte. Wie auch, schließlich galt diese als Erzählung eines genialen Mannes. Wenn ich die Zeittafel allerdings richtig im Kopf hatte, stand der Ringkrieg erst bevor. Also durfte ich über diese Ereignisse nichts verraten, damit ich den Ablauf der Geschichte nicht veränderte.
Luvalaes sang sogar im Laufe des Abends einige Balladen. Seine Stimme besaß einen herausragenden Klang. Er schlug mich damit in seinen Bann. Anordil bemerkte meine Begeisterung. "Han long i laer benn in linnar gen neithad – es ist schwer sich dem Gesang eines Barden zu entziehen", lächelte er vergnügt, "úbenn 'aro ú-vennir gen, in binn in linnar or laer dain lûthar - hat man dir nicht gesagt, dass die Barden über ihre Lieder Magie wirken können?" "Law, ú-iston chan - nein, ich wusste es nicht", entgegnete ich erschrocken. Meine Augen weiteten sich. "Garo lúthach nin - habt Ihr mich etwa verzaubert?" Erheitert lachten die beiden auf. "Ú-osto dhithen adaneth - keine Angst, kleine Menschenfrau", sagte Luvalaes fröhlich, "ú-linnen laer lûth. Bodannech ui lam en edhel - ich habe kein Zauberlied gesungen. Du erlagst nur der Wirkung einer Elbenstimme." Erleichtert atmete ich auf.
Ausgelassen sangen die beiden gemeinsam ein ausgesprochen heiteres Stück. Danach setzte Luvalaes seine Erzählungen fort. Als er mit seinem geschichtlichen Exkurs fertig war, erzählte er ein wenig über die Grauelben hier in Cillien. Cillien war eine kleine Elbenenklave. Hier lebten ungefähr dreihundert Elben. Ab und zu hatte man auch Gäste, die nicht zum Elbenvolk gehörten. Vor allem zu Feierlichkeiten. Nur selten verirrten sich einmal Reisende hierhin.
Ich erfuhr außerdem, dass ich im Hause eines hohen Fürsten der Elben war und mit dessen Söhnen speiste. Es gab wohl einen Bruder, der in der Erbfolge über den beiden stand. Dieser hielt sich überwiegend am Hofe Galadriels in Lothlórien, auf der anderen Seite des Nebelgebirges, auf. Anordils Vater war ein bedeutender Heerführer. In meine Welt übertragen, würde er wohl den Rang eines Generals innehaben. Dabei war sein Stand mit einem Herzog gleichzusetzen. Jedenfalls war ihre Blutlinie auf das Haus Finwe zurückzuführen. Außerdem waren die beiden Brüder gut und gerne beinahe viertausend Jahre alt. Damit für elbische Verhältnisse recht jung. Anordil hatte eine Frau und mit ihr zusammen Mallenloth. Allerdings war seine Frau Míriel vor knapp fünfhundert Jahren im Kampf getötet worden.
"Aber warum lebt Ihr noch?", fragte ich erstaunt, "ich dachte, Elben können an gebrochenem Herzen sterben." Anordil sah mich mit einem feinen Lächeln an. Erschrocken erkannte ich, dass ich etwas Ungehöriges ausgesprochen hatte. "Ja, es ist wahr. Elben können an gebrochenem Herzen sterben", antwortete er sanft, "aber dies geschieht nur bei der wahren Liebe. Ein Elb verschenkt sein Herz nur ein einziges Mal in seinem Leben. Aber Liebe empfinden oder schenken kann er mehrfach. Ja, ich habe Míriel geliebt, doch mein Herz besaß sie nicht. Dazu musst du wissen, dass in den Elbenhäusern oft die Ehen arrangiert werden. Das heißt nicht zwangsläufig, dass wir auch unsere Herzen dem jeweiligen Partner schenken." "Ich wollte nicht unhöflich sein", sagte ich entschuldigend, "es war nur ..." "Du musst dich nicht entschuldigen", antwortete Luvalaes, "du konntest diese Unterschiede nicht wissen. Aber du hast gewiss noch Fragen." Auffordernd sah er mich an.
