IVIII. Das Gasthaus zur Letzten Brücke

Als wir in Bree ankamen, kehrten wir wieder im "Tänzelnden Pony" ein. Der Wirt Gerstenmann Butterblume konnte sich nicht mehr an Anordil und mich erinnern, obwohl wir ihm bekannt vorkamen. Er litt wohl an allgemeiner Amnesie. Selbst Gandalf würde in einigen Jahren mit der Vergesslichkeit des Herrn Butterblume zu kämpfen haben. Aber es waren letztendlich einige Monate vergangen, seit unserem letzten Besuch. Allerdings strahlte er bis über beide Ohren, als er erfuhr, dass ich Bardin sei. Dessen ungeachtet wurden wir in einem Gemeinschaftsschlafraum einquartiert.

Am Abend spielte ich auf, wie ich es mir angewöhnt hatte. Ich war als Bardin unterwegs, also unterhielt ich die Leute. Die ersten Male war mir immer unwohl gewesen vor fremden Leuten zu spielen. Aber mittlerweile genoss ich es. Die Leute waren dankbar für die Abwechslung. Schließlich existierten hier in Mittelerde kein Fernsehen oder Radio oder andere Medien, so wie in meiner Welt. Hier waren die Leute erfreut, wenn ein Musiker ins Gasthaus kam, einen Abend Lieder spielte und Neuigkeiten aus der Fremde mitbrachte. Auf diese Weise schonte ich sogar meinen Geldbeutel. Ich besaß zwar jetzt eigenes Geld, was ich mir erarbeitet hatte, aber es waren nur ein paar Gold- und Silberstücke.

Ich war um jede Gelegenheit froh, wo ich für Kost und Logis spielen konnte. Manchmal kamen zur freien Verpflegung sogar ein paar Münzen aus dem Publikum. Schließlich wollte ich Anordil nicht immer auf der Tasche liegen. Obwohl Elben sich nichts aus Gold machten. Im Gegensatz zu mir. Zwar fehlte mir die Habgier mancher Zeitgenossen, aber es war beruhigend ein paar Münzen in der Tasche zu haben. Ich war nicht gerne abhängig von jemandem, selbst wenn es ein Freund war. Außerdem schuldete ich ihm bereits immens viel. Und dieses bereitete mir Kopfzerbrechen. Wie sollte ich das alles je zurückzahlen können?

Unsere Reisegruppe saß ebenfalls im Schankraum und hörte mir zu. Nur Ulef hatte sich an einen anderen Tisch gesetzt. Dort saßen weitere Nordländer. Sie unterhielten sich angeregt. Ich sah, wie Ulef den anderen die Hand gab. Sie hatten einen Handel geschlossen. Während einer Pause ging ich an unseren Tisch, um einen Schluck Wasser zu trinken. "Ulef wird uns morgen verlassen", erzählte mir Legolas, "er hat andere Nordländer gefunden, die auf Schätze aus sind. Er wird mit ihnen ziehen." "Und was ist mit euch und den anderen?", fragte ich ihn. "Wir werden weiter mit euch reisen", antwortete Radamar, "Dagobar, Rellena und ich wollen nach Esgaroth. Und vielleicht von dort aus nach Hause zum Meer von Rhûn. Soweit ich weiss, will Legolas zurück in den Düsterwald." Legolas nickte bestätigend. "Ich war lange Zeit weg von zu Haus", sagte er, "es ist Zeit zurückzukehren und wieder einmal Ruhe zu finden."

Anordil hatte sich in der Zwischenzeit mit einem der Waldläufer unterhalten, der in einer der Nischen am Tisch saß. Dieser schien Legolas ebenfalls zu kennen. Er wurde zumindest freundschaftlich von ihm gegrüßt, als wir vorhin den Schankraum betreten hatten. Auch für Anordil schien er kein Unbekannter zu sein. Danach kehrte Anordil an unseren Tisch zurück. "Estel sagte mir, dass der Weg nach Imladris einigermaßen frei ist. Auf der Höhe der letzten Brücke treiben sich wohl ein paar Orks herum. Und bei den Trollhöhen wurden zuletzt einige Trolle gesehen. Mit denen dürften wir fertig werden. Wir werden also weitgehend unbehelligt unser Ziel erreichen." "Dann sollten wir morgen bei Anbruch des Tages weiterziehen, Anordil", sprach Legolas.

Neugierig sah ich zu dem Waldläufer hinüber. Dies also war Aragorn, der sich auch Streicher nannte und bei den Elben Estel hieß. Eine weitere Berühmtheit aus Tolkiens Erzählung. Er war nahezu ausschließlich in schwarzes, leicht schäbig wirkendes Leder gekleidet. Die Kapuze seines schwarzen wollenen Umhangs hatte er weit nach vorne gezogen. Schatten umspielten das Gesicht. Ruhig und bedächtig zog er an seiner Pfeife. Beim Ausatmen blies er Kringel in die Luft.

Als Bardin ging ich auch an seinen Tisch. "Nun, mein Herr", sprach ich ihn an, "welches Lied darf ich für euch spielen?" Er hob den Kopf ein wenig, so dass das spärliche Licht des Schankraumes sein Gesicht erhellen konnte. Nun konnte ich die markant geschnittenen Züge erkennen. Schulterlange schwarze Haare und ein Stoppelbart gaben ihm ein verwegenes Aussehen. Im Kontrast dazu standen die hellblauen Augen. Wie die eines Polarfuchses. Beobachtend, lauernd, abwägend.

Er zog wieder an der Pfeife und blies den Rauch in die Luft. "Singt mir die Ballade von Beren und Lúthien", antwortete er leise. Seine Stimme hatte etwas weiches, beinahe elbisches. Eine unausgesprochene Sehnsucht schwang darin mit. Wenn man den ‚Herrn der Ringe' gelesen hatte, wusste man, nach wem er sich sehnte. Also spielte ich die Ballade. Allerdings konnte ich es mir nicht verkneifen, die Zeilen eines Liedes meiner Welt am Ende einzuflechten. ‚O môrhenion i dhû: Ely siriar, êl síla. Aníron Undómiel. Tiro! Êl eria e môr. I 'lîr en êl luitha 'uren. Aníron ...' – ‚Durch die Dunkelheit verstehe ich die Nacht. Träume fließen, ein Stern leuchtet. Ich begehre Abendstern. Sieh her! Ein Stern erhebt sich aus der Dunkelheit. Das Lied dieses Sternes verzaubert mein Herz. Ich begehre ...'.

Aragorn zuckte zusammen. Blitzschnell hielt er meine Hand fest. "Man i had istach hen? - Woher wisst Ihr es?", wispert er leise auf Sindarin und sah mich durchbohrend an. "Cenin, man ceritha - ich sehe, was geschehen wird", antwortete ich ausweichend, "môr lû tolitha. - Ne thent lû. – Ben garitha i amarth nedin gaim dîn. Ú-veriant i vinui gor. - Dunkle dunkle Zeiten werden kommen. – Bald. – Jemand wird das Schicksal in seinen Händen halten. Der Eine Ring ist nicht sicher. -" Er unterbrach mich mit einer raschen Armbewegung.

