Vertrauen

Anordil war meine Liebe zur Musik nicht verborgen geblieben. An einem Abend im Spätsommer saßen wir nach dem Mahl wie gewöhnlich zusammen und genossen den Nachthimmel. Inzwischen konnte ich sogar einzelne Sternbilder unterscheiden. Einige von ihnen waren gar nicht so verschieden von denen die ich kannte. Luvalaes erzählte eine kleine Anekdote, als Anordil kurz verschwand. Ich hörte ihm gerne zu, wenn er Geschichten zum Besten gab. Manches Mal brachte er mich dabei zum Lachen.

Nach einigen Minuten kehrte Anordil zurück. In der Hand hielt er eine kleine silbrig schimmernde Flöte. Er setzte sich neben mich. "Diese Flöte möchte ich dir gerne schenken", sagte er zu mir, "sie ist aus Mithril gefertigt und verfügt über Zauberkräfte. Die magisch begabten Barden Mittelerdes wirken so Magie." Vor einiger Zeit hatte Luvalaes mir erklärt, dass ich in der Gesellschaftsstruktur Mittelerdes zum Berufsstand der Barden zählen könnte. Er selber war ebenfalls einer. Auch wenn er von edler Geburt war. Es sei manchmal von Vorteil als gewöhnlicher Barde durch die Lande zu ziehen, hatte er mir lächelnd geantwortet, als ich ihn danach fragte. Schließlich waren Barden gern gesehen allerorts in Mittelerde. Das einfache Volk hatte gar Respekt vor ihnen, da sie augenscheinlich Magie verwenden konnten. Doch in Wirklichkeit waren nur wenige Barden tatsächlich dazu in der Lage Magie über ihren Gesang oder ihr Spiel zu wirken. Meist beeinflussten sie lediglich die Emotionen mit dem Klang ihrer Lieder.

Ich war sprachlos vor Überraschung. Wenn diese Flöte tatsächlich magisch war, so war sie ein Vermögen wert, auch in der Wertvorstellung dieser Welt. "Herr Anordil, sie ist viel zu kostbar für mich", flüsterte ich ehrfürchtig, "seid Ihr sicher, dass Ihr mir diese wertvolle Flöte schenken wollt?" Anordil lächelte mich an. "Du unterschätzt deinen eigenen Wert und deine Talente, Arwen", sprach er zu mir, "Luvalaes ist der Meinung, dass du durchaus in der Lage wärst Magie zu wirken. Er hat, genau wie ich, eine magische Aura bei dir gespürt. Demzufolge musst du zumindest über ein wenig Zaubertalent verfügen. Es könnte genügen, um die meisten der Zauberlieder verwenden zu können. Wir müssten es allerdings erst ergründen." Erstaunt und verwirrt schaute ich ihn an.

Plötzlich regte sich mein Verstand wieder. Ich brauchte einige Sekunden, um mir über das Gesagte klar zu werden. "Es muss an dem Druidenblut in mir liegen", murmelte ich nachdenklich, "die Druiden meiner Heimat sollen angeblich Magie benutzt haben. Wenn meine Ahnenreihe vollständig ist, - wovon ich ausgehe - so muss darüber das Zaubertalent vererbt worden sein. Und da in meiner Welt keine Magie mehr existiert, konnte es niemand bisher bemerken." Luvalaes nickte mir zu. "So muss es sein", bestätigte er mir, "Zaubertalent liegt in der Blutlinie. Dies ist bei uns Elben ebenfalls so. Viele Elben verfügen über Magie, aber nur die wenigsten lassen sich ausbilden oder wollen diese nutzen. Inwieweit du darüber verfügst und wie viel du an Magie lernen kannst, müssen wir erkunden lassen." "Ae annach ven - wenn du es uns erlaubst", ergänzte Anordil.

Ich hatte gehört, dass das Sondieren der magischen Aura nicht ganz ungefährlich war. In den alten Texten, die ich einsehen durfte, hatte ich über diesen Test gelesen. Aber ich war bereit, ihnen mein Leben anzuvertrauen. "Mae, ú-amma - ja, warum nicht?", erwiderte ich langsam und gedehnt. "Nivarad na badatham gen an edregol mae ngollor mîn. Ed-chirn sui balan gen maen en angol. - Dann werden wir morgen mit dir zu unserem besten Magier gehen. Er wird dein magisches Talent ergründen", sagte Anordil. An diesem Abend ging ich mit gemischten Gefühlen schlafen.

Am Morgen erwachte ich allerdings in fröhlicher Stimmung. "Wir werden als erstes zu Celebnên gehen", eröffnete mir Anordil beim Frühstück. Mir wurde jetzt doch unwohl. Gemeinsam gingen wir quer durch die Elbenstadt in den Bereich, wo der Magier wohnte. Anordil klopfte höflich an einen der Türrahmen. "Minno – tretet ein!", hörte ich die Stimme eines alten Mannes von drinnen, "ich habe euch erwartet."

Wir betraten das Haus von Celebnên. Die Zweige der mächtigen Eiche, an die das Haus gebaut war, wuchsen ungehindert ins Innere. Celebnên kam uns entgegen. Ich sah einen Elben mit silberschimmerndem Haar und weisen Augen vor mir. Ich fragte mich, wie alt er wohl sein mochte. Da die Elben alterslos aussahen, wurde eine Schätzung diesbezüglich äußerst erschwert. Seine Robe schimmerte in einem dunklen Silber und wies Ornamente in dunklem Blau auf. Er strahlte Ruhe und Frieden aus.

"Mae govannen, hîr Celebnên", grüßte Anordil respektvoll. Auch Luvalaes und ich begrüßten ihn ehrerbietig. Mir zitterte ein wenig die Stimme. Ich fühlte mich unsicher und außergewöhnlich unruhig. "Edler Celebnên", sagte Anordil, "wir sind gekommen um Euren Rat einzuholen." "Pedo – sprich!", forderte dieser ihn auf, "sofern es in meiner Macht steht, werde ich Euch Rat geben." "Diese junge Menschenfrau hat das Blut von Zauberern in ihren Adern", sprach Anordil, "es ist ihr Wunsch, ihr Talent erkunden zu lassen."

Celebnên sah mich einige Sekunden mit seinen hellgrauen Augen an. Selbst flüssiges Silber konnte nicht so einen Glanz haben, dachte ich bei mir. "So?", sagte er leise, "Ihr seid also gekommen, um das magische Talent dieser jungen Menschenfrau ergründen zu lassen. Habt Ihr ihr gesagt, dass dies nicht ganz ungefährlich ist?" Luvalaes nickte. "Ja, Herr Celebnên. Sie weiß, dass es gefährlich werden könnte. Doch wir haben Vertrauen zu Euch. Schließlich habt Ihr bereits magische Talente erspürt, als die Elben noch im Licht wandelten."