Dankbar für seine Überleitung nahm ich den Faden auf. Ich hatte tatsächlich noch viele Fragen. Später musste ich vor Erschöpfung eingeschlafen sein, denn ich erwachte am nächsten Morgen im Bett des Gästequartiers. Die Bezügen waren seidenweich, aber es war wohl doch keine Seide. Seit Wochen hatte ich in keinem Bett mehr geschlafen und ich genoss das Gefühl hemmungslos. Ich trug nichts. Jemand musste mich gestern Abend entkleidet haben. Ich wurde rot vor Verlegenheit. Heimlich hoffte ich, dass es Anigel war.
Anordil zeigte mir an diesem Tag das Tal. Es war überwältigend. Schönheit strahlte überall hier aus. Wenn wir Elben oder Bediensteten begegneten, wurde Anordil stets mit Respekt und Freude begrüßt. Tiefer Friede breitete sich in mir aus. Das erste Mal seit langem war ich ohne Waffen. Fast fehlten sie mir. "Ú-moe al-vae mathach - du brauchst dich nicht unwohl zu fühlen", sagte Anordil, "sí ned Gillien ú-moe 'olid meigol. Úbenn vaethar dan edhilost - hier in Cillien sind Waffen nicht notwendig. Niemand greift eine Elbenstadt an." Ich seufzte. "Ad istal noeth nîn - wieder einmal habt Ihr meine Gedanken erraten", erwiderte ich, "cari achas nin - es ist mir unheimlich."
Er lachte leise. "Gohenach ech i barf laden enni - es tut mir leid, dass du wie ein offenes Buch für mich bist", sagte er vergnügt, "dan annon gen beth nin i noeth lîn ú-díron. – Si tolo go nin. Danin gen i lanthir. - Aber ich versichere dir, dass ich deine Gedanken wirklich nicht lesen kann. - Nun komme mit mir. Ich zeige dir den Wasserfall." Er zog mich mit sich. Er verfiel in einen leichten Lauf. Sein hellgrünes Gewand flatterte im Wind. Es sah aus, als würde er sich jeden Moment in die Lüfte erheben. Ich raffte mein Gewand, Anigel hatte mir ein dunkelgraues mit einer grünen Stickerei gegeben, und lief hinter ihm her. Am Flussufer machten wir kurz Halt. Das Wasser war unglaublich klar. Tief atmete ich die reine Luft. Von irgendwo her hörte ich Gesang. Ich kam mir vor wie in einem Traum.
Wir liefen noch eine Weile am Fluss entlang, bis wir an den Wasserfall kamen. Schon von weitem konnte man ihn hören. Überwältigt stand ich vor diesem Naturschauspiel. Das Wasser ergoss sich mindestens zweihundert Fuß den Felsen hinab in einen Kessel, aus dem der Fluss gespeist wurde.
"San dhaer bain - es ist wunderschön", hauchte ich, "garin ú-bith - mir fehlen die Worte." Mit großen Augen saugte ich das Bild in mich hinein. Das aufstiebende Wasser glitzerte in allen Farben des Regenbogens. Der Kessel, in den sich das Wasser ergoss, maß an seiner breitesten Stelle etwa dreihundert Fuß. Er musste sehr tief sein, denn der Grund war nicht zu sehen. Dunkelblau und geheimnisvoll schimmerte die Oberfläche. Zum Ufer hin wurde das Blau heller und durchscheinender. Es lud geradezu zum Schwimmen ein.
Anordil lachte hell. "Beren lîn – nur zu!", ermunterte er mich, "i nen vain - das Wasser ist herrlich." Rasch streifte er seine Gewänder ab. Sekunden später war er elegant ins Wasser eingetaucht.
Röte stieg mir ins Gesicht. Es war das erste Mal, dass ich ihn gänzlich unbekleidet gesehen hatte. Er hatte sich schon weit vom Ufer entfernt, als er sich umdrehte. "Arwen, garo ú-'ae - Arwen, habe keine Scheu", lachte er, "i nen ú-'ari gen a ú-'arin gen - das Wasser tut dir nichts und ich auch nicht." Ich spürte, wie mein Gesicht heiß wurde. "Ú-oston - ich habe keine Angst", rief ich mit fester Stimme zurück. Hell lachte er auf. Er wusste, dass ich log.