"Man istach ne vinui gor? - Was wisst Ihr von dem Einen Ring?", seine Stimme war nur mehr ein Hauch. "Iston farn, istad e edregol delu - ich weiß genug darüber, um zu wissen, dass er äußerst gefährlich ist", antwortete ich ebenso leise, "ich kann das Schicksal des Ringes nicht verraten, aber der Abendstern wird Euch gehören, Herr Aragorn. – Ich weiß es, denn auch ich trage ihren Namen." Schnell entfernte ich mich von dem Tisch. Mein Herz klopfte bis zum Hals. Um ein Haar hätte ich zuviel verraten. Ich spielte noch einige Zeit weiter auf meiner Laute. Streicher beobachtete mich aufmerksam. Es war spät, als ich mich zur Ruhe begab.

Am nächsten Morgen verabschiedeten wir uns von Ulef. Trotz seiner raubeinigen Art war er ein guter Weggefährte gewesen. Wir würden ihn alle vermissen. Dann wurde es für uns Zeit aufzubrechen. Wir nahmen die Große Oststraße und zogen an den Mückenwassermooren vorbei. Unser Weg führte uns durch die Ebene En Eredoriath. Normalerweise gingen wir hintereinander, um bei eventuellen Überfällen gerüstet zu sein. Anordil ging an der Spitze und Legolas bildete die Nachhut.

Nachdem wir in Bree aufgebrochen und einige Stunden gewandert waren, kam erst Legolas an meine Seite. "Estel mabent na gen - Estel hat nach dir gefragt", sagte er leise. "Amma? – Warum?", fragte ich gefasst. Legolas sah mich forschend an. "Ista, man i venn în le - er wollte wissen, wer du bist." "Man bedich hon? - Was hast du ihm gesagt?", entgegnete ich. Meine Worte klangen ruhig, obwohl ich aufgewühlt war. "Arwen i eneth lîn a no i vess in 'ovad o Anordil - du hießest Arwen und seiest die Weggefährtin von Anordil." "Sen dîr - das ist ja auch richtig. Aber er war wohl nicht zufrieden mit der Antwort?" Legolas schüttelte den Kopf. "Nein, er war absolut nicht zufrieden. Ich habe ihn an Anordil verwiesen. Ich wollte es dir nur mitteilen." Damit ließ er sich wieder ein Stück zurückfallen. Ich hatte das Gefühl, das ich da in ein Wespennest gestochen hatte. Ich musste mich hüten, dass ich nicht zuviel über den kommenden Ringkrieg verriet.

Bei der Rast einige Stunden später saß Anordil neben mir. "Estel hat mich gefragt, wer du seiest", flüsterte er auf Gälisch, "woher weißt du, dass er Arwen Undómiel verehrt?" Ich sah ihn an. "Ich weiß, was die Zukunft in ein paar Jahren bringen wird", erklärte ich ihm leise, "in meiner Welt ist dies Teil einer Erzählung über den Einen Ring. Ich weiß, dass er Aragorn ist, Arathorns Sohn. Und ich weiß, was er sein wird. Aber ich darf nichts darüber sagen, damit der Lauf des Schicksals unverändert bleibt."

Anordil sah mich wissend an. "Es ist schwer, mit dem Wissen über kommende Zeiten zu leben", antwortete er leise, "selbst mir wirst du nichts verraten. - Das Wissen über den Einen Ring ist weitgehend in Vergessenheit geraten. Nur wenige glauben an ihn und noch weniger wissen von seiner Existenz. Und keiner weiß, wo er versteckt ist. Er ist verschollen seit Isildurs Tod. Wenn du weißt, was dessen Schicksal ist, so musst du schweigen." Damit beendete er das Gespräch. Er stand auf und übernahm wieder die Vorhut. Nachdenklich blickte ich ihm nach. Ich musste ihm merkwürdig erscheinen. Über meine Welt hatte ich ihm zwar viel erzählt, aber ich hatte bisher nichts über die Erzählungen Tolkiens verlauten lassen. Nur das mein Vater mir Sindarin und Quenya beigebracht hatte. Woher er es kannte, hatte ich verschwiegen.

Nach fünf Tagen erreichten wir Amon Sûl. Die Ruinen des Turmes bildeten den südlichsten Zipfel des Emyn Sûl, dem Wettergebirge. Eine zerklüftete, raue Landschaft. Der Turm, oder eher gesagt seine Überreste, stand auf einem Felsen am Rand der Ebene. Niedriges Buschwerk und Gras bestimmten das Bild. In der Ruine von Amon Sûl verbrachten wir die Nacht. Es war eine bedrückende Atmosphäre, die hier herrschte.

Ich meinte sogar während meiner Wache leise kratzende Geräusche aus den verschütteten unteren Etagen gehört zu haben. Aber ich konnte mich auch täuschen. Auf alle Fälle verursachte mir dieser Hügel eine arge Gänsehaut. Während meiner Wache konnte ich allerdings darüber nachdenken, dass in ungefähr acht Jahren hier eine Gruppe von Hobbits gegen die Nazgúl kämpfen würde. Als ich mich endlich hinlegen konnte, hatte ich unruhige Träume.

Nach weiteren fünf Tagen sahen wir das Gasthaus zur Letzten Brücke vor uns liegen. Es war unvermutet ruhig. Wir sahen keine Leute draußen. Die umlaufende Palisade war verbarrikadiert. Wir schauten uns erstaunt an. Für ein Gasthaus war dies eine ungewöhnliche Praxis. Gewöhnlich waren die Tore bis Anbruch der Dunkelheit offen. Doch dieses hier war geschlossen.

Vorsichtig näherten wir uns dem Tor. Unsere Waffen lagen locker in der Hand. Unvermittelt wurden wir angerufen. "Halt! Wer da?", tönte es von der Palisade. "Reisende auf dem Weg nach Osten", antwortete Anordil, "wir möchten Unterkunft für eine Nacht." Ein helmbewehrter Kopf wurde über der Palisade sichtbar. Der Junge, der ihn trug, zählte vielleicht fünfzehn Sonnenläufe, aber er hatte eine Armbrust im Anschlag. "Wer sagt mir, dass ihr keine bösen Absichten habt?", sagte er misstrauisch. "Ich bin Anordil, Sohn des Glordoron, des Herrn von Cillien", sprach Anordil laut, "bei meiner Ehre als Sinda, wir kommen in Frieden."

Plötzlich sah man hinter dem Jungen eine Hand auftauchen, die ihm heftig eine Ohrfeige verpasste. "Was fällt dir ein, Leddon! Das ist der Bruder von Luvalaes Glordoronion, dem Barden. Kannst du keine rechtschaffenden Leute mehr erkennen?", schimpfte eine Frauenstimme, "du wirst sofort das Tor öffnen und dich entschuldigen!" Der Junge duckte sich, um nicht eine weitere Ohrfeige zu kassieren und beeilte sich, das Tor zu öffnen. Keine Minute später konnten wir ungehindert den Hof betreten.