Überrascht hielt ich den Atem an. Für so alt hatte ich ihn nun doch nicht geschätzt. Der Elb schwieg und ging voraus in eine Art Zeremonienraum. Dort entzündete er Kerzen. Er gab mir ein Zeichen, dass ich mich auf die Liege in der Mitte des Raumes legen sollte. "Boe ú-rim iâr o lîn - ich brauche ein wenig von deinem Blut", sagte der Alte zu mir. Behutsam nahm er meinen Arm. Mit leichter Hand führte er das Messer, mit dem er meine Haut aufritzte. Das Blut fing er in einer kleinen Schale auf. "Während des Rituals werden Visionen erzeugt, die deine Vergangenheit und dein innerstes Selbst zeigen", erklärte er während der Vorbereitungen, "als Anker in der Realität dienen dir Anordil und Luvalaes. Dan moe esteliach hyn! - Si solo in chin a edro chain, ae bedon gen! - Aber du musst ihnen vertrauen! - Jetzt schließe die Augen und öffne sie erst wieder, wenn ich es dir sage!"

Ich schloss die Augen. Das mulmige Gefühl hatte sich zu einem dicken Klumpen in meinem Magen verdichtet. Ich spürte, wie der Alte mir etwas kleines Rundes auf die Augen legte. Danach fühlte ich, wie Anordil meine rechte Hand ergriff und Luvalaes meine linke. Der Alte murmelte minutenlang in einer fremden Sprache. Leicht fuhren seine Finger über meine Stirn und meine Pulsadern. Beklemmung machte sich in mir breit. Mein Atem ging schneller. Ich bekam keine Luft mehr und rang verzweifelt nach Atem. Ein heiserer Schrei presste sich durch meine Kehle - nur um ungehört zu verhallen! Auf einmal wurde ich leicht. Frei wie ein Vogel! Ich schwebte über meinem Körper. Ungehindert konnte ich auf die Szenerie unter mir schauen.

Entsetzen breitete sich in mir aus. So ein Zustand wurde doch bei Nahtoterlebnissen berichtet. War ich tot? Langsam schwebte ich im Kreis. Ich hörte das Rauschen des Windes in den Blättern der Bäume. Ich hörte den Wasserfall weit draußen im Tal. Überlaut war das Knistern der Kerzenflammen in diesem Raum und das Rascheln der Gewänder. Die Atemzüge von Anordil, Luvalaes und Celebnên. Furcht breitete sich in mir aus. Wie in Zeitlupe näherte ich mich meinem leblosen Körper. Bleich sah ich aus. Die Lippen blutleer und leicht geöffnet. Die Augen verschlossen von dunkelroten Rubinen in makellos runder Form. Tengwar, geschrieben mit meinem eigenen Blut zierten meine Stirn und meine Pulsadern.

Anordil und Luvalaes hielten meine Hände. Sie hatten die Augen geschlossen. Tiefe Konzentration spiegelte sich auf ihren Gesichtern. Ich wollte sie berühren, doch ich konnte es nicht. Mein Geist wurde in eine Ecke des Zimmers gezogen und dort von einer unbekannten Kraft festgehalten. So sehr ich mich erwehrte, ich kam nicht frei! Plötzlich sah ich, wie in der Mitte des Raumes sich ein leichter Nebel bildete. Immer dichter wurde er und gab schließlich den Blick auf etwas frei, was ich dachte, nie mehr sehen zu müssen. Erst verschwommen, dann überdeutlich konnte ich Stationen meines bisherigen Lebens in diesem Loch im Nebel erkennen. Mein Geist wand sich in dem unsichtbaren Griff.

Ich wollte weg! Verzweifelt schrie ich. Doch niemand hörte mich. Lautes Echo warf meine Stimme zu mir zurück. Stimmen, ich hörte Stimmen! Erst leise, nur ein fernes Wispern, was in Sekundenschnelle zu einem Sturmbrausen sich erhob. Etwas zerrte an mir. Eine machtvolle Hand zog mich auf den Nebelschleier zu. Eher gesagt, auf das Auge im Zentrum; das Loch im Nebel. Verzweifelt stemmte ich mich dagegen. Doch ich hatte nicht genug Kraft um zu widerstehen. Unaufhaltsam wurde ich in den Nebelschleier hineingesaugt. - Und ich durchlebte mein Leben noch einmal!

- Ich höre Glockengeläut. Stumm zähle ich mit. Es muss Big Ben sein. "Sie ist so winzig", höre ich eine helle Stimme. "Sie wird wachsen, Ewan", sagt meine Mutter zärtlich. Helles Licht um mich herum. Liebe und Zärtlichkeit. Ich bin geborgen. - "1,2,3,4", höre ich die Stimme meines Bruders, "such' mich, Schwesterchen!" - Helles Kinderlachen. Ich drehe mich im Kreis, doch den Ursprung kann ich nicht finden. - "Nimm' dies du feiger Drache!" Ich sehe Ewan, wie er mit seinem Holzschwert einen imaginären Drachen erschlägt. – Lautes Dröhnen hallt in meinen Ohren.

"Uuih", lacht jemand laut, "ist das schön! – Wir fliegen!" – New York, ich sehe die Freiheitsstatue. Erhaben und majestätisch ragt sie in den Himmel. – "Pass doch auf, wo du hinläufst!", mault Peggy. Mein Blick streift sie flüchtig. Ihr Kleidchen ist verdreckt, die Zöpfe vom wilden Spielen halb aufgelöst. – Kaffee, ich rieche Kaffee. Silberne Maschinen blitzen in der Sonne, die durch das Schaufenster fällt. Autos rasen vorbei. Kaffee und Donuts. Sue reicht mir einen Donut. – "Grand Pliè, Demoiselles!", ruft eine strenge Stimme, "und noch einmal wiederholen." Leise Klaviermusik gibt den Takt an. – Drei Mädchen in der Schuluniform der St.-Vincents-Secondary-School. Drei lachende Gesichter. – Robin und Margret. Vier Männer in Strumpfmasken. – Ich höre ihre Schreie!