Verlegen legte ich meine Gewänder ab und sprang schnell ins Wasser. Es war kalt. Im ersten Moment musste ich nach Luft ringen. Mit weiten Zügen schwamm ich auf Anordil zu. "Hirnich i 'orn - hast du dich doch getraut", neckte er mich und bespritzte mich mit Wasser. Sekunden später wurde ich unter Wasser gezogen. Eh ich es mir versah, war ich in eine Wasserschlacht verstrickt. Ich erinnerte mich an ähnliche Begebenheiten mit meinem Bruder. Ich entzog mich dem Griff und schwamm an die Oberfläche. Dort schöpfte ich Atem. Dann tauchte ich erneut. Ich blickte mich um. Von Anordil keine Spur. Aber eine atemberaubende Wasserlandschaft.
Unter mir sah ich schillernde Fische und seltsame Pflanzen. Wieder tauchte ich auf um Luft zu schöpfen. Nur um direkt wieder unter Wasser gezogen zu werden. Dieses Spiel trieben wir eine Weile, bis ich zu erschöpft war. Rasch floh ich Richtung Ufer. Außer Atem verließ ich das Wasser. Hier lachte ich laut vor Lebensfreude. Als ich auf das Wasser blickte, sah ich dort Anordil mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck schwimmen.
Locker und gelöst stand ich am Ufer, bis mir bewusst wurde, dass ich nichts am Leibe trug. Mit hochrotem Kopf sammelte ich meine Kleider. Schnell verschwand ich hinter einem Busch. Hier streifte ich mir ein wenig das Wasser von der Haut und schlüpfte in die Gewänder. Vom Wasser her vernahm ich leises Lachen. Ich hörte Wasser plätschern. Ich wusste, dass er auch an Land gekommen war. Minuten später teilte sich der Busch vor mir. "Ú-moe dheliach - du musst dich nicht verstecken", neckte mich Anordil, "garithon han rim 'lass a gellannech - es hat mir viel Freude bereitet und dir offensichtlich auch." "Glassen, badatham lim - bitte, lasst uns weitergehen", sagte ich verlegen.
Er lachte immer noch leise vor sich hin, als wir den Weg zurück einschlugen. Es dauerte einige Minuten, bis ich mich gefangen hatte. "Sirarad veleth erin fuin - heute Abend ist ein Fest", wandte er sich zu mir, "adar nin veria varlend nin - mein Vater möchte meine sichere Heimkehr feiern. Als mein Gast wirst du an meiner Seite sein." "Vielen Dank für diese Ehre", entgegnete ich schüchtern, "aber ich glaube nicht, dass sie mir zusteht. Im nill sell a ú-'arin 'ovad arodbenn in edhil'waith - ich bin ein einfaches Mädchen und gehöre nicht an die Seite eines Edlen des Elbenvolkes." Abrupt blieb er stehen und hielt mich zurück. Er zwang mich ihn anzusehen.
"Schätze dich nicht geringer als du bist, Arwen Ceridwen", mahnte er mich sanft, "deine Eltern waren Gelehrte. Du selber bist gebildet und wohlgeraten. Die Abstammung alleine ist nicht Garant dafür, zu den Edlen gezählt zu werden. Dein Charakter und dein Verhalten tragen ebenso dazu bei. – Ich lade dich an die hohe Tafel nicht aufgrund deiner Geburt, sondern dessen was du bist." Angstvoll blickte ich ihn an. "Ú-moe gostach - du brauchst dich nicht zu fürchten," sagte er leise, "ú-thellin 'ruithad gen. – Aphado nin, danithon gen in adab i berf. Sen daer aen ir iell i venn in istui. - Ich wollte dich nicht erschrecken. - Folge mir, ich werde dir die Bibliothek zeigen. Als Tochter eines Gelehrten wird sie dich beeindrucken." Dies gab mir Gelegenheit mich wieder zu sammeln.
Die Bibliothek war überwältigend groß. Schriftrollen und Folianten füllten Dutzende von Regalen. Meinem Vater hätte es hier sehr gefallen. Neugierig las ich die eine oder andere Aufschrift. Der Nachmittag verging wie im Flug. Gegen Abend ging ich in mein Quartier. Dort erfrischte ich mich. Anigel half mir ein Gewand in silbergrau mit smaragdgrüner Stickerei anzulegen. Kurze Zeit später holte mich Anordil ab und geleitete mich zur Großen Halle des Hauses. Hier wurden kleinere Festlichkeiten gefeiert.