Wir sahen ein großes Gebäude mit Stallungen vor uns, welches vollständig von einer Palisade umgeben war. "Willkommen im Gasthaus zur Letzten Brücke", begrüßte uns eine leicht untersetzte Frau mittleren Alters mit dunkel geränderten Augen, die von zu wenig Schlaf kündeten, "entschuldigt bitte den groben Empfang. Seit einiger Zeit treiben sich hier Orkhorden und Warge herum. – Zu allem Überfluss sind meine Töchter bisher nicht aus Cameth Brin zurück. Die beiden sind jetzt zwei Tage überfällig und ich mache mir große Sorgen." Wir betraten das Gasthaus. Augenscheinlich war es ein gut geführtes und sauberes Haus. Der Schankraum war ordentlich gefegt. Die Tische glänzten frisch. Aus der Küche kam der Duft von gebratenem Hähnchen. Das Wasser lief mir im Mund zusammen.

Wir waren nicht die einzigen Reisenden. Einige Händler und anderes Volk hatten sich im Schankraum niedergelassen. Offensichtlich waren Bauern wie auch Holzfäller aus der Umgebung dabei. "Wir haben Plätze in einem der Gemeinschaftsräume frei", sagte die Wirtin. Ich rümpfte leicht die Nase. Gemeinschaftsräume waren nicht so ganz mein Geschmack. Man wusste nie, wer sich mit in dem Raum aufhielt. Aber wir hatten wohl keine andere Wahl. Wir sechs mussten uns den Raum mit weiteren vier Reisenden teilen. Wir ließen nichts von Wert zurück, als wir hinunter in den Schankraum gingen.

In der Zwischenzeit waren weitere Reisende eingetroffen. Mit einem von ihnen unterhielten sich die Wirtsleute besorgt. "Und du hast sie nicht gesehen, auf deinem Weg, Turlin?", fragte Rubb Grumm, der Wirt, eindringlich, "sie müssten vor dir aufgebrochen sein. Zwei unserer Knechte haben sie begleitet." Der Angesprochene schüttelte den Kopf. "Es tut mir leid, ich habe niemanden auf dem Weg hierher getroffen." Ich betrachtete mir denjenigen, den man Turlin nannte, genauer.

Ein großer, gut gebauter Mann. Barde, seinen Instrumenten nach zu urteilen. Für die Verhältnisse dieser Welt reich gekleidet. Man sah, dass ihm sein Geld locker in der Tasche saß. Diesmal würde ich für die Nacht zahlen müssen. Dieser Turlin sah nicht danach aus, als würde er einen weiteren Barden oder Bardin neben sich dulden wollen. Sein Gebaren wirkte arrogant. In meinen Augen sah er nicht vertrauenserweckend aus. Mein Gespür sagte mir, dass dieser Barde etwas zu verbergen hatte. "Jede Menge Orkspuren waren zu sehen und Spuren von Wargen konnte ich entdecken", sagte ein anderer Mann, ein Waldläufer. Er schien wohl mit Turlin gekommen zu sein. Sein wieselartiges Gesicht behagte mir nicht. Und sein Aussehen war selbst für einen Waldläufer äußerst ungepflegt. Die Gewänder abgerissen und nicht geflickt. Alles starrte an ihm vor Schmutz. Wie konnte dieser Turlin es in seiner Gesellschaft aushalten?

An unserem Tisch fragte ich Anordil: "Sag, was machen Orks oder Warge mit ihren Gefangenen?" Ich hatte da so eine Ahnung. "Sie mästen sie einige Tage und danach kommen sie auf den Speiseplan", antwortete er mir. "Und mit jungen Mädchen?", fragte ich weiter. "Entweder, wie Anordil sagte, auf den Speiseplan oder sie werden für ein dunkles Ritual benötigt. Besonders wenn es Jungfrauen sind", antwortete mir Legolas düster.

Das Hähnchen, dass ich vor mir hatte, schmeckte mir auf einmal nicht mehr, obwohl es hervorragend gewürzt und sehr zart war. "Ich werde nachher kurz mit dem Wirt reden", sagte Anordil, er ahnte meine Gedankengänge, "heute Nacht können wir sowieso nichts mehr ausrichten. Wenn die Wirtin Recht hat, wird es hier bald von Orks so wimmeln." Er sprach nachher mit dem Wirt. Sie kamen überein, dass wir am nächsten Morgen eine Suche in Richtung Cameth Brin unternehmen würden, um den Verbleib von Minna und Bannie, den beiden Töchter, zu klären.

Gegen Mitternacht wurde es ruhiger im Gasthaus. Die meisten hatten sich zur Ruhe begeben. Anordil und Legolas hielten Wache an den Fenstern unseres Gemeinschaftsraumes. Es dauerte nicht lange, bis ein leiser Warnpfiff mich weckte. Geschmeidig sprang ich aus dem Bett. Ich griff zu meine Waffen. Anordil gab mir ein Zeichen ihm zu folgen. Wir stürmten zur Palisade. In der Dunkelheit konnte ich schwach große Gestalten erkennen.

"Yrch", flüsterte Anordil mir zu, "a goer - und ein paar Warge." "Laeg neled - drei, um genau zu sein", ergänzte Legolas und spannte prüfend seinen Bogen. Plötzlich erfüllte ein schreckliches Geheul die Luft. "Der Kriegsschrei der Orks", rief Dagobar, sprang von der Palisade herunter und stürmte mit Radamar den Orks entgegen. Ich schüttelte den Kopf über soviel Leichtsinn. Doch anscheinend lag dies in der Natur der beiden Dorwinrim. Jedenfalls hatten sie sich bisher immer todesverachtend in den Kampf gestürzt, wenn es einen gab. Aus welchem Grunde, das konnte ich bisher noch nicht in Erfahrung bringen.

Doch Zeit zum Nachdenken blieb mir nicht. Ruhig spannte ich meinen Bogen und schoss. Neben mir hörte ich Pfeile zischen. Anordil und Legolas hatten ebenfalls geschossen. Da sie die Schnelligkeit ihrer Rasse besaßen, waren es schon zwei Pfeile, die sie den Orks entgegen sandten. Und wir trafen gut, wie das wütende Gebrüll vor uns berichtete. Andere Reisende sowie die Wirtsleute hatten sich ebenfalls auf die Palisade gestellt. Pfeilsalven schossen den Orks entgegen. Im Licht einer Feuerkugel, eindeutig aus Radamars Händen, konnte ich zwei der Warge erkennen.