Oh große Mutter, was tun sie mit Peggy? Gierige, schleimige Finger auf meinem Körper. Jemand schlägt mich brutal. Schmerz! Mein ganzer Körper nur Schmerz. Ich schreie! Ich flehe um Gnade! – Ich höre Schüsse. – Sie sind tot. Große Mutter, sie sind tot! - Brennender Schmerz, er zerreißt mein Innerstes. Ich sehe Blut. - "Sie haben Glück, ihre Tochter lebt." Eine Frauenstimme.– Ein Haus in die Landschaft geschmiegt mit Efeu und wildem Wein bewachsen. Frieden. - Kalte Winterabende. Mum's Stimme. Sie erzählt Geschichten.

Warmes Feuer prasselt im Kamin. - Bo-jutsu, Triathlon, Turnen. Ich gehe an meine Grenzen. Schweiß rinnt über mein Gesicht. Salz brennt auf der Haut. Schmerz um Schmerz zu betäuben. – "Irgendwann wirst du deinen Weg zu Gott zurückfinden." "Ich glaube nicht, Pater Michael." – Der Duft von Ingwerplätzchen und Kakao. – Ein Kristall funkelt im Sonnenlicht. Alte Runen sind darauf zu sehen. Mein Vater hält sein Silmaril in den Händen. – "Ich bin bald wieder zu Hause, Schwesterchen. In den Semesterferien bin ich zurück. Estelio nin." Ewan gibt mir einen flüchtigen Kuss auf die Stirn und steigt in das Flugzeug. – Trommeln dröhnen durch die Nacht von Beltaine. Feuer und heiße Glut. – "Boe baded o sí. Sí ú-veriannen - Wir müssen von hier weg. Hier sind wir nicht sicher." Die Stimme meines Vaters. – Ein hartes Gesicht beugt sich über mich. "Gebt es uns oder ihr werdet sterben!" – Assassini, Inquisitio! – Schüsse. Ich höre Schüsse. Ich sehe Blut – so viel Blut. – Sie sind tot! Alle tot! – Flucht! - Die alte Eiche. Große Mutter, Belenus und Lugh, helft mir!! – Die Orks! – Schmerz. Ich sterbe! – Anordil!! – Sie sind tot! – Ich bin allein – so allein! –

Ich wollte schreien, doch ich konnte es nicht. Ich wollte flüchten, doch ich sah keinen Weg. Ich drehte mich im Kreis. Stimmen um mich herum. So viele. Ich hörte sie, doch ich wollte sie nicht hören. Ein Boot auf dem Wasser. Ein reißender Fluss. Doch plötzlich plätschert er ruhig dahin. Überall um mich herum weißer Nebel, wie Watte. Unheimliche Stille - Ruhe. Ich muss einen Weg finden, dachte ich. Unvermittelt löste sich das Boot unter mir auf. Ich schwebte im Nichts. Mit einem Mal war alles verschwunden. Nichts war mehr von Bedeutung. Ú-dhem 'osto nin - nichts konnte mich mehr ängstigen. – Ú-vathathon - ich fühlte nichts. – Ú-'enithon - ich sah nichts. – Faer nin lost aen - mein Geist wurde leer.

Für einen Moment genoss ich das absolute Nichtsein. Es war so einfach. So schlicht. Ich schwebte im Nichts. Ein Wassertropfen fiel. Ich konnte seinen Fall hören. Tief unter mir sah ich eine dunkle Wasserfläche - bereit mich aufzunehmen und zu umarmen. Auf einmal begriff ich die Gefahr dieses Rituals. Der Geist konnte sich in dieser Leere verlieren und aufhören zu existieren. Eintauchend in die Fluten der Ewigkeit. Umhüllt von ewigem Frieden. Ich musste zurück, wenn ich leben wollte!

Anker, dachte ich, ich muss die Anker finden! Ich zwang meinen Geist, sich Anordil und Luvalaes vorzustellen, wie sie dort im Raum Kontakt zu mir hielten. Ich hörte ihre Stimmen. "Arwen, dartho na ven - Arwen, bleibe bei uns", hallten sie mir entgegen. Ich sah ihre Hände, die sie mir entgegenstreckten. Mit all meiner Willenskraft hob ich meine Arme und versuchte sie zu berühren. Doch ich konnte mich nicht rühren. Es war, als würde eine eiserne Hand mich festhalten. Ich stemmte mich dagegen.

Aníron cuia - ich will leben! Jede Faser meines Seins schrie diesen einen Satz.

Aníron cuia!!

Ich wand mich in dem Griff. Unter mir sah ich das dunkle Wasser. Bedrohlich wartete es, einem Schlund gleich, auf mich. Im Nebel der Erinnerung trübten sich die Bilder, verschwammen zu Farbflecken. Die Stimmen um mich schwollen zu einem einzigen Schrei an.

Und durch all dieses Chaos hindurch hörte ich Anordils Stimme. "Arwen, tolo dan nan galad – Arwen, kehre zurück ins Licht." Licht – Licht - wo war das Licht? Ich drehte mich langsam im Kreis. Suchend tastete ich die unendliche Schwärze und die Nebelschwaden ab. Das Wasser reflektierte einen winzigen Lichtfunken. Von wo?

Dann sah ich den Ursprung der Reflektion. Eine Flamme, verschwindend klein. Eine Hand, die diese Flamme hielt. Eine Stimme, die mich rief.

"Arwen, tolo dan nan galad!"

Sekunden dehnten sich zu Minuten. Vertrauen. Bedingungsloses Vertrauen. Mit einem Mal wusste ich, was ich tun musste - die Angst besiegen. Denn alles, was ich sah, war Vergangenheit und würde es bleiben. Ich schloss meine Augen und sammelte meine Gedanken. Fokussierte sie auf einen einzigen Punkt – die kleine Flamme. Tief atmete ich durch. Estelion le – ich vertraue Euch! Ich streckte die Hand aus, bereit die Flamme zu berühren. "Lach e-guil, mabo nin - Flamme des Lebens, nimm mich auf!"

Plötzlich war ein starker Sog da. Er wirbelte den Nebel und die Wasser der Ewigkeit beiseite. Dann sah ich wieder Licht. Den Raum unter mir. Mein Körper lag immer noch auf der Liege. Etwas zog mich zu ihm hin. Als mein Geist wieder in meinen Leib glitt, spürte ich einen unsagbaren Schmerz. Unwillkürlich stöhnte ich auf. Ein paar Minuten lang geschah nichts. Dann hörte ich die Stimme des alten Magiers. "Si, adaneth - nun denn, Menschenfrau", flüsterte er erschöpft, "garich i dhâf edrad in chin - du darfst die Augen wieder öffnen."