Die Halle war festlich geschmückt. Musiker spielten. Auf dem Tanzplatz wurde ein Reigen getanzt. Ich entdeckte unter den ganzen Elben auch eine Handvoll Gäste anderer Rassen. Sogar zwei Zwerge konnte ich ausmachen. Ich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Wie im Traum folgte ich Anordil zur hohen Tafel. Dort stand ich unvermittelt seinem Vater gegenüber. Er war wie seine Söhne hochgewachsen und von guter Statur. Sein Haar fiel goldblond weit den Rücken hinunter. Die Silberfäden darin wiesen auf sein hohes Alter hin. In seinen strahlendblauen Augen, die er an Anordil vererbt hatte, spiegelte sich das Wissen vieler Jahrtausende wieder. Er trug eine Robe in der Farbe alten Goldes, die mit hellen Goldfäden bestickt war. Ein goldener geschwungener Reif schmückte sein Haar.
"Adar, hen Arwen Ceridwen - Vater, dies ist Arwen Ceridwen", stellte mich Anordil vor, "govat râd nîn nedin amon Ered Luin - sie begleitete meinen Weg seit dem Ered Luin Gebirge." "Mae govannen ned Gillien - sei willkommen in Cillien", sprach Glordoron, "i vess in 'ovad hi vae tíram. - Dortho mi hîdh a chiro vel eden ned hen imlad. - Eine Weggefährtin meines Sohnes ist hier stets gern gesehen. Verweile in Frieden und schöpfe in diesem Tal neue Kraft." Ich versank in einem tiefen Hofknicks. Es erschien mir das einzig richtige zu sein, da Anordil mir nicht gesagt hatte, wie ich mich verhalten sollte. "Ich fühle mich geehrt durch Eure Worte", erwiderte ich leise, "hannon len dulu lîn - vielen Dank für Eure Gastfreundschaft." "Ortho, Arwen - erhebe dich, Arwen", sagte er, "du erweist mir Ehre durch deine Referenz, doch du bist Gast in meinem Hause und keine Bedienstete. Fühle dich frei von diesen Zwängen." Verlegen erhob ich mich.
Anordil geleitete mich zu Tisch. Dort nahm ich an seiner Seite Platz. Sein Bruder Luvalaes saß auf der anderen Seite der hohen Tafel. Neben ihm hatte Mallenloth Platz genommen. Speisen wurden aufgetragen. Erst konnte ich vor Aufregung kaum etwas essen, doch dann stellte sich der Appetit ein. Es gab verschiedene Arten von Fisch, unterschiedlich gefüllte Pasteten, gebackene Gemüse, die mir unbekannt waren und Wildkräutersalate. Dazu frisches Brot und Wein. Später wurde süßes Backwerk sowie Obst gereicht. Die Obstsorten waren mir ebenfalls nicht bekannt.
Nach dem Mahl erhob sich Glordoron. "Sirarad em meren i veria varlend ionn nîn - heute feiern wir die glückliche Heimkehr meines Sohnes Anordil", sprach er, "delu lend dan toli veriannen. Ortho i chûl na nin. - Von einer gefahrvollen Reise ist er sicher zurückgekehrt. Erhebt mit mir den Kelch." Er nickte Anordil leicht zu. Dieser lächelte und stand auf. "Hannon len, adar - habt Dank, Vater", hob er an, "an hen vilui bith. An lui ae im ned chaered, 'ellon, ae cenin in eryn Gillien. - Für diesen freundlichen Empfang. Jedes Mal wenn ich in der Ferne weilte, bin ich froh, wenn ich die Wälder Cilliens erblicke." Er trank aus seinem Kelch. Wir taten es ihm nach. Der Wein war süß und prickelnd. Ich musste vorsichtig sein und nicht zuviel davon trinken.