Ich schüttelte mich. Die sahen schrecklicher aus als die Orks. Riesig waren sie, beinahe wie Pferde, und sehr schnell. Zotteliges Fell hing wirr an den muskulösen Körpern herunter. Lange Fangzähne schimmerten im Licht des Feuers. Böse Augen glitzerten fahl. Wie der American Werewolfe auf vier Pfoten. Die Maskenbildner Hollywoods hätten ihre wahre Freude an dem Aussehen gehabt. Ein paar Sekunden später explodierte die Kugel und versengte den beiden Wargen den Pelz. Der eine brach, zusätzlich getroffen von drei Pfeilen von Legolas und mir, zusammen. Er zuckte einmal kurz. Dann rührte er sich nicht mehr.

Der andere Warg war durch die Feuerattacke noch wütender geworden. Er stürmte auf die Palisade zu und durchbrach sie zusammen mit fünf Orks. Anordil neben mir zog seine Kurzschwerter. Anschließend sprang er von der Palisade herunter, den Orks entgegen. Ich tat es ihm nach. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie Legolas noch einmal zwei Pfeile verschoss und sich ebenfalls von der Palisade herunterschwang. Allerdings verschwand er zur Unterstützung auf die linke Seite. Von dort konnte man lautes Kampfgetümmel hören. Dorthin waren Dagobar und Radamar vorhin verschwunden.

Ich sah Rellena einen jungen Reisenden an die Seite ziehen. Anscheinend war dieser schwer verletzt worden. Aber ich konnte mich nicht weiter darum kümmern. Zwei Orks hatten es auf mich abgesehen. Aus dem Bruch in der Palisade stürmten weitere herein. Zumindest einen Wargen konnte ich erkennen. Am Rande nahm ich Turlin und seine Gefährten wahr. Merkwürdigerweise hielten sie sich beim Kampf arg zurück. Sie schienen sich nur zu verteidigen. Das kam mir eigenartig vor. Aber darüber konnte ich nicht weiter nachdenken. Denn ich musste mich um die beiden Orks kümmern, die mich jetzt angriffen. Ich zog meine beiden Kurzschwerter und attackierte sie in einem Wirbel aus Stahl.

Auf einmal herrschte Ruhe. Es kamen keine Orks mehr nach gestürmt. Warge waren auch nicht mehr da. Schwer atmend stand ich in einer dunklen Blutlache. Aber es war nicht meines. Ich hatte nur ein paar geringfügige Schrammen davon getragen. Doch schwarzgrüne Blutspritzer besudelten mein Gewand. Ich schaute mich um. Einige Reisende waren verletzt. Andere kümmerten sich um sie. Ich sah Bura Grumm, die Wirtin, mit geschickten Händen jemanden verbinden. Desgleichen konnte ich Rellena ausmachen. Auch sie war damit beschäftigt, jemandem mit ihrer Heilkunst zu helfen.

Anordil stand hoch aufgerichtet in der Mitte des Hofes und säuberte seine Schwerter. Von draußen hörte man keinen Lärm mehr. Legolas kam durch das nun geöffnete Tor der Palisade. Er war mit Orkblutspritzern übersät. Aber er selber war offensichtlich unverletzt. Auch Dagobar und Radamar kehrten von draußen zurück. Zufrieden schwang Dagobar sein riesiges Langschwert. Radamar sah arg erschöpft aus. Seine angesengten Finger sagten mir, dass zwischenzeitlich mindestens einer seiner Zaubersprüche schiefgegangen war.

Wir sammelten uns. "Diese Orkpatrouille wird keinen Bericht mehr erstatten können", sagte Legolas zufrieden. "Sie werden nie wieder jemanden angreifen ", ergänzte Anordil, "wir sollten uns mit der Dämmerung aufmachen und die Mädchen suchen. Vielleicht sind sie ja in der Nähe." Wir nickten zustimmend. Die Aufräumarbeiten überließen wir den anderen. Stattdessen legten wir uns für zwei Stunden schlafen. Vor allem Radamar konnte die Ruhe dringend gebrauchen.

Mit der Morgendämmerung brachen wir auf. Wir bemerkten, dass Turlin und seine Leute ebenfalls gegangen waren. Den Spuren nach waren sie Richtung Bree unterwegs. Wir machten uns auf den Weg nach Norden auf Cameth Brin zu. Immer entlang des Ostufers des Mitheithel. Die Spuren der Orks waren deutlich sichtbar. Sie hatten sich nicht die Mühe gemacht, sie zu verwischen. Gegen Mittag erreichten wir eine aufgewühlte Lagerstätte. Dort waren viele Orkspuren im Gras vorhanden.

Anordil und Legolas umkreisten das verlassene Lager in einem weiten Bogen. "Hier waren viele Orks. Ein Teil von ihnen ist Richtung Norden, der andere Teil Richtung Süden gezogen", berichtete Anordil, "wir haben, bei denen die in den Norden zogen, Spuren der Mädchen gefunden. Die nach Süden gingen, müssen die gewesen sein, die das Gasthaus überfallen haben." "Wie frisch sind die Spuren?", fragte ich. "Nach Süden hin sind sie von gestern", antwortete Legolas, "die nach Norden sind genauso alt." "Also leben die Mädchen?", fragte Dagobar.

Anordil nickte verhalten. "Sie leben möglicherweise", bestätigte er, "sie sind seit mehreren Tagen in Gefangenschaft. Wenn sie jetzt noch leben, dann sind sie wohl für ein Ritual vorgesehen." "Gibt es denn hier in der Nähe eine Tempelstätte?", fragte Radamar besorgt. "Drei Tagesreisen von hier gibt es ein verfallenes Schloss, das Herubar Gûlar genannt wird", antwortete Legolas, "es gehörte einem Hexenfürsten im Dienste des Hexenkönigs von Angmar. Seit vielen Jahrhunderten ist es verlassen. Ab und zu treiben sich ein paar Orks dort herum. Angeblich soll dort eine Zeremonienstätte für dunkle Magie vorhanden sein." "Die Orks haben ungefähr einen Tag Vorsprung. In drei Tagen ist Vollmond. Dies ist ideal für ein Ritual", sagte Radamar angespannt, "wir sollten uns beeilen. Sonst sind die Mädchen nicht mehr zu retten."

Wir verloren keine weitere Zeit mit unnützen Reden, sondern setzten uns auf die Spur der Orks. Sie hatten ein gehöriges Tempo vorgelegt, wie man aus den Spuren sehen konnte. Wie Bluthunde hetzten wir hinterher. Rast machten wir nur, wenn es unbedingt nötig war. Einmal sahen wir eine Braunbärin mit einem Jungen. Wir machten einen weiten Bogen um sie herum. Die Spuren vor uns wurden immer frischer. Als wir nur ein paar Stunden hinter ihnen waren, verlangsamten wir unser Tempo ein wenig. Es wäre nicht ratsam, wenn sie uns jetzt schon wahrnehmen würden. Gegen Abend des zweiten Tages sahen wir die Ruine in der Ferne. Wir wurden vorsichtiger. Radamar würde auskundschaften gehen. Er war als einziger der dunklen Sprache der Orks mächtig. Die Elben gaben ihm Deckung.