Ich schlug die Augen auf. Anordil und Luvalaes knieten noch immer neben mir. Der alte Magier stand ein paar Schritt entfernt. Er stützte sich jetzt auf einen Stab. Erschöpfung zeigte sich in seinem Gesicht. Anordil und sein Bruder sahen ebenfalls mitgenommen aus. Ich fühlte mich total zerschlagen. Wie nach einem Marathon. Ich war unfähig mich zu bewegen. Anordil half mir in eine sitzende Position. Meine Hände zitterten vor Anstrengung. Mein Atem ging hastig und mein Herz hämmerte gegen meine Brust.

"Es ist gleich vorbei", flüsterte Anordil mir zu, "das ist der Schock, der durch den Zauber hervorgerufen wird. Lasse deinen Atem fließen." "Hannon le – ich danke Euch", flüsterte ich heiser, "ohne euch wäre ich in der Dunkelheit geblieben." "Nur wenige bestehen diese Prüfung", wisperte er zurück, "denn nur wenige haben das Vertrauen, was dafür notwendig ist. – Ich danke dir, dass du uns vertraut hast." Luvalaes war in der Zwischenzeit an eine der Fensteröffnungen getreten. Fahrig berührte er den Zweig, der dort hineinwuchs. Er richtete seinen Blick in die Ferne und verharrte so mehrere Minuten. Man sah wie sein Atem zur Ruhe kam. Erst dann wandte er sich uns wieder zu.

"Fast wärest du uns entglitten", sagte er leise, "díheno ammen - bitte verzeihe uns. Wir konnten dir nicht sagen, was auf dich zukommt." "Lasse sie Atem schöpfen", unterbrach ihn Celebnên, "es ist geschehen, wie es geschehen musste. Sie ist zurückgekehrt." Müde wandte er sich um. "Grenden!", rief er leise. Sekunden später glitt eine Frau mittleren Alters in den Raum. "Bringe uns vier Becher mit warmem Wein." Sie tat wie ihr geheißen. Einige Minuten später standen die Becher auf einem kleinen Tischchen. Der Elb streute ein Pulver hinein und gab es uns zu trinken. Er nahm ebenfalls einen Becher. Der Wein schmeckte leicht bitter. Erst als ich den Becher geleert hatte, durfte ich aufstehen. Meine Beine fühlten sich taub an. Es fiel mir unendlich schwer mich zu bewegen. Heute würden wir kein Kampftraining mehr durchführen. Das stand fest.

"Dieses Ritual ist kräftezehrend für alle", erläuterte Celebnên, "aber diesmal hat es sich gelohnt. – Eure junge Frau hier hat ein gutes magisches Talent. Sie wird mit der Zeit in der Lage sein, selbst schwierigere Zauber zu meistern. Aber ihr magisches Potential ist wild und liegt brach. Die Unterweisung sollte deshalb langsam und vorsichtig erfolgen. Es darf nichts überstürzt werden." Danach dankten wir dem alten Magier und verließen sein Haus.

Langsam gingen wir zurück zu Anordils Haus. "Wir werden bald damit beginnen, dich in Magie zu unterweisen", sagte Anordil auf dem Weg. "Ihr?", fragte ich leise. "Ja", bestätigte er, "Luvalaes und ich gehören zu den wenigen Elben, die der Magie mächtig sind, auch wenn das Elbenvolk zu den magische Wesen gehört. Unser Blut stammt aus dem Hause Finwe, ebenso wie das des edlen Elrond und der Herrin Galadriel. – Und nun musst du ruhen. Dieser Zauber war sehr ermüdend. – Ich weiß es, auch Luvalaes und ich haben es erfahren." Wissend lächelte er mich an. Vor Erschöpfung fiel ich fast um. Nur seine Hand hielt mich aufrecht. Dann verließen mich meine Sinne. Ich erwachte erst am nächsten Morgen wieder.

Die nächsten Wochen waren ausgefüllt mit Lernen. Verschiedene Waffen, Kampftechniken, Kampfstrategie, Sprachen, die Handsprache des Kampfes, Etikette, Tanzen, das Spielen verschiedener Instrumente und nicht zu letzt neu auf dem Stundenplan meine ersten Begegnungen mit der Magie. Allerdings bestanden diese vorerst in reinen Konzentrationsübungen und viel trockener Theorie.

Allerdings wuchs mein Selbstbewusstsein, je länger ich in diesem Tal verweilte. Mein vergangenes Leben schien völlig vergessen zu sein. Ich verdrängte selbst das, was mit meiner Familie geschehen war. Doch sollte es mich wieder einholen.

Es war an einem herrlichen Herbstabend. Die Blätter der Wälder hatten sich in allen Schattierungen von Braun, Orange, Gelb, Gold und Kupfer verfärbt. Die beiden Brüder brachten mir ein Spiel bei, das Tengwalith hieß. Es ähnelte unserem Schach. Während einer Pause stand ich auf. Gedankenverloren ging ich bis an die Balustrade. Ich blickte hinaus auf das Tal.

Es war ein atemberaubendes Bild. Durch die Abenddämmerung und den heraufziehenden Nebel wirkte es unwirklich. Plötzlich dachte ich an meine Mutter. Sie würde dieses Tal geliebt haben, schoss es mir durch den Kopf. Noch etwas fiel mir wieder ein. Heute wäre ihr Geburtstag gewesen sowie der meines Bruders. Mit einem Mal war ich tieftraurig. Tränen standen mir in den Augen. Wie konnte ich dies nur beinahe vergessen? Nein, verbesserte ich mich, vergessen hatte ich sie nicht. Vergessen hatte ich überhaupt nichts – nur verdrängt. Ich hatte mir eingeredet, dass sie noch leben würden. Doch das war nicht richtig. Sie würden nie mehr leben! Feucht rann es meine Wangen hinunter. Ich schmeckte Salz.

Anordil hatte meinen Stimmungsumschwung bemerkt. Geräuschlos trat er hinter mich. "Man mathach - was ist mit dir?", fragte er leise. Seine Hand legte sich behutsam auf meinen Arm. "Naneth a muindor nîn - meine Mutter und mein Bruder", flüsterte ich stockend, "sirarad nestyr chain. Si hain firn. - Ú-'ennin ad chain. – Ú-vabon nedin ranc! - Ú-laston laim hain! - Lalaith chain! - Cenin hain nu nin, sui hirnir in 'uir a ú-iston amma. - Heute wäre ihr Geburtstag gewesen. Doch jetzt sind sie tot. - Ich werde sie nie wiedersehen. - Nie mehr in den Arm nehmen! - Nie mehr ihre Stimmen hören! – Ihr Lachen! – Ich sehe sie vor mir, wie sie getötet wurden und ich weiß nicht, warum!" Impulsiv drehte ich mich um und vergrub meinen Kopf an seiner Schulter. Ich weinte hemmungslos. Er schloss fest die Arme um mich. Ich spürte seine Wärme. Seine Nähe empfand ich als beruhigend. Am Rande nahm ich wahr, dass Luvalaes seinen Bruder anblickte, nickte und diskret verschwand. Diese Nacht wachte Anordil an meinem Bett.