Im Laufe des Abends sog ich etliche Eindrücke in mich auf. Ich beobachtete die Tanzenden aufmerksam. Ihre Bewegungen waren anders, als bei den Tänzen, die ich kannte. Viel weicher und geschmeidiger. Es wirkte äußerst elegant. Auch die Musiker spielten anders. Manchmal klang es regelrecht sphärisch.
Spät in der Nacht wurde ich müde. Mir fielen fast die Augen zu. "Mae chirin îdh - ich würde mich gerne zur Ruhe begeben", flüsterte ich Anordil zu, "garin i dhâf? Egro boe dharthon lim. - Ist dies erlaubt? Oder muss ich noch bleiben?" "Garich i dhâf lostad - natürlich darfst du schlafen gehen", erwiderte er lächelnd, "boe úbenn darthad dan innas dîn. Gen 'ovadithon. - Niemand ist gezwungen zu bleiben. Ich werde dich begleiten." Ich verbeugte mich vor seinem Vater, Luvalaes und Mallenloth. Dann brachte er mich in mein Quartier. "Losto mi hîdh - schlafe in Frieden", sagte er leise, "a vae elei - und angenehme Träume." Ich lag trotz meiner Müdigkeit noch lange wach und lauschte der Musik sowie den hellen Stimmen, die aus dem Großen Saal herüberklangen.
Ich verbrachte einige Monate in diesem Tal. Hier lernte ich was ich brauchte, um in Mittelerde zu bestehen. Anordil lehrte mich Spuren zu lesen und im Wald zu überleben. Er lehrte mich lautlos durch den Wald zu gehen. Von ihm lernte ich zudem Bogenschießen. Die Feinheiten im Umgang mit dem Kurzschwert brachte mir sein Bruder Luvalaes bei. Doch meine bevorzugte Waffe blieb der Stock. Schließlich beherrschte ich seine Handhabung perfekt und durch das Training bei den Elben brachte ich den Umgang mit dem Kampfstab rasch zu wahrer Meisterschaft.
Als ich das erste Mal den Übungssaal betrat, war ich schon ermüdet von den Übungen mit dem Bogen. Anordil erwies sich als harter Lehrmeister. Gedankenverloren rieb ich meine schmerzenden Muskeln, während ich überlegte, wie sein Bruder wohl als Lehrer sein mochte. Der Saal war groß, ich würde schätzen fünfzig vielleicht auch sechzig Fuß in der Länge und etwa zwanzig Fuß in der Breite. An den Längsseiten sorgten hohe, bis auf den Boden gehende Torbögen für Licht und Luft. Sie erinnerten an die gotischen Fenster mittelalterlicher Kirchen. An den Wänden hingen verschiedene elbische Waffen und Wappentücher. Ich erkannte auch das grünsilberne Wappen des Hauses Glordoron. Der steinerne Boden war blank gerieben von den zahllosen Füßen, die auf ihm gewandelt waren.
Luvalaes erwartete mich. Er war bereits gerüstet und vollführte eine Abfolge von Techniken mit zwei Kurzschwertern. In den Klingen brach sich blitzend das Sonnenlicht und schickte tanzende Reflexe durch den Saal. Staunend folgte ich mit den Augen seinen Bewegungen. Mein Sensei hätte dies wohl eine Schwertkata genannt. Elegant und fließend ließ Luvalaes die Schwerter durch die Luft gleiten. Es war, als bewege er sich zu einer unhörbaren Musik. Bewunderung machte sich in mir breit - und Furcht. Ich würde wohl nie lernen, derart das Schwert zu führen, sei es lang oder kurz.
Einige Minuten später beendete Luvalaes seine Übung. "Le abdollen - du kommst spät", begrüßte er mich mit einem Lächeln, "ich habe dir eine Rüstung bereitgelegt. Komme mit." Er erwartete keine Antwort, sondern verschwand in einer Kammer hinter dem Saal. Wortlos folgte ich ihm. Dort befand sich eine Anzahl von Rüstungen, sorgfältig gepflegt und ordentlich aufgehangen. "Diese dürfte dir passen", meinte er zu mir und reichte mir eine vorzüglich gearbeitete Lederrüstung, die offensichtlich aus elbischer Fertigung stammte.