Als sie wiederkamen, waren sie besorgt. "Wir müssen morgen beim ersten Tageslicht die Mädchen befreien", sagte Radamar unruhig, "das Ritual ist für morgen Nacht geplant. Anscheinend soll ein gewaltiger Dämon beschworen werden. Wir haben zehn Orks gesehen. Wie viele im Turm und in den unterirdischen Katakomben sind, wissen wir nicht. Wir gehen von noch einmal so vielen aus. Anscheinend erwarten sie aber jemanden. Ich hörte, wie sie darüber sprachen. Ein gewisser Ar-Gular soll morgen eintreffen. Wahrscheinlich wird er das Ritual durchführen."

Anordil zeichnete einen Grundriss in die Erde. "Hier ist der Burgfried. Er wird anscheinend von den Orks gemieden. Sie gehen dort nur hin, um die Wache abzulösen. Vermutlich sind aber unter diesem die Kerker und damit die Mädchen. Zwei der vier Wachttürme sind zerfallen. In einem hat Legolas Wasser gesehen. Der andere war fast vollständig zerstört. In diesem Turm hat sich eine Horde Crebains niedergelassen. Im vierten Turm hier, hausen die Orks. - Ich würde vorschlagen, dass wir in zwei Gruppen vorgehen. Die eine Gruppe besteht aus Radamar, Dagobar und Legolas. Sie sollten sich um die Orks im vierten Turm kümmern. - Arwen, Rellena und ich werden zum Burgfried gehen und versuchen, die Mädchen zu holen. Vielleicht haben wir Glück und es sind nicht viele Orks auf Wache. - Wir sollten auf alle Fälle versuchen, jetzt ein wenig zu schlafen." Wir nahmen Anordils Vorschlag an. Die Aufteilung in zwei Gruppen erschien mir sinnvoll, angesichts dieser Situation. Nervös legte ich mich schlafen. Ich konnte allerdings nur ein wenig ruhen. Zu unruhig war ich, um guten Gewissens schlafen zu können. Während der Nacht konnte man in der Ferne Wölfe heulen hören.

In der Morgendämmerung rüttelte mich Anordil. Ich war schon längst wach. Anspannung lag in der Luft. Jeder verharrte kurz. Die meisten sprachen wohl, wie ich, ein kurzes Gebet an ihre Götter. Anordil und Legolas standen ruhig da. Sie ruhten in sich. Ihre Blicke waren leer und in die Ferne gerichtet. Vielleicht baten sie bei den Valar um deren Beistand? Dann war es soweit. Wir nickten uns zu, dabei wünschten wir uns Glück. Sekunden später verschwanden wir in den vorher bestimmten Gruppen im Gehölz.

Lautlos bewegten wir uns auf die Ruine zu. Sie wuchs vor uns in die Höhe und schien bedrohlich. Vorsichtig und jede Deckung ausnutzend, schlichen wir uns an den Burgfried heran. Auf dem vierten Turm sah ich eine Orkwache stehen. Sie blickte annähernd in unsere Richtung. Anordil murmelte ein paar Worte. Ein Vogel flatterte auf und lockte den Blick der Wache auf sich und von uns fort.

Rasch liefen wir auf den Eingang des Burgfriedes zu. Anordil verharrte kurz. Ich spürte einen leichten Strom von Magie. Er sondierte nach Auren. Dann stieß er die Tür an. Diese schien gut geölt, denn sie schwang lautlos auf. Wie Schatten glitten wir hinein. Die Halle, die wir betraten, war gigantisch. Zerfetzte Wandteppiche hingen an der Wand. Überall Staub und Spinnweben. Auf dem Boden waren Schriftzeichen zu sehen. Skulpturen, teilweise zerstört oder zerbröselt, säumten die Halle. Eine Treppe führte nach oben. Ein riesiger Kronleuchter hing von der Decke. Wir schlichen die Treppe hinauf.

Bis jetzt hatten wir keinen Ork gesehen. Im ersten Stock umlief eine Balustrade die Halle unter uns. Die Hälfte allerdings war abgeteilt. Türen führten in die dahinter liegenden Räume. Anordil sondierte wieder nach Auren und nickte zufrieden. Er stieß die Türen auf. Der Raum zu unserer rechten Seite war spartanisch mit einer Liege sowie einem Stehpult eingerichtet. Klobige Fackelhalter zierten die Wand. Der Raum zur linken war eindeutig ein magischer Zeremonienraum. An der Wand standen Regale, welche die für die Rituale benötigten Utensilien aufnahmen. Der Boden war mit Symbolen bedeckt. Zwei schwere metallene Kerzenhalter umrahmten dieses Symbolfeld. Mir fiel auf, dass hier kaum Staub zu sehen war, im Gegensatz zur Eingangshalle. Anscheinend wurde die Burg, zumindest teilweise, von jemandem genutzt.

Vom nächsten Stockwerk hörten wir Schritte. Das musste die Orkwache sein. Lautlos schlichen wir die Treppe hinauf. Anordil gab mir in der Handkampfsprache Mitteilung, dass uns oben ein Ork erwartete. Danach hielt er seinen Bogen mit angelegtem Pfeil im Anschlag. Ich machte es ihm nach. Wir hatten das Stockwerk erreicht, als eine Tür aufschwang. Blitzschnell legten wir auf diese an. Im selben Moment, wo der Ork heraustrat, schnellten unsere Pfeile von der Sehne. Anordil hatte am besten gezielt. Sein Pfeil traf den Ork in der Kehle. Meiner in der Brust. Mit einem leisen Gurgeln brach der Ork zusammen.

Rasch durchsuchten wir die Räume. Wir fanden eine Bibliothek mit angestaubten Folianten und ein Observatorium mit einem funktionstüchtigen Fernrohr. Neugierig richtete ich es auf den vierten Turm. Durch eines der schmalen Fenster dort konnte ich einige Orks sehen. Sie waren ahnungslos. Bald würden Legolas, Dagobar und Radamar angreifen.

Ich nahm mir die Umgebung vor. Weit in der Ferne sah ich eine Gruppe von Leuten. Sie waren eindeutig auf dem Weg hierher. "Anordil", rief ich leise. Sekunden später trat er neben mich. Er spähte in die angegebene Richtung. Obwohl ich wusste, dass er die Reisenden auch so erkennen konnte, reichte ich ihm das Rohr. Er nahm es auch und schaute kurz hindurch. Dann nickte er bestätigend, bevor er sagte: "Wir sollten uns beeilen. Die dort kommen, sind vermutlich wegen dem Ritual hierher unterwegs. Ich habe zwei von ihnen erkannt. Der eine war Turlin, der Barde aus dem Gasthaus und der andere ist der Waldläufer, der ihn begleitet hatte. Bei diesem Tempo werden sie über einen halben Tag brauchen, um hier einzutreffen." Ich gab ihm Recht, wir sollten uns beeilen. Rasch durchsuchten wir die anderen Räume.