In den nächsten Wochen beschleunigte er das Lerntempo. Ich hatte keine Gelegenheit mehr richtig nachzudenken. Vor allem das Kampftraining machte mir viel Spaß. Selbst die beiden Elben waren beeindruckt über die Schnelligkeit mit der ich den Umgang mit den elbischen Waffen lernte. Sie meinten, ich wäre die geborene Kriegerin. Ich wurde sogar eine passable Bogenschützin. Was nicht verwunderlich war, denn Anordil war unerbittlich. Luvalaes brachte ich mit dem Kurzschwert jetzt in der Tat des öfteren ins Schwitzen. Er war sogar dazu übergegangen mir den Kampf mit zwei Schwertern beizubringen. Jedoch mit dem Kampfstab gelang mir gar das Kunststück ihn einige Male zu besiegen. Es war mir jedes Mal ein kleines Vergnügen ihm eine der Bo-jutsu-Techniken zu zeigen. Selbst Thinroval, der Elb, der die Übungen mit dem Kampfstab unterwies, war beeindruckt, denn sehr rasch beherrschte ich diese Waffe meisterlich.

Durch die ständigen Kampfübungen hatte ich mittlerweile blindes Vertrauen zu den beiden Elbenbrüdern entwickelt. Ich würde ihnen ohne zu Zögern mein Leben anvertrauen. Und nicht nur das. Dies hatte ich mit der Auslotung meines magischen Potentials bereits bewiesen. Bei diesem Ritual hatten sie letztendlich nicht nur mein Leben in der Hand gehabt, sondern auch meinen Verstand.

Dadurch, das Mallenloth meinen Körper geheilt hatte, begannen sich gleichermaßen die Wunden in meiner Seele zu schließen. Jedenfalls dachte ich das. Eines Tages waren wir am Bogenschießplatz. Die beiden Brüder schossen um die Wette. Ich übte daneben. Ab und an sah ich zu ihnen hinüber. "Wie wäre es mit einer kleinen Wette?", sagte Luvalaes augenzwinkernd zu seinem Bruder. Luvalaes liebte Spiele. Vor allem Wetten. Schließlich war er Barde und ein Elb. "Was für eine Wette, Luvalaes?"

"Wir schießen und der Sieger erhält eine Nacht mit Arwen." Seine Worte klangen leichthin, als wäre es ein Spiel. Anordil sah ihn missbilligend an. "Arwen ist unser Gast und kein Gegenstand um den man wettet", sagte er scharf. Ich hatte bei dem Vorschlag von Luvalaes unwillkürlich die Luft angehalten. Zwar war ich Gast in ihrem Hause, doch das Elbenvolk ist unsterblich. Folglich mussten die in ihren Augen arg kurzlebigen Menschen wie Spielzeuge für sie sein.

War es ein Spiel, was Luvalaes beginnen wollte? Elben spielten gerne und wetteten noch lieber. Jedenfalls viele von ihnen. Luvalaes war Barde und dem Spiel durchaus zugetan. Anordil hatte ich bisher nicht wetten sehen. Aber vielleicht hatte er früher viel gewettet? Ich mochte sie beide, aber mir war bei dem Gedanken an das, was Luvalaes vorschlug, doch flau im Magen. Allerdings hatte ich seit einiger Zeit geahnt, dass Luvalaes mehr als nur freundschaftliche Gefühle für mich hegen könnte. Ich schluckte, als er mich ansah.

"Arwen, wärst du damit einverstanden, der Wetteinsatz zu sein?", fragte mich Luvalaes und lächelte mich gewinnend an. Er hatte einen Charme an sich, dem man nicht widerstehen konnte. Mir entging die kurze Handbewegung, die er dabei machte. Ich sah zu Anordil. "Garon dhaer estel ned vaenas lîn - ich habe großes Vertrauen in Eure Kunst", sagte ich mit kratziger Stimme, bevor Anordil etwas einwenden konnte, "ich bin damit einverstanden." Nachdem ich die Worte gesprochen hatte, fragte ich mich, was für ein Teufel mich denn geritten hatte. Mir war auf einmal äußerst unwohl. Beklemmung machte sich in mir breit. "So sei es", antwortete Anordil leise. Warum hast du das getan, schienen seine Augen zu fragen. Ich tat es offensichtlich aus freiem Willen, also konnte er nichts dagegen tun, außer sich diesem meinen Willen zu beugen.

Die beiden Brüder nahmen ihre Bögen und schossen. Es wurde nach Punkten gezählt. Eine Zeitlang waren sie gleich auf. Dann kam der entscheidende Schuss. Ich hatte unruhig alles verfolgt. Ich betete, das Anordil gewinnen möge. Schließlich kannte er meine Vergangenheit. Er würde mich verschonen. Doch er verlor. Ich war so erschrocken über diesen Ausgang, dass ich meinen Bogen fallen ließ und wegrannte. Ich sah nicht mehr, wie Luvalaes fragend zu seinem Bruder blickte, als er mich weglaufen sah. Anordil erklärte es ihm, so gut er es vermochte. "E beren - sie hat Mut", sagte Luvalaes anerkennend. "E mathannich na lûth chîn na chen garid. Caro ú-'wannad nestad dîn. - Du hast sie mit deiner Zauberkraft zu dieser Handlung verführt. Mache ihre Heilung nicht kaputt", bat Anordil, "gâr taer eden estel hir - sie beginnt gerade damit Vertrauen zu fassen."

Ich bekam von alledem nichts mit. Anordil erzählte es mir wohl zu einem späteren Zeitpunkt. Von Angst gepeinigt verkroch mich in meinem Quartier und fasste so allmählich wieder Mut. Erst gegen Abend hatte ich mich wieder im Griff. Ich wusch mich mit kaltem Wasser, bevor ich mich frisch ankleidete. Danach atmete ich tief durch, straffte die Schultern und ging hinaus. Schließlich hatte ich bisher nie mein Wort gebrochen.