"Ich helfe dir sie anzulegen", sagte Luvalaes und streifte mir das Leder über, "du wirst lernen, wie man sie richtig anlegt ohne dass sie drückt. Elbische Rüstungen sind anders, als die von Menschen gemachten. Für die erste Zeit wird diese hier für die Übungen reichen. Nach den heutigen Übungen werden wir zum Rüstmeister gehen. Er wird eine Rüstung nach deinen Maßen fertigen lassen. – Siehst du, hier müssen die Verschlüsse richtig sein, sonst rutscht die Rüstung und behindert dich, anstatt dir Schutz zu geben." Damit fing wohl meine erste Lehrstunde an – mit dem Anlegen der Rüstung.
Nach einigen Minuten hatte Luvalaes sein Werk vollendet. Aufmerksam hatte ich ihn beobachtet. Doch es würde noch eine Weile dauern, bis ich die Rüstung richtig anlegen können würde. Zufrieden sah er mich an. "Bewege dich", forderte er mich auf, "wenn sie irgendwo drückt, dann sage es." Vorsichtig ging ich ein paar Schritte. Erstaunlicherweise saß die Rüstung wie eine zweite Haut. Ihre lamellenartige Struktur ließ größtmögliche Bewegungsfreiheit zu.
"Sie sitzt perfekt", erwiderte ich erstaunt. "Dann beginnen wir mit dem Unterricht", sprach Luvalaes und schob mich in den Übungssaal zurück. "Ich habe dich noch nicht kämpfen sehen", sagte er zu mir, während er einen Kampfstab von der Wand holte, "Anordil sagte mir, du wärest recht gut mit dem Kampfstab. Also werden wir zuerst dieses prüfen." Er warf mir den gut sechs Fuß langen, mit Metallbeschlägen versehenen Kampfstab zu. Geschickt fing ich ihn auf und wog ihn in der Hand. Er hatte genau das richtige Gewicht. Mein Magen zog sich zusammen in Erwartung des ersten Angriffes.
Luvalaes hatte erneut die beiden Kurzschwerter ergriffen und attackierte mich ohne Vorwarnung. Ich konnte gerade noch ausweichen. Es dauerte einige Angriffe, bis sich das Adrenalin soweit in meinem Körper ausgebreitet hatte, dass ich meinen Kampfrhythmus fand. Spielerisch griff Luvalaes an. "Ich denke, dass kannst du besser", kommentierte er zwischen zwei Attacken, "du bist gehemmt. Deine Schläge sind ohne Wucht. Du brauchst keine Rücksicht zu nehmen. – In einem echten Kampf tut dies auch niemand. – Und wenn du mich triffst, so habe ich es verdient."
Hart und rücksichtslos kam sein nächster Angriff. Nur mit Mühe konnte ich mich erwehren. Er trieb mich durch die ganze Halle. Zu einer Attacke hatte ich keine Chance. Seine Deckung war perfekt. Er bot keine Möglichkeit anzugreifen. Nirgendwo eine Lücke in seiner Verteidigung. Dann hatte ich endlich eine winzige Schwachstelle entdeckt. Wie konnte ich ihn dazu bringen, mir diese erneut zu zeigen? Verbissen tauchte ich unter einem weiteren Angriff hindurch. Mein Gegenschlag war nur schwach. Sofort setzte er nach. Ich verharrte den Bruchteil einer Sekunde.
Da – er zeigte ein weiteres Mal seine Schwachstelle. Diesmal war ich es, die rücksichtslos zurückschlug. Und mein Kampfstab traf mit voller Wucht. Luvalaes schnappte indes nur kurz nach Luft. Sein Gegenschlag war kaum abzuwehren. Drei Schläge weiter lag ich am Boden. Keuchend rang ich nach Atem. Seine Schwertspitze nur Inches von meiner Kehle entfernt.
"Du hast gut gekämpft", sagte er und zog sein Schwert zurück, "dein Kampfstil ist reichlich merkwürdig, aber du beherrschst den Kampfstab sehr gut. Ich werde Thinroval bitten, dich hierin weiter zu unterrichten. Unter seiner Führung wirst du bald wahre Meisterschaft entfalten." Immer noch rührte ich mich nicht von der Stelle. Jeder Knochen tat mir weh. Luvalaes hatte mich dermaßen oft mit der stumpfen Seite des Kurzschwertes getroffen, dass ich mir vorkam wie ein geprügelter Hund.