In der Bibliothek wurden wir plötzlich von einem Ork angegriffen, der hinter einem der Regale aufgetaucht zu sein schien. Diesmal ging es ganz schnell. Bevor er reagieren konnte, lag er schon tot auf dem Boden. Vorsichtig nahmen wir das Bücherregal in Augenschein. Und tatsächlich fanden wir einen gut versteckten Geheimgang. Eine schmale Treppe führte in der Wand in die Tiefe. Vorsichtig schlichen wir die Treppe hinunter.

Anordil hatte eine kleine Flamme erzeugt, so dass wir ein wenig sehen konnten. Dem Gefühl nach führte der Gang bis unter die Erdoberfläche. Er endete in einem Raum, der offensichtlich als Schlafgemach diente. Anordil lauerte zur Tür hinaus. Eine weite Halle, die an eine Arena erinnerte, schloss sich unvermutet direkt an. Ringe mit dicken Ketten waren in den Mauern verankert. Dunkle Flecken im Sand und an den Steinen ließen auf blutige Kämpfe schließen. Eine Tribüne zog sich an der einen Seite hin. Mit gezogenen Schwertern schlichen wir uns an der Wand entlang zum nächsten Ausgang.

Der Gang, den wir sahen, war frei, aber am Ende auf der rechten Seite stand eine übermannsgroße Statue. "Ein Golem", wisperte Anordil, "wenn wir Glück haben, wecken wir ihn nicht auf. Möglicherweise ist er mit einem Mechanismus gekoppelt. Also, bitte nichts von den Gegenständen berühren." Leise und auf Zehenspitzen schlichen wir nach links durch die Galerie. Auf einmal hörten wir ein lautes knackendes Geräusch.

Rellena stand wie erstarrt. Die Platte unter ihren Füßen hatte kurz nachgegeben. Keine Sekunde später hörten wir erneut ein Geräusch hinter uns. Es hörte sich an, als wenn Ton beim Brennen aufreißt. Gleichzeitig drehten wir uns um. Jetzt sahen wir das Dilemma. Die Statue hatte begonnen sich zu bewegen. "Das wollte ich eigentlich vermeiden", seufzte Anordil und steckte seine Schwerter wieder weg. "Arwen, lenke ihn ab!", wies er mich an, "Rellena, laufe zum anderen Ende und warte dort." "Wie, zum Henker, bekämpft man einen Golem?", fragte ich hastig. "Feuer und Schwert", antwortete Anordil kurz. Dann hörte ich, wie er anfing Worte in der Zaubersprache zu murmeln.

Urplötzlich ragte eine Wand aus Feuer vor uns empor. "Das wird ihn einen Moment aufhalten", brummte er zufrieden. Jetzt zog er erneut sein Schwert. Der Golem war stehen geblieben. Unschlüssig bewegte er sich hin und her. "Wir müssen von zwei Seiten angreifen. Danach lenkst du ihn in die Richtung, wo er stand. Lauf in die Arena und geh in Deckung." Ich nickte Anordil zu. Gelassen schwang ich die beiden Schwerter.

Dann brach die Feuerwand urplötzlich zusammen. Kleine Feuerzungen flossen regelrecht in alle Richtungen davon. Der Golem wurde von kleinen Flämmchen an den Füßen umwabert. Man sah, dass ihm das nicht behagte. Gemeinsam griffen wir ihn an. Wirkungslos prallten unsere Schwerter ab. Nur ab und zu gelang es uns kleine Bröckchen Ton aus ihm heraus zu schlagen. Wir hielten ihn in Bewegung. Dadurch drängten wir ihn zurück.

Ich attackierte ihn ein wenig heftiger, damit er mir folgte. Anscheinend gelang diese List. Als ich mich an der Tür zur Arena umblickte, sah ich ihn unbeholfen auf mich zu tapsen. In Anordils Händen sah ich Flammen züngeln. Nichts wie in Deckung, dachte ich mir und hechtete durch die Tür in den Sand der Arena. Sekunden später hörte ich eine laute Explosion. Staub, Tonscherben und Funken flogen an mir vorbei in die Arena.

Ich wartete einen Augenblick, bis sich die Wolke gesenkt hatte und man wieder einigermaßen klares Sichtfeld hatte. Vorsichtig sah ich durch die Tür. Von dem Golem war nur ein Haufen Scherben übrig geblieben. Erleichtert steckte ich meine Schwerter weg, während ich auf Anordil zuging. Er verharrt kurz. "Anscheinend gibt es in diesem Stockwerk keine weiteren Wachen", sagte er leise, "wir sollten zu Rellena gehen." Aufmerksam sah ich mich um. Anordil schien Recht zu behalten. Jedenfalls blieb alles ruhig.

In diesem Stockwerk befand sich nur ein weiterer interessanter Raum. Die Waffenkammer, wie sich schnell herausstellte. Alles andere waren Lagerräume. Wir schlichen die nächste Treppe hinunter. Anordil spähte vorsichtig unten in den Gang. Er verharrte kurz, um wieder nach Auren zu sondieren. Wieder nickte er. Diesmal lächelte er kalt. Er hob zwei Finger. Hier waren zwei Orks anzutreffen.

Spinnen krochen über den Boden. In einer Ecke sah ich eine kleine hässliche Echse sitzen. Wir betraten eine Art Lagerraum. Es roch nach Kräutern und anderen Substanzen, deren Wirkungsweise ich nicht annähernd erraten wollte. Am Ende der Kammer führte eine Tür weiter. Wir gelangten in einen weiteren Gang. Vorsichtig schlichen wir weiter. Ich sah mehrere Türen. Vor einer blieb Anordil stehen. Er gab mir ein Zeichen. Dahinter mussten die Orks sein. Ich legte, wie Anordil, Köcher und Bogen ab. Hier würden sie uns nur hinderlich sein. Jetzt stieß er die Tür auf. Der Überraschungsmoment war auf unserer Seite.

Als wir in den Raum stürmten, erkannte ich den Zweck desselben. Es war eindeutig eine Folterkammer. Die Orks waren mit diversen Folterinstrumente beschäftigt, als wir sie überraschten. Sie waren im ersten Moment keiner Gegenwehr fähig. Dann hatten sie sich erholt und griffen an. Anordil nahm den rechten Ork, ich den linken. Er hatte überhaupt keine Schwierigkeiten diesen zur Strecke zu bringen. Sein Kampf dauerte knapp eine halbe Minute.

Bei mir war es etwas länger. Ich hatte eben immer noch Skrupel ein Wesen zu töten, selbst wenn es ein Ork war. Erst nachdem der Ork mir einen Streich verpasst hatte, konnte ich in aller Härte zuschlagen. Fatalerweise glitt mein Schwert an seiner Rüstung ab. Das gab dem Ork die Gelegenheit mit dem Beil, dass er sich gegriffen hatte, zuzuschlagen. Doch ich hatte Glück. Auch er hatte seinen Schlag falsch berechnet und traf mein Schwert, das unter diesem wuchtigen Hieb zerbrach.