Seit unserer Ankunft hatten wir fast jeden Abend gemeinsam auf Anordils Terrasse gespeist. So auch heute. Die beiden Elben erwarteten mich. An diesem Abend konnte ich nicht viel essen. Dafür trank ich mehr von dem Wein. Dieser berauschte mich nach einiger Zeit. Von der Unterhaltung bekam ich nicht viel mit. Ich war kaum ansprechbar und hüllte mich in Schweigen. Anordil und Luvalaes versuchten mit Geschichten und Liedern die gedämpfte Stimmung zu lösen. Jedoch quälten mich düstere Gedanken. Anordil zog sich nach einer Weile zurück. Die Gemächer der Brüder lagen nebeneinander. An der Türe drehte er sich kurz um und sah Luvalaes bittend an. Dieser nickte ihm kurz zu. Anordils Augen ruhten für einen Moment auf mich. Estelio – vertraue, schienen sie zu sagen. Vor Angst war ich jedoch wie gelähmt.

Jetzt war ich mit Luvalaes allein. Wir unterhielten uns eine Weile. Allerdings erwies ich mich als ausgesprochen wortkarge Gesprächspartnerin. Der Wein hatte meine Beklommenheit gedämpft. Doch weg war sie nicht. Es dauerte auch nicht lange, bis Luvalaes sich erhob. "Tollen i lû – es ist Zeit", sagte er leise zu mir und reichte mir seine Hand. Reichlich wackelig erhob ich mich. In meinem Magen zog sich ein Knoten zusammen und irgendetwas schnürte mir die Kehle zu. Mit zittrigen Fingern ergriff ich seine Hand. Es ist Zeit, dachte ich gequält.

Behutsam führte er mich in seine Gemächer. Mir war auf einmal vor Angst ganz kalt. Die Eiseskälte vertrieb die Wirkung des Weines. Oder war es wegen der Nachtkühle, die jetzt des öfteren heraufzog? Luvalaes lächelte mich an und reichte mir einen Becher. "Sen mathach laug - das wird dich wärmen", meinte er sanft. Meine Hand zitterte, als ich den Becher nahm. Luvalaes tat so, als hätte er es nicht bemerkt. Ich leerte den Becher in einem Zug. Das Getränk war angewärmt, wie Glühwein. Es schmeckte würzig. Ich fühlte, wie sich eine Wärme in mir ausbreitete.

"So,", meinte er, nahm erneut meine Hand und führte mich zu einem kleinen Tisch mit zwei Stühlen, "was hältst du von einer Partie?" Ich sah das Tengwalithspielbrett auf dem Tisch liegen. Verwirrung breitete sich in mir aus. "Ingannen - ich dachte", stotterte ich, "ich dachte, ich müsste ...." Er lächelte mich herzlich an. "Ich hatte um eine Nacht gewettet", sagte er weich, "ich hatte nicht gesagt, wie die Nacht verbracht wird." Erleichterung durchflutete mich. Das wärmende Getränk tat sein übriges. Auf einmal fühlte ich mich leicht und schwerelos. Ich lächelte ihn unsicher an.

"Na, dann wollen wir eine Runde spielen", sagte ich erleichtert. Dann nahm ich Platz. Wir spielten mehrere Runden. Zwischendurch erzählte Luvalaes immer wieder kleine Geschichten aus Mittelerde. Viele davon waren Anekdoten über seine Brüder. Einmal sang er sogar eine Ballade. Er war äußerst charmant und die Zeit verging wie im Flug.

Ich musste über dem Spielbrett eingeschlafen sein, denn ich erwachte am nächsten Morgen. Doch ich war nicht in meinem Quartier. Unwillkürlich zog ich die Bettdecke fester an mich heran. "Gen suilon, Arwen." Luvalaes saß auf der Bettkante. Er sah mich lächelnd an. Zu meiner Erleichterung stellte ich fest, dass ich angezogen war. "Ich habe mir erlaubt, dich in dieses Bett zu legen", sagte er, "ich habe es jedoch nicht gewagt, dich zu entkleiden." "Le suilon, Luvalaes", antwortete ich ihm, "le hannon - ich danke Euch." Er sah mich mit seinen kristallblauen Augen an. Ich hatte das Gefühl, dass er wie sein Bruder auf den Grund meiner Seele schaute.

"Wofür?", fragte er, "ich habe meinen Wetteinsatz erhalten und du hattest eine hoffentlich angenehme Nacht." Da ahnte ich, dass Anordil mit ihm gesprochen hatte. "Ich denke, Ihr wisst, wofür ich mich bedanke", sagte ich leise und schlüpfte aus dem Bett. Ernst sah er mich an. "Ich hätte nicht gewagt es vorzuschlagen, wenn ich es vorher gewusst hätte", sagte er, "doch es war mir eine Lehre. Ich hatte angenommen, dass auch du einem kleinen Abenteuer nicht abgeneigt sein würdest. Man sollte nichts leichtfertig voraussetzen oder tun. Selbst ich lerne nach knapp viertausend Jahren immer noch etwas dazu."

Es vergingen wieder einige Wochen. Mittlerweile stand der Winter vor der Tür. Ich bekam wärmere Kleidung. Das Feuer wurde in der Feuerstelle meines Quartiers entzündet. Anordil ließ die Türen und Fenster verschließen, so dass die Wärme im Inneren blieb. Er hatte außerdem damit begonnen, mein Zaubertalent auszubilden. Er fing mit kleinen Übungen an. Diese fand ich allerdings schon schwierig. Aber ich hatte schließlich nie zuvor mit Magie zu tun gehabt.

Luvalaes brachte mir die ersten Zauberlieder bei. Die waren gar nicht so schwierig zu lernen. Allerdings bereitete es mir weiterhin Probleme, sie in der für die Magie richtigen Betonung zu singen. Doch das würde ich mit der Zeit auch hinbekommen. Ich lernte, als würde mein Leben davon abhängen. Stundenlang vergrub ich mich in die Bücher und Notenblätter. In dieser Zeit nahm ich an einigen Festen der Elben teil.

Bereits das Sonnenfest in der Mitte des Sommers und das Herbstfest zur Ernte hatten mich begeistert. Nun stand das Mondfest zur Mitte des Winters an. Schon Tage vorher stellte ich rege Betriebsamkeit innerhalb der Elbenstadt fest. Eine gelöste fröhliche Stimmung lag in der Luft. Auch ich war aufgeregt. Eher sogar angespannt. Niniel und Eiliant, die mich in Gesang und Spiel ausbildeten, hatten beschlossen, dass ich an jenem Abend mein Debüt als Bardin geben sollte. Dementsprechend war mir zumute. Ich strengte mich während der Übungsstunden mehr als bisher an. Schließlich wollte ich die beiden nicht enttäuschen. So rückte der Abend des Mondfestes näher.