Er steckte die Schwerter zurück in die Scheiden und bot mir lachend seine Hand. "Nun steh' auf, Arwen. Deine Unterrichtsstunde ist noch nicht vorbei." Ächzend zwang ich mich in eine aufrechte Position. "Ich werde dich jetzt prüfen, inwieweit du den Kampf mit dem Kurzschwert bereits beherrschst", sagte er ruhig. Er reichte mir eines der beiden Schwerter, die er trug. Entgeistert sah ich ihn an. "Noch ein Kampf?", fragte ich immer noch nach Atem ringend. "Nur kurz", entgegnete er mit einem leisen Lachen, "sei unbesorgt." Aufseufzend nahm ich das Schwert entgegen.
Mit Bewunderung ließ ich meinen Blick darüber gleiten. Es war äußerst verschieden von dem Kurzschwert, was ich von Anordil in Bree erhalten hatte. Und auch anders, als diejenigen, die ich aus dem Studium kannte. Dieses Schwert hier glich eher den kurzen japanischen Schwertern meiner Welt. Leicht gebogen, aus einem Stück gefertigt und auf einer Seite scharf geschliffen. Das einfallende Licht brach sich in der Klinge, die aus einem Material gefertigt war, wie es nur Elbenschmiede zustande bringen. Feine Ornamente säumten die stumpfe, wie die scharfe Seite. Der Handgriff war mit Leder umwickelt, das mit einem Rankenmuster in dunklem Gold verziert war. Eine elegante und zugleich tödliche Waffe.
"Dieses Schwert wird deine Übungen begleiten", erklärte mir Luvalaes, "hüte es gut und übe damit, wann immer du kannst. Wir werden mit einem Schwert beginnen. Erst wenn du die Techniken beherrschst, wirst du den Kampf mit zwei Schwertern erlernen." Währenddessen war er in die Mitte des Saales gegangen. Stumm folgte ich ihm. Das Schwert wog ich prüfend in der Hand. Es fühlte sich gut an. Erstaunlicherweise hatte es weniger Gewicht als ich gedacht hatte. In der Folgezeit sollte ich diese Schwerter durchaus zu schätzen lernen. "Als dann, zeige mir, was Anordil dich gelehrt hat", sagte Luvalaes zu mir und griff mich an.
Von einer Sekunde zur anderen musste ich umdenken. Die Kampftechnik mit dem Kurzschwert ist anders, als die mit dem Kampfstab. Dieser ist in erster Linie eine Schlagwaffe. Das Kurzschwert dagegen eine Stichwaffe. Auch wenn man mit der elbischen Ausführung wohl ebenfalls genug Schaden mit der Klinge anrichten konnte. Vorausgesetzt man beherrschte die Handhabung derselben.
Bei diesem ersten Angriff verlor ich jedoch beinahe mein Schwert. Mühsam hielt ich es fest. Er gab mir keine Möglichkeit zum Nachdenken oder mich zu sammeln. Mit harten Angriffen trieb er mich in eine Ecke des Saales. Keuchend konterte ich eine weitere fürchterliche Attacke. An Gegenangriffe brauchte ich gar nicht erst zu denken. Dazu bot sich keine Gelegenheit.
"Pass' auf deine Deckung auf", mahnte er mich nach einigen Minuten, "du gibst dir zu viel Blöße. Wiederhole den Schlag. – Gut so. – Noch einmal. – Achte auf die Waffenhand. – Verkrampfe nicht. Die Klinge musst du locker führen. – Sie ist dein verlängerter Arm. – Nein, nicht so. Du bietest deinem Gegner geradezu an, dich anzugreifen. -"
Es dauerte nicht lange, bis ich in Schweiß gebadet war. In Sturzbächen lief er meinen Körper hinunter. Alles klebte. Aber Luvalaes kannte kein Erbarmen. Immer und immer wieder griff er mich an. Seine Kommentare blieben ruhig. Er schien nicht einmal ein bisschen schneller zu atmen. Ich dagegen keuchte und rang nach Atem. Erst nach unendlich langer Zeit, so schien es mir, hatte er ein Einsehen.