Jetzt wurde ich richtig wütend. Mit knirschenden Zähnen murmelte ich leise einen gälischen Fluch vor mich her. Ich tauchte unter seinem Arm hinweg. Dabei rammte ich ihm den kurzen Überrest meines rechten Schwertes in die Seite. Nun stand ich hinter ihm. Ich wechselte die linke Klinge in die rechte Hand. Den Stumpf ließ ich dafür fallen. Wir tauschten ein paar Schläge aus. Bei einer weiteren Attacke meinerseits duckte sich der Ork und mein Schwert kollidierte mit einem der Folterinstrumente. Im gleichen Moment schlug er wieder zu. Mit einem hässlichen Geräusch zerbrach mir meine zweite Klinge.

Der laute Fluch, den ich in Gälisch losließ, war in keiner Weise ladylike. Hastig zog ich mich ein paar Schritte zurück. "Gedo! – Fang!", hörte ich Anordil rufen. Ich drehte mich in seine Richtung und sah, dass er mir eines seiner Schwerter zuwarf. Geschickt fing ich es auf. In diesem Augenblick griff der Ork erneut an. Er hatte sich für einen Moment auf der sicheren Seite gewusst. Dies versuchte er auszunutzen. Die Deckung hatte er weit offen, so siegessicher war er. Und er bereute es bitterlich.

Als er tot zusammenbrach, wischte ich das Schwert an seiner Kleidung sauber. Die Überreste meiner zwei Schwerter sammelte ich auf. Immer noch fluchend steckte ich sie ein. In der nächsten größeren Stadt konnte ich sie mir vielleicht neu schmieden lassen. In der Zwischenzeit hatte Anordil einen weiteren Ork erledigt, der den beiden hier zu Hilfe kommen wollte. Jetzt war es ruhig und wir hatten Zeit uns umzuschauen.

Eine Tür führte von der Folterkammer in einen kleinen Gang. Von hier zweigten vier Zellen mit Gittern ab. In der ersten Zelle zur linken waren lediglich Überreste eines bedauernswerten Geschöpfes zu sehen. Man konnte nicht mehr erkennen, ob es ein Mensch oder ähnliches war. Das Fleisch befand sich bereits in starker Auflösung. Es stank erbärmlich. Ich unterdrückte ein Würgen.

Die gegenüberliegende Zelle beherbergte einen Mann, der offensichtlich mehr tot als lebendig war. Anordil öffnete rasch die Zellentür und untersuchte den Häftling. Dieser wurde während der Prozedur wach. Anordil schüttelte bedauernd den Kopf. "Hier versagt selbst meine Kunst", flüsterte er auf Gälisch, "dieser Mann ist schon über die Schwelle des Todes geschritten. Bald wird sich das Tor hinter ihm schließen."

"Le suilon, mellon", sprach er zu dem Mann, bevor er in Westron hinzufügte, "ich bin Anordil Glordoronion. Wir werden dich hier herausbringen." Der Häftling sah ihn aus unnatürlich großen Augen an. "Le suilon, edhel", antwortete dieser schwach auf Sindarin, "togithar nin ú-had. Mathon i lû nîn 'wann. - Ihr bringt mich nirgendwo mehr hin. Ich fühle, dass meine Zeit abgelaufen ist. Der Tod steht vor mir und schwingt seine Sense. - Ich bin Turlin. Einst war ich Barde. - Doch nun wird niemand mehr meine Lieder hören."

"Turlin?", unterbrach ich ihn hastig, "wir sind vorgestern einem Mann begegnet, der sich Turlin nannte." Er nickte ganz schwach. "Dies war Al-Gular, ein Magier. Er hat mich vor einigen Sonnenläufen hier eingekerkert und zieht unter meinem Namen durch Mittelerde. – Niemand vermutet, dass er Böses mit sich bringt. Er spioniert für die dunklen Mächte in Mordor und in Angmar. Mir ist nur mein Stolz geblieben." Er machte eine Pause. Sein Atem ging schwer.

"Tut mir einen Gefallen, Herr Anordil", wisperte er und hustete trocken, "Al-Gular hat mich mit einem Fluch belegt, damit ich nicht auf die Idee komme, mich umzubringen. - Sollte ich sterben, so wird mein Geist und meine Überreste in den Dienst des Bösen gestellt. Als Untoter soll ich mein Dasein fristen und Böses tun. So tut mir den Gefallen und tötet mich, wie man einen Untoten töten würde. - Sen iest nîn, anim firen venn. - A linno laer en nir. - Das ist mein Wunsch, als sterbender Mann. – Und singt ein Klagelied für mich." "Be iest lîn - ich werde Euren Wunsch erfüllen", sagte Anordil leise, zog sein Schwert und trat einen Schritt zurück.

Ich hielt den Atem an, denn an die Geschichte mit den Untoten konnte ich nicht recht glauben. Schließlich war ich bis heute keinem begegnet. Aber anscheinend waren beide der festen Überzeugung, dass es diese Gestalten gab. Ich war mir nicht sicher, ob ich automatisch daran glauben sollte. Aber ich zweifelte. Besonders wenn ich sah, was vor mir geschah. "Sprecht ein letztes Gebet an Euren Gott", wisperte Anordil, "ich verbeuge mich vor einem unbeugsamen Geist." Ich sah, wie sich Turlins Lippen bewegten. Danach sah er Anordil mit überraschend klaren Augen an. Er nickte leicht. Blitzschnell wie ein Gedanke schwang Anordil sein Schwert. Mit einem dumpfen Geräusch fiel der Kopf Turlins auf den Boden. Eine Blutfontäne schoss aus dem Rumpf, der langsam und in Zeitlupe zur Seite fiel.

Aus einer der anderen Zellen hörten wir leises entsetztes Schluchzen. In dieser konnten wir die Mädchen finden. Sie klammerten sich ängstlich aneinander und sahen uns entsetzt an. "Wir tun Euch nichts", sagte Anordil freundlich, "wir werden Euch hier hinaus bringen. Seid ganz ruhig." Die Augen der Mädchen sahen ebenfalls unnatürlich geweitet aus. Sie mussten eine Art Droge bekommen haben. Sie schienen benommen zu sein, aber ansonsten lebendig. Sie hatten Angst, weil sie sich auch kaum bewegen konnten. Anscheinend war ihnen eine Art Lähmungsgift verabreicht worden.

Rellena kümmerte sich um die beiden, während wir schnell das gesamte Stockwerk absuchten. Wir fanden eine weitere Treppe, die ein Stockwerk tiefer führte. Aber von dort unten hörten wir nur ein leises Schaben und Zischen, wie von Schlangen und anderem unangenehmen Getier. Wir würden nicht weiter hinab steigen. Schließlich hatten wir unser Ziel erreicht. Sollten sich Schatzsucher an dem Rest erfreuen. Falls es dort überhaupt etwas gab, was von Wert war.