Aufgeregt erwachte ich an diesem Morgen. Beim gemeinsamen Frühstück konnte ich nicht viel essen. "Du bist nervös", neckte mich Luvalaes, "dabei sind heute Abend doch nur fast die gesamte elbische Bevölkerung von Cillien anwesend. Ohne die menschlichen und zwergischen Gäste, natürlich." Entrüstet sah ich ihn an. "Ich weiß nicht, wie du darauf kommst", gab ich rasch zurück, "ich bin die Ruhe selbst." Da mir in diesem Moment mein Messer aus den Händen fiel, erntete ich Gelächter von den beiden. "Du bist nervös", bekräftigte Anordil mit einem spitzbübischen Glitzern in den Augen, "– oder schämst du dich gar, weil du ein Mensch bist? Hast du Angst vor Elbenohren nicht bestehen zu können?" "Man darf doch Lampenfieber haben, oder?", fragte ich bissig zurück. Irritiert sahen die beiden Elben mich an.

"Lampenfieber", Luvalaes ließ das Wort auf der Zunge zergehen, "was ist das?" Jetzt konnte ich ein wenig lächeln. Endlich wieder etwas, was diese allwissenden Elben nicht kannten. "In meiner Welt wird das angespannte, nervöse Gefühl vor einem öffentlichen Auftritt als Lampenfieber bezeichnet", erklärte ich ihnen. "Dagegen hilft nur Ablenkung", warf Luvalaes ein.

Und die hatte ich in den nächsten Stunden. Luvalaes und Anordil zogen ihre Übungsstunden an diesem Tag äußerst rücksichtslos durch. Sie forderten absolute Konzentration. Jedes Mal wenn meine Gedanken abschweiften, wurde dies sofort mit einem blauen Fleck oder gar einer Schramme geahndet. Gegen Nachmittag zog ich mich zerschlagen und müde in mein Gemach zurück. Erschöpft sank ich auf mein Bett. Ich hatte jetzt nichts dagegen bis zum nächsten Morgen durchzuschlafen. Doch meine Ruhe währte nicht lange.

Ein leises Klopfen schreckte mich hoch. "Verzeihe mein Eindringen", hörte ich die sanfte Stimme von Mallenloth, "mein Vater sagte mir, ich solle nach dir sehen." Stöhnend drehte ich mich auf den Rücken. Mit raschen Schritten war sie neben das Bett getreten. Ihre dunkelgraue Robe raschelte. "Ich sehe bereits, warum", meinte sie, "mein Vater und mein Onkel waren ein wenig zu fordernd in ihrem Unterricht." "So könnte man es auch bezeichnen", erwiderte ich und versuchte eine Stelle zu finden, die nicht schmerzte, "sie nannten es Ablenkung." Leise lachte sie auf. "So, Ablenkung?", erwiderte sie, "hätte man dies nicht auch etwas weniger schmerzhaft gestalten können? – Du sollst heute Abend singen?"

"Ja", sagte ich mit zusammengebissenen Zähnen, "Niniel und Eiliant sind sich da einig. Ich fühle mich allerdings noch nicht bereit." Mallenloth rieb mit ruhigen Händen meine schmerzenden Körperstellen mit einer Paste ein. "Ich habe bereits einige Lieder von dir gehört, wenn ich an den Übungsräumen vorbeiging", meinte sie zu mir, "sei unbesorgt. Du wirst heute Abend nicht versagen." "Ich hoffe, du behältst Recht", murmelte ich vor mich hin. Aufmunternd sah sie mich an. "Wir Elben beißen nicht", gab sie zurück, "auch wenn manche Vertreter des Elbenvolkes eine recht merkwürdige Art von Humor besitzen. Lasse dich durch meinen Onkel nicht verunsichern. Wenn Niniel und Eiliant der Meinung sind, dass du gut genug bist, so zählt für mich deren Urteil. Schließlich wurde Luvalaes auch von ihnen ausgebildet."

Sie winkte Anigel herbei. "Kümmere dich um Arwen", wies Mallenloth sie an, "ich möchte, dass sie heute Abend bezaubernd schön aussieht. Und kleide sie in Grün und Silber, den Farben unseres Hauses." "Jawohl, Herrin", erwidert Anigel mit einer leichten Verbeugung. "Lasse dich von Anordil und Luvalaes nicht unterkriegen", sagte Mallenloth leise zu mir, "auch wenn sie Elben sind, sind sie doch nur Männer." Erstaunt blickte ich sie an. Dies hatte ich von der sanften Mallenloth nicht erwartet. Mit einem Lächeln ließ sie mich mit Anigel allein.

Nach dem Baden fühlte ich mich bereits wesentlich wohler in meiner Haut. Die Massage mit dem nach Rosen duftenden Öl entspannte mich. In Gedanken ging ich kurz die Lieder durch, die Eiliant mir vorgeschlagen hatte zu singen. Mit geschickten Händen flocht Anigel mir die Haare in einen silbernen Haarreif hinein. Danach half sie mir beim Anlegen der Robe in Grün und Silber. Ich streckte mich, als ich in den Spiegel sah. Tief atmete ich durch. "Jetzt wird sich zeigen, wer hier Angst hat", sagte ich trotzig zu meinem Spiegelbild.

Dann klopfte es an meine Tür. Niniel streckte den Kopf herein. Sie sah wunderschön aus in dem fließenden Gewand aus silberdurchwirktem, hellem Blau. Ein einzelner Saphir schmückte den silbernen Reif in ihrem silberblonden Haar. Saphirblaue Augen blickten mich neugierig an. "Du siehst heute Abend sehr schön aus", sagte sie und ließ ihre Blicke über mich wandern, "ideal für deinen ersten Auftritt. Du wirst sie alle in deinen Bann schlagen." "Wenn ich doch auch nur so überzeugt wäre wie du, Niniel", erwiderte ich resignierend, "es ist mir nicht wohl dabei. Vielleicht sollten wir doch noch warten bis zum Frühlingsfest." Energisch schüttelte sie den Kopf. "Nein, auf keinen Fall", sprach sie mit fester Stimme, "wir sind uns einig. Heute Abend wirst du deinen ersten Auftritt als Sängerin haben."

"Wo bleibt ihr?" Vom Gang her hörte ich die Stimme von Eiliant. Nur Sekunden später stand sie im Türrahmen. Auch sie sah umwerfend auf. Ihr Gewand in einem changierenden hellen Perlmuttton unterstrich ihren Namen, der ‚Regenbogen' bedeutete. Hellbraunes Haar fiel in einer wahren Flut den Rücken hinunter, nur gehalten von einem schmalen, perlmuttfarbenen Stirnreif. "Wir sind gleich da", gab Niniel zurück und schob mich vor sich her zur Tür hinaus. Wenn meine beiden Lehrerinnen sich schon die Mühe machten, mich zum Festplatz zu geleiten, dann durfte ich nicht kneifen. Ich straffte die Schultern. "Ich folge euch freiwillig", sagte ich lachend und wehrte die schiebenden Hände von Niniel ab.