"Die Übung ist für heute beendet", sagte er zu mir, "mein Bruder hat dich bereits sehr viel gelehrt. Darauf können wir aufbauen. Doch nun solltest du schleunigst ein heißes Bad nehmen, sonst wirst du dich morgen nicht mehr rühren können." Zitternd stand ich da. Meine Muskeln schmerzten von der enormen Anstrengung. Derartiges hatte ich noch nie gefühlt. Und ich kannte Muskelschmerz! "Ich weiß noch nicht einmal, ob ich das heiße Wasser alleine finden werde", entgegnete ich außer Atem, "ich fühle jeden einzelnen Knochen."
Ein leises Lachen ließ mich herumfahren. Nur Luvalaes' Hand verhinderte meinen Sturz. "Du hast nicht bedacht, dass sie ein Mensch ist, Luvalaes", tadelt Anordil scherzhaft, "sie wird morgen vor Schmerz nicht kämpfen können. Sie kann ja nicht einmal das Schwert aus der Hand lösen." Er hatte Recht. Immer noch hielt ich den Schwertgriff krampfhaft umschlungen. Ich war nicht in der Lage den Griff zu lösen. "Doch", antwortete ich mit zusammengebissenen Zähnen, "ich kann sehr wohl das Schwert loslassen." Mir wurde beinahe schwarz vor Augen, als ich die wenigen Schritte bis zur Wand zurücklegte und das Schwert in eine der beiden leeren Scheiden steckte. Stöhnend löste ich meine Hand vom Griff.
Anordil legte mir eine Hand auf die Schulter. "Du hast genug bewiesen", sagte er zu mir, "lasse dir helfen." Dankbar nickte ich ihm zu. Zu zweit schälten sie mich aus der Lederrüstung. Diese klebte durch den Schweiß an mir fest. Meine Gewänder waren völlig nass. Anordil brachte mich danach in mein Quartier und befahl Anigel mir ein Bad zu richten. Erst nach einer eingehenden Massage konnte ich mich wieder einigermaßen bewegen.
Es sollte allerdings nicht das letzte Mal sein, dass ich förmlich auf dem Zahnfleisch aus der Übungshalle kroch. Die elbische Kampftechnik unterschied sich wesentlich von der, die ich bisher kannte. Anordil und Luvalaes beließen es auch nicht alleine bei der Ausbildung mit Bogen und Schwert. Ich lernte diese Waffen desgleichen auf dem Pferderücken zu führen. Auch mit anderen Elbenwaffen machten sie mich vertraut. Oft hatte ich das Gefühl, ich würde die Handhabung nie erlernen. Bei anderen Dingen ging es wieder sehr rasch. Die Brüder waren sich einig, dass ich ein äußerst ausgeprägtes Talent für die Beherrschung von Waffen besitzen würde. Ich dagegen wurde sehr häufig von Frust heimgesucht. Jedes Mal wenn sich die blauen Flecken und geringfügigen Wunden häuften, war ich regelrecht deprimiert. Jedoch konnte ich mit der Zeit durchaus Fortschritte feststellen.
Im Gegenzug brachte ich Anordil und seinem Bruder meine Sprache bei. Und zwar Englisch, Gälisch und Jerne. Er meinte, dass es für uns von Vorteil sein könnte, sich in einer Sprache unterhalten zu können, die auf dieser Welt nicht bekannt ist.
Von seinem Volk lernte ich außerdem verschiedene andere Fertigkeiten. Unter anderem Westron, die allgemeine Sprache dieser Welt, Rohirrisch, die Sprache der Menschen von Rohan und ein wenig Khuzdul, die Sprache der Zwerge. Jedenfalls soviel Khuzdul, wie Anordil bekannt war. Mein Quenya konnte ich stark verbessern. Zusätzlich lernte ich von Anordil die Sprache der Waldelben, Doriathrin.
Vor allem liebte ich die elbische Musik. Sie erinnerte mich an die irischen und keltischen Stücke, die ich kannte. Ein elbischer Lautenspieler unterrichtete mich an diesem Instrument und eine Elbin brachte mir die Tänze bei. Ich sog begierig das Wissen, dass Anordil und sein Volk mir boten, in mir auf.
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