Nach einigen Minuten waren die Mädchen wieder soweit hergestellt, dass sie Gehen konnten. Wir sammelten unsere abgelegten Bögen und Köcher wieder auf. In einer Seitennische entdeckten wir eine Wendeltreppe nach oben. "Wenn mich nicht alles täuscht, führt sie in den vierten Turm", flüsterte Anordil. "Wir sollten unsere Gefährten unterstützen gehen", sagte ich ebenso leise.

Lautlos schlichen wir die Treppe hinauf. Anordil ging voraus. Ich folgte ihm und hinter mir kam Rellena mit den Mädchen. Sie hielten sich ängstlich aneinander fest. Behielten aber ansonsten die Ruhe. Rellena hatte eine beruhigende Wirkung auf sie. Bevor wir die Tür öffneten, konnten wir Kampflärm hören. Als wir den vierten Turm betraten, bot sich uns ein unbeschreibliches Bild.

Mindestens acht Orks lagen zermetzelt am Boden. In einer Ecke, fast halb die Treppe hinauf, hatte sich ein weiterer geflüchtet. Oder war es die Wache, die vorhin auf der Turmspitze zu sehen war? Er wurde heftig von Radamar mit magischen Sprüchen attackiert. Dagobar blutete schwer aus vielen Wunden und kämpfte erbittert gegen zwei Orks. Es mussten vorher vier gewesen sein, wenn man die Leichen, die um ihn herumlagen, einbezog.

Legolas war ebenfalls mit vier Orks beschäftigt, sah aber, trotz seiner Wunden, wesentlich gesünder aus. Mit zwei gezielten Pfeilen töteten wir den einen Ork, der auf Dagobar einschlug. Der andere war überrascht über die Attacke, aber er schlug danach nur noch härter auf Dagobar ein. Dieser hatte für einen kurzen Moment seine Deckung offen. Bevor wir etwas unternehmen konnten, rammte der Ork ihm sein Schwert bis an den Anschlag in den Körper. Dagobar stieß einen fürchterlichen Schrei aus, bevor er zusammenbrach. Der Schrei ging mir durch Mark und Bein. Auf einmal sah ich nur noch Blut.

Das kam allerdings mehr von der Blutfontäne, die in diesem Moment von einem der Orks, die Legolas angriffen, gegen die Decke schoss, als der Ork seinen Kopf verlor. Im gleichen Moment löste sich ein gewaltiger Blitz aus Radamars Händen und töteten den Ork, der oben den Treppenabsatz erreicht hatte. Er fiel aus ungefähr zehn Fuß Höhe zu Boden. Es gab einen dumpfen Knall, als er aufschlug. Der Ork, der Dagobar niedergestreckt hatte, lachte triumphierend. Doch nicht lange. Tödlich getroffen stürzte er über seinem Kameraden zusammen. Ein weiterer Blitz war in ihn gefahren und zusätzlich ragten jetzt zwei Pfeile aus seinem Brustkorb auf. Wir stürzten mit gezogenen Schwertern auf die restlichen Orks, die Legolas bedrängten. Es war ein kurzer Kampf. Jeder von uns hatte einen Ork.

Nach ein paar Minuten standen wir schwer atmend da. Der Boden war eine einzige Blutlache. Orkblut vermischte sich mit Menschenblut. Es war sehr rutschig. Wir stürzten zu Dagobar. Rellena hatte sich über ihn gebeugt und versuchte Heilzauber anzubringen. Nach einigen Minuten schüttelte sie bedauernd den Kopf. Dagobar sah reichlich wächsern aus. Er war schnell ausgeblutet. Das schwarzgrüne Orkblut, dass ihn besudelte, gab ihm noch ein gespenstischeres Aussehen.

Radamar beugte sich über seinen Bruder. Er war vor Entsetzen stumm. Er drückte Dagobar die, wie Glasmurmeln wirkenden, Augen zu. Danach nahm er vorsichtig die Amulette seines Bruders und ging drei Schritte zurück. Tief atmete er durch und richtete sich hoch auf.

"Ein großer Kämpfer ist von uns gegangen", intonierte er in einem leisen Singsang, "wir wollen seinen Tod ehren." Tränen schimmerten in seinen Augen. Anordil schüttelte jedoch bedauernd den Kopf. "Tut mir leid, Radamar", unterbrach er ihn leise, "wir haben jetzt keine Zeit ihn zu beweinen." Radamar nickte verstehend und wischte sich die Tränen fort. "Aber er wird trotzdem ein Grabmal erhalten, das eines Kriegers würdig ist", flüsterte er grimmig und ging nach draußen. Rasch folgten wir ihm.

Draußen sammelte er seine verbliebenen Energien und zauberte mehrere Feuerkugeln, die er ins Innere des Turmes schleuderte. Mit einem lauten Knall explodierten sie. Der gesamte Turm geriet in Brand. Schwarze Rauchwolken waberten auf. Aus den Fenstern im Burgfried sahen einige Orks heraus. Sie heulten, als sie begriffen, was wir angerichtet hatten. Sie wagten sich jedoch nicht hinaus ins Tageslicht. So konnten wir einige Minuten dem einstürzenden Turm zusehen und ein kurzes Gebet für Dagobar sprechen.

Dann schlugen wir den Weg zurück ein. Wir informierten die anderen über den Trupp, den wir vom Fenster des Burgfriedes aus gesehen hatten. Das deckte sich mit dem, was Radamar belauscht hatte. Es sollten ja im Laufe des Tages weitere Männer hier eintreffen. Wir entfernten uns, in dem wir zwar nach Süden gingen, aber den Weg mieden. Wir versuchten so schnell, wie es uns möglich war, vorwärts zu kommen. Anordil und Legolas verwischten hinter uns unsere Spuren. Wer uns folgen wollte, sollte es nicht allzu leicht haben. Wir würden die nächsten Tage ebenfalls nicht viel rasten können.

Völlig erschöpft kamen wir nach anderthalb Tagen am Gasthaus zur letzten Brücke an. Die Wirtsleute waren hocherfreut, dass ihre beiden Töchter gerettet worden waren. Wir erklärten ihnen, wer derjenige war, der sich hier Turlin nannte. Sie versprachen demnächst vorsichtig zu sein. Al-Gular musste sich nun eine neue Verkleidung einfallen lassen. Sie boten uns allen Kost und Logis auf Lebenszeit, als Lohn. Wir nahmen gerne dankbar an. Erschöpft fielen wir in die Betten. Zumindest ich schlief einige Stunden traumlos.

Am Abend des nächsten Tages konnten wir um Dagobar und um Turlin trauern. Sein Bruder hielt eine Art Gottesdienst für Dagobar ab. Er opferte seinem Gott. Dabei rief er ihn um Gnade für Dagobar an. Danach sangen Anordil und ich ein Klagelied für den toten Barden. Jeder trauerte auf seine Weise.

to be continued ...

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