Als wir zum Festplatz kamen, wurde mir doch ein wenig anders. Ich hatte bis jetzt einige Feste der Elben mitgemacht, doch niemals war es mir so gut besucht vorgekommen. "Kann es sein, dass heute Abend mehr Gäste anwesend sind, als gewöhnlich?", fragte ich leise Eiliant. Sie nickte bestätigend. "Ja, das Mondfest ist eines der hohen Feste der Elben", erwiderte sie, "und wir haben nur eine Handvoll davon. – Aber keine Angst, es sind noch andere Sänger anwesend, die heute Abend das erste Mal in der Öffentlichkeit singen." Sie deutete zu einem der Tische hinüber. Dort konnte ich deutlich nervöse Elben und Elbinnen sitzen sehen. Schön, dass es nicht nur mir so geht, dachte ich zufrieden, das macht es etwas leichter.

Anordil kam mir bereits entgegen. Bewunderung sprach aus seinem Blick. "Chen suilon", grüßte er uns mit einer leichten Verbeugung, "ihr seht bezaubernd aus." Leider konnte ich nicht heraushören, ob er uns alle drei meinte oder nur mich. Er wählte seine Worte dafür zu geschickt. "Len suilon, hîr Anordil – ich grüße Euch, Herr Anordil", grüßte Niniel ehrerbietig. Anordil sah sie lächelnd an. "Len hannon, híril nin – ich danke Euch, meine Dame", antwortete er, "doch Ihr wisst, dass ich auf diese förmliche Anrede keinen Wert lege. Schließlich seid Ihr gut und gerne tausend Jahre älter als ich. Daher gebührt euch eigentlich diese Anrede." Niniel errötete sanft. "Und wie stets muss ich euch daran erinnern, dass Ihr von adeligem Geblüt seid", konterte sie, "und dass Ihr daher ein Recht auf diesen Titel habt." "Nun kommt, ihr drei", warf Eiliant dazwischen, "Titel oder nicht – das Fest beginnt bald und wir sollten uns zu unseren Plätzen begeben."

Anordil reichte mir seine Hand und geleitete mich zur Hohen Tafel. Diesmal saß ich an seiner Seite. Luvalaes hatte mit Mallenloth die Plätze zur linken Glordorons eingenommen. Es war mir wie so oft ein wenig peinlich, dass ich als einfaches Mädchen unter all diesen Edlen saß. Doch Anordil duldete in dieser Hinsicht keinen Widerspruch. Er war der Meinung, dass ich dorthin gehörte.

Zum Mahl spielten einige der Musiker auf. Von Eiliant hatte ich in meiner letzten Übungsstunde erfahren, dass auch unter ihnen ein paar ihren ersten öffentlichen Auftritt hatten. Die Speisen mundeten vorzüglich, wie immer. Leider konnte ich sie diesmal nicht so würdigen, wie ich es gerne getan hätte. Doch mein Lampenfieber nahm zu. Belenus sei Dank, musste ich nicht als erste singen. Zwei elbische Sänger gaben vor mir ihr Debüt. Dann war ich an der Reihe. Auf ein Zeichen Niniels hin, erhob ich mich von meinem Sitz und nahm meinen Platz bei den Musikern ein. Einige von ihnen kannte ich von meinen Übungsstunden. Erynaew, ein junger Elb mit dunkelbraunen Haaren und hellgrünen Augen, nickte mir aufmunternd zu. Er trug heute Abend eine moosgrüne Robe mit hellgrünen Stickereien. Mit einer leichten Verbeugung meinerseits dankte ich ihm.

Dann fing ich an zu singen. Während meiner ganzen Darbietung sah ich niemanden an. Konzentriert blickte ich auf einen Punkt in den Bäumen über den Köpfen der Gäste. Erst als ich fertig war, senkte ich die Augen. Der aufbrandende Applaus sagte mir, dass ich es geschafft hatte. Auch die lächelnden, zufriedenen Gesichter von Niniel und Eiliant sprachen Bände. Mit Erleichterung im Herzen ging ich zu meinem Platz an der Hohen Tafel zurück. Anordil erwartete mich mit einem Kelch Wein in der Hand. "Dies war ein erfolgreicher erster Auftritt, werte Bardin", begrüßt er mich lächelnd, "darf ich Euch diesen Kelch als kleinen Dank reichen?" "Hannon le, hîr nin – vielen Dank, mein Herr", antwortete ich erleichtert, "ich bin froh, es geschafft zu haben." "Es war doch gar nicht so schwierig", warf Luvalaes lachend ein, "die Nervosität hat sich überhaupt nicht gelohnt, oder?" "Darf ich Euch daran erinnern, mein edler Herr", tönte eine Stimme hinter ihm, "dass ihr bei Eurem ersten Auftritt drei Noten nicht getroffen habt und Euch am Morgen davor äußerst übel war." "Aber edle Niniel", konterte Luvalaes, "da war ich noch jung und unerfahren – erst fünfhundertzweiundfünfzig Jahre alt!" Ich lachte hell auf. Entrüstet sah er erst sie, dann mich an. Das Geplänkel ging noch eine Weile weiter.

Es wurde noch ein sehr entspannter Abend. Jetzt konnte ich es sogar genießen. Reichlich spät begab ich mich zur Ruhe. Lange lag ich noch wach und sah zu den Sternen hinaus. Meine Gedanken schweiften umher. All das um mich herum, fand ich faszinierend. Mein altes Leben erschien mir so weit entfernt. Ich spürte aber auch kein Verlangen mehr, nach der alten lärmenden Welt mit ihrer Technik und ihren Computern.

Durch die Zeit bei den Elben war ich ein anderer Mensch geworden. Die Arwen, die ich war, hatte ich zurückgelassen. Es wurde mir immer mehr bewusst, dass Mittelerde meine neue Bestimmung sein würde. Und doch quälten mich in der Nacht oft Albträume. Immer und immer wieder sah ich wie meine Familie ausgelöscht wurde. Ich konnte gar die Schüsse hören. Warum nur, fragte ich mich immer wieder, warum? Manchmal erwachte ich morgens schweißgebadet. Ich wusste nicht, dass Anordil dies bemerkte. Ich wusste ebenfalls nicht, dass er mit seinem Bruder darüber sprach, wie man mir helfen könne.

to be continued ...

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